Die gedämpften Stimmen vor des Undertaker Bestattungsinstitut zerreißen den friedlichen Moment vollkommenster Ruhe und Geborgenheit. Noch nie in deinem Leben hast du dich so sicher und geschützt gefühlt. Wer könnte dich von hier fortreißen, weg von einem Wesen, das für den Tod selbst verantwortlich ist? Du zweifelst, dass überhaupt irgendeine dir bekannte Gewalt dazu im Stande wäre. Und doch bist es du, ein gebrechliches, menschliches Individuum, das die Umarmung lösen wird. Lösen muss.

Die Zeit um euch herum scheint sich den Naturgesetzen der äußeren Welt zu entziehen. Noch immer spürst du den federleichten Druck seiner kühlen Finger auf deinem Haupt. Er scheint nicht die Intension zu haben sie dort wegzunehmen, genau so wenig wie du die Absicht hast dich der Situation zu entziehen. Du kannst nicht sagen was dich bewogen hat derartig spontan zu agieren, einen Augenblick lang hast du deine Taten auch bereut, doch dann hatte der Undertaker sich deiner angenommen. Eine Geste der Erwiderung, die du niemals für möglich gehalten hast.

Langsam streichen seine langen Finger dein Haar entlang und hinterlassen eine Gänsehaut auf deinem gesamten Körper. „_, es wird Zeit."

Natürlich wurde es Zeit, doch du willst nicht, dass es passiert. Du willst nicht gehen, doch auch kein Flehen und Betteln würde dir helfen. Nein, du würdet stark sein, solange es auch dauern würde. Du bist noch hier, nicht zurück in deiner Welt, kein blind durch die Gegend laufender Mensch, der seine Umwelt nur in dem Maße wahrnimmt, wie sie innerhalb seines Horizontes erscheint. Nein, so wie du hier und jetzt stehst bist du aufmerksamer als je zu vor und der Undertaker sollte seine Entscheidung nicht anzweifeln müssen- niemals.

Du kannst ihn nicht ansehen, als du einen Schritt zurück trittst. Es fällt dir schwer und du weiß, dass du es bereuen wirst, wenn du jetzt gehst ohne ihn noch einmal erblickt zu haben. Er wird wissen, dass die Situation – dezent ausgedrückt- so gar nicht nach deinem Geschmack ist, doch du dich mit aller Kraft davon abhältst etwas zu sagen. Es werden wieder bessere Zeiten kommen… gewiss.

„Danke…. Danke für Alles." Es ist beinahe unmöglich in Worte zu fassen was du hm eigentlich sagen möchtest. Danke dafür, dass er deinen Leben gerettet hat- mehrmals. Danke dafür, dass er sich deiner angenommen hat. Danke dafür, dass du Teil seiner Welt werden durftest. …Und all dies hat dich nur sein Lachen gekostet. So fragst du dich im Stillen, ob es möglich ist in irgendeiner Form auch nur deutlich zu machen, wie verbunden du ihm für diesen Akt der Selbstlosigkeit bist. Aber Worte können nicht ausdrücken was die Seele empfindet. So bleibt es bei diesem kümmerlichen, gestammelten Satz.

Du blickst auf, als du ihn leise lachen hörst. Natürlich versteht er dich, er versteht alles.

„Nein, das kann nicht der Ort sein. Wir sind hier falsch. Sebastian wird uns nie wieder eine solche Aufgabe anvertrauen" Eine kreischende, beinahe weinerliche Stimme vor der Tür reißt dich aus den Gedanken. Unverkennbar ist es Mey-Rin, die Magd mit der Milchglasbrille, die vor dem Institut so ein Spektakel veranstaltet. „Aber Sebastian hat doch gesagt, dass wir sie vom Geschäft des Undertakers abholen sollen. Wir müssen richtig sein!" Finnian selbst schien sich seiner Aussage allerdings nicht ganz so sicher zu sein. „Wir sind schon drei Mal hier vorbeigefahren, es gibt weit und breit kein anderes Beerdigungsunternehmen. Jetzt krempelt die Ärmel hoch und lasst uns reingehen." Der tiefe Bass Baldroys Stimme lässt dich erahnen, dass die Ladentür in weniger als drei Sekunden aus ihren Angeln fliegt und wohlmöglich die halbe Inneneinrichtung demoliert.

