Du tust wie dir geheißen und erhebst dich von deinem Bett um dem Butler zu folgen. Von Baldroy und den anderen beiden Grobmotorikern ist allerdings nicht der Hauch einer Spur. „Wie du bereits erkannt haben wirst, befinden wir uns hier in den Unterkünften der Bediensteten. Hier wirst du die meiste Zeit des Tages verbringen." Eleganten Schrittes setzt sich der schwarzgekleidete Herr in Bewegung und beginnt mit eurem Rundgang durch die engen Flure des Anwesens. Die Küche markiert euren ersten Zwischenstopp. Dieser Raum besitzt nur einen großen Torbogen der ihn mit der anliegenden Kammer verbindet. So ist es leichter Speisen herumzutragen ohne sich mit dem lästigen Öffnen und Schließen der Türen abzumühen. Du blickst auf ein weitläufiges Arbeitsareal, das problemlos ein dutzend Köche in Vollzeit beschäftigen könnte. Jedoch befindet sich hier keine Menschenseele, was dich darauf schließen lässt, dass die wenigen hier arbeitenden Hanseln die Arbeit übernehmen. Folglich nur Baldroy und Herr Michaelis.
Sorgfältig gestapelte Töpfe, Terrinen und Glasschalen reihen sich in hochgehängte Holzregale unter denen große Arbeitsflächen mit einer verspottend großen Auswahl an Gebrauchsutensilien anschließen. Geschärfte Messer, Beile und Sägen zum Herrichten großer Braten lagern akkurat und sicher in Griffweite während ein Kosmos an Gewürzen und frischen Kräutern auf anderen Anrichten darauf wartet verwendet zu werden. Die fensterlose Lagerkammer beinhaltet wachsversiegelte Tontöpfe, Säcke und Körbe gefüllt mit diversen Gemüsen sowie kleinere Behältnisse mit scheinbar edleren Zutaten. Dein Auge kann nicht alle Details einzelnen aufnehmen, dazu ist der Raum einfach zu groß. Zentral gelegen findet sich eine große Arbeitsplatte, auf der sich das benutzte Geschirr des jungen Earls befindet. Sebastian steuert direkt auf das filigran bemalte Porzellan zu und fährt mit den reinweißen Fingerspitzen seiner Handschuhe über den Rand des Silbertabletts.
„Mit wurde zugetragen, dass du im Haus des Marquess für die Wäsche unterteilt warst.", seine Augen fixieren dich. Du nickst, da du selbst nicht weißt, was der Undertaker über dich erzählt hat. Du kannst nur hoffen, dass der Mann vor dir nicht plant herauszufinden, ob es sich dabei auch um die Wahrheit handelt. „Diese Aufgabe ist in diesem Hause allein mir, dem Butler seines Herrn, vorbehalten. Ein Aristokrat seines Standes legt sehr viel Wert auf die Makellosigkeit seines Auftretens. Aus diesem Grunde nehme ich mich dieser Pflicht an." Wieder nickst du und bist innerlich ein ganzes Stück erleichtert. „Ebenfalls obliegt mir die Zubereitung der Speisen." Seine Blicke durchbohren dich. „Bist du in der Lage eine Küche zu führen?" Der süffisante Unterton seiner Worte entgeht dir nicht. Eine rhetorische Frage. Da du allerdings – allein um des Undertakers Willen- bemüht bist dich unauffällig zu verhalten, gibst du dich diplomatisch. „Kochen gehörte nie zu meinen Aufgaben, ich bin jedoch lernfähig und verfüge über eine gute Auffassungsgabe." Das klingt zwar fast wie einer dieser Floskeln auf Auswertebögen, scheint allerdings beim Butler den gewünschten Effekt zu erzielen. „Gut." Sebastian lächelt unheilverkündend und verlässt den Raum. Du bist weiterhin angespannt, hoffst aber, dass du es schaffst dich als flexibel einsetzbare Arbeitskraft darzustellen.
