Always - Immer

Kapitel 2

Es war kalt, so verdammt kalt. Er öffnete seine Augen und fand sich an einem Sandstrand wieder, seine Kleidung war klitschnass und eisiges Wasser schwappte über ihn. Er versuchte sich zu bewegen, weg vom Wasser, von der Nässe und der Kälte, aber es war schwer, zu schwer wie sich herausstellte, er schaffte es lediglich ein paar Meter weit zu kriechen, bevor er wieder bewusstlos wurde.

Als das nächste Mal die Augen aufschlug zitterte er am ganzen Körper, aber er war nicht mehr am Strand. Er lag in einem Bett, ihm war heiß und kalt gleichzeitig und jemand machte ihm Wadenwickel. 'Fieber' schoss es ihm durch den Kopf, bevor er wieder das Bewusstsein verlor. Nach ein paar weiteren Stunden, in denen das Fieber langsam zurückging, fiel er endlich in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

Es dauerte noch eine Tage, bis er wieder soweit zu Kräften kam, dass er seiner Umgebung mehr Beachtung schenken konnte. Er war in einer alten Fischerkate und der Mann, der ihn hierher gebracht hatte, nannte sich selbst 'Mike, der Fisch'. Auf seinen verständnislosen Blick hin erklärte er ihm, dass es früher mehrere Mikes auf seiner Insel gegeben hätte, und weil er eine Passion für das Fischen und Angeln hatte, war er eben 'der Fisch'. Mike redete viel, schien aber nicht unbedingt eine Reaktion darauf zu erwarten, so als wäre er es gewohnt, alleine zu sein. Außerdem erzählte er ihm, dass sie auf einer der kleinen Kanalinseln waren, auf der nur wenige Menschen lebten. Es gab keinen Arzt dort, aber Mike gehörte zu einem kleinen Team von gut ausgebildeten Ersthelfern, so konnte er sich ohne weitere Hilfe um ihn kümmern, nachdem er ihn völlig unterkühlt am Strand gefunden hatte. Hier war man es gewohnt, sich um sich selbst zu kümmern; alles was von außen kam, von Behörden oder offizieller Seite, wurde erst mal mit Misstrauen und Vorsicht beäugt.

Er hatte keine ernsthaften Verletzungen davongetragen und erholte sich rasch, nachdem das Fieber erst mal weg war. Auch wenn Mike in den ersten Tagen viel geredet hatte, so hatte er ihn doch kaum einmal direkt angesprochen, und wenn, dann nur sehr vorsichtig. Aber die Hoffnung, dass er von selbst anfangen würde zu erzählen, musste Mike schließlich aufgeben, also stellte er die verhängnisvolle Frage: "Wie ist dein Name, mein Freund?"

Und so saß er nun da, mit zitternden Händen, sein rechtes Bein und seine linke Schulter schmerzten, und er hatte nicht den leisesten Schimmer wer er war. "Ich … ich weiß es nicht. Ich denke ich war auf einem Fischerboot, aber ich glaube nicht, dass ich ein Fischer bin. Aber - ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nicht, wie ich heiße - oder wer ich bin." Jetzt hatte er es das erste Mal laut ausgesprochen, aber die Erde drehte sich weiter, nichts war passiert.

Mike hatte sich so etwas in der Art schon gedacht und nickte nachdenklich. Er hatte den Mann in den letzten Tagen sehr genau beobachtet, um zu entscheiden, was er machen sollte. Er wirkte verängstigt, aber gleichzeitig strahlte er eine gewisse Ruhe und Selbstsicherheit aus. Mike mochte ihn und seine überlegte Art zu sprechen. Kein Wort zu viel, nur um die Stille zu füllen, das Schweigen war mit ihm nie unangenehm, ganz im Gegenteil. Am liebsten hätte er ihn gar nicht gefragt, aber er musste sich ein Bild machen.

Natürlich hatte er gesehen, wie der Mann anfing zu zittern, wie er unbewusst sein Bein rieb, die Schulter sich verspannte, aber er konnte es nicht ändern. Wenigstens einmal mussten sie darüber reden. "Hast du irgendeine Idee, wo du herkommst? Guernsey vielleicht? Irgendeine Idee? Du hast da eine beeindruckende Narbe an deiner Schulter die aussieht, als stamme sie von einer Schusswaffe. Nichts, was man leicht vergessen könnte. - Du bist nicht vielleicht ein Schmuggler?"

