~Die Ausreißer~
Anmerkung: Mir gehört noch immer so gut wie nichts ;)
Wie von einer unsichtbaren Macht angetrieben kam ich dem Gebäude immer näher, das im schwachen Schein der alten Straßenlaternen bedrückend wirkte, genau so, wie der Rest der Umgebung. Ich wusste nicht, was ich mir erhoffte von der Flucht und von dem Gedanken, in dem verlassenen Gebäude unter zu kommen. Mein Kopf glich einem ausgezuselten Luftballon, der gnadenlosen Kinderhänden ausgesetzt war. Es war, als würde ich nichts selbst bestimmen können, als sei alles schon voraus geplant. Ein gemeiner und durchdachter Streich des Schicksals.
In dem Gebäude pfiff der Wind unangenehm durch die Ritzen der halb vermoderten Fenster. Überall knackte und stöhnte es, als wollte sich das Haus selbst über die Ungerechtigkeit des alt werdens beschweren. Es hatte mehrere Stockwerke und von oben waren leise Geräusche zu vernehmen, die von anderen Menschen stammten. Voller Furcht flüchtete ich mich in die Ecke eines Zimmers im Erdegschoß wie ein kleines Kind, das Angst hatte vor der Dunkelheit. Die war es nicht, die mir zu schaffen machte. Es war viel mehr die Ungewissheit vor dem Unbekannten, das in jeder Ecke lauern konnte. Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr wie in der Hauptstadt Englands, sondern wie in meinem kleinen, persönlichen Alptraum. Es war und blieb unmöglich, das ich dort war, in dieser Welt, mit diesen Personen. Es entsprang meiner Fantasie, aber wiederum auch nicht. Es war gleichermaßen verwirrend wie verstörend. Und ich sah kein Licht am Ende des Tunnels, keinen Ausweg, wie ich das alles beenden konnte.
Müde und erschöpft rutschte ich an der Wand entlang nach unten und ließ mich mit einem sanften Knall auf den Boden fallen. Zusammengekauert saß ich im Schatten der Dunkelheit und zitterte. Hätte ich nur nicht meine Jacke vergessen. Irgendwie wartete ich darauf, das jemand kam um mich zu holen. Doch es kam niemand.
Schlafen konnte ich in dieser Situation auf keinen Fall. So sehr ich es auch versuchte, meine Augen ließen sich einfach nicht schließen. Vielleicht war das eine Schutzreaktion? Dort gab es bestimmt etwas, vor was ich mich schützen musste. Plötzlich unterbrach das Knarren der Stufen im Flur die drückende Stille, die sich langsam ausgebreitet hatte. Jemand lief durch das Haus, und kam auf mich zu. Ich konnte es zwar nicht sehen, doch ich spürte es. Reflexartig schlug ich die Arme vor das Gesicht, als sich vor mir ein Schatten bildete, der regungslos stehen blieb. Im nächsten Moment war ich eingehüllt von dem Licht einer grellen Taschenlampe.
"Schau an, ne Neue." Am Türeingang stand ein abgemagertes Mädchen mit Piercings im Gesicht und Rastalocken. Sie sah sehr mitgenommen aus, schien sich aber in der Umgebung, in der sie sich bewegte, sehr gut aus zukennen. "Wenn du hier pennen willst, musst du dich bei mir anmelden, ist das klar?"
Die Stimme des Mädchens, das nicht viel älter als ich zu sein schien, war rauchig und rau, wie die einer Raucherin. Sie sah allerdings so aus, als hätte sie noch ganz andere Sachen genommen. Langsam rappelte ich mich auf und blinzelte gegen den Lichtkegel der Taschenlampe an. "Ich bin nur aus Zufall hier", bekam ich heraus. Das Mädchen lächelte spöttisch.
"Genau so siehst du auch aus. Weshalb bist du weg gerannt, weil Papi und Mami dir kein Pony kaufen wollten?" Langsam ging sie mir auf die Nerven.
"Selbst wenn würde es dich nichts angehen."
"Ganz schön große Klappe. Gefällt mir. Komm mit, ich zeig dir die anderen."
Die 'Anderen' waren eine Gruppe von Ausreißern, die im ersten und zweiten Stock aufgeteilt auf alten Matratzen und Papkartons schliefen. Einige von ihnen sahen sehr jung aus, während andere wohl in meinem Alter und älter waren. Ich fragte mich warum die wohl alle da waren, stellte aber keine Fragen. Ich fürchtete mich davor, zusammen mit dieses Leuten die Nacht zu verbringen. Überall auf dem Boden lagen Spritzen und in der Luft hing ein widerlicher Geruch. Ein Mann im Rentneralter fand mich besonders sympatisch. Als er mir mit seinem langen, schmutzigen Bart immer näher kam, reichte es mir endgültig. Ich sah, das ich so schnell wie möglich wieder da raus kam. Niemand hielt mich auf und ich wurde das Gefühl nicht los, das mir ein paar sehnsüchtig nachgeschaut hatten. So, als wollten sie auch nach hause gehen.
