Nox seidener Schleier der immerwährenden Nacht verblasst in den versengenden Ausläufern des flammenden Morgensternes. Du spürst es, obwohl eine beinahe greifbaren Finsternis dich umhüllt um dir vorzugaukeln, dass die Geisterstunde noch immer nicht überschritten sei. Deine Sinne mögen getäuscht sein, aber dein Verstand sagt dir, dass ein neuer Tag im Anbruch ist.

Langsam richtest du dich auf, streichst dir die widerspenstigen Haare aus dem Gesicht und orientierst dich in der schier endlosen Schwärze. Seitdem du deine Welt verlassen hast, brachte Morpheus dir keinen einzigen Traum mehr. Du fragst dich, ob des Schlafes Bilder für immer verschwinden, nachdem sich alle Wünsche erfüllt haben. Dass das dein momentanes Umfeld deinen Zukunftsidealen gerecht wird, das bezweifelst du allerdings stark. Augenblicklich kommt dir der Grund, der dich so früh aus dem Bett zieht, in den Sinn: Die Beisetzung- Kein Wunschbild sondern das Pandemonium? . Mit einem leisen Seufzen beschließt du, dass es an der Zeit sei sich zu erheben, die Arbeit wartet schließlich nicht. So schlägst du die Decke um, orientierst dich an der künstlichen Dämmerung unter dem Türspalt und angelst in der sinisteren Umgebung nach Kleidung. Dein Körper wirkt noch ein wenig schlaftrunken, doch dein Geist ist wach. Wach und bereit sich den vielen Erledigungen entgegenzustellen. Du wolltest dem Mann mit den Silberohrringen helfen, dies hast du dir ganz fest vorgenommen – Schlaf wäre allenfalls nur kontraproduktiv.

Nach kurzer aber ausreichender Stärkung – und einigen Naschereien aus dem schwarzen Töpfchen der Völlerei- marschierst du die Treppe hinab gen Pathologie. Die morsche Uhr teilt dir mit, dass du mit halb Sieben genau in deinem Zeitplan liegst. Ferner fühlst dich nach dieser erholsamen Nachtruhe deutlich besser, die Last auf deinen Schultern schien abgefallen, das Atmen fällt dir, metaphorisch betrachtet, viel, viel leichter. Ja, am nächsten Tag sieht die Welt tatsächlich anders aus…

Die Tür zur Schönheitsmanufaktur des Undertakers ist angelehnt, du erwartest ihn dort. Der gestrige Tag war mehr als nur ereignisreich für dich. Nein, du betrachtest dein Umfeld nun aus einer gänzlich anderen Sicht, denn er hat es dich gelehrt. Du würdest dich so unheimlich gerne erkenntlich zeigen, doch mehr als deine Hilfe kannst du ihm nicht anbieten, du bist mittellos. Alles was du dein Eigen nennen kannst, das bist du selbst. Aus diesem Grunde hast du dir vorgenommen das zu tun, was ihm am meisten erheitern wird: Du willst ihn zum Lachen bringen, denn dies ist scheinbar seine einzige Freude – nebst der Organwühlerei. Zugegeben: ein Kalauer kostete nichts, und die Früchte der Erheiterung, die du ernten würdest, wären den Aufwand auf alle Male wert. Wenn es einer verdient hatte zu lachen, dann der Undertaker. Jetzt muss er meinen Scherz nur noch lustig finden. Vielleicht mochte es ein wenig makaber sein, einem Bestatter Totenwitze zu erzählen, doch der Zylinderträger besaß ehe einen eigenartigen Humor, den du nicht nachvollziehen kannst. Ferner willst du die ernste Stimmung ein wenig aufheitern, oder es zumindest versuchen.

Du betrittst den nahezu sterilen Raum. Zu deiner Überraschung ist der rechte Tisch bereits feinsäuberlich gereinigt und für den nächsten Kunden präpariert. Madame Reds verdeckter Leichnam scheint sich noch immer unter dem vergilbten Leichentuch zu befinden. Da nur ihr beide euch in dieser Räumlichkeit befindet, und du nicht wirklich erpicht darauf bist, mit der verblichenen Dame ein Kaffeekränzchen zu halten, suchst du mit schnellen Schritten das Weite und stiefelst sogleich in den Laden des Unternehmens. Aber auch hier ist nicht der Hauch eines Lebenszeichens von langfingerigen Totenschmücker. „Undertaker?" Nur die Stille scheint hier zu hausen. Verwundert trittst du aus dem Geschäft an die frische Luft, doch auch hier ist keine Spur vom Keksliebhaber. Du beschließt, wenn auch zögerlich, an den großen, schwarzen Sarg zu klopfen, vielleicht versteckt er sich ja dieses Mal tatsächlich vor dir.