Doch wieder herrscht Stille. Den Undertaker scheint das Zögern des Dreiergespanns eher zu belustigen, während du noch nicht weißt, wie du mit der Situation umgehen sollst. Vielleicht hattest du erwartet, dass Sebastian Michaelis dich abholen würde, aber warum sollte der oberste Butler sich auch die Mühe machen und den Weg hier her zurücklegen, wenn er auch Finnian und Co. schicken kann? Wahrscheinlich ist es auch die beste Entscheidung gewesen dieses Chaostrio herzusenden. Nicht nur, dass sie mir ihrer guten Laune und ihrem frechen Mundwerk dich ablenken würden, nein der Abschied würde dir so auch leichter fallen und unangenehmes Schweigen gegenüber Sebastian, dem bald wieder über den Weg laufen würdest, ersparen.

„Hehe.", tönt es trocken aus dem Mund des Bestatters. Du wendest dich nun ebenfalls vollends der Tür zu und wartest auf das Kommende. Nach einigen Augenblicken der Stille beobachtest du, wie die abgegriffene Klinke der Tür sich langsam nach unten drückt und erste einfallende Lichtstrahlen durch den kleinen Türspalt fluten. Kurz darauf ist es Baldroy, der seinen Kopf ins das Geschäft steckt, unsicher, ob der aufgesuchte Ort der richtige ist. Seine Augen entdecken zuerst dich, dann den Undertaker. Dich in dem Leichenladen stehen zu sehen beraubt ihn allerdings kurz seiner Selbstsicherheit, lässt einen verwirrten Gesichtsausdruck zurück und bringt den Rechenschieber in seinem Kopf ordentlich zum Qualmen. „Baldroy, was siehst du? Ist sie hier?" Ohne eine Antwort auf die Frage abzuwarten schiebt sich Finnians Kopf ebenfalls durch den engen Spalt, macht kurz darauf die gleiche Metamorphose durch und bringt dich unweigerlich zum Schmunzeln.

„Ich will auch…" Einen Herzschlag später versucht auch Mey-Rin ihr Haupt zwischen den beiden Herren durchzustrecken, was jedoch damit endet, dass dem blonden Herren mit dem Zigarettenstummel im Mund die Klinge aus der Hand rutscht, das Dreiergespann hinterherstürzt und als bunter Haufen sich vor euren Füßen wiederfindet. Dein schwarzer Ritter kichert leise vor sich hin, greift in seinen Mantel und gönnt sich daraufhin einen Knusperkeks.

„Hallo _!", ertönt es im Chor. Zeitgleich strahlen dich drei aufrichtig grinsende Gesichter an. Das Bild vor deinen Augen ist derartig komisch, dass du selbst lachen musst und für einen Moment den Gedanken des Abschieds verdrängst. Langsam löst sich das kompliziert anmutende Knäuel aus den drei Dienern und kurz darauf stehen sie, wenn auch ein wenig lädiert, in voller Pracht vor dir. „Wir sind gekommen um dich abzuholen.", verkündet Finnian, dessen Spangen krumm und schief nur noch mit Müh und Not seine sonnenblonde Mähne zurückhalten. „Sebastian hat uns persönlich damit beauftragt.", fügt Mey-Rin hinzu und richtet ihre Schürze. „Richtig, jetzt darfst du mit uns arbeiten." Baldroy wirkte mit seiner abgebrochenen Kippe nur halb so glaubhaft, aber trotzdem rührt dich die Art, wie freundlich sie sind –obwohl ihr euch kaum kennt- sehr.

Der Undertaker, der das Schauspiel von der Seite aus mitverfolgt hat hebt nur kichernd seinen Ärmel und murmelt irgendetwas davon, dass der Earl ihn bei diesen Bediensteten wohl doch früher als später besuchen wird um sein Kunde zu sein.

