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Er landete mit dem Rücken auf dem Boden des Bootes. Das Untier Isabell stand über ihn und blies ihm ihren stinkenden Atem ins Gesicht. Der Tod stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sein Tod. Und beim nächsten Vollmond würde auch er als mit klauen bewehrtes Monster umherstreifen. Ohne Sinn und Verstand, wenn … Wenn er es jetzt nicht schaffte zu verhindern das sie ihn biss. Fest packte er sie an ihrer Gurgel um so ihre scharfen Zähne von sich fern zu halten. In ihrem Zorn heulte sie schaurig auf und versuchte zugleich sich loszureißen. Unbemerkt von ihnen beiden trieb das Boot auf den See hinaus. Sie waren ganz allein auf der spiegelnden Oberfläche. Einzig der Mond beobachtete ihr Treiben.

Zischend stieß er die Luft vor Schmerzen aus. Tief hatte sie ihre Klauen herznah in sein Fleisch getrieben. Er spürte wie Muskeln, Sehnen und Fleisch gleich wie Butter zerschnitten wurde. Scheinbar wollte sie ihm mit bloßen Händen das Herz herausreißen und zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er Todesangst. Er würde sterben, wenn er sich nicht von ihr befreien konnte. Tom tastete er seine Kleidung ab, bis er fand wonach er suchte. Er hatte zwar geschworen keine Magie einzusetzen, aber das war gewesen bevor er wusste was sie war.

Sie war tatsächlich eine Grayback und mit Fenrir verwandt. Vermutlich war sie seine Schwester und wenn er mit ihr fertig war, war sie das auch gewesen. Entweder sie oder er würden diese Nacht nicht überleben und er würde alles daran setzten, dass es nicht er war. Fest packte er den Zauberstab, ein Fluch lag ihm bereits auf den Lippen, doch da besann er sich anders und statt sie zu verfluchen, rammte er ihr ihn mitten in ihr schwarzes Herz. Ein letztes keuchendes Heulen, dann brach sie über ihn tot zusammen.

Dabei verwandelte sie sich wieder zurück und er hielt sie – Isabell- in seinen Armen. Unwillkürlich drückte er sie an sich. Es war sie, an die er sein Herz verloren hatte und nun war sie fort. Für immer. Sein Zauberstab drückte ihn schmerzhaft in die Seite und ließ ihn den Verlust doppelt fühlen. Langsam schob er sie von sich und legte sie sanft ins Boot zurück. Sie war so wunderschön, warum … Das Schicksal trieb ein grausames Spiel mit ihm.

Fort. Ein Laut drang an sein Ohr. Irgendjemand war außer ihm noch wach und schlich, wie er, durch die Nacht. Wenn dieser jemand ihn erwischte, dann verlor er Punkte und musste eine Strafarbeit leisten und Tom wollte weder das eine noch das andere. Hastig verließ er das Tor und zog sich hinter einen offenen Steinbogen nahe der Brücke zurück. Dort konnte ihn keiner sehen, aber er konnte sehen. Es war der dumme Hagrid. Dicht an seiner Seite lief ein garstiges Tier. Eine hässliche große Spinne. Beruhigend redete der große Trottel auf das Tier ein. Wo nur hatte er diese Kreatur nur aufgetrieben?

Garantiert war es nicht etwas was im Schloss leben durfte. Tom speicherte dieses Wissen für später. Wer weiß, eines Tages konnte es vielleicht von nutzen sein. Doch gerade jetzt machten andere Dinge sein Gemüt schwer. Wieder griff er sich an die Narben auf seiner Brust. Zu gern hätte er sie gefragt. Gefragt, ob alles … alles nur Lüge war, oder ob ein kleiner Teil von ihr das gleiche wie er empfunden hatte. Auch wenn der Zorn in ihm überwog, so gab es ein kleines Stück in seinem Herzen, das alleine ihr gehörte.

