~Zigaretten frei Haus~

Anmerkung: Außer Eliza und Feli gehört mir nichts!

Nach qualvollen zehn Minuten hatte ich es endlich geschafft bei John nach Erlaubnis zu fragen. Er gab sie mit zwar, blickte mich aber dabei an als wäre mir ein drittes Ohr gewachsen. Offenbar hatte es Eliza nicht so sehr mit dem fragen, was wiederum gut zu wissen war. Das machte mir in Zukunft so einiges leichter, oder vielleicht wiederum nicht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie so einfach mit allem davon kam. Wer wusste schon was ich schon alles auf dem Kerbholz hatte. Wahrscheinlich jeder, außer mir.

Das war der Moment in dem Sherlock das erste mal in den letzten Minuten die Augen öffnete, oder besser gesagt ein Auge. Aus diesem blickte er mich von unten scharf an als wollte er sagen 'hoffentlich weißt du was du tust'. Trotz des ganzen Grolles und der kindischen Feindlichkeiten schien er sich gut genug daran zu erinnern wer oder was ich wirklich war und das es mir gewiss nicht leicht fiel von Null auf Hundert mit so vielen neuen Dingen zurecht zu kommen. So gern hätte ich mit Sherlock darüber geredet und meinen Zweifeln Luft gemacht, doch erstens ging das nicht vor John und zweitens wusste ich ja nun schon wie er zu mir stand. Dem entsprechend konnte ich mir Sherlocks Reaktion ausrechnen. Ganz nach dem Motto 'Kümmer dich, kann doch nicht so schwer sein.' Der Mann hatte schon Humor, das musste man ihn lassen. Ganz miesen, bitteren Humor, der meine Eingeweide zum kochen brachte.

Die halbe Stunde verstrich schneller, als es mir lieb war. Mit schwitzigen Fingern nahm ich meinen schwarzen Mantel vom Hacken, der auf der Innenseite meiner Zimmertür angebracht war. Beinahe knöpfte ich die kurze Knopfreihe falsch zu vor lauter Nervösität. Ich musste mich zusammenreißen, das Mädchen namens Felizita durfte auf gar keinen Fall Verdacht schöpfen, dass etwas nicht stimmte. Hastig versteckte ich die Zigaretten in meine Manteltasche, als Mrs Hudson von unten auch schon den Besuch ankündigte.

Felitzita Owen war ein klein gewachsenes Mädchen mit strahlenden, grau-grünen Augen und langen, dunkelbraunen Haaren, die im Tageslicht gesund und sauber glänzten. Sie trug einen olivgrünen Parker und an ihrer Hand glänzten dicke Ringe. Ihr Mund war zu einem erwartungsvollen Lächeln verzogen, als sie sah wie ich bedächtig die Treppenstufen in den Hausflur hinunter lief. Sofort bekam ich die Wärme zu spüren, die sich zwischen uns ausbreitete, als würden wir uns schon seit sehr langer Zeit kennen. Mrs Hudson verschwand sogleich wieder in ihre Wohnung im Erdgeschoss, sodass wir vollkommen allein im Hausflur standen.

"Hey El, du siehst echt blass aus. Wir gehen am besten gleich an die frische Luft, ich muss dir unbedingt was zeigen."

Wie ein junger Wirbelwind, der frische Luft in das eingetrocknete Dasein meiner selbst brachte, zog mich Feli nach draußen auf den dichtbevölkerten Gehweg der Baker Street. Wie ein erdrückender Schlag traf mich das vibrierende Adrenalien dieser wahnsinnig großen Stadt. Noch nie zuvor bin ich in London gewesen, und das war auch gar nicht nötig um mich sofort in den Bann zu ziehen. Wenn Felizita nicht da gewesen wäre hätte ich mich hoffnunglos verirrt. Sie zog mich von einer Straße zur nächsten, ohne mir eine Verschnaufspause einzuräumen. Wo ging es überhaupt hin? Konnten wir nicht mit der U-Bahn fahren? Das ging gewiss schneller.

Als wir am Ziel unserer Reise ankamen, traute ich meinen Augen nicht. Felizita hatte mich zu nichts geringeren geschliffen als einem Laden, der vollgestopft war mit teuren Luxuskleidern. Ich korrigiere mich, nicht Sherlock war der Krösus sondern offenbar meine Freundin in spee. Warum würde sie sonst solche Geschäfte besuchen?

Feli kaute an ihrer Unterlippe, als sie meine Gesicht sah, das bis zu einem bestimmten Grad eingeschlafen war. Wenn mich etwas gar nicht interessierte, dann waren es Klamotten.

