Die Stille des kalten, sterilen Raumes wird nur durch das laute Schlagen deines Herzens zerrissen. Unablässig pumpt es die adrenalingetränkte Lebenssubstanz durch deine Venen und sorgt dafür, dass dein Bewusstsein um ein Vielfaches erweitert ist. Nicht nur, dass du das Gefühl hast, dass sämtliche deiner Sinne empfindlicher reagieren, nein, analog dazu scheint das Raum-Zeit-Gefüge innerhalb dieser vier Wände sich ins Unendliche zu dehnen.
Noch immer flattert das blutgetränkte Tuch durch die Lüfte, während der Undertaker es mit seinen langen, dünnen Fingern im festen Griff hält. Der daraus resultierende Windzug lässt die seidenen karminfarbigen Haare der Verstorbenen für die Dauer eines Herzschlages aufwirbeln, jedoch augenblicklich wieder hinabsinken- fast so, als wollten sie sich zu keiner Regung hinreißen lassen, denn Bewegung bedeutete Leben und die Dame vor deinen Augen wandelte nun wirklich nicht mehr unter den Lebenden. Sachte legen sich die hauchdünnen Flammenfäden wieder um ihr makelloses Konterfei und umschmeicheln ihr weibliches Antlitz.
Für den Bruchteil einer Sekunde huschen deine Blicke hinüber zu dem Mann, der dafür Sorge tragen wird, dass die Familie wieder eins sein wird- für immer verbunden – im Tod. Die anhaltende Säkulum-Diskrepanz, die dich und den Undertaker umgibt, sorgt dafür, dass dieser Moment, an dem deine Blicke die Seinen treffen, und er diese ohne dein genaues Wissen zu erwidern scheint, sich anfühlt wie deine eigene, persönliche Ewigkeit. Du weißt, dass er sich nicht für die Leiche, sondern einzig für die Expressionen auf deinem Gesicht interessiert. Er will wissen was du denkst und fühlst, allein anhand deiner Mimik und Gestik ist es ihm ein Leichtes dich gänzlich zu durchschauen.
Das letzte Korn der Sanduhr fällt, die Stille endet und die Welt steht nicht länger still.
Zeitnah landet ein Teil des überlangen Leichentuches auf dem kalten Boden. Dein gegenüber greift sich, ohne die Blicke von dir zu nehmen, mit seiner freien Hand den Zipfel der anderen Ecke und beginnt es mit schnellen, routinierten Bewegungen zusammenzulegen. Du weißt, dass er nichts sagen wird, solange du das Schweigen nicht brichst. Seine Miene ist sanftmütig, er scheint, als wüste er seit geraumer Zeit, wie es in dir aussieht, wie du dich bei dem ersten Gedanken an die tote Distinguierte gefühlt hast. Er wird nicht von dir erwarten, dass du irgendetwas rational Begründbares tust, im Gegenteil, er erwartet nie etwas von dir- du bist frei.
Deine Blicke wandern zurück zur Verblichenen. Inzwischen hast du deinen Mut zusammengenommen und bist näher an den metallenen Obduktionstisch getreten, um die Tote eingehend zu betrachten.
Trotz ihres eindeutig brutalen Ablebens wirken ihre Gesichtszüge anmutig und erhaben, fast so, als hätte sie selbst im Augenblick ihres Endes stets Contenance und Würde behalten. Gleich einem liquiden Schleier fallen ihre kardinalsfarbigen Haare um ihr Haupt und rahmen es sanft doch sogleich schützend ein. Nicht einmal während des Luftzuges hat sich eine Strähne in ihr Antlitz verirrt- selbst im Tode ist ihre Erscheinung makellos. Es wundert dich, wie ein Mensch eine derartige Eleganz an den Tag legen kann. Deine Aufmerksamkeit wandert von ihrer feurigen Kopfbedeckung weiter ihr Konterfei abwärts über ihre filigranen Augenbrauen hin zu den zierlichen Wimpern. Ein Schimmern lenkt deine Blicke auf sich. Du beugst dich ein wenig über Madame Red, um die Herkunft dieses Funkelns ausmachen zu können. Dann erkennst du sie – die kleinen Kristalle, die sich von ihren Augen den Weg über ihre Wangen bis hin zum spitzen Kinn gezogen haben. Getrocknete Tränen.
