~Überall nur Ärger~
Anmerkung: Mir gehört noch immer so gut wie nichts! (Schade eigentlich..)
Diese Welt kam mir ohne hin schon wie ein elendiger Traum vor, doch das, was passiert war, setzte der ganzen Sache noch mal ein Krönchen auf. Natürlich war es klar, das es auf keinen Fall gut gehen konnte in diese Schule zu gehen, denn, wie konnte es auch anders sein, war meine Erzfeindin die Tochter eines verurteilen Mörders, den ich natürlich mit ins Kittchen gebracht hatte. Natürlich, wie konnte es auch anders sein. Eigentlich hätte ich mich auf so etwas schon einstellen müssen. Schließlich war nichts gewöhnliches daran, zusammen mit Sherlock Holmes zu leben. Früher oder später zog er jeden in sein Leben, gefüllt mit Seltsamkeiten und Verbrechen. Das alles hörte sich so an, als sei er selbt ein gemeiner Schurke, und wahrscheinlich gab es auch viele die ihn dafür gehalten haben, doch eigentlich versuchte er nur die Gräulichkeiten dieser Welt aufzuklären oder zu verhindern.
Aber mich konnte er doch wohl da raus lassen!
Ich lag die ganze Nacht in meinem Bett wie ein getretenes Hündchen, das nicht einmal wusste, warum es bestraft wurde. Tatsächlich fühlte sich das alles wie eine Strafe an, auch wenn Sherlock Gefühle mir gegenüber gezeigt hatte, die so wohl kaum einer zu Gesicht bekam. Ich konnte mich wahrlich geehrt fühlen. Doch irgendwie tat ich es doch nicht. Es war, als wäre das gar nicht richtig bei mir angekommen. Es brachte zwar nichts, die ganze Nacht Löcher in die Luft zu starren, doch ich konnte einfach nicht einschlafen. Ich hatte sogar vergessen Feli anzurufen oder zu schreiben. Alles was ich wollte war am nächsten Tag nicht in die Schule gehen zu müssen.
Am nächsten Morgen lief der Tagesrythmus weniger schwungvoll ab als einen Tag zuvor. Woran das wohl lag musste ich wohl nicht weiter erklären. Die einzige Hoffnung die mir noch blieb, war, das wenigstens Feli in der Schule auftauchen würde. Von ihr war ich besonders enttäuscht, obwohl sie wahrscheinlich nicht mal nachvollziehen hätte können warum. Schließlich wusste sie ja nicht, das sie mein geheimer Rettungsanker war. Doch das brachte mir natürlich nicht so viel, wenn sie gar nicht da war, logisch. Ich bemerkte, während ich versuchte mir die Socken an zu ziehen, wie ich immer mehr in Gedanken versank, die alle damit zu tun hatten, wie ich die Schule am besten Schwänzen konnte. Doch daraus wurde an diesem Tag nichts. Sherlock schien von meinen Plänen geahnt zu haben. Ein lautes Klopfen an der Tür schreckte ich aus meine Gedanken und brachte mich während des anziehens aus dem Gleichgewicht, sodass ich fast umfiel und mich gerade noch an der Bettkante festhalten konnte.
"Beschwer dich nicht, ich habe geklopft", rechtfertigte sich Sherlock sofort, als er meinen Blick sah. "Du solltest dich beeilen, du bist heute später dran als gestern."
"Was du nicht sagst Sherlock, bist du jetzt nur hier rein gekommen um mir das zu sagen?"
Der Detektiv ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, ungeachtet dessen, ob ich mich zu ende umziehen wollte oder nicht.
"Unter anderem. Eigentlich wollte ich dir sagen, das ich dich heute zur Schule fahre."
Wieder wäre ich fast umgefallen, dieses aber vor staunen. Sherlock und fahren? Mit welchem Auto?
"Du kannst fahren?", fragte ich ihn ziemlich dämlich. Bisher fuhr er doch immer nur mit Taxis.