Das stumpfe Pochen deines Handrückens erschafft einen holen Klang, der gedämpft durch das Innere des Leichenfressers fährt. Auch bei den verbleibenden Exemplaren stellst du fest, dass sie nicht gefüllt sind. Ein unsicheres „hmmh" entfährt deiner Kehle. Vielleicht bringt er die Verstorbene ja bereits zum Friedhof. Du bleibst bei dieser Erklärung, sie schien logisch. Es schlägt dreimal aus dem Flur, in wenigen Minuten würden sich die Geschäfte öffnen, dann könntest du deinen Dauerlauf beginnen. Da dein freundlicher Mitbewohner einfach so verwunden ist, beschließt du, dich irgendwie nützlich zu machen.

Der Laden ist erst von dir gesäubert worden und die Chemikalien aus der Pathologie willst du lieber nicht berühren, aus Angst, dass du etwas umwerfen oder verschütten könntest. Letztendlich gibt es doch nichts zu erledigen hier. Du atmest leise aus und lehnst dich an den freien Metalltisch. Der Gedanke, dass du anstelle der toten Hetäre hättest dort liegen können, schnürt dir augenblicklich den Hals zu, deshalb verdrängst du ihn. Du lebst, das zählt.

Gedankenversunken gleiten deine Blicke durch den gefliesten Raum. Nicht nur, dass es hier streng riecht, nein es ist auch immer gefühlte zehn Grad kälter in diesen vier Wänden. Letztendlich ist es besser für die Klienten des Undertakers. Gekühltes Fleisch ist länger frisch. Hast du das gerade tatsächlich gedacht? Du stellst fest, dass ein gewisser Herr einen massiven Einfluss auf dich und deine Gedankenwelt hat. Wie man dies nun werten sollte, das bleibt vorerst im Raum stehen.

Deine Aufmerksamkeit bleibt an einem Karton hängen. Du bist dir ziemlich sicher, dass er gestern Abend noch nicht an dieser Stelle stand, auch wenn du dich hier nur kurz aufgehalten hast. Du gehst auf das Kniehohe Behältnis zu, hebst es an und stellst erstaunlicherweise fest, dass es federleicht ist. Wenn es eine Lieferung war, dann wolltest du helfen und deinen guten Willen zeigen. Sachte stellst du die Kiste auf dem Chirurgenstahltisch ab, öffnest sie und blickst hinein. Zuerst hast du Tücher zur Reinigung erwartet, doch vor dir liegen zahlreiche seidene, schwarze Augenbinden mit feinbestickter Borte. Du blinzelst zunächst ungläubig, beschließt dann aber lieber die Finger davon zu lassen und dir stattdessen eine andere Ablenkung zu suchen. Vorsichtig stellst du die merkwürdigen Fabrikate zurück, obwohl dir bewusst ist, dass dem Undertaker auffallen wird, dass du am Karton zugange warst –man konnte schließlich nichts vor ihm verbergen.

Madame Red lenkt deine Aufmerksamkeit auf sich. Ob er auch sie zu einem schlafenden Mannequin gemacht hat? Du würdest dich wundern, wenn nicht. Zögerlich gehst du auf die Metallbare zu, hebst nach einigen Augenblicken der inneren Selbstdiskussion das Tuch an und siehst hinunter. Da liegt sie ,die Blaublütige, nackt wie sie einst geboren ward. Du wirst mutig und hebst den rauen Stoff noch ein kleines Stückchen weiter an, um die geschlossene Wunde zu betrachten. Deine Vorahnung hat dich nicht getäuscht, der medizinisch Versierte hat wieder einmal bewiesen, dass er seines Handwerkes über alle Maßen würdig ist. Mit akribischen Sticken ist der Brustkorb wieder zusammengenäht wurden, der benutzte Faden ist hauchdünn und kaum erkennbar. Dies erklärt zumindest die vielen haarfeinen Einstichlöcher. Du hast nicht geglaubt, dass er diese ehemals klaffende Wunde trotz ihrer Mächtigkeit fast ohne…. Moment. Die beugst dich ein Stückchen nach vorne und betrachtest die nahezu verschwindend kleine Unauffälligkeit. Es dauert eine Weile bis du erkennst, um was es sich handelt: Wolle. Er muss ihren Torso damit verfüllt haben, damit die Narbe nicht beginnt durch die Verletzten Organe zu suppen und tropfen. Es scheint sich um Material in Hautfarben zu handeln, denn immerhin ist es mit dem bloßen Auge nicht erkennbar.