Anschließend wirst du über den Aufenthaltsort der Reinigungsinstrumente aufgeklärt. Mey-Rin, die junge Dame, die scheinbar rechts von links und oben von unten nicht unterscheiden kann ist laut Sebastians Angaben verantwortlich für die Sauberkeit in diesen noblen Hallen. Du wunderst dich, wie sie es schafft, dass das Innere dieses Hauses bei ihrer offensichtlichen Tollpatschigkeit so mikroskopisch rein sein konnte. Allgemein weckt der gesamte Zustand dieses Palastes in Anbetracht der Dienerschaft Skepsis in dir. „Ich nehme an, dass du in der Lage bist Mey-Rin gebührend unter die Arme zu greifen." Analog zum Satzende schwingt die Tür der Besenkammer sachte zu und das Einrasten der Klinke ist vernehmbar. Da du bereits beim Undertaker einige Male den Laden auf Vordermann gebracht hast, sollten Staub und Flecke keine großen Probleme darstellen- hätte diese Villa nicht Dimensionen ungeahnten Ausmaßes. „Natürlich.", erwiderst du demütig und der Rundgang geht weiter. Ihr verlasst die simpel erscheinenden Unterkünfte und findet euch erneut im dekadenten Universum des britischen Hochadels wieder. „Ich werde dir nun jenen Ort zeigen, an dem mein Herr zu Leben pflegt."
Ihr beginnt in der großen Empfangshalle, zu der der Butler nicht viel zu sagen hat außer, dass hier die Gäste im vollem Umfang der phantomhiv'schen Gastfreundlichkeit in Empfang genommen werden. So gleicht geht es weiter durch die, wie du richtig vermutet hast, anliegenden Säle. Im Grunde gesehen sind es normale Wohnräume, doch die Deckenhöhe und die über alle Maßen gewählte Ausstattung machte aus jedem einzelnen Raum eine kleine Halle. „In dieser Räumlichkeit verkehrt der junge Herr mit außerplanmäßigem Besuch." Du musterst den ausladend langen Tisch mit den wenigen hochlehnigen Stühlen.
Es folgt ein Lese- oder Studierzimmer mit Kamin mit schier endlosen Bücherregalen und komfortabel ausgepolsterten Sesseln aus Massivholz. „Hier pflegt der junge Herr nach dem Geschäftstag Erquickung zu finden." Stumm nickst du und folgst dem Anzugträger. Deine Füße treten auf Parkett. Der gesamte Raum glänzt mit Abwesenheit von Mobiliar, einzig Bilder an den Wänden und die schweren Stoffvorhänge an den Fenstern lassen den Raum bewohnt wirken. „Fechtkunst.", werden deine Blicke kommentiert.
Irgendwann hörst du auf die Räume zu zählen, es sind einfach zu viele. Ferner ist es unmöglich sie alle regelmäßig zu benutzen, außer Ciel Phantomhive ist ein Tausendsassa, dessen Tag achtundvierzig Stunden hat. Trotz alledem scheint jedes Zimmer anstandslos in Topform zu sein, ganz zu deiner Skepsis. Heimlich suchst du nach dem versteckten Putztrupp, der sich hinter jeder nächsten Tür befinden muss. Doch ihr seid alleine- du und Sebastian Michaelis, der ebenfalls all deine Reaktionen mit größter Sorgfalt zu beobachten scheint. Irgendetwas an diesem Mann lässt deine Alarmglocken ertönen. Der Shinigami hat dich gewarnt, doch worin genau die Gefahr im Earl und seinem Diener bestünde, hat er dir verschwiegen. Möglicherweise sollst du es auch gar nicht herausfinden. Deine Augen liegen auf den Schultern des Butlers. Katzenhafte Anmut, kultivierte Artikulation und respektabnötigender Demut stehen arglistiger Berechnung und einem zweiten, dir unbekanntem Ich gegenüber. Du hast bereits einmal spüren dürfen, dass diese Gestalt vor dir ihre Spielchen spielt.
