ich habe dich nicht vor deinem Verderben bewahrt, damit ich derjenige sein werde, der deinen Untergang besiegelt…

Eingelullt in der Schwärze deiner fensterlosen Kammer versuchst du dir der Bedeutung dieser Worte klar zu werden. Was meint der Undertaker, wenn er davon spricht, dass er zu deiner größten Gefahr werden könnte? Bis dato hat er dich doch immer vor dir und deinem Talent in Schwierigkeiten zu gelangen beschützt. Aber was konnte so bedrohlich sein, dass er dich lieber in den Phantomhive Haushalt sandte um dich vor Unheil zu bewahren? Er musste etwas planen, doch was es auch immer sei, es würde dir nach dem Leben trachten oder ihn zumindest dazu zwingen deine Versehrtheit in Kauf nehmen zu müssen. Wenn er es dir nicht einmal verriet, dann…

Vielleicht solltest du aufhören dir deinen Kopf über derartige Spekulationen zu zermartern. Es ist sinnlos sich zu fragen was der Undertaker vorhatte. Die unwiderrufliche Folge darauf ist jedenfalls, dass du gehen musst- deiner Sicherheit halber. Ob du es willst, oder nicht. Doch du bist noch immer hier, in dieser Zeit, an diesem Ort. Deine neue Behausung wäre der Wermutstropfen, aber vielleicht schätzt du den Earl und seinen obersten Butler auch nur grundlegend falsch ein. Wenn du dir das Chaostrio aus der Kirche vor dein geistiges Auge rufst, dann scheint der Phantomhive Haushalt doch etwas menschlicher zu wirken, als du im ersten Augenblick gedacht hattest. Trotzdem solltest du dich in Acht nehmen, des Undertakers Warnung war eindeutig.

Unruhig wälzt du dich im Bett umher. Der Schlaf scheint dir in näherer Zukunft keinen Besuch abzustatten. Stattdessen füllen Fragen über Fragen den Raum um dich mit ihrer erdrückenden Schwere zu foltern.

Es war die ganze Zeit über offensichtlich, du hättest nur die Zeichen konkret deuten müssen. Des Rätsels Lösung, die Antwort um das Geheimnis des silberhaarigen Totengräbers - das Mysterium seines Seins. Die Wahrheit ist dir die ganze Zeit auf der Nase herumgetanzt. Du hattest alle Informationen, alle Hinweise und wusstest um den stählernen Todesbringer in seinem Schrank. Doch es blieb dir verborgen, wie so vieles. Erst als er sich dir offenbart hat, fiel der trübe Schleier der Illusion von deinen Augen. Nein, du konntest es nicht selbst herausfinden. Der Undertaker hat dich auf der haarbreiten Kante zwischen Irrweg und Erkenntnispfad wandeln lassen, indem er dir von den Shinigamis erzählt hat, allerdings geschickt mit der Wahrheit von sich ablenkte. Ein brillanter Schachzug.

Wer einmal einem Todesgott begegnet ist,

der wird sie unter tausenden von Menschen wiedererkennen."

Er benutzt die Wahrheit als Lüge, spielt mit der Offensichtlichkeit und täuscht dich mit seiner Ehrlichkeit.

Natürlich hatte er Grell Sutcliff erkannt, er ist doch selbst einer von ihnen- ein Todesgott. Doch warum konntest du den Totenschmücker dann nicht auf eigene Faust enttarnen? In deinen Gedanken vergleichst du die beiden Herren miteinander. Letzten Endes findest du weder äußerlich noch vom Verhalten her gemeinsame Merkmale. Es musste also etwas anderes sein. Scheinbar konnten die Schnitter sich unerkannt unter Menschen bewegen. Ob Grell den Undertaker identifiziert hatte, oder war er unter Seinesgleichen ebenfalls ein Meister der Illusion? Vom Bestatter hast du nie viel gesehen, er hütet die obere Partie seines Gesichtes akribischer als du dein eigenes Leben. Den Rest seines Körpers verhüllt er in mehreren Kleidungsschichten. Rein äußerlich ließen sich also wirklich keine Rückschlüsse ziehen. Wie konnte man sie dann in einem Meer von Sterblichen herausstechen sehen? Möglicherweise anhand ihrer Waffen, doch weder der vermeintliche Butler noch dein selbstloser Retter trugen sie bei sich.