Angewidert hebst du deinen Kopf. Du hast gerade freiwillig eine Leiche derartig genau betrachtet, und bist sogar noch fündig geworden? Es war definitiv kein Zeichen deiner geistigen Gesundheit, wenn des Undertakers Verhalten tatsächlich beginnt auf dich abzufärben. Du schüttelst dein Haupt und musterst noch einmal die Verblichene. In wenigen Minuten würdest du das georderte Geschmeide abholen, dein Mitbewohner würde sie – gemäß den Wünschen des Phantomhivewaisen – zurechtmachen und sukzessiv darauf würde er sie zur Kirche bringen. Ihre letzte große Reise. Vorsichtig legst du das Tuch wieder über ihren zarten Körper, verweilst einige Augenblicke nachdenklich und beschließt dann, dich langsam auf den Weg zu begeben.

Abwesend machst du auf dem Absatz kehrt, fährst herum und stirbst beinahe an einem Herzschlag.

Direkt hinter dir steht der Undertaker, fragt sich nur wie lange schon. Der Meister des fiesen Kicherns betrachtet dich mit vollster Belustigung. Wahrscheinlich hättest du bei deinem eigenen Anblick selbst gelacht. Dein Herz hat für eine Sekunde ausgesetzt. Die Expression scheint ebenfalls einen Totalabsturz erlitten zu haben, denn sofort beginnt dein Gegenüber ungehalten zu lachen- auf deine Kosten. Es dauert noch einen Augenblick, bevor du realisierst, was so eben passiert ist. Der Schock entweicht dir, deine Miene verformt sich zu einem verwirrten Etwas und dem Langhaarigen scheint es prächtig zu amüsieren. Dafür erzähle ich dir keinen Witz!

„Hehe…", er schlägt die Hände unter den Ärmeln zusammen und feixt noch einige Male vor sich hin,, bevor es wieder still wird. Das süffisante Lächeln entweicht ihm nicht, im Gegenteil, die Laune des werten Herren scheint strahlend gleich der aufgehenden Sonne. „Ist sie nicht schön?" Sein langer Finger befreit sich aus den Tiefen des Ärmels und zeigt auf die Umrisse der sterblichen Überreste. Als schön würde ich es jetzt nicht unbedingt…. Du nickst jedoch, denn es lässt sich nicht abstreiten, dass er makellose Arbeit geleistet hat. Deine Blicke wandern wieder zurück zum Schwarzgekleideten. Der Gedanke, dass er dich wohlmöglich schon die ganze Zeit dabei beobachtet hat, wie du mit deinem Laienblick den Torso inspiziert hast, treibt dir ein wenig Röte ins Gesicht. Warum musste er auch überall und ständig präsent sein? … Dabei bist du doch diejenige, die ständig einen Beschützer zu brauchen schien. Vielleicht sah der schwarze Nachwanderer einem weißen Ritter nun nicht zum Verwechseln ähnlich, aber immerhin wurde er seiner Rolle mehr als nur gerecht.

Bevor wieder damit beginnst ihn anzustarren, hebst du den Arm und deutest auf die Kiste mit dem mysteriösen Inhalt hin. Der Mann vor dir legt seinen Kopf schief, wirft einen knappen Blick über die Schulter und tippt sich mit dem Zeigefinger gegen die Lippe. Bevor du die Frage nach der Verwendung dieser Augenbinden stellen kannst, erhältst du deine Antwort. „Nicht alle Verstorbenen befinden sich einem reparablen Zustand." Deine kurzzeitig nachdenklichen Expressionen begrüßt der Bestatter mit einem leisen Kichern. Zeitgleich schellt die alte Standuhr im Flur – es wurde Zeit für dich die sich langsam öffnenden Geschäfte abzulaufen.

Die frische Morgenluft ist eine Wohltat für deine Lungen. Da deine Behausung keine Fenster besitzt, ist es auch dementsprechend muffig bei verschlossenen Türen. Dem rumwundernden Besitzer selbst, scheint das allerdings nicht zu stören. So spazierst du schnellen Schrittes durch die kleinen, gewundenen Gassen der großen Hauptstadt. Die ersten Fensterläden beginnen sich zu öffnen und auch der Big Ben hatte dich begrüßt, als du ins Freie getreten bist. Du spürst die unregelmäßig gelegten Pflastersteine unter deinen Sohlen, den seichten Wind in deinen Haaren und die ersten warmen Strahlen auf deiner Haut. Du fühlst dich lebendiger und aufmerksamer denn je.

Dein erster Gang führt dich zum Juwelier, es galt eine Perlenkette für das Begräbnis abzuholen. Anschließend stünde der Gang zum Floristen an. Du fragst dich, ob er es gedeichselt bekommen hat innerhalb so kurzer Zeit den Wünschen den jungen Earls gerecht zu werden, denn immerhin handelt es sich hierbei nicht nur um ein bis zwei Steckblumen. Auf halber Strecke halten deine Füße vor einem Buchgeschäft an. Nein, du irrst dich nicht, es ist tatsächlich der Laden, indem dir das kleine, Schwarze Buch in die Hände gefallen ist. Zwar hatte er sich in deiner Zeit in ein Antiquitätengeschäft gewandelt, doch er existierte noch – in der Zukunft. Du musst lächeln, diesem unscheinbaren Printmedienhandel hast du es vermeintlicher Weise zu verdanken, dass du nun hier stehst. Du bist zwar in Eile, doch trotzdem nimmst du dir kurz Zeit einen Blick durchs Schaufenster zu werfen.

