„Hast du Abschied genommen?" Die vertraute Stimme beendet deinen letzten Gedankengang abrupt. Du blinzelst und findest dich neben dem Undertaker – wie auch immer er sich schon wieder unbemerkt angeschlichen haben konnte- wieder. Du nickst leicht, drehst dich um erwartest den Leichenverscharrer mit zwei Schaufeln in der Hand. Dein Gegenüber scheint jedoch fernab von dem Gedanken, die Grube mit Erde zu füllen, zu sein. „Es wird spät, wir sollten gehen.", stellt er leise fest, jedoch mehr zu sich selbst, als zu dir. Deine Blicke werden ungewollt fragend. „Müssen wir das Grab denn nicht herrichten?" Statt einer Antwort weist der nachdenklich wirkende Mann dich lediglich an, ihm zu folgen. Offensichtlich verlasst ihr den Friedhof, ganz zu deiner Verwunderung. Nun beginnst du zu grübeln, denn eine Antwort hast du vom Bestatter noch immer nicht bekommen. Entweder lag es wieder an dir den Pfad der Erkenntnis selbst zu beschreiten, oder der Silberhaarige würde es dir früher, später oder vielleicht auch gar nicht verraten.

So spaziert ihr entspannten Schrittes durch die Straßen. Mit jedem Schritt – der Weg scheint sich ins unendliche zu dehnen- spürst du deine Erschöpfung immer mehr. Deine Hände schmerzen leicht unter den unzähligen Stichen der Dornen, deine Füße lassen dich wissen, dass du für heute genug auf ihnen gestanden hast und die Müdigkeit wartet nur darauf Besitz von dir zu ergreifen. Ja, der lange Tag ist endlich überstanden. Dass dieses Handwerk derartig anstrengend sein könnte, das hättest du vor einigen Tagen niemals für möglich gehalten. Du wunderst dich, wie dieser Mann die ganze Arbeit im Alleingang vollziehen konnte. Vielleicht kann er sich vierteilen, oder er hat einen Zwilling. Das würde zumindest seine dauerhafte Präsenz erklären. Du verbietest dir ein Kichern, obwohl du davon ausgehst, dass deinem freundlichen Retter deine Mimik bereits voll und ganz Auskunft über deine Gedanken gegeben hat. Du könntest auch nackt vor ihm stehen- würde es einen Unterschied machen?

Du hebst die Blicke und musterst die stillliegende Szenerie vor deinen Augen. Dieser Stadtteil Londons wirkte abends wie leergefegt. Dass es hier durchaus gefährlich ist, das hast du bereits am eigenen Leib zu spüren bekommen. Wenn dein Begleiter auch keinen sonderlich gesellschaftsfähigen Eindruck macht, in seiner Nähe fühlst du dich, wenn du ehrlich zu dir bist, doch ein ganzes Stückchen behüteter.

Ein älterer Herr im grauen Mantel fällt dir ins Auge. Er wirkt ein wenig verunsichert, als wollte er den Weg, den er mit so steifen Bewegungen abschreitet, gar nicht gehen. In seinen Händen fällt dir ein Bouquet roter Rosen auf. Als der Edelmann an euch vorbeizieht, drehst du dich unauffällig um- seine Destination scheint jener Ort, den ihr vor wenigen Minuten verlassen habt. Wenn er unpässlich war und der Trauerfeier nicht beiwohnen konnte, dann kann er nun von Glück reden, dass ihr das Grab noch nicht…

Du erkennst des Undertakers Absichten nun, oder bildest dir zumindest ein, aus welchem Grund ihr eure Arbeit vertagt habt. Gleich dem Ruheplatz der toten Hetäre sollte auch Madame Reds Hafen des ewigen Schlafes Nachzüglern zur Verfügung stehen. Möglicherweise trauten sich nun auch Gestalten zu ihr, die sich nie öffentlich als trauernd titulieren würden -alte Feinde, die ihr respektvoll, aber einsam die letzte Ehre erwiesen. Es ist nicht ungewöhnlich einen derartig stillen Moment für sich beanspruchen zu wollen, um ein letztes, Zwiegespräch mit den Toten zu führen, das finale Lebwohl in vertrauter Einsamkeit. Das macht Sinn, zumindest in deinen Augen.

