~Jede gute Rache beginnt mit einem vollen Schuh~

Anmerkung: Außer Eliza und Feli gehört mir nix!

Der erste Schlag meiner Rache ließ auch nicht lang auf sich warten. Es wurde mir auch nicht wirklich schwer gemacht etwas zu finden, was ich gegen Sherlock verwenden konnte. Eigentlich fing alles damit an, als ich die Mandarine fallen ließ, die mir Mrs Hudson, die Vermieterin, an dem selben Morgen in die Hand gedrückt hatte. Die gutmütige Frau brachte uns Brötchen und kleine Gebäckteile, die wir, aber vor allem Sherlock, zum frühstück essen sollten.

"Was soll ich nur mit Ihnen machen Sherlock, so dünn wie Sie sind werden Sie ja mit dem Wind weggeweht!"

Seine trockene Antwort darauf war, dass sein schwerer Mantel ihn schon unten halten würde.

Zunächst konnte jedoch gar nicht gegessen werden, weil einfach kein Platz dafür vorhanden war. Der Küchentisch war nicht mehr unbedingt als das zu erkennen, was er eigentlich war. Überall standen seltsame Geräte, die für Experimente jeglicher Art benutzt wurden, unter anderem ein teuer aussehendes Mikroskop, Reagensgläser gefüllt mit undefinierbaren Flüssigkeiten und ein Bunsenbrenner. Mittendrin befand sich ein Fleck, der aussah wie getrocknetes Blut. Den Tisch im Wohnzimmer konnte man auch vergessen. Überall stapelten sich Bücher und alte Dokumente, über die sich Mrs Huson sofort hermachen wollte um den Männern, und wahrscheinlich auch mir, beim aufräumen zu helfen. Auf jeden Fall konnte es der guten Frau angerechnet werden, dass sie es zumindest versuchte. Sherlock sah es nämlich gar nicht gern, wie seine, für ihn unentbehrlichen, Gegenstände angefasst wurden. Um einen Anfall entgegen zu wirken, sah sich John dazu gezwungen die wetternde Mrs Hudson aus der Wohnung zu führen. Eigentlich tat sie mir ein wenig leid, schließlich hatte sie nur helfen wollen. Als sie an mir vorbei lief lächelte sie mich so gütig an als hätte sie sagen wollen, dass ich nichts dafür konnte.

"Hier, das ist für dich. Ich bezweifel, dass du von den Männern oft etwas gesundes bekommst."

Mit diesen Worten drückte sie mir prompt eine Mandarine in die Hand, die sie offenbar in der Jackentasche aufbewahrt hatte. Das war schon etwas seltsam, aber vor allem so plötzlich, dass ich die Mandarine fallen ließ bevor ich mich überhaupt bedanken konnte. Das orangene Ding rollte über den Boden und direkt unter die Couch. Mrs Hudson war bereits verschwunden, als ich wieder nach oben blickte um mich zu bedanken. John und Sherlock stritten sich über die Unordnung und vor allem über den toten Frosch, der plötzlich zwischen zwei Büchern auf dem Wohnzimmertisch aufgetaucht war. So bemerkten sie nicht mal, wie ich mich fast auf den Boden legen musste, um unter die flache Couch schauen zu können. Ich streckte meinen Arm aus, um darunter zu fassen, doch anstatt die Mandarine zu greifen, berührte ich etwas, was sich anfühlte wie ein spitzer Schuh. Neugierig zog ich den Gegenstand ein Stück zu mir, um ihn im Halbschatten besser sehen zu können. Tatsächlich war es ein spitzer Schuh, den ich da in der Hand hatte, doch was IN diesem Ding war, war weitaus interessanter. Mindestens 10 Zigaretten schauten aus dem Schuh heraus, alle unverbraucht.

Ich hatte wohl offentsichtlich Sherlocks Zigarettenversteck gefunden. Na wenn das nicht interessant war, dann wusste ich auch nicht mehr weiter.