In der Ablage leuchtet dir das helle, druckfrische Papier der Tageszeitung entgegen. In großen, geschwungenen Lettern prangt dir die Überschrift entgegen: „Werftbesitzer nimmt Arbeit an Jahrhundertschiff nach Tod seiner Tochter wieder auf". Madelaine. Du erinnerst dich an die junge Schönheit, deren Leben auf so unsägliche Weise beendet wendest dich ab, dein Pensum muss bis zum Mittag geschafft sein, und bei dem Haufen an Sisyphusarbeit würdest du sicherlich die volle Zeit benötigen.

Vor dem Blumengeschäft erwartet dich bereits das beschworene Ungetüm- ein gigantischer Haufen roter Rosen, sorgfältig gebündelt und auf dem Karren verstaut. Die sechs großen Vasen weißer Callas scheinen dagegen komplett vernachlässigbar zu wirken. Der Ladenbesitzer erwartet dich bereits mit einer freundlichen Miene. Mit ehrlicher Euphorie erklärt der Pflanzenkundler, dass er, auf dein Geheiß hin, fünfhundert dieser dornigen Gewächse hat anliefern lassen. Mit dieser kolossalen Summe an Blüten würdest du dich nun auf dem Friedhof herumschlagen dürfen, denn die Blätter sollten in einen großen gläsernen Wagen drapiert und später in die Lüfte entlassen werden. Du hast Glück, und der freundliche Herr lässt dich samt dem Karren zum Ruheplatz der Toten bringen.

Im Schatten der großen Kirche wartet versteckt und ungesehen bereits das halbgläserne Gefährt darauf, eifrig von dir gefüllt zu werden.

Es dauert einige Minuten, bis du die idealen Griffe herausgefunden hast und nun im doppelten Tempo die Blätter vom dornigen Stängel befreist. Dabei lässt es sich nicht vermeiden, dass dich der eine oder andere Stachel unsanft daran erinnert, dass dieses wunderschöne Gewächs nicht nur atemberaubend ansehnlich, sondern auch verletzend zugleich sein kann. So vergehen die Stunden, in denen du einfach nur zupfst, den vollen Korb ausleerst und von neuem beginnst. Es ist nicht anstrengend, aber dafür schrecklich eintönig und zeitweise schmerzhaft, wenn sich wieder ein Dorn in deiner Hand verirrt. Pünktlich zur Mittagsstunde hast du die letzte Ladung zum Wagen gebracht und den Deckel verschlossen, nun ging es an die weißen Totenblumen. An ihrer Bedeutung hatte sich bis in deine Zeit nichts verändert, du wunderst dich, dass so viele Dinge trotz der sich wandelnden Welt Bestand haben. Schnell sind auch diese edel anmutenden Blüten hergerichtet – für den Sarg. Deine Hände schmerzen von den punktuellen Einstichen, doch es ist ertragbar und würde sich bald legen. Du bist fertig, vorerst, denn nun war es am Undertaker die geschmückte Edelfrau herzubringen, um sie im Hoch-Chor angemessen niederzulegen, damit die Trauergemeinschaft Abschied nehmen konnte. Deines Wissens nach, sollte das Gotteshaus den Angehörigen Angelina Durless-Barnetts in weniger als einer Stunde geöffnet sein. Aus diesem Grunde sollte ein gewisser Herr Bestatter bald hier aufschlagen, denn das Grab musste ebenfalls noch hergerichtet werden.

Du beschließt auf einer abgesessenen Holzbank zu warten und dich derweil ein wenig von Helios bescheinen zu lassen. Mit verschlossenen Augen beginnst du vor dich hinzuträumen und zu sinnieren. Du sollst nicht weit kommen, denn nach wenigen Minuten hörst du das Klackern von Hufen und das Rollen von Rädern über die befestigte Straße. Du öffnest die Lider und erblickst den Undertaker – auf einer lackfarbigen, schwarzen Totenkutsche. Gezogen wird das schaurige Holzkonstrukt von zwei nicht minder furchteinflößenden Rössern. Die beiden Zugtiere schnauben und scharren mit den Hufen über den lockeren Friedhofboden, als ihr Herr sie anhalten lässt. Du erhebst dich und gehst im entgegen, in der Hoffnung, dass du behilflich sein könntest.

