~Der Schütze in der Wohnung~
Anmerkung: Es bleibt alles beim alten^^ Außerdem habe ich noch immer keine Beta Leserin, bzw. Leser. Daher verzeiht mir mögliche Fehler :)
"Und schalten sie auch morgen wieder ein, wenn es heißt.."
"Eliza! ELIZA!"
Was für ein seltsames Programm nur heut zu tage im Fernsehen lief! Langsam öffnete ich die Augen, die zu meiner Überraschung schwer waren wie Wackersteine. Das plötzliche Stechen im Rücken ließ mich aufkeuchen, noch bevor ich merkte in was für einer Position ich mich befand. Völlig verkrampft lag ich quer über Sherlocks Sessel, Beine und Kopf seitlich herunter hängend. Und anstatt dem freundlichen Wettermann schaute von oben ein nicht ganz so freundlicher John Watson.
"Weißt du denn nicht wie spät es ist? Sag mir nicht du hättest auf mich gewartet", meckerte er drauf los, ohne mir die Chance zu geben mich zu sammeln oder richtig wach zu werden. Mit schwummrigen Kopfschmerzen richtete ich mich langsam auf.
"Nein, bin eingeschlafen."
Das unangenehme Pochen hinter meinen Augen wurde immer stärker und bevor ich etwas anderes unternehmen konnte als sie zu zu kneifen spürte ich zwei starke Hände, die sich fest um meine Oberarme schlossen. Mit besorgten Gesichtsausdruck begab sich John in meine Augenhöhe.
"Du siehst gar nicht gut aus. Komm, ich bring dich ins Bett."
Ich kann mich bis heute nicht erinnern, wie ich es in dieser Nacht in das Bett geschafft hatte und, was noch viel peinlicher war, wie es möglich sein konnte, dass ich am nächsten Morgen in meinen Schlafsachen aufwachte. Genauer betrachtet wollte ich auch gar nicht weiter darüber nachdenken, vielleicht war es besser so. Einfach meines Friedens Willen.
Die Sonnenstrahlen des frühen Morgens bahnten sich nur schwer durch die dicken Vorhänge, die wie Kartoffelsäcke an den Fenstern meines Zimmers hangen. Mal ernsthaft, wer hatte die denn ausgesucht? Hoffentlich war ich es nicht selbst, denn wie ich schon heraus stellen durfte besaß Eliza einen leicht seltsamen Geschmack. Das Kleid vom Vortag hing fein säuberlich über dem Stuhl, der seitlich an dem Schreibtisch stand. Da hatte ich es ganz sicher nicht hingelegt, ebenso wenig wie die Packung Aspirin, die zusammen mit einem Glas voll Wasser auf meinem Nachttisch standen. Der gute alte Doktor hatte mich also nicht vergessen. Schon wenige Sekunden nach dem Aufwachen bemerkte ich, dass sich das Aspirin als sehr sinnvoll heraus stellen sollte. Eine Tablette später schlürfte ich in Schlafsachen und Bademantel den Flur entlang, ständig mit dem Gefühl im Nacken jeden Moment brechen zu müssen. Ich wurde ganz klar krank, wenn ich es nicht sogar schon war. Vielleicht hatte die plötzliche Veränderung und der Stress doch Spuren hinterlassen?
Ob Sherlock wohl wieder daheim war? Angestrengt blinzelte ich gegen das Tageslicht, das durch die Fenster im Wohnzimmer fiel. Der Himmel war wolkenlos und wenn man es nicht besser gewusste hätte, hätte angenommen werden können, dass es draußen ziemlich warm war. Mir war warm, doch das hatte wohl andere Ursachen. Gerade als ich wieder umkehren wollte um einen kurzen Abstecher zum Badezimmer zu machen, entdeckte ich Sherlock, der vollkommen konzentriert im Wohnzimmer stand, das Gesicht zur Wand gerichtet und in den Händen...einen Bogen hielt? Er schien sich völlig unbeobachtet zu fühlen, als er links von sich zum Tisch griff und einen langen Pfeil zum Vorschein brachte, der kurz darauf mit wahnsinniger Geschwindigkeit in der Wand mit der schwarz-weißen Tapete steckte und vielen anderen Pfeilen Gesellschaft leistete, die dort bereits schon steckten. Ich bekam meinen Mund nicht mehr zu, als ich das sah. Als wenn die Einschusslöcher in der Form eines Smileys nicht gereicht hätten!
