Erstaunlicherweise bist du wach bevor ein gewisser Herr dich aus deinem friedlichen Schlaf reißt, um dich mit Wagenladungen an Aufgaben zu bepacken. Noch ist die Welt außerhalb der Bettdecke kalt und duster. Von draußen dringt das gedimmte Licht der schneeüberzogenen Laternen durch dein kleines Zimmerfester und taucht den Raum in verblassende Orangenuancen. Das Leben scheint zum Erliegen gekommen sein, die Zeit steht für diesen ruhigen Moment der Einkehr still. Doch der Schein trügt, denn in wenigen Minuten würde die Tür unerbittlich aufgezogen, du aus deinem vermeintlichen Schlaf geweckt werden und ein langer Tag seinen Lauf nehmen. Je nachdem wie lange die Inder und Lau den Earl beehren würden, stünden Stunden harter Arbeit bevor. Du bist gestern bereits sehr müde ins Bett gefallen und hattest nicht einmal mehr eine Minute um die Ereignisse des Tages revuepassieren zu lassen. Bei der Unruhe, die die fremdländischen Gäste mit sich brachten, verbleibt auch kaum ein Augenblick zur Selbstreflektion.

Die Arbeit hier macht auf ihre eigene Art und Weise Spaß, wenngleich sie vollends auslastend ist. Du musst zugeben, dass du erstaunt bist, welch internationale Besucher hier einkehren, und wie viel Kulturverständnis erforderlich ist, um jedes noch so kleine Detail im großen Mosaik der Gastfreundschaft im Auge zu haben. Sebastian Michaelis beherrscht dies natürlich wie kein zweiter seines Faches, aber an diesem Mann stinkt etwas gewaltig – bildlich gesprochen…

Du reibst die Augen und streckst dich noch einmal genüsslich, bevor man deinen kleinen Frieden hier rigoros zerstören würde. Warum hetzen, wenn man doch noch einmal sich in die warme Decke kuscheln konnte?

„Mey-Rin, das Geschirr. Bard, Finnian, die Wege vor dem Anwesen. _, das Frühstück." Aufgabendistribution à la Michaelis: knapp und präzise. Los geht es: Du besorgst die Marmeladen, Konfitüren sowie weitere dir bis dato unbekannte Aufstriche aus der Kammer, presst gefühlte hundert Orangen für einen frischen Saft aus und richtest alles – wie dir geheißen – in und auf kleinen Schälchen, Tellerchen und goldüberzogenen Etageren an. Auch wenn du dir Mühe gibst und versuchst es möglich akkurat und edel aussehen zu lassen, wirken deine „Dekorationen" nebst denen des dunklen Dieners selbst eher dilettantisch und armselig. Ohne es zu wollen, bist du von deinem vermeintlichen Mangel an künstlerischem Talent peinlich berührt, aber du vergleichst dich hier immerhin mit Sebastian Michaelis, dem Epitom eines Butlers. Ihm in irgendeiner Form ebenbürtig zu sein ist vergleichbar mit dem Versuch eine halbe Tonne Hack zurück zu einer Kuh oder einem Schwein zu puzzeln. Das könnte wahrlich niemand… Doch, der Undertaker, aber dieser Mann würde so ziemlich alles wieder zusammengenäht bekommen und es ginge als Leiche durch. Verdammt!

Die Abwesenheit deiner Fingerfertigkeiten wird dir allerdings nicht zur Last gelegt. Im Gegenteil, denn scheinbar ist der Rotäugige an diesem Morgen weniger gehetzt als in den letzten Tagen. So nimmt er sich die Zeit um dir zu erklären, wie man mit wenigen effektiven Handgriffen selbst die simpelste Marmeladenschale optisch reizvoll verziert. Ein paar weitere Tricks und Kniffe später wendest du dein erworbenes Wissen an einem Keramikprobanden an. Gut, Übung macht den Meister, aber die Technik hast du verstanden und das zählt, nicht wahr? Du hast keine zwei linken Hände, bist nun aber auch kein geborener Dekorateur. Sebastian bekundet überraschend und zu deiner Verwunderung, dass deine Werke für den Anfang nicht schlecht seien – im Vergleich zu Mey-Rin oder Bards. Du darfst also auch den Rest verzieren und nach deinen Vorstellungen gestalten. Der Butler sieht dir dabei dann und wann auf die Finger, während er mit der Plätte die eingetroffene Tageszeitung glattbügelt.