Während der Zylinderträger sich den Huftieren zuwendet, nimmst du den prämodernen Leichenwagen genauer in Augenschein. Dieses Modell ist sicherlich nicht dazu ausgelegt Lebende zu transportieren, denn im Bauch dieses Sargverschlingers befinden sich weder Sitzbänke noch irgendeine Möglichkeit sich niederzulassen. Die metallenen Halterungen weisen darauf hin, dass man dieses Gefährt nur in einem hölzernen Leichenfresser besetzen kann. Du lugst in den Innenraum, er ist mit schwarzem Samt ausgekleidet, während schwere nachtfarbige Vorhänge die Sicht hinein verhindern. Wahrscheinlich ist es gänzlich dunkel, wenn man sich im Magen der Kutsche befindet. Vor dir liegt die hölzerne Ruhestätte der Aristokratin, daneben liegt ein einfacher Totenkoffer aus Buche. In deinen Augenwinkeln siehst du, wie der sich dem Undertaker eine kleine Gruppe dunkelgekleideter Herren anschließt. Es müssen die Priester der Kirche sein, die Madame Red ins Innere ihres Heiligtums bringen wollen.

Deine anfängliche Frage nach der zweiten Kiste sollte sich kurz nachdem ihr das kühle Bauwerk betreten habt von selbst erledigen. Der Sarg, indem du fälschlicherweise die Aristokratin vermutet hast ist noch leer. Bevor die Herren die Tote mit sachten Handgriffen hineinlegen, gießt du das Meer aus schneeweißen Blüten auf die seidene Auspolsterung der edlen Sonderanfertigung und verteilst sie gleichmäßig. Angelina trägt kaum Farbe auf ihrer Haut, der Undertaker hat ihr lediglich mit dezentem Pudereinsatz ihren ursprünglichen Teint wiedergegeben. Nur ihre Lippen ziert das infernale Rot, das auch einst ihre gesamte Kleidung charakterisierte. Du hast Recht, in diesem Kleid sah sie unschuldig aus. Unschuldig und bei Weitem zu jung um dahinzuscheiden…

Nachdem der Silberhaarige die rabenschwarze Totenkutsche mit samt Getier wieder hat verschwinden lassen, macht ihr euch daran die tote Hure zu beerdigen. Während der feuchte, kalte Boden ihren letzten Rastplatz mehr und mehr determiniert, erklärt dein freundlicher Beschützer dir, dass der junge Earl Phantomhive so gnädig war und sich ihrer Exequien angenommen hat. Nicht nur ,dass er die anfallenden Kosten trägt, nein, er hat der namenlosen Toten auch eine Identität verpasst. So zieren in grob gehauener Schrift die Worte „Mary Jane Kelly" den simpel polierten Naturstein an ihrem Grab. Nachdem du einen kleine Strauß Blumen auf der frisch geharkten Erde drapiert hast, macht ihr euch daran an einer anderen Stelle das tiefe, vertilgende Loch für Angelina Durless-Barnett auszuheben. Es befindest sich im jenem Bereich, der nur für die Distinguierten reserviert ist. Allein die sorgfältig gehegten Pflanzen und die penibel gefegten Wege weisen darauf hin, dass hier ausschließlich die oberste Klasse Londons für alle Ewigkeit ruht.

„Nicht einmal im Tod legt der Mensch die Ketten seiner Gesellschaft ab.", murmelt der Undertaker belustigt, nachdem ihr endlich die schweißtreibende Arbeit hinter euch gebracht habt. Du blickst du ihm hinüber und wischt dir die salzigen Tropfen aus deinem Gesicht. Trotz der schweren körperlichen Arbeit scheint es ihm nichts ausgemacht zu haben, im Gegenteil, in unveränderter Vitalität stützt er sich gedankenversonnen auf seiner schweren Schaufel ab und beobachtet die eintrudelnde, schwarze Gemeinschaft.. Dein Blick fällt auf die Kette an seiner Hüfte. Seit dem du ihn kennst fragst du dich, was es mit diesem Schmuck auf sich hat. Es wundert dich, dass ein Mann, der wenig Wert auf materielle Güter legt, ein solch filigranes Geschmeide immer bei sich trägt. Aber auch der Ring an seinem Finger und jene in seinen Ohren lassen vermuten, dass sich mehr als nur ein einfacher Bestatter unter seiner verhüllenden Kleidung verbarg. Vielleicht waren es letztendlich auch nur rudimentäre Relikte aus seinem „früheren Leben" als … du kannst den Gedanken nicht zu Ende führen, denn du weißt nicht viel über seine damalige Tätigkeit, außer dass sie ebenfalls den Tod im Fokus hatte.