„Nicht einschlafen.", tönt es latent belustigt hinter dir. Vor lauter Müdigkeit bist du einfach am Geschäft vorbei gelaufen. Mit dir ist nicht mehr viel anzufangen, wahrscheinlich wäre es besser sich sofort ins Bett zu begeben, wenn nötig auch mit Kleidung. Das leise Kichern hinter die ignorierst du geflissentlich, schlurfst halb schlummernd durch den Laden in Richtung Pathologie und willst eigentlich nur noch deine Augenlider von unten betrachten. Nach der ganzen Arbeit solltest du vielleicht baden, doch dir ist bewusst, dass du im warmen, einlullenden Wasser sofort ins leere Land der Träume gleiten würdest.

Im Türrahmen machst du halt, um dem Undertaker eine gute Nacht zu wünschen, wenn er denn überhaupt schlief. Vielleicht geistert er auch durch die Gegend und erschreckt ziellos Menschen, wenn ihm die Toten auszugehen drohen. Dann und wann war dem Undurchschaubaren so ziemlich alles zuzutrauen. Du drehst dich um und mustert den werten Herren knapp. Die Hände in den Ärmeln versteckt, hält er sein schwarzglänzendes Büchsen der Pandora gleich dem kostbarsten Schatz der Welt in den Armen. Er hat seine heißgeliebten Kekse, die Welt ist also in Ordnung und du kannst dir ein Lächeln nicht verkneifen. „Gute Nacht.", hörst du dich leise sagen, doch eine Erwiderung bleibt er dir schuldig. Vielleicht ist ihm einfach nicht nach Reden zumute. Du quittierst es mit einem freundlichen Nicken, wendest dich um und liegst mental bereits in der Waagerechten. Zu deiner Verwunderung folgt er dir jedoch in die Pathologie. Was du zunächst als Nach- oder Vorbereitung seiner Arbeit vermutest, endet damit, dass er dir ein kleines Döschen hinhält. Offensichtlich verwundert nimmst du es entgegen.

Ringelblumensalbe, du erkennst den Geruch, der sich dir beim Öffnen entgegenwindet sofort. Kurz darauf erblickst du auch die sonnengelbe Krem. Nun ist es der Undertaker, der lächelt, wenn auch so subtil, dass du meinst, es dir tatsächlich nur einzubilden. Ein wenig rot um die Nase bedankst du dich freundlichst bei ihm. Morgen würden deine Hände gewiss nicht mehr wehtuen, dafür würde das wunderwirkende Balsam sorgen. „Gute Nacht, _." Er hat bereits den Raum verlassen, während du dem Gefäß in deinen Händen wieder Aufmerksamkeit geschenkt hattest. Wieder ist es dieser Unterton in seiner Stimme, den du nicht zuordnen kannst, der Klang deines Namens, die Worte aus seinem Mund. Kopfschüttelnd steigst du die schier nie enden wollenden Stufen hinauf und schleppst dich durch die dunkle Küche, um kraftlos auf deinem Bett zu landen. Vielleicht solltest du … bevor der Schlaf seine Sinne umnebelt… dein Kleid…wo ist eigentlich die Deck- …

Du würdest dich nicht wundern, wenn du dich augenblicklich wieder in deiner Zeit befinden würdest- zumindest nicht nach einem derartig langen Schlaf. Dein Körper hat dich überrumpelt, und sich genommen, was ihm fehlt. Du schlägst das raue Bettzeug -wo es auch immer herkommen mag- zur Seite, lässt deine Hände über deinem Körper gleiten und stellst fest, dass du tatsächlich in diesem Kleid genächtigt hast.

Nach einigen Minuten findest du dich vor der alten Pendeluhr im Flur wieder. Das Uhrwerk steht, sie wurde nicht neu aufgezogen. Du bezweifelst stark, dass es kurz nach vier Uhr sein kann und marschierst dementsprechend weiter in die Pathologie. Die Tür lässt sich kaum aufschieben, irgendetwas muss sich blockierend hinter ihr befinden. Du lugst durch den kleinen Spalt und erkennst diverse gestapelte Holzkisten. Scheinbar hat der Undertaker volles Haus heute. Im gleichen Moment gibt die Holzpforte, an die du dich gedrückt hast, um dir Platz zu machen, nach und du stolperst in den Obduktionsraum. „Nicht so eilig, junge Dame.", kichert der Schwarzgekleidete, vor dessen Füßen du beinahe den Boden geküsst hättest. Warum musste er immer zugegen sein? Und Warum gerade immer dann, wenn du dich selbst in eine peinliche Situation buchsierst? Wahrscheinlich induzierte er diese Momente noch mutwillig, damit er sich an deiner scheinbaren Tollpatschigkeit erfreuen konnte. So musste es sein. Dieser Mann ist ein Sadist!