Du bist stolz auf dich, auch wenn fortschrittstechnisch noch Luft nach oben ist. Der Schwarzhaarige hat ebenfalls recht wenig zu beanstanden, als er das Geschirr auf den – inzwischen wieder funktionstüchtigen- Silberwagen stellt. Je öfter du es machst, so redest du dir ein, desto schneller würdest du mehr und mehr Finesse an den Tag legen, richtig?

Eine Minute später steht das Triumvirat maximaler Unruhe im Raum und wartet auf weitere Eingaben. Mit dem makellos faltenfreien Printmedium über dem Arm hängend, marschiert der Herr im Frack vor euch auf und ab. „Mey-Rin. _. Baldroy. Finnian." Er begutachtet euch eingehend, während er zu referieren beginnt. „Aufgrund des länger andauernden Aufenthaltes der Gäste des jungen Herrn, bedürfen auch die Vorräte unseres Hauses einer unverzüglichen Aufstockung. Ferner wird es Zeit die Kutschen winterfest zu machen. Streukies sollte ebenfalls in ausreichenden Mengen zur Verfügung stehen. Die Witterung gebietet diese Maßnahme." Seine langen, behandschuhten Finger gleiten analog zu seinen Worten lasziv über den hochpolierten Griff des silbernen Wagens. „Im Hause gibt es für heute keine Aufgaben für euch, deshalb vertraue ich euch diese auswertigen Erledigungen an." „Sehr wohl.", tönt es untertänig von den Dreien im Chor. An deinem Einsatz musst du wohl noch ein wenig üben. Sei's drum.

Er drückt jedem einen Zettel mit einer abzuarbeitenden Liste in die Hand. Du bist mit den Vorräten aus der Kammer beauftragt. Die Innenstadt also. Sofort schießt dir ein Gedanke in den Kopf: Der Undertaker! Vielleicht bestünde ja die Möglichkeit ihm einen kleinen Besuch abzustatten. Dann könntest du ihm von all deinen Beobachtungen und Gedanken erzählen, dich erkundigen warum er dir nichts von deiner angeblichen Vergangenheit erzählt hat… und, und, und. Deine Blicke lösen sich von der säuberlichen Handschrift und huschen zurück zu Sebastian Michaelis, der offenbar mit gnadenloser Akribie deine Miene studiert hat. Im Gegensatz zu dir verrät sein Konterfei nichts über seine Gedankengänge. „Zum Vier-Uhr-Tee findet ihr euch geschlossen wieder hier ein.", er setzt den Servierwagen in Bewegung und steuert aus der Küche hinaus. „Nach Erfüllung eurer Pflichten steht die verbliebene Zeit zu eurer vollen Verfügung." Schon ist er deinem Sichtfeld entschwunden, aber du verwettest dein Kopfkissen, dass er sich gerade ziemlich amüsiert über die Situation.

Er mokiert sich über dich! Würdest du dich nicht über den Ausflug freuen, dann würdest du ihn möglicherweise mit stillen, wüsten Flüchen bedenken, aber im Moment zählt nur ein Gedanke: schnell ran, schnell weg! Worauf wartet ihr eigentlich noch?