"Ich..äh..Sherlock was machst du denn da?"
Als ich endlich ein paar Worte heraus brachte, drehte sich der Schwarzhaarige mit einem koketten Lächeln des Sieges zu mir um. Ich war der festen Überzeugung, dass er nun vollkommen durchgedreht war.
"Clever, nicht? John meinte ich sollte mich ruhig beschäftigen und was gibst es ruhigeres als das hier?"
"Oh da fällt mir vieles ein! Warum musst du unbedingt etwas kaputt machen?!"
"Das verstehst du nicht. Ich forsche."
Au, mein armer Kopf...
"Da bin ich aber gespannt was John darüber denkt."
"Was soll ich über was denken?"
Ich zuckte vor Schreck zusammen, als der Arzt plötzlich hinter mir stand, als wäre er aus dem Nichts aufgetaucht. Rasch trat ich zur Seite, um das Schauspiel beobachten zu können.
"William Sherlock Scott Holmes! Was denkst du, was du da tust!", donnerte der kleinere Mann, sodass es krachte. Sherlock hob die entsetzt die Augenbrauen wie eine Dramaqueen. Der Mann hatte vielleicht Nerven. Ich wäre bei solch einem Ton schon längst tot umgekippt.
"Ich weiß überhaupt nicht über was du dich so aufregst. Ich sollte mich leise beschäftigen, also habe ich das auch getan!"
"Aber doch nicht SO! Wie OFT soll ich dir NOCH sagen, dass du aufhören sollst hier alles zu zerstören, nur weil dir LANGWEILIG ist!"
Ein Gewittersturm der Stärke Zehn schien sich zusammen zu brauen, als sich die beiden Männer gegenüber standen und böse Blicke zu warfen. Irgendwie erinnerten mich die beiden schon an ein altes Ehepaar, von dem Gebrauch von Pfeil und Bogen einmal abgesehen.
"Du verstehst ÜBERHAUPT NICHTS John!"
"Ich wüsste nicht was es noch anderes zu verstehen gibt, außer das du dich absolut verantwortungslos verhälst."
"Was verstehst du schon von Verantwortung!"
Die Situation wurde einen Schlag zu brenzlig, um in einem Raum mit den Streithähnen bleiben zu können. John zog wutentbrannt einen Pfeil aus der Wand und hielt ihn so in der Hand, als würde er Sherlock jeden Moment damit verprügeln wollen. Und weil ich ihm das auch irgendwie zutraute, schlich ich mich so schnell und unauffällig wie möglich zurück in mein Zimmer und entschloss spontan, noch für ein paar Minuten die Augen zu schließen.
Als ich zwei Stunden später die Augen öffnete, war es wieder komplett still in der Wohnung, abgesehen von gedämpften Schritten, die hier und da zu hören waren. Langsam richtete ich mich auf und blinzelte kräftig wegen des starken Sonnenlichtes, dass wie ein großer Scheinwerfer das Zimmer erhellte. Heute schien tatsächlich ein guter Tag zu werden, oder zumindest gutes Wetter, denn ob die Stimmung gut war oder nicht, stand auf Messers Schneide. Völlig lustlos zog ich mich an und ging zurück ins Wohnzimmer, alles erwartend, angefangen von blauen Augen bis zu zerstörten Möbeln. Doch was ich tatsächlich vorfand war doch etwas überraschend. John studierte ruhig seine Tageszeitung und von Sherlock war kein Stück zu sehen, ebenso wenig wie von seiner neuen Waffe.