Seufzend beschließt du auch diese Thematik vorerst auf sich beruhen zu lassen. Wie spät es auch immer ist, du solltest möglichst schnell Schlaf finden. Morgen würde die Welt in einem ganz anderen Licht erstrahlen. Du willst nicht, dass sich etwas zwischen dir und dem Undertaker ändert, vor allem nicht durch die Tatsache, dass er kein menschliches Wesen ist. Nein, das sollte nicht passieren, es würde sich – zumindest für dich- nichts ändern.

Unwissenheit konnte ein Segen sein…

Trotz des Schlafes spürst du eine unangenehme Leere in dir- und es ist nicht das Loch in deinem Magen, dass nach den kalorienreichen Leckerlies aus der Büchse der Pandora schreit. Es ist die Gewissheit, dass du bald nicht mehr hier sein wirst. Doch wird es für immer sein? Du hoffst, dass du zurückkehren kannst- irgendwann. Verwunderlich, dass dieses Haus mit all seinen Seltsamkeiten zu deiner Heimat geworden ist. Ein makabrer Ort des Schutzes, obgleich des Todes -bewacht von einem Shinigami. Ein neues Leben von heute auf morgen, oder eher gesagt von heute zurück ins Gestern. …Oder ins Vor-vor-gestern.

Schweigsam erhebst du dich, greifst nach Kleidung und steuerst der Lichtquelle unter dem Türspalt entgegen. Dich erfasst ein mulmiges Gefühl als du die Küche betrittst. Du kannst es dir nicht erklären, es scheint wie ein siebenter Sinn zu sein, der dich auf etwas hinweisen will.

Deine Blicke suchen den Raum ab. Die Urne ist nicht auffindbar, vielleicht steht sie ja unten im Geschäft. Wenigstens müsstest du dann nicht befürchten die süßen Naschereien zu erbrechen, nachdem du durch die Pathologie gestiefelt bist und dir wieder ein paar Eindrücke der exquisitesten Leichen Londons hast geben lassen. So schleichst du leise die Holztreppe hinunter gen Laden. An der großen, alten Standuhr erklärt sich das befremdliche Gefühl in dir. Es ist nicht – wie erwartet- morgens, sondern halb drei nachts. Du schreckst leicht zurück. Wie konnte dein Schlafgefühl dich so dermaßen täuschen? Es musste an der Aufregung liegen, der Tatsache, dass alles im Begriff war sich zu ändern. Zumindest redest du dir das ein.

Du willst gerade umdrehen und zurückmarschieren, als deine Blicke auf die geöffnete Tür des Obduktionsraumes fallen. War der Undertaker noch wach zu dieser Uhrzeit? Und wenn ja, was gab es so spät noch zu erledigen? Auf stillen Sohlen durchquerst du den engen, dunklen Flur zur Pathologie. Das austretende Licht ist gedämmt, scheinbar brannten nur wenige Kerzen in diesem Raum.

Vorsichtig schiebst du die Türe auf und spähst in die fensterlose Chemiehöhle. Kein Zeichen vom Bestatter, nur ein mehrarmiger Kerzenständer auf einem der Metalltische spendet ein Minimum an Licht. Möglicherweise wusste er, dass du wach bist. Vielleicht hat er als Shinigami eine übersinnliche Wahrnehmung. Dann kann er ja doch Gedanken lesen. Du schüttelst den Kopf. Es musste sich um Menschenkenntnis handeln, mehr nicht. Alles andere wäre gruselig. „Undertaker?", fragst du leise, während du die Holztür zum Laden aufschiebst. Tatsächlich sitzt dort, auf einem ebenholzfarbigen Leichenfresser der silberhaarige Shinigami und beobachtet dich, als hätte er erwartet, dass du zeitnah hier eintreffen würdest.

Du spürst seine Blicke auf dir- ein vertrautes Gefühl. Er scheint keine Intention zu hegen die Stille zu stören, denn immerhin bist du es, die in diese Sphäre der Ruhe eingedrungen ist. Sofort spürst du den Drang dich zu rechtfertigen. Wie konnte er es nur schaffen dich ohne Worte und Gestik dazu zu bringen deine Gefühle preiszugeben? Dieser Mann ist ein Rätsel, aber eines, welches du niemals lösen können würdest.

