~Alles im Lot ohne Brot~
Anmerkung: Sorry für die längere Pause, aber jetzt gehts weiter ;) Wie immer gehört mir nichts außer Eliza und Feli.
Der Himmel wurde zunehmend dunkler und die Luft kälter, als ich wie ein ausgesetztes Hündchen vor dem warm beleuchteten Golden Eat stand und auf meine Eskortierung wartete. Raum und Zeit schiene an diesem Tag keine Roll zu spielen, die eisigen Temperaturen des Novembers unterstrichen perfekt meinen Unmut über diese Welt mit ihren Stolpersteinen und Schwierigkeiten, die nur für mich zu exsistieren schienen. Die Straße blieb stets dicht befahren und mit jedem Auto das vorbei fuhr ärgerte ich mich mehr über meine Dummheit. Es war nur logisch, das ich mir vorher hätte Gedanken machen sollen, bevor ich mich kopfüber in diese komplett neue Außenwelt stürzte, nur mit wagen Informationen im Kopf. Ein Stadtplan wäre hilfreich gewesen, oder vielleicht sogar ein Gespräch mit Sherlock um heraus zu finden, ob er etwa wusste, was mir für das Treffen mit Felizita nützen würde. Ich sträubte mich mit Haut und Haaren das Eckelpacket um Unterstützung zu bitten, doch leider Gottes war er der einzige, der von den Umständen wusste und daher frei reden konnte. Doch nun war das Kind in den Brunnen gefallen. Ich musste mich unbedingt wieder mit diesem Mädchen anfreunden. Für mich persönlich bedeutete sie noch nicht so viel, doch in dem Leben der Eliza spielte sie eine große Rolle, und ich trug die Verantwortung dafür alles in geregelten Bahnen zu führen um nicht einen riesigen Knick in der Geschichte zu verursachen. Ich wusste nicht genau warum, doch irgendwas sagte mir, das genau dieser Gedanke äußerst wichtig war.
Die Zeit verstrich ungewöhnlich langsam und meine Ungeduld schliff fast auf dem Boden. Sherlock ließ sich gewiss seine Zeit, viel zu sehr genoss er es mich meinen Fehler spüren zu lassen. Konnte ich es ihm übel nehmen? Mein gesunder Menschenvertand sagte nein, das vor Kälte zitternde etwas auf dem Bürgersteig sagte ja.
Gerade als eine kleine Gruppe Menschen lachend aus dem Restaurant trat, kam ein schwarzes Taxi um die Ecke gefahren, das genau vor meinen Füßen am Rand des Gehweges anhielt. Natürlich, wie hätte es auch anders sein können. Der super schlaue und wohlhabende Detektiv besaß kein Auto. Ich war mir nicht mal sicher ob er überhaupt einen Führerschein hatte. Die hintere Tür sprang auf und, dramatisch wie eh und je, trat Sherlock hinaus. Sein Blick hing sonst wo, als er sich völlig überflüssig vor mir aufbaute. Als hätte ich auch einen Mann übersehen können, der dutzend Köpfe größer war als ich.
"Wenn Madam dann einsteigen würde. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit."
Ich musste mir heftig auf die Innenseite meiner Wange beißen, um keine schnippische Antwort zu erwidern. So viele Wörter lagen mir auf der Zunge, die sich ihren Weg energisch aus meinen Mund bahnen wollten. Ich wollte zwar vielleicht Eliza sein, doch meine eigene Würde wollte ich mir schon bewahren. Die Würde der..., na der, der ich halt vorher war.
Mit der entsprechenden Haltung drückte ich mich an Sherlock vorbei und stieg durch die geöffnete Tür ins Taxi. Leicht trotzig rückte ich so auf dem Rücksitz so weit nach rechts, das sich die andere Tür gegen meine Seite drückte. Auf dem Gesicht des Fahrer prangte zweifellos ein Grinsen, als er seinen Rückspiegel neu einstellte. Wehe der lies auch nur einen Ton von sich.
Als dann auch endlich Sherlock einstieg, ging die Fahrt los. Den Sicherheitsabstand zwischen uns nahm er mit einem Augenrollen zur Kenntnis. Ich starrt stumm nach draußen, doch ich konnte seinen Seitenblick die ganze Zeit spüren. Er fraß sich regelrecht in meinen Mantel wie Säure.
