Am Ende ist alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.
- indisches Sprichwort
Die Welt ist wie verwandelt, entrückt ihres Wintertraumes und noch immer vor Müdigkeit taumelnd. Geküsst von der Sonne am Firmament und just für diesen Tag aus ihrem Schlummern befreit. Helios hat den Schnee schmelzen und die Temperaturen in angenehme Gefilde klettern lassen, sodass du kaum glauben kannst, dass die lebendig grüne Landschaft um dich herum noch vor wenigen Stunden unter einem puderzuckerigen Leichentuch verhüllt war.
Auch wenn es noch in weiter Ferne liegt, vor dir eröffnet sich die Sicht auf eines der atemberaubendsten Bauwerke der Gegenwart: der Crystal Palace – ein architektonisches Meisterwerk aus Eisen und Glas. Dein Herz schlägt schneller, du würdest ihn betreten und die zauberschönen Lichtspielereien in seinem Inneren bestaunen können. Es ist mit einfachen Worten nicht aussprechbar, wie groß diese Ehre ist. Ein wenig bedrückend ist gleichwohl das Wissen, dass dieses Konstrukt menschlicher Schöpferkunst einst in verschlingenden Flammen seinem Untergang geweiht sein wird. Vielleicht ist es deshalb für eine Sterbliche wie dich besser die Zukunft nicht zu kennen, die Unwissenheit zu leben und zu glauben, dass die Fäden, die diese Welt zusammenhalten von unsichtbaren Händen gesponnen werden.
Die Kutsche hält an, ihr seid am Ziel. Hier wird im Rahmen der englisch-indischen Ausstellung der große Curry-Koch-Wettbewerb stattfinden. Danach ist hoffentlich Schicht im Schacht mit dieser vermaledeiten Gewürzmischung. Bis zur Geisterstunde war der oberste Diener Ciels noch am werkeln – dann hast du zumindest das letzte Mal das leise Klirren eines Tellers gehört. Erschreckenderweise sah Sebastian heute Morgen wieder wie frisch aus dem Ei gepellt aus – schauerlich dieser Mann. Aber er hat euch den heutigen Tag zu eurer freien Verfügung gestellt. So hast du dich in dein bestes Kleid geworfen und bist bereit gemeinsam mit dem Triumvirat das Gelände unsicher zu machen.
Du betrachtest das gläserne Wunderwerk, spürst aber analog wie dir jemand auf die Schulter tippt. Es ist der Butler höchstpersönlich, der wohl noch eine Eingabe an dich hat. „Der Earl und meine Wenigkeit würden es begrüßen, wenn Prinz Soma seine Anwesenheit so ruhig wie irgend möglich hier zelebrieren kann." Er richtet sich wieder auf und geleitet seinen Herrn durch die auslandend weite Frontpforte in das Innere der sich darbietenden fernländischen Welt. Kurz danach springt der bengalische Königssohn aus der Kutsche und Bard setzt das Gefährt in Bewegung, um es irgendwo abzustellen. Ihr sollt also auf das Blaublut aufpassen, sodass es im Rausche seiner Einfälle keine Dummheit begeht. Bei Somas Hitzkopf gewiss eine Herausforderung. Sebastian hat leicht Reden, er ist fein raus als Partizipant des Wettbewerbes. Bei dem Terz, den die edlen Herrschaften um das Curry-Rezept gemacht haben, sollte man meinen, dass der Cuisinier mit Bravour gewinnt!
Glücklicherweise hegt der violett-haarige Inder nicht die Absichten euch das Leben noch schwerer zu machen, sondern begafft ebenfalls das prächtige Gebäude vor seinen Augen. Es lässt sich nicht leugnen, aber er wirkt ein wenig geknickt oder zumindest in Gedanken. „Prinz Soma.", richtest du dich an ihn, sodass seine goldschimmernden Iriden dich sofort erfassen. „Und wurde aufgetragen Euch zu begleiten.", formulierst du es sehr, sehr diplomatisch.
Du kannst es förmlich in seinem Kopf rattern sehen.
„Wir gehen rein.", stellt er enthusiastisch fest und marschiert gleich drauflos, um ja nichts zu verpassen. Finnian, Mey-Rin und du folgt auf der Stelle. Nicht auszudenken was passiert, würde man ihn verlieren und er hätte wieder einen seiner infantilen Geistesblitze. All deine Gedanken verpuffen jedoch im Angesicht der gläsernen Bastion, die sich um dich herum auftut. Der Eindruck ist atemberaubend: eine perfekte Symbiose aus Quarz und Metallen, die sich in mehreren Stöcken gen Himmel hin zu gigantischen Rundbögen-Decken vereinigen. Ein riesiges gewächshausartiges Konstrukt, erbaut für die Weltausstellung und der Intension unterworfen internationalen Konkurrenten die schier unerreichbare Macht des britischen Handelsimperiums zu demonstrieren. Allein diese Imposante Darbietung, die sich einem praktisch indoktriniert, wenn man eintritt, verfehlt ihre Wirkung nicht.
