„Namaste.", begrüßt Agni dich mit gefalteten Händen in seiner höflichen und unterwürfigen Art, als du die Küche betrittst. „Die Winter in Ihren Landen sind sehr, sehr kalt. Ich hoffe, dass Sie immer bei bester Gesundheit bleiben." Begleitend zu seinen gewogenheitsträchtigen Wünschen hält der Weißhaarige dir eine dampfende Tasse frischaufgebrühten Chai unter die Nase. Der Duft ist sinnesberaubend. Dankbar nimmst du den exquisiten Aufguss entgegen und nippst vorsichtig an der heißen Flüssigkeit.

„Heute kochen wir ganz alleine, ohne Sebastian!", verkündet Bard stolz, während er das dunkle Fleisch vor sich mit einer Axt in handliche, aber schiefe Stücke zerteilt. Ein Wunder, dass der Tisch noch ganz ist und seine Finger noch an seinem Körper sind. Daneben steht ein schluchzender Finnian, der sich laufende Meter mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen wischt. Der Grund seiner vermeintlichen Heulerei liegt vor ihm: ein Pfund Zwiebeln, in heroischen Feinschnitt zur Weiterverarbeitung aufgetürmt.

Dich beauftragt man mit Lassi, genauer gesagt einem Mango Lassi. Der freundliche Inder erklärt dir, indes du die Zutaten zusammenträgst, dass es sich hierbei um ein traditionelles Getränk aus seiner Heimat handelt, und es das Korrelat zu einem besonders scharfen Curry darstellt. Allerdings fragst du dich, wie der fremdländische Herr „besonders scharf" definiert. Bei dem bloßen Gedanken an das Garam Masala verwandelt sich dein Magen schon in einen brodelnden Lavakessel. Es wäre nach deinem Term also eine Bestrafung, müsste man als unvorbereiteter Mensch auch nur einen Happen dieser „besonders scharfen" Speise zu sich nehmen. Apropos Bestrafung, wo ist eigentlich Sebastian? Er muss euch ja schon so einiges zutrauen, wenn er Bard und Finnian allein in der Küche herumhantieren lässt. Eventuell liegt es an der Anwesenheit des weißhaarigen Ruhepols, dessen Aura der Einkehr die des Chaostrios einfach überlagert. Klingt merkwürdig. Ob das physikalisch so richtig ist?

Dein Lassi gelingt, es ist – zugegeben- auch ein recht simples Rezept. Agni hingegen ist grenzenlos begeistert von eurer Hilfe und bedankt sich in Form von zahllosen Göttersegnungen bei euch. Besonders dir soll Shiva hold sein –bei deinem Talent, Pech anzuziehen, nimmst du jeden Funken Glück doch mit Kusshand entgegen, nicht wahr? Die beiden Herren der Schöpfung sind stellen neugierige Fragen bezüglich der ausheimischen Kultur. Hier im christlichen Abendland, und besonders zu dieser Zeitepoche, ist es keiner Person, die nicht dem Bildungsbürgertum entspringt, zu verübeln, dass sie über die einzelnen Konfessionen ferner Länder nicht aufgeklärt ist. Der Herr mit dem Turban freut sich schier unendlich über das rege Interesse deiner beiden Kameraden.

„Mein Prinz und ich verehren die Göttin Kali. Sie verkörpert viele Aspekte in unserem Glauben, denn Kali stellt sowohl die Ikone des Todes als auch der Wiedergeburt und des Schutzes der Menschen dar. In ihren Händen hält sie den Kopf Raktabija's, eines Dämons, dessen Machenschaften darauf abzielten das Gleichgewicht der Welt aus den Fugen zu bringen und uns Sterbliche somit daran zu hindern Heil zu erlangen. Sie ist also unsere Patronin."

Chefkoch und Meistergärtner sind hin und weg von dieser Vorstellung. Du hingegen rufst dir das Bild der Gottheit, das dir aus so manch dunklen Schulstunden noch im Hinterkopf schwirrt vor Augen: Die große Kali mit ihren unzähligen Armen, die auf einer Männerleiche – Shiva- tanzt und ihre Zunge herausstreckt. Ein bizarres Bild für Außenstehende, aber für die Inder ihr Kulturgut schlechthin. Dafür würden sie uns wohl am liebsten dafür steinigen, dass wir ihre heiligen Kühe schlachten. So hat jedes Fleckchen Erde seine Riten. Religion und Kultur sind schon ein ziemlich weites Feld – ein viel zu weites, um ehrlich zu sein.

