Die nächsten Stunden waren kritisch. Das Fieber blieb weiterhin auf diesem neuen Höhepunkt, doch wenigstens hatte der Schüttelfrost nach einer Weile nachgelassen. Rush hatte Fieberträume, stöhnte und wandte sich unbeholfen hin und her. Unermüdlich waren TJ, Eli und Chloe dabei, ihn ruhig zu halten, zu versuchen, ihm noch ein wenig von dem Kräuterwasser einzuflößen und versuchten weiterhin, das Fieber zu senken. Gegen Morgen waren die Drei so erschöpft, daß Chloe, als sie sich kurzerhand auf ein Nachbarbett setzte um kurz auszuruhen, einfach zur Seite kippte und eingeschlafen war. TJ legte ihre Füße hoch und breitete eine Decke über ihr aus.

„Eli, Du solltest auch schlafen gehen", meinte sie dann.

„Kommt nicht in Frage, wenn hier einer schlafen sollte, dann Sie! Sie sind schon seit wann… Tagen wach?"

„Ich muß aber bei ihm bleiben und aufpassen. Gerade jetzt", erwiderte TJ und Eli schlug vor: „Holen wir Dr. Charles wieder an Bord. Sie kann sich um ihn kümmern während wir eine Pause machen können."

Eigentlich war es TJ nicht Recht, ihren Patienten einfach jemandem anderen zu überlassen, aber sie war so unendlich müde und kaputt, daß sie schließlich zusagte. Sie würde Rush nichts nützen, wenn sie Fehler machen würde weil sie vor Müdigkeit nicht mehr klar denken konnte.

„Also gut, bitte sag Camile Bescheid. Ich informiere den Colonel."

„Okay", meinte Eli und nach einem kurzen Zögern stand er auf, blickte noch einmal auf seinen Mentor und verließ dann die Krankenstation.

TJ informierte unterdessen Young über den Plan und der versprach, daß er neben der Ärztin noch Personal abstellen würde, die die Pflege übernehmen würden. Er dachte er, er müßte jemanden abkommandieren, aber es fanden sich viele Freiwillige.

„Scheinbar ist Rush beliebter als ich dachte", meinte er unterwegs zu Scott, als beide auf dem Weg zum Kommunikationsraum waren um Dr. Charles abzuholen.

„Er ist ein egoistischer Bastard aber… er kann auch ganz nett sein. Sporadisch."

Young grinste nur und dann waren sie angekommen.

„Dr. Charles?" fragte er an Camile gerichtet.

„Ja, geht es Dr. Rush wieder schlechter?" fragte die Ärztin.

„Das kann Ihnen Lieutenant Johansen besser erklären, bitte folgen Sie mir."

„Dr. Charles?" begrüßte TJ sie, als sie mit den beiden Männern eintraf.

„Ja, ich bin es. Wie geht es ihm?" fragte sie und trat gleich ans Bett heran um Rush in Augenschein zu nehmen.

Tamara erklärte kurz, was los gewesen war und äußerte auch ihre Vermutung einer Lungenentzündung betreffend, doch da Rush kein einziges Mal gehustet hatte, hielt auch Dr. Charles das für eher unwahrscheinlich. Was nicht nur Tamara, sondern auch Eli sehr beruhigte, der noch einmal zurückgekommen war.

„Wir könnten alle eine Pause gebrauchen, um ehrlich zu sein", meinte TJ dann. „Chloe ist vor Erschöpfung schon eingeschlafen und Eli und mir geht es nicht viel anders. Aber ich brauche jemanden, der weiß was er tut, falls es Dr. Rush schlechter gehen sollte. Ich hoffe, es macht Ihnen nicht zu viel aus?"

„Nein, natürlich nicht. Ruhen Sie sich aus, Sie fallen ja wirklich gleich um. Ich bleibe bei ihm und passe auf."

„Vielen Dank, Doktor. Eli, komm, Du hast es gehört, Rush ist in guten Händen. Schlaf ein wenig."

„Also schön, aber wenn etwas sein sollte, möchte ich es wissen, ja?" bat der junge Mann noch und damit er auch wirklich alles mitbekam, machte er es einfach Chloe nach und legte sich auf eines der freien Betten im hinteren Teil, wo er ebenfalls sofort einschlief.

„Wir haben noch ein paar freiwillige Helfer, die sich gerne mit um Dr. Rush kümmern würden", meinte Young, als TJ schließlich in ihr Quartier gegangen war.