Sherlock rollte mit den Augen über diese offensichtlich wirklich dumme Frage.
"Natürlich kann ich fahren. In London lohnt es sich nur nicht ein eigenes Auto zu haben. Doch für heute habe ich mir eins geliehen, weil ich es brauche. Also los, beeil dich, wir haben wenig Zeit."
Ganz langsam erhob ich meinen Blick, den ich zuvor auf die Schuhe am Boden gerichtet hatte. Das konnte ja heiter werden.
"Würde ich ja gern, wenn du endlich raus gehen würdest!"
10 Minuten später stand ich mit Sherlock unten an der Straße im hellen Licht der Morgensonne, die sich streifenweise zwischen dicken Regenwolken hindurchdrückte. So wie es aussah, wurde es wohl ein Regentag. Wie passend zu der Stimmung. Das Auto war nichts anderes als ein dicker Geländewagen, der aussah, als konnte er ganze Berge überqueren.
"Was hast du denn mit dem Ding vor, in den Dschungel fahren?", scherzte ich halbherzig, doch Sherlock schien mich gar nicht zu hören. Er blickte überaus konzentriert auf seine Handbewegungen, als er den Wagen aufsperrte. Es schien, als müsste er sich daran erinnern wie man das tat. Ob es wohl schon sehr lange her war, das er das letzte mal mit einem Auto gefahren ist?
"Worauf wartest du noch, steig ein", befahl er selbstgefällig, als wäre er stolz darauf gewesen das Auto aufbekommen zu haben.
Missmutig schmiss ich meine Tasche auf den Rücksitz und ließ mich dann auf den Beifahrersitz nieder. Das ganze Auto wirkte, als sei es drei mal zu groß für uns gewesen, selbst Sherlock konnte gerade noch noch auf die Straße schauen.
"Und du bist sicher, das du das Teil fahren kannst Sherlock? Sherlock?"
Dieses mal schen ich ihn aus seinen Gedanken gerissen zu haben. Vorwurfsvoll blickte er mich an.
"Ein bisschen mehr Vertrauen wenn ich bitten darf."
Das war das letzte, was ich auf der gesamten Fahrt zur Schule von ihm zu hören bekam. Die Fahrt war viel zu kurz und trotz meiner Bedenken wäre ich viel lieber mit Sherlock zu seinem neuen Fall gefahren, als in das Höllengebäude zu gehen.
Sherlock parkte am Straßenrand und wartete darauf, das ich endlich aus stieg.
"Na dann los, einen netten Tag wünsch ich."
"Ich mir auch", murmelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart und öffnete die Tür. Ich musste regelrecht aus dem hohen Wagen springen, doch ich bemühte mich so cool wie möglich zu wirken, schließlich standen wir vor der Schule. Und die Gruppe an Teenagern am Eingang konnte ich schon sehen. Mir wurde richtig übel, die Kälber vom Vortag standen auch dabei. Langsamer als nötig holte ich meine Tasche vom Rücksitz, während Sherlock gegen das Lenkrad trommelte.
"Soll ich dich rein bringen?"
Tatsächlich wusste ich nicht, ob das sarkastisch gemeint war oder nicht. Sherlock blieb toternst, als er mich durch den Rückspiegel aus anssah. Schnell schüttelte ich den Kopf.
"Lieber nicht, bis später."
Ohne mich noch einmal umzudrehen ließ ich schnurstracks auf den Eingang zu. Als mich die Blicke der Teenager trafen, kamen plötzlich alle schlechten Gedanken auf ein mal zusammen. Sah ich komisch aus? Lief ich komisch? Schaute ich seltsam oder zu aufdringlich? Noch bevor ich die Tür erreichen konnte, plärrte eine Stimme von hinten.
"Wie süß, wurdest du von Papi gebracht?"
Ich erkannte Anastasia, die mit aufgesetzt entzückten Blick hinter mir stand. Ich drehte mich nicht um, aber ich konnte ihren Atem im Genick spüren. Ich versuchte sie zu ignorieren, doch das schien es noch schlimmer zu machen.