„Oh nein, ihr seid schon fertig!", reißt dich Mey-Rins quarkige Stimme aus deinen Gedanken. Die Magd steht mich noch dampfender Mähne im Türrahmen und macht den Eindruck gleich aus vollem Halse los zu schluchzen. Doch – Kali sei Dank – gibt es den umsichtigen Agni. „Nein, nein, meine Dame. Wir haben auf Sie gewartet, denn nur Sie können uns das Geschirr bringen!" Mit ruhigem Tenor erklärt er ihr, dass ihr alle doch ohne sie aufgeschmissen wärt und ihr Beitrag in der Küche ein weiteres essentielles Zahnrädchen im ganzen Gefüge der Küchenmechanik darstelle. Die Dienerin ist daraufhin selig und marschiert zusammen mit dem sonnengeküssten Gast gen erstes Stockwerk.

Den restlichen Abend bekommt ihr – nach dem Abwasch natürlich- frei. So verschlägt es euch an den warmen Kachelofen der Küche. Gesellschaftsspiele stehen auf dem Abendprogramm. Mey-Rin hat im wahrsten Sinne des Wortes schlechte Karten, denn ihre Milchglasbrille spiegelt ihr Blatt wieder, sodass Bard, der sich als knallharter Zocker offenbart, diesen Schicksalswink eiskalt annimmt und die arme Magd sprichwörtlich um Haus und Hof bringt. Finnian ist eher so der Typ, der Karten hortet in der Hoffnung, dass sie ihm irgendwann einmal nützlich sein könnten. Aber eines muss man dem Triumvirat lassen: sie schenken sich gegenseitig nichts. Das hast du schon bei der Schneeballschlacht erleben dürfen. Knallhart, diese Draufgänger!

Halb Zehn beschließt ihr euch in die Kojen zu begeben. Wer weiß welches weiße Karnickel Herr von und zu Michaelis morgen in aller Herrgottsfrühe wieder aus Ciels schwarzem Lackzylinder zieht? Und im Gegensatz zu so manch morbiden Örtlichkeiten kannst du hier nicht einfach so lange schlafen bis dein Magen beschließt, dass es jetzt an der Zeit sei einen glorreichen Raubzug gegen die Keksdose zu führen. Nein, hier ticken die Uhren ein wenig anders. Leider.

So ziehst du die Decke bis zum Kinn hoch und mummelst dich in die warmen Daunen ein. Ja, im Phantomhive-Haushalt würde es sicher nicht ruhig und langweilig werden, aber konträr zu lustigen Leichenladen weißt du nicht, woran du hier bist. Vor allem nicht bei Sebastian. Du kannst davon ausgehen, dass seine höchste Priorität im Schutze seines Herren, des infantilen Earls, besteht. Der jedoch hat etwas zu verbergen, de facto wäre es waghalsig zu versuchen hinter dieses Geheimnis zu steigen, wenn du selbst nicht vorhast, dass dein eigenes gelüftet wird, richtig? Solange der Butler nicht herausfinden kann was nun wirklich den Unterschied zwischen dir und deiner Umwelt definiert, bist du auf der sicheren Seite. Wobei diese als des Undertakers Seite zu verstehen wäre demnach, oder? Wie dem auch immer sei, du solltest dich aus jeglichen Fragen bezüglich diesen beiden Gestalten raushalten, denn das wahre Ausmaß aller möglichen Folgen kannst du nicht abschätzen. Aber wahrscheinlich würde sich eines Tages alles von alleine klären – doch wann wäre dieser Tag?

Deine Lider werden schwer, der Mantel des Schlafes umhüllt sich mit seinem einlullenden Schleier. Keine Träume seit deiner Ankunft in deinem neuen Leben. Auch heute Nacht nicht.

Ein dumpfes, kaum wahrnehmbares Scheppern reißt dich zurück in die Welt der Wachen. Was war das? Du horchst in die Dunkelheit hinein, doch es scheint sich um ein einmaliges Geräusch gehandelt zu haben. Deiner Müdigkeit und dem Schein der Laterne draußen entnimmst du, dass du erst eine knappe Stunde geschlafen haben kannst. Wieder verharrst du ruhig. Nichts passiert.