"Und was haben wir heute daraus gelernt? Erst denken, dann handeln. Offenbar hast du es ja nicht nötig mit mir zu reden."
Ach, auf dieser Schiene kam er mir also.
"Du machst es mir auch nicht gerade leicht", antwortete ich schneller, als ich denken konnte.
"Bitte?"
"Ist doch wahr. Erst beschuldigst du mich für etwas, wofür ich überhaupt nichts kann und dann hast du mich heute Morgen vor John so auflaufen lassen, völlig ohne Grund. Wir kennen uns gerade erst und schon hasst du mich."
Die Worte ließen sich nicht mehr weiter aufhalten. Wie ein Wasserfall flossen sie aus meinem Mund und brachten Erleichterung und Klarheit. Sherlock sah mich kurz an und blickte darauf hin stur auf die Rückseite des Vordersitzes.
"Zu aller erst, ich hasse dich nicht. Und zweitens habe ich dich nicht 'auflaufen' lassen. Wie du offenbar vergessen hast Eliza müssen wir uns genau so verhalten, wie es die anderen Personen um uns herum gewöhnt sind. Und wenn ich zu John sagte, dass du dich in der Nacht im Internet herum getrieben hast, dann liegt das daran, dass du das so gut wie immer tust. Ich habe die quasi sogar eine kleine Starthilfe gegeben."
"Starthilfe?! Das erste was du in dieser Welt für mich getan hast war mich in Schwierigkeiten zu bringen Sherlock!"
"Sicher, weil du das ständig fertig bekommst, dich in Schwierigkeiten bringen. Johns Reaktionen liegen nicht in meinem Ermessen. Wichtig ist, das DU dich genau so verhälst wie.."
Genau in dieser Sekunde schien er bemerkt zu haben, das es noch eine weitere Person im Auto gab. Klasse Detektiv, echt.
"Eliza", fügte Sherlock im Flüsterton hinzu. Etwas zu spät meiner Meinung nach.
"Du könntest wenigstens netter zu mir sein."
Eisblaue Augen trafen auf grüne.
"Ich dachte du würdest mich kennen?"
Das war alles, was zu diesem Punkt gesagt wurde. Ich begann unruhig auf meinem Platz hin und her zu rutschen. Nach mehrmaligen Überlegungen ergab das, was Sherlock gesagt hatte tatsächlich Sinn. Er hatte genau richtig gehandelt. Er hatte weitergemacht, ohne sich die Veränderungen anmerken zu lassen, nur ich hatte überhaupt keinen Plan was vor sich ging. Das führte mich zu dem Entschluss, das meine kleine Racheaktion unbegründet war. Ich würde nicht nur Ärger bekommen, sondern auch noch total lächerlich dastehen. Das klügste wäre wohl gewesen, Sherlock sofort die Sache mit den Zigaretten zu beichten. Trotzdem hielt ich meinen Mund und hoffte auf das beste.
In der Wohnung war es komplett still, als wir schweigend die letzten Stufen im Hausflur hinauf liefen. Sherlock zog Mantel und Schal aus und schmiss sie lässig gegen die Innenseite der Tür, in der Hoffnung das die Kleidungsstücke an den Hacken hängen bleiben würden, der dort angebracht war. Sehr zu meinem Missfallen gelang dem Angeber das auch. Ich wollte sogleich in mein Zimmer, doch die plötzlichen Hände auf meinen Schultern hinderten mich daran.
"Hey, was.."
"Setzen."
Unsanft wurde ich von Sherlock in einen der Sessel gedrückt. Er machte sich in der Küche zu schaffen, worauf kurze Zeit später eine dampfende Tasse mit heißem Tee erschien.
"Trink das, du bist ganz kalt."
Wortlos nahm ich die Tasse entgegen und musste mich doch wundern. Ob das die Briten so an sich hatten? Immer eine Tasse Tee parat, für jede Lebenslage. Sherlock verschwand kurz in dem hinteren Zimmer der Wohnung, sein Schlafzimmer, und kam kurz darauf mit einem großen zusammengefalteten Blatt Papier und einem kleinen, schwarzen Buch zurück. Ich wusste nicht was ich tun sollte, als mir beide Gegenstände in den Schoß geschmissen wurden.