„Ich dachte es sei bereits morgens.", erklärst du ihm wahrheitsgemäß. Ein Lächeln erscheint auf seinen Lippen. Ihm nun noch zu erklären, dass du absolut nicht mehr müde bist, das wäre nun redundant. Aber was tust du nun? Umkehren, dich ins Bett legen und versuchen Schlaf zu finden wäre die vernünftigste Idee. Sicherlich würde der Undertaker es nicht gutheißen dich zu einer solch unmöglichen Uhrzeit durchs Institut springen zu sehen. Doch was tat er selbst hier? Wahrscheinlich brauchen Shinigamis keinen Schlaf.

Wenn du jedoch ehrlich zu dir selbst bist, dann musst du eingestehen, dass du lieber hier bleiben würdest anstatt dich zu zwingen deine Augenlider von unten zu betrachten. Ob dein schwarzer Retter es ästimieren würde? Eine einladende Handbewegung soll deine Frage augenblicklich beantworten. Schweigsam nimmst du auf einem mattierten, dunkelbraunen Sarg Platz. Der Bestatter selbst thront auf einem hochglanzpolierten Ebenholztotenbett. Du würdest dich zu ihm setzen, befürchtetest du nicht, dass du dieses sündhaft teure Konstrukt zerkratzen könntest.

Wieder kehrt die Stille ein, doch es ist eine angenehme Ruhe. Hier, im Institut des Undertakers, musst du dich vor nichts fürchten, dich nicht verstellen oder irgendetwas tun, was deinen Willen einschränkt. Du bist frei. Du warst frei. Es hatte sich geändert, Schlag auf Schlag. Wie gerne würdest du ihm mitteilen, dass du diesen Ort nicht verlassen sondern bleiben willst? Auch wenn es ein Wunsch aus reiner Unvernunft, aus Egoismus und Träumerei wäre… Warum musste es so kompliziert sein?

Du mustert den Shinigami vor dir. In lockerer Haltung sitzt der Todesgott auf dem ewigen Ruhebett, ein Bein über das andere geschlagen und die linke Hand auf das Holz gestützt. Dir fällt wieder dieser große, olivinfarbige Ring an seinem linken Zeigefinger nebst den langen, schwarzen Fingernägeln auf. Ja, wenn man den Undertaker genauer betrachtete, dann war der Hauch von Narzissmus, wenn auch gut versteckt in den Gewändern, die ihn verhüllen, nicht übersehbar.

„Zerbrich dir deinen Kopf nicht über Dinge, die nicht in deiner Macht stehen sie zu ändern." Er hat aufgehört zu Lächeln auch wenn seine Lippen noch immer von dieser Mimik gekennzeichnet sind. „Muss ich denn für immer gehen?" Dein Gegenüber scheint abzuwägen. „Für immer ist keine treffende Bezeichnung, vor allem nicht für ein sterbliches Wesen." Wieder spricht er in Rätseln, selten sagt er die Dinge frei heraus. „Wenn meine Arbeit getan ist, dann werde ich dich nicht daran hindern deinen Platz hier wieder einzunehmen, insofern du es dann noch möchtest." „Also muss ich nur übergangsweise gehen?" „Der junge Earl kann dir mehr Schutz bieten, als ich es tun könnte." Geräuschlos erhebt sich das Wesen im schwarzen Mantel und flaniert einige Schritte über den Teppich. Gedankenversunken scheint er einen Ort in weiter Ferne zu fixieren- vielleicht eine Zukunft, die es so niemals geben könnte.

„Doch bedenke, dass du im Gegensatz zu den Menschen um dich herum frei bist." Der Undertaker neigt leicht seinen Kopf deine Richtung, zeitgleich spürst du erneut seine Blicke auf dir. „Bewahre dir diese Freiheit und verliere sie nicht. Das größte Geschenk, das du zu Beginn deines Lebens erhältst, das ist deine Seele, ein Schatz den dir niemand zu rauben vermag. Also verschenke ihn nicht, sondern hüte das, was dich ausmacht, _." Ein Befehl sanfter formuliert als die untertänigste Bitte. Sämtliche Härchen deines Körpers stellen sich auf, eine Gänsehaut unbegreiflichen Ausmaßes erfasst dich. Er, der Sammler der Verstorbenen Seelen, weiß wie kein anderes Wesen, dass das, was in dir ist, nicht greifbar mit den Händen, nur spürbar mit dem Herzen, das wertvollste Kleinod deines eigenen kleinen Kosmos darstellt.