Ihr seid nun eine Runde rum, wobei du jedoch befürchtest, dass du dich in der Villa verlaufen könntest ohne einen detaillierten Lageplan. Im Angesicht der Tatsache, dass es noch ein weiteres Geschoss gibt, kapitulierst du innerlich bereits jetzt. „Es folgen die privaten Gemächer der Lordschaft." Der Diener mit den Rubin Iriden geleitet dich in den Speisesaal Ciels und erklärt dir, dass der Earl zu genau festgelegten Tageszeiten seine Mahlzeiten in Anwesenheit der Dienerschaft zu sich nimmt. Tee sowie Gebäck verzehrt er allerdings an seinem Arbeitsplatz und dieser, so betont Sebastian es mit Nachdruck, sei lediglich für ihn als oberster Butler zugänglich, da das Familienoberhaupt der Phantomhives sehr ungehalten auf extraordinäre Störungen reagieren kann.
Du weißt also nun wo sich das Geschirr, der Speisesaal sowie Arbeits- und Schlafräumlichkeiten befinden. So führt der Weg zurück in die große Küche, denn noch immer steht nicht fest was genau du hier in naher Zukunft zu erledigen hast, und auch Sebastian scheint noch einige Fragen an dich richten zu wollen – ganz zu deinem Ärgernis. Mit lasziver Haltung lehnt sich der offensichtlich selbsteingenommene Butler an die Arbeitsfläche und mustert dich mit seinen granatfarbigen Augen genau. „Der Marquess of Ailesbury also.", stellt er mehr fest, als das er es zu dir sagt. Zu keinem Zeitpunkt scheint er zu blinzeln oder die Augen von dir zu nehmen. „Wie gerät eine junge Dame deines Auftretens an ein Bestattungsinstitut?" Wieder fühlst du dich nackt, als würden seine Blicke dich langsam, aber unaufhaltsam entkleiden. Seine Wirkung ist ihm mehr als nur bewusst- ganz zu deinem Unwohlsein. Glücklicherweise scheint er diese Frage wieder mehr sich selbst zu stellen als an dich, so bist du –vorerst- nicht dazu genötigt eine Antwort zu geben. Warum hatte der Undertaker dich nicht über dein „Schein-Ich" aufgeklärt? Wollte er denn nicht, dass du so offensichtlich lügst?
Du bemühst dich um eine ausdruckslose Miene, damit Sebastian keinen Verdacht an der Unwahrheit deiner Herkunft schöpfen könnte. Seine Blicke wandern deinen Körper hinauf und hinab, verharren kurz an deiner Halskette und legen sich letztendlich wieder auf dein Gesicht. „Nun.", mit einer sanften Bewegung stößt er sich ab und kommt einige Schritte auf dich zu. „Wie du mitbekommen haben wirst, agiert mein junger Herr unter anderem im Dienste ihrer Majestät." Du nickst stumm. „Um weiterhin die Eingaben des Königshauses zu erfüllen, benötigen wir Informationsquellen, die sowohl vertrauenswürdig als auch loyal sind.", spricht er weiter, während er mit betont elegantem Gang einen Halbkreis um dich zieht und dich beäugt. „Der Undertaker war stets einer dieser Posten, und aus diesem Grunde sind mein Herr und ich bestrebt diese Verbindung intakt zu halten." Dir wird bewusst worauf der Schwarzhaarige hinaus will. Der Shinigami muss den Earl vor die Wahl gestellt haben, oder ihm zumindest verdeutlicht haben, dass er nur unter der Bedingung, dich hier aufzunehmen, weitere Handel mit dem infantilen Adeligen eingehen wird. Natürlich konnte der Bestatter soweit gehen, Ciel Phantomhive war schließlich auf seine Informationen angewiesen, während der Undertaker im Gegenzug keinerlei Bezahlung oder Vergütung bedurft- eine eindeutige Machtverteilung. Wenn hier jemand Forderungen stellen konnte, dann nicht der Junge mit der Augenklappe. Sebastian Michaelis schien diesen Umstand ebenfalls erkannt zu haben.
