~ Helga Hufflepuff ~

Es war Helga sehr wohl bewusst, dass ihr Vater – nein, ihre ganze Familie – Muggel verabscheute. Sie konnte jedoch nicht verstehen, warum dies so wahr. Ihre Eltern sagten Helga nur immer wieder, dass sie sich vor den Muggeln in Acht nehmen sollte. Sie solle keine Magie in ihrer Gegenwart anwenden.

Warum sie dies nicht tun sollte, sagte ihr jedoch niemand. Sie blieb lange ahnungslos. Mit ihren sechs Wintern zählte Helga zu eines der aufgeweckteren Kindern der Familie Hufflepuff. Ihre ältere Schwester Helena war Vierzehn und besaß ein ebensolches aufgewecktes und freundliches Gemüt wie Helga. Sie verstand sich mit den anderen sieben Geschwistern der Familie am besten mit ihrer jüngsten Schwester.

Die Muggel waren ein komisches Volk, fand die damals noch junge Helga. Die Menschen sahen sie immer so eigenartig an, wenn sie sich im Dorf befand. Sie liebte die Wildnis
und all ihre beherbergten Tiere, jedoch durfte sie nur ganz selten raus und den Duft des
Waldes riechen.

Noch seltener durfte sie ins nahegelegene Dorf hinabwandern. Ihre Eltern haben es ihr ausdrücklich verboten, sie solle sich in Gegenwart der Muggel zurückhalten. Den Grund verstand sie mit ihren jungen Jahren jedoch noch nicht.

Ihre Schwester Helena meinte einmal, dass es an ihren tiefroten Haaren liegen würde. Die Muggel würden sie für eine Brut des Teufels halten, deswegen dürfe sie nur noch mit einer tiefhängenden Kapuze ins Dorf gehen, wenn es sich wirklich nicht anders vermeiden lassen würde.

Einmal war sie alleine ins Dorf geschlichen. Heimlich. Niemand wusste davon, nicht mal ihre große Schwester Helena. Es war der aufregendste Tag, den sie bisher erlebt hatte. Ihre roten langen Haare waren dabei für jeden Muggel sichtbar gewesen. Helga hatte die Reaktionen gesehen, noch heute konnte sie ein Schaudern nicht verhindern... noch heute konnte sie die unangenehmen Blicke der vielen Augen auf sich spüren.

Trotzdem hatte sie das Gefühl der Freiheit für alles entschädigt.

Sie verstand nicht, was an ihrer Haarfarbe so schrecklich sein sollte. Immerhin war sie der
felsenfesten Meinung, dass man nur weil man rote Haare besaß, nicht direkt gleich böse war. Sie war das beste Beispiel, denn immerhin hatte sie noch nie jemanden mit Absicht wehgetan.

„Es tut gut die Sonne auf der Haut zu spüren. Ich fühle mich so gleich viel lebendiger. Nicht eingeschlossen hinter Türen, so wie sonst immer. Helena, versprich mir mich öfter mit hinaus zu nehmen. Es war wahrlich eine fantastische Idee von dir gewesen. Danke.", murmelte Helga tief versunken vor sich hin, als sie mit geschlossenen Augen angelehnt gegen einen Baum saß.

Auch, wenn der Baum dank der Blätter ein wenig für Schatten sorgte, so konnte sie dennoch teilweise, da wo keine Blätter waren, die hellen Sonnenstrahlen genießen. Helgas Worte waren kaum verständlich gewesen, da ihre Worte mehr nach einem langen Seufzen klangen, dennoch hatte Helena sie vernommen. Sie konnte ein leichtes Aufschnauben nicht verhindern und lächelte Helga sonnig an. Ihre liebe kleine Schwester. Sie liebte sie über alles.

„Vater und Mutter werden erst im Morgengrauen wieder da sein. Es wäre unsinnig dich eingesperrt zu lassen, solange wir uns hier im Wald aufhalten wird kein Muggel dich sehen können. Sie haben nämlich Angst vor den Tieren."