Er sah ihn erschrocken an, ein Schmuggler? Nein, das glaubte er nicht, aber die Narbe … er hatte keine Ahnung.

"In Ordnung, vergiss das mit dem Schmuggler, war nur so ein Gedanke. Aber wir brauchen einen Namen für dich. Irgendeinen Vorschlag?"

Er schüttelte den Kopf.

"Was ist mit Paul?" fragte Mike ihn. "Ich kannte mal einen Paul, der hatte genau so kurze blonde Haare wie du. Außerdem lebt hier auf der Insel im Moment kein anderer Paul, also ist es ein guter Name."

Er nickte zögernd. Es war nicht sein richtiger Name, da war er sicher - sicher, so ein Quatsch, wie sollte er bei irgendetwas sicher sein. Aber im Endeffekt war er so gut wie jeder andere Name, nicht wahr? Damit schien die Sache für Mike erledigt zu sein. "In Ordnung, also Paul. Wenn du dich besser fühlst solltest du aufstehen und ein bisschen an die Luft gehen. Wenn was ist, ich bin im Garten." Und weg war er.

'Paul' saß noch lange, nachdem Mike gegangen war, bewegungslos auf seinem Bett und dachte über ihr kurzes Gespräch nach. War es das? War das alles? Mike fragte nichts weiter? Er brachte ihn nicht zur Polizei, ließ ihn einfach hier wohnen? Paul verstand das alles nicht.

Verstört und erleichtert zugleich zog er sich schließlich an und ging hinaus. Der Garten war eigentlich mehr ein Feld, wie sich herausstellte, auf dem Mike verschiedene Gemüse anbaute. Paul setzte sich ins Gras, genoss die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht und hatte das erste Mal seit Tagen keine Angst mehr vor morgen.

...

Zwei Wochen später arbeiteten Mike und Paul gemeinsam im Garten. Er hatte Paul nach ihrem ersten Gespräch nie wieder irgendetwas gefragt. Er wollte ihn nicht drängen irgendetwas zu tun oder irgendwo hinzugehen. Um ehrlich zu sein, er mochte Paul, auch wenn er nichts über ihn wusste. Der Mann hatte sein Gedächtnis verloren, aber Mike war sicher, dass er einen guten Charakter hatte. Er hatte entschieden, dass er ihm so viel Zeit geben wollte, wie er brauchte.

Sicherlich würde Paul sich eines Tages erinnern, bis dahin konnte er bei ihm wohnen, wenn er das wollte. Mike traute den Behörden nicht und daher hatte er keinerlei Intentionen Paul zur Polizei zu bringen, wenn er selbst es nicht wollte. Hier gab es sowieso keine Polizeistation, sie hätten also mit dem Boot nach Guernsey rüber müssen, und Paul hatte immer noch Angst vor dem Meer. Zu keiner Zeit erwähnte einer der Männer auch nur die Möglichkeit eines einfachen Telefonanrufes, was für beide gleichzeitig erleichternd und beunruhigend war. Also lebte Paul in Mikes Haus und half ihm bei der Arbeit so gut er konnte, aber er verließ nie das Haus oder den Garten, und er sprach nicht viel.

...

Mikes Haus lag sehr abgelegen, sehr friedlich, was Paul die nötige Ruhe gab um mit seinem Schock fertig zu werden. Er war nicht sicher, was er tun sollte und dachte pausenlos darüber nach. Mike drängte ihn zu nichts. Das verstand er zwar nicht, fand es aber sehr beruhigend. Die Inselbewohner waren schon etwas Besonderes.

Sollte er zur Polizei gehen? Und was dann? Sie würden wahrscheinlich herausfinden wer er war und ihn nach Hause bringen. Aber … er wollte hier nicht weg, wollte diesen friedlichen Platz nicht verlassen. Er hatte das Gefühl, als ob er seit einer Weile nach genau so einem Ort gesucht hätte. Und gleichzeitig fühlte er sich unruhig, rastlos, als ob er es gewöhnt wäre, den ganzen Tag herum zu rennen. Seine Hände waren schwielig, körperliche Arbeit also, aber anscheinend nicht zu schwer, es waren keine dicken Schwielen. Seine Hände konnten auch feine, präzise Arbeiten ausführen. Was für eine Art Arbeit könnte das gewesen sein? Vielleicht war er wirklich ein Verbrecher, dachte er resigniert, vielleicht auch nicht, aber wenn er an die Polizei dachte hatte er ein seltsames Gefühl, so als ob er es gewohnt wäre, damit umzugehen. Womöglich war er Polizist?