Auf leisen Sohlen schleichst du durch das sinistere Zimmer, ziehst dir nachlässig dein Dienstkleid über den Kopf und verlässt geräuschlos dein Gemach. Der Flur ist nur spärlich beleuchtet und wirkt unter diesem minimalen Lichteinfall wie der Gang eines schaurigen, verlassenen Krankenhauses. Wohlfühlen ist etwas anderes. Ob Finnian und Co. schon einmal des Nachtens hier langmarschiert sind ohne sich in die Hose gemacht zu haben?

In der Küche brennt noch Licht. Sebastian oder auch Agni könnten zu dieser späten Stunde noch zugange sein, aber von hier kam dieses Scheppern nicht, es kam vom oberen Stockwerk und ist mit vollster Wucht ausgeführt worden, sodass es selbst seine Ohren erreicht hat. Du luchst um die Ecke und erblickst den aalglatten, schwarzgekleideten Butler mit einem Kehrblech in den Händen. „Nur ein kleines Missgeschick, kein Grund zur Aufregung." Du zuckst leicht zusammen. Wie konnte er dich wahrnehmen, du warst doch leiser als der durchschnittliche Kunde des Undertakers. Sein laszives Lächeln gilt dir, denn sogleich blickt der Infernal-Äugige in deine Richtung und legt provokativ den Kopf schief. Ein gewisser Shinigami beherrscht diese Geste auch, aber bei ihm ist sie dir willkommener. „Du bist sehr aufmerksam.", stellt er belustigt fest. Du musst sich also rechtfertigen für deine Tat. Wärst du mal in der Kiste geblieben!

„Ich habe ein Geräusch gehört und bin dem nachgegangen.", erklärst du wahrheitsgemäß. Sebastian mustert dich eingehend, schenkt dir aber dann ein freundliches Lächeln, während er mit dem Kehrer an dir vorbeizieht. „Ein Teeservice meines Herren ist auf unglückliche Art und Weise zu Bruch gegangen, lass dir davon nicht die Nachtruhe rauben." Er schickt dich wieder schlafen, du hast es an sich auch bitter nötig. Möglicherweise haben Soma und Agni wieder etwas ausgefressen, wer weiß?

So ist es nicht der mysteriöse Schoßhund seines Herren, der dich aus dem Land der Ruhe reißt, nein, es ist ein Klappern in der Küche. Du reibst dir den Schlaf aus den Augen und blickst dich in deinem Zimmer um. Es ist früh, verdammt früh. Aber offensichtlich ist in den heiligen Hallen der Kochkunst schon die Hölle los. Dann hörst du Bard auf dem Flur ausgelassen gähnen, anbei mischt sich Mey-Rins quarkige Stimme. Sie müssen auch soeben erst ihr Bett verlassen haben. Was ist da los, warum weckt der Herr der allmorgendlichen Folter euch denn nicht? Du verlässt – noch immer nicht recht auf der Höhe- deine Koje und ziehst dir frische Arbeitskleidung an. Deine Haare ziepen unter deinen hastigen Kämmbewegungen. Konnte es nicht einmal einen Tag geben, an dem hier alles glattläuft für dich?

„Guten morgen Sebastian…", erklingt es lahm von dem Trio, unter das du dich möglichst unauffällig gemischt hast. Der Angesprochene selbst ist ohne seinen schwarzen Frack kaum wiederzuerkennen. Sein reinweißes Hemd ist hochgekrempelt, seine mattglänzenden Handschuhe trägt er aber trotzdem. Komische Angewohnheit. Ha, vielleicht kaut er ja insgeheim Nägel, um den auf ihn lastenden Erwartungsdruck zu kompensieren! Und jetzt schämt er sich sie zu zeigen! Das wird es sein. Plausible Erklärung, oder? Nein ganz im ernst, selbst in dieser recht einfachen Küchenkluft sieht er noch immer aus, als wollte er sich jeden Moment ein Jackett schnappen und zu einer Benefizgala verschwinden. Benefiz ist an seiner Stelle wohl besser in Anführungszeichen zu setzen.

„Es ist so früh am Morgen.", murmelt der Strohhutträger neben dir zum Butler. „Was kochst du dort?", will Baldroy wissen. Mey-Rin hingegen hat rote Wangen und blickt mit voller Begeisterung auf den Eifer, den Herr Michaelis in dieser unchristlichen Stunde schon an den Tag legt.