Einen Augenaufschlag später spürst du die Anwesenheit des Undertakers dicht neben dir. Er scheint den leblosen Körper ebenfalls intensiv zu betrachten. Inzwischen sind deine Blicke an ihren wohlgeformten Lippen hängengeblieben. Der einst fehlerfrei aufgetragene Lippenstift ist ein wenig eingetrocknet, die reinen Pigmente der wunderschönen Farbe strahlen dir allerdings unverändert entgegen. Im Gegensatz zu ihrem Liedschatten scheint er keinerlei Einwirkung ausgesetzt worden zu sein.
Würdest du nicht wissen, dass sie tot ist, so könnte sie die zeitgenössische Variante Dornröschens sein- schlafend und auf den erlösenden Kuss ihres Prinzen wartend. Doch er wird nicht kommen, er ist gestorben -vor langer Zeit. Du würdest sie gerne berühren, fürchtest dich allerdings vor dem Gefühl, ihre kalte, leblose Haut zu spüren. Die Haut… Durch den immensen Blutverlust hat Madame Reds Teint beträchtlich an Farbe verloren. Gleich einer hauchzarten Porzellanpuppe liegt sie auf dem sterilen Operationstisch und wartet darauf, dass man sie für ihre letzte Zurschaustellung präpariert -ebenbürtig den Exponaten im Schaufenster eines Puppenmachers. So zerbrechlich wirkt der Körper der einst so starken und selbstbewussten Frau. Nur ihre Miene spiegelt ihren Geist wieder, der Rest wirkt so unendlich fragil. Letztendlich wagst du es nicht sie zu berühren, aus Angst, dass sie unter dem sanften Druck deiner Fingerspitze in tausende Scherben zerbrechen könnte.
Deine Blicke gleiten zu ihrem Schwanenhals hinunter der, von einer ehemalig schneeweißen, akkurat gebunden Schleife geziert wird. Das edle Halstuch hat sich jedoch gänzlich mit Blut vollgezogen und ist an seinem Ende vollends zerfetzt. Dem schließt sich augenblicklich die klaffende Wunde zwischen ihren Rippen an. Du hebst den Blick, dir wird schlecht.
Blinzelnd siehst du nach oben, während dir eine Melange frischen und getrockneten Blutes in die Nase steigt. Nach einigen Augenblicken lässt du deinen Blick zum Undertaker schweifen. Seine Finger liegen ruhig auf der Kante des Metallkonstrukts, während seine Aufmerksamkeit auf das Loch in ihrer Brust gerichtet ist. Als er bemerkt, dass du ihn musterst, hebt er seinen Kopf unmerklich an und dreht ihn in deine Richtung.
„Ihr eigentlicher Name lautet Angelina Durless-Barnett, Witwe des Barons von Barnett." , vernimmst du die weiche Stimme des Mannes zu deiner Rechten. So bekam die Frau, die du bis eben nur unter dem Pseudonym „Madame Red" kanntest einen richtigen Namen. „Angelina.", wiederholst du leise. „Es passt zu ihr." Dem ist tatsächlich so. Der Titel, der sie nur anhand ihrer Farbe charakterisierte schien dir auf einmal befremdlich. Trefflich mag er sein, wenn auch distanzierend, kennzeichnend oder gar …brandmarkend? Letztendlich umriss das Wort „Rot" nur ihr Äußeres, aber nicht ihre inneren Werte. Du schüttelst den Kopf- genug der Interpretation. Du überwindest dich die Verletzung weiter zu betrachten.
