Ich habe heute (1. September) Geburtstag, darum wollte ich auch was Schönes für Euch haben. Ich hoffe Ihr habt Spaß. :)

Always - Immer

Kapitel 3

Mycroft brachte sie nach Hause in die Baker Street. "Ich komme morgen vorbei, und dann reden wir", sagte er zu John, als dieser ausstieg. John nickte kurz mit zusammengebissenen Zähnen. Er war sich nicht sicher, ob er es sich nur einbildete, aber es klang wie eine Drohung. Und es war immerhin Mycroft. Trotzdem fühlte er sich zu einem "Danke" verpflichtet bevor der die Autotür zuwarf.

Im Flur wurden sie schon von Mrs. Hudson erwartet, die ihn zuerst nur schweigend ansah, die Hände vor den Mund geschlagen. John umarmte sie vorsichtig, was gar nicht so einfach war, weil Sherlock ihn nicht freiwillig loslassen wollte. "Oh, John! Es ist so wunderbar, dass du wieder da bist." Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. "Wir haben dich so vermisst."

"Nicht schniefen, Mrs. H., Sie wissen doch, dass das nicht hilft." John versuchte ein Lächeln, was ihm jedoch gründlich misslang. Aber er hatte zumindest erreicht, dass sie ihn anlächelte. "Oh Jungs, ihr seid so ... " Weiter kam sie nicht, denn Sherlock stand plötzlich neben John und funkelte sie an, allmählich die Geduld verlierend. "Danke Mrs. Hudson, aber wir wollen nicht länger stören." Sie öffnete den Mund, um ihm zu antworten, aber als sie seine Augen sah, schloss sie ihn sofort wieder. Sie konnte morgen oder in den nächsten Tagen noch mit ihnen sprechen. "In Ordnung meine Lieben, gute Nacht dann." Bevor sie sich umdrehte nahm sie noch einmal Johns freie Hand. "Ich bin so froh, John. Es ist so gut, dich wieder hier zu haben." Damit ging sie zurück in ihre Wohnung.

Sie stiegen die Stufen hinauf und dann standen sie für einen Moment etwas verlegen im Wohnzimmer herum. Sherlock stand hinter John, immer noch seine Hand haltend. Und John wurde komplett ruhig und bewegungslos, nur seine Augen wanderten durch die Wohnung, nahmen alles auf. Dann flüsterte er leise, so dass Sherlock es kaum hören konnte: "Du hast nichts verändert."

Sherlock konnte nicht sprechen, konnte seiner Stimme nicht trauen, also nickte er nur leicht. Als John sich zu ihm umdrehte schaute er ihn mit großen, verwunderten Augen an. Diese Augen … Sherlocks Blick verlor sich in diesen blauen Augen. Er ergriff mit seiner freien Hand Johns Schulter, brauchte Halt, um nicht zu taumeln. Er hatte geglaubt, dass er diese Augen nie wieder sehen würde, so blau, so … lebendig.

John hob seine Hand, streichelte Sherlocks Wange. "Und du hast aufgeräumt. Du räumst nie auf." Nun wurde Sherlock rot, wandte den Blick ab. Natürlich hörte er die unausgesprochene Frage, das 'Warum?' nur allzu deutlich. Nervös blickte er Richtung Schlafzimmer. Was würde John sagen, wenn er die Papiere sah? Die Briefe! Er musste die Briefe vernichten! Und der Revolver! Wo hatte er die Waffe hingelegt, als Mycroft klingelte? Panik stieg in ihm hoch und er sah sich hektisch um. John durfte das alles nicht sehen, nicht wissen.

Stirnrunzelnd betrachtete John ihn. "Sherlock, was ist los?" Ihre Blicke treffen sich und John konnte Sherlocks Ausdruck einfach nicht deuten, er wirkte so nervös, fast ängstlich. Dabei sollte es, wenn überhaupt jemand, dann John sein, der nervös war. Schließlich war er acht Monate lang weg gewesen und hatte nichts dafür getan, um gefunden zu werden. Warum auch immer, er wusste es selber nicht mehr, verstand es auch nicht mehr, und er war nicht besonders stolz darauf. Er musste endlich etwas sagen, aber was?