"Ich weiß das wir ein Abkommen hatten, doch du musst mich auch verstehen, an dem großen Tag will ich halt besonders gut aussehen", druckste sie herum als täte sie etwas Unrechtes. Und schon stand ich wieder als Idiot da, der von nichts eine Ahnung hatte.

"Großer Tag?", fragte ich vorsichtig. Als ich Felis Gesicht sah, wusste ich, dass das ein Fehler gewesen war.

"Du hast doch nicht wirklich meinen Geburtstag vergessen?"

Nun stand ich nicht wie ein Idiot da, sondern wie ein Schwein.

"Was? Ach nein, ich wollte nur sagen das es nicht besonders groß ist wenn jemand.."

"Siebzehn."

"..Siebzehn Jahre alt wird, genau!"

Siebzehn Jahre? Mein lieber Scholli, wie weit voraus wurde ich denn in meine Geschichte geworfen? So weit ich mich erinnern konnte war Feli am Anfang des schreibens weit davon entfernt so alt zu sein.

Felitzta verschränkte eingeschnappt die Arme. Klasse, gerade erst getroffen und schon verkracht.

"Wenn du schon so anfängst wirst du bestimmt nicht kommen können. Weißt du, das ist echt nicht fair."

"Hey ganz ruhig, das hab ich doch gar nicht gesagt. Ich bin nur etwas...verwirrt heute. Wenig Schlaf und so."

Felis Augenbrauen wanderten skeptisch nach oben.

"Ach?"

Sie schien mir offenbar nicht wirklich glauben zu wollen. War ich denn wirklich ein so schlechter Lügner? Himmel!

"Ja, 'Ach'. Nun lass uns endlich da rein gehen. Heut ist es ziemlich kalt draußen, findest du nicht auch?"

Im ablenken hatte ich noch nie versagt, und auch dieses mal klappte es hervorragend. Feli schien sich ohnehin viel zu sehr von den Kleidern angezogen zu fühlen, um mir noch weiter Beachtung schenken zu können. Wie ein Experte huschte sie von einem Kleiderständer zum anderen und zog hier und da ein Stoffteil heraus, offenbar auf der Suche nach etwas bestimmten. Das gab mir genügent Zeit um nachzudenken. Felizita hatte also bald Geburtstag, was bedeutete, dass ich wohl bald ihr Haus zu sehen bekam und feiern durfte. Das war vielleicht etwas, worauf man sich freuen konnte.

Wie schön es nur gewesen wäre, hätte ich Felitzita alles erzählen können. Es war einfach so verdammt schwer mit so vielen neuen Dingen auf einmal zurechtzukommen, ohne das jemand bemerkte das etwas mit mir nicht stimmte. Auch fragte ich mich, wie lang ich die Fassade der Selbstverständlichkeit aufrecht erhalten konnte. Wie lang würde es dauern, bis sich mein Verstand vollkommen von meiner alten Realität gelöst hatte?

Das schnipsende paar Finger vor meinen Augen erinnerte mich wieder daran, wie eine Statur mitten im Geschäft zu stehen. Lächelnd bekundete ich mein Interesse, als mir Felizita stolz ein weinrotes Kleid vor die Nase hielt. Es war ungefähr knielang und recht raffiniert geschnitten, trotzdem interessierte ich mich nicht wirklich dafür. Natürlich hätte ich ihr das nie gesagt, Gott bewahre.

"Und? Was hälst du davon?"

"Schön, wirklich." Ich gab mir wirklich die größte Mühe.

Felis eingeschnapptes Gesicht kam hinter dem Kleid hervor.

"Echt? Nur schön? Das ist das Kleid einer Königin!"

Seit wann übertrieb sie so?

"Klar, natürlich. Kaufst du es dir?"

Beeile dich, ich fühl mich so unwohl zwischen den ganzen feinen Pinkeln.

"Weiß nicht, muss mal schauen ob ich das Geld zusammen bekomme."

Feli klang so besorgt als hätte sie eine wichtige Operation bezahlen müssen.

"Soll das ein Witz sein? Dein Vater ist berühmt, er hat haufen Kohle!"

Offenbar nahm meine Freundin diesen Satz nicht so gut auf wie ich gehofft hatte. Aus schmalen Augen blinzelte sie mich an wie ein angriffslustiger Tiger.

"Deiner auch, und? Schwimmst du deshalb in Luxussachen?"

Moment, was hieß hier deiner auch? Was sollte das denn bedeuten! Mir lief es eiskalt den Rüchen herunter.