Mit zwei fahrbaren Untersätzen geht die eisige Fahrt gen Stadtzentrum. Ciels herrschaftliche Kutsche soll eine Winterdämmung erhalten und der Karren einen Satz neuer Räder, damit er nicht mehr so eiert. Letzterer wird von einem todesmutigen Finnian gesteuert, der dick eingewickelt in Daunenjacken die Pferde über den verschneiten Weg führt. Mey-Rin und du fahren – ausnahmsweise- im luxuriösen Gefährt des Earls persönlich, gelenkt von einem Bard, schimpfend über Wind und Wetter und inzwischen bei dem wohl zehnten Versuch sich einen Glimmstängel anzuzünden.

Das Glück ist dir hold, euer erster Zwischenhalt markiert Londons größtes Lebensmittelgeschäft. Dort erhaltet ihr zumindest die gute Hälfte der Waren auf deiner Liste. Die exquisiteren Gewürze finden sich zu exorbitanten Preisen in einem der dekadenteren Einkaufsstraßen der Stadt wieder. Curry, Salz und all die anderen delikaten Zutaten, die in deiner Zeit in jedem Supermarkt nur ein paar Taler kosten, werden hier mit Gold aufgewogen. Erstaunlich, nicht wahr? Pünktlich zur Mittagszeit bist du fertig mit deinen Erledigungen und darfst nun über deine freie Zeit verfügen, wie es dir beliebt. Das Chaostrio ist derweil schon einmal in Richtung Polsterung und Werkstadt verschwunden.

Punkt drei Uhr sollst du am Big-Ben sein, damit sie dich wieder einsammeln können – Verzögerungen, Radbruch und sonstige Kalamitäten miteinberechnet. Du bist sehr dankbar für diese Freundlichkeit, denn so hast du fast volle drei Stunden, um den Undertaker deine Aufwartung zu machen.

Während deine Füße dich durch den kniehohen Schnee tragen, kannst du dich glücklich schätzen, dass die Magd so freundlich war und dir ein paar ihrer Winterstiefel gegeben hat, denn sonst wärst du nun ein lebendiges Eisbein. Auch wetterfeste eine Hose und Jacke hat sie dir gegeben, damit du diese Witterung überhaupt überleben kannst. Vorrauschauenderweise Sebastian hat der tollpatschigen Dienerin aufgetragen nebst Bettlaken noch Winterkleidung für dich zu beschaffen. Es zieht dich durch die mehr oder weniger gut gefegten Gassen in Richtung des Bestattungsinstitutes. So vorsichtig du auch gehst, einige Male rutscht du auf den glatten, gefrorenen Steinwegen aus, wirst jedoch von der hohen Schneedecke sanft aufgefangen, sodass du gleich einem Puderzuckermännchen in die Zielstraße einbiegst. Vor dem Geschäft des Shiniga-… Bestatters ist der Boden gekehrt und gestreut. Es wundert dich, dass gerade der Totentänzer höchstpersönlich Wert auf Sicherheit legt – oder er weiß, dass du im Anmarsch bist.

Unbeirrt und voller Vorfreude auf ein Wiedersehen steuerst du direkt auf die Ladentür zu, die sich jedoch einige Meter vor deiner Ankunft öffnet. Heraus tritt ein junger, dunkelhaariger Mann mit zerzauster Frisur und gänzlich weißer Kleidung, die die kristallinen Flocken um ihn herum wie eine graue, schmutzige Masse wirken lässt. Er ist Mediziner, eindeutig. Du erstarrst in deiner Bewegung und musterst den Herrn unauffällig. Seine Mimik ist geprägt von hochgradigem Enthusiasmus. Er wirkt aufrichtig freundlich, obgleich du dich fragst, wie ein Bursche seines Alters es bereits in einen beruflich derartig hohen Rang geschafft hat. Vielleicht ist er ja auch Experte für Schönheitschirurgie, dann sähe die Sache anders aus. Ob es diesen Berufszweig überhaupt schon gibt? Du lenkst deine Aufmerksamkeit zurück zum Geschehen, und interessanterweise bist du nah genug, um seinen Worten zu lauschen. „Es freut uns sehr, dass Sie, werter Herr Undertaker, sich dazu bereiterklären als Aktivposten in unseren Reihen mitzuwirken." Er verbeugt sich höflichst. „Weitere Formalitäten klären wir zur gegebenen Stunde." Nun tritt auch er hinaus an die kalte Luft. Seine langen, dürren Finger umgreifen die behandschuhte Hand des jungen Mannes, der sie sogleich erregt schüttelt. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Doktor Stoker.", gluckst er leise und verabschiedet seinen scheinbar neuen Klienten, der sogleich in die andere Richtung abmarschiert.