Mit dem Fuß schiebt er, als würden sie nur mit Federn gefüllt sein, die fünf schweren Leichenkoffer zur Seite, damit der Durchgang zum Flur vollends begehbar ist. Deine Blicke wandern automatisch zu den Liegen. Eigentlich willst du all diese Leichen noch immer nicht sehen, doch deine Neugier ergreift ab und zu die Kontrolle über deine Sinne. Die beiden leblosen Herren sind mittleren Alters, ungepflegt und gebadet in ihrem eigenen, getrockneten Blut. Den Gestank hast du bereits im Flur wahrgenommen, er war allerdings um Welten erträglicher als der einer Wasserleiche. Anbei mischt sich der beißende Beigeschmack von Alkohol und Fäkalien. Du rümpfst die Nase unbewusst, während du die Wunden betrachtest. Die unzähligen Einstichlöcher im Bauch- und Brustbereich lassen auf ein eskaliertes Saufgelage deuten. „Eine Kneipenschlägerei?", fragst du, bevor du den Gedanken beendet hast. „Hehe, du lernst sehr schnell." Der Undertaker hat seinen schlabberigen Ärmel vor den Mund gehalten und gluckst leise in den schwarzen Stoff hinein. Einen Herzschlag später legt er seinen Kopf schief und erkundigt sich nach deinen Händen. Du selbst hast schon gar nicht mehr daran gedacht, da nach sie nach deinem Heilschlaf scheinbar gänzlich gesundet sind. Du blickst auf deine Handflächen. Verschwindend kleine Punkte verbleiben als Rudimente, werden jedoch im Laufe der Zeit gänzlich verblassen.

Der Mann mit den langen Fingernägeln nickt stumm, erklärt dir dann jedoch, dass in seinem Metier funktionstüchtige Gliedmaßen die Basis aller Arbeiten sind. „Außerdem ziert es sich nicht für eine junge Dame derartig geschundene Hände zu haben." Er tritt wieder zum Metalltisch, greift nach der Nadel und setzt sein Handwerk fort. Inzwischen kannst du von dir behaupten einen Teil seiner kryptischen Ausdrucksweise für dich zu deuten. Wenn er es auch nicht direkt sagt, weißt du, dass er um dein Wohlergehen bemüht ist.

Dein Weg führt dich durch den Laden an die frische Luft, ferner soll Big Ben dir Auskunft über die tatsächliche Urzeit geben. Halb zwölf, die Welt ist seit geraumer Zeit auf den Füßen und auch du wandelst wieder unter den Lebenden- im übertragenden Sinne natürlich. Zu tun gab es drinnen offensichtlich genug, vielleicht hat der Keksliebhaber ja aber auch andere Pläne mit dir, oder zumindest wieder eines seiner Asse im Ärmel, damit du dich nicht mit diesen penetrant stinkenden Kadavern konfrontiert sehen musst. So zieht es dich unfreiwillig zurück zu den Alkoholleichen. Bevor du allerdings fragen kannst lässt der fingerfertige Totenexperte von einem besonders zerstochenen Exemplar ab und wendet sich dir zu. „Diese Körper werden noch einige Stunden der Arbeit in Anspruch nehmen, doch die Kirche muss zur Abendmesse gereinigt sein."

Mit der Frage, wer die Armada der gefallenden Blätterscharen wieder wegkehren soll, hast du dich noch nicht sonderlich intensiv beschäftigt. Vielleicht wolltest du auch nur nicht, dass sich der Gedanke, du würdest es machen müssen, in deinem Kopf manifestiert. Also heißt es nun fegen, zusammenkehren und aufsammeln. Das ganze Innenleben der Kirche war praktisch bedeckt mit dem blutroten Rosenregen-Spaß ohne Ende.