"John ist in der Klinik, das heißt wir haben genug Zeit dafür", sagte Sherlock, während er sich in seinen Sessel setzte. Ungeduldig über meine fehlenden Regungen schnappte er mir das Papier wieder aus den Händen.
"Das ist ein Stadtplan von London. Ich habe dir alle für dich wichtigen Plätze markiert, ebenso den Weg zur Schule und die Bushaltestelle."
Er entfaltete das Papier und hielt es vor mir in die Luft. Zu sehen war ein kompliziertes Netz aus Straßen und Punkten für Gebäude und Sehenswürdigkeiten. Und tatsächlich waren hier und da rote Markierungen zu sehen, deren Standpunkte ich mir von nun an wohl gut merken musste. Wie versprochen war auch eine ganze Straße markiert, die bis zur Paddington Academy führte.
"Häng sie dir in dein Zimmer, damit du dir alles gut einprägen kannst. Das mach ich auch immer so."
"Und was ist wenn John ihn sieht?"
Sherlock rollte mit den Augen.
"Das wird nicht weiter schlimm sein. Eliza ist im Allgemeinen immer etwas zerstreut", antwortete er spitz. Er legte die Karte zusammen und schmiss sie auf mich.
"Ich habe Hände, weißt du?"
"Zu langsam."
Sherlock ließ sich zu einem Grinsen herab, als er mein eingeschnapptes Gesicht sah. Ich musste ganz klar an dem Fakt arbeiten, dass ich meine Gefühlte immer offen auf dem Gesicht trug. Plötzlich wurde er wieder ernster.
"Das Buch was du da hast darfst du unter keinen Umständen verlieren. Es enthält Informationen über dich, die ich gleich nach deiner Ankunft aufgeschrieben hatte. Basisdaten, aber auch kleine Informationen zu deinen Freunden. Du hast übrigens nur zwei, Glückwunsch dazu. Ich dachte mir, das es nützlich wäre, nachdem ich deine Zerstreutheit gesehen hatte Eliza. Das ist alles was ich dir soweit geben kann. Ich gehen davon aus, das du dich zu sehr von deinen Gefühlen leiten lässt um zu wissen was du in deinem neuen Leben tun musst."
Damit hatte er wohl den Nagel auf dem Kopf getroffen. Ich war überrascht und auch ein wenig gerührt darüber, dass mir Sherlock trotz allerdem seine Hilfe anbot und sogar schon im Voraus dafür etwas getan hatte, obwohl er seinen Zorn mir gegenüber nur wenige Stunden zuvor zum Ausdruck gebracht hatte. Ungläubig starrte ich auf die Karte und auf das Buch.
"Wann hast du das alles gemacht?"
"Ich hatte eine lange Nacht. Ich schlafe nicht gern, das ist langweilig."
Mit diesen Worten sprang Sherlock auf und lief zurück in die Küche, um irgendwas seltsames auf dem Tisch vorzubereiten. Das Gespräch schien für ihn wohl beendet zu sein. Hastig trank ich meinen, jetzt nicht mehr so heißen, Tee und brachte die leere Tasse zurück in die Küche, Karte und Buch fest unter meinen Arm geklemmt. Sherlock ignorierte mich, doch kurz bevor ich in mein Zimmer laufen konnte, rief er mich zurück. Ich erstarrte auf der Stelle. Ob er seine Zigaretten doch schon vermisste?
"Eine Sache noch Eliza. Wenn du das nächste mal unüberlegt durch die Stadt rennst kannst du nach hause trampen"
In meinem Zimmer angekommen legte ich die Karte und das Buch behutsam auf das Bett, bevor ich mich selbst im Schneidersitz drauf setzte. Die Karte legte ich erst einmal zur Seite, bis sich ein Stück Klebeband anfand, mit dem ich sie an der Wand befestigen konnte. Viel zu neugierig war ich darauf zu erfahren, was Sherlock in das Buch geschrieben hatte. Noch immer musste ich mich über seine Mühe wundern. Vielleicht, aber auch nur vielleicht steckte in diesem Mann mehr, als ich wusste und vor allem vermutete. Wer wusste schon was in dem Kopf von Sherlock Holmes vor sich ging? Wahrscheinlich nicht mal seine eigenen Eltern. Langsam öffnete ich das schwarze Buch und begann sogleich die ersten Stichpunkte zu lesen, die in enger und eleganter Schrift festgehalten wurden.
