~Schmollen mit Bandage~

Anmerkung: Das Kapitel ist mal etwas kürzer ;) Wie immer gehört mir fast nix.

Hastig eilte ich in mein Zimmer um mir selbst meinen Mantel anzuziehen. Ich musste mich beeilen, nicht das der Detektiv einfach abhaute. Ich fand es einfach als das beste, wenn Sherlock von jemanden begleitet wurde. Seine Ausdrucksweise in der Öffentlichkeit war berühmt berüchtigt, und da John momentan auf hundertachtzig war stellte ich mich gern zur Verfügung, auch wenn Sherlock das so nicht sehen mochte. Ich erwischte den Detektiv gerade so am Mantelzipfel, bevor er sich zur Tür hinaus schlich wie eine ungezogene Katze. Haha, was für ein Vergleich, den musste ich mir unbedingt merken.

Wir liefen ein Stück die Straße entlang, um nicht direkt an der Harpune zu stehen. Der Anblick raubte mir ohnehin den Atem. Woher hatte Sherlock das Ding nur? Es dauerte nicht lang, bis ein Taxi vorbeifuhr, mit dem wir zum nächsten Krankenhaus fahren konnten. Das war eine der Dinge, die ich an dieser Welt nicht verstand. Es war wie im Film, man brauchte ein Taxi, also kam eines.

Und schon wieder saß ich zusammen mit Sherlock in einem Taxi, die Stille unangenehm in der Luft hängend. Wie oft das wohl noch passieren würde? Alles was ich sagen konnte war, dass Sherlock ganz klar nicht glücklich aussah. Er blickte hinaus auf die Straße wie ein Hündchen, dass abgeschoben worden war.

"Wirst du dich bei John entschuldigen?", fragte ich vorsichtig.

"Ich bin ihm auf jedem Fall eine Erklärung schuldig", kam die trockene Antwort.

"Das auch, ja."

Das war alles, was während der Fahrt gesprochen wurde. Bald erreichten wir das Krankenhaus, wo ich ihn regelrecht zu den Ärzten schleifen musste. Offenbar vertraute er keinem Weißkittel, außer er hatte den Nachnamen 'Watson'

Sherlock hatte tatsächlich eine gebrochene Nase. Bandagiert marschierte er aus dem Krankenhaus wie ein Kriegsheld, der gerade so überlebt hatte. Ich trottete ihm hinterher, ein Lachen verkneifend. Sherlock sah mit dem Ding auf der Nase einfach zu lustig aus.

"Ich weiß, dass ich schrecklich aussehe", sprach Sherlock trocken, während wir auf ein Taxi warteten. Ich zuckte mit den Schultern.

"Ich weiß, und dann erst die Bandage!"

Sherlock tat sein bestes um absolut böse und gefährlich auszusehen, doch ich konnte nicht anders als in schallendes Gelächter auszubrechen. Dann ließ er ein Geräusch ertönen, was sich nicht ganz zuordnen ließ. Entweder versuchte er ein Lachen zu unterdrücken oder er wurde nun vollends wütend. Eigentlich war es mir auch egal, Hauptsache Sherlock war in trockenen Tüchern, oder besser gesagt in trockenen Verbänden. Zumindest was die Gesundheit anging, mit John sollte er noch ein Wörtchen zu reden haben. Doch ich war dazu entschlossen mich vollkommen da raus zu halten. Ich hatte ohne hin schon eine Medaille dafür verdient, dass ich es geschafft hatte Sherlock zum Arzt zu bringen, ohne mich selbst vor lauter Verzweiflung vor ein Auto zu schmeißen.