Sie lag da. Bleich und wunderschön zugleich. Einzig sein Zauberstab der hässlich aus ihrer Brust ragte das Bild. Mit leichtem Widerwillen packte er ihn und dann zog er ihn unter leichtem Würgen aus ihrer Brust. Er war voller Blut. Ihrem Blut. Hastig hielt er ihn ins Wasser und wusch ihn gründlich. Ohne ihn noch einmal anzusehen, steckte er ihn zurück in seine Tasche. Tom konnte den Anblick seines Zauberstabes nicht ertragen und er zweifelte daran es jemals wieder zu können. Er setzte sich zurück und verbarg das Gesicht in seinen Händen.

Seine Wangen waren nass von seinen Tränen. Er trauerte um sie. Minuten lang saß er so da und starrte ins Nichts. Doch langsam kam Leben in ihn. Er musste ihren Körper los werden. Wenn man sie und ihn fand, führte das zu Fragen, die er nicht beantworten wollte. Der See. Tom bediente die Ruder und kehrte zurück ans Ufer. Er konnte sie nicht so einfach in den See werfen, ohne das er sie mit Steinen beschwerte. Nur so konnte er sichergehen, dass man sie nicht sofort fand. Wenn sie dann Wochen später vielleicht wieder auftauchte, war er schon längst wieder in Hogwarts und fern von hier.

Ein einfacher Plan und doch konnte nichts komplizierte sein, als etwas zu verbergen, was nie wieder gefunden werden soll. Als erstes brauchte er Steine. Schwere Steine. Er fürchtete die Muggel nicht, aber ihren Bruder Fenrir Grayback. Dieser würde ihn in Stücke hacken, wenn er herausfand, dass er Isabell getötet hatte. Darüber musste er sich jetzt Sorgen machen. Tom band ihr die Steine um die Füße. Er brauchte sie nur noch über Board zu werfen, aber als es soweit war, konnte er es nicht.

Sie würde alleine sein in den dunklen Tiefen des Sees. Und es wäre kalt dort unten. Dunkel und kalt. Seine Isabell wäre für immer alleine. Ein Schicksal, dass er sich für sie nicht wünschte. Still saß er im schaukelnden Boot und starrte auf sie. Isabell wollte ihn zu ihresgleichen machen, war das wirklich so verwerflich gewesen? Strebte er nicht auch danach andere an sich zu binden?

Tom war ins Haus der Slytherins deshalb gegangen, weil er an den alten Werten hing. Es sollten keine Mischlinge und keine Schlamblüter in Hogwarts zugelassen werden. Diese Schule sollte nur den Reinblütigen zustehen. Das auch er nur ein Halbblut war, diese Tatsache ließ er außer acht. Die alten Werte gerieten in Vergessenheit und unter Dumbledores Einfluss verkam die Schule zusehends. Dieser alte Trottel würde vermutlich jeden zulassen, der sich in seinen Augen nur irgendwie magisch verhielt. Eines Tages sollte das anderes werden, wenn er, Tom Marvolo Riddle, das Sagen hatte. Unter seinem Einfluss würde das Haus Slytherin in neuem Glanz erstehen und er hatte auch schon Pläne wie er es anstellen würde, aber vorerst musste er sich noch um ein anderes Problem kümmern.

Der Alptraum, der ihn heute Nacht aufgeweckt und ruhelos gemacht hatte, es gab einen Grund dafür. Sie war wieder da. Ihr Körper war aufgetaucht und gefunden worden. Ein halbes Jahr hatte er Ruhe gehabt. Ein verdammtes, halbes Jahr hatte er gebraucht um vergessen zu können und nun hatte sie ihn wieder eingeholt. Schmerz und Begierde trieben ihr Spiel mit ihm. Wie sie wohl nach der langen Zeit im Wasser aussah? Ob ihre Schönheit bereits verblasst war, oder ob sie immer noch so war wie er sie in Erinnerung hatte? Warum nur quälte er sich mit diesen Fragen? Wichtiger war doch, dass ihm keiner Fragen stellte.