"Wie ich es schon sagte, nichts dahinter bei dieser Schlampe. Erst das Leben anderer zerstören und jetzt nicht mal das Maul aufreißen können."
Das brachte Zustimmung der anderen ein. Ich versuchte noch immer die Tür aufzumachen, das Anastasia war schneller. Geschwind drückte sie die Tür zu und trat mir mit voller Wucht gegen das Schienbein. Es tat so weh, das ich fast in die Knie gegangen bin. Die anderen lachten und jolten, meinten, das ich ohne meinem Beschützer nichts weiter wäre als eine falsche Kakerlake, die man zertreten müsste.
Genau in diesem Moment brüllte jemand über den ganzen Schulhof. Das erste was ich durch Tränen verschleierten Augen sah, war ein schwarzer Mantel, der in hoher Geschwindigkeit über den Schulhof wirbelte. Dann verschwand der Griff Anastasias, die ihre Hand die ganze Zeit über auf meinen Arm gelegt hatte. Sherlock hatte sie gepackt, herum gerissen und gegen die Mauer des Schulgebäudes geknallt. Er kam ihr jetzt ganz nah, der Griff mit Sicherheit schmerzhaft um ihren Arm gekrallt, der ungelenk gegen ihren Rücken gedrückt wurde.
"Fass. Sie. Nicht. An", flüsterte er bedrohlich leise. Anastasia versuchte sich gegen den Griff zu wehren, doch Sherlock knallte sie zur Unterstützung noch ein mal gegen die Wand. "Ich warne dich, noch ein mal und dein Vater wird nicht der einzige sein, der große Probleme hat. Ihr da hinten, verschwindet sofort, sonst hole ich die Lehrer", rief Sherlock nach hinten. Es dauerte nicht mal eine Minute, bis alle verschwunden waren. Mein Bein pochte noch nach und Anastasia konnte sich noch immer die Rillen in der Wand anschauen.
So geschmeidig wie er angegriffen hatte, lies Sherlock das Mädchen wieder los und schickte sie mit einem Blick des Todes in ihr Klassenzimmer. Sie schenkte mir keinen Blick, als sie an mir vorbei durch die Tür marschierte. Mir war, als würde mir die Luft weg bleiben. Was war das denn bitte? Hatte Sherlock gerade tatsächlich ein Mädchen angegriffen, um mich zu verteidigen? Ist er etwa absichtlich länger stehen geblieben, um zu sehen, ob ich schikaniert wurde oder nicht?
Ein einziger Blick von Sherlock reichte aus, um genau das zu bestätigen. Ich hätte wahrhaft heulen können.
"Wie geht es dir?", fragte er mich, als wenn das nicht offensichtlich gewesen wäre. Ich wusste nicht, ob ich ihn danken oder verfluchen sollte. Ich glaubte nämlich nicht daran, das er dadurch meine Situation verbessert hatte. Ganz im Gegenteil. Sherlock hatte eine Spur zu dick aufgetragen, doch das konnte ich ihn so nicht sagen. So undankbar war ich nicht.
"Geht schon. Das war...ziemlich krass."
Sherlock zog eine Augenbraue in die Höhe und atmete tief aus. Eine kleine Wolke trat aus seinem Mund aus, die zeigte, die kalt es schon geworden war zu dieser Jahreszeit. Ich merkte davon nichts. Mir war heiß vor Scham, Verwirrung und Unglaube.
"Irgendjemand musste sie ja mal zurecht weisen. Ich glaube, ich sollte dir Kampftraining geben."
Scheiß auf Undankbarkeit.
"Kampftraining? Hast du sie noch alle? Du hättest ihr den Arm brechen können!"
Sherlock sah tatsächlich etwas verletzt aus, als ich das sagte. Mit wehenden Mantel drehte er sich um und setzte an zum gehe.