"Nein ist er nicht."

Meine kühle Antwort schien Feli etwas aus er Bahn zu werfen. Mehrmals blinzelte sie mich an, so als hätte sie meine Worte nicht verstanden.

"Natürlich ist er berühmt und hat viel Geld. Schau dir doch mal seine Anzü.."

"Darum geht es überhaupt nicht!"

Ich musste tief durchatmen um mich zu beruhigen. Warum machte mich das alles nur so wütend?

"Er ist nicht mein Vater. Basta, Ende, aus. Ich will davon nichts hören."

Felizita sah aus, als hätte ich sie geohrfeigt. Stumm, aber mit gerunzelter Stirn hing sie das Kleid zurück und zupfte sich imaginäre Fussel von ihrem Parker.

"Fein, reden wir eben nicht darüber. Wahrscheinlich bekommst du eh alles was du willst."

"Denkst du das, ja?"

"Wenn ich es nicht denken würde hätte ich es nicht gesagt. Und ich dachte du wärst die schlaue von uns beiden."

Das wurde mir eindeutig zu bunt. Ich wollte mich nicht streiten, doch dieses Dickköpfige Mädchen schien es so zu wollen.

"Im Moment bin ich das auch wohl. Hör zu, ich will mich nicht mit dir streiten Felizita, ich.."

"Seit wann nennst du mich Felizita?"

Plötzlich klang ihre Stimme messerscharf und absolut misstrauisch. Ich traute mich nicht in ihre Augen zu schauen, weil ich wohl zu ahnen schien, dass ich in ein weiteres, großes Fettnäpchen getreten war.

"Ist das nicht dein Name?"

Feli trat kopfschüttelnt einen Schritt zurück. Sie sah nicht mehr wütend aus, sondern nur noch traurig.

"Was ist nur mit dir los? Wir hatten eine Abmachung, du hast mir hoch und heilig versprochen das du mich nie mit vollen Namen ansprechen wirst ,weil ich ihn nicht ausstehen kann. Auch das hast du vergessen? Wie haben doch so lang darüber geredet!"

Voller Horror starrte ich in das blasse Gesicht meiner Freundin, zumindest hoffte ich das sie das konnte ihren Groll verstehen, und doch fühlte ich mich vollkommen machtlos.

Du hast es vermasselt, schoss es mir in aller schnelle durch den Kopf. Du hast eine verdammte Aufgabe und du versagst. Bravo, wer auch immer du bist. Eliza bist du nicht, schau dir doch deine Freundin an, wie sie sich von dir Abwendet weil sie kein Vertrauen mehr in dich hat. Eliza hätte sich nie so verhalten. Bravo.

Je länger Feli keine Antwort bekam, desto trauriger wurde ihr Blick. Schon ein kleiner Fehler schien für sie zu viel zu sein. Offentsichtlich hatte ich andere Größenvorstellungen als sie.

Mein Magen verkrampfte sich schmerzhaft, als Feli einen weiteren Schritt zurückging, während ich einfach nicht in der Lage war etwas zu sagen, um die Situation aufzuklären.

"Melde dich bei mir, wenn du wieder klar im Kopf bist Eliza."

Der grüne Parka schlug ihr um die Beine, als sich Felizita mit Schwung umdrehte und aus dem Laden verschwand.

Wie versteinert stand ich mitten im Laden und starrte auf die Stelle, an der Feli verschwunden war. Es war nicht zu fassen wie dumm ich war, doch war es wirklich meine Schuld, dass ich etwas tat von dem ich dachte es sei richtig, einfach weil ich es nicht besser wusste? Ich gab mir gleich selbst die Antwort auf diese Frage. Ja, es war meine Schuld, schließlich hätte ich mich vor dem Zusammentreffen mit Feli vorbereiten, oder vielleicht sogar Sherlock fragen können. Schließlich wusste er doch alles, oder nicht? Ja, genau so war es. Ein wenig hatte er auch Schuld an der Situation, war doch klar!

"Entschuldigung, kann ich Ihnen irgendwie helfen?"

Eine junge Frau , offenbar eine Verkäuferin, mit aufdringlichen Parfum und Goldkettchen stand plötzlich hinter mir und starrte mich mit neugierigen Blick an. Mit einem Satz wirbelte ich herum, wütend.

"NIEMAND kann mir helfen!"

Mit großen Schritten und knallender Tür verließ ich den Laden, ohne auf das geschockte Gesicht der Verkäuferin zu achten.

