~Benedict~

Anmerkung: Scheint so, als könnte ich mich nicht an eine einheitliche Länge für die Kapitel halten :P

Wenn mein Handy nicht von allein angefangen hätte zu klingeln, hätte ich eiskalt verschlafen und den ersten offiziellen Schultag verpasst. Schweißgebadet schreckte ich aus dem tiefen Schlaf, als ich Punkt sechs Uhr morgens eine SMS von Feli bekam, in der stand, dass sie wahrscheinlich drei Minuten später kommen würde. Das kam mir eigentlich ganz gelegen, denn bis ich meinen Kadaver aus dem Bett erhoben und mich fertig gemacht hatte vergingen doch ein paar Minütchen. Mit verschleierten Blick gähnte ich und streckte meine müden Glieder. Heute ging es also richtig los, das Sozialleben sollte mich mit voller Wucht treffen. Ich fühlte mich richtig schlecht. Gerade so, als würde mich jemand ins eiskalte Wasser schmeißen wollen. Mit flauen Gefühl im Magen stand ich endlich auf und fand den Weg zum Badezimmer. Anhand von Bildern, die ich in meinem Zimmer gefunden hatte, wusste ich wie die Uniform der Paddington Academy aussah. Eine hellblaue Bluse, ein dunkelblaues Jacket, ein knielanger Rock (auch in dunkelblau), eine schwarze Strumpfhose und schwarze Lackschuhe. Das waren die Sachen, die jede Schülerin zu tragen hatte. Mit sehr großen Wiederwillen zog ich die Sachen aus dem Schrank und zog sie an. Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, oh, dann wären diese Klamotten wohl aus dem Fenster geflogen. Ich fühlte mich wie eine blöde Animefigur. Sollte ich mir vielleicht auch noch zwei Zöpfe machen? Wenigstens ging der Rock bis über den Hintern. Ich hatte es total vergessen, dass in England eine Uniformpflicht an Schulen herschte. Kurz dachte ich darüber nach krank zu spielen um nicht in die Schule zu müssen, doch mit einem Doktor im Haus war das vielleicht doch keine so gute Idee. Apropos Doktor, ob die Männer gestern Nacht wohl noch die Betten gefunden hatten? Angenommen natürlich Sherlock ist noch wach gewesen.

Die engen Schuhe drückten unangenehm, als ich mit dem Rucksack über der Schulter den Flur entlang schlich. In der gesamten Wohnung herschte Totenstille, was die Vermutung zuließ, dass die Männer noch schliefen. Ob John wohl zur Arbeit musste? Jedenfalls war ihm das nicht zu wünschen, in Anbetracht des fiesen Katers, der ihn mit Sicherheit überfallen würde. Langsam trat ich in das Wohnzimmer und was ich da sah ließ mich sofort meine Handykamera zückten. Sherlock saß zusammengesunken auf dem Sofa mit dem Kopf nach hinten gegen die Wand gelehnt. Und auf seinem Schoß lag nichts anderes als Johns Kopf. Der Arzt lag selig schlummernd in voller Länge auf der Couch und benutzte seinen Kumpel als Kopfkissen. Also wenn das kein Foto wert war, dann weiß ich auch nicht mehr. Ich musste mich furchtbar zusammenreißen um nicht laut los zu lachen, als ich das Bild der beiden machte und das Handy schnell wieder in die Jackentasche steckte. Ob die beiden wohl wussten in was für einer Position sie sich befanden? Immerhin war Sherlock ja nicht betrunken gewesen, oder doch? Ich ließ sie es lieber allein herausfinden. Schnell überprüfte ich ob sich Wohnungsschlüssel und Geldbörse in der Jackentasche befanden, dann machte ich mich auch schon auf dem Weg nach unten um meine Freundin zu erwarten. Für mich glich sie einem Rettungsring in dieser schweren Zeit des Unwissens und der Nervösität.

Die kälte des rauen Morgen traf mich beisend, als ich die schwere Haustür aufriss und gegen die vereinzelten Sonnenstrahlen blinzeln musste, die sich trotz der Temperaturen tapfer ihren Weg durch die Wolken bahnten. Trotz der Strahlen war meine Laune im Keller und sie verschlimmerte sich noch ein wenig, als ich bemerkte, dass Feli weit und breit nicht in Sichtweite war. Ich wartete zehn Minuten, die ich damit verbrachte immer wieder leicht panisch auf die Uhr zu schauen. Nach dem die Minuten vergangen waren, hielt ich es nicht mehr aus und versuchte Feli anzurufen. Drei mal klingelte es, dass kam der Anrufbeantworter. Eiskalt lief es mir den Rücken herunter, als ich es aus Verzweiflung noch weitere drei mal versuchte, jedoch ohne Erfolg. Nervös begann ich it den Knöpfen an meinem Mantel zu spielen. So wie es aussah hatte mein Rettungsring nicht vor zu erscheinen und ich stand verloren und zum weinen zu mute auf dem Bürgersteig, nicht mehr wissend, wo die richtige Bushaltestelle war. Wieso verdammt nochmal hatte ich mir die Karte nicht besser angeschaut? Wenn man sich auf andere verlässt ist man verlassen.