Das niemand die Verbindung herstellte. Für alle galt bis jetzt, dass Isabell Grayback fortgelaufen war. Nur wusste die Welt es jetzt besser. Die Magische und die Nichtmagische. Ihre Leiche wurde von Muggel untersucht. Sie konnten an ihr nichts seltsames, außer das sie ermordet worden war, feststellen.

Natürlich rätselten sie über die Mordwaffe. Sie hatten keine Ahnung was es war. Nicht die geringste. Ein seltsames Gefühl machte sich in ihm breit. Ein Gefühl das ihn niederdrückte und ihn ruhelos werden ließ. Vergleichbar mit einem Unwohlsein, war es als würde er in seiner Haut nicht mehr wohlfühlen. Er war plötzlich ein Fremder in seinem eigenen Körper. Tom hatte darüber einmal aus purer Langeweile gelesen. Er ahnte was es war. So fühlte sich Schuld an.

Unter Tränen ließ er ihren Körper ins Wasser gleiten. Sofort ging dieser, beschwert durch die Steine, unter. Lange blickte er auf die Wasseroberfläche, doch nichts passierte. Sie kam nicht mehr zurück. Energisch wischte er sich die Wangen trocken, dann ruderte er bedächtig zurück. Sollte er irgendjemanden im Lager treffen, so wollte er vollkommen ruhig wirken. Wenn seine Atmung zu schnell ging und er dadurch aufgeregt und fahrig wirkte, machte ihn das verdächtig.

In dieser Nacht weinte er. So gerne er das verhindert hätte, schaffte er es nicht. Seelenschmerz war etwas was ihm bisher fremd gewesen war, aber nun nicht mehr. Am nächsten Morgen, als man ihm erzählte das Isabell vermisst wurde, war er wieder wie immer. Niemand konnte sehen was in ihm vorging. Er gab sich überzeugend überrascht und zeigte zugleich auch genug Betroffenheit um nicht aufzufallen. Tom beteiligte sich sogar an der Suchaktion nach ihr. Sein Blick hing dabei immer am See.

Warum etwas suchen, was nicht gefunden werden kann? Leicht schüttelte er sich um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Er durfte sich nicht länger seinen Gedanken an sie hingeben. Das würde ihn nur verdächtig machen. Die Suchaktion wurde zwei Tage später abgebrochen und alle Kinder nachhause geschickt. Als Tom den Zug bestieg, sah er den Mann mit dem Isabell über ihn gesprochen hatte.

„Mr. Grayback? Fenrir Grayback?"

Heftig sog Tom die Luft über die Nase in seine Lungen. Das war ihr Bruder und der gefährlichste Werwolf, den es jemals gegeben hatte. Wenn dieser herausfand, was er Isabell angetan hatte, bevor er Hogwarts erreichte, dann war er so gut wie tot. Schnell erklomm er die Stufen in den Zug und suchte sich ein Abteil. Er setzte sich weit entfernt von den Fenstern. Fenrir Grayback sollte ihn nicht sehen, denn dann würde er in ernsthaften Schwierigkeiten stecken.

„Was weißt du darüber?" Dumbeldores wissenden Blick entging fast nichts. Dieser vermutete, dass er etwas mit Isabell´s Verschwinden zu tun hatte. Tom schüttelte seinen Kopf.

„Nichts!", sagte er schroff. Er hasste es, wenn Dumbledore ihn mit diesem mild-tadelnden Blick begutachtete. Er gab ihm dann immer das Gefühl ein unwissendes Kind zu sein. Dabei war es der alte Mann, der unwissend war.

„Hast du sie gekannt?" Das war eine seiner typischen Fangfragen. Damit wollte er ihn nur testen. Vermutlich wusste er bereits, dass sie praktisch die letzten Tage beinahe unzertrennlich waren.