„Angst vor den Tieren? Wieso sollte man dies haben? Sie sind doch so herzallerliebst. So
friedliebend. Solange man ihnen nichts tut, solange hat man auch nichts zu befürchten.", lachte Helga nach den Worten ihrer Schwester ausgelassen vor sich hin. Ihre blauen Augen funkelten voller Freude. Mit ihren vierzehn Wintern wurde Helga oft noch als naives
Dümmchen abgetan.

Ihre Geschwister hänselten sie oft wegen ihren friedfertigen Äußerungen. „Ich weiß. Es ist lächerlich.", schmunzelte Helena nur sanft zurück. Sie hatte schon immer sehr viel Geduld bei Helga gehabt.

„Kann ich dich allein lassen? Ich muss mich noch um die Tiere kümmern. Ich will es vermeiden in der Nacht die Fütterung erledigen zu müssen, bevor Mutter und Vater wieder
von ihrer Reise zurückkommen.", fügte sie nach einen Moment der Ruhe leise hinzu.

Ihre Augenlider hatte sie dabei sorgenvoll zusammengekniffen. Sie wollte Helga eigentlich nicht allein lassen, jedoch konnte sie ihr auch nicht erlauben auf dem Hof auszuhelfen. Immerhin würde somit die Gefahr einer Entdeckung Helgas entstehen. Die Muggel waren zur Zeiten sehr schnell bei der Verbrennung von rothaarigen Frauen und Männern.

„Darf ich dir nicht helfen, Schwester?", sprang Helga erfreut auf. Mit einem Mal strahlte ihr Gesicht. Sie sah beinahe beschwingt aus. „Nein, es tut mir Leid. Das geht einfach nicht. Du weißt doch, was passiert, wenn dich jemand sehen sollte.", antwortete Helena schon
beinahe panisch.

Nach ihren Worten sah man regelrecht, wie Helga enttäuscht in sich zusammensank. „Ich verstehe. Gehe schon hinfort. Ich werde mich hier alleine beschäftigen."

Als Helena nach einem Moment des Zögerns wirklich weiter zurück in Richtung des Waldrandes ging, atmete Helga laut aus. Sie empfand das Leben so manches mal als sehr
ungerecht. Dennoch wollte sie sich nicht den schönen Tag vermiesen lassen und beschloss ein bisschen den Wald zu erkunden. Vielleicht traf sie ein paar liebe Tiere an.

Fröhlich mit den Armen schwingend durchschritt Helga den Wald. So manches Mal hielt sie inne, um etwas besser erkunden zu können oder gar auch einfach nur, um einen
Moment mit fröhlich strahlenden Augen nach Oben in den Himmel schauen zu können, auch wenn so mancher Baum ihr ein bisschen die Sicht versperrte.

Helga hasste sich manchmal. So wie in diesem Augenblick. Sie konnte es nicht fassen. Sie hat sich tatsächlich verlaufen. Mittlerweile war es nicht mehr schön im Wald. Die Nacht zog schnell auf und mittlerweile hat ebenfalls die Kälte Einzug genommen.

Zwischendurch war Helga sogar gerannt, weil sie hoffte somit schneller hinaus aus dem Wald zu finden. Ein scheußlicher Trugschluss dem Helga erlag. Vor Anstrengung hatte sie stark geschwitzt, wodurch sie nun dank der nassen Kleidung bitterlich fror.

Helga verteufelte sich für ihre Dummheit. Wieso war sie nur nicht dort geblieben, wo ihre
Schwester sie zurückgelassen hatte? Wenn sie geblieben wäre, hätte sie sich nicht verlaufen und wäre mittlerweile wieder Zuhause in ihrem warmen Bett.

Bestimmt machte sich Helena große Sorgen. Helga hoffte nur, dass sie doch noch nach Hause fand und vor ihren Eltern da war, damit Helena keinen Ärger und zudem auch keine Strafe bekam. Jedoch musste Helga erst einmal den Wald überstehen. Sie hatte noch nicht mal ihren Zauberstab mit, der ihr hätte Licht spenden können.

Ihr war ganz schön Angst und Bange in dem Moment, das musste sie sich eingestehen. Helga strauchelte und fiel. Vor Überraschung konnte sie sich einen lauten Schrei nicht verkneifen. Der stechende Schmerz, der sie kurze Zeit später im rechten Knöchel befiel, ließ ihr die Tränen in die Augen schießen. Ein leises Stöhnen verließ ihren Mund als Helga vorsichtig versuchte ihn zu befreien. Anscheinend hatte sie sich in einer Baumwurzel verfangen und war wegen genau dieser gefallen.