"Dann werde ich dir eben nicht mehr helfen. Ich dachte nur, dass ein Kind wie du es bist so etwas von mir in meiner...Position erwartet."
Ich wusste genau was er damit meinte, auch wenn er es so verschleiert ausgedrückt hatte. Plötzlich tat es mir wieder leid ihn beschuldigt zu haben.
"Ich meine doch nur, dass man das auch hätte mit Worten regeln können!", rief ich ihn hinterher, doch Sherlock war schon fast wieder am Wagen. Ich fühlte mich so undankbar wie noch nie. Meine Meinung stand zwar fest, aber so hätte ich es vielleicht nicht sagen sollen.
"Wieso, hat SIE etwa Worte benutzt um dich zu treten?"
Sherlocks Stimme hallte das letzte mal über den Schulhof, bevor er in den Wagen stieg und die Tür zuknallte. Als er weg fuhr stand ich noch immer da und schaute ihm hinterher.
Der zweite Schultag entpuppte sich für mich als reines Versteckspiel. Die meiste Zeit, wenn kein Unterricht statt fand, verbrachte ich in den verschiedenen Toiletten des Schulgebäudes. Einmal saß ich sogar so lange in eine Kabine, bis das automatische Licht ausging. Ich fühlte mich wie auf der Flucht. Ich traute es Anastasia und ihrer Crew sogar zu, das sie mich noch vor den Augen der Lehrer angreifen würden. Ich wollte sie unter keinen Umständen sehen. Vielleicht war das feige, doch das war mir egal. Flashbacks meines alten Lebens tauchten auf und gruben die ganzen schlechten Gefühle aus der Schulzeit wieder aus, die ich damals erfolgreich vergraben hatte. Die Angst, sich verstecken zu müssen um nicht hören zu müssen wie die anderen über einen redeten. Die Hilflosigkeit, wenn bei Gruppenarbeiten keiner mit einem arbeiten wollte oder in Sport, wo man immer zum Schluß gewählt wurde, weil sie schließlich keine andere Wahl hatten als mit einem zusammen zu spielen. Dieses Gefühl nichts wert zu sein aber gleichzeitig nicht zu wissen warum. Waren die anderen denn wirklich besser als ich? Warum mochten sie mich nicht? Sollte ich mich verändern? Das waren die Probleme eines typischen Aussenseiters, eine Rolle, die mir auf den Leib geschneidert war.
Früher war es so, das ich gemieden wurde, weil ich aus einem Haushalt stammte, der das Geld nicht von dem Bäumen pflücken konnte. Ich trug einfache Sachen, hatte einfaches Schulzeug und so weiter. Das reichte schon aus um mich zu schickanieren. Irgendwann hieß es die hat doch eh nichts drauf, ist genau so dumm wie ihre Hartz 4 Eltern. Zu meinem Leidwesen war ich sehr schlecht in Mathe und stellte mich manchmal wirklich dumm an, was noch Öl ins Feuer goss. Jede Klasse hat ihre Elite und ich gehörte noch nie dazu. Egal in welcher Schule ich war, das Trauerspiel war immer das gleiche, wenn auch manchmal aus unterschiedlichen Gründen. Manchmal wusste ich noch nicht einmal warum die anderen mich nicht mochten und antworten bekam ich auch nie. Ich erinnerte mich an die Momente, wo ich den anderen sehnsuchtsvoll hinterher blickte, wenn sie mit ihren Freundinnen herum alberten und durch die Gegend zogen, sich über Dinge unterhielten von denen ich keine Ahnung hatte. Egal wie oft ich es versuchte Anschluss zu finden, eine Chance bekam ich nie. Dann kam die Berufsschule und alles wurde anders, ich bekam Freunde und ich war glücklich.
Und jetzt war ich hier. Drei Jahre jünger und in dem selben Mist, aus dem ich es geschafft hatte zu flüchten. Die einzige Freundin die ich offentsichtlich hatte war nicht da und ich saß auf dem Klo. Perfekt.
