~Sorgen und Nöte~
Anmerkung: Wie immer gehört mir fast nix!
Es dauerte eine halbe Ewigkeit bis sich es geschafft hatte mich mit wackeligen Beinen aufzurichten und aus dem Zimmer zu marschieren wie ein Insekt, das man gerade aus Spaß die Fühler ausgerissen hatte. Die Gänge der Schule waren wie leer gefegt. Die meisten Schüler waren schon auf dem Weg nach hause oder gingen anderen Beschäftigungen nach, während ich mit schmerzverzerrten Gesicht den Weg nach draußen suchte. Das klang vielleicht ein wenig seltsam, doch in dem großen Schulgebäude war es verflickst einfach sich zu verirren. Wie gern hätte ich jetzt jemanden gehabt, der draußen stand und schon auf mich wartete. Das wäre der pure Luxus gewesen und deshalb blieb es mir verwehrt. Ich brauchte keine Schulter zum ausheulen, ich wollte nur einfach nicht allein sein.
An meinem ersten Schultag lief ich zu Fuß nach hause. Der Weg war lang und mit Schmerzen nicht gerade angenehm, doch ich brauchte die Zeit, die die Strecke in Anspruch nahm, um nachdenken und heimlich meine Wunden lecken zu können. Nur schwach nahm ich die Gegend um mich herum war, als ich mit hängenden Schultern die Straße entlang ging, vorbei an dem Sandwichautomaten, an dem ich noch heute morgen in dem Glauben war, dass die Schule gar nicht schlimmer werden konnte als das, was ich bisher schon alles erlebt hatte. Ob sich Benedict heute in den Gängen des Schulgebäudes herum getrieben hatte? Hätte ich ihn vielleicht sehen können oder noch schlimmer, sah er mich? Was für alberne Gedanken das doch in dem Moment waren. Ich beliss es dabei mich auf den Weg zu konzentrieren. Jedoch war ich so voller anderer Gedanken, dass ich fast gegen eine Straßenlaterne lief. Was hatte diese Kuh nur gemeint mit 'Dir werd ich nie verzeihen'? Was hatte das nur zu bedeuten? Der Gedanke ließ mich einfach nicht in Ruhe und das schlechte Gewissen stieg immer mehr an, obwohl ich keine Ahnung hatte warum. Ihr Blick war so voller Wut und Hass. Offenbar war ich in eine Sache verstrickt, die mir noch unbekannt, aber trotzdem sehr wichtig war. Danke Sherlock für die vielen Informationen! Hätte mich nicht gewundert, wenn er mit der ganzen Sache im Zusammenhang stand. Sofort stieg mein Unmut über ihn erneut ins unermessliche.
Die Welt schien mich verspotten zu wollen. Sogar das kleine Mädchen, dass an der Hand seiner Mutter an einem Feinkostgeschäft stand, zeigte mit dem Finger auf mich und begann zu lachen. Es dauerte einige Zeit, bs ich verstand warum. Während meines Sturzes, herbeigeführt von Miss Rache, musste ich mit meinem Rock irgendwo hängen geblieben seit, ohne es gemerkt zu haben. Ein langer Riss zierte eine Seite, der einen guten Blick auf die schwarze Strumpfhose darunter gewährte. So etwas konnte auch nur mir passieren. Mit hochroten Kopf versuchte ich den Riss so gut wie möglich zu verstecken, was aber nicht wirklich funktionierte. Ich hatte nun endgültig und wollte mich nur noch in meinem Zimmer verkriechen.
Ein stiller Seufzer der Erlösung entkam meiner Kehle, als de Haustür von 221b Baker Street zum greifen nah rückte. Miss Hudson, die an ihrer Tür stand, sah leicht beleidigt, aber auch besorgt drein, als ich ohne Begrüßung an ihr vorbei rannte und die Stufen des Treppenhauses hoch hastete. Ich betete wirklich zu allem was mir einfiel, das keiner der Männer zu hause war. Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben. Natürlich war genau das Gegenteil der Fall. Sherlock stand mit dicker Schutzbrille in der Küche vor einem seiner wiederwärtigen Experimente und John schrieb an seinem Blog. Als ich hereinstürmte blickte er von seinem Laptop hoch, grüßte, bekam aber keine Antwort. Ich beschleunigte meine Schritte, als er sich von seinem Sessel erhob und auf mich zukam. Er sollte nicht sehen, das mit mir etwas nicht in Ordnung war, das es mir schlecht ging. Ein falsches Wort und ich wäre in Tränen ausgebrochen.