Wer oder was diese Wunde auch immer verursacht hat, ist mit brachialer Gewalt vorgegangen. Der Schnitt musste mit einem groben Werkzeug vollführt worden sein. Mit einem Werkzeug, dessen ursprüngliche Bestimmung es nicht gewesen ist an Menschen ausprobiert zu werden. Wundränder sind unsauber und total zerfetzt, als hätte man ihr mit einer Kreissäge den Brustkorb zersägen wollen. Die Vorstellung schüttelt dich. Du versuchst mit aller Kraft die Bilder, die sich in deine Gedankenwelt einschleichen wollen zu verdrängen. Eine sanfte Stimme dringt in deine Ohren. Offensichtlich will der Undertaker dir wieder etwas erklären, zumindest lässt sein Tonfall es vermuten. „Du siehst, dass ihr Leben auf eine andere Weise beendet wurde." Du nickst stumm. „Was erkennst du, wenn du dir ihre Leiche ansiehst?" Musste das wirklich sein? Warum wollte er, dass du das Gesehene nun noch analysierst und auswertest?
Du beginnst dich zu sammeln, diese Aufgabe würde keine leichte werden. „Ihr Henker hat ihr den Brustkorb auf…gesägt." Auch wenn du ihn nicht ansiehst, bemerkst du seine zustimmende Kopfbewegung. „Der Schnitt…", du stockst, „Der Schnitt ist schief, er hat einige Rippen…" Du musst fast würgen, deine Beobachtungen detailliert zu beschrieben ist doch etwas viel des Guten. Mit einer ruhigen Handbewegung teilt der Undertaker dir mit, dass du nichts mehr sagen musst. „Der Schnitt verläuft frontal durch den Thorax, hat allerdings eine gewisse Schräglange, woraufhin an der oberen linken Seite und der unteren Rechten ihr Brustkorb ebenfalls deutlichen Schaden genommen hat. Das Sternum ist ebenfalls zerstört.", setzt er in einem ruhigen, sachlichen Tenor an. „Die Tiefe beläuft sich zwar nur auf einige Zentimeter, ist allerdings hinreichend gewesen um ihr Herz letal zu verletzen." „Sie ist folglich verblutet?" Du siehst deinen Lehrmeister in Sachen Anatomie an. Statt dem von dir erwartetem „Ja." Beobachtest du, wie seine Mimik sich wandelt. Wieder wirkt nachdenklich, als würde er seine Entscheidung, dich in die Obduktion miteinzubeziehen, ein wenig bereuen. „Nein, nicht der Schnitt war die tatsächliche Todesursache." Diese Logik erschließt sich dir nicht. Sollte ein Mensch in der Lage sein eine derartige Verletzung zu überleben? „Erinnerst du dich an die Shinigamis?" Du legst den Kopf schief, nickst aber.
Stillschweigend beobachtet der Undertaker dich, scheinbar ist es an dir zu Reden. Die Antwort, auf die er wartet scheint ebenso einfach wie merkwürdig zu sein, doch inzwischen müsstest du wissen, dass in dieser Zeit nicht alles mit dem Urteil der reinen Vernunft zu erklären ist. „Ein Shinigami hat sie getötet?" Zu deinem Erstaunen nickt er. „Hat er sie und Grell dabei erwischt, wie sie die Prostituierten unerlaubt getötet haben?" Anders kannst du es dir nicht erklären. „Nein.", fällt die knappe Antwort. Anhand der Tonlage erkennst du, dass es wieder an dir ist eine Vermutung aufzustellen. Die Wahrheit würde er dir nicht auf dem Servierteller präsentieren, dazu musstest du selbst auf die Lösung des Problems kommen. Mäeutik nennt man diese Methode, eine Art Selbsterkenntnis, die viel effektiver ist als das bloße Wahrnehmen der Antwort. Du bemerkst, dass du deine Thesen anders formulieren musst, gewagter, bloßstellender. „Hat Grell sie getötet?" Fragen kostet nichts und du hast inzwischen begriffen, dass der Undertaker die auf all deine Verlagen - irgendwann einmal- eine Erwiderung geben würde. Ein schwermütiges Lächeln teilt dir mit, dass du richtig liest. „Folglich ist Grell Sutcliff ein Shinigami?" ,es klingt eher gleich einer Feststellung als einer Frage. „Du hast es erfasst, _."