" Sherlock, es tut mir so leid. Ich … ich … ", er schloss verzweifelt die Augen und schluckte schwer, hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Als er sie wieder öffnete blickte er direkt in Sherlocks graue Augen, die ihn unverwandt anstarrten, immer noch nicht fassen konnten, was sie sahen.

Sherlock hatte angefangen zu zittern, sein ganzer Körper bebte, und als John ihn in die Arme nahm war es vorbei mit seiner Selbstbeherrschung. Dieser Tag war einfach zu viel gewesen, und seine Knie gaben unter ihm nach. John hielt ihn fest, ließ sich langsam mit ihm zu Boden gleiten bis beide, ihre Mäntel noch an, engumschlungen auf dem Teppich knieten. Sherlock hatte sein Gesicht in Johns Halsbeuge vergraben und ließ seinen Tränen zum ersten Mal seit seinem achten Lebensjahr freien Lauf. Immer wieder wurde er vom heftigen Schluchzen erschüttert, während John ihm beruhigend den Rücken streichelte. Irgendwann merkte er, dass auch sein Gesicht nass war und er ebenfalls zitterte.

Sie waren beide völlig ausgelaugt, und als John sich wieder etwas beruhigt hatte und merkte, dass auch Sherlocks Atem ruhiger wurde, holte er ein paar Taschentücher. Dann half er Sherlock auf, nahm ihm den Mantel ab und führte ihn ins Schlafzimmer. Er zog sie beide bis auf die Unterwäsche aus und brachte Sherlock zu Bett, legte sich dann zu ihm und nahm ihn in seine Arme. Sherlock klammerte sich sofort wieder wie ein Ertrinkender an ihn und John streichelte beruhigend durch seine Haare.

Obwohl er sich noch vor zwei Minuten nichts sehnlicher gewünscht hatte, als zu schlafen, kam John jetzt nicht zur Ruhe. So hatte er Sherlock noch nie erlebt, so war Sherlock nicht, weder so anhänglich noch so … verzweifelt. Was hatte er ihm bloß angetan? Er konnte nur hoffen, dass Sherlock ihm morgen, wenn er wieder alle Sinne beieinander hatte, verzeihen würde. Wie er ihm die vergangenen Monate erklären sollte, war ihm allerdings schleierhaft. Ihm und Mycroft, und er war sich nicht sicher, was schwieriger werden würde.

Sherlock war eingeschlafen und atmete ruhig auf Johns Brust, aber in Johns Kopf drehte sich alles. Er war immer noch verwirrt, dass seine Erinnerungen so plötzlich wieder da waren. Allerdings fehlten ihm die letzten Stunden vor dem Unfall. Einer von Mycrofts Männern hatte ihm auf dem Flug nach Heathrow genau erklärt, was an dem Tag passiert war, aber er konnte sich immer noch nicht daran erinnern. Bis auf einige undeutliche Erinnerungen an ein Boot, von denen er nicht mal sicher war, ob es wirklich seine eigenen Erinnerungen waren, war der ganze Tag weg, aber das war wohl ziemlich normal.

Mycroft hatte veranlasst, dass er in den nächsten Tagen im Krankenhaus gründlich untersucht werden sollte, obwohl er das für völligen Schwachsinn hielt, der Unfall war schließlich vor Monaten gewesen. Acht Monaten. Acht Monate, in denen Sherlock ihn für tot gehalten hatte. Er versuchte sich vorzustellen, wie das für ihn selbst gewesen wäre und schauderte. Nein, wirklich vorstellen konnte und wollte er es sich nicht.

Er hielt Sherlock noch etwas fester und presste seine Lippen auf die dunklen Locken. "Mein Sherlock", flüsterte er. Was war nur passiert, dass sein Unterbewusstsein nicht nach Hause gewollt hatte? Das hier war doch sein Leben. Er verdankte Sherlock so viel, nur wegen ihm war er überhaupt noch da. Sherlock war damals, nach seiner Entlassung aus der Armee, gerade im richtigen Moment aufgetaucht, um ihn aus seiner Depression zu holen; hatte ihm durch seine schiere Existenz das Leben gerettet. Sein Leben war so viel spannender, gefährlicher, aufregender seit er Sherlock kannte, genau das war es gewesen, was er gebraucht hatte. Natürlich war es anstrengend und manchmal frustrierend, wenn Sherlock ihm in seinen Überlegungen mal wieder meilenweit voraus war, aber im Laufe der vielen Jahre, die sie nun schon zusammen waren, hatten sie es geschafft, immer wieder zueinander zu finden. Sherlock hatte gelernt auf ihn zu warten und John hatte gelernt, dass er ihn manchmal einfach vorauslaufen lasse musste. Er liebte ihn genau so wie er war, sonst wäre es nicht Sherlock, so war er nun mal.