„Also wo sind deine Sachen? Sebastian hat gesagt, dass wir vor dem Abendbrot wieder zurück sein müssen. Es gibt viel zu tun!", erklärt der hübsche Junge mit dem Strohhut dir stolz. „Sie sind hier.", der Silberhaarige hebt einen Holzkorb mit deinen gesamten Habseligkeiten von einem der Särge und reicht sie dem Jungen. Mey-Rin scheint fasziniert und zugleich verschreckt vom Ambiente des Raumes zu sein und macht den Eindruck, als würde sie lieber sofort wieder verschwinden, während Baldroy unbeirrt in seiner Siegerpose dasteht. „Das ist aber wenig.", stellen die Drei fest, als sie den Inhalt mustern. Du lachst unsicher und weiß nicht, was du darauf erwidern sollst. Oh, ich bin ja auch erst ein paar Tage hier. Wo ich vorher war? Dass würdet ihr mir niemals glauben! „Mach dir keine Sorge, Sebastian wird dir neue Kleidung geben!" Daraufhin ist die Magd mit auch schon über alle Berge mit dem Korb. „Wir warten draußen auf dich!" Baldroy und Finnian schließen sich Mey-Rin an und verlassen den schaurigen Ort, der die längste Zeit deines neuen Lebens dein Zuhause markiert hatte.

„Vergiss meine Worte nicht.", er lächelt schwermütig, legt die langen Finger auf die alte Klinke und hält höflich die Tür für dich offen. Mit fast bleiender Schwere trittst du den unendlich lang scheinenden Weg aus dem Geschäft an. Draußen wartet in Sonnenlicht gebadet ein kleiner,aber stabiler Transportkarren mit samt Besatzung auf dich. Deine Füße treten auf das unebene Kopfsteinpflaster der Straße. Bevor du gehst drehst du dich ein letztes Mal um Undertaker um. „Pass auf dich auf." Bevor du reagieren kannst taucht ein schwarzer Fingernagel in dein Sichtfeld ein, tippt dir auf die Nasenspitze und entlockt deinem Gegenüber ein Schmunzeln. „Dann...", beginnst du nach der richtigen Formulierung zu suchen. „Wir werden uns wiedersehen.", beendet der Mantelträger deine Gedanken. Zunächst blickst du ihn verwirrt an, spürst jedoch augenblicklich ein unheimliches Gefühl der Freude. Natürlich würdet ihr das, aber wenn er es selbst sagt, dann muss etwas dran sein.

Das Lächeln kehrt auf deine Lippen zurück.

Wenige Momente später befindest du dich auf dem Weg in die Phantomhive Villa. Die Holzräder des Wagens rumpeln über den liederlich beschaffenen Grund der alten Straßen der Themsenstadt. „Sag mal,_, wie bist du denn an den geraten?" Die Brille Mey-Rins scheint nach dem Sturz ein wenig schief zu sitzen, doch das schien die Purpur-Bordeaux-Haarige wenig zu scheren. Du brauchst eine Geschichte, eine verdammt glaubhafte auch noch dazu. Doch bevor du deinen Mund öffnen kannst um die unsicher zusammengelegten Worten auf die Reise zu schicken, hat Baldroy sich zu euch umgedreht und zu reden begonnen. „Hast du Sebastian denn nicht zugehört, Mey-Rin?"

Nun bist auch du perplex. Was konnte der oberste Butler über dich erzählt haben oder zu wissen gedenken? „_, hat bei einem Adeligen gearbeitet bis dieser familienlos verstorben ist und sie auf der Straße saß. Dann ist sie zum Undertaker gekommen. Es war doch so, oder?" die Drei blicken dich fragend an und auch du wunderst dich zunächst, wie diese Geschichte zu Stande gekommen ist, nickst aber sofort eifrig.