„Curry.", antwortet dieser lakonisch. Nicht, weil er unhöflich erscheint, sondern weil seine Aufmerksamkeit sich auf das Buch in seinen Händen fokussiert. Man kann im wahrsten Sinne des Wortes drei große Fragezeichen über den Köpfen deiner drei Freunde sehen. Apropos, wo ist eigentlich Agni? „Prinz Soma weilt noch immer als Besucher unter uns, deshalb ziehe ich in Erwägung ein Hühnchen-Curry zuzubereiten. Normalerweise gehört die indische Küche nicht in mein Repertoire, da der junge Herr es nicht mag." Zuerst wunderst du dich, dass ein talentierter Mann gleich Sebastian sich eine Kochanleitung suchen muss, aber dann fällt dir ein, dass ihr den Großteil aller Mahlzeiten gemeinsam mit Agni zubereitet habt, weil der Schwarzhaarige immer wieder aus der Küche eilen musste, um den Eingaben seines Herrn nachzugehen. Er konnte also, wenn er im Vorfeld kein Wissen über die fernländischen Zubereitungsarten hatte, nicht viel bei dem Weißhaarigen Kochgott aufgeschnappt haben. Also musste er es de facto jetzt lernen. Ein komischer Gedanke, der Tausendsassa Sebastian Michaelis kann nicht auf Anhieb eine Sache aus dem Effeff… verrückte Welt.

Mit einem Mal legt er das Buch zur Seite, schiebt den Stoff seiner Ärmel erneut seine Arme hinauf und beginnt unverzüglich mit der Zubereitung. Ihr könnt nur teilnahmslos zusehen in welch unmenschlicher Geschwindigkeit der Almandin-Äugige vor euch einen indischen Curry-Traum zubereitet. Anschließend bestaunt ihr das kleine Festmahl eingehend. Sein Erschaffer allerdings scheint noch immer kritische Gedanken an dessen Geschmack zu hegen. Es ist fast so, als wäre er sich einer Sache zum ersten Mal unsicher. „Mey-Rin, die Teller; Bard, der Reis; Finnian, das Curry." Dann blickt er dich an, da es nichts mehr zu tragen gibt, trägst du das Wichtigste:

Die Verantwortung.

Des Undertakers Kette. ✔

Nichts. ✔

Erstaunlicherweise dürft ihr heute wieder dem Essen beiwohnen. Es verwundert dich, dass Soma ohne seinen Diener Agni, der sonst nie, wenn vermeidbar, von seiner Seite weicht. Du lässt dir deine Grübelei nicht anmerken, sondern stehst still und stumm nebst den Chaoten und beobachtest das Spektakel vor dir.

Ein Lachen kannst du unterdrücken, als das Gesicht des blaublütigen Milchkaffeehäutigen sich zu einer schmerzvollen Grimasse verzieht, nachdem er des Butlers Offerte probiert hat. „Ist etwas nicht zu Eurer Zufriedenheit, Hoheit?", erkundigt Sebastian sich besorgt. Jetzt ergibt einiges Sinn: des Prinzen Handlanger ist nicht da, deshalb muss Ciels Wunderdiener das Wunder des Unmöglichen vollbringen. Ha, da weiß er gleich mal wie es sich anfühlt, wenn man keine Ahnung von etwas hat. Recht so!

Deine Aufmerksamkeit fließt zurück auf Soma, der aufrichtig bedrückt wirkt. „Nein, es ist durchaus in Ordnung, aber es ist nicht sowie in unserer Heimat." Er rührt abwesend in seiner Speise herum, während er in der Ferne nach Begriffen dafür zu suchen scheint. „Es fehlt dem Geschmack an Stärke und Intensität. Ich habe das Gefühl, als würde ich Puder auf meiner Zunge schmecken." Mit schiefgelegtem Kopf und nachdenklicher Miene bedenkt dein Vorgesetzter den jungen Adeligen mit seinen Blicken. „Das ist richtig, ich habe das feinste Currypulver Engla-." Weiter kommt er nicht, denn sofort reißt der Lilahaarige wie von der Tarantel gestochen den Kopf in die Höhe.