Du richtest deine Blicke wieder auf die Wunde. „Woher weißt du das?" Dieses Mal lacht er leise. Du kannst nicht zuordnen ob er über dich, die Frage oder die Situation mokiert. „Wer einmal einem Todesgott begegnet ist, der wird sie unter tausenden von Menschen wiedererkennen." Diese Information musstest du erst einmal verdauen. „Lass mich an deinen Gedanken teilhaben." Der Undertaker schien ernsthaft die Intention zu haben, mehr über deine Gefühle und Ängste zu erfahren. Du wunderst dich, dass er derartig interessiert wirkt. Möglicherweise gehörte es zu dem Verständnisprozess dazu, denn immerhin hatte er ja damit begonnen dich über die Geheimnisse des Sterbens einzuweihen.
Vor dir liegt also das Werk eines Shinigamis. Es war faszinierend und abstoßend zugleich. „Ich verstehe nicht…", setzt du an „Du hast mir erklärt, dass Shinigamis über die Menschen urteilen und sie dann gegebenenfalls töten." „Das ist richtig." „Warum hilft er ihr, wenn er sie dann tötet?" Du beobachtest, wie seine Finger mit den langen, schwarzen Fingernägeln über den gesplitterten Teil des Brustkorbes streichen. Er konnte so zärtlich sein-mit seiner Kundschaft. „Möglichweise hatte er seine Gründe dafür." Es ist an dir, die Lippen zu kräuseln. Im nächsten Moment wird dir bewusst, dass der Undertaker die ganzen Umstände ja gar nicht kennen kann. Sein ganzes Wissen zieht er immerhin aus dem was er sieht, beziehungsweise nicht sieht. Weitere Fragen nach dem Wie und Warum waren also hinfällig. Du musterst die zerrissenen Wundmale, das leblose, zerfetzte Fleisch, um die geborstenen Knochen herum. Es ist so derartig makaber, trotzdem kannst du den Blick nicht abwenden, es ist fesselnd, wenn auch nicht auf eine angenehme Art.
„Woran erkennst du, dass es das Werk eines Shinigamis ist, Undertaker?" Du wendest deinen Blick nicht ab, sondern versuchst selbst herauszufinden, woran er diese Tatsache fest macht. Letztendlich fällt dir nichts an der Wunde auf, außer, dass ihre Entstehung dir unbekannt ist. „_, womit , vermutest du, ist dieser Schnitt gesetzt worden?" Das Gesprochene unterstreicht er mit einer Handbewegung, die über die gesamte Schlucht in ihrem Brustkorb geht. „Mit einem großen, groben Werkzeug, vielleicht….", du überlegst ob es Sinn macht diese Annahme auszusprechen „…mit einer Kreissäge?" Erstaunlicherweise nickst der Silberhaarige. „Damit liegst du nah an der Wahrheit." Du beobachtest, wie er mit seinem rechten Zeigefinger auf die dritte Rippe tippt, während er sein Antlitz zu dir dreht. Es bedeutet dir, dass du die besagte Stelle genauer unter die Lupe nehmen sollst. Widerwillig gehst du dem nach. Der Knochen ist angebrochen und die vordere Spitze fehlt, vermutlich liegt sie zwischen den beschädigten Innereien. Nur das Rippenfell sorgt dafür, dass der angeknackste Teil sich noch nicht dazu gesellt hat. Du kneifst die Augen zusammen um etwas erkennen zu können. Es dauert einige Momente, bis du das siehst, was der Undertaker dich hatte sehen lassen wollen- den Abdruck eines Sägeblattzahnes. Die Bewegung muss an dieser Stelle zum Erliegen gekommen sein, deshalb konnte man, wenn man mit Argusaugen hinsah, dieses kleine, dem unwissenden Auge sich entziehende Detail, wahrnehmen.