"Hey Elli, ist alles in Ordnung?"
Schon allein dieser Satz in Zusammenhang mit diesem zugegeben süßen Spitznamen brachte meinen Brustkorb dazu sich unangenehm zu verkrampfen. John legte seine Hand auf meine Schulter, doch ich schüttelte sie ab.
"Es ist nichts", log ich, um so schnell wie möglich weg zu kommen und allein zu sein. Doch ich hatte nicht mit dem guten Blick des Doktors gerechnet. Die Hand, die zuvor auf meiner Schulter war, wanderte jetzt zu meinem Rock. Mit besorgtem und alamierten Gesichtsausdruck zog John leicht an dem zerfetzten Stoff.
"Das soll also nichts sein? Was ist los Eliza, ich seh dir die Tränen doch schon an!"
Jetzt kam bestimmt die alte "du kannst mir vertrauen" Nummer. Ich wandte meinen Blick ab zog meinen Rock ruppig aus dem Griff des Mannes, der mich dennoch nicht gehen ließ.
"Ich bin nur irgendwo hängen geblieben", sagte ich, ohne wirklich zu lügen. Schließlich war ich ja wirklich irgendwo hängen geblieben. Doch John kaufte es nicht ab. Statt dessen ergriff er nun meinen Arm, schob den Ärmel zur Seite hielt ihn hoch, dieses mal nicht so sanft.
"Und dieser riesige blaue Fleck hier? Ich bitte dich Eliza, warum sagst du nicht einfach was passiert ist?"
So wie dieser Satz ausgesprochen war, kam Sherlock um die Ecke. Die Schutzbrille hatte er sich auf die Stirn geschoben, sodass ich seine genervten, aber auch irgendwo besorgten Blick sehen konnte.
"Was ist hier los?", fragte er ruhig, jedoch nicht an mich gewand sondern an John, der die Gelegenheit sah Unterstützung zu bekommen. Ich hing währenddessen noch immer wie ein gefangener Fisch in seinem Griff.
"Eliza hat offenbar Probleme in der Schule gehabt, will aber nicht erzählen was vorgefallen ist."
"Ich habe keine Probleme!", rief ich schneller als ich denken konnte. Irgendwie erwartete ich Unterstützung von Sherlock, das er auf meiner Seite war und John sagen würde, das er ich in Ruhe lassen soll. Doch leider schien das nicht der Fall zu sein. Er nahm mich scharf ins Auge und beugte sich sogar ein Stück zu mir herunter. Ich wusste genau was er da tat, und das gefiel mir gar nicht. Er deduzierte mich.
"Erzähle uns was passiert ist Eliza. Du hast einen angestauchten Rücken, einen Bluterguss am rechten Arm und dein Rock ist zerissen. Außerdem kämpfst du schon die ganze Zeit mit den Tränen. Nun?"
Ich hätte ihn schlagen können. Mir war wirklich danach, das Verlangen brannte mir regelrecht auf der Brust. Warum konnten die nicht einfach akzeptieren, dass ich nichts sagen wollte? Zu mal Sherlock höchst wahrscheinlich selbst der Grund dafür war, das ich so gehasst wurde. Ich wollte das nicht, wollte, wollte, WOLLTE das nicht!
"LASST MICH IN RUHE!"
Mit einem Ruck befreite ich mich aus Johns Griff, verzog das Gesicht vor Schmerz, als er aus versehen voll auf den Bluterguss drückte und rannte in mein Zimmer, ohne mich noch einmal umzudrehen. Mit einem lauten Knall war die Tür zu und mit einem weiteren landete die Schultasche mit Wucht gegen den Kleiderschrank. Papier und Stifte flogen heraus und verteilten sich auf dem Boden, doch das war mir egal. Ich wollte nicht mehr in diese Schule gehen. Ein Tag hatte gereicht um mir alles zu versauen. Ich war zu dumm für den Unterricht und wurde so sehr gehasst, das ich sogar körperlich angegriffen wurde. Mit einem mal konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich schmiss mich bäuchlings auf das Bett, vergrub das Gesicht in das Kissen und heulte hinein.