„Helfer sind gern gesehen und ich habe etwas Gesellschaft", antwortete die Ärztin nur kurz. „Aber maximal zwei Leute zur gleichen Zeit. Sonst wird es sogar mir zuviel."

„Kein Problem, wir werde eine Rotation ausmachen."

„Einverstanden. Schicken Sie die ersten gleich her."

„Lt. Scott, fragen Sie nach, wer genau alles helfen will und dann machen sie eine Rotation aus."

„Ja Sir", anwortete Matt und machte sich auf den Weg.

„Bis die Helfer eintreffen, gibt es etwas, das ich tun könnte?" bot Young an.

„Eigentlich nicht, aber danke."

„Okay. Dann widme ich mich wieder meinen Pflichten. Wenn Sie irgendetwas brauchen, zögern Sie nicht es zu sagen."

„Werde ich nicht. Danke."

Dr. Charles setzte sich neben Rushs Bett und wechselte die Tücher. Young blickte ein paar Sekunden zu, dann drehte er sich um und verließ den Raum.

Die Ärztin war nicht lange allein, nur ein paar Minuten später tauchten die ersten beiden Freiwilligen in der Gestalt von Brody und Volker auf. Nachdem sie sich kurz vorgestellt hatten, erklärte die Ärztin, was sie zu tun hatten und nutzte die Zeit, um sich TJ's Medikamente einmal anzusehen, damit sie wußte, was sie tun konnte, sollte es noch einmal kritisch werden.

4 Stunden saßen die beiden Männer bei ihrem „Chef", sich leise unterhaltend, und paßten auf, ob sich bei ihm irgendetwas veränderte. Alle paar Minuten wechselten sie immer noch die Tücher, doch das Fieber wollte einfach nicht sinken. Dr. Charles wachte ebenfalls mit Argusaugen über Rush, konnte aber aufgrund der begrenzten Mittel an Bord der Destiny auch nicht viel mehr tun, als zu hoffen, daß der Wissenschaftler durchhalten würde.

Zur nächsten Schicht tauchte Lisa Park mit einer anderen Wissenschaftlerin auf, die eher still im Hintergrund ab und zu mit Rush gearbeitet hatte, scheinbar aber doch Sympathie für den ewig schlecht gelaunten Nörgler hatte.

Die beiden paßten die nächsten Stunden auf und auch hier blieb Rushs Zustand unverändert.

Dr. Charles machte sich ernsthaft Sorgen weil das Fieber so hoch blieb, doch das behielt sie für sich.

Inzwischen war es Mittag geworden und Chloes Stimme ertönte plötzlich.

„Wie lange habe ich geschlafen?" fragte sie und gähnte einmal, bevor sie vom Bett herunter glitt.

„Gute 8 Stunden", entgegenet Lisa ihr und meinte nur: „Wie wäre es, wenn Sie für sich und Eli etwas zu essen holen würden? Sie müssen hungring sein."
„Ja, das ist eine gute Idee. Ich komme gleich wieder."

„Sie beide können dann auch gehen", sagte Dr. Charles. „Lt. Johansen wird auch gleich wieder hier sein und wenn ich mich nicht irre", sie schaute in den hinteren Teil, wo Eli gerade aufwachte, „genau, Mr. Wallace ist auch gerade wach geworden. Vielen Dank für ihre Hilfe."

„Gern doch." Park und die andere Wissenschaftlerin erhoben sich und kurz bevor sie die Krankenstation wieder verließen, drehte sich Lisa noch einmal zu ihr um und fragte zögerlich: „Dok? Glauben Sie, Dr. Rush wird wieder gesund?"

Das war einer der Momente mal wieder, die Dr. Charles in ihrem Dasein als Ärztin haßte – falsche Hoffnungen machen und dabei lächeln, nur um Angehörige in dem Glauben zu lassen, der Patient würde auf jeden Fall genesen und sie somit davon abhalten, in seiner Nähe ihn ihre Verzweiflung spüren lassen. So etwas war nie gut für den Heilungsprozeß, daher gab sie immer möglichst optimistische Auskünfte, wenn der Tod nicht gerade unmittelbar vor der Tür stand und es noch Hoffnung gab. Dr. Rush war ein so ein Fall. Natürlich hoffte Dr. Charles, der Wissenschaftler würde es schaffen, aber mit jeder Stunde und jedem Tag, an dem das Fieber anhielt und Rush schwächer wurde, sank seine Überlebnschance.