Mit zittrigem Körper drehte sie sich auf den Rücken und richtete anschließend ihren Rücken wieder auf, um ihren Knöchel vorsichtig zu betasten. Helga hatte noch nicht viel Wissen, aber für sie fühlte es sich nicht wie ein Bruch des Knöchels an. Genaueres würde aber ihre Mutter wissen, wenn sie wieder Zuhause ankommen würde. Helga lernte bei ihrer Mutter alles über Heilkunde, noch war sie aber nicht bewandert genug, um eindeutig erkennen zu können, ob der Knochen nun gebrochen war oder nicht.

Wenn sie es denn nach Hause schafft...

Jedes Auftreten schmerzte Helga sehr. Mittlerweile liefen ihr die Tränen nur noch so übers Gesicht, dennoch schritt sie beständig weiter mit dem Ziel ihr Zuhause wieder zu finden.

Ihr Bein schmerzte so sehr, aber um genau zu sein, schmerzte sie nicht nur das Bein,
sondern auch die Arme. Auf dem Weg verfing sich Helga ständig in irgendwelches Geäst und Gebüsch, wodurch sie sich die Haut blutig riss. Vor Anstrengung ging ihr Atem beschleunigt. Beinahe schon keuchend, aber wenigstens war ihr nicht mehr kalt. Helga hielt verwirrt inne, als sie plötzlich ein Geräusch vernahm.

Mit schief gelegtem Kopf lauschte sie überrascht in die dunkle Nacht hinein. Es hörte sich an...sich an wie Hufgetrappel. Hufgetrappel im Wald? - Ein Pferd! Ein Pferd, bedeutet ein Mensch, der es ritt.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich von ganz allein, als Helga sehr tief Luft holte und anfing,
um Hilfe zu schreien. Und wahrlich dauerte es nicht sehr lange, bis sie herannahende Hufe hörte. Kurz darauf konnte sie schemenhaft ein fackelndes Licht erkennen. Zum Glück hatte der Reiter eine Fackel dabei.

Helga war so froh endlich wieder etwas sehen zu können. Der Mann, der kurz darauf auf einem Pferd erschien sah noch recht jung aus. In Helenas Alter vielleicht, würde sie zumindest schätzen. Er sah recht groß aus, was auch an dem Pferd liegen könnte. Markante Gesichtszüge fielen Helga auf, braune Haare und graue Augen.

„Geht es Euch gut, verehrtes Fräulein? Hat Euch jemand einen Schaden getan?", fragte der Mann sofort, als er sie sah. Einen Moment verweilte er an ihren roten Haaren. Kurz dachte Helga, dass sich seine Augen geweitet hätten, aber das vermochte sie unmöglich zu sagen, ob dies auch der Wirklichkeit entstammte, dafür stand sie zu weit weg.

Helga konnte sich ein erleichtertes Seufzen nicht verkneifen. „Mein Herr, ich habe mir in meiner Ungeschicklichkeit den Knöchel verletzt. Es war töricht von mir mich zu weit vom Waldesrand zu entfernen. Sicherlich sorgt sich meine Familie sehr um mich, denn ich irre
hier schon seit Stunden umher und hätte schon längst Zuhause sein müssen. Seid ihr mir
wohlgesonnen und könntet ihr mir behilflich sein?"

„Sicherlich. Ihr braucht Euch nicht mehr zu sorgen, ich geleite Euch sicher zu
Eurem Haus.", antwortete der Mann zum Glück sofort und stieg vom Pferde hinab. Mit schnellen Schritten ward er an Helga herangetreten und hob sie mit Leichtigkeit auf sein Pferd hinauf.

Helga entließ voller Erleichterung den Atem. Endlich war sie in Sicherheit. Sie musste sich weiter von Zuhause entfernt haben als sie dachte. Da sie den genauen Standpunkt ihres jetzigen Aufenthaltsortes nicht kannte, ritt der Herr zuallererst ins nahegelegende Dorf.