Warum dachte er jetzt über diese Dinge nach? John wusste es nicht, irgendetwas war da, irgendetwas Wichtiges, aber er kam nicht dahinter, was es war. Schließlich fiel er in einen unruhigen Schlaf und träumte von Hetzjagden durch London, wilden Schießereien und einem Garten voller Gemüse, den er umgrub.

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Wasser. Er ist von Wasser umgeben, er schwebt im Wasser, schwerelos, leicht. Aber er kann nicht atmen, er bekommt keine Luft. Wo ist die Oberfläche? Wieso kann er nicht auftauchen? Er braucht Luft!

Augen. Tote Augen. Johns tote Augen.

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Ein erstickter Schrei weckte John. Sherlock lag auf dem Rücken, die Augen weit aufgerissen, die Haare klebten ihm auf der Stirn und er atmete keuchend.

"Sherlock … Sherlock, ich bin hier, Sherlock, es ist alles in Ordnung." John berührte vorsichtig seinen Arm, aber Sherlock zuckte erschrocken zurück.

"Ich bin hier, es ist alles in Ordnung. Ich bin ja da", flüsterte er sanft in Sherlocks Ohr, diesmal ohne ihn zu berühren, er wollte ihn nicht noch mehr erschrecken.

Sherlock schloss die Augen wieder, atmete ein paar Mal tief ein, bevor er sie wieder öffnete und John ansah, der, auf einen Ellenbogen gestützt neben ihm lag. Seine Hand berührte Johns Gesicht, sein Daumen glitt langsam über Johns Lippen, die sich automatisch öffneten. "John."

Er hatte wieder den gleichen Traum gehabt, den er seit acht Monaten hatte, von dem er sich gestern hatte befreien wollen. Aber John war nicht tot, seine Augen waren nicht tot, er war hier, bei ihm. Warum hatte er immer noch diesen Traum?

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Sie stritten sich, mal wieder. Es ging um die Bootsfahrt. Sherlock verstand einfach nicht, warum John unbedingt auf dieses Fischerboot wollte, vor allem weil schlechtes Wetter angesagt war und Sherlock sich Sorgen machte. Wovon er John aber nichts erzählt hatte, warum auch, es war schließlich offensichtlich. Nach so vielen Jahren musste er doch nicht mehr jede Kleinigkeit erklären. Schmollend hatte er sich in die Küche an das Mikroskop zurückgezogen. Erst als John die Jacke anzog und sich in der Tür nochmal umdrehte, stutzte Sherlock und hob den Kopf.

Sehr ruhig und mit einer Stimme, so leise, fast beiläufig, dass Sherlock alarmiert aufsah, sprach John schließlich zu ihm. "Ich werde jetzt auf dieses gottverdammte Fischerboot gehen, und wenn ich wiederkomme werden wir darüber reden, wie es hier weitergehen soll. So jedenfalls nicht, soviel kann ich dir versprechen."

"Was meinst du damit?", fragte Sherlock mit einem Stirnrunzeln.

"Ich meine damit genau dass, was ich gesagt habe", seufzte John. "Ich kann und will so nicht weitermachen, Sherlock." Er schüttelte leicht den Kopf. "Manchmal frage ich mich, wie du es aushältst mit so einem dummen, einfältigen, langweiligen Menschen wie mir. Und ich frage mich, ob ich dir das noch länger zumuten kann." Sein Gesicht war grau und er schaute ihn seltsam an bevor er sich umdrehte und die Treppe hinunter ging.