"Alles ruhig?"
John blickte kurz von seiner Zeitung auf und schlug eine Seite um.
"Jep."
"Keine Lebensgefahr mehr?"
"Nein, vorerst zumindest."
Er klang sehr zufrieden und zuversichtlich, was mich etwas stutzig machte.
"Jetzt mal ehrlich, was hast du mit ihm gemacht?"
Ein kleines Lächeln schlich sich auf Johns Lippen.
"Was soll ich schon gemacht haben?"
Wie ich später heraus stellen sollte, befand sich der Bogen mitsamt Pfeilen in Johns geräumigen Safe, der sicher in seinem Schlafzimmer versteckt war und noch weitere wichtige Dinge enthielt, wie seine Pistole aus Armeezeiten und Dokumente, an die kein anderer herankommen sollte. Trotzdem war er sich sicher, dass diese Gegenstände nicht sicher genug vor dem besten Detektiv der Welt versteckt waren, wenn man das überhaupt so nennen konnte. Einen Zahlencode zu knacken war nicht das schwerste überhaupt, vor allem wenn du pfiffig genug bist die meisten der exsistierenden Kombinationen zu kennen, die es gibt. Nichts desto trotz wurden immer wieder Dinge in der Wohnung versteckt, die unter Umständen zu großen Gefahren führen konnten, vor allem, wenn ein gewisser Detektiv sie in die Hände bekam. Ich war viel zu ungeschickt dazu auch nur eine sinnvolle Beschäftigung zu finden, die mit diesen Dingen im Zusammenhang stand. Ich war ja nicht einmal dazu in der Lage eine Tasse unfallfrei vom Schrank zum Tisch zu transportieren. Es gab einen lauten Knall und die dicken, weißen Porzelanscherben sprangen mir entgegen. John, Teeliebhaber durch und durch, grummelte vor sich hin, war aber froh darüber, dass wenigstens kein guter Tee in der Tasse war. So setzte man Prioritäten, zumindest als Brite. Auch der Krach und das Gemecker konnten Sherlock nicht dazu bringen aus seinem Zimmer zu kommen. Er kam mir vor wie ein schmollendes Kind, dass sein Lieblingsspiel nicht spielen durfte. Was für ein verstörender Gedanke, wenn man es genau betrachtete.
John beobachtete mich die meiste Zeit mit wachsamen Augen, als ich ihn berichtet hatte, dass es mir in der Nacht zuvor und auch an diesem Morgen nicht so gut ging. Trotzdem ließ ich mich nicht von ihm verarzten, das war mir dann doch zu albern. Ständig machte ich mir Gedanken über die Schule, die am nächsten Tag, am Montag, statt finden sollte. Ich war froh darüber zu solch einem günstigen Zeitpunkt in diese Welt geschleudert worden zu sein. Viel schlimmer wäre es gewesen, wenn ich zum Beispiel mitten in der Schule aufgetaucht wäre, ohne zu wissen was vor sich ging. Aber wieder rum mussten sich die anderen, denen das passiert war keine Gedanken darüber machen. Für die war es ja 'natürlich'. Obwohl überhaupt nichts natürlich an der Sache war.
Gegen Mittag bekam ich meinen LapTop wieder, den ich mit Freuden empfing. John meinte, dass er noch ein letzte mal ein Auge zudrücken würde. Mir war so langweilig, dass ich sogar schon angefangen hatte das Muster der Tapete zu studieren und zu überlegen, ob sich dort vielleicht auch ein Portal zu einer anderen Galaxie auftun würde. Man wusste ja nie.