Der Bestatter muss sie sich ausgedacht haben, um dir eine Identität zu verschaffen… Scheinbar hatte er auch hier seine tödlichen Finger des Schutzes nach dir ausgestreckt. Dankbarkeit ist in diesem Moment kein Ausdruck für das, was du empfindest. „Oh, ich erinnere mich.", vernimmst du es unterdrückt betrübt von Mey-Rin, die sich selbst zurechtzuweisen scheint. „Du hast für… wie war doch gleich sein Name?" „Es war der Marquess of Ailesbury, ein komischer Kautz wie man sagt.", verbessert sie Baldroy. Wieder nickst du und steigst in das Spiel mit ein. „Und dann bist du zum Undertaker gekommen? Das ist aber ein ziemlicher Abstieg." Finnian mustert dich besorgt. Ab nun musst du all deine Worte mit Bedacht wählen, denn niemand sollte um das Geheimnis des Leichenflickers wissen. „Der Undertaker ist ein sehr hilfsbereiter Mann, er hat mich selbstlos aufgenommen und bei sich arbeiten lassen.", beginnst du deine Erklärungen.

Zwischendurch riskiert ihr einige Male von der Straße abzukommen, da der selbsternannte Chefkoch das ein oder andere Mal die Pferde auf ihrem Weg nicht beaufsichtigt.

„Wie ist das Leben im Phantomhive-Haushalt?" „Oh, es gibt immer viel zu tun, aber Sebastian macht den größten Teil alleine. Aber wir greifen ihm wo wir nur können tatkräftig unter die Arme!", erklärt der Spangenträger. „Ich bin für den Garten verantwortlich. Das ist meine Passion! Baldroy ist Feuer und Flamme für die Küche und Mey-Rin poliert jedes Fleckchen der Villa auf Hochglanz. Trotzdem geht die Arbeit in einer so großen Villa niemals aus." Du versuchst dir vorzustellen, wie der infantile Earl und sein berechnender Butler solch ein Trio beschäftigen können. „Und dann gibt es noch Tanaka, aber der ist schon alt, trinkt seinen Tee und lacht vor sich hin." „Er arbeitet schon seit Jahrzehnten für die Phantomhive Familie und ist sogar Geschäftsführer der Funtom Company." , zischt es nebst dem Zigarettenqualm aus dem Mund des Kutschenführers. „Funtom Company?", wiederholst du fragend. „Sag bloß, dass du die Funtom Company nicht kennst!" Du schüttelst den Kopf, woraufhin du überraschte Blicke erntest. Daraufhin zieht der Türkisäugige einige bunte Bonbons aus seiner Hosentasche und reicht sie dir herüber.

„Die besten Spielzeuge und Süßigkeiten kommen von der Funtom Company, auch wenn sie sehr teuer sind." Zögernd nimmst du einen der liebevoll eingewickelten Naschereien, packst sie aus und lässt sie in deinem Mund verschwinden. Sofort breitet sich die Süße auf deiner Zunge aus, doch du musst zugeben, dass dieses Zuckerwerk bei Weitem nicht an des Undertakers Kekse herankommt.

Und scheinbar musst du deine Ansicht zum Earl ebenfalls revidieren, auch wenn du des Shinigamis Stimme nach wie vor im Hinterkopf hast. „Wen wundert's? Sie hat für den Marquess of Ailesbury gearbeitet, da bekommt man nicht viel aus London mit." Baldroy schnippst lässig den ausgerauchten Glimmstängel auf die Straße bevor er sich einen neuen aus der Schachtel fischt. „Glaub mir, es wird dir gefallen!", brüllt das Mädchen mit dem extraordinären Haaren drauflos und greift erfreut nach deinen Händen.

Während der Fahrt zur Villa erklären die Drei dir, dass Sebastian sie bereits vor zwei Stunden losgeschickt hatte um dich abzuholen, aber sie diverse Male am Laden den Undertakers vorbeigefahren sind, weil sie nicht glauben konnten, dass du an solch einem Ort tatsächlich leben könntest. „… und dann war es bereits halb drei und wir haben weit und breit kein anderes Bestattungsunternehmen gefunden…" Du schmunzelst bei der Vorstellung diese Chaoten durch London juckeln zu sehen, während sie die die Stadt nach Beerdigungsinstituten absuchen.