Sherlock sprang auf. "John … John?" Was war denn plötzlich los? Was redete John für einen Unsinn und wieso hatte er ihn so angesehen? Hatte er etwas übersehen? Seine Augen. Seine Augen waren - Er hatte keinen Ärger oder unterdrückte Wut darin gesehen, nur … Leere. Als ob John aufgegeben hatte. Hatte er das etwa? Hatte er etwa ihn, Sherlock, aufgegeben? Ihre Beziehung? "JOHN!" Aber er hörte nur noch die Haustür unten zuschlagen.

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Ja, er wusste, warum der Traum nicht verschwunden war. Weil die Angst immer noch da war, die Angst, John zu verlieren. Wusste er, was an dem Tag passiert war? Erinnerte er sich an den Streit? Er musste versuchen, ihn zu halten, immerhin war er zu ihm zurückgekommen.

"Sherlock!"

Er zuckte zusammen und sah John erschrocken an, der zum wiederholten Mal seinen Namen sagte.

"Sherlock, Stopp! Was immer du grade denkst, hör auf damit!" John hatte beobachtet, wie sich Sherlocks Gesicht in den letzten Sekunden verändert hatte, während er ins leere starrte. Er wusste zwar nicht, was Sherlock gesehen hatte, aber er hatte die aufsteigende Panik in seinen Augen erkannt. Es wurde Zeit, dass sie miteinander redeten, auch wenn es erst 5:30 Uhr morgens war.

"Warte hier." John stand auf, um auf die Toilette zu gehen, dann machte er Tee und Toast. Als er mit einem Tablett mit zwei dampfenden Bechern und einem beladenen Teller wieder ins Schlafzimmer kam, saß Sherlock im Schneidersitz im Bett, das Laken um sich gewickelt, und sah ihn mit einem neutralen Gesichtsausdruck abwartend an. John stellte das Tablett auf dem Nachtschrank ab und machte es sich auf dem Bett bequem. Dann gab er Sherlock eine der Tassen, nahm seine eigene und stellte das Tablett mit dem Toast zwischen sie aufs Bett. Er sah Sherlock nachdenklich an.

"Tu das nicht", sagte er sanft, und Sherlocks Augenbrauen gingen fragend nach oben. "Verschließ dich nicht vor mir. Wir müssen ehrlich miteinander sein." Sherlock nickte, sein Ausdruck wurde etwas weicher und er entspannte sich etwas. Während sein Blick zum Fenster wanderte trank John einen Schluck Tee, dann stutze er. Auf der Kommode hatten doch eben noch Stapel von ordentlich sortierten Papieren gelegen, und eine Waffe. Fragend sah er Sherlock an, der seinem Blick gefolgt war und jetzt angestrengt in seine Tasse starrte.

"Sherlock, die Papiere auf der Kommode?"

"Ja?"

"Was hat es damit auf sich? Und wo sind sie?

"Oh, nichts weiter, ich hab nur mal aufgeräumt, alte Akten und so was. Kann ich später im Kamin verbrennen", murmelte Sherlock undeutlich in seine Tasse.

John wusste, dass er log. Und Sherlock wusste, dass John es wusste, aber er beließ es diesmal dabei. Nichtsdestotrotz mussten sie miteinander reden. Er versuchte es noch einmal.

"Was ist mit der Waffe? Seit wann hast du sie?"

"Mycroft hat deine konfisziert."

Jetzt beobachtete John ihn genauer. "Und warum hast du dir eine neue Waffe besorgt? Du hattest vorher doch auch keine. Ich nehme an Mycroft weiß nichts davon?"

Sherlock betrachtete immer noch fasziniert den Tee in seiner Tasse und zuckte nur die Schultern.

"Sherlock, wir müssen miteinander reden, meinst du nicht?", beharrte John.

Einen Moment lang geschah nichts, dann ging ein Ruck durch Sherlock, seine Schultern strafften sich und er sah John herausfordernd an. "Gut, dann lass uns reden. Warum erzählst du mir nicht, was wirklich passiert ist, warum du dich acht Monate lang vor mir versteckt hast." Seine Stimme war jetzt leise und kalt, seine Augen sahen John durchdringend an. Abrupt stand Sherlock auf; den gesamten Körper gespannt wie eine Sehne, schritt er den engen Raum zwischen Fenster und Tür ab. Vier Schritte hin, vier Schritte zurück, immer wieder. Da war nichts mehr von dem verletzlichen und verzweifelten Mann, jetzt war er nur noch wütend und eiskalt. So hatte John ihn in all den Jahren, in denen sie nun schon zusammen waren, selten erlebt.