Natürlich, wie sollte es auch anders sein, war der LapTop mit einem Passwort geschützt. Nette Sache, WENN man denn das Passwort wusste! Ich versuchte es mit allem was mir spontan einfiel, wie die Namen meiner Freunde und Bekannten, doch nichts war richtig. Es war zum Haare raufen! Und wieder war ich auf Hilfe angewiesen, und das zum zweiten Mal in dieser kurzen Zeit. Der wer konnte mir schon helfen? Ich werde ja wohl kaum umher stolziert sein und jeden mein Passwort erzählt haben. Nein, es gab nur einen Menschen, der auch ohne meiner vorherigen Hilfe das Passwort heraus finden konnte, doch die war gerade nicht wirklich erreichbar. Mit anderen Worten, ich traute mich nicht in die Höhle des Löwen. Besser gesagt, des schmollenden Löwen. Vorerst zumindest nicht, es musste schließlich auch andere Beschäftigungen geben! Was für einen Sinn hatte es jemanden die Realität wechseln zu lassen, wenn die dann noch langweiliger war als die vorherige! Im Kreise meiner Familie hätte ich wenigstens was zu tun gehabt, auch wenn das meiste in ungewollte Arbeit ausartete. Wie gesagt, es war zum Haare raufen.
Nach mehreren Minuten, die ich damit verbrachte die Wand an zu starren, entschloss ich mich ein wenig die Karte von London zu studieren. Den Weg zur Schule musste ich mir gut einprägen, vor allem die Busverbindungen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln hatte ich schon immer meine Schwierigkeiten gehabt und ich fürchtete, dass es bei Eliza genauso war. Warum sonst sollte ich so unsicher gewesen sein? Als nächstes nahm ich mir die Schulsachen vor, die, wie ich ja schon vorher heraus gefunden hatte, in einer Tasche unter dem Bett lagen. Zu finden waren Bücher über Englisch, Mathe, Biologie, Hefte zu den entsprechenden Fächern, ein schmales Mäppchen mit teuer aussehenden Stiften und ein kleiner Schlüssel, an dem ein Schildchen mit der Aufschrift '150' befestigt war. Offentsichtlich ein Spindschlüssel, das erklärte auch wo die ganzen anderen Schulsachen waren. Ich hoffte wirklich, dass Feli mir helfen konnte. Unabsichtlich natürlich.
Auf dem Schreibtisch ,neben dem bockigen LapTop, lag noch ein weiteres Heft, was sich als Timer heraus stellte. Und in dem war auch ein Stundenplan verzeichnet, der mich ins Schwitzen brachte. Ich hatte insgesamt 11 Fächer, inklusive der Fremdsprache Deutsch und einem extra Workshop am Mittwochnachmittag, der 'Literatur und Medien' hieß. Jeder Schultag, ausser am Mittwoch, ging bis 15.00 Uhr. Der gesamte Timer war übersät mit kleinen Kritzeleien und Anmerkungen, die teilweise nicht in meiner Handschrift waren.
Mit einem tiefen Seuftzen klappte ich ihn zu und stellte die Tasche an den Schreibtisch, möglichst weit weg von mir. Das unwohle Gefühl, das sich bei den Gedanken an die Schule ausbreitete, wurde immer stärker und artete in Bauchkrämpfe, die meine vorherigen Kopfschmerzen wieder hervor brachten. Mit halb zugekniffenen Augen schlich ich mich zurück ins Wohnzimmer, wo John noch immer mit seiner Zeitung saß. Offenbar genoss er es sie ungestört lesen zu können, die Stille lud auch regelrecht dazu ein. So ganz traute ich der Sache jedoch nicht.
"John, hast du noch eine Aspirin?", fragte ich so lässig zu möglich um ja nicht krank zu wirken. Der Doktor schaute mit hochgezogenen Augenbrauen auf.
"Geht es dir schlecht?"
Nein, ich wollte die Tablette über E-bay verkaufen.
"Nur ein wenig Kopfschmerzen. Also?"
Der besorgte Gesichtsausdruck verschwand nicht, als John die Zeitung weglegte und aufstand. Ich versteifte mich, als er näher kam und einen Finger unter mein Kinn legte, als wollte er mir in die Augen schauen um eine Gehirnerschütterung fest zu stellen.
