Einen Herzschlag später fühlst du dich wie erstarrt, unfähig einen Mucks von dir zu geben oder einen klaren Gedanken in deinem Kopf auszuformulieren. Es ist nicht die Unruhe die in dir tobt, sondern die Einsamkeit. Just in diesem Augenblick fühlst du dich gleich dem verlassensten Wesen auf diesem Planten. Du besitzt nichts in dieser Welt, nicht einmal die Kleidung an deinem Leib. Er ist gekommen und hat dich vor dem Verderben bewahrt. Dein Dank – Verrat an seiner Gutmütigkeit.

Aber du bist doch frei, waren es nicht seine Worte? Kannst du nicht gehen, wohin es dir beliebt? Doch warum versetzt dir dieser Gedanke so einen Stich? Vielleicht weil du weißt, dass du ohne ihn hier nicht klarkommen würdest. Du bist anhängig, ist es das? Oder hast du dich selbst in diese Abhängigkeit gestürzt, als du seine Hilfe blind annahmst?

Aber er muss doch wissen…

Die Gedanken in deinem Kopf ballen verknoten sich, zerreißen und formen neue fragile Konstruktionen. Nichts davon vermag dir zu helfen, dich zu erklären. Dein Mund öffnet sich, du versuchst ihm die Wahrheit zu übermitteln, doch die Worte können die unsichtbare Schlinge um deinen Hals nicht überwinden. Du weißt, dass seine Augen auf dir ruhen. Vielleicht ist es gerade in diesem Moment besser, dass du sie nicht sehen kannst. Seine Expression – zumindest die untere Gesichtspartie- wirkt ausdruckslos. Doch das Zusammenspiel mit seinen Iriden bleibt dir verborgen.

Es fällt dir schwer auszumachen, ob die Zeit stehen geblieben ist, die Vögel nicht mehr singen, oder du einfach nur alles ausgeblendet hast um das Chaos hinter der Stirn zu ordnen. Nichts passiert. Du blickst den Schwarzgekleideten stumm und mit geöffneten Lippen an. Worte findest du nicht, vielleicht sind sie auch nicht mehr von Nöten. Deine Blicke senken sich, nun siehst du auf den hellbraunen Boden und fühlst dich schuldig. Schuldig für ein Vergehen, dass du nie begangen hast, schuldig für einen Tatbestand, den du nur subjektiv erfüllt hast.

Was würde nun passieren?

Du schließt die Augen, atmest leise aus und hebst den Kopf. Sobald zu ihn wieder erblicken würdest - insofern er noch dasteht- willst du ihm alles erklären. Er würde es verstehen, er muss es verstehen. Der Undertaker kennt dich doch besser als du selbst, oder etwa nicht? Bevor deine schweren Lider sich öffnen spürst du, wie sich seine Hand langsam auf deine Schulter legt. Das Erste, was du wahrnimmst, ist die lange, helle Narbe in seinem Gesicht. Der Bestatter muss sich wieder heruntergebeugt haben um dir nahe zu sein. Sein versteinerter Ausdruck hat sich gewandelt, doch weder Anklange noch Verurteilung zeichnen seine Miene. Die leicht geschürzten Lippen zeichnen eine dir bis dato völlig unbekannte Expression des Zylinderträgers in sein Konterfei. Etwas beschäftigt ihn – du bist es.

Du spürst erneut Blicke auf dir. Sie wären nicht unangenehm, würde dir dein Gewissen nicht derartig schwere Vorwürfe machen. Der Leichenverscharrer legt den Kopf leicht schief und sieht dich fragend an.

Er spürt es. Dieser Mann riecht deine Unsicherheit , wittert die Furcht, die durch deine Venen zirkuliert. Du kannst nichts geheim halten, nicht vor ihm. Aber scheinbar sorgt der Schwarzgekleidete sich eher um dich, als dass er dir einen gerechtfertigten Vorwurf macht. Es wirft dich aus der Bahn, dass der Langhaarige derartig besonnen reagiert. Wenn du nun nicht redest, dann wäre deine Chance vertan – vielleicht für immer.