Name: Eliza (Elizabeth) Holmes
Alter: 16
Größe: 1.58 m
- seit einem Jahr in meiner Obhut (mit 'meiner' war sicher Sherlock selbst gemeint), John ist als Ersatzerziehungsberechtigter einschrieben (ich wusste nicht einmal das es sowas gab)
- aus Deutschland ausgewandert, Eltern höchstwahrscheinlich tot, ursprünglicher Name Elisabeth Merla (Dazu stand in unordentlicher Schrift geschrieben 'Umstände noch nicht ganz klar, ich arbeite daran' wie nett.)
Schule: Paddington Station, 11. Klasse
Gesundheitlicher Zustand: so weit normal
Freunde:
Felizita Owen (16 Jahre, Vater ist berühmter Sänger, Mutter verstorben, wohnhaft in der Edgware Road)
Ganz ehrlich, was interessierten mich die Berufe der Eltern meiner Freunde?
Eigenschaften: auffällige Abhängigkeit von elekronischen Geräten (Was sollte das denn heißen, dass ich mich wie ein Höhlenmensch benehmen sollte?), ausgeprägter Hang zur Flucht, launisch, wortreich, emotional, zu neugierig (machte er auch mal einen Punkt?)
Vorlieben: Bücher, Musik, Unternehmungen (wirklich kreativ war das aber nicht)
-verträgt sich nicht mit Mycroft, ungesundes Verhältniss zu Inspector Lestrade
-Weitere Informationen folgen-
Das war alles, was momentan in dem Buch stand. Wirklich viele Informationen waren das nicht gerade, doch immerhin wusste ich jetzt das ich gesund war und außerdem noch ziemlich klein. Doch über eine Sache musste ich stutzen. Ungesunde Beziehnung zu Lestrade? Was hatte das nun schon wieder zu bedeuten? Sonst hatte Sherlock alles ordentlich und leicht zu verstehen aufgeschrieben, doch dieser eine Punkt trieb mich augenblicklich zur Verzweiflung, weil ich ihn nicht verstand. Mit einem Satz sprang ich vom Bett und marschierte zum Flur hinaus, um Sherlock zur Rede zu stellen. Doch kurz bevor ich das Wohnzimmer erreichen konnte, drang eine Stimme an mein Ohr, die mich augenblicklich erstarren ließ. Natürlich, wie konnte es auch anders kommen. Wenn man vom Teufel sprach.
Lestrade stand im Wohnzimmer und rückte seine Jacke zurecht, während er beobachtete wie sich Sherlock seinen Mantel überwarf. So wie es von der Freude auf seinem Gesicht abzulesen war, war der Inspektor mit einem neuen Fall gekommen, für den er die Hilfe des Detektivs benötigte.
"...wirklich seltsam. Drei Hälse, furchtbar sauber abgeschnitten vom Rest des Körpers. Was soll das bloß bedeuten?"
Lestrade sprach offen über den Fall, ohne zu bemerken wer hinter ihm stand. Anders als Sherlock, der dem Inspektor eine ausgestreckte Hand hinhielt, als er mich sah.
"Nicht jetzt Georg.."
"Greg! Wie oft noch, ich heiße..oh hallo Eliza."
Er drehte sich zu mir um, als er Sherlocks Geste verstanden hatte. Er grinste einseitig und erwartete offenbar von mir eine Reaktion, von der ich keine Ahnung hatte wie sie aussehen sollte. Stattdessen sagte ich das erste, was mir spontan einfiel.
"Interessanter Name 'Oh hallo Eliza'. Ihre Eltern müssen sie gehasst haben."
Während Lestrade trocken lachte, schenkte mir Sherlock von hinten einen amüsierten Blick.
"Wirklich witzig Kleine. Wenn du uns jetzt entschuldigen würdest."
Viel mehr sagte er nicht, bevor er mit großen Schritten an mir vorbei ging und die Stufen im Treppenhaus hinunter donnerte. Sherlock folgte ihm sogleich mit wehenden Mantel und ließ mich im Regen stehen. Hastig rannte ich hinterher und erwischte ihn gerade noch so an der Eingangstür.