Erst auf den zweiten Blick nimmst du wahr, was sich vor und um dich herum so abspielt. Die verschlingend großen Flure sind ausstaffiert mit zahllosen Palsiander-Pflanzen, die den Effekt eines Tepidariums noch verstärken. Die eingeschalteten Hanfpalmen runden dieses grüne Schaubild in sich ab und geben dir zusammen mit der angenehm warmen Luft das Gefühl nicht länger auf englischem Boden zu stehen, sondern eine weite Reise hinter dir zu haben. Die einzelnen, aneinandergereihten Ausstellungskompartimente sind optisch abgegrenzt durch elfenbeinfarbige Säulen mit goldener Verzierung, sodass du dich unter dem Schutz des weitläufigen Tonnengewölbes über dir fast in eine Straßenszene Indiens versetzt fühlst – eine Welt erschaffen in einer Glaskugel. Metaphorisch betrachtet. Deine Blicke wandern zu den riesigen Gebäudenachbildungen, die dann und wann zwischen den Ausstellern gen Himmel ragen. Dein Auge kann dieses Potpourri an Sinneseindrücken kaum aufnehmen, und so ist es Finnian, der dich wieder zurück in die Gegenwart holt.
„Wahnsinn! Was ist das?" Seine türkisen Augen funkeln voller Faszination, als sich sein Zeigefinger in Richtung des Geheges ausstreckt. „Was sind das für Tiere?" Wie in Trance bewegt er sich auf die grauen Dickhäuter zu und bedenkt sie mit Ehrfurcht. Bard ist inzwischen auch dazu gestoßen und dabei den Kippenstummel aufzusammeln, der ihm gerade beim Staunen aus dem Mund gefallen ist. So nähert ihr euch den eingezäunten Riesen. „Das sind", erklärt Soma in einer nonchalanten Selbstverständlichkeit, „Elefanten." Das gigantische Wesen mit den kleinen, runden Augen hebt seinen Rüssel und stibitzt einem jungen Manne den Zylinder vom Kopf, während der Königssohn euch erklärt, dass er daheim in seinem Palast auch locker ein Dutzend besitzt. Auf die Frage der Magd hin, dass diese Tiere doch gar nicht in seine Behausung passen, erwidert er, dass die Dimensionen, in denen er zu leben pflegt nicht mit den ihr bekannten verglichen werden können.
„Sebastian hat gesagt, dass wir auch den Tempel der Kali von Dakshineshwar hier finden. Ich möchte ihm einen Besuch abstatten.", sagt er ruhig und zupft sein weißes Schultertuch zu recht. All seine Absichten verschwinden jedoch im Nirwana, als er Ciel und einen gestriegelten, blonden Anzugträger durch die Palmen hindurch erspäht. Sofort springt er von der Stelle und nimmt geschützt im Dickicht der Pflanzen Platz, um das Gespräch zu belauschen. Ihr folgt ihm möglichst unauffällig. Unfreiwillig werdet ihr Augenzeugen eines Gespräches unter Geschäfts-...Männern?
Zugegeben: es ist recht schwer den jungen Earl als Autoritätsperson anzuerkennen, wenn man nicht gerade so firm in seiner Einstellung ist wie sein oberster Butler. Das was du aus der Entfernung aufschnappen kannst ist, dass der Gegenstand der Unterredung das anstehende Küchenduell darstellt. Der reserviert wirkende Herr erklärt deinen Beiden Vorgesetzten, dass es schier unmöglich sei gegen ihn zu gewinnen und das trotz diverser Zwischenfälle im Vorfeld. Du nimmst wahr, wie Soma sich ein wenig verkrampft und mit den Zähnen knirscht. Offensichtlich ist der gute Prinz in die Sache involviert.
„Nun, wie ich hörte soll unsere Majestät, Königin Victoria ebenfalls unter dem Publikum sein. Es wäre mir eine Ehre, würde sie von meinem Curry probieren bevor sie mir die Regalien erteilt.", erklärt der Herr, der offensichtlich ziemlich eingenommen ist von sich und macht Anstalten sich der Konversation zu entziehen. Ciels Miene bleibt unterkühlt. Im Gegensatz zu seinem privaten Ich scheint der Geschäftsmann in ihm kontrolliert und wohlwissend seiner Fertigkeiten. Ein erstaunliches Kind. „Ich kann es kaum abwarten sein Gesicht zu sehen, wenn er feststellt verloren zu haben." In den Mundwinkeln des Phantomhive Erbens deutet sich ein perfides Lächeln an.