Von dort aus konnte sie ihn besser dirigieren. Die meiste Zeit schwiegen sie beide, Helga wusste nicht wirklich, was sie hätte sagen können. Der junge Mann war eindeutig ein Muggel. Ihre Eltern hatten sie oft genug vor Muggel gewarnt.

Helga glaubte nicht, dass er ihr böses will. Im Gegenteil, er half ihr nach Hause zu kommen. Das würde sie ihm niemals vergessen. Er hatte zwar für einen Moment mit einem eigenartigen Ausdruck in den Augen auf ihre roten Haare geschaut, aber dennoch war Helga nicht der Überzeugung, dass er sie für die Ausgeburt Satans halten würde.

Helga würde ihrer Familie gerne beweisen, dass Muggel auch gut sein können, aber sie wusste, sie würden sie nur wieder auslachen.

Endres Sattler, wie sich ihr Retter vorstellte, half Helga bis zur Haustüre. Sogar das Anklopfen übernahm er für sie. Helga fand das außerordentlich nett von ihm. Endres sah etwas besorgt aus, als Helga sich stärker an ihm abstützen musste, weil ihr vor Anstrengung und Aufregung die Beine zittrig wurden.

Helga konnte sich aber nicht lange auf seinen Gesichtsausdruck konzentrieren, denn die schnellen Schritte hinter der Tür verlangten all ihre Aufmerksamkeit. Helena sah außerordentlich erleichtert aus, als sie ihre kleine Schwester wiedersah. Sie fiel Helga ohne zu zögern um den Hals, wodurch diese ihr Gleichgewicht verlor und gefallen wäre, wenn Endres sie nicht festgehalten hätte.

„Ich bin so froh, dass es dir gut ergeht. Ich habe mir schon ernsthafte Sorgen um dein Wohlergehen gemacht.", wisperte Helena ihr erleichtert ins Ohr.

„Mir war auch ein bisschen Unwohl, liebe Schwester. Ohne den Herren Sattler hätte ich sicherlich nicht vor dem Morgen wieder nach Hause gefunden. Allein ihm verdanke ich meine Rückkehr.", sprach Helga voller Erleichterung endlich wieder Zuhause zu sein.

„Es war mir ein Vergnügen Sie nach Hause zu begleiten, Fräulein Helga. Sie brauchen sich beide nun keine Sorgen mehr zu machen.", wandte sich Endres schlussendlich mit einem Lächeln an Helena.

Es überraschte Helga sehr, dass diese plötzlich scharlachrot im Gesicht wurde.

„Ich danke aufrichtig, mein Herr, dass Sie meine Schwester sicher nach Hause gebracht haben. Ich wüsste nicht, was ich tun würde, wenn ihr ein Leid geschehen wäre."

„Umso besser, dass Sie nun heil bei Ihnen ist. Nun denn, meine Damen, ich muss weiter. Ich hoffe, Miss Helga wird sich wieder schnell erholen. Ich werde sie demnächst besuchen kommen, um mich zu versichern, dass es ihrem Bein wieder gut geht, wenn es Ihnen nichts ausmacht.", erklärte Endres schnell.

Er schien mit einem Mal in Eile zu sein.

„Sie sind auf jeden Fall erwünscht.", meinte Helena nur. Endres nickte beiden zur Verabschiedung zu und wandte sich zu seinem Pferd um. Aus dem Augenwinkel bekam Helga mit wie Helena ihren Zauberstab hervorholte. Helga traf es wie einen Blitz.

„Nein, bitte lass ihn nicht dieses Ereignis vergessen. Er hatte mir geholfen. Ich empfinde es als nicht richtig, ihn verhexen zu lassen.", bat Helga leise und zugleich sehr eindringlich.

„Vater und Mutter wird dies nicht gefallen.", meinte Helena daraufhin missmutig.

„Vater und Mutter gefällt vieles nicht.", erwiderte Helga daraufhin lakonisch.

Helena maß sie darauf still.

Endres besuchte sie daraufhin häufiger. Meist richtete Helga es so ein, dass ihre Eltern bei diesen Treffen nicht anwesend waren, sondern außerhalb verweilten. Ihre Eltern waren viel auf Reisen, auch wenn es manchmal nur für ein paar Tage waren. Helena war meist bei diesen Treffen anwesend, um wie sie meinte, die Jungfräulichkeit ihrer Schwester zu bewachen. Helga vermutete aber, dass sie sich in Endres verguckt hatte.