Langsam lässt die dich umgebende Hitze nach - dein Körper beginnt sich zu akklimatisieren. Nun verbleibt euch nichts anderes, als abzuwarten. Angesetzt ist die Zeremonie auf Punkt 2 Uhr, anschließend würde man sie hinaustragen, es würde Abschied genommen und dann wart ihr an der Reihe sie zu verscharren. Bis dahin galt es allerdings noch einige Zeit an diesem tristen Locus der Bedrücktheit zu verbringen. Also tust du es deinem Nachbarn gleich und beginnst die blaublütige Meute zu beobachten. Letztendlich sehen sie allesamt gleich aus mit ihren teuren Anzügen und Roben, verhüllt in seidene Schleier und mit aufgemalter Trauer in ihren herausgeputzten Gesichtern. Du siehst einer jungen Dame mit großen Korkenzieher Locken dabei zu, wie sie mit ehrlich niedergeschlagener Expression auf den großen Steinbau zuschreitet. Es wundert sich, dass der Earl selbst noch nicht angereist ist, aber vielleicht würde der Junge mit der Augenklappe erst kurz vor der Messe erscheinen. Übelnehmen kannst du es ihm nicht, er hat einen großen Verlust erlitten.

„Du musst nicht hier verweilen, _." Deine Gedanken kehren zu dir zurück. Du wirst bereits intensiv vom scheinbar Alleswissenden gemustert. Du nickst, beschließt allerdings vor Ort zu bleiben, um bei gegebenenfalls anfallender Arbeit deine helfende Hand einzusetzen. So führt dich dein Weg um die Kirche herum, somit brauchst du nicht den Zug der einkehrenden Scheinheiligen zu durchkreuzen. Du entscheidest die Zeit im Schatten eines Baumes zu verweilen. Rau fühlen sich deine Hände an, kleine rote Flecken zieren die infinitesimal kleinen Stellen, an denen das widerspenstige Gewächs dich verletzten wollte. Es tut nicht sonderlich weh, nur wenn beim Graben hast du einige Schmerzen verspürt. Du lässt seine Arme sinken, lehnst dich an den starken Stamm, lässt den Wind durch deine Haare wirbeln und beginnst abzuwarten. Es konnte sich nur um Stunden handeln, aber du hast alle Zeit der Welt, denn die Konventionen die dein altes Leben mit sich getragen hat, sind gänzlich verschwunden.

Dein Blick schweift von den Aristokraten hinüber zum verstecken Blumenwagen. Ein wenig stolz bist du ja auf dich – zu Recht. Du hast ihm geholfen, du fühlst dich gut, wenn auch ein wenig erschöpft in diesem Moment. Aber wo treibt sich eigentlich dein schauriger Gefährte gerade herum? Es dauert nicht lange, bis du ihn gefunden hast. Du legst den Kopf schief und blinzelst zunächst, denn die sich dir bietende Szene wirkt bei einer Person gleich dem Undertaker recht bizarr: Der Totenbetter selbst stützt sich in lockerer Haltung auf dem alten Friedhofszaun ab, während seine treue Schaufel neben ihm still auf ihren nächsten Einsatz wartet. Nebst des schwarzen Herren stehen drei Kinder, zwei davon recht jung, der Größte nicht älter als dreizehn Sommer, so schätzt du. Sie wirken sichtlich verängstigt in der Nähe dieses Mannes, hören ihm allerdings aufmerksam zu. Du wunderst dich, was er ihnen wohl zu erzählen vermag…

Kurz vor dem Glockenschlag erkennst du, wie eine große, braune Kutsche sich dem gusseisernen Tor nähert. Unverkennbar funkeln bereits die rubinroten Iriden Sebastian Michaelis höllenfeuerartig aus der Ferne. Der Butler trägt denselben maßgeschneiderten Anzug, wie er ihn auch auf der letzten Beisetzung getragen hatte. Gleich einer zweiten Haut schmiegt sich der teure Stoff an ihn. Mit einem eleganten Satz steht er auch schon an der Kutschentür, öffnet sie und verbeugt sich demütigst, während er seinem jungen Herren hinaus hilft.

Ciel Phanomhives Fassade ist makellos. Trotz des schweren Verlustes bewahrt er seine Contenance – die Würde des britischen Hochadels. Er ist so jung und trotzdem so stark, so gefasst und so ernst. Seine Kluft spiegelt seine Miene in perfekter Symbiose zu ihr wieder: akkurat, fehlerfrei und ohne den Hauch einer Unebenheit. Die schnallenversehenden Schuhe an den kindlichen Füßen, die kurze, schwarze Hose kaum sichtbar unter dem langen Frack. Da ist es ebenfalls wieder, dieses reinweiße Hemd, umschlossen mit einer mattierten Anzugschlinge. Einzig die Rose, leuchtend in der Farbe ihrer Haare, spendet seiner Erscheinung einen Hauch von Lebendigkeit. Sein Konterfei liegt halb verborgen unter dem Pony seiner marineblauen Haare. An einen trauererfüllten Tag gleich dem heutigen schienen sie ebenfalls um einige Nuancen verdunkelt zu sein, aber vielleicht ist es auch nur das Gesamtbild, das diesen Eindruck erweckt. Der Seitenscheitel ist streng gekämmt und erlaubt keiner einzigen Strähne einen Ausreißer. Ja, sein Auftreten ist fehlerfrei – perfekt.