Ihr seht noch zu wie Sebastian sich empfiehlt und in der bunten Menschenmenge verschwindet. Der kleine Earl hingegen festigt den Griff um seinen Spazierstock und stolziert in seiner Adelsmanier auf und davon. Eines weißt du: diese Zeit ist komisch, wirklich komisch. Ob das nun zum lachen ist, oder einem ein nachdenkliches Kopfkratzen abnötigt, kannst du nicht sagen. Die Uhren ticken definitiv anders.
Der königliche Klotz an eurem Bein hält euch auf Trab. Prinz Soma hat sich vorgenommen jeden Stand mindestens einmal zu besuchen. Mal ist er fasziniert von der Detailliebe mancher Exposés, dann und wann weist er die Aussteller zu recht Kulturbanausen zu sein, während er euch unablässig von seiner Heimat und den Gepflogenheiten berichtet. So seid ihr, sprich die Dienerschaft, nach zehn Teeverkostungen, gefühlten hundert Bekehrungen und zahllosen Kostproben der indischen Küche an Ende eurer Nerven, während das burgunderhaarige Energiebündel scheinbar eine endlose Quelle an Aktivitätspotential aufweist. Soma ist tatsächlich ein ziemlich anstrengender Mensch, wenn er erst einmal vom Enthusiasmus gepackt worden ist. Doch mit ein wenig Fingerspitzengefühl, kann man den jungen Rastlosen geschickt manipulieren, wie dir aufgefallen ist.
Es ist im eigentlichen Sinne ganz einfach: Man unterbreitet ihm einen Vorschlag. Vor Begeisterung stimmt er grundsätzlich zu, wenn die Möglichkeit besteht euch in Sachen indische Lebensweise zu unterrichten. So hast du es geschafft ihm auszureden Mey-Rin ein Nostril-Piercing stechen zu lassen, Bard das Kamasutra zu kaufen und Finnian davon zu überzeugen, dass er konvertieren müsste. Nur du selbst hast dich nicht retten können. Aber das macht nichts, das Henna-Tattoo auf deiner Hand ist schließlich abwaschbar, wenngleich eigentlich zu schön um dieses Kleinod wieder zu vernichten. Aber damit kannst du leben, euer Blaublut ist selig.
Glücklicherweise bedeutet euch die Aufregung der sich langsam voranschiebenden Menschenmasse, dass es Zeit für das Spektakel schlechthin wird. „Prinz Soma, es wird Zeit für den Wettbewerb.", erinnerst du ihn sachgemäß. Wie von der Tarantel gestochen marschiert der Inder daraufhin sofort strickt gen Richtung Bühne, sodass ihr schnellen Schrittes hinterhertappen müsst, damit ihr ihm nicht in diesem ganzen Wirrwarr verliert. Einen Sack Flöhe zu hüten wäre eine einfachere Aufgabe gewesen. Sein Tempo zieht er auch den ganzen Weg über durch, bis er abrupt neben Ciel, der in ruhiger Haltung euch den Rücken zukehrt, stehen bleibt und die Bühne mustert. Links und rechts befinden sich jeweils Koch- und Arbeitsplätze für die Teilnehmer des Wettbewerbs. Noch ist allerdings niemand zusehen. Du atmest langsam aus, bis hier hin ist der Tag schon einmal gut überstanden.
„Ciel, wir müssen auf eine Empore.", stellt euer violett-haariger Prinz fest, und will den kleinen Earl augenblicklich mit sich schleifen. Dieser bedenkt ihn jedoch mit einem tadelnden Blick, der ihn davon abhält es weiter zu versuchen. Empört richtet Soma sich an euch und erklärt, dass er in seiner Heimat immer von Balkonen und Erhebungen aus zugesehen hat, und dass Stehplätze nur für das Fußvolk da sind. Bevor er allerdings ausholen kann, schwenkt seine Aufmerksamkeit zurück zur Bühne, auf der ein festlich gekleideter Herr sich den Zuschauern nun präsentiert.