„Du scheinst die außergewöhnliche Gabe zu besitzen dich selbst in Gefahr zu bringen, _.", vernimmst du seine Worte, bevor die deinen sich hervorkämpfen können. Er spricht sehr leise, es gleicht fast ein Flüstern, weggetragen vom Wind. „Es bringt nichts dich zu warnen, du ziehst das Unglück von selbst an, junge Dame." Er lächelt nicht- dein Magen beginnt sich weiter zu verknoten. Du willst ihm die Lage das doch nur aus deiner Sicht näherbringen, was ist daran so schwer? „Es tut mir leid.", stammelst du, auch wenn dir bewusst ist, dass diese vier Worte nicht sonderlich viel an der Situation ändern können. „Ich wollte dir nur helfen, dann…"

Sein Zeigefinger auf deinen Lippen beendet den angefangenen Satz abrupt. „Ich weiß, _. Ich bin der Letzte, vor dem du dich rechtfertigen musst." Noch immer weißt du nicht, ob dir ein Stein vom Herzen fallen soll, oder ob du lieber einen Block Granit hinzupacken kannst.

Noch immer lastet sein langer Finger sanft auf deinen Lippen. Er möchte nicht, dass du sprichst. Worte sind überflüssig. Dem Undertaker ist bewusst, dass du über Finnians Vorschlag nachgedacht hast, wenn auch nur infinitesimal kurz. Jedoch lang genug, um ihn wissen zu lassen, dass du in Erwägung gezogen hast, ihn undankbarer Weise zu verlassen. Nein, er muss sich doch im Klaren sein, dass du ihm vom dir aus viel zu sehr schuldest, als dass du einfach gehen würdest!

Du spürst den sanften Druck von deiner Schulter verschwinden, zeitgleich ist das Siegel auf deinen Lippen mitverschwunden. Der schwarze Nachtwanderer dreht dir den Rücken zu, greift die angelehnte Schaufel und entfernt sich von dir. „Die Schuld liegt nicht bei dir, doch trotzdem solltest du dich in Acht nehmen." Du siehst ihm schwermütig nach. „Vielleicht ist es besser, wenn du in deine Zeit zurückkehrst…" Mehr gemurmelt als gesprochen scheinen diese Worte jedoch nicht für deine Ohren bestimmt worden zu sein.

Da der Schrecken nach wie vor in deinen Knochen sitzt, sind deine Glieder noch immer stocksteif und bewegungsunfähig. Langsam erlangst du deine motorischen Fertigkeiten zurück und beginnst ihm zu folgen, traust dich allerdings nicht neben ihm zu gehen, deshalb marschierst du niedergeschlagen hinter dem Undertaker hinterher. Eigentlich ist doch alles geklärt, doch warum fühlst dich noch immer nicht besser? Vielleicht waren es seine letzten Worte, die dir eine merkwürdige Melange aus jedweden denkbar unangenehmen Gefühlen einflößen. Zurück? Du fragst dich, was es damit auf sich hat. Deines Wissens nach bist du doch für immer in dieser Zeit gefangen, oder etwa nicht? Hatte der Leichengräber eine Möglichkeit ausgemacht dich in deine Welt zurückzusenden?

Du kannst dir nicht vorstellen, dass es in seiner Macht liegt derartige Dinge zu vollführen. Vielleicht hatte er ja in diesem mysteriösen Buch eine Antwort gefunden, oder gar den Zauberspruch, der alles ungeschehen machen würde. Ein beklemmendes Gefühl steigt in dir auf. Die Intension seiner gemurmelten Worte erschließt sich dir nicht, ferner ist der Gedanke wieder zurückzukehren auf einmal äußerst befremdlich – ganz zu deiner Verwunderung.