"Sherlock! Warte, du kannst mich doch nicht einfach so allein lassen!"
Der Detektiv drehte sich genervt um.
"Du bist groß genug. Auf dem Küchentisch liegt Geld, bestell dir was zu essen."
Mit diesen Worten verschwand er nach draußen und knallte die Tür hinter sich zu.
Für mehrere Sekunden stand ich einfach nur auf der untersten Stufe im Treppenhaus und blinzelte ins Halbdunkel. Nur langsam realisierte ich, das ich nun ganz allein in der Wohnung war und vermutlich bis zum späten Abend Zeit hatte um alles zu erkunden, bis John von der Klinik nach hause kam. Mit Sherlock war im besten Fall nicht vor dem Morgengrauen zu rechnen. Wenn er einen interessanten Fall gefunden hatte, biss er sich daran fest wie ein hungriger Hund.
Langsam schlich ich die Stufen hinauf zur Wohnung. So ganz allein war es doch recht seltsam in den Räumen zu sein, wenn nicht gerade gruselig. Es fühlte sich an, als hätte man mir ein exklusives Ticket zu einem tollen Filmset geschenkt, das ich jetzt nach herzenslust erkunden durfte.
Es war beireits so dunkel, dass ich die Lampe anknipsen musste, um etwas sehen zu können. Während sich meine Augen langsam an das dunkelgelbe Lichtgewöhnten, dass die Stehlampe seitlich neben der Couch abwarf, überlegte ich mir wie ich die Zeit sinnvoll nutzen konnte. Doch wie es nun mal so war, je mehr man sich anstrengte desto weniger fiel einem ein. Ich fand die Fernbedinung zum Fernseher, der recht versteckt in dem Zimmer plaziert war und schaltete ihn ein. Die Nachrichten waren genau so langweilig, wie sie in meiner alten Welt auch waren. Der Politiker xy hat entschieden...die Papageien im Tierpark bekommen Nachwuchs...Steuern werden erhöht, und immer so weiter. Gelangweilt schmiss ich mich auf Sherlocks Sessel, nur um kurz darauf aufzuheulen wie ein angeschossener Hund. Der Sessel stand zwar im perfekten Winkel zum Ferseher, war aber tierisch unbequem. Kein Wunder also, dass sich Sherlock meistens auf die Rückenlehne setzte. Während ich mir den Rücken rieb, vibrierte es plötzlich in meiner Hosentasche. Ich zog mein Hand herraus und staunte nicht schlecht, als ich die Nachricht sah, die soeben angekommen war. Sie war von Felizita.
'Ich weiß ja nicht wie du jetzt über uns denkst, doch ich muss dich daran erinnern das wir immer noch nächste Woche den Vortrag in der Schule halten müssen. Wollen wir reden?'
Sie hatte nicht geschrieben von wem die Nachricht war, was auch absolut unnötig gewesen wäre. Seufzend knipste ich den Fernseher wieder aus und dachte nach. Hatte die Nachricht etwa zu bedeuten, dass mir Feli nicht mehr allzu sauer war? Es war zu hoffen, trotzdem musste ich mich noch bei ihr für die blöden Reaktionen entschuldigen. Ohne ein weiteres mal darüber nachzudenken schrieb ich ihr zurück.
'Gern, du kannst zu mir kommen, wenn du willst. Ich bin allein.'
Bis ihre Nachricht kam, verging fast eine Minute.
'Bist du sicher?'
Dachte sie etwa, dass ich diejenige war die sauer sein musste?
'Klar, warum nicht?', schrieb ich ihn schnell zurück um keinen Raum für Zweifel zu lassen.
'Egal, ich bin gleich da.'
Wer hätte gedacht, dass der eigentlich ruhige Abend so verlaufen würde? Felizita nahm sich nicht gerade viel Zeit um unten an der Haustür zu stehen. Ihre grasgrünen Augen schimmerten besorgt im Angesicht der Straßenlaterne, die hinter ihr leuchtete. Wieder in dunkelgelb, was für meine Augen gar nicht gut war. Leichte Kopfschmerzen fingen an sich zu bilden, als ich meine Freundin begrüßte und einen Schritt zur Seite trat, um sie ins Haus zu lassen. In der Wohnung angekommen knöpfte sie langsam ihren Parka auf und schaute sich mit tellergroßen Augen um. Es schien, als würde sie diese Wohnung zum ersten mal sehen, was mir aber recht unwahrscheinlich vorkam. Schließlich war sie meine beste Freundin und Freunde lud man auch mal bei sich zuhause ein, oder nicht?