„Meine sehr verehrten Damen und Herren…", beginnt er mit verheißungsvoller Stimme zu sprechen und anschließend ohne große Umschweife die Jurymitglieder vorzustellen. „Aus dem Palast seine Majestät begrüßen wir Chief Higharm, eine Koryphäe seines Zeichnens und ein Erbarmungsloser Juror. Ebenfalls bitte ich Sie Mr. Carter zu begrüßen. Mr. Carter ist Fachmann bezüglich Steuern und Einnahmen, jedoch zum aktuellen Anlass aus Indien angereist.", erklärt der Sprecher. ‚Was' sich dann in theatralischer Gestikulation auf die Bühne schwingt, ist auf den ersten Blick nicht einmal geschlechtstechnisch zu erkennen. Ausladend betonte Hüftbewegungen, figur-umschmeichelnde Kleidung und blondes Haar, dass seidig um das Gesicht des – vermutlich – jungen Mannes fließt.
„Lord Aleister Chamber, der Viscount of Druitt, ist ebenfalls ein sehr, sehr großer Liebhaber von Künsten und sinnesumspielenden Köstlichkeiten." Mit einer fließenden Handbewegung winkt er den Zuschauern zu, wobei verzücktes Stöhnen aus den Reihen zu vernehmen ist. Der kleine Earl neben dir wirkt jedoch, als würde man ihn gerade mit seinem Gehstock malträtieren. „Oh, ich dachte man hätte ihn eingesperrt.", mischt sich eine dir bekannte Stimme ein. Du erkennst Lau mit einer etwas kleineren Frau in seinen Armen, die die Blicke der umstehenden Herren verdienterweise auf sich zieht. Du widmest dem Herren dort oben wieder deine Aufmerksamkeit. Definitiv ein komischer Vogel. Worin bestand eigentlich gleich nochmal der Unterschied zwischen Androgynität und Metrosexualität? Du kannst dich nur wundern…
Anschließend werden die Teilnehmer und gleichzeitig Vertreter der großen Companies auf die Bühne gerufen und dem Publikum vorgestellt. Trotz der Tatsache, dass Sebastian und Agni in ihrer Standardtracht recht deplatziert wirken, lässt ihre Aura die überschwänglich selbstbewussten Chefköche neben ihnen aussehen wie ahnungslose Schusterjungen. Es ist absolut gleichgültig wie talentiert diese vier gestriegelten Herrschaften auch sein mögen, sie treten hier gegen zwei Wunderwirker an, die sich gegenseitig als einzige Konkurrenz sehen. Der schwarzhaarige Anzugträger erntet allerdings von allen Seiten verwirrte Blicke, als man ihn lediglich als Butler tituliert. Sebastians Selbstbewusstsein tut dies allerdings kein Abbruch. Im Gegenteil.
Die Spannung steigt – der Wettbewerb beginnt!
Mit eleganten, aber bestimmten Handgriffen beginnen alle Partizipanten sofort mit ihren Gerichten, indem sie die Pfannen und Töpfe auf den Herdplatten drapieren, Messer bereitlegen oder die bereitgestellten Utensilien inspizieren. Ihr, die Menge, steht gebannt da und wohnt dem unterhaltenden Schauspiel bei. Deine Blicke ruhen auf Sebastian, der in aller Seelenruhe seinen Ärmel hochkrempelt, nachdem er sein Jackett abgelegt und die Utensilien betrachtet hat. Er scheint keines Wegs Zweifel an seinem Sieg zu haben. „Hey, seht euch das an!", tönen einige Stimmen neben dir und Finger zeigen auf Somas Bediensteten Agni, der soeben seine Bandagen abgenommen hat, um dann in unmenschlicher Geschwindigkeit Gewürze zu greifen, um sie treffsicher in er Pfanne zu versenken.
Es dauert nicht lange, da steigen die ersten Düfte euch zu Nase. Du würdest sie glatt als betörend und appetitanregend titulieren, wäre Curry nicht gerade das absolut letzte was du essen wolltest. Lau hingegen scheint in kulinarischen Ekstasen zu schwimmen. Ciel wirkt genervt von den Worten des Kommentators, der auch für die weiterentfernten Zuschauer eine möglichst gute Darbietung zustande bringen will. Du hingegen blendest die Menge um dich herum aus und konzentrierst dich auf das Schauspiel vor deinen Augen.
Sebastian überrascht mit unerwarteter Zugabe von Zartbitterschokolade der Funtom Company, während Agni einen blauen Hummer aus seinem Repertoire zieht. Dies zieht ausschließlich wohlwollende Ausrufe der Zuschauer nach sich, denn der blaue Hummer ist in den gehobenen Kreisen der Gesellschaft eine Delikatesse, die sowohl ein Indikator für Wohlstand als auch für guten Geschmack ist. Die Tatsache, dass die Etepetete-Gesellschaft hier lediglich einen stinknormalen Hummer mit Gendefekt verspeist und das auch noch als außerordentlich nobel betrachtet ist in der Tat ein Armutszeugnis – Mutanten-fressen für Snobs, God save the Queen!