Noch immer trottest du schweigsam hinter dem unerklärbaren Mann her, gleich einem zahmen Lämmchen. Da ihr den Ruheplatz der Toten verlasst, gehst du davon aus, dass er das Grab der verblichenen Distinguierten bereits im Alleingang zugeschaufelt hat. Deine Blicke heften sich an ihn. Langsam beginnt sich der Knoten um deinen Hals zu lösen, auch wenn seine letzten Worte die Schlinge wieder enger zu ziehen drohen. Es ist beruhigend zu wissen, dass der Undertaker auch ohne verbis expressis verstanden hat, was du ihm hattest mitteilen wollen. In diesem Augenblick beginnst du Sebastian Michaelis zu verfluchen. Dieser Butler hatte es ganz genau gewusst. Dein schwarzer Retter hatte Recht, dieser Mann war nur mit Vorsicht zu genießen, wenn nicht gänzlich zu meiden. Allerdings kannst du nicht nachvollziehen, aus welchem Grund gerade du in seinen Fokus geraten bist. Wahrscheinlich lag es tatsächlich an deinem Talent sich in unmögliche Situationen zu verfrachten.

„Zerbrich dir dein hübsches Köpfchen nicht." Du blinzelst. Obwohl er vor dir geht und dich nicht sehen kann, scheint er zu wissen, dass du in tiefsten Gedanken steckst. Unvermittelt bliebt der Herr mit der filigranen Schmuckkette stehen, dreht sich zu dir um und tippt sich mit dem Zeigefinger nachdenklich auf die Lippen. Der Undertaker scheint dir etwas sagen zu wollen, besinnt sich dann allerdings und geht weiter. Nur die Stille ist euer gesprächiger Begleiter auf dem Weg zum Bestattungsinstitut hin.

„Bitte setz dich.", weist die sanfte Stimme gefolgt von einer eleganten Handbewegung dich darauf hin, auf einem der Särge im vorderen Teil des Ladens Platz zu nehmen. Du tust wie dir geheißen und wartest nahezu regungslos auf den Geschäftsinhaber, der scheinbar ein paar Wörtchen mit dir wechseln möchte. Du kannst nicht beurteilen, welche Absichten er verfolgt, allerdings sucht dich eine unkomfortable Unruhe heim, die mit jeder Minute des Wartens weiter anschwillt. Entspannung erfährst du erst, als du den großen, schlanken Herren mit zwei Teebehältnissen in den Händen durch die Tür der Pathologie schreiten siehst. Wenn er Tee mit mir trinken möchte… Du beginnst dir einzureden, dass die Situation nicht so gravierend ist, wie du sie dir noch vor einigen Momenten ausgemalt hast.

Stumm dankend nimmst du das heiße Becherglas entgegen und beobachtest den Totenschmücker dabei, wie er durch den Raum schreitet.

„Nun…", setzt er wieder in diesem gewohnt sanften Erklär-Tenor an. „Ich denke, dass ich dir noch einige Erklärungen schuldig bin, _." Er hebt den Kopf und sieht in deine Richtung. „Du hast ein offenes Auge und scharfe Sinne. Deine Kombinationsgabe hilft dir komplexe Geflechte zu entwirren und zu verstehen – ich bin sehr stolz auf dich." Du wirst rot und kannst es nicht verhindern. „Trotzdem gibt es Mächte, von denen du dich fernhalten solltest, doch davon kannst du nichts wissen." Mit seinem langen Zeigefinger streicht er liebevoll über eine mattblaue Urne in Regal und verharrt einige Sekunden bewegungslos. „_, hast du dich jemals gefragt, warum ich dir in dieser kalten Nacht auf dem Friedhof geholfen habe?" Nun nimmt er langsam neben dir Platz, um das Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu führen.

Diese Frage hast du dir des Öfteren bereits gestellt, doch eine plausible Antwort hat sich dir bis dato noch nicht aufgetan. Von der anfänglichen Furcht, dass er sich an dir vergehen könnte und dich dann tot unter der Erde verschwinden lässt, bist du schon lange abgekommen. Je mehr du jedoch glaubst ihn zu verstehen, desto weiter ist diese Frage jedoch in der Versenkung verschwunden. Du musterst den Bestatter nachdenklich. Welche Gründe könnte er denn tatsächlich gehabt haben? Bei weiterem Grübeln stößt du allerdings statt auf mögliche Antworten nur auf tiefergehende Fragen. Du schüttelst letzten Endes den Kopf, weil du dir keinen Reim aus seinen Handlungen machen kannst. Den Vorschlag, dass er es aus einer Art Nächstenliebe getan hat, den verwirfst du. Der Undertaker ist zwar hilfsbereit, doch irgendetwas an ihm sagt dir, dass er nichts ohne einen Hintergedanken tut. Gerade diese Vermutung macht es dir unmöglich, die Frage auch nur in irgendeiner Form beantworten zu können.