John kannte Sherlocks Taktik, dass Angriff die beste Verteidigung war, trotzdem erschrak er bei der plötzlichen Kälte und Aggressivität, die ihm entgegenschlug. Er suchte nach Worten, um Sherlock zu erklären, dass er sich nicht vor ihm versteckt hatte, als dieser fortfuhr. "Ich dachte, du wärst Tod. Ich habe überall nach dir gesucht, Mycroft und seine Schergen haben dich gesucht. Wochenlang. Dann wurde uns gesagt, dass es keine Hoffnung auf Überlebende mehr gab, also stellte Mycroft die Nachforschungen ein. Ich nicht. Ich wollte nicht glauben, dass ..." Seine Stimme brach, seine Wut war verraucht. Er war vor dem Fenster stehen geblieben; nun drehte er sich um und starrte ihn wieder mit diesem verzweifelten Blick an, der John fast das Herz brach.

Mit ein paar Schritten war er bei Sherlock und nahm sein Gesicht in seine Hände. Sherlock hatte seine Augen geschlossen, aber er bewegte sich nicht. "Sherlock, schau mich bitte an. Bitte!" Johns Stimme war leise und klein. Er hatte Angst, wusste nicht, ob Sherlock ihn verstehen, ihm verzeihen würde. Aber er wollte es versuchen, wollte versuchen ihm zu erklären, was passiert war, zumindest, soweit er es selbst verstand.

Sherlock öffnete die Augen; er hatte seine Fassung wiedergewonnen als John zu reden begann. "Oh Sherlock, es tut mir so leid. Ich wollte dir nicht weh tun und ich wollte mich auch nicht vor dir verstecken. Lass mich versuchen ... ich möchte ... komm, setz dich." Er seufzte und ließ seine Hände langsam über Sherlocks Schultern und Arme hinab gleiten, zog ihn an den Handgelenken wieder zum Bett, wo er ihn losließ und sie sich beide setzten. John zog ein Bein an, um Sherlock anzusehen.

Er sehnte sich danach, Sherlocks Hand zu halten, wagte es aber nicht, also starrte er auf seine im Schoß verschränkten Hände. Und dann begann John zu erzählen; vom ersten Erwachen am Strand, wie Mike ihn gefunden hatte, von seiner Amnesie, von seinem Leben auf der Insel, seinen Zweifeln, seinem Verdrängen, wie er alles, außer der Gegenwart aus seinen Gedanken verbannt hatte. Als er von letzterem sprach, warf er Sherlock wieder entschuldigende, unsichere Blicke zu.

"Es tut mir wirklich leid, Sherlock. Ich weiß, wenn ich sofort zur Polizei gegangen wäre hätten sie mich bestimmt innerhalb kürzester Zeit zurückgebracht. Ich weiß selber nicht, warum ich mich so verhalten habe. Ich kann es nicht erklären, es fühlte sich damals einfach nur richtig an. Und alles was ich noch hatte, war dieses Gefühl, alles andere hatte ich verloren. Ich musste versuchen, mir selber zu vertrauen, meinem Bauchgefühl, wenn ich schon keine Erinnerung mehr daran hatte wer ich war, was ich war. Ich kann es nicht besser erklären." Während John sprach, hatte Sherlock seine linke Hand ergriffen und zeichnete fast abwesend mit seinem Daumen kleine Kreise auf den Handrücken, sein Blick ging ins Leere.

"Kurzfristig habe ich mit der Idee geliebäugelt ein Schmuggler oder vielleicht ein Schwerverbrecher zu sein, aber Mike meinte, dass er das nicht glauben würde. Wenn er mich wirklich für einen Kriminellen gehalten hätte, hätte er mich ja auch kaum bei sich wohnen lassen", fügte er nach einer Pause mit einem unsicheren Lächeln hinzu.