Du unterdrückst die Röte, die dir ins Gesicht steigen will. Scheinbar hatte sich da jemand, wenn auch auf seine Weise, ziemlich für dich eingesetzt. Doch das sollte der Frackträger vor dir nicht anhand deiner Expressionen herausbekommen. Damit würdest du euch nur verraten.
Wenn das Lächeln der Mona Lisa schon geheimnisvoll war, dann fragst du dich was Da Vinci bei dem kryptischen Ausdruck auf Sebastians Lippen wohl gesagt hätte. Gleich dem Leichennäher ist dieser Herr genauso undurchschaubar für dich, wenngleich seine Art etwas raubtierhaftes an sich hat.
„Wie dem auch sei.", führt er nach einigen beklemmenden Augenblicken des Schweigens fort, "Uns wurde versichert, dass du eine vertrauenswürdige, pflichtbewusste junge Dame seist." Nun steht Sebastian Michaelis unmittelbar vor dir, so nah, dass nur wenig Luft zwischen euch die einzige Barriere darstellt. Nach wie vor liegt dieses unverständliche Lächeln, das der Sphinx alle Ehre machen würde, auf seinen schmalen Lippen. Deine Muskeln spannen sich an, dein Herz schlägt schneller. „Der Bestatter muss mehr in dir gesehen haben.", seine behandschuhten Finger richten mit größter Sorgfalt, jedoch ohne dich zu berühren, den leicht verdrehen Kragen deines Kleides zu recht, während er sich weit genug vorgebeugt hat, damit er in dein Ohr flüstern kann. „Also ist es nun an mir herauszufinden was es ist, _." Dein Name auf seiner Zunge und die laszive Art in der er ihn betont lässt dich schaudern. Wohin hatte der Undertaker dich geschickt, und wer ist dieser Sebastian wirklich? Der Butler, der dir so frivol klingende Worte ins Ohr haucht, hat ebenfalls ein sehr wachsames Auge.
Geräuschlos richtet er sich wieder zu voller Größe auf, nimmt einen annehmbaren Abstand ein und sieht auf dich hinab. Du fragst dich, ob du nicht insgeheim ein großes Schild auf dem Rücken trägst, das dich als offensichtlichen Fremdling ausweist. Sicherlich charakterisiert dich dein vorsichtiges Verhalten und deine Art die Dinge zu betrachten, aber machen diese Umstände dich tatsächlich so offenkundig andersartig? Ganz zur Belustigung des rotäugigen Bediensteten wandelt sich deine Mimik für den Bruchteil eines Herzschlages. Ein selbstgefälliges, fast kaum hörbares Lachen verlässt ihm. „Möglicherweise steckt in dir mehr als eine gewöhnliche Magd, die Zeit wird unser Zeuge sein." Leicht neigt er seinen Kopf zur Seite, während er die Hand betont stilvoll erhebt um seine Worte mit angemessener Gestikulation zu unterstreichen. „Bis dahin heiße ich dich im Namen des gesamten Phantomhive Haushaltes willkommen. "
Wie es scheint ist seine kleine einseitige Vernehmungsstunde unvermittelt vorüber. Mehr als einen unbestätigten Verdacht scheint er nicht zu haben – jedenfalls scheint er die Sache vorerst auf sich beruhen zu lassen. Trotzdem solltest du dich möglichst unauffällig verhalten – und bei deinem nächsten Stadtbesuch unbedingt mit dem Undertaker kurzschließen. Dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, das würde selbst ein…
Deine Gedanken kehren in die Küche zurück. Sebastian mustert dich weiterhin still und aufmerksam. Du erwiderst seine Blicke, woraufhin er freundlichst lächelt. „Ich vermute, dass du Lesen, Schreiben sowie Rechnen kannst?" Du bejahst seine Frage. Dass du mehrere Jahre die Schule besucht hast… das sollte lieber dein Geheimnis bleiben, denn als einfache Magd ein derartiges Bildungsniveau vorzuweisen wäre in deinem Fall mehr als fatal.
