TJ hatte ziemliche Kopfschmerzen. Zumindest war es das erste, das sie registrierte, als sie wieder zu sich kam. Stöhnend öffnete sie ihre Augen und ihre Hand wollte automatisch nach ihrem Kopf tasten, doch sie konnte ihre Hände nicht bewegen. Sie blinzelte mehrmals und wurde sich dann nach und nach ihrer Lage gewahr. Sie schien sich in einer Hütte zu befinden. Ihre Hände hatte man hinter ihrem Rücken gefesselt und ihre Beine waren ebenfalls verschnürt. Dann fiel ihr Blick auf eine weitere Gestalt, die reglos gegenüber neben der Wand lag und genauso gefesselt war wie sie selber.
„Dr. Rush?" fragte sie leise, doch der rührte sich nicht. TJ bewegte so gut sie konnte einmal ihre Gelenke und stellte fest, daß sie nicht weiter verletzt war. Ganz langsam kroch sie zu Rush herüber um nach ihm zu sehen. Als sie bei ihm war konnte sie immer noch die große Platzwunde auf seiner Stirn sehen, die aber wenigstens aufgehört hatte zu bluten.
„Rush, wachen Sie auf", versuchte sie es noch einmal, direkt neben ihm. Vorsichtig rollte sie sich ein Stück zur Seite und stupste den Wissenschaftler mit der Schulter an. Das wirkte. Rush stöhnte und öffnete dann langsam seine Augen.
„Au", stieß er hervor und genau wie TJ bemerkte er, daß er sich nicht groß bewegen konnte.
„Wir sind in einer Hütte", half TJ aus. „Ich habe Sie in der Höhle gefunden, aber leider wurde ich auch erwischt."
„Geht es Ihnen gut?" fragte Rush besorgt, denn TJ war eine der sehr wenigen Leute an Bord, mit denen er kein Problem hatte und er sorgte sich auch um sie. Natürlich würde er das vor niemandem eingestehen.
„Nur ein wenig Kopfschmerzen, wie sieht es mit Ihnen aus? Ihnen müßte ganz schön der Schädel brummen angesichts des Schnittes."
„Nicht der Rede wert", spielte Rush seine Kopfschmerzen herunter. „Viel wichtiger ist, was die von uns wollen."
Wie auf's Stichwort hin ging eine Tür auf und Rush und TJ mußten erst einmal die Augen zusammenkneifen weil es so hell wurde. Als sie sich nach ein paar Sekunden an das Licht gewöhnt hatten, erkannten sie einen der Dorfbewohner in der Tür stehen, der jetzt zu ihnen hineinkam und beide scharf musterte.
„Was wollen Sie von uns?" frage TJ.
Doch sie bekam keine Antwort. Wortlos ging der Mann wieder hinaus und schloß die Tür hinter sich.
„Nicht sehr gesprächig", meinte Rush trocken.
„Was soll das? Erst helfen sie uns und dann entführen sie uns? Und wo sind die anderen? Die müssen doch gemerkt haben, daß wir nicht da sind", begann sie und hielt dann plötzlich erschrocken inne. Sie blickte Rush mit großen Augen an und er konnte deutlich ihre Angst darin lesen.
Sie hat es also auch bemerkt, ging es ihm durch den Kopf.
„Sie sind weg, oder?" fragte sie mit erstickter Stimme.
„Nun ja, dem Sonnenstand nach zu urteilen müßten sie vor ungefähr 10 Stunden gesprungen sein."
In Tamaras Augen glänzte es verräterisch, aber sie riß sich zusammen. „Aber sie können die Destiny anhalten", baute sie ihr Luftschloß auf, aber Rush brachte es sofort zum Einsturz. Er hätte ihr gerne etwas erfreulicheres gesagt, aber Fakt war, daß sie gestrandet waren.
„Tamara, Sie wissen doch, daß die Destiny wenigstens 4 Stunden im Hyperraum bleiben muß. Das heißt, wenn sie inzwischen nicht hier waren, dann fürchte ich…" er sprach den Satz nicht zu Ende, das mußte er auch gar nicht.
TJ sah aus, als hätte er ihr eine Ohrfeige verpaßt.