Die Lage an den Küchenfronten spitzt sich immer weiter zu. Soma erklärt fast ohnmächtig, dass Sebastian mit dem Versuch Naan zu backen nicht gewinnen kann, und Agnis Curry einfach als fehlerfrei einzustufen ist. Ciel hingegen ist gelassen, er scheint den Fertigkeiten seines Dieners ohne Vorbehalte zu vertrauen. Und inzwischen riecht der ganze Crystal Palace inklusive deiner Kleidung wahrscheinlich nach dieser Teufelsspeise. Die Darstellung ist – trotz des Viscounts schwülstigen Zwischenrufen – mehr als nur eindrucksvoll. Sowohl Inder als auch der Hobbysadist schenken sich nichts. Gut, es geht hier immerhin um die Handelsregalien. Fragwürdig ist nach wie vor aus welchem Grunde Agni die Seiten gewechselt hat. Dass er seinen Prinzen hintergeht, ist deiner Meinung nach auszuschließen. Vielleicht würde es sich ja alles aufklären am Ende.
„Die Zeit ist abgelaufen!"
Deine Blicke wandern hinüber zur Jury, die mit strenger Miene darauf wartet die ersten Kostproben systematisch auszuwerten und gegebenenfalls in der Luft zu zerreißen. Du bist gespannt wer als Sieger hervorgehen wird. Sebastian mag gut sein, aber Agni ist praktisch mit Curry in seinem Blut geboren worden. Es verspricht knapp zu werden, vor allem, da man nicht weiß womit der Butler des Phantomhive Haushaltes aufwarten wird, denn seine letzten Arrangements hat er unter vorgehaltener Hand getroffen. Aber diese Heimlichtuerei ist ja keineswegs neu, richtig?
Wie zu erwarten bekommen die ersten Vier Köche eine mehr oder minder schlechte Bewertung, sodass auch die Juroren ein wenig enttäuscht dreinblicken. Als Agni dann allerdings in seiner unterwürfigen Art den Herrschaften ganze sieben Varianten inklusive des blauen Hummers serviert, kann man wirklich von allgemeiner Fassungslosigkeit in Anbetracht dieser Meisterleistung sprechen. Wärst du es nicht inzwischen gewohnt, dass in deinem unmittelbaren Umfeld sich ständig solche Wunder vollbracht werden, dann hätte dir sicher auch der Mund offen gestanden. So beobachtest du den Chefkoch der Königin. Er scheint um Fassung zu ringen, als er sich des Inders Speise auf der Zunge zergehen lässt.
„Ohhhhh, wie eine wunderschöne Maid, die unerwartet meine Wege gekreuzt und mein Herz auf ewig entführt!", stöhnt Aleister Chamber inbrünstig los. „Welch' unglaubliche Geschmacksexposition. Nie ist mir ein besseres Curry zuteil geworden.", bekundet er seine Begeisterung gegenüber Agni, der sich untertänig für die Kritik bedankt. Du siehst, wie ein gewisser rotäugiger Diener in gelassener, jedoch stilvoller Haltung sein Tablett mit Silberhaube die Stufen hinaufträgt. Der kleine Earl wirkt ebenfalls ein wenig angespannter als noch vor einigen Augenblicken. Verständlich, für ihn geht es immerhin um viel Geld, sollte er hier triumphieren. Da darf auch ein kleiner Junge mal aufgeregt sein.
Schlagartig ist jedoch jegliche Stimmung verpufft, als Sebastian den Juroren ein faustgroßes, ovales Etwas präsentiert, dass sich am Ende auch noch als frittiert herausstellt. „Ich möchte Ihnen mit Stolz das Curry der Funtom Company vorstellen.", erklärt er sich verbeugend.
„AHHHHH.", schallt des Viscounts Stimme durch das gesamte Gebäude – und es ist ein verdammt großer gläserner Kasten. Er hat todesmutig den „Curry-Donut" aufgeschnitten und betrachtet nun mit fast in Orgasmen ausartender Verzückung die auslaufende, wohlriechende Köstlichkeit. Der Majestät oberster Cuisinier starrt weiterhin wortlos auf das Gebilde vor ihm, während du leise kichern musst über diesen absolut absurden Einfall Sebastians. Es mag befremdlich wirken, aber der Geschmack sollte jegliche Zweifel über die Optik des Gerichtes sofort devastieren…
„Meine Sinne schwingen wie die Seiten einer Harfe, die mich an die Stimme einer bezaubernden Lady zurückerinnern. Sie beraubte mich meines Verstandes, doch sie verschwand ohne ein Wort.", bricht es aus dem blondhaarigen Aleister heraus, während er tausende Liebesbekundungen in den Himmel schickt; und die drei Herren sich darauf einigen sich zu Auswertung zurückzuziehen.