Gerade als ich die Tür meines Kabine aufschließen wollte um zu den letzten Schulstunden zu gehen, fluchte jemand heftig aus der Kabine daneben. Das kam so unerwartet, das ich zusammen zuckte. Im nächsten Moment kam mir durch den Spalt unter der Trennwand eine Toilettenpapierrolle entgegen gerollt. Das Ende des Papiers wurde offenbar von der fluchenden Stimme festgehalten.
"Sorry, kannst du die bitte wieder zurück rollen?", fragte mich die Stimme auf der anderen Seite peinlich berührt. Natürlich tat ich ihr den Gefallen, warum auch nicht?
"Danke!", kam es wieder, gefolgt von rascheln, was mich aber gar nicht interessierte. Die Stunde fing fast an, also sperrte ich endlich auf und wusch mir obligatorisch die Hände. Die Toilettenpapierschmeißerin tauchte auch plötzlich auf und stellte sich an das Waschbecken daneben. Peinlich berührt grinste sie mich an, als ich sie ansah. Sie war etwas größer als ich, hatte leicht gebräunte Haut, dunkelbraune Augen und dicke, gelockte braune Haar, die sie zu einem Zopf zusammen gebunden hatte. Sie schien nett zu sein, was an dieser Schule schon ein großes Wunder war. Ich lächelte zurück.
"Hey, äh, gehst du zufällig in die elfte Klasse?", fragte das Mädchen plötzlich, kurz bevor ich mich zum gehen wandte. Na toll, was sollte das denn werden? War ich jetzt schon Schulgespräch?
"Äh, ja", antwortete ich vorsichtig. "Warum?"
Aus irgendwelchen Gründen schien das Mädchen sehr erleichtert zu sein. Ein großes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus, das mich wundern ließ.
"Gott sei dank, du bist heute die erste aus der elften die ich antreffe! Ich komme morgen in eure Klasse, ich bin gerade hier weil meine Mutter beim Direktor ist um die letzten Unterlagen zu unterschreiben. Ich bin Sarah."
Pflichtbewusst, so , als ob sie es einstudiert hätte, streckte sie mir ihre Hand entgegen. Ich schüttelte sie, obwohl sie noch nass war. Da war wohl jemand nervös? Ich sah augenblicklich die Chance eine Freundin zu finden. Diese Sarah wirkte sehr nett auf dem ersten Eindruck.
"Eliza", antwortete ich freundlich und wischte mir die Hand so unauffällig wie möglich an meinem Rock ab. Sarah sah es trotzdem und wurde rot.
"Sorry", murmelte sie, " Ich muss zurück zu meiner Mutter. Bis morgen also."
"Ja, bis morgen. Halt, warte mal!"
"Ja?"
Mir war wieder eingefallen, was Sarah vorhin erwähnt hatte.
"Wo sind denn die anderen aus der Elften?"
Sarah zuckte mit den Schultern.
"Einer sagte nur, sie wären beim Raucherversteck. Keine Ahnung wo das ist. Tschau!"
Mit diesen Worten war sie wirklich weg. Ich blickte stutzend in den Spiegel. War es normal, das die alle dort waren? Ob das wohl immer so war, oder ob die was im Schilde führten? Ich schimpfte mich paranoid und verließ das Badezimmer.
Natürlich, so wie es kommen musste, kam ich zu spät zum Unterricht. Ich hätte es von der Zeit her gerade noch geschafft, doch der Raum wurde mit einer anderen Klasse getauscht, was ich allerdings nicht wusste. Die anderen offentsichtlich schon, aber natürlich hatte mir keiner etwas gesagt. Und so schlich ich mit hochroten Kopf zu meinem Platz, während die Mitschüler tuschelten und der Lehrer meckerte wie eine Ziege. Er meinte sogar, das ich mich in letzter Zeit seltsam benehmen würde und das er wohl meine Eltern anrufen müsste. Beinahme hätte ich ihn angebrüllt, das er dazu aber eine gute Leitung zum anderen Paralleluniversum bräuchte.