Deine Vermutung hatte sich also bestätigt. Anscheinend blieb dem Undertaker trotz seiner eingeschränkten Sicht durch den Pony nichts verborgen. „Anhand der groben Wundränder lässt sich vermuten, dass es sich um ein grobzahniges Sägeblatt gehandelt haben muss, wenn nicht gar eine Kette.", stellt er trocken fest. „Eine Kette?", wiederholst du überrascht und angewidert zugleich. Er nickt und lächelt als sich daraufhin Verwirrung in deinem Gesicht breitmacht. „Meinst du eine Kettensäge?" Seine Expressionen hellen sich weiter auf, du bist also auf dem richtigen Pfad. „Aber derlei Werkzeuge sind doch …" Stille tritt ein, du versuchst die einzelnen Teile zusammenzufügen. Geduldig, gleich ein Fels in der Brandung wartet der Totenwächter auf den Moment deiner Erkenntnis. Zeit scheint keine Rolle zu spielen für ihn. „Das würde bedeuten, dass die Shinigamis sich Werkzeugen bedienen, die der vorhandenen Technologie weit voraus sind?" „Du hast es erfasst" „Aus diesem Grund erkennst du, ob ein Mensch von einem Shinigami, oder einem anderen Menschen getötet wurde, weil die Verletzungen sich anders äußern?" , versuchst du den Kreis zu schließen. Immerhin würde es so einiges über das Wissen des Undertakers erklären. „Und weil du von ihnen weißt, erkennst du auch, wenn eine Leiche ihre Handschrift trägt?"
Ein trockenes Lachen entfährt ihm. „Du bist ein kluges Mädchen,_. Du nimmst deine Umwelt sehr gut wahr, ich bin stolz auf dich." Du siehst den Mann neben dir an. Diese unheimlich große Menge an Informationen waren gerade etwas viel für dich, dein Gehirn kam mit der Verarbeitung nicht hinterher. Ein wissendes Schmunzeln umspielt die Mundwinkel deines Gegenübers, ihm ist nicht entgangen, dass die Wissensflut dich mehr oder weniger weggespült, irgendwo am Strand der Verwirrung zurückgelassen hat und du noch immer dabei bist die letzten Hinweise aus den Trümmern zu fischen. Erstaunlicherweise hast du es alles – mit ein wenig Hilfe des versierten Bestatters – alleine herausfinden können. Es hat zwar gedauert, aber dein Lehrmeister hat dir mit einer unergründlichen Beharrlichkeit den Weg zur Erkenntnis gepflastert. So in Gedanken versunken bemerkst du die Hand auf deiner Schulter zunächst nicht. Erst als sich der Zylinderträger vorbeugt und sein Gesicht dem Deinen nahe kommt, gelingt es dir wieder Fuß in der Realität zu fassen. Du blinzelst, seine Mimik wird freundlich. „Ich hoffe, ich habe dich nicht überrumpelt." Du schüttelst prompt den Kopf. „Bis zu Bestattung müssen noch zahlreiche Vorbereitungen getroffen werden, möchtest du sie übernehmen?"