„Wir haben uns ein bisschen angefreundet. Sie hatte wahrscheinlich Mitleid mit mir, da ich nicht schwimmen konnte!", sagte er gelassen.

„Konnte?", hakte Dumbeldore neugierig nach. Dieser war noch nicht mit ihm fertig.

„Ich habe es erlernt und es ist mir geglückt. Wie alles was ich mir vornehme!" Eigentlich hatte er nicht vorgehabt selbstgefällig und arrogant zu werden, aber er war wütend. Wütend darüber, dass Dumbeldore ihn … ihn verhörte. Sein Gegenüber hob bezeichnend die Augenbraue und augenblicklich fühlte Tom sich bloßgestellt, ertappt und verraten.

„Isabell … Ich weiß nichts über ihr verschwinden!", stieß Tom heftig aus und ließ Dumbledore stehen. Er spürte, wie der Schulleiter hinter ihm her starrte. Dieser glaubte ihm kein Wort und ahnte bereits die Wahrheit.

Die Wahrheit. Die Wahrheit war, dass er sie getötet hatte. Aber auch sie hatte ihm einen Teil seines Lebens gestohlen. Sie hat ihn fühlen lassen und sie hat ihm Schmerz zugefügt. Das alles war ihm zuvor fremd gewesen. Sie hat ihm etwas unwiederbringliches genommen. Er war nicht mehr länger unverwundbar.

Wegen ihr hatte er seinen ihm vorbestimmten Pfad verlassen und für einen kostbaren Augenblick hatte er innegehalten und war stehengeblieben. Zu lange um verletzt werden zu können. Er musste etwas finden um seiner eigenen Zerrissenheit zu entkommen. Wenn er den Teil in sich, der sie enthielt, loswurde, dann konnte sie ihn nicht mehr länger berühren.

Und sie würde auch nicht mehr länger in seinem Kopf herumspuken. Sie wäre kein Schatten mehr auf seiner schwarzen Seele. Isabell raubte ihm die Ruhe der Nacht und die Unbekümmertheit des Tages. Er war schlecht in allem was er tat, wegen ihr. Er musste ihrem Spuk ein Ende bereiten. Für immer.

Es gab für jedes Problem die geeignete Lösung. Vor allem in der magischen Welt. Gegen jedes Unheil war ein Kraut gewachsen, ein Fluch geschrieben oder ein Elixier gebraut worden. Tom war klug genug solange danach zu suchen, bis er für sich die geeignetste Lösung fand. Horace Slughorne – das war die Antwort auf all seine Fragen. Dieser verriet ihm in seiner Überheblichkeit was er tun musste um sie für immer, oder zumindest für eine sehr, sehr lange Zeit, aus seiner Seele und aus seinem Herzen zu bannen.

Horkruxe hieß das Zauberwort. Dadurch konnte er einen Teil seiner Seele von sich abspalten. Isabell wäre dann für immer in einem besonderen Gefäß vor ihm und dem Rest der Welt verschlossen. Natürlich hatte das Ganze einen Preis. Er musste dafür jemand anderen töten und er würde seine Empfindsamkeit verlieren.

Er würde weder Erbarmen, Vergebung noch Gnade je wieder empfinden können. Kein großer Verlust für ihn. Er konnte auf all das verzichten. Schon eine Zeitlang wusste er davon, doch bis zu dieser Nacht war ihm noch nicht wirklich klar geworden, dass er es auch wirklich tun wollte. Doch diese Nacht hatte ihm die Augen geöffnet. Er musste sich ihrer ein weiteres mal entledigen. Erneut trugen ihn seine Schritte hinab zum See. Ihr Grab würde erneut ein Nasses sein. Nur diesmal würde er dafür sorgen, dass niemand mehr sie finden konnte. Niemals wieder. Nicht einmal er.