Unsicherheit war in den ersten Tagen sein ständiger Begleiter. Es war doch nicht normal, dass er nicht wissen wollte, wer er war, oder? Hätte er nicht alle Hebel in Bewegung setzten müssen, um schnellstmöglich alles herauszufinden? Irgendwer würde ihn doch sicher vermissen und suchen. Oder war sein Leben so schrecklich gewesen, dass er nicht dahin zurück wollte? Gab es überhaupt jemanden, der ihn vermisste, oder war er ganz alleine? War er verheiratet? Hatte er vielleicht gar Kinder? Schuldgefühle machten sich breit, Schuldgefühle gegenüber Menschen, von denen er nicht einmal wusste, ob sie existierten. Er trug keinen Ehering, also wahrscheinlich nicht verheiratet. Ob es jemanden gab, der um ihn weinte?

Seine Kleidung war nichts besonderes, keine Markenware mit Ausnahme der Schuhe. Er hatte keine Papiere bei sich gehabt, kein Geld, keine Ausweise. War er auf der Flucht vor jemandem, der Polizei? Aber ohne Geld? Und machte Mike sich nicht strafbar, wenn er ihn hier unterbrachte und ihn nicht zur Polizei brachte? Es gab so viele Fragen, aber er wollte nicht mehr darüber nachdenken; er wollte nicht zur Polizei, er wollte auch nicht darüber sprechen und er wollte es definitiv nicht wissen. Er wurde ein Meister des Verdrängens, lebte nur im hier und jetzt, schottete sich komplett von der Welt ab. Das ging bei Mike besonders gut, weil sein Fernseher kaputt war und die Zeitung nur alle paar Tage kam; und dann las Paul sie meist nicht. Was interessierte ihn die Welt - genau, gar nicht.

...

Die Tage zogen vorüber, wurden zu Wochen, die Wochen wurden zu Monaten. Mike und Paul wurden enge Freunde und hatten eine tägliche Routine für die anfallenden Arbeiten in Haus und Garten entwickelt. Mike ging außerdem regelmäßig fischen, während Paul nicht einmal den Strand betrat. Abends saßen sie häufig zusammen, dann erzählte Mike alte Geschichten von der Insel oder sie lasen Bücher. Es war ein friedliches und angenehmes Leben, bis zu dem Tag, an dem Paul beim Aufräumen eine alte Zeitung wegwerfen wollte und sein Blick auf die Schlagzeile und das Bild darunter fiel: "Sherlock Holmes entlarvt Serien-Mörder", das Bild zeigte einen dunkelhaarigen Mann mit einer Jagdmütze auf dem Kopf. Warum erschütterten ihn das Bild und die Schlagzeile so sehr? Er las den Artikel, aber er gab nicht sehr viel mehr her. Von diesem Tag an war es mit seiner Ruhe vorbei.

Dann begannen die Träume. Er rannte immer in seinen Träumen, rannte hinter einem großen, dunklen Mann in einem langen Mantel her. Er konnte den Mann nicht erkennen, aber er war sicher, dass es der aus der Zeitung war, der mit den dunklen, lockigen Haaren. Warum rannte er hinter ihm her? Verfolgte er ihn? Aber es war ein Detektiv oder so was in der Art, oder? In der Zeitung hatte gestanden, dass er einen Serienmörder gefangen hatte; er half der Polizei, war auf der Seite der Guten. Also warum sollte er ihn jagen? Folgte er ihm? Warum? Zu welcher Seite gehörte er? Eine innere Unruhe befiel ihn und er begann über die Insel zu wandern; bald kannte er jeden Weg, jeden Stein und jedes Haus.