Du blickst im hinterher, als er eine Sekunde später hinter der nächsten Abbiegung verschwindet. Danach wandern deine Augen zum Undertaker, der seine Arme verschränkt und sich an den hölzernen Türrahmen seines Etablissements gelehnt hat. „Dein Talent, dich in Schwierigkeiten zu begeben ist faszinierend." Natürlich hatte er dich bemerkt, sicherlich hat sein Shinigami-Radar bereits ausgeschlagen, als du heute Morgen das Bett verlassen hast. Kaum eine halbe Minute ist vergangen seitdem du ihn wiedergesehen hast, und schon fühlst du dich ertappt.

Der Totengräber legt seinen Kopf leicht schräg und schenkt dir sein vertrautes schiefes Lächeln. Mit einem sanften Ruck stößt er sich anschließend unmerklich ab und schreitet auf dich zu. Unbewusst legt deine Pumpe einen Tackt zu. Seine Schritte halten kurz vor dir inne und sogleich fühlst du seine Hände auf deinen Schultern. Auch seine Blicke liegen auf dir, wenngleich du die geheimnisumwobenen Augen noch immer nicht sehen kannst, spürst du es. Wieder hat er sich auf deine Höhe heruntergebeugt, damit ihr von Angesicht zu Angesicht reden könnt. Welche Leichen dieser Mann im wahrsten Sinne des Wortes auch immer im Keller hatte, Höflichkeit und Respekt musste man ihm zusprechen, ohne Frage.

„_. Wie geht es dir? Ich bin erstaunt dich so zeitig wiedersehen zu dürfen." Bevor du allerdings deinen Mund zu einer Antwort öffnen kannst, spürst du seinen Zeigerfinger auf deinen Lippen. „Ssssch, hier draußen holst du dir nur den Tod." Mit einem wissenden Lächeln richtet er sich wieder auf und bedeutet dir ihm in den Laden zu folgen. Brav trottest du hinterher, während du dir sein Wortspiel durch den Kopf geht. Natürlich holt man sich draußen den Tod, aber wenn man dieses Geschäft betrat, dann war man in aller Regel auch nicht mehr sonderlich lebendig. Alter Scherzkeks.

Höflich nimmt er dir den dicken Mantel ab und verschwindet damit aus dem Raum. Deine Blicke wandern indes umher. Es hat sich nichts verändert, außer dass es ein wenig staubiger geworden ist. Die Luft ist noch immer muffig, aber warm. Deine Blicke bleiben an der kleinen, lackschwarzen Pandora-Büchse der absoluten Traumfigur-Vernichtung hängen, und sogleich ergreift dich der Drang sie zu plündern. Doch du widerstehst dem. Was wäre, wenn es ihm nicht recht ist, denn immerhin wohnst du ja nun…

„Im Gegensatz zum Hause des Earls bist du hier frei in deinem Handeln. Also tu wonach es deinem Herzen beliebt, keine Zwänge sollen dich an deinen Vorhaben hindern." Aus dem Dämmerlicht der Pathologie schält sich der Todesgott zurück in das Licht. In den Händen hält er zwei dampfende Messbecher mit karamellfarbiger Flüssigkeit. Wieder ertappt. Ausreden sind zwecklos, der Undertaker weiß es ja sowieso besser, nicht wahr? Gedankenleser. Der umsichtige Herr mit den langen, silbernen Haaren reicht dir eines der beiden Gläser, greift nach der Urne und stellt sie belustigt direkt neben dich. Anschließend schiebt er den Deckel auf einen der offenen Särge in dem, wie du erst jetzt erkennst, eine männliche Leiche liegt. Eine Sekunde später sitzt der undurchschaubare Todesbringer und Hobbyleichengräber neben dir. Eine vertraute Situation.