Die Zeit schritt unerbittlich voran, während ich durch die Straßen hetzte und nach Jugendlichen ausschau hielt, die so aussahen als würden sie in die selbe Schule wie ich gehen. An Leuten auf den Straßen mangelte es nicht, schließlich war es Montagmorgen, doch jedes Gesicht war fremd und verstärkte mein Unwohlsein nur noch mehr, wenn das überhaupt möglich war. Ich stand ganz kurz davor in Tränen auszubrechen, als ich irgendwann einfach stehen blieb und jeder Person einen bösen Blick schenkte, die es wagte mich anzuschauen.

Warum ich nicht einfach zurückgelaufen war um die Karte zu holen oder einen der Männer zu fragen? Vielleicht war es Stolz, der mich davor abhielt um Hilfe zu bitten, doch noch wahrscheinlicher war es mein innerer Instinkt, der mich davon abhielt mein Problem vor John zu schildern, der sich mit großer Sicherheit darüber wundern würde warum ich plötzlich den Weg nicht mehr fand, den ich mindestens fünf mal pro Woche bestritt. Die Situation war verzwickt und Sherlock wollte ich nicht noch mal anrufen. Er hatte gesagt ich würde trampen müssen, wenn ich das nächste mal unüberlegt durch die Stadt laufe. Deshalb bezweifelte ich stark, dass er mir noch einmal helfen würde. Und was wäre, wenn ich einfach schwänzen würde? Der Gedanke war verlockend und im ersten Moment so leicht umsetzbar, war die Stadt doch so groß, dass es bestimmt genügend Versteckmöglichkeiten gab. Doch das konnte ich nicht machen. Zum Schluss rief die Schule noch daheim an und in die Menge an Ärger wollte ich mich nun wirklich nicht begeben. Nicht auszudenken, wie die Männer auf so was reagieren würden.

Wie ein kleines Kind, dass den Tränen nahe war, lief ich orientierungs- und hoffnungslos durch die große Stadt, die so voller Menschen war, die mir vollkommen nutzlos erschienen. Alles was ich brauchte war die erlösende Haltestelle, doch bis ich die erreicht hatte war der Bus mit Sicherheit schon nicht mehr da. Wenn ich weiter so herumlief fand ich die Schule irgendwann auch ohne Bus. Warum musste Felizita auch gerade heute krank sein? Am Samstag schien sie doch noch so gesund zu sein, oder hatte sie ihr Vater so sehr durch die Mangel genommen, dass sie zu erledigt war um in die Schule zu gehen? Fragen, die mir in dieser Situation nicht viel nützten, aber dennoch durch meinen Kopf gingen, zusammen mit dem Gefühl des Neides, weil sie daheim bleiben konnte, während ich wie eine Verrückte durch die Stadt rann, bis mir die Kehle brannte. Und wieder war es meine Schuld, so wie es in letzter Zeit häufiger war. Was nützte mir dieser abgedrehte Realitätswechel, wenn mein Leben jetzt noch komplizierter war als zuvor?

Ich konnte mit meinem Handy nicht mal ins Internet, um nach einem verdammten Stadtplan zu suchen! Wie ein geprügelter Hund ließ ich mich kraftlos auf die nächste Bank nieder, die neben einem Sandwichautomaten an der Straße stand. Wo ich mich befand wusste ich schon lang nicht mehr, jedoch war die Gegend nett anzusehen, mit sauberen Hausfasaden und gepflegten Gärtchen, die von eisernen Zäunen umgeben waren. Hinter mir befand sich einer dieser Läden, wo man selbst abkassieren konnte.

Früher interessierte ich mich sehr für fremde Länder, vor allem jedoch für England. Ich schaute mir jede Sendung an, die das englische Fernsehen zu bieten hatte und lernte die Sprache wie besessen. Und genau in solch einer Sendung sah ich einen dieser Läden, wie der, der sich nun genau hinter mir befand. Vor lauter Sorgen fiel es mir nicht einmal auf, dass ich mich soeben an etwas aus meiner Vergangenheit erinnern konnte.

Ebenso wenig bemerkte ich, wie sich plötzlich von links ein junger Mann anschlich, der misstrauisch den Sandwichautomaten beäugte. Sein Misstrauen schien wohl darauf zu beruhen, dass der Automat so seine Macken hatte, wenn es darum ging das gewünschte Produkt nach der Bezahlung auszuspucken. Nachdem er das Geld in den Schlitz gesteckt hatte wartete er ungeduldig auf eine Regung der Maschine, doch sie blieb bewegungslos. Leise fluchte er vor sich hin, als er nach einer Weile wütend mit einer Faust gegen den Automaten hämmerte, als könnte er somit das Sandwich aus ihm herrausprügeln. Kurz war er gewillt auch noch dagegen zu treten, ließ aber ab, noch bevor sein Fuß das Gehäuse traf. Stattdessen richtete er nun seine Aufmerksamkeit auf mich. Ich saß mittlerweile mit dem Kopf nach unten gerichtet auf der Bank und als ich seinen Blick spüren konnte schaute ich ihn von unten durch ein paar Haarsträhnen an.