"Du bist ziemlich warm. Das schau ich mir lieber etwas genauer an. Leg dich bitte auf die Couch."
Schon wieder musste ich an einen schlechten Film denken. Oh wie konnte ich wissen wie schwer es war mit einem Doktor zusammen zu wohnen. Ständig dieses herumgedoktor, als wäre man ein Übungsobjekt.
"Nicht nötig, so schlimm gehts mir gar nicht."
Der Finger verschwand von meinem Kinn und richtete sich auf die Couch.
"Keine Wiederede. Auf die Couch mit dir", sprach Kapitän Watson.
"Es ist nur eine Migräne!"
"Bewege dich, oder ich trage dich!"
Oh ha, das eskalierte schnell. Ihm schien es wirklich wichtig zu sein, auch wenn mir die Sache doch etwas übertrieben vorkam. Meine Mundwinkel zuckten etwas nach oben, nicht zur Provokation, sondern weil ich mir vorstellen musste, wie John einfach jeden wegschleppte, der ihn auf die Nerven ging. Sein nächster Blick reichte aus um mich in Bewegung zu setzen. Ich war kein verdammter Sherlock Holmes, der das aushalten konnte!
Meine Wangen glühten, als ich auf dem Rücken liegend auf der Couch lag und an die Decke starrte, während sie das kalte Stetoskop gegen meinen Rippenbogen drückte. Eine Sache lernte ich an diesem Tag. Es machte sehr wohl einen Unterschied, ob du von einem Menschen untersucht wirst, der dir fremd ist und den du danach nicht mehr so schnell sehen musst, oder ob dich jemand behandelt, der dich recht gut kennt. John saß auf einem Stuhl neben der Couch und blickte so konzentriert auf mich herab, als wäre ich ein Versuchskaninchen.
"Warum hast du eigentlich die ganzen Instrumente hier? Für Hausbesuche zwischendurch?"
John legte nachdenklich das Stetoskop weg und verstaute es in einem kleinen Koffer neben sich.
"Kann man so sagen. Du weißt doch genau wie oft sich Sherlock verletzt. Ich habe nicht immer die Zeit mit ihm in die Klinik zu fahren."
"Aha. Und was habe ich nun Doc?"
"Scheint nur eine Erkältung zu sein, aber dein Puls ist ziemlich hoch. Wie fühlst du dich?"
"Peinlich berührt."
Ich konnte ganz genau sehen, wie sich John anstrengen musste um nicht zu lachen.
"Hast heute wohl einen Clown gefrühstückt, was?"
"Ja, hat lustig geschmeckt", antwortete ich trocken und zog mein Shirt zurecht.
John schüttelte schnaubend den Kopf.
"Ha ha. Warte kurz, ich hole dir deine Aspirin und dann ab mit dir, Mrs Hudson hat schon nach dir gefragte", antwortete er mit einem Lächeln in der Stimme und stand auf.
"Warum denn?"
"Heute ist Sonntag, vergessen?"
Toll, das war nicht die Antwort die ich erwartet hatte. Mit Fragezeichen über dem Kopf schaute ich John hinterher, der den Koffer zurück in sein Schlafzimmer brachte.
Wie ein Hündchen an der Leine wartete ich auf seine Rückkehr und nahm die Tablette, bevor ich mich fragend nach unten ins Erdgeschoss begab, wo mich Mrs Hudson schon erwartete. Sie kam mir entgegen, eine Schürze tragend, die voller Mehl war. Jedenfalls glaubte ich, dass es Mehl war, das war am wahrscheinlichsten.
"Ach da bist du ja, ich habe schon mal angefangen, wenn es dir nichts ausmacht. Alles in Ordnung mit dir Eliza?"
Ich hatte natürlich keine Ahnung was Mrs Hudson damit meinte, doch sie war so freundlich, dass ich gar nicht anders konnte als lächelnd zu nicken, worauf sie mich regelrecht in ihre Wohnung schob. Sofort traf mich der köstliche Geruch von frischem Gebäck, der sich in allen Räumen ausgebreitet hatte.