Jetzt jedoch setzte sie ihr übliches Lächeln auf und sagte: „Er ist ein Kämpfer. Geben wir ihm noch ein wenig Zeit, so etwas dauert immer etwas. Ich bin aber zuversichtlich, daß er es schafft. Solange keine weiteren Komplikationen auftreten."

Lisa rang sich ein kleines Lächeln ab, bedankte sich und ging dann.

„Haben Sie das wirklich auch so gemeint, wie Sie es gerade gesagt haben?" ertönte plötzlich hinter ihr die Stimme von Eli.

Dr. Charles biß sich auf die Lippen, sie hatten den jungen Mann ganz vergessen. Jetzt drehte sie sich zu ihm um, er saß inzwischen schon wieder bei Rush am Bett, und meinte dann: „Mr. Wallace, um ehrlich zu sein – ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es wirklich."

Sie spürte, daß der junge Mann die Wahrheit brauchte und keine falschen Hoffnungen.

Eli nickte nur und sah dann wieder zu Rush hin. Er tat ihr leid, auch wenn sie nur kurz hier gewesen war, aber sie konnte sehen, wieviel Dr. Rush für Mr. Wallace bedeuten mußte.

„Mr. Wallace…" begann sie zögerlich, „vielleicht hilft es ihnen beiden, wenn Sie ihm einfach etwas erzählen."

Eli überlegte kurz. „Kann er mich denn hören?" fragte er dann.

Dr. Charles zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich nicht, aber ein Versuch ist es wert. Die meisten Patienten, egal in welchem Zustand, spüren einfach die Nähe eines anderen, was meistens sehr hilfreich sein kann."

„Okay, dann werde ich ihm etwas erzählen…" sagte Eli gedankenverloren, schwieg aber weiterhin.

Dr. Charles ahnte wohl, daß es sich um eine Privatangelegenheit handeln würde und akzeptierte, daß er mit Rush allein sein wollte, aber das ließ sich leider nicht einfach machen. Wie auch immer, in ein paar Minuten würde sie eh wieder abgelöst werden.

Genau passend kam Chloe wieder zurück, in der Hand ein Tablett haltend, auf dem 3 Schüsseln standen.

„Hey Eli, ich habe uns dreien Frühstück mitgebracht… oder eher Mittagessen", verbesserte sie sich.

„Danke", sagte Eli und nahm sich eine Schale runter. Er hatte wirklich Hunger inzwischen. Chloe reichte Dr. Charles ebenfalls eine hinüber und diese bedankte sich. Dann setzte sich das Mädchen auf die andere Seite von Rushs Bett und schweigend aßen sie den Brei auf.

Wenig später tauchte auch TJ wieder auf. Dr. Charles und sie gingen in den hinteren Bereich und erstere informierte sie, was in ihrer Abwesenheit passiert war.

TJ nickte dankbar, dann verabschiedete sie sich von Dr. Charles und funkte Young an, daß die Ärztin wieder abgeholt werden konnte.

5 Minuten später waren sie wieder unter sich und TJ setzte sich mit an Rushs Bett.

Nach einer Weile brach Chloe das Schweigen, in dem sie fragte: „TJ? Was glaubst Du, wie lange dauert es, bis das Fieber wieder runter geht?"

„Nun, das hängt immer von den Umständen ab", meinte sie dann. „Rush muß es allein schaffen, wir können nicht so viel für ihn tun. Es kann ein paar Stunden oder auch Tage dauern."

Chloe blickte verstohlen zu Eli und dieser hatte aufgehört zu essen, blickte nur traurig zu Rush.

Seine Freundin legte ihre Hand auf seinen Arm. „Er schafft es, Eli, bestimmt."

Eli sagte nichts und bewegte sich auch nicht. Rush dagegen stöhnte auf einmal auf und seine Augenlider zuckten, doch er wachte nicht auf.

Angespannt wartete TJ, ob der Schüttelfrost wieder einsetzen würde, aber zum Glück tat er das nicht.

„Vielleicht hat er einen Albtraum", meinte Chloe.

„Gut möglich, so hohes Fieber gaukelt einem die verrücksten Dinge vor", stimmte TJ zu. Sie erneuerte das Tuch auf Rushs Stirn und Eli, der schnell schaltete, kümmerte sich darum, die Wadenwickel zu erneuern.

Nach ein paar Minuten wurde der Wissenschaftler wieder etwas ruhiger.

