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Sie sah auf ihn herab. In ihrem Blick lag etwas fremdes, kaltes und weckte eine dunkle Vorahnung in ihm. „Ich muss gehen!", sagte sie schlicht und zog sich das T-Shirt über den Kopf. Sie wirkte so distanziert auf ihn. Ganz so als wäre das eben Geschehene nie passiert. „Ich ...", begann Tom vorsichtig, erhob sich und suchte seine Kleidung zusammen. Irgendetwas entging ihm, nur wusste er noch nicht was. „Es war nett. Wir sehen uns später." Mit diesen knappen Worten ließ sie ihn stehen und verschwand Richtung Lager.

Tom blieb stehen, schloss die Augen und atmete tief durch. Er neigte nicht dazu ein Narr zu sein, aber sie … sie hatte ihn wie einen aussehen lassen. Niemals wieder, schwor er sich, würde es einem anderen Geschöpf, egal ob Zauberer, Hexe, Muggel oder sonstiges, gelingen ihn mit Gefühlen zu manipulieren. Vielleicht sollte er ihr dankbar sein, dass sie ihm die Augen geöffnet hatte.

Dankbar dafür sein, dass sie ihm gezeigt hatte wo seine Schwächen lagen, damit er sie für immer überwinden konnte. Gefühle bedeutenden Schwäche. Was immer er in den paar Tagen die er sie kannte für sie empfunden hatte, war schon lange tot. Einzig die Erinnerung daran erlaubte er sich um nicht zu vergessen. Dumbledore hatte ihn davor gewarnt.

Jeder, sagte er, besitzt Schwächen, doch das das auch auf ihn zutreffen könnte, diesen Gedanken schob er weit von sich. Bis Isabell ihn eines Besseren belehrt hatte. Bis sie ihm bewies, dass auch er verwundbar war. Leicht schüttelte er sich. Er fühlte sich von sich selbst angewidert. Mit großen Schritten überquerte er das Gelände bis er die ersten Ausläufer des verbotenen Waldes erreichte. Obwohl er wusste, dass er ihn nicht betreten durfte, das er gefährlich war, so schlüpfte er dennoch zwischen den Bäumen hindurch. Auf einer kleinen Lichtung entdeckte er ein Einhorn. Wie er diese garstigen Tiere verabscheute.

Schnell schlüpfte er in seine Sachen und folgte ihr. Er verstand nicht was plötzlich mit ihr los war. Vielleicht war er zu schnell voran gegangen? Einen Moment lang befürchtete er sie verletzt zu haben. Er war eindeutig zu schnell gewesen und Ungestüm wie er war, hatte er ihr Schmerzen zugefügt, wo er Lust empfand. Unwillkürlich spürte er Erregung in sich aufsteigen. Hastig unterdrückte er diese Empfindung. Er war nicht abartig. Außerdem musste er Isabell finden und nach ihr sehen. Vielleicht weinte sie irgendwo, weil er sie verletzt hatte. Er war ein Untier und deshalb hatten ihn alle Kinder im Waisenhaus gehasst.

Er erkannte Betrug, wenn er ihn sah. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Das Bild vor seinen Augen sprach bereits Bände, aber das Gespräch, dass er zu seinem Glück belauschen durfte, verriet ihm alles. Sie konnten ihn nicht sehen, denn er stand gut verborgen zwischen den Bäumen.

„Er frisst mir praktisch aus der Hand. Morgen Nacht und dann ..." Isabell wurde von ihrem Gegenüber hart unterbrochen.

„Was hast du getan?"

„Alles was nötig ist, um sie zu dir zu bringen!", erwiderte sie fest.

„Sei bloß vorsichtig!", warnte der andere sie noch und ging.

Tom kannte den Mann nicht, aber er hatte so eine Ahnung. Sein Ruf … Tom hatte mittlerweile alle Kreaturen die die Erde und auch den Himmel bevölkerten studiert und auch die dazugehörigen berühmtesten Vertreter. Und eines dieser Exemplare stand praktisch gerade vor ihm, oder war besser gesagt gerade vor ihm gestanden. Was immer die beiden, er und Isabell, vorhatten, es würde ihm bestimmt nicht gefallen, aber da er es nun wusste, würde es ihm auch nicht passieren.

Er verließ sein Versteck und kehrte in seine Hütte zurück. Er hatte Vorkehrungen zu treffen. Automatisch griff er als erstes nach seinem Zauberstab. Nur sehr schweren Herzens legte er ihn wieder fort. Nur, weil sie eine Schlange war, würde er nicht seinen Traum in Gefahr bringen. Er konnte auch so mit ihr fertig werden. Ein Klopfen an seine Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Als er die Tür öffnete, stand sie davor. Schweigend betrachtete er sie.

Was würde morgen Nacht passieren? Und vor allem wo? Wie sah die Falle aus, die sie dachte ihm stellen zu können? Eine leichte Spannung lag spürbar in der Luft. Er und auch sie wusste es.

„Tut mir leid, dass ich vorhin so rasch weg musste, aber ...", begann sie, doch wurde von ihm hart unterbrochen.

„Du hattest noch eine andere Verabredung?", provozierte er sie. Er sah wie sie zuerst blass wurde um dann hektische rote Flecken zu bekommen.

„Es ist nicht wie du denkst. Ich hatte ...", versuchte sie es erneut, doch auch diesmal ließ er sie nicht den Satz beenden.