Mit ungutem Gefühl stand ich vor ihr und scharte mit einem Fuß. Es kam viel zu unerwartet Felizita so schnell nach dem Streit wieder zu sehen. Eigentlich wollte ich die Zeit nutzen, um darüber nachzudenken was ich ihr das nächste mal sagen würde. Ich war schon immer furchtbar schlecht im entschuldigen.
"Ich glaube, wir müssen uns beide entschuldigen, oder?"
Dieser unerwartete Satz wirbelte meine Gedanken ein wenig durcheinander. Sie machte es mir wirklich einfach. Zu einfach?
"Ja, denke schon. Tut mir leid für eher...Feli. Ich bin heute etwas durcheinander."
Ein kleines Lächeln schlich sich auf die Lippen des Mädchens, das sich in ein riesiges Grinsen verwandelte, als sie die roten Flecken auf meinen Wangen sah.
"Mir tut es auch leid, der Streit war unnötig. Kein Grund gleich schüchtern zu werden El, so kenn ich dich ja gar nicht."
Ich zuckte mit den Schultern.
"War eben heute ein langer Tag für mich. Also Friede, Freude, Eierkuchen?"
"Klar, aber nur mit Schlagsahne. Hast du was zu essen? Ich sterbe fast vor Hunger."
Die unverblümte Art des Mädchens gefiel mir sehr, auch wenn ich nicht gerade sagen konnte warum. Bei jeden anderen Menschen störte mich so etwas bisher gewaltig, nur nicht bei ihr. Mit einem Grinsen ging ich in die Küche, Feli dicht hinter mir.
Was war die wichtigste Regel überhaupt im hause Holmes? Genau, reiße nie unüberlegt die Kühlschranktür auf. Ich stand dicht hinter Felizita, die sich mit vollkommen weißen Gesicht über die Toilettenschüssel beugte und Dinge zum Vorschein brachte, von denen ich gar nicht wissen wollte was sie einmal gewesen waren.
"Augen! *hust, hust* Nicht mal Brot! Seid ihr verdammte Kannibalen?"
Diese Frage hätte ich wahrscheinlich auch gestellt, wenn ich im Kühlschrank meiner Freundin Leichenteile gefunden hätte. Ich hatte Feli wohl offensichtlich noch nicht erzählt, dass es Sherlocks Eigenart war mit diesen...Dingen zu experimentieren. Kein Wunder also, dass sie so verstört war. Wer wäre das nicht?
Ich wartete, bis sie sich ein weites mal übergab, damit sie die Antwort auch hören konnte.
"Natürlich nicht! Sherlock spielt immer mit diesen Teilen herum!"
"WAS?!"
Ups, unglückliche Wortwahl.
"Er experimentiert meine ich. Er..."
"Schon gut...", unterbrach mich Feli hustend. "Mir egal, ich werde nie wieder was essen, was aus eurer Küche kommt!"
Wer konnte ihr das nur verübeln? Jetzt wusste ich auch, warum mir Sherlock Geld da gelassen hatte damit ich mir etwas bestellen konnte. Ach ja, klar! Glückwunsch Eliza, dass du das vergessen hattest.
Feli sah aus, als wollte sie mir an die Gurgel springen, als wie ein paar Minten später wieder im Wohnzimmer waren und ich ihr das Geld und die Broschüre vom Pizzaservice vor die Nase hielt.
"Das hast du doch mit Absicht gemacht!", schimpfte sie halbherzig, doch ihre Augen strahlten bei den Gedanken an Pizza. Ich wunderte mich, wie spät es wohl schon war.
"Wann musst du eigentlich zuhause sein?", fragte ich deshalb.
Feli zog ihre Augenbrauen in die Höhe. Sie sahen verdächtig gezupft aus.
"Ich kann mir heute Zeit lassen. Mein Vater ist das Wochenende über nicht da und Robbie, der eigentlich auf mich achten soll, liegt schon seit Stunden vor dem Fernseher und schläft", antwortete sie missmutig.