Ich musste eingeschlafen sein, denn als ich die Augen öffnete war mein Jacket verschwunden und jemand saß neben mir auf der Bettkante. John musste es irgendwie geschafft haben das Jacket zu entfernen, ohne das ich davon aufgewacht war. Erst jetzt merkte ich, dass meine Bluse hinten hoch geschoben war und etwas kaltes auf meinen Rücken verteilt wurde. John schmierte vorsichtig eine Salbe auf die wunden Stellen, die sowohl kühlend als auch entspannend wirkte. Ich sagte nichts um den Frieden nicht zu stören und schloss wieder die Augen, doch John hatte schon bemerkt das ich wach war.
"Was soll ich nur mit dir machen", sagte der Arzt leise und seufzte. Ich war fast traurig darüber, das er seine Hand wegnahm und die Cremedose in seiner anderen Hand schloss.
"Ich dachte du wüsstest, das du mir vertrauen kannst. Ich mache mir Sorgen um dich. Schon das ganze Wochenende warst du so seltsam drauf. Ich frage die noch einmal Eliza, gibt es etwas worüber du reden willst?"
Jetzt bloß nichts sagen und in Tränen ausbrechen. Reiß dich zusammen und halt die Klappe. Zu gern hätte ich ihn alles gesagt, wirklich, doch es ging einfach nicht. Wenn ich mich seltsam benahm, dann nur aus einem Grund. Und den würde John nicht verstehen. Den verstand ja nicht mal ich selbst.
"Weiß nicht, vielleicht war ich nur schlecht drauf", wich ich dem Thema aus, in der Hoffnung, das diese Erklärung genügte.
"Und was war das heute hier? Hast du Probleme in der Schule? Wirst du geärgert? Bitte Eliza, wenn du mir nichts sagst kann ich dir auch nicht helfen. Und Sherlock übrigens auch nicht, er macht sich auch Sorgen um dich. Es kommt nicht alle Tage vor, das er Verletzungen an seinem eigenen Schützling deduzieren muss."
Darum wette ich.
Ich atmete tief durch, um den Frosch in meinem Hals los zu werden. Fühlte es sich etwa so an, jemanden genug zu bedeuten, das er sich Sorgen machte? Ich wusste es wirklich nicht. In meiner alten Familie gab es sowas nicht, egal wie zerschunden ich nach hause kam oder wie traurig ich war. Niemanden hat es gejuckt wie es mir ging oder ob ich Probleme hatte. Jeder ist sich selbst der Nächste hieß es da. Und nun sollte das nicht mehr so sein? Ausgerechnet in dieser, nun ja, Familie?
Intensiv schaute ich John in die Augen. Sie trotzten vor Wärme, Verlogenheit suchte ich vergeblich in ihnen. Alles was ich in diesem Moment fühlte, war der unglaubliche Drang mich in die Arme dieses Mannes zu stürzen, einfach nur um gehalten zu werden. Langsam richtete ich mich auf und blickte auf die Bettdecke, während ich mir auf die Unterlippe biss. Natürlich musste ich ihm erzählen was passiert war.
"Ich wurde von jemanden geschubst."
Johns Blick verdunkelte sich.
"Von wem?"
"Ich weiß nicht wie sie heißt."
Ich biss mir noch stärker auf die Lippe.
"Eine sie also. War es mit Absicht?"
Langsam nickte ich. Unwillkürlich rückte ich dabei näher an John heran. Sanft legte er seinen Arm um meine Schulter.
"Weißt du auch warum?"
"Nicht wirklich. Sie meinte etwas davon, das sie mir und meiner Familie nie verzeihen könnte. Damit seit wohl ihr gemeint gewesen. Sie hat mich den ganzen Tag mit ihren Freundinnen geärgert und ich weiß nicht warum", sprudelte es aus mir heraus. John drückte mich gegen seine Seite.
"Nun...Sherlock und ich machen uns nicht überall nur Freunde wie du ja weißt. Das entschuldigt aber nicht den Angriff auf dich. Wir werden wohl mit deinem Lehrer sprechen müssen. Ich bin wirklich geschockt."
Auch ich war geschockt, als sich John plötzlich zu mir herunter beugte und mir einen kleinen Kuss auf den Haaransatz gab. Ich lehnte mich darauf hin gegen seine Schulter.