Dein Gegenüber lächelt wissend, als hätte er bereits vor der Frage deine Erwiderung gewusst. Wieder legt er den Kopf schief, doch in keinem Moment lässt sein Pony auch nur einen kurzen Blick auf seine Iriden zu. Seine Expressionen wandeln sich, er wirkt bedrückt, wenn nicht gar ein wenig melancholisch. „Nun, obwohl es dir selbst nicht bewusst sein wird, solltest du wissen, dass deine ganze Art und Ausstrahlung dich deutlich von den Menschen um dich herum abgrenzt. Zuerst war es deine Sonderbare Kleidung, die mir ins Auge fiel, dann dein Wesenszug, deine Blicke und die Tatsache, dass sich nur ein Unwissender auf dem alten Londoner Friedhof herumtreiben könnte." Seine schmalen Lippen werden wieder von einem subtilen Lächeln heimgesucht. „Mein Verdacht, dass du nicht hierher gehörst, hat sich schnell bestätigt. Außerdem fehlte dir die nötige Portion an Misstrauen, sodass ich, hätte ich gewollt, leichtes Spiel mit dir gehabt hätte."

Peinlich berührt blickst du auf den Boden. Es ist komisch, wenn er in deinem Beisein über dich redet, deine Handlungen auseinanderpflückt und sie wertet. Du kannst dich seinen Worten jedoch nicht entziehen, ferner musst du einfach wissen, was diesen Mann bewegt hat dir zu helfen. Du nippst am heißen Tee und hebst deinen Blick. „Es ist dein Charakter, deine Erscheinung. Du kannst es nicht verbergen, selbst wenn du dich den Gepflogenheiten dieser Zeit anpasst." „Du hast mir geholfen, weil ich „anders" bin?" Ein leises Kichern entfährt dem Undertaker. „So kannst du es sehen, ja. Vielleicht war auch meine Neugierde…"

Damit hast du eine Erklärung, jedoch nicht den Grund, warum du noch immer hier verweilst. „Warum…", setzt du an und suchst nach passenden Worthülsen. „Warum du noch immer hier bist?" Du nickst stumm. Gedankenversunken scheinen die Blicke deines Retters durch den Raum zu wandern, als suche er einen Punkt in der Ferne, an dem die Antwort geschrieben stünde. „Es gibt nicht viele Dinge auf dieser Welt, die für mich von Bedeutung sind." Ihn kümmert nicht das Geld, ihn schert nicht der Ruf und auch die Menschen um ihn herum scheinen seinem kritischen Urteil nicht gewachsen zu sein. Aufmerksam lauscht du seinen Erzählungen, während du versuchst das Aufgenommene zu verarbeiten. „Deshalb schätze ich die Dinge, die für die Menschen gänzlich vollends an Bedeutung verloren haben. Dinge, deren Wert schier unendlich ist, doch die mit keinem existierenden Mittel bezahlbar sind."

„Du meinst, dass du mir geholfen hast, weil ich dich zum Lachen gebracht habe?" Wieder wirst du zum Fokus seiner Blicke.

„Unter anderem." Mit dieser lakonischen Antwort kannst du willst du dich nicht zufrieden gegeben. „Erzählst du mir mehr?", fragst du unsicher. Wortlos erhebt er sich und beginnt mit einer quälenden Langsamkeit durch das Geschäft zu schreiten. Die langen Fingernägel ineinander verschränkt, macht der Undertaker vor dem Schrank , in dem die Sense still und heimlich lauert, halt. Sanft legt er seine Hände auf die Klinke, drückt sie jedoch nicht herunter.

„Willst du es wirklich wissen, _?"