„Vorkehrungen zu treffen?" Er um schlich sie mit Worten wie ein Raubtier das Witterung aufgenommen hatte. Isabell verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. Er konnte sehen, wie sie sich zunehmend unwohler zu fühlen begann.

„Eigentlich bin ich gekommen um dich zu fragen ob du mit mir morgen Abend mit dem Boot raus auf den See fahren willst, aber wenn du so wie gerade bist, möchte ich das eigentlich nicht mehr!", zischte sie scharf.

Tom neigte seinen Kopf zur Seite und betrachtete sie leicht amüsiert. Jetzt wo er die Wahrheit kannte, waren alle Gefühle, die er jemals für sie gehegt hatte, wie weggeblasen. Ganz so als hätte es sie nie gegeben.

„Nein, lass uns das machen. Das hört sich nach einem Mordspaß an!" Er schaffte es nicht ganz den zynischen Ton zu unterdrücken. Tom konnte nur hoffen, dass sie es nicht hörte.

„Soll ich irgendetwas mitbringen?", rief er ihr fragend hinter her.

„Gift, oder einen todbringenden Fluch?", fügte er noch leise murmelnd hinzu. Sie hatte sich schon wieder auf den Weg gemacht.

„Nur dich, mein Schatz!", rief sie über die Schulter zurück. Auch in ihrer Stimme lag ein leicht bissiger Ton.

„Ich freue mich schon!", sagte er halblaut, wohl des Wissens, dass sie ihn nicht mehr hören konnte.

Tom war wieder vor den Toren des Schlosses angekommen. Es wäre bestimmt besser, wenn er sich ins Innere und in sein Bett verzog, aber noch war er nicht müde genug um auch Schlafen zu können. Noch war sein Geist von ihr gefangen. Sie war in seinem Blut und ein Teil von seiner schwarzen Seele und das vermutlich für immer, ob er das wollte oder nicht. Er hatte es zugelassen, dass er Gefühle für sie entwickelte.

Ein unverzeihlicher Fehler, der ihm nie wieder unterlaufen würde und doch … Welch süßer Schmerz brannte auf seiner Seele, wenn er nur an ihr schönes Gesicht dachte. An ihr Lachen und ihre Stimme, aber vor allem an ihren Kuss. Von der Süße ihrer Lippen würde er nie wieder trinken, auch wenn ihr Kuss nach Verrat schmeckte, so sehnte er sich dennoch danach.

Tom lehnte sich gegen das Portal. Noch wollte er … konnte er nicht zurückkehren. Nicht solange er mit seinem Schicksal haderte und die Vergangenheit ihn fest in ihrem Griff hielt. Es gab da noch etwas, woran er sich erinnern musste, auch wenn nur mit einem gewissen Widerwillen.

Die Dämmerung brach bereits herein, als er sich auf den Weg zu ihr machte. Sie wollten sich heimlich am Ufer des Sees treffen. Sie erwartete ihn bereits.

„Was hältst du von einer kleinen Bootsfahrt zum anderen Ufer des Sees?", schlug sie mit unschuldiger Stimme vor und würde er nicht bereits ihr wahres Gesicht kennen, so hätte er gleich einem verliebten Narren mit einem dämlichen Grinsen einfach ja gesagt.

Oh er würde mit ihr ans andere Ufer rudern und dann würde er ihr dort eine Lektion fürs Leben erteilen. Sie würde sich am Ende dieser Verabredung wünschen ihn niemals getroffen zu haben. Am anderen Ufer erwartete sie nicht nur die Nacht, sondern auch ein wunderschöner Vollmond. Isabell schien das Mondlicht zu lieben. Übermütig streckte sie ihre Arme dem Mond entgegen.

„Das wird eine herrliche Nacht!", rief sie aus und lief los.

„Fang mich!", schrie sie über die Schulter zurück und verschwand zwischen den Bäumen.

Eine Jagd. Unwillkürlich geriet sein Blut in Wallung. Er liebte es Beute zu machen. Tom rannte los um ihr zu folgen. Diese Nacht würde ein Opfer fordern und das war sie. Rasch hatte er sie eingeholt, aber sie schien auch nicht wirklich vor ihm auf der Flucht gewesen zu sein. Jedenfalls ließ das breite Grinsen auf ihren schönen Lippen darauf schließen.

„Du hast mich!", sagte sie fröhlich. Sie wirkte kein bisschen beunruhigt, aber das würde sich schon bald ändern, denn er würde dafür sorgen.

Schon überlegte er wie er sie am besten für ihren Verrat bestrafen könnte, als etwas merkwürdiges geschah. Ihre Zähne wurden länger und auch ihre Finger verlängerten sich. Isabell begann sich in etwas anderes zu verwandeln. Plötzlich stieß sie ein heißeres Heulen aus. Ein leichtes Frösteln ergriff ihn. Es gab nur ein Geschöpf, dass diesen Ton verursachte. Ein sehr gefährliches Wesen.

Ohne Magie war er ihm kaum gewachsen. Hastig machte er kehrt. Es gab nur eine Möglichkeit um ihm - ihr zu entkommen – er musste das Boot erreichen, so schnell wie möglich. Ansonsten würde nur noch Teile von ihm übrig bleiben, weil sie ihn in Stücke reißen würde. Gerade als er das Boot ins Wasser geschoben hatte und einsteigen wollte, stürzte sie sich auf ihn.