Es war kein großes Geheimnis, dass Sherlock seit nun schon langer Zeit auf kalten Entzug war, um von den Zigaretten weg zu kommen. Doch der Detektiv wäre nicht er selbst, wenn er nicht doch Wege und Möglichkeiten fand um seinen alten Laster nachzugehen, auch wenn das John überhaupt nicht gern sah. Und genau aus diesem Grund hatte er die Zigaretten in einen Schuh gesteckt und unter die Couch geschoben, genau da, wo niemand so leicht hinsehen konnte. Außer natürlich man ließ seine Mandarine unter das Möbelstück rollen, was aber auch wirklich nur mir passieren konnte. Vielleicht war es ja ein Wink des Schicksals, dass sich mein Ungeschick genau in dieser Situation gezeigt hatte.

Sofort kam mir eine super Idee, die ich so schnell wie möglich in die Tat umsetzen musste. Nach einem kurzen, prüfenden Blick um zu schauen ob die Männer noch immer abgelenkt waren, legte ich mich erneut vor die Couch. Schnell stopfte ich mir jede Zigarette die ich fand von oben in mein Kleid. Das mag sich etwas komisch anhören, doch wo hätte ich sie sonst auf die Schnelle hinmachen sollen? Den leeren Schuh schob ich wieder weit nach hinten und die Mandarine hob ich nun auch endlich auf. Mit dem erhabenen Gefühl der Rache stand ich wieder auf und hielt die Mandarine schulterzuckend nach oben, als mich Johns fragender Blick traf. Die seltsame Ausbeulung an meinem Ausschnitt schien er nicht bemerkt zu haben, was wiederum gut für ihn war. Wäre ja auch eine Frechheit, wenn er dort hin geschaut hätte.

Schneller, als mich jede nervige Frage hätte treffen können, war ich in meinem Zimmer verschwunden. Wo war nur mein schlechtes Gewissen hin, als die ganzen, netten Zigaretten in meinem Kissenbezug landeten? Zugegeben, das war vielleicht nicht das beste Versteck, doch es musste reichen bis ich mir sicher darüber war was ich mit dem Diebesgut anstellen sollte. Doch egal was es sein sollte, eines war sicher. Sherlock würde ausrasten und sich in Johns Ungnade bringen, wenn er den Grund für das Theater herausfand. Und ich war aus dem schneider, weil ich natürlich nur um Sherlocks Gesundheit besorgt war und deshalb drastische Maßnahmen ergriff. Besser hätte mir das Schicksal nicht in die Karten spielen können. Danke Mrs Hudson, danke liebe Mandarine. Aus lauter Freude verzehrte ich sie gleich, also die Mandarine versteht sich.

Meine Gedanken kreisten den ganzen Tag nur noch um die Zigaretten in meinem Kopfkissen. Vielleicht war es ja doch eine schlechte Idee sie einfach so zu nehmen? Schließlich hatte ich keine Ahnung davon, wie Sherlock auf so etwas reagieren würde. Mir ging es einzig und allein darum diesen Großkotz eins auszuwischen, auch wenn das bedeutete gleich an meinem ersten Tag in dieser Welt Ärger zu bereiten. Das war mir jedoch herzlich egal, so lang dieser Ärger nicht auf mich zurückfiel.

Als ich wieder aus meinem Zimmer kam, war es bemerkenswert still im Wohnzimmer. Die Männer hatten es offenbar aufgegeben sich zu streiten, oder Sherlock hatte einfach von sich aus beschlossen das Gespräch schmollend zu beenden, was auch nichts neues gewesen wäre. Tatsächlicherweise saß John ganz entspannt mit seinem Laptop auf dem Schoß in seinem Sessel und schenkte weder mir noch Sherlock, der mit geschlossenen Augen auf der Couch lag, groß Beachtung. Die Tüte mit den Lebensmitteln, die Mrs Hudson mitgebracht hatte, war verschwunden. Offenbar wurde der Inhalt in die Küchenschränke oder in den Kühlschrank gestopft. War ja gut und schön, dass die Männer keinen Hunger mehr hatten, doch mein Magen schlug noch immer Protest. Die hastig verschlungene Mandarine schien überhaupt nichts in punkto Sättigung gebracht zu haben. Noch bevor ich etwas dazu sage konnte, schien John seine Aufmerksamkeit wieder auf mich zu konzentrieren, was nicht unbedingt zu meinem Vorteil war.