Das aufgebrühte Getränk in deinen Händen wärmt die kalten Finger. Trotz dicker Handschuhe sind sie völlig durchgefroren, sodass die Hitze des Glases wie Feuer auf deiner Haut brennt. Dein Gegenüber stellt seinen Tee ab und angelt sich mit gekonnten, eleganten Bewegungen einen Gebäckstück aus dem schwarzen Keramiktöpfchen. Er tut es ohne hinzusehen, denn das Zentrum seiner Aufmerksamkeit bist einzig du. Aber im Gegensatz zu den Blicken manch anderer Gestalten weißt du, dass er sich nur um dein Wohl sorgt, denn hier musst du dich und dein wahres Ich nicht verstecken und kannst Abstand von dieser Maskerade nehmen, in die du so ganz unfreiwillig hineingerutscht bist. Dieser Laden, die Schwelle zum Totenreich – dein Sanktum. Makaber aber wahr.

Du musterst deinen Gegenüber, der in lockerer Haltung gleich dem Herrscher der Verstorbenen auf einem seiner ewigen Ruhebetten thront. Der Undertaker ist in gewisser Weise egozentrisch, aber im Vergleich zum Butler des Phantomhive Haushaltes ist dies nur für das wissende Auge erkennbar. Es ist subtiler, mysteriöser und… dunkler. Auch wenn Sebastians Absichten noch meilenweit davon entfernt sind von dir erkannt zu werden, im Gegensatz zum silberhaarigen Leichengräber ist er ein offenes Buch, und spielt seine Karten mit weniger Geheimhaltung aus. Nein, den Undertaker kann man mit keinem irdischen Wesen vergleichen, völlig unmöglich. Aber präsentierte er sich tatsächlich nur vor dir so, weil er im Beisein fremder Gesellschaft ebenfalls sein Spiel spielen musste? Immerhin wäre das eine Gemeinsamkeit die ihr habt, und etwas, dass euch verbindet in gewisser Weise. Vielleicht freut er sich deshalb dich wiederzusehen. Möglich wäre es.

Als er seinen Kopf leicht nach hinten beugt, reißt es dich aus deinen Gedanken. „Verträumt wie immer?", stellt er mehr fest als er dich fragt. Seine Stimme klingt sanft und rücksichtsvoll, ein Balsam für deine Seele im Vergleich zum raueren Ton anderorts. Du nippst an deinem Tee, bevor du beginnst ihm von deinen Erlebnissen in der großen, so fernen Villa zu erzählen. Du lässt nichts aus und berichtest von deinen Beobachtungen, Sebastians Verdacht, deiner Position im Haushalt und den blaublütigen Gästen aus Indien. Die ganze Zeit über hört der Todesgott dir aufmerksam zu, ohne seine Miene zu verändern.

„Sehr aufmerksam, _. Du hast einen wachen Geist." Sein Zeigefinger fährt langsam den Rand des Becherglases entlang. Du musst dich unweigerlich fragen, ob es sofort gefrieren und zerspringen würde, legte er seine eiskalte Aura, die dir ebenfalls das Mark hatte erstarren lassen, an den Tag. Möglicherweise wäre es so, was wusstest du denn schon groß über die Fähigkeiten eines Seelensammlers?

„Du weißt um die Gründe deiner Abreise, und du weißt, dass der Earl und sein Schoßhund ebenfalls eine Gefahrenquelle für dich darstellen können." Er lässt ab vom Aufguss und widmet sich wieder voll und ganz dir. „Kannst du dir vorstellen, warum ich dir nicht von deiner Vergangenheit erzählt habe?"