Am Ende kam dabei heraus, das ich die fragliche Ehre hatte mit Mrs Hudson Küchlein zu backen. Ich verstand absolut nicht warum, konnte das aber nicht sagen und musste gezwungener maßen mitmachen, bis der ganze Tisch mit Gebäck überladen war. Irgendwo machte es auch Spaß, trotzdem verbrachte ich die meiste Zeit damit Zutaten umher zu rücken oder auf den Ofen zu schauen, damit ja nichts verbrannte. Im Hintergrund lief leise das Radio und die Vermieterin erzählte etwas davon wie geschmacklos doch ihr Exmann gewesen war und das wir Frauen zusammen halten mussten. Wie auch immer das zusammen passte. Ich war grade damit beschäftigt eine kleine Kugel Teig zu kneten, als es plötzlich dumpf knallte und schepperte, als würde Glas zerbrechen. Ich fror in der Bewegung ein, denn dieses Geräusch stammte nicht von uns und schien auch nicht aus dieser Wohnung zu dringen. Mrs Hudson machte unbekümmert weiter, als hätte sie nichts gehört. Doch als kurz darauf Stimmen zu hören waren, blickte auch sie auf.
"Ich schwöre dir!...der Tod...verdammt nochmal!..."
"Nein!...Hör doch auf...Wenn ich doch sage..."
"LEG ES WEG!"
KLIRR!
Das Mehl wurde durch die Luft gewirbelt, als der Teigklumpen aus meinen Händen auf die bestäubte Oberfläche des Tisches viel. So schnell wir konnten stürmten Mrs Hudson und ich aus der Wohnung und die Stufen zur anderen Wohnung hinauf. Ich war mehr als überrascht darüber, dass die schwachen Hüfte der Frau das aushielt. Als erste stolperte ich in die Wohnung, wo die Stimmen nun mehr als deutlich wurden. Sie drangen aus Sherlocks Schlafzimmer, dessen Tür ich schwungvoll aufriss, Mrs Hudson ganz dicht hinter mir.
Sherlock stand mitten im Zimmer, Haare zerzaust und mit geröteten Wangen. John stand ihm gegenüber, schwer atmend und starrte auf das Fenster. Oder besser gesagt, da wo das Fenster einmal war, denn nun war es nicht viel mehr als ein viereckiges Loch in der Wand mit kleinen, scharfen Glassplittern an den Rändern. Die Jalousie hing von außen an einer Ecke und fiel beim nächsten Luftzug schepernt nach unten. Es sah ganz danach aus, als sein etwas mit voller Wucht durch das Fenster marschiert. Ich konnte Mrs Hudon hören, die bei diesem Anblick nach Luft schnappte.
"Du hast gesagt ich soll es weglegen."
Wieder knallte es, dieses mal war es jedoch Johns kräftige Rechte, die mit Sherlocks Nase kollidierte.
Der Detektiv stolpere durch die Wucht des Schlages nach hinten und fing sich nach ein paar taumelnden Schritten, während John laut atmend seine Hand schüttelte, als hätte ihm die Aktion mehr weh getan als seinem Freund. Doch dies mochte ich bezweifeln, als ich die Menge an Blut sah, die augenblicklich aus der Nase Sherlocks floss und an seinem Kinn hinabtropfte, sodass sich kleine, rote Flecken auf seinem Hemd bildeten. Ich hatte zwar keine Ahnung von guter Kampfkunst, doch John hatte einen Volltreffer gelandet, das war sicher.
Ohne ein Wort zu sagen Schritt der Arzt mit großen Schritten so ungestüm aus dem Raum, dass sowohl Mrs Hudson als auch ich von ihm angestoßen wurden. Die Haushälterin schaute ihm entgeistert hinterher und entschied sich dann John hinterher zu laufen.