Das Ziel eurer Reise ist ein ein gigantisches, hinter hohen Gusseisenzäunen verstecktes Herrenhaus außerhalb der belebten Innenstadt. Hinter dem großen, schwarzen Tor erwarten dich weitläufige, wohlgehegte Rasenflächen und penibel gestutzte Hecken. Der mit knirschenden Schotter ausgestattete Weg führt euch um weitere akkurat bearbeitete Sträucher herum, vorbei an einem großen Springbrunnen hin zu einem taubengrauen Monstrum menschlicher Schöpferkunst. Staunend betrachtest du das efeuumrankte, freundliche Anwesen- dein neues Zuhause. Einen Augenblick später fällt dir auf, dass dieses Bauerwerk später zur eurer zukünftigen Jugendherberge refunktionalisiert wurde. Es gehörte einem Earl, der allerdings spurlos verschwunden ist… Du blinzelst. War der junge Adelige selbst damit gemeint? Bevor du dir den Kopf über diesen Gedanken zerbrechen kannst springt dir auch schon die schwarze Gestalt im Innenhof ins Auge.

Eine genauere Begutachtung der Fassade könntest du auch später vornehmen, zunächst heißt es ankommen und eingewiesen werden. Baldroy weiß die Pferde an zu halten, zeitglich springt Finnian ab, während Mey-Rin über ihre eigenen Füße stolpert, von Sebastian aufgefangen wird sich sofort stammelnd bei ihm bedankt. Nun bist du an der Reihe den Karren zu verlassen.

Respektvoll verbeugt sich der schwarzgekleidete Butler vor dir, richtet sich zu voller Größe auf und mustert dich eingehend. „Willkommen im Anwesen meines Herren, dem Earl Phantomhive, Fräulein _." Mit einer galanten Bewegung bedeutet er dir, dass euer Weg euch nun ins Innere des Gebäudes führen wird. Finnian und Mey-Rin folgen dir, während der dritte im Bunde die Pferde in die Stallungen bringt. „Da der junge Herr in wenigen Minuten den Tee zu sich nehmen wird, werde ich dir zunächst dein Zimmer zeigen. Du kannst dich ausruhen und deine Kleidung einsortieren. Anschließend werde ich dich herumführen und dir deinen neuen Arbeitsplatz zeigen." „Jawohl, Sir.", entgegnest du untertänig, woraufhin der Schwarzhaarige leise lacht. „Nun, im Gegensatz zu seiner Lordschaft bin ich nur ein einfacher Butler." Analog dazu spürst du Finnians Ellenbogen in der Seite. „Du kannst ihn Sebastian nennen.", flüstert er dir ins Ohr.

Das Innenleben der Villa steht dem eindrucksvollen äußeren Auftreten des Herrenhauses um nichts nach. Du findest dich in einem ausladend großen Vestibül mit holzvertäfelten Wänden und zwei elegant geschwungenen Holztreppen wieder. Links und rechts, hinter den Trägersäulen führen aufwändig verzierte Holzpforten zu weiteren Räumen. Große Säle, wie du vermutest. Der Hauptweg ist ausgelegt dunklem Teppich, der restliche Boden bedeckt mit handverlegten Edelhölzern. Die Tatsache, dass des Undertakers Haus in diese Halle passt übergehst du geflissentlich.

Mit festem Schritt folgst du Sebastian Michaelis durch einige Türen hin zu einem eher spartanisch anmutenden Teil des Hauses: den Räumen der Bediensteten. Tapete und einfacher Steinboden nebst älteren Wandleuchtern ersetzen das luxuriöse Erscheinen mit schlichter Zweckmäßigkeit. Links von dir erkennst du mehre fensterlose Kammern, Lagerräume und Besenschränke. Kurz darauf schließt sich eine großräumige Küche mit Backstube an, während zur Linken die Personalräume zu sein scheinen. Der oberste Butler bleibt abrupt vor einer dieser Türen stehen, zieht einen Schlüssel aus seinem Jacket, öffnet den kleinen Raum und lässt dich eintreten.

Im Gegensatz zu deinem vergangenen Schlafplatz verfügt diese Kammer über ein kleines Fenster, einen Holzschrank sowie Tisch und Stuhl. Auch ein leeres Regal und ein Hocker stehen zu deiner vollsten Verfügung bereit. Geräuschlos stellt der Herr mit den Pyropaugen deinen Korb ins Zimmer, verbeugt sich ein letztes Mal und verschwindet mit katzenhafter Stille Richtung Küche. „Wenn du Hilfe brauchst, dann lass es uns wissen wir …." „Mey-Rin, das Geschirr trägt sich nicht von alleine in die Küche." „Sehr wohl Sebastian!" Schon sind beide Diener verschwunden, während du alleine in deiner neuen Unterkunft stehst.