Diese Frage brennt dir schon länger auf der Zunge, noch hast du sie ihm aber nicht stellen können. „Weil du nicht möchtest, dass ich offensichtlich lüge?", schlussfolgerst du aus deinen Überlegungen. Er lächelt wieder, scheinbar mit Stolz hinsichtlich deiner Kombinationsgabe. „Sebastian Michaelis ist, wie dir aufgefallen sein sollte, ebenfalls ein sehr wachsamer und misstrauischer Charakter, wenn es um die Sicherheit des kleinen Earls geht. Du bist ihm in dieser momentanen Position näher als ihm lieb ist, denn dir ist bereits bewusst, dass auch er einiges zu verbergen hat." Eine kleine Pause zwischen seinen Worten lässt dir Raum, um das Gesagte aufzunehmen. „Doch bin ich derjenige, der dich in diese Situation gebracht hat und deshalb trage ich Sorge für dein Wohlbefinden. Der Butler ist ein Spürhund, er würde deine auswendig gelernten und eingeübten Lügen sofort durchschauen und hinter dein kleines Geheimnis kommen. Doch wenn man die Grenze zwischen Schein und Tatsächlichkeit ein wenig verwischt, dann kann auch der gestriegelte Bluthund keine Witterung mehr aufnehmen." Gleich dem großen Lehrmeister, der er tatsächlich auch ist, hebt er seinen rechten Zeigefinger. „Du sollst nicht um meiner Willen lügen, denn ich tue es auch nicht. Wir drehen lediglich die Umstände solange, bis sie der Wahrheit näher sind als jede erfundene Lüge. Die ein oder andere Schwindelei ist vielleicht unerlässlich…", endet er abrupt mit einem schiefen, schelmischen Grinsen.

„Wer sind der Earl und sein Butler dann in Wirklichkeit?" , fragst du sogleich. Als Reaktion erhälst du geschürzte Lippen seinerseits. „Wissen ist gefährlich, _. Je mehr du herausfindest, in desto dunklere Gewässer begibst du dich. Und auch wenn der junge Waise eine weitaus geringere Bedrohung für dein Wohl darstellt als ich, rate ich dir davon ab den Dingen weiter auf den Grund zu gehen. Ich werde nicht immer da sein, um dich zu beschützen. Aber über lang oder kurz wirst du selbst eine Antwort auf deine Frage finden, ohne es zu forcieren."

Schlauer bist du nun nicht wirklich, denn wie immer spricht der gute Herr fließend kryptisch mit dir. Du fragst dich, ob er dich mit diesem Halbwissen nicht eher in die Falle laufen lässt, oder ob du tatsächlich noch so wenig weißt, dass du Drohendes noch immer abwenden kannst. Sicherlich will er nicht, dass du aufhörst deinen Kopf zu benutzen und die Welt mit naiven Augen zu sehen, aber trotzdem rät er dir deine Nase nicht zu tief in die Angelegenheiten Ciels zu stecken. Um deiner Wohl Willen ist es möglicherweise aus der Rechte Weg, denn wie er bereits hat verlauten lassen, wäre auch er nicht immer an deiner Seite, und von deinem unausgesprochenen Talent...