Mein wütender Gang führte mich noch ein Stück an dem Gehweg entlang, bis mir auffiel, dass ich überhaupt nicht wusste wo ich war. Kopfschmerzen fingen an sich zu bilden, als ich mich orientierungslos um meine eigene Achse drehte, um etwas finden zu können, das sich als Anhaltspunkt gebrauchen ließ. Je mehr ich es versuchte, desto weniger konnte ich mich an den Weg erinnern, der Feli und mich zu diesen Geschäft geführt hatte.

Als ein großes Plakat meine Aufmerksamkeit auf sich zog, dachte ich schon einmal daran vorbei gelaufen zu sein und lief schnurstracks den Weg entlang, vorbei an der Werbung und einem Blumenladen, an dem eine dickliche Frau mit einem noch dickeren Kind stand. Moment, Blumenladen? War da vorhin auch schon einer? Hatte ich ihn übersehen, oder war das der falsche Weg? Panik breitete sich in mir aus wie Gift, als ich einen anderen Weg einschlug und dann wieder einen anderen, der Blick ständig hin und her wandernt. Schweiß bildete sich auf meiner Stirn, zusammen mit der kindlichen Angst nie mehr nach hause zurückzufinden. Mein Verstand hüllte sich in Nervösität und Rage.

Ein junger Mann kreuzte meinen Weg, der kurz darauf eine handvoll Zigaretten im Gesicht hatte.

"Hier nimm sie, alle frei haus!", brüllte ich dem Mann hinterher, der schlagartig die Flucht ergriffen hatte.

Im Nachhinein kann ich schon sagen, dass ich in dieser Stunde nicht mehr bei klaren Verstand war. Ich handelte außerhalb meiner gewohnten Norm und ließ mich von Gefühlen leiten, die vorher an mich abgeprallt wären. Noch heute stelle ich mir die Frage, ob meine damalige Veränderung Schäden an mir hinterlasse hatte, die ich erst viel später bemerkte.

Der Bettler schien sich zu freuen, als er seine Tasse mit Zigaretten gefüllt bekam, auch wenn die Hälfte davon an- oder zerbrochen war. Ich hatte nur noch zwei Dinge im Kopf. Das Zeug loswerden, und nach hause finden. Das erste war vollbracht, das zweite schien unmöglich zu sein. Ich war gefangen im großen, vollen London.

Erst viel später bemerkte ich das Handy, das sich in meiner Jackentasche befand. Ich war so fertig, dass ich sogar vergessen hatte es mitgenommen zu haben. Zu meiner linken befand sich ein Restaurant, als ich endlich stehen blieb und das Handy aus der Tasche zog. Hoffentlich hatte dieses Ding Geld drauf, oder vielleicht einen Vertrag. Völlig egal, hauptsache es funktionierte. Ich durchsuchte mein Telefonbuch und fand eine ganze Menge Nummern mit Namen, die mir überhaupt nichts sagten. Unter anderem fand ich auch die der Sarah, von der ich schon etwas gehört hatte. Was nicht hieß, dass ich sie kannte. Direkt darunter stand die Nummer von Sherlock, die ich ohne weitere Überlegungen wählte. Wenn einer meine Orientierunslosigkeit verstand, dann er. Schon nach wenigen Sekunden ging er ran.

"Was ist?"

Seine Stimme klang gelangweilt. Beinahe, als hätte mit dem Anruf gerechnet.

"Mhh.. ja ich bin es, Eliza."

Ein lang gezogenes Stöhnen war zu hören.

"Darauf wäre ich nie gekommen, wenn auf meinem Display 'Eliza' steht. Was ist nun?"

Am liebsten hätte ich einfach wieder aufgelegt.

"Du musst mir helfen. Ich habe mich verlaufen und finde nicht mehr zurück."

Am anderen Ende der Leitung wurde es so still, dass ich dachte mit mir selbst geredet zu haben. Nach einer gefühlten Ewigkeit erklang zu meiner Erleichterung wieder die Stimme des Detektivs.

"Wo bist du?", fragte er knapp.

Zum Glück befand sich gleich in meiner Nähe ein Straßenschild.

"Äh..Fulham Road. Vor dem Golden Eat."

Wieder wurde es kurz still.

"Wie lang bist du schon unterwegs?"

War das denn jetzt so wichtig? Und überhaupt, war ich denn dazu verpflichtet ständig auf die Uhr zu schauen?

"Seit zwei Stunden ungefähr, keine Ahnung."

"Du dummes Kind. Bleib wo du bist, ich bin gleich da."