Schweigsam nimmst du den großen Korb und stellst ihn neben dein neues Bett, während du selbst dich darauf niederlässt. Die Wucht der Einsamkeit trifft dich mit all ihrer Brutalität. Wieder ist es eine Art Neubeginn für dich. Beim Undertaker war dein Leben geregelt, wenn auch planlos. Hier würdest du viel zu tun haben und wenige Freiheiten haben. Zudem fällt es dir schwer Sebastian Michaelis einzuschätzen. Auf der einen Seite schien er eine Art Superbutler zu sein, der gleich einem Schatten seinem Herren den Weg ebnete, aber zum anderen…

Du erinnerst dich an eure letzte Begegnung auf dem Friedhof und an die schwerwiegenden Folgen, die es für dich hatte. Aus irgendeinem Grund schien der Undertaker eine Aversion gegenüber des Butlers zu hegen. Du kannst allerdings nicht ausmachen, ob Letzterer ebenfalls eine derartige Meinung über den Bestatter hatte. Du rekapitulierst die Szenerie im Geschäft, die Investigation Ciels nach dem Mörder der toten Huren. Nein, dort findest du auch keinen Anhaltspunkt. Dir schwant, dass du diese Frage so einfach nicht beantworten können würdest. Ferner findest du durch Überlegen heraus, weshalb Sebastian damals so reagiert hatte. Du kannst ihn nicht einschätzen, aber irgendein subtiles Gefühl sagt dir, dass auch er seine Taten mehr als nur eiskalt berechnend ausführt. Davor wollte der Undertaker dich vielleicht warnen. Du würdest dich hüten.

Seufzend erhebst du dich und beginnst deine wenige Kleidung im Schrank zu verstauen. In Anbetracht der Tatsache, dass dein Hab und Gut einen verschwindend geringen Platz im großen Holzmobiliar einnimmt. Den Rest der Zeit legst du dich aufs Bett und wartest ab. Es gibt nichts für dich zu tun, du musst auf Sebastian warten, erst dann würdest du dich frei bewegen können. Der Duft von backenden Teigwaren steigt dir in die Nase. Wie es scheint bereitet der Butler dem Earl zum Tee noch eine kleine Nascherei. Es fällt dir schwer zu glauben, dass ein steifer kleiner Junge gleich dem Earl überhaupt Zuckerwaren zu sich nimmt. Dazu wirkt er viel zu erwachsen.

Du schließ die Augen und beginnst zu dösen. Mehr kannst du in diesem Augenblick nicht machen. Die Gefühle in deinem Magen sind gemischt und aufgewühlt. Du vermisst das Institut, bist voller Vorfreude auf ein Wiedersehen, fühlst dich gleichzeitig aber auch unsicher und ungeschützt an diesem Ort. Baldroy, Finnian und Mey-Rin konntest du als durch und durch freundlich einschätzen, der Earl selbst war ein leeres Buch für dich und Sebastian…

deshalb lass dir gesagt sein, dass seine Herrschaft und sein Ketten gelegter Wachhund ebenfalls nicht immer die sind, die sie vorgeben zu sein…"

In Ketten gelegter Wachhund… Was der Shinigami dir auch immer damit sagen wollte, es bedeutete auf jeden Fall, dass du dich besser nicht in private Geschehen einmischen solltest. Du würdest einfach das tun, was am sichersten wäre für dich: deinen Pflichten nachgehen und keine auffälligen Dinge machen. Unbewusst streichen deine Finger über den Anhänger an deinem Hals. „Wir werden uns wiedersehen."

„_.", vernimmst du die seidenweiche Stimme. Du schlägst die Augen auf. Im Türrahmen steht er, der Mann mit den rabenschwarzen Haaren und den almandinfarbigen Iriden.

Mit einer lässigen Kopfbewegung weist er dich an ihm zu folgen…