„Alles zu seiner Zeit, _." Er tippt dir auf die Stirn und löst somit nicht nur die ernste Stimmung, sondern vollzieht einen gänzlichen Wandel in der Atmosphäre um euch herum. Alles zu seiner Zeit. Du blinzelst und beobachtest ihn dabei, wie er sich elegant erhebt und durch den Raum schreitet. „Der Wachhund der Königin scheint noch immer keine Fährte aufgenommen zu haben, denn man bringt mir seit geraumer Zeit immer wieder Kundschaft, die mit erheiternden Nachrichten gespickt worden sind." Kichernd, als wäre nichts geschehen, schlendert er auf die Tür der Pathologie zu. Du ziehst eine Grimasse und hoffst, dass er nicht wieder in seiner altbekannten Manier plant, dir seinen kaltgestellten Besuch vorzustellen. Glücklicherweise bleibt er im Türrahmen stehen und verschränkt die Arme. Das erste Mal fällt dir das fehlende Pendant an seinem Hüftschmuck auf. Es lässt ihn in irgendeiner Art und Weise unvollständig wirken. Die Verantwortung daran trägst du, und wenn du ehrlich zu dir selbst bist, dann nimmst du es egoistischer Weise in Kauf, weil du so ein Stück von ihm immer bei dir trägst- selbst im Schlaf.

Ein Ruckeln an der Ladentür lässt dich aufschrecken. Es ist nur der Wind, ein Schneesturm kündigt sich an. „Hehe, im Winter läuft mein Geschäft gar besser als im Sommer. Kälte und Hunger treiben das wahre Gesicht des Menschen an die Oberfläche." Du willst dir keine Leichen mit Gefrierbrand oder gar wieder verbrannte Kohlestücke versuchen vorzustellen. Es reicht, wenn du die bereits gesehenen Exemplare vor deinem geistigen Auge rekapitulierst. „Vielleicht ist es besser, wenn ihr vor dem Unwetter zurückfahrt." Bevor du dir einen Reim auf seine Worte machen kannst, erfasst dich eine Welle kalten Windes von draußen. Ein bibbernder Baldroy steht im Türrahmen und macht einem Eiszapfen allergrößte Konkurrenz. „ _, der Wind wird schlimmer, die Kutsche wartet und wir müssen heimkehren." Begleitend zu seinen Worten spürst du deine geliehene Jacke auf deinen Schultern. Sie ist warm, scheinbar hatte der Undertaker sie nebst dem Ofen in der Küche drapiert.

„Dann solltest du deine Freunde nicht in der Kälte stehen lassen.", flüstert dir eine dunkle, seidenweiche Stimme ins Ohr. Du kannst nicht sagen, ob es an der Temperatur, oder am Todesgott selbst liegt, aber dir läuft ein gewaltiger Schauer das Rückgrat hinab und lässt sämtliche Härchen in deinem Nacken zu Berge stehen. Zur Reaktion bleibt dir jedoch keine Zeit, denn sogleich spürst du den sanften Druck in deinem Rücken, der dich mühelos, aber bestimmt gen Ausgang schiebt. Bard ist inzwischen auf die Kutsche vor dem Geschäft gesprungen und bedenkt den Schnee mit gottlosen Verwünschungen. Eine Sekunde später stehst du ebenfalls vor der Tür. „Nun husch, husch, junges Fräulein." Du vernimmst Belustigung in seiner Stimme, hast aber, als du dich umdrehst, um dich zu verabschieden, wieder einen Finger auf deinen Lippen. „Denk an meine Worte, das ist wichtiger als jede Abschiedsfloskel." Du kannst nichts erwidern, denn sofort ist er im Institut verschwunden, sodass du auch sofort damit konfrontiert bist in die frischgepolsterte Kutsche zu steigen- oder eingeschneit zu werden.

Eine halbe Stunde nachdem ihr das Anwesen erreicht habt, bricht draußen die Hölle entgültig los. Es ärgert dich ein wenig, dass man dich so schnell dem Undertaker entrissen hatte. Auch sind deine Fragen nicht wirklich eingehend beantwortet worden, im Gegenteil, es sind noch so einige mehr hinzugekommen. Sebastian und Agni reichen euch vieren einen Chai zur Aufwärmung. Auch Mey-Rin ist bereits emsig dabei heißes Wasser für ein Kräuterbad aufzubereiten, damit die Kälte deinen Knochen entflieht.