Die Weisheit eines Todesbringers. Wenn es von ihm kommt, dann musste es schon einiges an Bedeutung haben. Der Undertaker wählt letztendlich jedes Wort sorgsam bevor er es spricht. Nichts von dem was er dir je erklärt hat schien überflüssig oder unnütz zu sein. Schließlich hast du jede Phrase deines geduldigen Lehrmeisters aufgezogen, reflektiert und umgesetzt.

Du nickst und sendest ein stummes Versprechen, dass du deine Seele hüten wirst wie die Kamee um deinen Hals… und dein Leben natürlich.

Warum verriet er es dir überhaupt? Es muss etwas mit deiner neuen Bleibe zu tun haben. Du kannst diesen Verdacht zwar nicht verifizieren, aber ein latentes Gefühl in der Magengegend sagt dir, dass du all seine Warnungen sehr, sehr ernst nehmen solltest. Trotz alledem sprichst du deine Gedanken aus: „Was ist mit dem Earl und seinem Butler, dass ich mich vor ihnen hüten soll?" Als hätte er mit dieser Frage bereits gerechnet, beginnt er die verbleibenden Pendants seines Hüftgeschmeides nachdenklich um seinen Finger zu wickeln. „Ich habe dir beigebracht zusehen, wie ein normaler Sterblicher niemals sehen könnte. Dein Verstand und deine Wahrnehmung sind geschärft, _. Doch trotzdem kann dein Auge nicht jede Gefahr erblicken, deshalb lass dir gesagt sein, dass seine Herrschaft und sein Ketten gelegter Wachhund ebenfalls nicht immer die sind, die sie vorgeben zu sein." Der wohlvertraute Klang seiner Stimme verrät dir, dass die Lösung nur durch dich gefunden werden kann.

„Du solltest schlafen. Ich werde dich morgen zum Anwesen des jungen Earls bringen." Morgen schon? Du willst diskutieren, nickst allerdings nur tonlos und erhebst dich aus deiner Position. Der Geruch erlöschender Kerzen steigt in deine Nase. Die Lichtspender des Raumes sind fast abgebrannt, es kann sich nur noch um wenige Minuten handeln, bis sie vollen Endes sterben. Schwermütig steuerst du auf die Pathologie zu. Es half nichts Widerspruch zu üben. Es ist ja nicht für imm- mein Leben lang. Du versuchst dich mit an diesem kläglichen Versprechen zu halten, damit du nicht ins Bodenlose stürzt. Bevor du den Raum verlässt, drehst du dich noch einmal zum Seelensammler um. Dir ist bewusst, dass diese Frage möglicherweise kindisch sein könnte, aber seit dem du hier bist tanzt sie dir auf der Zunge herum. „Musst du denn niemals schlafen?"

Deine Erkundigungen werden mit einem breiten Grinsen quittiert. Es erinnert dich an jenes unbeschwerte Lachen, das er immer an den Tag legte, wenn du wieder kurz davor warst dich nach der Leichenschau zu übergeben. „Nur in gewissen Abständen." Er hatte – zumindest für dich- doch so noch etwas wie eine „menschliche Seite". Vielleicht hat er es auch nur gesagt, damit du ruhig schlafen kannst.

„Gute Nacht."

„Gute Nacht, _."

Du kämpfst erneut mit der Verzweiflung, doch dieses Mal gibt es keinen Ausweg für dich.