Als der Prinz ihm daraufhin erklärt, dass es sich dabei um ein Fauxpas ungeahnten Ausmaßes handle und Curry in seiner Heimat zu jeder Zubereitung eigens gemischt wird, musst du wieder stark sein und dein Lachen runterschlucken. Die Vorstellung, Sebastian Michaelis mit einer Fertigmischung hantieren zu sehen und dann auch noch sträflich auf diesen Fehler aufmerksam gemacht werden zu sehen ist nicht nur köstlich, sondern gleichwohl ein ziemlicher Ausgleich für seine sonst so sadistische Art. Eine Fertigmischung. Herr-lich. Aber hätte der Inder mal die mit Geschmacksverstärker kontaminierten Currys deiner Zeit gegessen, dann hätte er wohl freiwillig Suizid begangen….

„Derartig viele Gewürze führen wir nicht, my Lord.", wendet er sich nach ausgiebige Erörterung Somas an Ciel. Dieser hat die ganze Zeit über seinen Kopf auf den ineinandergesteckten Händen ruhen lassen und die Situation observiert hat. „Vielleicht könnte ich Euch behilflich sein. In meinen Lagern habe ich sicher alles was Ihr braucht.", mischt Lau sich ein, bevor der Earl zur Sprache kommt.

Ihr werdet also, wie es aussieht, an einem Curry-Wettbewerb

um die Regalien des Gewürzhandels teilnehmen.

Eurer stärkster Kontrahent: Agni.

Fraglich ist nur, warum ein bis aufs Blut loyaler Mann gleich dem Weißhaarigen einfach die Fronten wechseln sollte. Da muss es einen tieferen Sinn hinter geben. Diesen kannst du aber weder erschließen noch raten. Du kannst im Moment nur eines machen: kiloweise Gewürze vom Karren in die Küche verfrachten. Du willst gar nicht wissen wie viele Schlösser man für diese fernländischen Kostbarkeiten bauen könnte. Es ist übertrieben dekadent einen solchen Schatz nur zu Testzwecken zu verpulvern. Der Earl scheint dies allerdings anders zu sehen. Diese Gourmet-Olympiade hat wohl für ihn und seine Company einen ziemlichen Stellenwert, wenn er davon redet, dass ihm somit der Sprung in einen weiteren Handelssektor gelingen würde. Verfluchte Ökonomie.

Es wundert dich, dass Sebastian nicht für den kompletten Genozid der Geflügeltiere verantwortlich ist, denn so viel frisches Fleisch auf einem Haufen hier zu sehen… ja, es kommt mächtig Arbeit auf euch zu. Bard zerteilt das Filet - die Axt als Hilfsmittel wird ihm gewährt. Mey-Rin karrt im Akkord neue Kochtöpfe heran, Finnian sammelt so ziemlich jedes Unkraut aus dem Garten, das im entferntesten Sinn als Gewürz durchgehen könnte und du schälst Gemüse als gäbe es kein Morgen.

Auf dem zentralgelegenen Tisch der Küche steht in zahllosen Schüsseln und Säckchen so ziemliches jedes bekannte Gewürz dieses Planeten. Alles nur zu einem Zweck: das Geheimnis um Agnis Curry zu lüften. Sebastian verkostet, vermischt, zerkleinert und schmeckt ab wie ein Weltmeister. Ein hoch auf seine Geschmacksnerven, du wärst bereits vor Stunden an Reizüberflutung gestorben beim Versuch eine Degustation auch nur an einem Bruchteil dieser erlesenen Kostbarkeiten vorzunehmen. Spätestens beim Chilipulver hätte man den Undertaker rufen können.

Irgendwann hörst du auf die Töpfe zu zählen, es müssen dutzende sein. Deine Hände fühlen sich jedenfalls an, als hättest du für das ganze Land Gemüse geschnipselt. Es ist ein wenig bedrückend zu wissen, dass dies alles auf den Kompost wandern wird, sobald Sebastian und Ciel ihr Ziel erreicht haben. Fragt sich nur, ob der Boden sich davon jemals erholen wird…

„Ich denke, dass dieses hier gut sein sollte.", der Rubin-Äugige hat sich nach einigen Verkostungen für die Joghurt-Koriander-Variante entschlossen, die er seinem Herren und dem indischen Curry-Experten sofort in das obere Stockwerk bringt. Ihr Vier bleibt unten in der Küche und beginnt mit dem Aufräumen, vom Kochen habt ihr definitiv erst einmal genug.