Nicht nur, dass er dir schon wieder Zerstreuung verschaffte, nein er vertraut dir einen großen Teil seiner Arbeit an. Als Zeichen deines Einverständnisses nickst du deutlich. Just in diesem Moment wandelt sich seine Miene auch schon wieder. Das Lächeln weicht der Ausdruckslosigkeit, die wiederrum durch Besorgnis abgelöst wird. „Wie fühlst du dich, _?". Der Klang deines Namens aus seinem Mund tönt so viel anders, als gewohnt. Woran es allerdings genau liegt, das musstest du noch herausfinden. Bevor du antworten kannst, macht sich dein Magen bemerkbar. Dein Körper verlangt nach Nahrung, aber dein Geist ist der diametralen Ansicht. Verlegenheit schleicht sich in deine Züge, während du zeitgleich spürst, wie der sanfte Druck auf deiner Schulter verschwindet. Mit einem sauberen Handgriff hat der Undertaker das lederne Geldbeutelchen aus dem Dschungel seiner Manteltasche befreit. „Die Beerdigung findet morgen statt, du hast also alle Zeit der Welt. Im Laden wirst du eine Liste mit allen dazu erforderlichen Bewerkstelligungen finden." Mit diesen Worten wendet er sich auch gleich den Substanzen in den Flaschen zu. Scheinbar möchte er nun mit seiner Arbeit beginnen. Da du alles andere als dabei sein willst, beschließt du die frontale Flucht in den vorderen Teil des Ladens anzutreten.
Hättest du gewusst, dass diese Besorgungen mehr als 4 Stunden und gefühlte hundert Kilometer Fußmarsch in Anspruch nehmen, dann hättest du die Nahrungsmitteleinkäufe sofort erledigt. Die Botengänge waren nicht mit harter, körperlicher Arbeit verbunden, aber die Wege zwischen den einzelnen Läden, in denen du Bestellungen und Aufträge getätigt hast waren doch sehr lang gewesen. Fix und fertig stehst du vor dem Bestattungsinstitut, eine große Tüte mit Verpflegung in der Hand und die Sonne bei ihrem Sinkflug beobachtend. Von dieser Stelle aus hatte man, trotz der umliegenden Häuser, einen atemberaubend schönen Ausblick auf das Abendlicht.
Es schien sogar fast, als würden die dich umgebenden Bauten zur Seite weichen um deine Sicht nicht zu stören. So siehst du dem extraterrestrischen Gasriesen beim Deszendieren zu. In einem feurigen Lichterspiel äquilibriert sich das Gestirn mit dem Horizont – eine sich ständig wiederholende Schlacht zwischen Nacht und Tag, ein Kampf ohne Sieg und Niederlage. Das Blutrot des untergehenden Helios würde verdeckt vom dunklen, kalten Atem der Nacht. Prima Nocte stand kurz bevor, nur die güldenen Strahlen der Versinkenden ziehen das Letzte Licht mit sich. Die länger werdenden Schatten annektieren die freigewordene Fläche sofort und so langsam beginnt sich die Dunkelheit um dich zu legen. Die Ladentür steht offen, der Undertaker weiß wo du bist. Aus diesem Grunde erlaubst du dir hier zu sein.
Die Anspannung des gesamten Tages will einfach nicht von dir abfallen. Seit dem du hier bist, hast du schon so einiges mitgemacht, mehr, als dir vielleicht lieb ist. Hinzu kommt das Wissen, das der geheimnisvolle Nachwanderer dir vermittelt hat. So stehst du da – beschützt und trotzdem alleine, beschäftigt doch ruhelos und gänzlich der Zeit abhanden. Die Geschehnisse scheinen dich mit ihrem Gewicht niederdrücken zu wollen, du fühlst die Last der Verantwortung auf deinen Schultern. Aus diesem Grunde hatte der Undertaker auch gezögert, du verstehst sein Verhalten nun. Doch es war deine Entscheidung herzukommen – deine Worte haben den Zauber, nach dem du dich alle die Jahre gesehnt hast, wahr werden lassen. Es wäre scheinheilig zu behaupten, dass du einen Moment gezögert hast, nein, hinter deiner Tat stand volle Absicht, auch wenn du niemals mit derartig weitreichenden Folgen rechnetest. Doch so ist es nun und so wird es auch bleiben.