Sherlock saß derweilen auf dem Bett und drückte ein Taschentuch gegen seine blutende Nase. Es war fast schon komplett rot und in mir keimte der Verdacht, dass sie vielleicht gebrochen sein konnte. Was war nur geschehen, dass John dazu verleitet hatte so gewaltätig zu reagieren? Schnell, aber mit zittrigen Knie, schlich ich zum Fenster um das Ausmaß zu betrachten. Ich musste mich ein wenig auf die Zehenspitzen stellen, um hinaus und hinunter auf die Straße schauen zu können.
Ich hatte wirklich mit allem gerechnet, als ich nach unten blickte um zu sehen was sich seinen Weg durch das Fenster gebahnt hatte. Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte, war die fast zwei Meter lange Harpune, die quer über der linken Spur der Straße lag. Selbst von weitem konnte ich erkennen, dass sie von oben bis unten mit eingetrockneten Blut beklebt war. Autos fuhren hupend um das Wurfgeschoss herum und Fußgänger hatten sich auf dem Bürgersteig versammelt und tuschelten wild miteinander, einer machte sogar ein Foto. Klar, es geschah ja nicht alle Tage, dass eine Harpune auf eine dicht befahrene Straße geworfen wurde. Was, wenn Sherlock etwas zerstört, oder sogar jemanden verletzt hätte? Ganz zu schweigen von dem Schaden, den er am Fenster verursacht hatte. Woher hatte er überhaupt diese Waffe, die eigentlich zum Walfang benutzt wurde? Kein Wunder, dass John so unglaublich wütend war. Ich wartete schon auf einen Anruf der Polizei. Einer der Passanten war auf die Idee gekommen, die Flugbahn der Harpune mit den Augen nach zu gehen und schaute auf das Gebäude. Gerade als er seinen Blick auf das Fenster richtete, an dem ich stand, wirbelte ich mit Schwung herum und trat zu Sherlock, der noch immer wortlos seine Nase verarztete. Ich baute mich vor ihm auf. Selbst für Sherlockverhältnisse war das echt zu heftig.
"Hast du denn völlig den Verstand verloren?", rief ich wütend. Ich erwartete jedoch nicht wirklich eine Antwort, doch als ich doch eine bekam, und eine ruhige noch dazu, war die Überraschung groß. Sherlock blickte von seinem Taschentuch auf und wirkte selbst überrascht, als hätte er nicht erwartet dass jemand mit ihm darüber sprechen wollte.
"Ganz und gar nicht. Es geht um den Fall und jetzt tu nicht so als hättest gestern nicht davon gehört. Der Täter hat jedes seiner Opfer mit den verschiedensten und seltsamsten Waffen gequält, bevor er sie zerstückelte. Das Problem ist, dass ich nicht bei jeder Waffe weiß welchen Schaden sie anrichtet, deshalb muss ich Experimente durchführen", erklärte er sachlich.
"Als hast du im Wohnzimmer gar nicht mit den Pfeilen geschossen weil die langweilig war."
"Natürlich nicht."
"Und warum hast du das dann gesagt?"
Sherlock zog langsam das Taschentuch aus seiner Nase und rümpfte sie, das Gesicht verziehend.
"John hätte es nicht verstanden."
Alles klar, wer bist du und was hast du mit dem echten Sherlock gemacht?
"Du bist so ein...Idiot!"
"Was?!"
"Ein Idiot, Sherlock! Wie lang lebt ihn nun schon zusammen in dieser Wohnung? Wie lang seid ihr nun schon unterwegs um Verbrecher zu jagen? Wie lang KENNT ihr euch schon!"
Meine Stimme wurde mit jedem Wort lauter und Sherlocks Augen immer größer. Man konnte regelrecht die Zahnreder in seinem Kopf arbeiten sehen. Seine Nase hatte aufgehört zu bluten, dafür würde seine linke Wange etwas dicker. Sherlock seuftze schwach, was sich ziemlich seltsam anhörte.