„Ich nehme an, dass der Undertaker dich mit gehaltvolleren Aufgaben betraut hat, richtig?" Noch immer scheint er abzuschätzen was er mit dir anfangen soll. Du erklärst ihm, dass du sowohl Einkäufe als auch Grabpflege oder sonstige anfallende Aufgaben übernommen hast, damit der Bestatter voll und ganz seinem Haupthandwerk- oder eher Steckenpferd- nachgehen kann. Du erinnerst wahrheitsgemäß an die tausenden von Rosenblättern und die Reinigung des Gotteshauses. Sebastian mustert dich ein letztes Mal eingehend bevor er einen ersten Beschluss fasst. „Du wirst mir persönlich zur Hand gehen, nur so kann ich sicherstellen, dass deine Fertigkeiten vollste Ausschöpfung finden. Von mir wirst du deine Befehle erhalten und diese haben oberste Priorität. Solltest du mit deinen Aufgaben fertig sein, so wirst du Mey-Rin in der Erfüllung ihrer Pflichten behilflich sein." Sein Lächeln ist verschwunden, der Tenor hat einiges an Schärfe gewonnen. Untertänig nickst du. „Ich werde dir nun Dienstkleidung bringen. Es ist dir freigestellt sie zu tragen solange das Haus Phantomhive keinen Besuch empfängt. Anschließend bereiten wir das Abendmahl für den jungen Herren vor."
Wenige Augenblicke später stehst du wieder in deinem neuen Schlafgemach. Die Sonne ist bereits vollends untergegangen und die Kerzen an der Wand spenden den wohlvertrauten Lichterschein. Obwohl das Haus bereits über Strom verfügt sind nicht alle Bereiche der herrschaftlichen Villa damit ausgestattet. Schweigsam setzt du dich aufs Bett und wartest darauf, dass Sebastian Michaelis dir standesgemäße Arbeitskleidung bringt. Du planst sie zu tragen, damit die Stoffe, die der Undertaker dir gekauft hat, nicht schmutzig werden und Flecken bekommen. Undertaker… Was der Shinigami wohl in diesem Augenblick so tut? Ob er deine Anwesenheit vermisst?
„Ich entschuldige mich zu tiefst für mein Verhalten." Auf leisen Sohlen muss der Butler sich in dein Zimmer geschlichen haben, jedenfalls erschreckst du dich, als er plötzlich neben dir steht, einen Stapel Kleidung in den Händen haltend. „Sebastian.", fügt er gewohnt förmlich hinzu. Es wundert dich, dass ein Herr seines Formates es dir anbietet ihn beim Vornamen zu nennen. Du nimmst es hin, nickst und lässt dir die Kleidung geben. „Ich erwarte dich in der Küche." Schon ist er dem Raum entflohen.
„Entgegen den Gepflogenheiten wird das Abendmahl aufgrund des verspäteten Tees ein wenig einfacher ausfallen." Sebastian trägt inzwischen eine Schürze, damit sein edler Anzug keine Spritzer und Klekse abbekommt. Du wunderst dich, wie schnell er es geschafft hat sämtliche Zutaten herzurichten und aufzustellen. Neben dir steht Baldroy, der nicht gerade den Eindruck macht, als sei ihm nach fummeliger Kleinstarbeit mit dem Messer. „Deshalb wird der junge Herr sich am heutigen Abend mit lediglich einem Gang zufrieden geben." Du fragst dich, ob die beiden Männer im Raumen jeden Tag so einen höllischen Aufwand betreiben nur um den kleinen Jungen dort oben gnädig zu stimmen. Du ziehst die Schleife deiner Kleidung fester und machst dich auf das Kommende bereit.
Aus einer kleinen Schublade zieht der Butler ein handgeschriebenes Kochbuch hervor und reicht es euch. „Potage aux feuilles d'épinards et d'oseille, garni de son petit oeuf de poule poché et julienne de volaille", kommentiert er seine Handlung und greift das Messer.