Mit dem Schlüssel in der Tasche und einer Motivation, die gen Null strebt, machst du dich also auf zum Friedhof, um dich mit der Sisyphusarbeit abzuplagen. Der absurde Gedanke dem Undertaker beim Leichenflicken zuzugucken wird auf einmal zu einer tatsächlich realistischen Option für dich. Rumstehen kostet keine Kraft, sich gefühlte hundert Male zu bücken um Pflanzenreste einzusacken allerdings schon. Trotzdem würdest du niemals nein sagen, wenn der besonnene Nachwandler dich um etwas bitten würde- dein Gewissen verbietet es dir. Wahrscheinlich kann er dich nach getaner Arbeit gleich neben den miefenden Prügelknaben versenken.

Deine Träumerei endet am Friedhofszaun. Zielstrebig steuerst du auf den morschen Geräteschuppen zu, um dich mit Besen und Kehrblech zu bewaffnen. Der Rosenkrieg konnte im wahrsten Sinne des Wortes beginnen, würdest du nicht an der alten Kirchpforte bereits scheitern. Der alte Schlüssel bewegt sich keinen Millimeter im Schloss, es ist zum Verrücktwerden. Du erkennst den Fehler nach einigen Momenten des Rütteln: die Türe war gar nicht erst abgeschlossen worden. Schulterzuckend trittst du ein und hoffst, dass dich niemand bei diesem Fehltritt beobachtet hat. Vor dir eröffnet sich in seiner ganzen Herrlichkeit das infernal bestäubte Kirchenschiff. Die dunklen Holzbänke wirken, als hätte man mit vollster Absicht roten Wachs über sie geträufelt. Der Hoch-Chor besitzt an Stellen, die du nicht einmal mit der Leiter erreichen würdest rote Blütenflecke und der gesamte Boden gleicht einem zertretenen Meer aus Blut. Normalerweise würdest du dir nun einen gigantischen Staubsauger schnappen und das Problem innerhalb der nächsten zwanzig Minuten lösen…

Entkräftet atmest du aus, denn noch bevor du überhaupt angefangen hast etwas zu tun, hast du das Gefühl, dass du schon seit Stunden am Ackern bist. Es hilft nichts, die Zeit rennt dir davon, denn der nächste Gottesdienst wäre bereits in einigen Stunden. So beschließt du dich vom Altar aus zum Kirchentor zu arbeiten, damit du am Ende alle Blätter in Eimer schaufeln und wegbringen kannst. Hoffentlich macht dir der Wind keinen Strich durch die Rechnung.

Bereits nach wenigen Minuten rinnt dir der Schweiß von der Stirn, denn du musst dich strecken um die vermaledeiten Rosenreste aus den so ziemlich letzten Ecken und Anhöhen zu befreien. Als der Gesang des Big Ben dich darauf hinweist, dass bereits eine volle Stunde vergangen ist, du allerdings erst einen verschwindend kleinen Bruchteil geschafft hast, fragst du dich, wie der Undertaker es wohl gehandhabt hätte, wenn du ihm nicht unter die Arme greifen würdest. Er hätte seinen geheimen Zwilling mit Knuspergebäck bestochen. Du lächelst, obwohl dir eher zum Verzweifeln zumute ist. Schwindel erfasst dich nach dem ganzen Bücken und Heben, woraufhin du dich auf der vordersten Bank des Kirchenschiffes niederlässt. Mit geschlossenen Augen wartest du darauf, dass dein Körper sich wieder beruhigt. Du hättest gegebenenfalls mehr essen und trinken sollen nach dem Aufstehen.

Anschwellende Stimmen dringen in dein Ohr. Du drehst dich zur Quelle des Lärmes um, wirst jedoch vom einfallenden Sonnenlicht so geblendet, dass du nur Umrisse der drei Gestalten im Eingang erkennen kannst. Sie kommen dir entgegen, scheinen dich bis jetzt noch nicht erfasst zu haben, denn ihre Tonlagen lassen auf ein hitziges Streitgespräch schließen. Du musterst das Dreiergespann. „Baldroy, hättest du die Speisekammer nicht in Schutt und Asche gelegt, dann hätte Sebastian uns nicht aus der Villa geschickt." „Wer hat denn das Porzellan samt Tisch und Scheibe auf den Innenhof katapultiert, Mey-Rin?" „Ich wollte Sebastian doch nur zeigen, dass…." Sie bleiben abrupt stehen, als sie deine Gestalt auf der Kirchbank wahrnehmen. Sofort springst du auf und verbeugst dich vor den zwei Männern und der Frau mit der Milchglasbrille.