Nach einigen Minuten der Beratungszeit wird es Zeit den Curry-König zu krönen:
Unentschieden – sowohl Ciel als auch Harold West sind gleich auf.
Just in dieser Sekunde wird dem Kommentator die begehrte Trophäe aus der Hand gezogen und landet im festen Griff eines in weiß gekleideten jungen Mannes mit Abzeichen und augenverdeckender Brille, der im gleichen Augenblick mit lauter und fester Stimme die Ankunft Queen Victorias annonciert. Dir wird so schnell gar nicht klar was hier im Begriff ist zu geschehen: König Victoria, das Vorbild ihrer Epoche, eine weibliche Ikone, eine Frau mit schier grenzenloser Macht. Und du darfst sie sehen. Dein Herz hat einen Aussetzer.
Schnell trübt sich deine strahlende Meinung über diese Dame jedoch, als sie auf einem weißen Ross in die gläserne Kathedrale geritten kommt und geflissentlich ihren Handlanger dabei zu Sturz bringt. Deine Augenbraue zuckt von alleine nach oben. Wieder hatte der Undertaker Recht. „Das Streben nach vergänglichen Gütern wie Reichtum, Macht und Ansehen ist Vergeudung dieser kostbaren Zeit. Aus eben diesem Grunde verachte ich die Aristokratie." Er hatte es dir ganz zu Beginn gesagt und es sollte sich als wahr erweisen. Wenn man die Welt der Schönen und Reichen von außen betrachtete, dann war sie unerreichbar, aber wenn man einen gewissen Zugang hatte, dann wurde einem bewusst, dass diese Fasse nicht nur Risse hatte, nein, sie wirkte nur aus der Ferne makellos und beneidenswert. Allein aus diesem Grunde möchtest du zu ihm zurück – erstaunlich wie schnell sich Ansichten ändern können, nicht wahr?
Die Menschenmenge um dich herum scheint zur Salzsäule erstarrt zu sein. Die Queen, hier. Auch wenn du erstaunt bist, du hast gelernt die Welt mit anderen, kritischen Augen zu sehen. Selbst wenn ihr Auftritt respektabnötigend ist und ihre Aura von wahrlich hoheitlich ist … es täuscht nicht darüber hinweg, dass sie auf eine subtile Art und Weise einen beklemmenden Eindruck auf dich macht. Du kannst keine Indikatoren für dieses Gefühl ausmachen, es ist einfach präsent, irgendwie… Unbewusst streicht dein Finger über die Kette an deinem Hals. Auch wenn es an den Haaren herbeigezogen scheint, vielleicht gibt sie dir Schutz – und wenn es nur die Erinnerung an des Undertakers Worte sind, die dich vorsichtig sein lassen.
„Eure Majestät." Ciel verneigt sich vor der gealterten Dame, kann seine Überraschung aber nicht verbergen. Mit ihrem behandschuhten Finger schiebt sie ihre Reiterbrille von den Augen und lächelt den kleinen Jungen mit dem marineblauen Haar an. Hinter dir hörst du die Leute reden. „Man erzählt sich, dass sie seit dem Tod ihres Mannes nur noch selten der Öffentlichkeit aufwartet." „Ja, davon habe ich auch gehört. König Albert… es muss sie sehr schwer getroffen haben." Kurz darauf bricht das in die Jahre gekommene Oberhaupt der royalen Familie in Tränen aus und bekundet, dass sie einst mit ihrem verstorbenen Gatten selbst Curry in diesen gläsernen Hallen genoss. Kurzerhand ernennt man sie zum Richter des Wettbewerbes.
Während Victoria die beiden Speisen mit größter Sorgfalt probiert und mustert, fragst du dich, ob das Königshaus einen eigenen Bestatter hat, oder ob der verstorbene Machthaber ebenfalls ein Kunde des Shinigami war. Wenn nicht, worin läge dann der Unterschied? Ob der Undertaker schadenfroh war? Immerhin mochte er die Klasse der Distinguierten nicht.