Bei diesem Gedanken wurde Helga oftmals schwer ums Herz, denn sie empfand ebenfalls mit jedem weiteren Treffen immer mehr für Endres. Ihr Herz zog sich jedes Mal zusammen, wenn sie sah wie ihre Schwester Endres ansah. Sollte er jemals Gefühle für eine von Ihnen empfinden, so wusste Helga, dass er sich nicht in ein Kücken, wie sie es war, verlieben würde.

„Ich bin nicht böse.", hauchte Helga leise zitternd hervor. „Aber ich bin auch nicht gut. Nicht gut genug, um mich von dir fernhalten zu können."

„So möge ich ebenfalls von Verdorbenheit geprägt sein.", meinte Endres mit einem kleinen Lächeln, während er sanft über Helgas Wange strich. Helga konnte es immer noch nicht fassen, dass Endres ebenfalls dieselben Gefühle wie Helga empfand, jedoch war sie sehr betrübt, dass Helena seitdem nicht mehr mit ihr redete. Es hatte sie sehr getroffen.

Dennoch war Helga mit ihren nun siebzehn Wintern sehr glücklich.

„Ich erlaube diese Schande nicht in unserer Familie. Es ist dir verboten, dich weiterhin mit diesem Muggel zu treffen, ansonsten wirst du von dieser Familie verstoßen werden, Helga.", zischte ihr Vater sie zornig an.

Helena hatte verraten, dass sie sich mit Endres trifft. Helga hatte bis zu diesem Tage noch niemals solche Wut gegenüber ihrer Schwester empfunden. Sie war so zornig, dass sie glaubte jeden Moment ihre Fassung zu verlieren. Zugleich fühlte sie sich so unglaublich verraten von ihrer Liebsten.

„Dann weiß ich, wo mein Platz ist.", zischte Helga zurück. Ihre Hände bebten. „Und der ist nicht mehr bei Euch."

„Helga, warte bitte. Vater meinte es nicht so. Lass ihn sich beruhigen.", kam Helena Helga entgegen, als diese mit ihrem Gepäck ihr Zimmer verließ.

„Vater war sehr deutlich, in dem was er sagte. Ich gehöre nicht mehr hierher und du hast dich ebenfalls nicht wie meine geliebte Schwester verhalten. Ich weiß, dass wir dich sehr mit unserer Beziehung verletzen. Das war nie meine Absicht und es tut mir sehr leid. Ich wollte dich nie leiden sehen, aber man kann nichts für seine Gefühle. Endres liebt dich nicht und alles andere wäre erzwungen. Willst du eine Liebe empfangen, die nicht freiwillig ist oder willst du nicht lieber jemanden an deiner Seite haben, der dich wirklich liebt und zu schätzen weiß? Nun frage ich dich, Schwester, war das was du mir eben angetan hast nicht reine Berechnung gewesen? Du wolltest mich mit purer Absicht verletzen. Das verzeihe ich dir nicht so schnell, sollten wir uns wiedersehen... Das
unterscheidet uns. Ich handelte nicht mit Boshaftigkeit, du hingegen schon. Solltest du wieder meine Schwester sein wollen, werde ich dich empfangen. Mit der Zeit."

„Liebling, ist alles in Ordnung bei dir?"

Endres hörte sich besorgt an, als er Helga mitten in der Nacht alleine am Fenster stehen sah. Sie starrte hinaus auf den großen Vollmond.

„Sicherlich. Ich fühlte mich nur sehr unruhig heute. Sorge dich jedoch nicht, ich komme sofort ins Bett.", sprach Helga sanft zu ihrem Mann, als sie sich zu ihm umdrehte. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Was bereitet dir Sorge?", fragte Endres daraufhin leise.

„Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich ist es nur der Vollmond, auch wenn ich weiß, dass ich ihn nicht zu fürchten brauch."

Endres verstand diese Worte nicht wirklich, jedoch wusste er, dass Helga ein eigenartiges Gespür für ihre Umwelt besaß, das seinem Verstand nicht zugänglich war. So ließ er das Gespräch fallen und ging lieber zu seiner Frau hin, um ihr sanft über die Schultern zu streichen.