Mit graziler Anmut zieht sein oberster Diener ein flammenfarbiges Kleid aus dem Magen der Kutsche. Wem diese wunderschöne Robe einst gehörte, brauchst du dich nicht zu fragen. Allerdings verwundert es dich, dass der junge Ciel sie bei sich trägt. Hatte er nicht selbst eine weiße Tracht beordert? Vielleicht waren es nicht seine Eingaben, oder er es sich anders überlegt. Versteckt unter deinem Baum beobachtest du den kleinen Herren dabei wie mit geschmeidigen Bewegungen, deren enthaltener Stolz seinesgleichen sucht, sich auf das Haus des Schöpfers zubewegt. Er blinzelt nicht einmal. Es wirkt, als könnte diese allein auf Reflexen beruhende Zuckung ein verräterisches Zeichen seines Körpers sein, ein Signal der Schwäche und der Aufgabe. Nein, Earl Phantomhive unterdrückt bewusst alle Gefühlsregungen – die Kälte, die ihn umgibt, liegt noch weit unter dem absoluten Nullpunkt. „Und dabei….", flüsterst du leise, „… ist er doch noch ein Kind." Ein junger Mensch, gezeichnet durch Verluste, belagert durch Bürden und ertrunken im Meer der inneren Einsamkeit. Du schüttelst mechanisch den Kopf. Ciel Phantomhive ist kein Kind mehr, das Schicksal hat seine Seele um so viele Jahre altern lassen.

So zieht er an dir vorüber. Du würdest ihm gerne deine Trauer mitteilen, doch du weißt ganz genau, dass er weder Mitleid von dir noch von den anderen Umgebenden erwartet – er ist wahrhaftig stark. Du siehst ihm zu, und auch wenn du ihn nicht kennst, kannst du mehr aus seinen Taten lesen, als hunderte gefüllte Bibliotheken dir jemals an Auskunft geben könnten. Deine Wahrnehmun hat sich verändert.

Sebastian Michaelis scheint keine Intentionen zu hegen, den in Stein gefangenen Ort der Ruhe und Einkehr zu betreten, ferner tut es der Undertaker. Du erkennst die Absichten der beiden Männer, sie wollen sich des Blumenwagens annehmen. Sofort erhebst du dich, gehst schnellen Schrittes auf das Holzkonstrukt zu und beginnst an den Bremsen zu hantieren, damit die ankommenden Herren ihn sofort in Bewegung setzen können. Unglücklicherweise ist der Klotz, der das Mobil zum Verharren zwingt, an irgendeiner dir unbekannten Stelle verhakt und lässt sich keinen Millimeter bewegen. Du zerrst mit aller Kraft, doch es will dir nicht nachgeben. Erst als ein amüsiertes, leises Lachen deine Ohren erreicht, lässt du von deinem Vorhaben ab. Hinter dir steht er, der Mann mit den katzengleichen Bewegungen . „Eine Dame sollte sich nicht die Finger an Technik schmutzig machen müssen." Er verbeugt sich höflich, noch immer umspielt ein malerisches Lächeln seine Züge.

Mit einem einfachen Handgriff löst er die Wegfahrsperre. Analog dazu befreit der Undertaker auf der gegenüberliegenden Seite den Rosenkasten . Als würden sie lediglich einen Bollerwagen ziehen, führen die Herren in schwarz das vollends gefüllte Blütenmeer fort von dir. Du kannst nur staunend dabei zusehen. Inzwischen ist auch das mehrminütige Glockenspiel in des Windes Atem verhallt. Stille legt sich wieder um euch. Langsam folgst du dem Wagen, bevor er geräuschlos vor den einladenden Kirchpforte zu stehen kommt. Nur die rauschenden Blätter säuseln leis Gesänge in deine Ohren. Du lehnst dich unauffällig an die Kalte Steinmauer und beobachtest den Undertaker und Sebastian bei ihrem Werk. Vorsichtig öffnen sie das gläserne Blütengefängnis um die hauchzarten Insassen in die Freiheit zu entlassen.