Ihrer Kleidung lässt sich entnehmen, dass sie zur Dienerschaft eines Adelshaushaltes gehören. Der größere von ihren hat strubbeliges, Aschblondes Haar, einen Dreitagebart und eine erloschene Fluppe zwischen den Lippen. Seine Kleidung weist ihn als Koch aus, auch wenn du seine dicken Gummistiefel eher einem Soldaten zuordnen würdest. Eine Fliegerbrille und die lockere Haltung lassen darauf schließen, dass er sich selbst für einen ziemlichen Helden hält. Ganz anders wirkt die unsichere junge Frau neben ihm. Hinter den großen Runden Gläsern ihres Nasenfahrrads lässt sich nicht sonderlich viel von ihrem Gesicht erkennen. Markant sind lediglich ihre Purpur-bordeau-roten Haare, die sie hinter einer Kopfbedeckung zurückhält. Ansonsten ist ihre Tracht züchtig und verdeckend- die typische Arbeitskleidung einer Magd. Der Letzte im Triumvirat ist ein kleinerer, sonnenblonder Junge mit auffällig türkisen Augen. Seine wilde Mähne wird nur partiell durch Klammern daran gehindert ihm ins Gesicht zu fallen. Mit dem Strohhut auf dem Rücken, dem weißen Oberteil und der orange-karierten Hose wirkt er gleich einem Strandurlauber, wäre da nicht der kleine Werkzeugbeutel an seinem Gürtel. Egal wie man es dreht und wendet, rein äußerlich könnten sie gar nicht verschiedener sein.

„Finnian, kennst du sie?", richtet sich der Mann, der allen Anscheins nach Baldroy heißt, an den Kleineren. „Nein, Sebastian sagte nur, dass wir die Kirche fegen, aber danach nicht wieder in die Villa kommen sollen." „Wir werden niemals so gute Diener sein, wie er.", beginnt die junge Dame unvermittelt und mit hochroten Kopf zu schreien. Du weißt nicht, wie du mit der Situation umgehen sollst und hebst zunächst beschwichtigend die Hände. Sofort hast du die ungeteilte Aufmerksamkeit der Dienerschaft. „Wer bist du?", tönt es vom jungen mit den packend schönen Augen. Ein wenig unsicher beginnst du zu lächeln und deine Situation zu erklären. Anschließend stellt sich dir das Dreiergespann als Mey-Rin, Finnian und Baldroy, Dienerschaft des Phantomhive Haushaltes, vor. Es wundert dich, dass ein derartig in sich gekehrter Junge gleich dem Earl Ciel eine solch verrückte Truppe beschäftigt. Ferner fragst du dich, wie ihr oberster Butler mit dieser Meute fertig wird, denn sofort beginnen die Drei auch die Kirche auseinander zunehmen, damit sie die Blätter zusammengekehrt bekommen.

„Aus welchem Grund genau seid ihr hier?", erkundigst du dich bei Mey-Rin. Diese schützt jedoch augenblicklich die Lippen und macht den Eindruck, als würde sie sofort losweinen. „Sebastian will uns nicht in der Villa haben. Er hat gesagt, dass wir Arbeiten erledigen sollen, bei denen wir ein geringeres Risiko für die Allgemeinheit darstellen." Sie scheint den Tränen nahe. „Jep, heute ist mächtig hoher Besuch zu Gast beim Earl. Wir haben versucht zu helfen, doch Sebastian hat uns fort geschickt, damit wir nicht noch mehr Unruhe in seine Planung bringen.", ergänzt Baldroy, der sich mit verschränkten Armen an einer Säule anlehnt und Finnian dabei beobachtet, wie er den Inhalt des mühevoll gefüllten Blecheimers über den frisch gesäuberten Gang verschüttet. Der Grund für seinen Sturz war eine umgeklappte Teppichkante. Der Spangenträger lässt die Schultern hängen. „Egal wie sehr wir uns bemühen zu helfen, nie können wir den Anforderungen Sebastians gerecht werden."