„Sie dürfen nicht aufgeben", versuchte Rush sie etwas aufzumuntern. „Wenn wir es schaffen zu entkommen und das Tor anwählen, dann können wir sie vielleicht einholen. Sie werden sicher alles daran setzen, uns zu finden. Vergessen Sie nicht, daß wir schon öfters dachten, wir hätten einige unserer Leute verloren… Lieutenant Scott, Greer, Eli, Chloe… aber alle sind immer irgendwie zurückgekommen. Himmel, ich traue es Eli fast schon zu, daß er den FTL Antrieb überlastet, damit die Destiny nicht springt."
Und wenn er das wirklich tun sollte und sie dabei irreparabel beschädigt, dann bringe ich ihn um, fügte Rush noch in Gedanken zu.
Immerhin hatten seine Vermutungen Tamara wieder etwas Mut gegeben. Sie rang sich ein kleines Lächeln ab und meinte nur: „Danke, Nicholas."
Rush sagte nichts mehr sondern versuchte eine möglichst bequeme Position zu finden und schloß die Augen. Seine Kopfschmerzen waren fast unerträglich geworden, aber er wollte es partout verhindern, daß TJ das bemerken würde.
Doch kaum hatte er die Augen geschlossen, ging erneut die Tür auf und ein anderer Mann kam herein. Rush öffnete wieder die Augen und blickte ihn wartend an.
„Werden Sie uns auch anschweigen oder dürfen wir endlich erfahren, warum wir hier sind?" fragte Rush salopp.
„Sie sind hier…", der Mann überlegte kurz und fuhr dann fort: „… weil Sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Zumindest für uns. In ihrem Falle würde ich sagen – Sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Dank Ihnen brauchten wir keine fadenscheinigen Erklärungen, mit denen wir zwei Mitglieder von Ihnen zur Höhle locken konnten. Netterweise haben Sie das von allein erledigt. Aber mich interessiert doch, warum Sie genau dorthin gegangen sind. Sie hatten keinen Scanner dabei."
Rush horchte auf. Scanner? Die Bevölkerung war ihm primitiv erschienen, es deutete nichts auf Technologie hin, dennoch sprachen er von einem Scanner. Er beschloß allerdings erst mal, dieses Rätsel später zu lösen. Jetzt waren Informationen wichtiger. Daher antwortete er wahrheitsgemäß: „Ich habe auf unserem Schiff eine Energiequelle angezeigt bekommen, die mich neugierig gemacht hat."
Der Mann nickte. „Wie wundervoll. Also ist Ihre Technologie doch ziemlich weit fortgeschritten. Noch fortgeschrittener, als ihre Waffen sicher."
„Warum interessiert Sie das?" fragte TJ nun. „Das Schiff ist längst weg. Und warten Sie nur, bis unsere Leute uns hier rausholen, dann werden Sie sehen…"
Jetzt lachte der Mann auf. „Ihre Leute Sie zurückholen? Warum sollten sie? Sie werden doch gar nicht vermißt."
Sowohl TJ als auch Rush starrten ihn jetzt fragend an.
„Selbst wenn Sie ihnen erzählt haben, daß wir tot seien, würden Sie trotzdem nach uns suchen und wenn es nur dazu dient unsere Leichen mitzunehmen", schnaubte TJ ärgerlich.
„Sie werden nicht vermißt weil… Sie sich mit den anderen zurück an Bord begeben haben", erklärte der Mann.
Rush und TJ schauten sich verwirrt an.
„Wie können wir auf dem Schiff sein, wenn wir hier sind?" fragte Rush und ihm schwante Böses. Was hatte es mit der Energiequelle nur auf sich? Er mußte nicht lange warten, um es zu begreifen.
„Diese Energiequelle, die Sie entdeckten, stammt von einem Relikt aus der Vorzeit. Wir wissen nicht wer oder was es da unten erbaut hat, aber durch einen Zufall haben wir herausbekommen, daß es dazu dient, das Aussehen zu verändern. Erst dachten wir nur, man kann variieren, aber dann versuchten wir einen Zwilling zu kreieren. Und das ist perfekt gelungen. Die Maschine liest ihren DNA-Code aus, überträgt ihn in eine biomolekulare Masse und injiziert sie dann der Kopie. Es ist nur eine äußerliche Veränderung, die schnell wieder rückgängig gemacht werden kann, aber sie ist perfekt.