Dass die englische Küche nicht gerade für ihre raffinierte Speisekarte bekannt ist, das hat sich auch in deinem Jahrhundert nicht geändert, jedoch derartig kulinarische Geschütze aufzufahren, stimmt dich ein wenig sprachlos. Und schon stehst du vor dem ersten Problem: was soll dir dieser Haufen an französischen Worten eigentlich sagen? „Spinat- und Sauerampfer-Suppe mit einem pochierten Ei und dem Huhn Julienne? Ich wusste gar nicht, dass die Tiere nun schon Namen bekommen." Beginnt Baldroy hinter dir zu wundern. Wenigstens denkt er laut, so hast nun auch du in etwa eine Grobe Vorstellung vom Abendmenü. „Julienne bedeutet lediglich die Zubereitungsart, Bard.", stellt der Anzugträger mit einem Hauch an Belustigung fest. „Zum Ausgang wird Crème brûlée à la pistache gereicht. Auf ein Entrée wird heute verzichtet." Ein zweites Rezept wird dir gereicht, und wenn du ehrlich bist, dann fühlst du dich bereits jetzt mit der Situation überfordert. Zu deiner Erleichterung scheint der selbsternannte Chefkoch mit der Fluppe in der Schnute ebenfalls genauso ratlos. Nur der Butler selbst scheint zu wissen was er da tut.
„Bard, du wirst das Huhn zubereiten, _, du das Dessert und ich werde mich der Suppe annehmen.", lautet die Anweisung. „Ha! Huhn, das ist mein Spezialgebiet." Sofort schlängelt sich der Blonde mehr oder minder elegant durch die Küche, nimmt das erste Hackwerkzeug in Reichweite und will sogleich damit beginnen das Fleisch vor ihm zu massakrieren. „Ich würde dich bitten mir kleine, lange Stücke zu schneiden und diese dann rezeptgemäß herzurichten.", tönt es aus dem Munde des Mannes, der bereits dabei ist das Grünzeug vor sich zu bearbeiten. Nur du stehst noch immer mit einem Zettel in der Hand da und überlegst, wie man ein Crème Brûlée am besten bewerkstelligen könnte. Freundlicherweise steht in filigraner Handschrift die detaillierte Anleitung unter der Zutatenliste.
So schlägst du das Ei auf und zerhackst die Pistazien, während die restlichen Zutaten auf dem Herd aufkochen. Anschließend fügst du das heiße Gemisch unter ständigen rühren hinzu, penibel darauf bedacht keinen Fehler zu machen. Sebastians Augen ruhen derweil auf deinen Händen, was die Angelegenheit um einen weiteren Grad an Schwierigkeit erhöht. Baldroy hat inzwischen ein Schlachtfeld auf seinem Arbeitsplatz angerichtet und das Hähnchen zu einemweit verteilten Fleischpuzzle verarbeitet, doch der oberste Butler scheint dem keinerlei Bedeutung beizumessen. Überhaupt scheint er weder auf seine Hände noch auf die Zubereitung der Speise selbst achten zu müssen.
Fünf Minuten später steht dein Werk im obligatorischen Wasserbad in den Tiefen des heißen Ofens und wartet darauf langsam aber sicher in sengender Hitze zu stocken. Auch die Suppe ist bereits am Köcheln, nur das Fleisch, oder besser gesagt den noch zu identifizierenden Teil davon, scheinen Probleme zu bereiten. „ich danke dir, Bard. Wärst du nun so freundlich und lässt Mey-Rin und Finnian wissen, dass sie sich in absehbarer Zeit hier einzufinden haben?" „Natürlich Sebastian." Stolz wie Oskar fischt der Angesprochene sich eine neue Zigarette aus der Schachtel und marschiert aus der Küche. Deinem Gegenüber entweicht ein stiller Seufzer, woraufhin er das misshandelte Huhn auf einen kleinen Teller tut und ebenfalls die Räumlichkeit verlässt.