"Also hast du dich weg geschlichen?"
Feli klang nun noch missmutiger.
"So zu sagen. Hab aber für den Notfall ein paar Kissen unter meine Bettdecke gelegt, falls Robbie doch aufwachen und nach mir schauen sollte."
Ich konnte mir ein kleines Lachen nicht verkneifen. Kissen unter der Bettdecke, so was tat man doch nur in Trickfilmen, wo die Eltern eh dumm wie Stroh waren. Vielleicht hatte sie auch noch einen angemalten Fußball auf das Kopfkissen gelegt? Zu komisch.
"Das ist aber ganz schön gewagt."
"Mag sein. Können wir endlich bestellen? So sehr hab ich die Zeit nun doch nicht mit dem Löffel gefressen."
"Ach, ich hab dir doch nicht etwa ein schlechtes Gewissen gemacht?"
"Lass mich doch."
Einen kurzen Anruf später wurde auch schon die Pizza gebracht und Feli fing endlich mit dem Thema an, dass sie in der ersten Nachricht erwähnt hatte. Mit wurde eiskalt und kochend heiß gleichzeitig, als sie meinte, dass wie beide in der nächsten Woche einen Vortrag vor dutzenden Schülern halten mussten. Wie sollten einen wichtigen Beitrag über Auswanderer und Immigranten präsentieren, was Teil einer großen Veranstaltung werden sollte. Ich kam mir vor wie im falschen Film. Warum gerade ich? Vor Feli musste ich natürlich so tun als wüsste ich schon lang von dieser Veranstaltung, schließlich wurde ich extra wegen meinen guten Fremdsprachenkenntnissen ausgewählt. Oh ha, da kam eine Menge auf mich zu. Welche Sprachen ich wohl beherrschte? Ich kannte nicht einmal die Schule und wurde schon mit solch einer wichtigen Aufgabe betreut. Das konnte heiter werden.
"Also erst kommt die Eröffnung, dann ein paar Worte von uns auf deutsch, ich mach einen Witz auf walisisch und dann sagst du noch irgendwas auf französisch und russisch", nuschelte Feli zwischen zwei großen Happen Pizza. Ich musste aufpassen, das ich auch noch was ab bekam. Zumindest wurde meine Frage geklärt. Ob ich wirklich drei Fremdsprachen beherrschte? Das war sowohl gruselig als auch faszinierend. Es gab ja noch so viele Dinge, die ich noch über mich lernen musste.
"Da."
"Wo?"
"Das heißt 'ja' auf russisch."
"Klar, das wusste ich doch."
Sicher, angeben machte ja so viel Spaß!
"Ich glaube, ich lerne noch japanisch dazu", neckte ich zwinkernd. Feli legte ihre Stirn in Falten.
"Das gruselige daran ist, dass ich dir das wirklich zutraue Eli. Lass uns Montag oder so an dem Vortrag arbeiten, mir drückt etwas der Schuh", antwortete sie und blickte vorsichtig auf ihre Armbanduhr. Genau in diesem Moment klingelte ein Handy, dass nicht mir gehörte. Trotzdem sprang ich vor Schreck in die Höhe und Feli wurde leichenblass. Schnell ging sie an ihr Handy ran.
"Ja? Nein tut mir leid...nichts passiert...warte!...Das brauchst du nicht!...Aber ich... Ok, bis gleich."
Als Feli auflegte, überkam mich sofort das Verlangen sie zu umarmen. Sie sah furchtbar aus, noch viel blasser als zuvor.
"Ich muss los, dass war Robbie", sagte sie hastig. "Wenn ich mich nicht beeile häutet er mich, erzählt es meinen Vater und der häutet mich dann ein zweites mal!"
"Verstehe, bekommst du großen Ärger?"
"Wie hört sich häuten für dich an? Ich muss echt los, wir sehen und hören uns!"
In aller Eile schluckte Feli das letzte Stück Pizza herunter, schmiss sich ihren Parka über und rannte so schnell die Stufen im Hausflur herunter, das sie Gefahr lief zu fallen. Ich lief ihr nach, doch bevor ich sie einholen konnte war sie auch schon verschwunden.
Nun war ich zwar wieder allein, doch wenigstens vertrugen wir uns wieder. Und das war doch das wichtigste.