Sherlock war sehr still geworden. Er drückte Johns Hand etwas fester. "Ich glaube, ich kann dir in diesem Punkt weiterhelfen", warf er leise ein. John sah ihn überrascht an. "Wie das?"

"An dem Tag, als du auf das Boot gegangen bist, hatten wir einen Streit. Ja, ich weiß, wir streiten uns häufig, aber dieses Mal war es anders. Du warst anders. Und ich war nicht sicher, ob du nach der Bootstour wieder zurück kommen würdest." Sherlocks Stimme war leise geworden. "Es ist nicht alles deine Schuld. Du hattest zwar dein Gedächtnis verloren, aber deine Gefühle hatten sich nicht verändert. Und die haben dir offensichtlich gesagt, dass es egal ist, wer du bist oder wo du bist; Hauptsache du bist nicht da, wo du herkommst. Hauptsache du bist nicht bei mir." Die letzten Worte waren nur noch ein Flüstern. Die Erkenntnis ließ Sherlock hart schlucken, er hielt immer noch Johns Hand in seiner. Jetzt starrte er die beiden ineinander verschlungenen Hände an.

John runzelte die Stirn. Natürlich hatte Sherlock ihn schon oft an den Rand der Verzweiflung getrieben in den vergangenen zehn Jahren, aber dennoch konnte er sich kein Szenario vorstellen, in dem er diesen Idioten wirklich verlassen würde. Wahrscheinlicher war, dass Sherlock sein Verhalten falsch gedeutet hatte. Verärgert - ja. Angepisst - ja. Stinksauer - oh ja, oft genug. Resigniert - manchmal, auch wenn es seltener geworden war über die Jahre. Aber Sherlock verlassen? - Niemals! Allerdings hatte er Sherlock das nie so direkt gesagt, und obwohl Sherlock in seinen Beobachtungen was ihre Beziehung betraf besser geworden war, passierte es immer wieder, dass er im zwischenmenschlichen Bereich etwas komplett falsch interpretierte.

Der Streit, ja, die Erinnerungen stiegen langsam in ihm hoch. Der Streit den sie gehabt hatten, bevor er -

Es war nicht nur die Bootstour gewesen, es war um viel mehr gegangen. John hatte sich in ihrer Beziehung gefangen gefühlt, Sherlock nahm ihn und seine Arbeit nicht ernst. Nicht, dass das etwas Neues gewesen wäre. Sherlock hatte nie verstanden, warum John wertvolle Stunden mit langweiligen kranken Menschen verbrachte anstatt mit ihm. Und obwohl sie schon länger als ein Jahrzehnt zusammen waren und John sich allmählich daran gewöhnt haben sollte, taten die bissigen Bemerkungen immer noch weh. Sherlock konnte auch anders, natürlich; dann war er liebevoll und zärtlich, sicher. Aber Sherlocks Art sich über die Klinik, seine Kollegen und Freunde, sein Manuskript, einfach alles, was John wichtig war, lustig zu machen; seine Art John, und alles war er für Sherlock tat, für selbstverständlich zu nehmen; das alles hatte plötzlich eine Linie überschritten, von der John bis dahin gar nicht gewusst hatte, dass es sie gab.

Aber offensichtlich hatte es sie doch gegeben. John schloss die Augen, er erinnerte sich jetzt wieder an alles. Er hatte in der Tür gestanden, sich kurz gesammelt. So. Nicht. Mehr. Dann hatte er Sherlock sehr ruhig mitgeteilt, dass sie nach der Tour miteinander reden müssten, dass sich etwas ändern müsste. Natürlich wusste er, dass Sherlock solche Gespräche wie die Pest hasste, und Sherlocks verständnisloser Blick und seine Frage, was er damit meinen würde, hatten die Stimmung nicht gerade verbessert. "Ich meine damit genau dass, was ich gesagt habe. Ich kann und will so nicht weitermachen, Sherlock. Manchmal frage ich mich, wie du es in einem Raum mit so einem dummen, einfältigen, langweiligen Menschen wie mir aushältst. Und dann frage ich mich, ob ich dir das noch länger zumuten kann", hörte er seine eigenen Worte in seinem Kopf wiederhallen. Oh Gott, hatte er das wirklich so gesagt?