Es ist bereits um elf, als du die Küche betrittst. Das tiefe Gongen, das die Stufen zu dir hinaufkriecht, informiert dich darüber. Mit knurrendem Magen und einem bedrückenden Gefühl nimmst du am Küchentisch Platz. Vor dir steht in seiner ganzen Pracht des Shinigamis Leibspeise, verborgen in einem kleinen, glänzenden Gefäß, das trotz der ganzen Morbidität seiner Existenz dir fehlen wird. Es ist nicht das, was es im eigentlichen Sinne ist, sondern das wofür es steht. Die Urne als Symbol des Todes und ihr Inhalt als Lebensspender. Eine makellose Antibiose, das Leben umschlossen vom Tod. Ob der Shinigami es deshalb gewählt hatte? Du schüttelst den Kopf. Nun beginnst du schon über all seine Handlungen zu sinnieren. Du solltest vielleicht aufhören zu viel in all sein Wirken zu interpretieren. So langst du zu und gönnst dir eine ordentliche Nascherei aus dem Tod im Topf.

Frühstück bei Kerzenlicht- der Tag beginnt mit der Nacht.

Den einzigen Gegenstand, den du nicht abgelegt hast beim Schlafen ist die Halskette. An des Undertakers Kleidung scheint sie zwar klein und filigran, da er selbst ein großgewachsenes Wesen ist, aber an deinem Hals wirkt sie um einiges größer. Du möchtest sie bei dir tragen, immer. Die Möglichkeit sie zu verlieren willst du schließlich nicht in Kauf nehmen.

Du hörst den Herren des Hauses bereits zufrieden summen, als du in den Obduktionsraum trittst. Die Überreste auf dem Tisch vor dir sind noch abgedeckt, seiner Stimmung allerdings nach zu urteilen wird er viel Spaß mit seiner Kundschaft haben. Auch deine Nase meldet sich zu Wort. Es riecht wie Fleisch, dass man auf eine heiße Herdplatte gedrückt hätte. „Hehe.", begrüßt er dich, nachdem du vollends eingetreten bist. „Möchtest du mir helfen?" Du stellst dich an die Metallbarre und lässt deine Augen auf dem blickdichten Tuch ruhen. Mit einem Ruck zieht der Meister der Toten das schwere Leinenfabrikat vom Corpus und entblößt das durch durchgebrannte Stück ehemals menschlicher Herkunft deinen Blicken.

Sofort und ganz zur Freude des Undertakers presst du dir augenblicklich die Hand vor den Mund, damit du dem rauchigem Überbleibsel keine Keksglasur gibst. „Da war wohl jemand Feuer und Flamme.", bringst du es knapp heraus. „Hehe" Der Bestatter beginnt mit diversen Werkzeugen und Chemikalien an der Leiche herumzufuhrwerken, um nach einigen Minuten die Lippen zu schürzen. Du hast das mehr oder minder heitere Spektakel distanziert aus der Entfernung betrachtet und dabei eine genauere Bestandsaufnahme des Kohlestückes vermieden. „Petroleum.", stellt er trocken fest und legt das Tuch wieder über den kohlrabenschwarzen Körper. Scheinbar hatte er mehr erwartet. Gut für dich, denn sogleich marschiert der Undertaker ein wenig beleidigt aus der Pathologie in den Laden.

„Sie können sie heute Abend abholen, obwohl eine Feuerbestattung ein angebrachterer Abschied wäre." Kurze Zeit später klappt die Ladentür und der Langfingerige steht wieder im gekachelten Leichensaal. „Eine Schande, einen meiner Särge dafür zu verschwenden." Nun stehst allerdings du wieder im Zentrum deiner Aufmerksamkeit. „Alle Regelungen sind getroffen, man wird dich abholen, wenn die Turmuhr drei Mal schlägt.", fügt er die letzten Worte tonlos hinzu und wendet sich wieder dem stinkenden „Ding" auf seinem Tisch zu. „Du solltest deine Kleidung packen, und wenn du etwas mitnehmen willst, es sei dein." So begibst du dich zurück in deine dunkle Kammer und beginnst sorgsam deine Kleider zusammenzulegen, damit sie nicht zerknittern würden. Möglicherweise würdest du im Phantomhive Haushalt Dienstkleidung bekommen. Mey-Rin selbst trug die Tracht einer Magd, also würde sich dir wohl dasselbe Schicksal erfüllen.

Du besitzt nicht viel, doch vergängliche Güter hatten vor einiger Zeit schon ihre Bedeutung verloren. Drei Dinge würdest du jedoch besonders hüten: Die Seele in deinem Körper, die Kette um deinen Hals und die Geheimnisse, die er anvertraut hatte.