Auf der Insel gab es keine Autos; die Leute fuhren stattdessen mit ihren Traktoren und Quads. Paul kam bei einem seiner Spaziergänge zufällig dazu, als ein Quad-Fahrer einen Unfall hatte. Er war offensichtlich von der Straße abgekommen und hatte sich überschlagen. Der Fahrer lag ohnmächtig neben der Straße, aber von ausgebildeten Ersthelfern war keiner in der Nähe. Ganz automatisch und ohne darüber nachzudenken begann Paul den Verletzten zu behandeln, prüfte die Atmung und den Puls, untersuchte die Platzwunde am Kopf. Ein Arm war offensichtlich gebrochen. Er arbeitete schnell und effektiv, als ob er nie etwas anderes getan hätte. Ein zweiter Quad-Fahrer, der weggefahren war, als er gesehen hatte, dass Paul sich um den Verletzten kümmerte, hatte in der Zwischenzeit Hilfe geholt. Steve, einer der Ersthelfer, half Paul beim säubern und verbinden der zahlreichen Schürfwunden. Der Unfall-Fahrer war inzwischen wieder zu sich gekommen. Paul sprach kurz mit ihm, untersuchte seine Reflexe und tastete ihn nochmal ab, dann war er zufrieden; der Fahrer schien keine weiteren Verletzungen zu haben.

Steve und er hatten die ganze Zeit kaum ein Wort gewechselt, aber als Paul aufstand, sah er, dass Steve und Mike sich unterhielten. Als Mike danach zu ihm kam, grinste er: "Du hast nie erwähnt, dass du ein Doktor bist." Einige der Umstehenden drehten die Köpfe und er hörte mehrfach 'Doktor? Er ist Arzt?' Er guckte ein bisschen unsicher. Ja, er hatte wie ein Arzt gehandelt, aber das war irgendwie ganz automatisch passiert, er erinnerte sich immer noch nicht. "Steve sagt, dass du unseren Billy hier hervorragend wieder zusammengeflickt hast, soweit das hier vor Ort möglich ist", fuhr Mike fort. "Vielleicht hast du ja in einem Krankenhaus gearbeitet, Notfälle und so, du weißt schon."

Steve gesellte sich zu ihnen und schüttelte Paul die Hand. "Das war wirklich gute Arbeit Doc, waren Sie in der Armee? Wie Sie den Arm behandelt haben, dass hab ich so noch nirgends gesehen." Paul starrte ihn nur an, alles drehte sich bei ihm. 'Krankenhaus', 'Doktor', 'Armee', was denn noch? ER ERINNERTE SICH NICHT! Am liebsten hätte er Mike und Steve und all den anderen, die sich nach und nach um den verletzten jungen Mann versammelt hatten, ins Gesicht geschrien: 'ICH WEISS ES NICHT!' Alles, was er so lange erfolgreich verdrängt und unterdrückt hatte, kam nun wieder hoch, die Angst, die Unsicherheit; Panik stieg in ihm hoch. Wie ein gehetztes Tier sah er sich um, suchte einen Fluchtweg, woher kamen denn die ganzen Leute plötzlich? Paul hatte, seit er auf der Insel war, noch nicht so viele Menschen auf einem Fleck gesehen. Ein paar Jungs rannten durch die Menge, ein Vater rief seinen Jungen: "John. John, komm hierher!"

Das war der Moment, in dem die Erde aufhörte, sich zu drehen. Die erste Erinnerung traf ihn mit der Wucht eines Vorschlaghammers. Paul fiel die Kinnlade runter. "John", flüsterte er erstaunt, "John, das ist mein Name, das bin ich." Er drehte sich zu Mike um, der ihn besorgt ansah. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und es war wie in Zeitlupe als er den Mund öffnete. "Ich bin Arzt, Doktor John Watson." Dann weiteten sich seine Augen, sein Mund formte ein tonloses "Sherlock." Und wie eine Welle schlugen seine Erinnerungen über ihm zusammen, überwältigten ihn. Mike und Steve reagierten gleichzeitig und stützen ihn, als seine Knie nachgaben.

Danach war alles verschwommen. Sie brachten ihn zum White House Hotel und riefen die Polizei auf Guernsey an. Drei Stunden später hörte er einen Hubschrauber. Mycroft.

...

Sherlocks Beine gaben nach und er sackte auf die Stufen. Er versuchte zu sprechen, aber seine Kehle war wie zugeschnürt und er bekam kein Wort heraus. Schließlich brachte er ein wackeliges "Wo?" zustande.

Mycroft ergriff seinen Arm und schob ihn in den wartenden Wagen. "Auf einer der Kanalinseln. Ich weiß auch noch nicht mehr, ich habe lediglich die Meldung bekommen, dass er lebt. Komm jetzt!"