„Lass uns zu Bett gehen."

Helga wusste, dass etwas nicht stimmte, als sie ihr Haus betrat. Sie sollte recht behalten. In der Küche erwartete sie ein Blutbad. Ihre Schwester Helena saß bebend über Helgas Mann und stach immer wieder mit einem Dolch auf seine Brust ein. Helga verstand für einen Augenblick nicht, was in diesem Moment in ihrem Zuhause vonstatten ging, bis sie mit einem Heulen tief aus ihrem Innern auf ihre Schwester stürzte und versuchte ihr den Dolch aus der Hand zu entreißen.

Beim ersten Mal gelang es ihr nicht, stattdessen wurde sie von Helena zur Seite gestoßen. Helga stieß sich daraufhin hart den Kopf am Küchentisch. Es war ihr einerlei, dass ihre Stirn stark anfing zu bluten. Sofort stürzte sie sich wieder auf ihre Schwester, um sie endlich von ihren Mann gezogen zu bekommen.

Ihren Zauberstab hatte sie vor langer Zeit im Wald versteckt. Dieser konnte ihr bei der rohen Gewalt mit der Helena auf Endres einstach also auch nicht helfen. Es gelang Helga nur mühselig Helena den Dolch zu entwenden.

„Dieser Muggel hat dich mir weggenommen. Er musste dafür bezahlen... Er hatte nicht das Recht dich mitzunehmen. Nicht das Recht... nicht das Recht. Er musste sterben. Sterben. Es war so leer ohne dich. Hab doch mein Leben lang auf dich aufgepasst. Ja, aufgepasst. Du hattest nur mich. Nur mich. Du hattest es immer gut bei mir. Bei uns. Hörst du, Helga?"

Nein.

Helga versuchte das noch leicht heraussackende Blut aus dem Brustkorb ihres Mannes zu stoppen. Sie bemerkte jedoch schnell, dass jede Hoffnung für ihn zu spät kam. Sie konnte ihm nicht mehr helfen. Er war bereits tot.

Ihre Schwester stammelte immer noch Worte vor sich hin. Helga bekam es kaum mit. Es fühlte sich an, als würde alles an ihr vorbeirauschen. Nichts hatte mehr eine Bedeutung. Ihr Mann war tot.

Helena ist verrückt. Genau dies kam Helga in den Sinn, als sie sich wieder den Worten von ihr bewusst wurde. Sie hatte den Verstand in ihrer Abwesenheit verloren.

„Musste es tun. Musste es tun. Er wollte mich nicht. Er wollte dich, aber du gehörtest mir. Allein mir." Immer wieder wisperte sie diese Worte vor sich hin, während Helga Helenas verwahrloste Gestalt in sich aufnahm.

Was war nur mit ihr geschehen?

Helga stand nur langsam auf. Ihr Körper fühlte sich taub vom langen Sitzen an. Zusammengekauert hatte sie die letzte Zeit am Boden verbracht bis auch endlich ihr Herz verstand, dass ihr Mann von ihr gegangen war. Sein Körper war nun schon seit Stunden ganz kalt.

Im Hintergrund wusch die ganze Zeit einzig und allein die wirre Stimme ihrer Schwester über sie hinweg. Helga wusste nicht mehr, wie sie den Zauberstab ihrer Schwester aus der
Tasche an deren Kleid entwand. Sie wusste nur, wie sie zwei Worte sprach und konnte sich nur noch an ein grünes Licht erinnern.

Nur langsam kehrte wieder die Vernunft in Helga ein.

Es hatte viele Stunden gedauert.

Und dann fiel Helga. Sehr tief und kam hart in die Wirklichkeit auf.

Helga konnte nicht verhindern, dass sie schluchzte und bebte. Sie sah den reglosen Körper ihrer Schwester vor ihr liegen. Sie weinte um ihren toten Mann und zugleich um ihre tote Schwester. Nicht um die Schwester, die leblos vor ihr lag, sondern um die Schwester, die sie einmal war und die sie so innig geliebt hatte, wie man es nur konnte.

Die Realität war wirklich grausam.