"Denk an den Laptop. In fünf Minuten steht er vor mir auf dem Wohnzimmertisch."

Ich musste mich doch stark zusammen reißen um keinen bissigen Kommentar loszuwerden. Für ein Brötchen war auf dem Tisch kein Platz zu finden, für meinen Laptop aber schon? Die Logik der Erwachsenen, sie war unfehlbar. Mit zusammen gekniffenen Lippen kam ich der Aufforderung nach. War mir eh alles egal, wirklich. John nickte kurz und wand sich wieder seinem, wie ich annahm, Blog zu. Etwas ratlos stand ich nun mitten im Wohnzimmer, ohne zu wissen was ich nun tun sollte. Ich wusste noch nicht einmal welchen Tag wir hatten. Vielleicht war es ja Wochenende? Schließlich hatte mich noch niemand dazu aufgefordert in die Schule zu gehen. Der Gedanke an die Schule bereitete mir ernsthafte Sorgen. Sehr weit kam ich mit meinen Gedanken jedoch nicht, als plötzlich ein, für mich, völlig fremdes Lied erklang. Es war leise und kam nicht aus dem Raum, in dem wir uns befanden. Perplex schaute ich mich so lange um, bis John genervt seufzte.

"Dein Handy Eliza."

Das hätte man mir auch ruhig früher sagen können. Der Klingelton erklang bereits das zweite mal, als ich überstürzt in mein Zimmer hetzte. Mit pochenden Herzen fand ich das Handy auf dem Nachtisch liegen. Das war mir am Tag davor gar nicht aufgefallen. Auf dem leuchtenden Display stand "Feli". Ob das die Abkürzung für Felizita war? Ich hoffte es, denn dann wusste ich wenigstens so ungefähr wen ich am anderen Ende der Leitung hatte.

"Hallo?"

"Hey El, was machst du heute?"

Ich verschluckte mich fast bei der Abkürzung meines Namens. Als wenn Eliza nicht kurz genug wäre. Die Stimme klang hell und freundlich und definitiv weiblich, nicht zu alt und doch überschwänglich. Sie zu hören verursachte in mir ein seltsames Gefühl. Und da waren wir wieder bei der "in einem Moment" Sache. Erst denkst du dir eine Person aus, und dann hörst du ihre Stimme am Telefon. Ging es noch verrückter? Ich musste mich arg zusammenreißen um so normal wie möglich zu klingen.

"Weiß nicht, warum?"

Am anderen Ende wurde kurz gelacht.

"Warum wohl, bist wohl noch müde Eliza? Das können wir ändern, ich bin in einer halben Stunde bei dir."

Schon war es abgemacht, ohne das ich etwas dazu sagen konnte. Mit einem kurzen "Bis gleich" machte es 'klick' und die Stimme war verschwunden. Klasse, schon hatte ich meine erste Verabredung mit einem weiteren 'fremden aber ich kenn dich trotzdem' Menschen. Mir war zwar etwas mulmig zumute, aber immerhin war es ein guter Anfang um die Welt kennen zu lernen. Ich konnte mich schließlich nicht ewig in meinem Zimmer einschließen, auch wenn ich große Lust dazu gehabt hätte. Mein Blick wanderte verstohlen zu dem Kopfkissen auf dem Bett. Ob Feli wusste was ich mit den Zigaretten anstellen sollte? Natürlich hätte ich sie auch einfach wegschmeißen können, doch das schien mir zu einfach. Schließlich wollte ich den kleinen Teufel in mir richtig zufrieden stellen. Apropos Zigaretten, musste ich nicht noch bescheid geben das ich fortging? Oder vielleicht sogar nach Erlaubnis fragen? Kurz war ich dazu gewillt das Treffen wieder abzusagen, nur um dem Gespräch aus dem Weg zu gehen. Im ersten Moment war ich aufmüpfig und im nächsten total feige. Ich hasste es jetzt schon Eliza zu sein.