Das Bild der Verstorbenen Angelina blitzt vor deinem geistigen Auge auf. Vielleicht solltest du nun damit beginnen die Ereignisse des Tages zu auszuwerten, sonst würdest du gewiss keinen Schlaf bekommen. Der folgende Morgen würde dir alle Kraft abverlangen, soviel stand fest. Du hast deine Arbeitsliste gesehen, und auch wenn man dich zu nichts zwingt, du möchtest helfen. Dem gutmütigen Mann, der sich für die Schattenseite des Lebens entschieden hat, bist du so viel schuldig. Schlagartig wird dir der Grund seines arktischen Verhaltens gegenüber Madame Red klar. Er hatte gewusst, dass sie und der Butler hinter den Morden steckten. Aus diesem Grunde hat er nicht zulassen wollen, dass sie sich dir in irgendeiner Weise nähert. Es ergab plötzlich einen Sinn. Nach und nach beginnt sich das verhüllende Tuch um den Undertaker zu entwirren. Schlag auf Schlag wird dir bewusst, dass sich mehr oder weniger alles klären würde, du musstest nur selbst darauf kommen, dein freundlicher Wächter gab dir lediglich Ratschläge und Hinweise. Du lächelst sanftmütig, obgleich es dich ein wenig bedrückt, dass er so missverstanden ist. Dabei ist es doch seine Umwelt die so ignorant scheint. Dies muss einer der zahlreichen Gründe sein, die ihn dazu veranlassen den Adel zu verachten.
Deine Gedanken treiben davon, gleich der Sonne im unendlichen Meer des Horizontes. Das Firmament ist inzwischen karminrot verfärbt, an seinen Ausläufern invadieren die ersten funkelnden Perlen des Universums die Himmelshaube. Diese Nuance erinnert dich augenblicklich wieder an die verblichene Edeldame- die rote Witwe. Vielleicht erfuhr ihre Seele ja nun endlich Frieden, ihr Krieg war vorüber. Morgen würde sie in einem weißen Kleid beigesetzt werden. Weiß, die Farbe der Reinen und Unschuldigen. Vermutlich würde man- um ihren Ruf zu wahren- kein Wort über ihre Verfehlungen verlieren. Nein, über die Toten sollte man nur Gutes sagen. Aus diesem Grund trug sie nicht die Nuance, die ihre ganze Existenz gekennzeichnet hatte. Wenn Rot Leben bedeutet, dann war es vielleicht besser, wenn sie die schneefarbige Robe trug. Alles wofür ihr Pseudonym „Madame Red" stand, war von ihr gegangen. Rot für das lodernde Feuer in ihren Augen , Rot für das erquickende Blut in ihren Adern und Rot für die leidenschaftliche Liebe, die man ihr so unsäglich entrissen hatte. Ja, das farblose Gewand ist eindeutig die bessere Entscheidung in deinen Augen. Geburt, Leben, Tod- ein endloser Kreislauf- gleich dem der Sonne am Himmelszelt. Einst wird für jeden von uns wird die Nacht kommen, an deren Ende keine Morgendämmerung auf uns warten wird. Der Tod ist allgegenwärtig, ein ständiger Begleiter, der sich im Schatten hält und auf seinen Moment wartet. Doch der Undertaker hat dir einen großen Teil des Schreckens genommen. Auch wenn dein Wissen gefährlich und zersetzend ist, du musst zugeben, dass es die Welt in deinen Augen zu einem anderen Ort werden lässt. Nicht weniger erfüllt mit Wundern- nein, im Gegenteil. In deinen Gedanken ist sie farbenfroher geworden. Das Ableben war nicht mehr nur ein rein biologischer Akt des Organversagens oder Zellsterbens. Alles was dort hinter stand entzog sich zwar gänzlich deiner Vorstellungskraft, aber zumindest weißt du, dass es existiert.