Also, denken Sie nicht, es wird Sie jemand hier abholen, wenn Sie gar nicht vermißt werden."
Damit ließ er die beiden allein und diesmal konnte TJ ihre Tränen nicht ganz zurückhalten. Rush sah aus, als hätte er gerade erfahren, daß die Destiny niemals existiert hätte und im unpassendsten Moment, nämlich diesem, dachte er nur: Das steckt also dahinter…
Im nächsten Moment fing sein Gehirn aber wieder an zu arbeiten und er überlegte. Wenn er sich Recht an den Kurs der Destiny erinnerte, hatte er auf dem Weg eine Menge Tore gesehen. Sie würde also jedes Mal aus dem Hyperraum fallen, wenn die 4 Stunden um waren. Wenn er und TJ frei kämen und es schafften, die nächsten Tore anzuwählen, könnten sie es schaffen. Er wußte zwar noch nicht, wie er das ohne die Fernbedienung schaffen sollte, aber vielleicht war sein Rucksack noch hier geblieben. Es galt also, das herauszufinden, ihn notfalls zu stehlen und dann hier möglichst schnell wieder wegzukommen.
Und zuerst müssen wir uns erst einmal bewegen können, dachte er resigniert, und schaute sich die Stricke und den Knoten seiner Fußfesseln genauer an. Vielleicht konnte er TJ's lösen, wenn sie beide mit dem Rücken zueinander lagen. Doch bevor er ihr überhaupt den Vorschlag machen konnte, öffnete sich erneut die Tür und ihnen wurde eine Schüssel mit Essen und Wasser gebracht.
„Und wie sollen wir das essen?" fragte TJ, als der Mann sich gerade zum Gehen wandte, und deutete mit einem Kopfnicken Richtung ihre gefesselten Hände.
„Also gut, Sie kommen hier eh nicht weg. Aber kommen Sie dennoch nicht auf dumme Gedanken."
Er zog ein Messer aus seiner Tasche und schnitt ihnen die Stricke durch.
„Danke", sagte TJ und massierte sich die Handgelenke. Rush wurde ebenfalls befreit und ihm war damit auch eine Sorge gleich abgenommen. Er versuchte sein Glück weiter.
„Haben Sie meinen Rucksack noch hier? Ich habe Asthma und brauche mein Spray, sonst ersticke ich bei einem Anfall."
TJ klappte etwas der Kiefer nach unten, aber sie checkte sofort, daß Rush damit etwas bezweckte. Natürlich wußte sie, daß er nicht unter Asthma litt, daher schwieg sie.
Aus den Augenwinkeln hatte Rush TJ beobachtet und war erleichtert, daß sie offenbar begriffen hatte, daß sie mitspielen sollte. Der Mann schaute den Wissenschaftler fragend an.
„Asthma? Was soll das sein?"
Jetzt konnte TJ glänzen. „Ganz kurz gesagt – er reagiert auf einige Sachen allergisch, was zu einer Verengung seiner Luftwege führt und er über kurz oder lang ersticken würde. Dagegen gibt es aber ein Mittel, das er immer dabei haben sollte."
Der Mann fuhr sich kurz durch die Haare, als müsse er erst überlegen, ob er antworten sollte. Aber dann entschied er wohl, daß es nicht schaden würde, wenn Rush am Leben bleiben würde und meinte nur: „Ihre Sachen haben wir hier behalten, ihren Rucksack dagegen nicht", er deutete dabei auf TJ.
„Dann wäre es sehr vorteilhaft, wenn Sie ihn mir geben würden, damit ich mein Spray herausnehmen kann."
„Ich werde das besprechen. Essen sie. Und kommen sie nicht auf dumme Gedanken, vor der Tür stehen 2 Wachen."
Damit ließ er sie allein. Als sich seine Schritte entfernt hatten, fragte TJ leise: „Was sollte das denn? Sie haben doch gar kein Asthma."
„Natürlich habe ich keines", antwortete Rush etwas schnippisch, aber ebenso leise. „Ich mußte herausfinden, ob meine Sachen noch hier sind. Zum Glück sind sie es, denn in einer recht versteckten Tasche befindet sich eine Fernbedienung für das Gate, ohne die wir hier wohl nicht wegkommen würden. Zumindest nicht so einfach. Wer weiß, wie die hier das Tor anwählen."