Die Drohung des Anrufes ging dennoch nicht spurlos an mir vorbei. Ich hoffte Hände ringend auf die Vergesslichkeit des Lehrkörpers, die immer dann anzutreffen ist, wenn leere Drohungen ausgesprochen werden. Die Finger kreuzent wartete ich auf den erlösenden Gong und ließ dabei die Physik Stunden an mich vorbei ziehen. Ich verstand sowieso nur die Hälfte davon.
Am Ende dieses seltsamen Schultages schaffte ich es tatsächlich den Bus zu nehmen, der nicht weit entfernt der Baker Street anhielt. Die Fahrt blieb verhältnissmäßig ruhig, denn die brutale Gang schien nach hause gelaufen zu sein. Um so besser, die paar Minuten Ruhe waren echt eine feine Sache.
Natürlich musste ich mich erst einmal mit den englischen Bussen vertraut machen. Im Grunde genommen gab es nicht so viele Unterschiede im Vergleich zu den Bussen meiner alten Realität, was aber entschieden anders war, war die Geschwindigkeit, mit der die Busfahrer von einer Haltestelle zu anderen fuhren. Wenn du eine Minute unaufmerksam warst, befandest du dich plötzlich am anderen Ende Londons, obwohl du nur zur Stadtmitte wolltest. Gott sei Dank war ich so aufgeregt, das ich meine Haltestelle erwischte und nach hause laufen konnte, ohne Ewigkeiten auf den Straßen herum zu irren.
Meine Freude über die geglückte Fahrt hielt nicht lange an, als ich die Wohnungstür von 221b aufmachte und dem wütenden Gesicht von John begegnete. Er schien nur auf mich gewartet zu haben, wie er da stand, knapp an der Tür und mit dem Handy in der Hand. Das konnte nichts gutes bedeuten. Eigentlich hatte ich schon eine gute Vorstellung davon, was der ernste Arzt von mir wollte. Das Vertrauen in die Vergesslichkeit der Lehrer war dahin.
"Sehr gut, das du daheim bist Eliza. Ich hoffe, du hast eine Minute?"
Diese geschmeidige Falschheit hatte ich eigentlich eher von Sherlock erwartet als von dem gutmütigen John. Ich schluckte hörbar schwer und merkte, wie die Hitze meinen Wangen empor kroch. Das bedeutete nichts anderes, als das ich unweigerlich rot im Gesicht wurde. John hatte mich schon am Hacken, noch bevor ich mich verteidigen konnte. Mir blieb nichts anderes übrig als schief zu grinsen.
"Darf ich vorher meine Tasche wegschaffen?" Ich versuchte nicht aufsässig zu klingen und offensichtlich hatte ich das auch geschafft, denn John ließ mich gewähren. Ich ließ mir doppelt so viel Zeit wie nötig gewesen wäre, um die Tasche auf meinen Schreibtischstuhl zu stellen. Ich kam mir vor wie ein Schuldiger auf dem Weg zur Exikution. John wusste nicht von meiner Situation bescheid, was nichts anderes bedeutete, als das ich sagen konnte was ich wollte und es würde doch nichts bringen. Es war einer vieler aussichtslosen Kämpfen, die ich in dieser Zeit bestreiten musste. Diese Zeit nannte ich später "Die Anlaufphase."
Doch diese Bezeichnung brachte mir in diesem Moment noch gar nichts. John saß mit übereinander geschlagenen Beinen in dem Sessel, der zur Tür ausgerichtet war. Unwissend, was zu tun war, setzte ich mich in den anderen, während sein Blick mich verfolgte.
"Hast du schon eine Ahnung, über was ich mit dir reden will?", fragte John ernst, aber noch nicht unfreundlich.
"Bin mir nicht ganz sicher."
John räusperte sich und setzte sich gerade hin, während ich unsicher im Raum hin und her sah, als wenn ich nach einem Ausweg gesucht hätte.