Der Tenor hatte sich verändert, du spürst, wie es um dich herum augenblicklich kälter wird. Vor dir steht nicht mehr der Grabschaufler, sondern das dir unbekannte Ich vergangener Tage. Die feinen Härchen auf deinen Armen stellen sich auf, du beginnst zu frösteln, obwohl es rational unmöglich sein kann, dass die Temperatur binnen von Sekunden derartig schnell gefallen ist. Du spürst erneut die glaziale Aura um euch herum.

Deine innere Neugier treibt dich an seine Frage zu bejahen, auch wenn du spürst, dass die Wahrheit eine irreversible Änderung mit sich zieht. Sagst du allerdings „nein", dann tapst du vermutlich auf alle Ewigkeit im Dunklen. Vielleicht zerbricht deine kleine heile Welt und du mit ihr, wer weiß? Wenn ein Mann gleich dem Undertaker so akribisch daran ist sich selbst zum größten Mysterium der Zeit zu machen, dann wird er dir keine kleinen Lappalien vorenthalten haben. Du hast die Wahl, auch wenn du weißt, dass die Antwort bereits vor deinen Überlegungen feststand.

Die Emotionen siegen, nicht die Vernunft.

„Ich möchte es erfahren.", hörst du dich in einer dir befremdlichen Tonlage sagen. Analog dazu siehst du, wie der Totennäher langsam ausatmet und die alte Holztür öffnet. Sofort blitzt das reflektierende Metall des Todbringers dir entgegen. Obwohl sie seit deiner Ankunft nur einmal bewegt wurde, scheint sich keinerlei Staub auf ihr niederlassen zu wollen. Stumm und blutgierig steht sie da, die Sense mit dem dornenumrankten Schädel. Dieses Mal berührt der Undertaker sie nicht, im Gegenteil, er tritt einen Schritt zur Seite, damit du das Mordwerkzeug in all einer Pracht bewundern kannst. So erhebst du dich und stellst – mit wohlgewähltem Sicherheitsabstand zum Schrank- neben den Silberhaarigen. Ehrfürchtig gleiten deine Blicke über die filigranen Details der Waffe hinweg. „Du wirst dich sicherlich gefragt haben, was ich vor diesem Handwerk getätigt habe. Kannst du es dir vorstellen?"

„Du hast Menschen getötet?" So plump es auch klingen mag, es ist der einzige Anhaltspunkt den du hast. Ein raues Lachen entfährt ihm. „Ja, so in etwa." Du erkennst das Spiel, du musst die Lösung wieder selbst finden, doch was hatte seine Vergangenheit mit der Tatsache, dass er dir geholfen hat zu tun? Du musterst die Sense, beäugst den Undertaker kritisch und versuchst den scheinbar offensichtlichen Schluss zu ziehen. Ein Auftragsmörder kann er nicht sein, dafür ist eine Waffe viel zu ausgefall… Dir stockt der Atem.

Nein, es ist ausgeschlossen, dass dieser Mann ein… oder etwa doch? Langsam schleichen sich deine Blicke wieder hinüber zu ihm. Das schiefe Lächeln auf seinen Lippen hast du erst einmal bei ihm gesehen, und war in der Nacht, in der er dich vom Friedhof gerettet hat. Du brauchst es nicht aussprechen, er scheint deine Gedankengänge lesen zu können, wenn deine Expressionen nicht schon Bände sprechen. Dein Mund öffnet und schließt sich tonlos, du findest keinen Ausdruck für die Bilder in deinem Kopf.

Es fällt dir wie Schuppen von den Augen. Wie konntest du nur so blind sein? Die Zeichen waren – zumindest für dich- eindeutig. Vor dir hatte der Undertaker es nicht verborgen, doch vor lauter Bäumen hast du den Wald nicht gesehen. Nein, er hat dich geschickt getäuscht mit der Wahrheit, du konntest diesen Schluss nicht ohne den entscheidenden Hinweis ziehen. Tausende Gedanken schießen durch deinen Kopf, sodass er zu zerspringen droht. Erst eine Bewegung neben dir zieht dich zurück in die Realität. Du blinzelst, als du wieder in die Wirklichkeit eintauchst. Der Mann neben dir ist kein Mensch, er ist ein…