Das erste was dich wieder zurück in die Realität reißt, ist das enttäuschte Rufen Harold Wests, der seine Niederlage nicht nachvollziehen kann. Queen Victoria erklärt ihm daraufhin allerdings, dass die Funtom Company gewonnen hätte, weil ihre Kreation sowohl kinderfreundlich als auch für einfachere Menschen erschwinglich ist. Dies, so sind ihre exakten Worte, ist genau jener Fortschritt der eine Weltmacht wie Groß Britannien zu ihrer Stärke verhilft.
Die Menge bejubelt den Sieger und die Speisen der Teilnehmer stehen ab sofort allen Anwesenden zur Verköstigung zur Verfügung. Du beschränkst dich darauf von Mey-Rin zu probieren – das reicht auch. Sebastians Speise ist köstlich, aber du hast wirklich genug von Curry. Zum Glück bist du damit nicht alleine…
Während die Menge um dich herum das Essen genießt beobachtest du West, den Geschäftsmann, wutentbrannt von der Bühne marschieren und einen zu Tode betrübten Agni, der von ihrer Majestät persönlich für sein Curry gelobt wird. Für den Inder bedeutet der Platz des zweiten Siegers allerdings gleichviel gleich dem des ersten Verlierers- er erachtet sich als der Königin Worte unwürdig.
Was sich dann abspielt ist mit einfachen Worten nicht mehr zu beschreiben: eine junge Frau, die von Prinz Soma als Meena gerufen wird und scheinbar der Grund seiner langen Reise nach Europa war, ihm erklärt, dass sie ihn verlassen hat um ein in ihren Augen würdiges Leben außerhalb des Klassensystems zu führen – dank Harold West. Du wirst Zeuge einer regelrechten Hasstirade gegen den violett-haarigen Königssohn, dessen Augen immer trauriger und trauriger werden.
Ciel und Sebastian treten neben dich und wohnen dem Schauspiel still und wortlos bei. Auch das Triumvirat schweigt. Es ist Agni, der unter blutroten Tränen verkündet, dass all seine Absichten darauf bedacht waren seinem Herren zu schützen. Dafür hätte er alles getan, damit sein Lebensretter Soma, der Gott der ihm vor dem Tod rettete, glücklich sei. Er wollte nicht, dass sein Prinz die grausame Wahrheit je erfahren sollte, auch wenn er ihn dafür hatte hintergehen müssen.
Wie gebannt starrst du auf die Flüssigkeit, die gleich flüssigen Almandinen von seinen Wangen auf den Boden tropft. Du kennst dich nicht sonderlich mit religiösen Zeichen aus, weißt aber, dass das Weinen von Blut meist als Zeichen Gottes angesehen wird. Inwiefern das mit dem Hinduismus verbunden wird kannst du allerdings nicht sagen. Auf jeden Fall ist es ein schier atemberaubender Anblick. Schlagartig wird auch dem Prinzen klar, dass er seine Attitüde möglicherweise überdenken soll. So lässt er von der jungen Frau ab und wendet sich seinem Diener zu, dem er erklärt wie er dankbar er diesem für seine Loyalität ist – alles was Agni jemals getan hat.
Weggewaschen sind die blutigen Tropfen durch klare Tränen der Freude. Der Weißhaarige kann nicht fassen, dass sein Prinz ihn trotz allem immer noch als Begleiter sieht und dankt den Göttern für ein Geschenk wie Soma. Das Zwiegespräch zwischen Queen und Phantomhive Erbe nimmst du nur am Rande war, denn das wahre Wunder der Freundschaft spielt sich just vor deinen Augen ab. Es ist ein herzerwärmendes Gefühl zu spüren, wie zwei Menschen wieder zueinander gefunden haben. Sie beide bedanken sich bei euch allen für die Gastfreundschaft, die Hilfe und vor allem für das Wissen, das sie hier erwerben konnten.
Aus Zufall blickst du zum Diener Ciels, der die Trophäe in Empfang genommen hatte und nun wieder da ist, aber von dem Dreiergespann sofort mit Glückwünschen über seinen Sieg befeuert wird. Während Soma den kleinen Earl in den engen Griff nimmt und sich auf seine hau-ruck-Art bei ihm bedankt, lauscht du den Worten Sebastians, der einem niederknienden Agni auf Augenhöhe erklärt, dass es keinen Grund gäbe sich zu entschuldigen." Ihr und Euer Prinz seid gleich Kali und Shiva: durch gemeinsamen Schmerz werden Euch Eure Fehler offenbart." Der schwarzhaarige richtet sich auf und merkt an, dass die Sonne bereits im Begriff ist mit dem Horizont zu verschmelzen. „Wie heißt es doch so schön? Ohne Fleiß keinen Preis?" Sebastians Lächeln wirkt aufrichtig, ebenso wie Agnis Berührung darüber. „Es ist ein wenig beschämend die Geschichte meines Landes von einem Engländer erklärt zu bekommen."