Die nächsten Stunden bis zur Nacht vergingen schleppend langsam. Eli bestand darauf, daß Chloe und TJ sich schlafen legen sollten, er wollte bei Rush bleiben.

Falls etwas sein würde übernachteten beide auf den hinteren Betten und nach einer Weile hörte Eli nur noch die gleichmäßigen Atmenzüge der beiden Frauen.

Er beugte sich näher an Rush heran und drückte dann zaghaft seine Hand. Dr. Charles hatte gesagt, reden würde vielleicht helfen, als redete Eli.

Am Anfang erzählte er nur vom Schiff und Reparaturen, darüber, daß er immer noch ein paar Probleme hatte das antikisch lesen zu können und daß er die Befürchtung hatte, Rush wäre deshalb von ihm enttäuscht, gerade weil ihm teilweise, wenn es gerade nicht um Zahlen ging, ab und zu kleinere Fehler unterliefen. Er erzählte einfach, was ihm einfiel und merkte erst viel später, daß er plötzlich bei seiner Mutter angekommen war. Normalerweise redetet er nie darüber, doch jetzt tat er es. Er erzählte alles, wie es zu ihrer HIV Infektion gekommen war, wie es war, als sein Vater noch zu Hause war und die Tragödie erfuhr, die Streiterein und Vorwürfe danach und schließlich, wie er seine Frau und ihn einfach verließ. Er wußte natürlich, daß Rush über seine Situation mit seiner Mutter Bescheid gewußt hatte, aber er kannte nicht diese Details. Er erzählte alles von damals und selbst, als er selber Tränen in den Augen hatte, hörte er nicht auf.

Es tat ihm selber so gut, alles endlich einmal loszuwerden und er erzählte es dem Mann, den er als seinen Ersatz-Vater ansah, dem er trotz allem vertraute, wie keinem anderen weil er einfach hoffte, Rush würde ihn verstehen. Es fiel ihm außerdem umso leichter, weil Rush mit größter Wahrscheinlichkeit gar nicht hörte, was Eli da alles sagte.

Nach einer Stunde verstummte er und stellte fest, daß er sich besser fühlte. Irgendwie erleichtert, was sein Selbst anging, aber immer noch von tiefer Sorge um Rush angefüllt.

Eli wurde müde und ohne daß er es bemerkte, sank sein Kopf irgendwann auf seine Schulter und er nickte ein, seine Hand immer noch auf der von Rush liegend.

„Eli… ELI!" Chloe, die gegen 3 Uhr morgens wieder wach geworden war, hatte ihren besten Freund noch immer schlafend neben dem Wissenschaftler vorgefunden und ihr Herz wurde ein wenig schwer, als sie bemerkt hatte, daß Eli noch seine Hand hielt.

„Was… wo?" Eli zuckte aus seiner unbequemen Haltung hoch und gab danach gleich einen Schmerzenslaut von sich. Sein Nacken war komplett steif und verspannt.

„Eli, leg Dich hin", meinte Chloe und deutete auf eine Liege.

„Nein, ich bin wach, nur kurz eingenickt", nuschelte er noch immer etwas schläfrig und massierte sich seinen Hals. Dann fiel sein Blick auf Rush, der immer noch ruhig da lag. Chloe war bereits dabei, die Umschläge wieder zu erneuern und Eli kam es siedendheiß in den Sinn, daß er das versäumt hatte, weil er eingeschlafen war.

„Es tut mir leid", meinte er mehr an den bewußtlosen Wissenschaftler als an Chloe gerichtet und kümmerte sich sofort um die Wadenwickel.

„Eli", meinte Chloe auf einmal, als sie gerade ihre Hand auf Rushs Stirn hatte.

„Was ist?"

„Ich glaube, das Fieber geht langsam runter."

„Was!?" Eli legte sofort seine Hand ebenfalls auf Rushs Stirn und es stimmte, er glühte nicht mehr so sehr wie noch vor ein paar Stunden.

„Sollten wir TJ nicht wecken?" fragte Chloe leise und blickte auf die noch schlafende Sanitäterin weiter hinten.

„Nein, laß sie noch schlafen. Wenn es sinkt, ist es gut, dann brauchen wir sie nicht wecken."

„So ist es Recht, Dr. Rush, kämpfen sie weiter", raunte Eli leise vor sich hin und zum ersten Mal nach langer Zeit sah Chloe bei ihm Erleichterung und ein kleines Lächeln im Gesicht.