"SHERLOCK!"
Ich zuckte furchtbar zusammen, als John den Namen seines Kumpels rief. Sherlock stand kurz darauf in meinem Zimmer, sein Gesichtsausdruck hatte weiche Züge angenommen. John fragte ihm, ob er jemanden aus meiner Klasse kenne, der etwas mit seinen Fällen zu tun hatte. Er überlegte lang, verneinte aber und scheuchte John aus dem Zimmer. Am liebsten hätte ich mich an ihm festgekrallt, doch so albern war ich dann doch nicht.
Vorsichtig setzte er sich auf das Bett und strich unsicher die Falten aus einen Hosenbeinen. Es war selten den große Sherlock so zu sehen. Was er wohl zu sagen hatte? Er wartete einige Minuten, so als ob er sich absichern wollte, das John auch wirklich außer Hörweite war und räusperte sich dann.
"Was heute vorgefallen ist tut mir wirklich leid Eliza. Es war ein furchtbarer Fehler, dass ich dich so unvorbereitet in die Schule geschickt habe. Ich habe John angelogen, es gibt tatsächlich jemanden in deiner Klasse, die ein Recht darauf hätte sehr wütend auf uns, damit meine ich dich und mich, zu sein."
Meine Augenbrauen wanderten in ungeahnte Höhen, als Sherlock mit weicher Stimme erklärte, was er dummerweise vorher vergessen hatte zu erzählen. Anastasia Harold, das Mädchen, was mich angegriffen hatte, war die Tochter eines angesehenen Bankers in London. Eines Tages kam heraus, das dieser Mann kräftig Dreck am stecken hatte. Sherlock brachte ihn damals dank mir mit einem Mordfall in Zusammenhang, wo sich heraus stellte, das Jonathan Harold tatsächlich der Mörder gewesen war. Er wanderte ins Gefängnis, die Familie ging komplett pleite und seine Frau, Anastasias Mutter, beging Selbstmord. Das Mädchen wuchs seit dem bei ihrer Tante auf, die zwar auch reich, aber ein schlechter Umgang für sie war.
Diese Neuigkeit schlug mir schwere auf den Magen als jeder tonnenschwere Stein es je geschafft hätte. Dieses Mädchen hatte natürlich das Recht darauf sauer zu sein, schließlich ging ihre ganze Familie kaputt, doch natürlich konnte Sherlock es ja nicht zulassen einen Mörder auf freien Fuß zu lassen, egal wie reich oder wie viele Kinder er hatte. Das ich bei der Aufklärung des Falles mitgeholfen haben sollte überraschte mich etwas und machte mich sogar ein wenig stolz. Wenigstens wusste ich jetzt wo der ganze Hass herkam, was die Sache aber nicht unbedingt einfacher machte. Mir wäre es lieber gewesen, wenn es sich um irgendwelche Kleinigkeiten oder Nichtigkeiten gehandelt hätte. Ich konnte Anastasia verstehen, wusste aber nicht wie ich die Sache wieder gerade biegen sollte. Ganz toll.
So wie Sherlock da saß bekam ich erneut das Bedürfniss umarmt zu werden. Doch bei ihm war das ganz anders als bei John, er würde ganz anders reagieren und ob mir gefiel wie war eine andere Sache, die ich schon so gut wie vorhersagen konnte. Trotzdem rückte ich ein wenig zu ihm auf, fasste mir Mut und ergriff seinen Arm. Sherlocks Augen weiteten sich kurz, als er meinen Griff spürte, doch er wich nicht zurück. Auch nicht, als ich mich gegen seinen Oberarm lehnte. Gegen die Schulter ging nicht, dafür war er einfach zu groß.
"Entschuldigung akzeptiert", sagte ich und versuchte dabei die Traurigkeit aus meiner Stimme heraus zu halten. Es war das erste mal, das sich ein Erwachsener bei mir entschuldigt hatte.
Sherlock sagte nichts, ließ einfach meine Berührung zu. Etwas besseres hätte er nicht tun können. Es war, als würde er sich alle meine stummen Sorgen und Nöte anhören und verstehen. Es war ein herrliches Gefühl.
"Du, Sherlock?"
"Hmm?"
"Ich will nicht mehr auf diese Schule gehen"
"Ach Eliza..."