"Oh hey, bist du nicht von der Paddington Academy?", grüßte er mit freundlicher Stimme. Etwas zu freundlich nach meinem Geschmack. Ich mochte es nicht besonders von Fremden auf der Straße angesprochen zu werden, auch wenn dieser Fremde ganz passabel aussah. Er war durchschnittlich gebaut, hatte helle, leicht gewellte Haare und grüne Augen, die meinen nicht unähnlich waren. Er trug auserdem dunkelblaue Schulkeidung, inklusive Krawatte, was mich zu dem Entschluss bracht, dass er auf die selbe Schule ging wie ich. Das war natürlich ein Jackpot, schließlich brauchte ich jemanden, der mich zu besagter Schule bringen sollte.

"Ja bin ich, warum?"

"Nur so", antwortete der Junge und zuckte mit den Schultern. "Weil der Bus schon abfuhr und ich wissen wollte ob ich der einzige bin der gleich früh eine Freistunde hat. Das nervt ziemlich, vor allem wenn man bedenkt, dass um diese Uhrzeit die meisten Geschäfte noch geschlossen haben und ich mir mein Frühstück aus einem Automaten ziehen muss." Er warf einen verachtenden Blick auf den Sandwichautomaten. "Wenn er funktionieren würde."

Oha, mit solch einem Redeschwall hatte ich nicht gerechnet. Während der Junge von seinem Problem berichtete nickte ich nur und überlegte angestrengt, was nun zu tun war. Die Zeit verstrich immer schneller und mit jeder Minute die ich zu spät war erhöhte sich das Risiko Ärger zu bekommen.

"Ich habe keine Freistunde. Ich weiß nur nicht mehr wo der Schulweg ist, weil ich mir den Kopf gestoßen hatte während eines Unfalles, der sich vorhin ereignet hat."

Großartiger Einfall. Der Junge blickte mich an als hätte ich soeben behauptet im Himmel sei Jahrmarkt.

"Geht es dir jetzt besser?", fragte er mit einem kleinen Grinsen. Ich spürte die Hitze, die in mein Gesicht stieg. Ganz blöder Zeitpunkt rot zu werden, aber leider ließ sich das ja nicht steuern.

"Ja, danke. Zeigst du mir den Weg oder hast du keine Zeit dafür", fragte ich etwas gereizt. Er hob leicht die Augenbrauen.

"Na wenn du mich schon so nett fragst. Mein Name ist übrigens Benedict, kurz Ben. Und dein Name ist?"

"Elizabeth, kurz Eliza."

"Schöner Name", antwortete er ganz nach Schema F und lächelte noch mehr als zuvor. Ich zwang mir auch ein kleines Lächeln auf um nicht unfreundlich zu wirken. In dieser Welt voller Fremden konnte es nie verkehrt sein ein paar Bekanntschaften zu machen. Ohne zu antworten stand ich auf und wir setzten uns in Bewegung. Benedict warf immer wieder kleine Seitenblicke auf mich, während ich die meiste Zeit über irgendwo anders hinschaute, Hauptsache nicht auf ihn. Nicht das er anfing zu denken, dass ich Interesse an ihn gehabt hätte. Freundlichkeit wird heutzutage viel zu oft mit Flirterei verwechselst, was eine absolute Schande ist. Es wird immer schwerer Freundschaften mit Jungs zu schließen, ohne das der Gedanke einer Romanze auftaucht oder der Verdacht bei Außenstehenden aufkeimt, dass etwas zwischen den Freuden laufen könnte. Wie immer machte ich mir viel zu viele Gedanken. Ich musste mich bemühen um mit Ben schritthalten zu können. Seine Beine waren um einiges länger als ich, was bei meiner Größe auch wahrlich kein Kunststück war.

"Kommst du aus der Gegend? Mir ist als hätte ich dich schon mal gesehen"

"Wir gehen ja auch auf die selbe Schule", kam meine trockene Antwort. Der Junge brauchte ganz klar noch ein paar Jahre auf der Weide, wenn er so ein gutes Gespräch mit einem Mädchen anfangen wollte. Ben grinste frech.

"Du bist witzig. Den Rest der Strecke schafft du allein, einfach nach rechts und du siehst die Schule schon, wenn du noch weißt wie sie aussieht. Ich geh wieder, ich habe gerade gesehen, dass ein Geschäft schon geöffnet hat. Wir sehen uns."

Ohne das ich etwas erwiedern konnte winkte Ben kurz und lief mit schnellen Schritten davon. Wie ein ausgesetztes Hündchen stand ich nun allein da. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet, dass es schon zwanzig nach acht war. Zeit sich zu beeilen. Trotzdem schaute ich noch einmal nach hinten, dort hin, wo mein Begleiter verschwunden war. Ein komischer Typ, dieser Benedict...