Deine Augen bleiben am schwarzen Butler hängen, der einen Schritt ins Licht tritt und von der entgegenkommenden Sonne eine fast schon astrale Aura erhält. „Das ist Menschlichkeit. Es spielt keine Rolle ob man am Ufer der Themse oder an den Terrassen des Ganges steht. Die Sonne hat von jeder Stelle der Erde aus die gleiche Schönheit." Du bist fasziniert von seinen Worten. In ihnen liegt viel Wahres. An sich sind wir alle gleich, die Unterschiede, die wir machen entstehen nur in unserem Kopf – und so ist es auch mit den Geschichten die wir erzählen. Mögen sie von Land zu Land variieren – ihre Intension ist und bleibt gleich.
Agnis Konterfei nimmt eine sanfte Expression an. Du kannst nicht sagen was er denkt, oder was in Somas Kopf herumschwirrt. Nur eines kannst du für dich mitnehmen:
Metaphorisch betrachtet werden wir alle blind geboren. Durch lernen bringen wir Licht in das Dunkel unserer Welt, doch diese Erleuchtung ist nur ein einzelner Strahl aus einem determinierten Sichtwinkel – ein Aspekt am Horizont des Wissens. So ist jede neue Ansicht eine weitere Illumination auf unserem Weg.
Und der Weg ist das Ziel, nicht das Ende.
Du weißt nicht ob es an der Atmosphäre, oder der Curry-Überdosis der letzten Tage liegt, aber du spürst einen gewissen Seelenfrieden in diesem Moment. Möglicherweise liegt an der Aura Agnis, die so friedvoll und im Einklang scheint. Es ist schwer zu sagen, aber die Freude dieser beiden Inder ist ansteckend. Es tut gut ein so ehrliches und aufrichtiges Lachen inmitten einer Welt voller Lügen zu sehen. Ja, in dieser Sekunde kannst auch du sagen, dass alle Sorgen dir gerade nichts anhaben können. Es ist fast bedrückend Soma beim Flennen zu beobachten, als er realisiert, dass es Zeit wird wieder in die Heimat aufzubrechen und euch, seine neugewonnenen Freunde, hier zu lassen. Aber unter tausenden von Tränen verspricht er wiederzukommen und da zu sein, wenn Ciel ihn braucht. Der kleine Adelige hingegen wirkt durch die enge Umarmung des energischen Bengalen mehr als nur unerheblich genervt. Aber es wird Zeit Lebwohl zu sagen. Trennungen sind nie leicht, aber wenn man im Guten auseinander geht, dann weiß man, dass das letzte Lebwohl ein freundschaftliches war.
Die Inder beschließen noch am gleichen Abend ein Schiff in ihre Heimat zu nehmen, um den Abschied kurz und schmerzlos zu machen. Es ist ein wenig schade, dass sie gehen. Auch Sebastian ist zum ersten Mal aus seiner Fassung geraten, nachdem Agni ihn als Freund tituliert hat. Du hast grinsen müssen bei diesem Anblick. Aber wie du schon gelernt hast: ein weiteres Licht auf dem Pfad deines Wandels hat sich aufgetan. So liegst du in den letzten Sonnenstrahlen des Tages gemeinsam mit Mey-Rin auf dem Dach der Kutsche, während Bard euch sicher zurück zum Anwesen fährt.
Der Weg führt euch durch das Herz Londons, vorbei an einem großen Karawanenzug, der sich auf einem Platz niedergelassen hat und emsige Hände bereits kleine Buden und Zelte errichten. Mit Neugier beäugst du das Schauspiel kurz, dann biegt ihr um die Ecke und eine Häuserwand beendet deine Sicht-Safari.
Ja, diese Zeit ist wirklich anders als du es aus Büchern kennst. Sie ist lebendiger, magischer und gefährlicher. Aber du bist noch immer hier, es war deine eigene Entscheidung von Anfang an. Du hast das Buch gelesen, du hast den Zauber gesprochen und am Ende gar einen Shinigami überzeugt dich verweilen zu lassen. Erstaunlich, wenn man deine Anfänge hier bedenkt, nicht wahr? Du kannst das Rad der Zeit nicht rückwärts – in deinem Falle eher vorwärts – drehen. Aber wenn du dir die Frage stellt, ob du es noch einmal genau so geschehen lassen würdest…
Würdest du es wieder tun?