Sie fuhren in absolutem Stillschweigen. Sherlocks Gedanken rasten, aber er war nicht in der Lage, auch nur einen von ihnen zu fassen zu kriegen. John war am Leben, er konnte es nicht glauben. Nach all der Zeit, so lange… Aber Mycroft hätte es ihm nicht erzählt, wenn er nicht absolut sicher wäre. Er blickte zu seinem älteren Bruder hinüber, der konzentriert auf sein Handy starrte und eine Nachricht nach der anderen empfing und sendete. Also musste es wahr sein. Aber was war mit John in all den Monaten geschehen, wo war er so lange gewesen? Und warum hatte er sich nicht gemeldet? War er in Ordnung? Mycroft hatte nur gesagt, dass er lebte. War er womöglich verletzt? Entführt, wie er immer befürchtet hatte? Womöglich gefoltert? Ein Schreckensszenario nach dem anderen lief in seinem Kopf ab, bis sich eine warme Hand auf seinen zitternden Unterarm legte und ihn in die Wirklichkeit zurückholte. Sein Blick fokussierte sich auf Mycroft, der lediglich langsam den Kopf schüttelte. "Hör auf Sherlock, es geht ihm gut. Ich habe gerade erfahren, dass er offensichtlich geistig und körperlich bei guter Gesundheit ist. Einzelheiten bekommen wir bei seiner Ankunft in ….. ungefähr 34 Minuten."

Sherlock beruhigte sich etwas, aber ein neuer schrecklicher Gedanke kroch in sein Bewusstsein. Was, wenn John nicht gefunden werden wollte? Wenn er sich absichtlich versteckt hatte? Vor ihm, Sherlock. Die Fragen rasten wieder in seinem Kopf herum, immer im Kreis, aber er fand auf keine einzige von ihnen eine Antwort. Er fühlte sich benommen und ihm war übel, als ihm plötzlich aufging, dass er keine Ahnung hatte, wohin sie eigentlich fuhren. Mycroft hatte lediglich von John's 'Ankunft' gesprochen. Sherlock schaute aus dem Wagenfenster, ah, offensichtlich Heathrow. Sein Blick wanderte wieder zu Mycroft. "Richtig", bestätigte dieser, "Heathrow, ich habe einen Hubschrauber geschickt um ihn abzuholen." Sherlock schloss die Augen und versuchte, sich auf seine Atmung zu konzentrieren.

...

John schaute aus dem Hubschrauber auf die Lichter von London und erinnerte sich an seinen Flug zum Buckingham Palace vor vielen Jahren. Er schüttelte den Kopf, es war alles wie ein schlechter Traum, aber er war nicht sicher, ob er wach war oder nicht. Was war Realität? Was Traum? Die letzten acht Monate - acht Monate! - oder sein vorheriges Leben, an das er sich erst seit ein paar Stunden wieder erinnerte? Und Sherlock! Seine Hände begannen wieder zu zittern. Was würde er sagen? Was würde er tun? Würde er am Flughafen sein? Oder würde Mycroft ihm lediglich mitteilen, dass er ihn nicht sehen wollte.

Warum hatte er bloß so lange gebraucht, um sich zu erinnern? Warum hatte er Sherlocks Bild in der Zeitung nicht erkannt? Hatte Sherlock nicht nach ihm gesucht? Und was war mit Mycroft und seinen Schergen? So viele Fragen, so viele 'warums', Johns Kopf schmerzte, er kniff die Augen zu und massierte seine Nasenwurzel mit zwei Fingern. Er fühlte sich elend und wie betäubt und ängstlich, und er hatte keine Ahnung, was er erwarten sollte.

Als sie landeten konnte er durch das Fenster das leere Flugfeld sehen. Es war inzwischen dunkel, aber der Flughafen war natürlich hell erleuchtet. John kletterte aus dem Hubschrauber und fragte sich grade, wohin er jetzt gehen sollte, als eine schwarze Limousine direkt auf ihn zu rollte. Allein im Scheinwerferlicht des Wagens fühlte er sich noch verletzlicher, komplett ausgeliefert. Seine Hände zitterten jetzt so stark, dass er die Fäuste ballte, um es zu verstecken. Aber wenn - wenn Sherlock in dem Wagen war, hatte er es sowieso schon bemerkt - wenn.