Er hatte sich miserabel gefühlt, leer und ausgebrannt. Sherlock hatte an dem Morgen einige mehr als unangebrachte Bemerkungen über alberne Kindheitserinnerungen und ähnliches gemacht, bevor er Johns Manuskript für sein neues Buch seziert hatte. Irgendwann war eben auch Johns Geduld am Ende. Er hatte sich gefragt, was für ein Narr er gewesen war, zu glauben, dass Sherlock ihn brauchen würde. Nach all den gemeinsamen Jahren hatte er gezweifelt. Nicht an seiner Liebe zu Sherlock, er wusste, dass sich daran nie etwas ändern würde, das war ein Teil seines Problems. Aber an seiner Fähigkeit Sherlocks Stimmungen auszuhalten und auszugleichen. Vielleicht wurde er auch einfach alt. Er hatte sich alt gefühlt an dem Tag, in der Tür zum Flur. Zu alt für Sherlock und seine Launen.

Das wäre eine mögliche Erklärung, überlegte er, aber wer konnte das schon genau sagen. Und war es jetzt nicht egal? Er war hier und er wusste jetzt, dass er ganz bestimmt nirgendwo anders sein wollte.

"Ich … ich erinnere mich jetzt wieder, und es tut mir leid, was ich zu dir gesagt habe. Es war damals einfach alles zu viel in dem Moment. Aber, Sherlock, ich kann mich auch an unsere gemeinsamen Jahre erinnern, an unser gemeinsames Leben. Was auch immer das Problem war, ich bin sicher, wir werden es gemeinsam lösen, wie wir es immer gemeinsam geschafft haben. Vielleicht brauchte ich diese Auszeit, vielleicht hast du recht und mein Unterbewusstsein wollte nicht nach Hause; aber ich bin jetzt hier, und es gibt keinen Ort auf der Erde, wo ich lieber wäre. Ich habe in dieser Zeit einiges gelernt, über mich selbst und über die Menschen."

Als das Schweigen andauerte und Sherlock keinerlei Anstalten machte etwas zu sagen, wurde John langsam nervös.

"Sherlock", John zeichnete mit seinem Finger Sherlocks Kinnlinie nach und hob seinen Kopf etwas an, bis Sherlock ihn ansah. "Willst du mich denn wiederhaben?" fragte er leise.

"Natürlich will ich das!" Und John konnte den 'Idiot' fast hören, so deutlich schwang er mit und zauberte ein Grinsen auf sein Gesicht. Da war er endlich wieder, der ungeduldige, augenrollende Sherlock.

John wartete, nichts passierte. Sherlock sah ihn unsicher an und John seufzte schwer. Also wirklich, musste er denn alles selber machen? Seine Finger fuhren sanft durch Sherlocks Locken bevor sie sich um Sherlocks Nacken legten und er ihn zu sich heran zog. "Idiot", murmelte er liebevoll und küsste ihn dann zärtlich. Sherlocks Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, bevor er sich ganz in den Kuss fallen ließ.

John umfasste Sherlocks Gesicht mit beiden Händen und schob ihn ein Stück zurück, so dass er ihm in die Augen sehen konnte. "Ich liebe dich, Sherlock", flüsterte er. "Du bist mein Leben, mein Ein und Alles." Eine Weile blieb es still und keiner von ihnen bewegte sich. Dann antwortete Sherlock ebenso leise. "So wie du meine Leben bist, John. Das ist mir in den letzten Monaten klar geworden." Sherlock brach abrupt ab und senkte den Blick, als hätte er zu viel gesagt und John stutzte einen Moment. Da war noch was, irgendetwas verschwieg Sherlock ihm.

Sherlock küsste ihn und schob seine Hände unter Johns T-Shirt. "Ich will dich neu entdecken, John, jeden Zentimeter deines Körpers", flüsterte er ihm ins Ohr und zeichnete Johns Nackenlinie mit seinen Lippen nach. Mit einem leisen Seufzer legte John den Kopf zur Seite und gab sich ganz den Sinneseindrücken hin, die Sherlocks Hände, Lippen und Zähne auf seiner Haut hinterließen, bis sein einziger Gedanke nur noch 'Sherlock' war.