Sherlock grummlte den ganze Weg nach hause wie ein verärgerter Teenager. Zwei mal hatte er versucht mit einem Finger unter dem Verband zu fummeln, warum weiß nur Gott, ließ es aber jedes mal recht schnell wieder bleiben, untermalt von einem Gesichtsausdruck des Hasses. Nicht das er über Schmerzen geklagt hätte, nein, er ließ es viel lieber verbal an dem armen Taxifahrer aus, der schwitzend im Stau stand und keine Erklärung mehr dafür fand, warum die Fahrt denn nicht schneller ginge. Ich konnte bei dem ganzen Theater nur mit den Augen rollen. Sherlock war wirklich manchmal nichts anderes als ein kindischer Quälgeist. Ich wunderte mich wirklich immer weniger, warum John die Hand ausgerutscht war. Und das, obwohl ich Gewalt verabscheute.

Als wir nach gefühlten drei Stunden endlich in der Baker Street ankamen, war John wie zu erwarten nicht da. Mrs Hudson fing uns im Hausflur ab und meinte, dass er wohl etwas trinken gegangen war und das die Handwerker Montag in aller frühe kämen, um den Schaden in Sherlocks Zimmer zu reparieren. Das würde gewiss nicht billig werden, meinte sie außerdem und dass sie unter keinen Umständen dazu bereit wäre die Rechnung zu übernehmen. So sehr sie Sherlock auch ausschimpfen mochte, konnte man doch einen Funken in ihren Augen sehen, der verriet, dass sie ihn doch besser verstand als er es vielleicht wusste.

Etwas später kam Lestrade die Stufen zur Wohnung hinauf getrabt um aus polizeilicher Sicht die Sache mit der Harpune zu klären. Auch er nahm Sherlock scharf ins Auge und hielt eine Rede, die er vorher mit Sicherheit einstudiert hatte. Irgendwie tat er mir schon wieder leid, dieser ach so schlaue Detektiv.

Am späten Nachmittag erhielt ich eine Nachricht von Feli, dass sie mich am nächsten Tag um viertel nach sieben abholen würde, damit wir gemeinsam zum Bus gehen konnten. Um so besser, allein hätte ich nicht gewusst ob ich zu der richtigen Haltestelle gegangen wäre und das trotz der großen Karte. Sherlock hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Offenbar leckte er seine Wunden. Mein Magen grummelte, doch ich versuchte es zu ignorieren. So wie es bisher aussah war Essen im hause Holmes/Watson Mangelware, also musste sich mein Magen wohl daran gewöhnen nicht mehr so viel zu bekommen.

Gegen Abend hielt ich es nicht mehr aus. In der Wohnung war es komplett still, als ich in die Küche schlich um mir irgendetwas essbares zusammenzuschustern. Als wenn es irgendjemanden gestört hätte was ich da tat. Unter größter Vorsicht öffnete ich den Kühlschrank, wer weiß was für ein Körperteil sich dieses mal darin befand. Gott sei dank stellte sich der Inhalt, wenn auch nicht sehr groß, als essbar heraus. Weil mir die Kunst des Kochens sehr fern lag, bereitete ich mir einen Käsetoast vor und, urgs, kochte einen Tee. Nicht gern, wie ich hinzufügen muss, doch die Auswahl zwischen Tee und Leitungswasser war doch recht gering. Schon aus Prinzip schüttete ich einen Haufen Zucker hinein. Wenn schon, denn schon.

Hungrig wie ein Wolf schlag ich den Toast hinunter und auch der Tee blieb nicht lang in seiner Tasse. Noch immer kauend, blickte ich mich in dem Wohnzimmer um, nicht genau wissend, was ich eigentlich suchte. Suchen war auch nicht das richtige Wort, viel mehr sehnte ich mich nach einer Beschäftigung. Ich war kaum hier und schon fühlte ich mich wie eine Gefangene. Vielleicht lag das auch an den Gefühlen der früheren Eliza, bevor ich anfing sie zu verkörpern.