"Ein paar Jahre", beantwortete er die Frage, ohne es selbst glauben zu wollen. Obwohl er absolut in Mitleidenschaft gezogen war, ließ ich nicht von dem Thema ab.
"Und totzdem lügst du John völlig unnötig an. Deinen besten Freund. Bravo Sherlock! Jetzt weiß ich wenigstens, das ich heute mal nicht die dümmste Person in dieser Wohnung bin. Ehrlich, so wütend habe ich John noch nie gesehen! Ich an seiner Stelle hätte..."
"Woher willst du das denn wissen?"
Der schneidende Kommentar, untermalt von einem einseitigen Lächeln, kam völlig unerwartet und warf mich aus dem Strom der Meckerei, mit dem ich geschwommen war. Sherlock hatte Recht, woher wusste ich das eigentlich? Ich konnte mich nicht einmal erinnern, wo der nächste Supermarkt war aber Hauptsache ich kannte die wütenden Gesichtszüge von John! Meine Prioritäten lagen etwas seltsam.
"Ich weiß es einfach, lenk jetzt nicht vom Thema ab Sherlock!"
"Dann ist es dir also egal, dass du dich langsam dieser Welt anpasst?"
"Hör auf! Ich will gar nicht..."
"Weißt du woher du das weißt? Weil du ständig in Schwierigkeiten gerätst, ständig!"
"HÖR AUF DAMIT!"
Ich spürte, wie die Hitze der Wut in mir hochkochte wie sprudelndt heißes Wasser. Wie ein Tiger auf der Jagd schritt ich ziellos durch den Raum, die Hände nach oben werfend.
"Es geht NICHT um MICH!", brüllte ich ein letztes mal, bevor sich meine Stimme wieder senkte. Wie lang ich wohl weiter so herum schreien konnte, ohne dass Sherlock eine Reaktion zeigte? Der Schwarzhaarige saß noch immer auf dem Bett, die Nase schief und mit geschwollener Wange.
Augenblicklich drängten sich die Verletzungen des Mannes bei mir in den Vordergrund. Die Nase sah wirklich furchtbar aus, doch Sherlock machte nicht gerade den Eindruck als würde ihn das sonderlich stören. Aprupt änderte ich meine Route und trat näher an ihn heran, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Von draußen konnte ich Polizeisirenen hören.
Sherlock schaute aus leicht nebligen Augen zu mir herauf, so als würde er einen erneuten Schreianfall erwarten. Von seinem Grinsen war nichts mehr zu sehen.
"Du gehst besser zum Arzt. Die Nase sieht aus als würde sie jeden Moment abfallen."
"Schwachsinn", konterte Sherlock flott und seine Hand näherte sich seiner Nase, so als würde er sie ganz wie im Film einfach nach links und rechts biegen und schon war alles wieder in Ordnung. Tatsächlich schien er sie richten zu wollen, doch leider war Film nun mal Film.
"AU!"
"Was machst du denn da!"
"Nichts, du hast recht."
Diese Worte schienen ihn bitter aufgestoßen zu sein. Sherlock verzog eine Mine wie drei Tage Regenwetter und stand auf, bereit dazu seinen Mantel zu schnappen und zu gehen, hoffentlich ins Krankenhaus.
"Ich komme mit!", rief ich hastig hinterher. Ich wollte einfach raus aus dieser stickigen Wohnung mit der Wut und den Glasscherben. Sherlock war offentsichtlich nicht sehr begeistert von der Idee. Mit schwingenden Mantel machte er am Absatz kehrt.
"Ich brauche keinen Babysitter."
"Sicher? Könnte sein, dass du auf dem Weg ein Blasrohr findest, was du auch ganz klar benutzen würdest."
Der Detektiv rollte mit den Augen. Er sah etwas seltsam aus mit der hastig geordneten Kleidung, den unordentlichen Locken und dem blutverschmierten und geschwollenem Gesicht.
"Wenn es dich glücklich macht."
Ich verstand das einfach als ein Ja.