"Dann werde ich dir auf die Sprünge helfen. Ich habe vor nicht mal einer Stunde einen Anruf von deinem Lehrer erhalten. Er sei besorgt, weil du dich in letzter Zeit sehr seltsam benehmen würdest und auch ständig zu spät kommst. Außerdem sollst du dich in den Pausen vor den Anderen verstecken. Ist das richtig?"
Mir wurde auf Schlag knall heiß. Das mit dem zu spät kommen und dem seltsamen Benehmen konnte ich ja noch verstehen, schließlich war es ja wirklich so, aber die Tatsache, das einer oder gleich mehrere Lehrer meine Flucht auf die Toilette bemerkt hatten, alarmierte mich extrem und hielt mich dazu an, das nächste mal vorsichtiger zu sein. Wenn es denn ein nächstes mal gab, denn es würde mit Sicherheit sehr peinlich werden in der Nähe der Lehrer und John blickte mich auch so an, als wollte er mich einsperren. Auf ein mal fühlte ich mich so hilflos, denn schließlich hatte ich wirklich keine Ahnung was ich tun sollte.
"Ich..ich weiß auch nich", antwortete ich wage und beobachtete bei John, wie seine Gesichtszüge weicher wurden. Offensichtlich zog die unsichere Schiene bei ihm.
Leicht rückte er nach vorn und legte eine Hand auf mein Knie. Ich starrte sie an, als wäre sie grün gewesen.
"Ich habe auch schon gemerkt, das mit dir etwas nicht stimmt Eliza. Ich mache mir Sorgen und möchte, das du mit mir redest wenn etwas nicht in Ordnung ist. Du weißt, ich bin für dich da und-"
"Ja ich weiß", schnitt ich ihm das Wort ab. "Das hast du mir schon gesagt. Aber ich glaube nicht, das du mir helfen kannst."
Ich empfand es gut, jetzt zumindest die halbe Wahrheit zu sagen. "Ich muss das allein regeln", fügte ich hinzu bei dem Gedanken, was Sherlock eher an diesem Tag gemacht hatte. Johns Blick verdunkelte sich auf unangenehme weise.
"Wenn du Hilfe von einem Spezialisten brauchst-"
"Nein!"
Johns Hand rutschte von meinem Knie, als ich aufsprang. Mir kam alles so sinnlos und dumm vor. Ich hatte Probleme, für die ich noch nicht mal verantwortlich war, kam damit nicht zurecht und konnte nicht nach Hilfe bitten. John wusste von nichts und Sherlock machte alles nur noch schlimmer. Ich wollte nur noch raus, die unsichtbare Wand durchbrechen und zurück in meine eigene Welt kehren, dort, wo es zwar trist, aber gewohnt war. Da wusste ich wer ich war und wo ich hin gehörte. Hier fühlte ich mich nur wie ein schlecht bezahlter Schauspieler, der seinen Text nicht konnte.
Ohne es wirklich wahr zu nehmen, trugen mich meine Beine nach draußen, so wie am ersten Tag gleich nach meiner Ankunft. Doch dieses mal stand kein Sherlock hinter mir, der mich aufhielt. Niemand lief hinter mir her oder stellte sich vor mich, frei konnte ich durch die Straßen irren. Laufen, einfach nur laufen und den Kopf leer bekommen. Mir war es egal wohin ich lief, nicht einmal die Kälte spürte ich, die in der Luft hing.
Wie von selbst landete ich irgendwann in einem Teil der Stadt, der alles andere als schön war. Die Häuser waren alt und teilweise kaputt, auf den Straßen lag Müll und in den Schatten der Straßenlaternen standen zwielichtige Gestalten. Ohne nach links oder recht zu schauen, lief ich weiter, bis ich an einem großen Hochhaus angelangte, das wie ein verlassenes Bürogebäude wirkte.
Ich wusste nicht warum, aber dieses Ort kam mir seltsam bekannt vor.