Die letzten dunkelroten Sonnenstrahlen des heranbrechenden Tages schienen durch die großen Fenster des Wohnzimmers und tauchten die Geige, die neben dem Geigenkoffer auf dem Tisch lag, in ein warmes Licht. Das Instrument schimmerte edel von seinem Platz aus, der Bogen lag quer über den Seiten, so als hätte der Musiker gerade noch damit gespielt. Ich fühlte mich so sehr von der Geige angezogen, dass ich einfach nicht anders konnte als darauf zu zu gehen. Vielleicht konnte ich es mal berühren, oder sogar in die Hand nehmen? So etwas wollte ich schon immer, einfach mal über die Seiten streichen...

"Fass sie an Eliza und du wirst es bereuen."

Die scharfe Stimme, die aus dem Hintergrund drang, kam so plötzlich, dass ich vor Schock mehrere Zentimeter in die Luft sprang. Die ganze bescheuerte Zeit war von Sherlock kein Fitzelchen zu sehen, aber kaum wollte ich mal ein wenig Spaß haben tauchte er auf wie ein Phantom und gruselte mir die Seele aus dem Leib. Und ebenso wie ein Phantom trat Sherlock aus dem Schatten im Flur und kam auf mich zu.

"Was machst du denn da?"

"Nichts, nur schauen", kam meine karge Antwort. Sherlock stand nun ganz dicht vor mir und starrte auf mich herab wie ein Aasgeier.

"Du wirst es natürlich nicht wissen, doch das Berühren dieses Instrumentes ist verboten, klar?"

"Und wieso?"

"Weil die Geige kein Spielzeug ist. Sie bedeutet mir sehr viel, mehr als alles andere in dieser Wohnung. Finger weg, verstanden?"

Wie konnte ich das nach dieser 'ausführlichen' Erklärung nicht verstehen. Doch da fiel mir etwas ein.

"Verstanden, aber nur, wenn du mir etwas vorspielst."

Das Gesicht von Sherlock war unbezahlbar.

"Dein Ernst?", fragte er absolut ungläubig. Offenbar bekam er nicht sehr oft diese Aufforderung. Ich verschränkte die Arme und lächelte knapp.

"Mein absoluter Ernst", versicherte ich Sherlock.

Die feine Melodie des Geigenstückes verfolgte mich noch bis in die späten Abendstunden, als ich mich müde zu Bett begab. Dieses mal benötigte ich auch nur eine Aufforderung dazu.

John war noch immer nicht zurück gekehrt. Sherlock tigerte ununterbrochen im Wohnzimmer herum wie ein aufgescheuchter Stubenkater. Er schien nervös zu sein, was die Situation nicht gerade einfacher machte. Ich versuchte mir keine Gedanken darüber zu machen, als ich die warme Bettdecke etwas höher zog und die Augen schloss. Ich würde für den nächsten Tag reichlich Energie brauchen. Wenn ich Feli doch nur von meinem Problem erzählen könnte...

Das Poltern und Rumpeln im Hausflur riss mich unsanft aus dem Schlaf. Ich konnte nicht einmal sagen wie spät es war, ich wusste nur, dass mein Herz unangenehm kräftig schlug durch dieses plötzliches Erwachen. Schwere Schritte näherten sich der Wohnung, Gegenstände wurden umgeschmissen. John kam nach hause, ganz offensichtlich betrunken. Wie Sherlock wohl mit seinem Freund umgehen würde, wenn er betrunken war? Kurz war ich gewillt aufzustehen um nach den Männern schauen zu gehen, doch meine natürliche Abneigung gegen alkoholisierte Männer hielt mich zurück. Angespannt spitze ich die Ohren, konnte aber weiter keine besonderen Geräusche hören. Vielleicht schlief Sherlock schon längst und John war jetzt auch ins Bett gegangen? Warum waren dann aber weiterhin keine Schritte mehr zu hören? Sein Schlafzimmer war ein Stockwerk höher, und das konnte er unmöglich schon erreicht haben. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend richtete ich mich langsam auf und versuchte jedes noch so leise Geräusch zu hören. Doch trotz den Bemühungen aufmerksam zu sein wurden mir meine Augenlider zu schwer und ich sank in tiefen Schlaf.