„War ne gute Idee mit einer Alien-Krankheit aufzuwarten", lobte ihn TJ und schob ihm den Teller mit dem wenigen Essen herüber.
„Hier, Sie haben seit mindestens einem Tag nichts mehr gegessen."
„Ich werde die Hälfte essen, genau wie Sie", sagte er unnachgiebig und TJ seufzte nur.
Gemeinsam leerten sie die Schüssel und Rush hatte Mühe, das Essen bei sich zu behalten. Es war einfach widerlich. Nichts im Vergleich zu dem Tier am Spieß am gestrigen Abend. Er fragte sich, ob sie wohl vorhatten sie einfach zu vergiften. Aber so scheußlich es auch schmeckte, es gab ihm wenigstens etwas Energie zurück. Das Wasser teilten sie auch auf, ließen aber noch für später etwas übrig.
„Was machen Ihre Kopfschmerzen?" fragte TJ dann, und hockte sich vor Rush um seine Stirnwunde jetzt genau anzusehen. Machen konnte sie zwar nichts, denn sie hatte keine Medikamente und Verbände mehr hier, aber wenigstens überprüfen konnte sie es.
„Wie gesagt, nicht der Rede wert. Wir müssen zusehen, daß wir schleunigst hier verschwinden, wenn wir jemals das Schiff noch einholen wollen."
„Aber wie sollen wir hier raus kommen? Vor der Tür stehen 2 Wachen und es gibt keinen Hinterausgang", meinte sie und schaute sich in der runden Hütte um, die gerade mal einen Durchmesser von 4 Metern hatte. Lediglich in der Mitte war ein langer Pfahl in den Boden verankert, der das Strohdach trug.
„Vielleicht sollte ich auf das Stroh hier überall langsam allergisch reagieren", meinte Rush dann.
„Wenn wir Glück haben, bringen sie den Rucksack und dann müssen wir nur alle überrumpeln und fliehen. Also kein Problem."
TJ war nicht so wohl bei dem Plan, aber einen besseren hatte sie auch nicht.
„Also gut, Sie müssen versuchen, unentwegt zu husten und nach Luft zu schnappen, überlassen Sie den Rest mir."
„Ist gut. Dann haben Sie jetzt einen Asthma-Patienten", meinte er süffisant und fing daraufhin an, einen heftigen Hustenanfall zu simulieren.
„Rush? Rush!" schrie TJ in der Hütte, in der Hoffnung, die Wachen würde ihre Verzweiflung in der Stimme heraushören. Sie hatte Glück. Die Tür wurde geöffnet und einer der beiden schaute nach, was los war.
„Er hat einen Anfall, ich brauche seine Sachen, schnell! Er stirbt mir unter den Händen weg!"
Um TJ's Aussage noch etwas zu unterstreichen schnappte Rush verzweifelt nach Luft und wand sich auf dem Boden. Der Wache schien das zu reichen und er rief seinem Partner irgendetwas zu, der daraufhin im Laufschritt verschwand und kurze Zeit später mit Rushs Rucksack zurück kam.
Bis dahin hatte der Plan also geklappt, aber wie sollten sie jetzt die beiden überrumpeln?
Bevor TJ sich darüber Gedanken machen konnte, holte Rush plötzlich mit seinem Bein aus und schlug damit dem einen die Beine weg. Mit einem Schmerzenschrei knallte er genau gegen den Stützpfahl in der Hütte und rührte sich nicht mehr. Die andere Wache war für einen Moment völlig überrascht und das nutzte Rush aus um schnell auf die Beine zu kommen und die Wache mit einem gewagten Kinnhaken ebenfalls niederzustrecken.
Er packte TJ's Hand und zog sie hinter sich her, raus aus der Hütte. Den Rucksack hatte er in der anderen Hand und orientierte sich blitzschnell.
Erst als Rush mit TJ auf den Wald zurannte wurden den Dorfbewohnern klar, daß das nicht geplant sein konnte. Jemand schrie etwas und die Männer packten ihre Waffen ein und machten sich an die Verfolgung.