Shinigami

„Du, du bist…" Ohne deine vollständige Antwort abzuwarten nickt er, noch immer dieses schiefe Lächeln mit sich tragend. Verwirrung beginnt die Sprachlosigkeit zu ersetzen. Er sagte doch, dass sich ein Todesgott niemals einem Menschen offenbaren wird, warum tut er es dann gerade vor dir? Und warum hatte er sich dann gerade deiner angenommen, einem hilflosen Menschen aus einer anderen Zeit? Ferner hatte er dich in die Geheimnisse seiner Existenz eingeweiht. So viele Fragen, doch keine Antwort. Seine Miene erlischt, als er sich von dir abwendet und ein neuwertig wirkendes Buch aus den Tiefen seines Mantels befreit. „Ich hatte nie die Absicht dir eine derartig schwere Last aufzulegen, doch vielleicht waren es die vielen Jahre der Einsamkeit, die mich dazu verführt haben einer Sterblichen unsere wahre Natur zu verraten." Er beginnt den Einband in seinen Händen zu wiegen und seine nächsten Worte wohlbedacht auszuwählen.

„Du bist hier, weil du etwas Besonderes bist, _." Nun wird dir warm, die Kälte ist gänzlich verflogen. Deine Wangen beginnen zu glühen, du kannst die infernale Farbe auf ihnen nicht verhindern. „Im Gegensatz zu deinen Mitmenschen bist du unbefangen in deinen Entscheidungen und bereit zu helfen. Deine Seele ist nicht zerschlagen von Dekadenz und Oberflächlichkeit- du bist das reinste Wesen, das mir seit Dekaden unter die Augen gekommen ist. " Die lange, silbernen Strähnen fallen von seinen Schultern, als er sich zu dir hinunterbeugt. Sein Gesicht kommt dem deinen näher, hält jedoch abrupt inne. Analog dazu setzt dein Herzschlag aus.

„Pass auf dich auf, _."

Der Moment ist vorüber, der Undertaker entzieht sich dir wieder, um einen Augenblick später das Medium in seinen Händen aufzuschlagen. „Da du nun um meine wahre Natur weist, ist diese Welt noch einmal gefährlicher geworden für dich. Ich kann nicht zulassen, dass dir etwas zustößt, doch ich kann deinen völligen Schutz ebenso wenig gewährleisten. Wenn du das nächste Mal deine Augen öffnest, dann wirst du dich in deiner Zeit wiederfinden, allerdings ohne Erinnerungen." Mit einem weiteren Griff zieht er einen langstieligen Füllfederhalter hervor. Wäre die Situation nicht derartig ernst, hättest du dich sicherlich über die Farbe des Schreibinstrumentes mokiert. Er setzt das überlange Utensil an, verharrt einen Augenblick und hebt den Blick.

Verzweiflung macht sich in dir breit, du willst nicht gehen. Auch wenn es vor einigen Tagen noch dein sehnlichster Wunsch war wieder zurückzukehren, hatte sich dein ganzes Weltbild doch binnen kürzester Zeit verändert. Du hattest dich verändert. Nein, du willst nicht gehen, doch…

„An diesem Ort bist du nicht sicher,_.", er klang gefasst, wenn auch ein wenig traurig, bedrückt im Angesicht der Tatsache, dass er nun sein Dasein wieder allein fristen muss- ohne Hilfe, ohne neugierige Fragen und vor allem ohne Dich. Du starrst ihn an, in der Hoffnung, dass er deine Reaktion deutet und von seinem Vorhaben ablässt. Dir ist egal, ob es als Shinigami in seiner Macht liegt solche Dinge zu tun, du willst nur eines: hier bleiben, für immer, denn deine Welt hat keine Farbe, sie ist grau und frei von Wundern. Nahezu ohnmächtig siehst du zu, wie der filigrane Stift sich unaufhaltsam dem Papier nähert. Dein Wohl ist ihm wichtiger als dein freier Wille. Fühlt sich so das Ende an?

„Leb wohl, mein schönes Kind."