Die Welt steht Kopf. Du kannst nicht nachvollziehen, dass das Leben hier tatsächlich derartig chaotisch von statten gehen soll. Der einzige Ruhepol scheint der Rotäugige selbst zu sein, der sich nebst der anfallenden Arbeit zusätzlich noch den Verfehlungen der chaotischen Dienerschaft annimmt. Dass Baldroys Wirken hier mehr als nur kontraproduktiv ist, das steht außer Frage, doch weshalb duldet der ansonsten so aalglatt wirkende Sebastian Michaelis dieses Verhalten? Du blickst aus dem Küchenfenster in den spärlich beleuchteten Hinterhof des Anwesens. Zu deiner Überraschung steht dort ein gewisser Frackträger, umlaufen von einer Schaar Katzen und Kätzchen, die sich flehend nach dem Huhn auf dem Teller an seinen Beinen reiben und hindurchschlängeln. Du kannst nicht anders als die Braue hochzuziehen, den Kopf zu schütteln und deinen Arbeitsplatz weiter aufzuräumen.
„Wie mir scheint verfügst du über ein gebräuchliches Maß an Können.", stellt der offensichtliche Katzennarr fest, als er die Nachspeise durch das kleine Ofenfenster begutachtet. In Windeseile bereitet er die fehlende Komponente der Mahlzeit, das Huhn, zu. Du kannst nur stumm staunen bei dem Anblick, der sich dir bietet. Vor deinen Augen bereitet der Butler in Windeseile eine Mahlzeit vor, die den Sterneköchen deiner Welt das Fürchten gelehrt hätte. Scheinbar gibt es nichts, was dieser Mann auf den ersten Blick nicht zu können scheint – ganz zu deinem Misstrauen.
Mit unüberhörbarem Scheppern kündigt sich das Chaostrio an. „Mey-Rin, die Teller." „Sehr wohl, Sebastian." Sofort ist sie verschwunden. „Finnian, der Servierwagen muss gereinigt werden." Mit eifrigem Kopfnicken ist auch der Junge mit dem Strohhut verschwunden. Zeitgleich ertönt die Glocke aus dem Arbeitszimmer." Seufzend erklärt Sebastian Bard, dass er das Fleisch lediglich überwachen soll, während er aus der Küche eilt. Ruhe ist in diesen Hallen wohl ein Fremdwort. „Und, wie gefällt es dir hier?" Der Chefkoch kramt aus den Tiefen des Schrankes eine Gerätschaft hervor, die dich eher an einen futuristischen Hexenoxidator erinnert, als an ein Küchenutensil. Skeptisch siehst du den Herren vor dir beim herumwerkeln zu. „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.", hältst du Baldroy davon ab die Hähnchenstreifen in Kohle zu verwandeln. „Meinst du nicht? Sebastian freut sich doch bestimmt, wenn er wiederkommt und das Fleisch ist gut durch."
Du lachst unsicher über die Methoden des vermeintlichen Cuisinier. Wenn dieser Mann vor dir tatsächlich ein Koch ist, dann bist du Victorias Schwippschwägerin. „Ich denke…", überlegst du dir eine diplomatische Antwort, „…,dass das Fleisch unter diesen Umständen kein Zeit bekommt sein volles Aroma zu entfalten." Das ist zwar mehr als nur an den Haaren herbeigezogen, verletzt aber den Grobmotoriker vor dir nicht, sondern bringt ihn zur Räson. „Wenn es gut werden soll, dann dauert's wohl, was?", stellt er fest und legt den Flammenwerfer beiseite. „Aber für deine Süßspeise brauchen wir Feuer!" Du nickst. Auch Sebastian ist wieder da, wenngleich er ein wenig genervt wirkt. Das mag gut daran liegen, dass hinter ihm eine verwüstete Magd mit einem halbzerbrochenen Tellerset die Küche betritt. Du rümpfst die Nase über den desolaten Zustand Mey-Rins und fragst Baldroy, ob es hier jeden Tag so zugeht. „Natürlich!", erklärt dieser dir selbstsicher. „Wir sorgen dafür, dass alles läuft."
Kurz darauf kommt Finnian mit einem eiernden Servierwagen eingetrudelt. Die Situation ist komisch. Urkomisch. Unterhaltsam, doch irgendwie trügerisch. Du atmest langsam aus und beobachtest das Schauspiel vor dir. Dein erster Abend.
Willkommen im Phantomhive Haushalt.