Mit der Kleidung unter dem Arm marschierst du in die Küche. Für einen kurzen Augenblick bleiben deine Blicke an der lackschwarzen Urne hängen. Doch zu schnell verwirfst du den Gedanken sie zu annektieren. Sie gehört zu ihm, wie das Mysterium, dass er mit sich herumtrug. Nein, du würdest diesen Zustand nicht verändern. Ein Lächeln entlockt dir dieser Gedanke trotzdem. Also drapierst du dein Hab und Gut auf einem der Särge im Laden, wo es warten soll, bis man dich abholt. Kundschaft kam sowieso nie, und wenn dann nur in sehr desolatem Zustand. Ferner wäre der Undertaker der Letzte, der sich daran stören würde.

Du kannst nicht sagen, was du in den letzten Stunden getan hast, außer dem einsamen Leichengräber putztechnisch unter die Arme zu greifen. Die Schläge des Big Ben erinnern dich allerdings schmerzlich daran, dass es Zeit für den Abschied wird. In einer knappen Viertelstunde wird man dich wegreißen von diesem Ort des tödlichen Friedens. Du lässt die Schultern hängen, die Zukunft bleibt abzuwarten. „Ihr Menschen seid wirklich interessant. Aber du bist ein ganz besonderes Exemplar." Ungehört hatte er sich hinter dich gestellt und zu sprechen begonnen. Seiner unheimlichen Art würdest du nie überdrüssig. Als du dich zu ihm hinwendest erkennst du ein trauriges Lächeln. Es ist offensichtlich, dass er deinen Abschied ebenso unwillkommen heißt wie du, doch zum größeren Wohl hin müssen Entscheidungen getroffen werden, die den freien Willen der Betreffenden nicht berücksichtigen können.

Eine Weile schweigt ihr, bevor der Herr, bei dem deine wirkliche Reise ihren Anfang genommen hatte, das Wort erhebt. „Versprich mir eines, _." Der ruhige Tenor seiner Stimme lässt augenblicklich dein Herz schneller schlagen. Als er schließlich seine Hand an deine Wange legt glaubst du, dass dir der Boden unter den Füßen wegbricht. Seine Hände sind trotz der harten Arbeit, die er tätigt weder rau noch zerschlissen. Im Gegenteil, sie fühlen sich angenehm kühl auf deiner brennenden Haut an. Du zwingst dich zurück ins Hier und Jetzt.

„Deine wahre Herkunft bleibt unser kleines Geheimnis." Er lächelt, obwohl er seine Worte absolut ernst meint. Wieder sorgt er sich um dich, dabei scheint doch die Gefahr, dass du ihn ungewollt verraten könntest viel bedrohlicher zu sein als dein Wohl. Wahrlich kryptisch….

Das Scharren von Hufen vor der Ladentür verrät dir, dass es endgültig Zeit wird sich auf Wiedersehen zu sagen. Ein Kloß bildet sich in deinem Hals, deine Kehle schnürt sich zu. Dein Herz wiegt Tonnen und trotzdem kannst du den Blick nicht vom Undertaker lassen. Dieser Mann, nein, dieser Shinigami, dem du alles zu verdanken hast, weiß mehr über dich, als du je selbst in Erfahrung bringen wirst. Und doch lässt er dich gehen.

Und dann tust du das, was du in einem emotional beruhigten Zustand niemals getan hättest: Du umarmst den Undertaker. Die Gefühle in die kannst du unterdrücken, aber nicht den Drang dich so zu verabschieden. Er lässt es geschehen, verharrt still und lässt dich gewähren. Du spürst den rauen Stoff an deiner Haut. Die Wange, die noch immer die kühlende Berührung träg liegt vorsichtig auf seiner Kleidung auf. Für einen Moment schließt du die Lider und lässt die Welt um dich herum verblassen. Alles wird nichtig, nichts hat Bedeutung außer dieser Augenblick- der Bruchteil einer Unendlichkeit. Du hättest nie damit gerechnet, aber du spürst, wie sich sein langen Finger sanft auf deinem Kopf legen.

Die Zeit steht still.