Es dauert tatsächlich keine fünf Minuten, da steht die edle Gesellschaft im Türrahmen und starrt sprichwörtlich Bauklötzer über die Armada an Edelstahltöpfen. „Und das habt ihr alles alleine gemacht?" Somas Kiefer schlägt fast auf dem Boden auf, zum Glück ist er angewachsen. „Nun, ich habe versucht anhand des mir in Erinnerung verbliebenen Geruches das Exposé der Gewürze zu ermitteln.", erklärt der rabenschwarz gekleidete Butler kinnreibend. Euch, besonders dich, da du ja ein offenes Auge hast, hatte er ebenfalls ausgehorcht, aber das hat nichts gebracht, denn Agnis Hände waren viel zu schnell um herauszufinden, welche Kombination aus Gemüse und Gewürzen er tatsächlich verwendet hat. Nachdem Bard darauf beharrt hatte, dass Agni mindestens einen ganzen Eimer Salz verwendet hat, hielt er Butler es wohl für kontraproduktiv euch als sichere Informationsquelle zur Rate zu ziehen. Du selbst kannst dich ebenfalls an nichts erinnern, da musste Sebastian schon selbst das Rätsel lösen. So ein Pech aber auch. Dir verriet schließlich auch niemand so einfach die Antworten auf all deine Fragen…

Da die beiden Herrschaften nun allerdings schon einmal hier sind, muss Soma sich nun einem Marathon an Verkostungen stellen, ob er will oder nicht. Auch ihr seid aufgerufen es zu probieren.

Das erste Curry ist zu scharf, es verwandelt Mey-Rin fast in einen feuerspuckenden Drachen und selbst der Königssohn empfindet es als „etwas zu würzig." Gut, dass du von vornherein beschlossen hast mit dem Probieren zu warten, es lohnt sich – für dich und deinen Magen. Es folgen diverse Probanden, die dem Prinzen fast die Tränen in die Augen treiben, aber er muss wohl oder übel diese kulinarische Tortur über sich ergehen lassen.

Am End fragst du dich, wann ihm das Zeug aus den Ohren kommt beziehungsweise wann er in eine Phase des Rauschzustandes eintauchen wird. Wer weiß, was der Butler in seinem Eifer alles in die Töpfe geschmissen hat? Sein Kopf liegt auf der Tischplatte, er ist wahrlich am Ende. „Knoblauch und Kardamom.", kommentiert der Küchenfoltermeister, während er ihm den nächsten Teller vor die Nase stellt. Soma wirkt, als wäre jeder Bissen sein letzter. Doch dieses Mal scheint es anders zu sein.

Sebastian hat das Geheimnis um Agnis göttliches Curry gelüftet!

Was für euch ein Anlass zum Jubel ist, stellt für Ciel scheinbar nur eine Selbstverständlichkeit dar. Anstatt mit euch einzustimmen ordert er einen Schokoladenkuchen für den Nachmittagstee und verschwindet dann mit Lau im Gepäck aus euren Unterkünften. Soma verweilt, er muss ja immerhin noch essentielle Hinweise geben, damit Sebastian ungehindert sein Rezept perfektionieren kann. Du hast schon ein wenig Mitleid mit ihm, das musst du zugeben.

Der Tag endet mit Abwasch und Schokoladenkuchen. Ihr habt tatsächlich heute nichts Weiteres gemacht als Curry zu kochen, um es dann wieder wegzuwerfen – eine Verschwendung höchster Güte. Du bist froh, wenn du das Zeug nicht mehr sehen musst und hoffst, dass Sebastian nun endlich mit seiner Kreation zufrieden ist. Deine Hände hoffen das auch. Als deine Ohren allerdings gedämpfte Geräusche vom Flur ausgehend empfangen, schwant dir, dass ein gewisser Herr Butler noch so einige Stunden damit verbringen wird an den Gewürzen und Pasten herumzuexperimentieren. Soll er machen – ohne dich. Du drehst dich um und willst nur noch eines: Schlaf. Und bestenfalls kein Curry zum Frühstück. Nein, soll er doch die ganze Nacht am Herd stehen und im Topf rumrühren, vielleicht lässt er euch dann morgen mal ausschlafen. Du gibst zu, dass du leicht schadenfroh bist. Ein Sebastian Michaelis, der etwas auf Anhieb nicht perfektionieren kann. Wie heißt es doch so schön?

Übung macht den Meister.

In diesem Sinne: gute Nacht.