Eine Wagentür öffnete sich und Sherlock stieg aus. Er war blass und so dünn. Ganz langsam kam er näher, seine Augen fest auf John gerichtet, der sich nicht bewegen konnte. Als er ihn erreichte, hob er eine Hand und seine Fingerspitzen streichelten Johns Wange in einer federleichten Berührung, sein Mund öffnete sich, aber er brachte kein Wort heraus, seine Augen waren auf Johns Gesicht, saugten seinen Anblick auf. John neigte leicht den Kopf, schloss die Augen und schmiegte sein Gesicht in Sherlocks Hand. Der Größere zog ihn an sich und nahm ihn fest in seine Arme. Johns Kopf sank an Sherlocks Brust, seine Arme schlossen sich um ihn und eine große Ruhe kam über ihn.

Mehrere Minuten standen sie fast regungslos, klammerten sich aneinander. Sherlocks Hände fuhren über Johns Rücken, seine Schultern. Er drehte sanft Johns Gesicht zu sich, streichelte es. Seine Finger fuhren ihm durch die blonden Haare. Sie waren länger und heller als vorher und er hatte einen ... Vollbart. John vergrub seine Hände in Sherlocks dunklen Locken, ihre Blicke hingen aneinander, keiner von ihnen bemerkte die Tränen, die bei beiden flossen. Schließlich brachte Sherlock ein heiseres "John" zustande, das war aber auch schon alles. Johns Mund formte Sherlocks Namen, aber er brachte keinen Ton heraus.

Und endlich küssten sie sich, ein erstes, zartes Berühren ihrer Lippen, als könnten sie es immer noch nicht glauben. Sherlock nahm Johns Gesicht in seine Hände, streichelte mit den Daumen seine Wangen, seine Lippen. Er musste ihn ansehen, immer wieder, sich vergewissern, dass er wirklich hier war, musste ihn berühren. Es war so unfassbar für ihn. Sherlock bedeckte Johns Gesicht mit Küssen, dann umarmte er ihn wieder und hielt ihn fest, als wollte er ihn nie wieder loslassen.

Mycroft räusperte sich plötzlich neben ihnen und brachte die beiden in die Wirklichkeit zurück."Es tut mir leid, dass ich euch stören muss, aber das Flugfeld wird heute noch gebraucht, und der Wagen wartet." Mit einer nonchalanten Bewegung hielt er ihnen Taschentücher unter die Nase, die sie leicht verstört entgegennahmen. Mycroft erlaubte sich ein erleichtertes seufzen und lächelte sie an. "Gentlemen, wir wollen doch nicht die ganze Nacht hier herumstehen."

Sie putzten sich die Nase und folgten ihm zum Wagen. Sherlock hatte Johns Hand gegriffen und ließ ihn auch im Wagen nicht wieder los. Sie hatten immer noch nicht miteinander gesprochen, aber das schien im Moment nicht so wichtig.

Wichtig war, dass Sherlock Johns Hand halten konnte. Wichtig war, dass er John ansehen konnte. Er hatte Angst jeden Moment aufzuwachen, und alles wäre wieder nur ein Traum gewesen. Augenblicklich war seine Kehle wie zugeschnürt und er hatte wieder das Gefühl, keine Luft zu bekommen. In Panik begann er schneller zu atmen, versuchte seine Lungen zu füllen, aber er merkte, wie ihm schwindelig wurde.

John erwachte aus seiner Starre. Er war von seinen Gefühlen überwältigt gewesen, aber jetzt kam der Arzt wieder zum Vorschein und übernahm. Sherlock hyperventilierte und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. "Sherlock! Sherlock, ich bin hier, es ist alles in Ordnung. Du musst ruhig atmen." Mit sanfter Gewalt drückte er Sherlocks Kopf nach unten und hielt ihn zwischen seinen Knien, gleichzeitig streichelte er sachte seinen Nacken und Hinterkopf. Die ganze Zeit sprach er beruhigend auf ihn ein, bis sich Sherlocks Atmung normalisierte und John den Griff im Nacken lockerte.

Ein scheues Lächeln schlich sich auf Johns Gesicht. "Es ist alles in Ordnung, mein Liebster, ich bin hier, und ich werde hier bleiben." Sherlock setzte sich wieder auf, er war immer noch etwas benommen. Sofort ergriff er wieder Johns Hände, starrte sie an, als könne er es immer noch nicht glauben. Er blickte in Johns Augen, diese blauen, lebhaften Augen, nicht starr und tot wie in seinen Träumen, sondern lebendig und strahlend. "John, du bist wieder da, du lebst", flüsterte er, als ob er Angst hätte, dass ein lautes Wort alles zerstören würde.