Als hätte er nur darauf gewartet, bläst der angenehme, sanfte Wind die ersten Blätter durch die Lüfte und schickt sie mit befreienden Grüßen zu den trauernden Herzen in der großen Kirche. Dein Atem setzt aus. Gleich einem Regen tausender tänzelnder Tränen gleiten die scharlachfarbigen Rosenblüten durch das Hauptschiff und bedecken in unendlicher Anmut den Grund unter ihnen. Er hat sie zurückgebracht, die Nuance der Leidenschaft, die Flamme ihres Herzens – gemeinsam mit der Liebe eines Neffen. Es sind seine Blicke, die Bände sprechen. Er verzeiht ihr, er vergisst ihre Fehler und er würde ihr den Schmerz nähmen, läge es in seiner Macht – doch er kann es nicht, denn es ist zu spät. Es scheint, als lebe er für diesen Moment, für diesen Augenblick, an dem die Welt um ihn herum sich aufhört zu drehen, für diesen Herzschlag, der sie wieder eins werden lässt, für dieses eine kurze Momentum der schieren Unendlichkeit, das die grausame Wahrheit zu einer Lüge werden lässt. Obgleich seine Miene unverändert ist, sind es die Expressionen seiner Blicke, die die Verstorbene mit Güte bedenken. Sie war seine Familie, er hat sie geliebt – ein Teil der für immer verloren ist und nie wieder zurückkehren wird.

Du wendest dich ab, sonst würde es zu viel der Sinnesdrücke werden. Wenn du beginnst die Probleme anderer zu deinen eigenen zu machen, dann würde dich die Last ihrer letztendlich zu Boden drücken. So stehst du noch eine Weile und beobachtest die fliegenden Rosenblüten, wie sie durch die Luft balancieren wie blutige Federn. Einige von ihnen landen vor deinen Füßen oder auf deinen Haaren. Die beiden Herren schienen sie allerdings gänzlich meiden zu wollen.

Es vergehen noch einige Minuten, bis der friedvolle Blättersturm abgeebbt ist und der Karren zur Seite geschoben wird. Nach unzähligen Herzschlägen tragen auch die stillen Diener des Gotteshauses den nun verschlossenen Sarg zu Grabe. Dicht hinter ihnen der Earl gefolgt von der Trauernden Gemeinde. Du beobachtest den schwarzen Menschenzug. Plötzlich spürst du eine kaum wahrnehmbare Bewegung auf deinem Haupt. Es ist der Undertaker, der ein verirrtes Rosenblatt aus deinen Haaren bereit hat und es nun in den Winden davonsegeln lässt. Schweigend folgst du ihm - Worte sind nicht von Nöten.

Still verharrt ihr Abseits der Menge und beobachtet das Abschiedsritual. Die Versammlung beginnt in alle Windrichtungen auseinander zu stoben, während die ersten Kutschen hinter den Eisenzaun warten. Nur der Earl und sein Butler entfernen sich in eine andere Direktion. Nachdem aus die letzte Blume mit der letzten Hand voll Erde auf das ewige Ruhebett gesandt wurde, beobachtest du den Undertaker dabei, wie er in seinen Mantel greift. Zu deiner Überraschung holt er eine langstielige, rote Rose hervor und händigt sie dir aus. Scheinbar will er, dass du ihr auch die Ehre erweist. Vorsichtig nimmst du das makellose Objekt in die Hand. Anschließend spürst du seine Hände auf deinen Schultern liegen. Da der Schwarzgekleidete ein ganzes Stück größer ist als du, muss er sich vorbeugen, um auf einer Augenhöhe mit dir sprechen zu können – ein Akt des Respekts. Deine Blicke huschen über sein Gesicht, entlang der Narbe, zu seinem silber-grauen Pony, der seine Iriden so gänzlich verbirgt. Des Undertakers schmale Lippen formen ein warmes Lächeln und sprechen sogleich jene Worte aus, die du in letzter Zeit so oft gedacht und gesagt hast. „Vielen Dank, _." Es klingt ehrlich, es klingt gut, es klingt erlösend. Ein wenig rot wirst du, du kannst es nicht verbergen. Dein Gegenüber legt seinen Kopf schief, tippt dir auf die Nase und richtet sich auf. Anschließend entfernt sich der Leichengräber und steuert die Richtung Ciels an.

So stehst du nun vor ihr, der Frau die du nie kanntest und auch niemals kennen wirst. In Gedankenversunken rollst du den Stiel zwischen Daumen und Zeigefinger umher, als dir auffällt, dass der Undertaker sie ihrer Dornen beraubt hat. Ob er es getan hat, weil er weiß, dass deine Hände geschunden sind von der Arbeit, oder verfolgt er eine viel tieferreichende Absicht. Du betrachtest das filigrane Gewächs eingehend wendest dann aber deine Blicke in Richtung des Silberhaarigen. Zu dritt stehen sie vor dem Grab der toten Hetäre. Deine Aufmerksamkeit schwenkt zurück .

Du verbeugst dich ehrfürchtig vor dem offenen Grab und wirfst die letzte Blume hinunter zur roten Dame.

Der Kreis des Lebens hatte sich geschlossen, was bleibt sind Erinnerungen, was bleibt sind verblassende Farben.

„Eine Rose, die nicht mehr sticht, hat ihren Reiz verloren.

Ruhe in Frieden, Madame Red."