Umhüllt von sinnesumspielenden Dämpfen und in weit in Gedanken, tauchst du in das wohltuende Nass ein. Alles zu seiner Zeit. Entweder plant dieser Bestatter etwas, oder er wartet auf den richtigen Moment der Enthüllung. Schwer zu sagen in deiner Position. Was du jedoch weißt ist, dass all seine Intensionen dich betreffend nur auf dein Wohlbefinden abzielen. Und wenn er also davon spricht, dass du nicht in den Angelegenheiten des Earls und des Butlers wühlen sollst, weil du es früher oder später herausfinden sowieso herausfinden würdest, dann wäre es wohl tatsächlich das beste einfach unauffällig und untertänig hier deine Zeit abzusitzen. Wie ein Schatten, ja Schatten ist treffend. Ob das bei deinem Talent in Schwierigkeiten zu geraten überhaupt möglich ist?

Seufzend lässt du dich weiter in den Holzzuber sinken. Fragen über Fragen. Interessanter noch: wer ist eigentlich dieser Dr. Stoker mit dem der Undertaker nun verkehrt? Warum sollte ein Bestatter, nein, ein Shinigami, mit einem Arzt zusammenarbeiten? Offensichtlich handelt es sich auch noch um eine größere Gruppe vom Menschen, denn immerhin hatte der Mann in der Mehrzahl gesprochen. „Dein Talent, dich in Schwierigkeiten zu begeben ist faszinierend." Medizin und Leichen? Möglicherweise stellte er Probanden für universitäre Untersuchungszwecke zur Verfügung, oder …. Herrje, und wenn es sich dabei um einen der Gründe deines Auszuges handelt?

Du versuchst alles sich auftuenden Gedanken im heißen Wasser um dich herum zu ertränken. Dein Besuch beim Undertaker ist nicht dazu gedacht gewesen noch mehr Verwirrung in dir zu stiften. Zumal würdest du dem nicht nachgehen können- wahrscheinlich auch besser so. „Zerbrich dir dein hübsches Köpfchen nicht." Des Totengottes Stimme fährt durch deine Gedanken. Richtig, er würde es nicht wollen, also sei stark. Alles zu seiner Zeit.

Zeit wird es auch nun aus dem Wasser zu steigen, denn die Arbeit wartet. Ferner sind Bard, Finnian und Agni gerade dabei einen riesen Haufen Gemüse zu Kleinholz zu verarbeiten und Mey-Rin möchte auch noch baden. Fragwürdig ist allerdings, was nun schon wieder gekocht werden soll. Du hoffst insgeheim auf Garam Masala für Sebastian- und Ciel. Für seinen gnadenlosen Weckdienst hat er es verdient. So steigst du aus der Wanne, trocknest dich ab und greifst sofort nach der Halskette. Du bezweifelst zwar, dass sie im Wasser rostet, willst das Schicksal aber trotzdem nicht herausfordern, vor allem nicht bei einem wertvollen Stück wie der Kamee des Undertakers. Zwar weißt du nicht um ihre eigentliche Bedeutung, aber er hat sie dir anvertraut und damit ist sie kostbarer als alles andere um dich herum, zusammen mit deiner Seele, die sollst du auch behüten.

„Bist du fertig?" Ein Wunder, dass die halbe Tür dir nicht entgegenkommt, als die Auberginhaarige mit voller Wucht dagegen hämmert. Die Pause ist abrupt beendet. Keine Zeit mehr für Träumereien, erst steht die Arbeit an, denn die edlen Herren haben Hunger.

Also ab in die Küche!

Ich entschuldige mich für diese Wartezeit :(.

Wie ihr gelesen habt, geht es hier nicht sonderlich viel in der Hauptgeschichte weiter. Das liegt einfach daran, dass der Manga [Kap. 18] diesen Freiraum auch tatsächlich lässt. Wer weitergelesen hat, der weiß was nun ansteht ,und dass es erst ab Kap. 20 wieder interessant wird zwecks des Curry-Wettbewerbes. Also wer freut sich auf Curry-Kochen? :D