Du verkneifst es dir dem chaotischen Trio zu erklären, dass sie mit scheinbar zwei linken Händen geboren sind. Trotzdem freust du dich über die Hilfe, denn so ist nach zwei weiteren Stunden die gesamte Kirche frei von den widerspenstigen Rosenblättern. Einige Bänke sehen lädierter aus als zuvor, da Baldroy und Finnian etwas zu großzügig mit ihrer freien Kraft umgingen und sie mit einem kleinen Stups durch den gesamten Bauch der steinernen Festung verfrachtet haben, doch ihr habt es geschafft, wenn auch unter großen Aufwand. Ferner ist es schon ein paar Tage her, dass du eine so heitere Gesellschaft hattest. Du bedankst dich unzählige Male und erklärst, dass dieser Berg an Arbeit im Alleingang niemals zu bewältigen gewesen wäre. „Hey _, das ist kein Problem, außerdem war es unsere Anweisung hier zu helfen.", erklärt der Koch dir, während er sich ein Streichholz am Finger anreißt um einen Glimmstängel zu entzünden. „Und du arbeitest wirklich beim Undertaker?" Mey-Rin ist sehr, sehr nett, wenn auch ein wenig neugierig. Du nickst halb lächelnd, halb errötend. „Wie kommt man dazu bei einem Bestatter zu arbeiten?"

Du lehnst dich an die Kirchenmauer- ihr habt euch im Schatten der gigantischen Gottesfestung niedergelassen um einer kurzen Pause zu frönen. Leichte Erklärungsnot steigt in dir auf, denn niemand außer dem Undertakers weiß, dass du nicht aus dieser Zeit stammst. Zögerlich beginnst du deinen neuen, durchaus sympathischen Bekanntschaften zu erklären, dass du auf der Suche nach Unterkunft und Arbeit warst und schließlich beim Bestatter Zuflucht finden konntest.

„Ich habe eine Idee.", tönt es unvermittelt von Finnian. „Warum fragen wir nicht Sebastian, ob du mit im Haushalt helfen kannst. Arbeit gibt es genug und außerdem bist du viel zu freundlich, als das du den ganzen Tag so einer betrübenden Tätigkeit nachgehen müsstest!" Mey-Rin nickt eifrig, sie scheint dich zu mögen. Baldroy scheint den Vorschlag ebenfalls gut zu heißen. „Dann fragen wir Sebastian, er holt uns ab… zumindest hat er es gesagt." „Sebastian Michaelis?", erkundigst du dich zögerlich. „Kennst du ihn?", fragen die Drei dich im Chor.

Du nickst und sofort blitzt vor deinem geistigen Auge das Bild des makellos agierenden Butlers auf. Während euren bisherigen Begegnungen hatte er nicht gerade einen sehr interessierten Eindruck gemacht. Ihm scheint das Wohlergehen seines Herren, dem jungen Earl Phantomhive, von höchster Priorität zu sein. Aber du bist bereit deine Meinung zu revidieren, denn beim Undertaker hatte es auch so einige Zeit gedauert, bis du das Bild des verrückten Nachwandlers verdrängt hattest...

Nein, du kannst ihn nicht einfach, nach alledem was er für dich getan hat, verlassen. Das wäre nicht nur äußerst verletzend, sondern auch undankbar. Ferner weiß du nicht einmal, ob Ciel und Sebastian Michaels dich überhaupt in der Villa sehen wollen. Einen sonderlich freundlichen Eindruck hatten sie schließlich nicht auf dich gemacht.