Langsam atmest du aus und umklammerst die Tüte in deinen Händen. So viele Gedanken, so viele neue Wege… Diese Zeit ist wirklich etwas Besonderes in deinen Augen. Langsam macht sich allerdings die Müdigkeit in deinen Knochen bemerkbar, es wird Zeit reinzugehen. Du machst auf dem Absatz kehrt und drehst dich zum Geschäft hin. Angelehnt gegen den verblichenen Türrahmen steht der Undertaker – ein Mann dessen Ruhe und Beharrlichkeit dir jedwede Angst vor unerklärlichen Dingen nahm, der den Tod nicht mehr auf ein mysteriöses Phänomen reduzierte, sondern die Grenzen deines Schwarz-Weiß-Denkens verwischte. Je mehr du allerdings den Eindruck bekommst, ihn zu verstehen, desto unnabarer schien er tatsächlich zu werden. Welche Beweggründe er auch immer hat, sich deiner anzunehmen… vielleicht würde er es dir eines Tages erzählen.
Du glotzt. Du tust es immer wieder, auch wenn du mental nicht anwesend bist, bleiben deine Blicke immer wieder am scheinbar augenlosen Allessehenden hängen. Doch es stört ihn nicht, im Gegenteil, er scheint deine Träumerei zu begrüßen. Du lächelst ihn an und marschierst schnurstracks auf den Laden zu. Mit gutem Gewissen kannst du behaupten, dass du ihm tatkräftig unter die Arme gegriffen hast. Zwar fühlst du dich geplättet, aber das Glücksgefühl überdeckt die Erschöpfung.
Als du an ihm vorbei durch die Pathologie spazierst nimmst du- zu deinem Leidwesen- wahr, dass sich die beiden leblosen Damen noch immer im Bestattungsinstitut befinden. Werden sie denn nicht abgeholt? Augenblicklich erinnerst du dich. Man würde Madame Red auf einem Meer weißer Callas betten, so stand es jedenfalls auf deiner Arbeitsliste. Du ziehst sie aus der Tasche deiner Robe. Die Schrift konnte nicht vom Undertaker sein, seine Lettern waren filigraner und verschnörkelter. Wahrscheinlich kamen diese Anweisungen von jemand anderes, möglicherweise von Ciel Phantomhive, er ist doch ihr Neffe. „Undertaker, müssen sie wirklich die Nacht über hier verweilen?" Dir ist bewusst, dass er es hören würde. „Sie werden morgen in den Mittagsstunden zum Friedhof gebracht, solange müssen sie hier verweilen." Es ist dir sichtlich unangenehm die Nacht mit Leichen im Haus zu verbringen, doch hast du eine Wahl? Du ringst dir ein Lächeln ab, beschließt dich nun endlich einmal zu stärken und dich dann auch bald zur Ruhe zu begeben. Ein Königreich für ein heißes Bad…
Du kehrst zurück in die Dunkelheit, in der dein Tag auch begonnen hatte. Dein Kopf fühlt sich so schwer auf deinen Schultern an, es wird Zeit sich zur Ruhe zu begeben. Du hast nur wenige Stunden Zeit dich zu erholen. Es seht viel an: Zwei Beisetzungen, die letzten Vorbereitungen, die du freundlicherweise übernehmen würdest und das Wiedersehen mit dem kleinen Jungen, der noch mehr Verluste zu verkraften hatte. Du versuchst nicht an seine Trauer zu denken, denn dann würdest du niemals Schlaf finden. Es war während der Zeremonie genügend Zeit da, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Metaphorisch betrachtet, war er bereits ordentlich angeknackst durch das komplexe Wirrwarr der Gedanken, das sich durch dein Bewusstsein wuchert. „Morgen…", flüsterst du ungehört in die Schwärze.
Ein neuer Tag in - deinem neuen Leben,
getränkt in des Blutes Nuance
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In keinem Moment deines Daseins ist dir die Bedeutung
dieser Farbe so tiefgründig erschienen, wie in diesem Augenblick.
Gleich Helios infernalen Zyklus am Himmelsdach determiniert
Das Rot den Kreislauf unseres Lebens.
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Genese
Wandeln auf der Existenz irdischen Pfaden
Verfall