„Ich danke euch für eure Bemühungen, aber ich denke, dass ich beim Undertaker besser aufgehoben bin." Du weißt, dass du dir deiner eigenen Worte nicht ganz sicher bist. Zum einen würde dich gegebenenfalls ein komfortables Leben erwarten, sowie eine Gesellschaft deines Alters entsprechend, aber auf der anderen Seite hast du dich schon so sehr an den Undertaker gewöhnt, dass dir seine Behausung und diese ganzen Leichen nicht mehr so sehr auf den Magen schlagen, wie zu Beginn deiner Reise. Hinzu kommt, dass er sich wirklich gut um dich kümmert, egal was du auszufressen scheinst. Nein, du kannst nicht gehen. Oder willst du es vielleicht nicht? Nicht deines Willens, sondern um des Willens deines allsehenden Retters. Der Undertaker schätzt deine Hilfe, deine Gesellschaft und bringt dir Dinge bei, die dir niemand sonst je hätte lehren können. Doch das Angebot Finnians klingt nicht minder verlockend. Du beginnst dir einzureden, dass der schwarzhaarige Diener ehe keine Verwendung für deine Arbeitskraft hätte. „Oh das ist schade, bist du dir da auch wirklich sicher?" Es war Mey-Rin, die ein wenig betrübt klingt.

„Hier seid ihr also." Just in diesem Moment spürst du, wie Iriden in funkelnden Almandin-Farben dich fokussieren. Im nachtschwarzen Anzug und katzenhafter Anmut bewegt sich der Butler mit fließenden Bewegungen um die Ecke auf euch zu. „Wie ich sehe, habt ihr eure Arbeit vernünftig verrichtet." Seine Augen lassen von dir ab und mustern das Trio. Du beobachtest, wie Mey-RinsWangen auf der Stelle ihrer Haarfarbe Konkurrenz machen. Finnian strahlt und Baldroy scheint lediglich auf diese Bestätigung gewartet zu haben. Der Strohhutträger hebt den Finger und zeigt auf dich. „_ hat uns geholfen, ohne sie hätten wir es niemals geschafft. Kann sie nicht mit uns kommen? Beim Undertaker ist es doch sicher sterbenslangweilig." Er kichert, als er seine eigenen Worte hört.

Die mit reinweißen Handschuhen verdeckten Finger Sebastians tippen gegen sein Kinn, er scheint allen Ernstes abzuwägen, ob es sich bei diesem Vorschlag um eine gute Entscheidung handelt, oder nicht. Wieder durchdringen seine Blicke deinen Körper. Wenn der Undertaker ebenfalls derartig abschätzend gucken kann, dann bist du froh, dass der Pony seine Augen verdeckt. Obwohl die Miene des Bediensteten ausdruckslos ist, fühlst du dich unangenehm berührt. Es wirkt, als würde er dich allein mit seinen Augen ausziehen und mustern, jedes Detail, jeden noch so kleinen Fehler suchen und auswerten. Schließlich atmet er jedoch entkräftet aus und befreit dich aus den Ketten seiner Blicke. Ein leichter Schauer fährt dir über die Haut, du kannst jedoch nicht zuordnen, ob er unangenehm ist, oder nicht. „Der Undertaker muss großes Vertrauen in deine Fertigkeiten haben, wenn er dir eine derartige Arbeit zumutet." Du nickst stumm, wenn auch überrascht von seinen Worten. Er blickt über deine Schulter hinweg in die Ferne, während seine Lippen plötzlich ein nicht deutbares Lächeln formen. „Nun _, wenn du es dir gründlich überlegt hast, dann heiße ich dich im Phantomhive Haushalt willkommen." Mit einer ausladenden Geste weist er Mey-Rin, Finnian und Baldroy an ihm zu folgen. Bevor mit dem Trio im Schlepptau verschwindet wirft er dir noch ein siegessicheres Schmunzeln zu.

Zunächst bist du verwundert über das plötzlich so freundliche Verhalten des Butlers. Als du jedoch bemerkst, dass sein Blick wieder über deine Schulter hinweg geht, wird dir die wahre Bedeutung seines Gebarens bewusst.

Du hättest wissen müssen, dass auch er kommen wird um dich abzuholen. So steht der Undertaker mit verschränkten Armen am anderen Ende der Backsteinmauer, die Schulter leicht angelehnt und sich in Hörweite befindend. Seine Blicke sind gesenkt. Du kannst diese Geste nur schwer deuten, doch noch schlimmer sind die Stiche des Gewissens in deiner Brust. Selbst wenn du nichts außer deiner Arbeit getan hast, hast du das Gefühl ihn allein durch die bloße Erwägung des Gedankens, in der Phantomhive Villa zu arbeiten, verraten zu haben.

Doch viel schlimmer ist die Gewissheit, dass ihr beide es wisst.