Zurück auf der Straße versuchte ich mich verzweifelt an den Heimweg zu erinnern. Als ich weg gerannt war, hatte ich nicht darauf geachtet in welche Straßen ich eingebogen war. Und die Dunkelheit tat sein Übriges die Orientierung zu verlieren. Ich schaffte es mit Müh und Not auf einen Weg zu kommen, der mich zur Baker Street führte. Es dauerte lange und als ich endlich da war, war ich sehr müde und erschöpft. Tausende male ging es mir durch den Kopf was ich mir hatte einfallen lassen einfach so weg zu rennen. Ob John nach mir gesucht hatte? Ob Sherlock wohl wieder daheim war? Und was das aller wichtigste war: Wollte ich ihre Reaktion auf meine Flucht erfahren?
Ich bekam nicht einmal die Chance dazu einen Fuß in die Wohnung zu setzten, als mich eine mächtige Ohrfeige traf. Ich sah Sterne vor den Augen, als ich meinen Kopf wieder nach vorn drehte und John sah, der furchtbar aussah. Müde, angestrengt und vor allem erschöpft stand er da und sah zu, wie ich meine Wange rieb. Ich kam nicht mal auf die Idee zu protestieren. Ich hätte mich ja selbst schlagen können.
"Mach das nie wieder."
Mit diesen Worten wurde ich in eine Knochen brechende Umarmung gezogen. Wieder war ich den Tränen nahe und konnte sie nicht zurück halten.
"Weißt du überhaupt, was für Sorgen ich mir gemacht habe? Ich habe dich überall gesucht! Oh Gott.."
Ich weinte nun noch mehr und ließ mich von John zur Couch führen. Ich weinte vor Angst, Ungerechtigkeit und Verwirrung. All das, was ich niemanden erklären konnte und doch rauslassen musste. Warum nur geschah das alles, warum? Unwillkürlich drückte ich mich enger gegen John, der nun neben mir auf der Couch saß. Meine Tränen ruinierten wahrscheinlich seinen heiß geliebten Pullover, doch es störte ihn nicht. Zumindest sagte er nichts dazu.
Diese Nacht war so prägend, das ich sie nicht mehr vergessen konnte. Das lag weder an der Standpauke noch an den Schlag, sondern weil ich es endlich schaffte meine Gefühle rauszulassen. Doch das John nicht wusste, was mich dazu bewegt hatte, störte mich immens. Als Sherlock am nächsten Morgen in der Tür stand sprang ich ihn regelrecht an den Hals. Es dauerte keine fünf Minuten, bis der Detektiv heraus gefunden hatte, was mit mir los war.
"Schlechte Nacht?", fragte er, während er sich zu mir herunter beugte. Ich nickte nur und ging dann in mein Zimmer, um mich für die Schule fertig zu machen. Zu meiner Überraschung folgte er mir. Leise schloss Sherlock die Tür, als wir in meinem Zimmer waren. Mit großen Augen blickte er mich erwartungsvoll an. Offenbar hatte ihn sein neuer Fall so entspannt, das er wieder zugänglich für andere Dinge war.
"Erzähl mir was passiert ist."
Seufzend setzte ich mich auf das Bett und erzählte Sherlock alles, was vorgefallen war. Er hörte aufmerksam zu und setzte sich dann auch.
"Verstehe, es war unvermeidbar, das es so kommen musste. Das John von nichts weiß erschwert die Angelegenheit sehr. Was sollen wir also deiner Meinung nach tun?"
Überrascht blickte ich zu ihm auf.
"Warum fragst du mich das?"
Plötzlich hatte Sherlocks Blick etwas seltsames angenommen.
"Weil es dein Leben ist, von dem wir da reden. Ich habe verstanden, das das, was ich an der Schule getan habe nicht richtig war. Das hättest du allein machen müssen Eliza."
Wortlos senkte ich den Blick und stützte das Kinn in meine Handflächen.
"Ich weiß einfach nicht mehr was ich machen soll. Aber als ich gestern die Obdachlosen gesehen habe, wusste ich, das es mich noch viel schlimmer hätte erwischen können. Und Johns Reaktion...ich bin überfordert Sherlock. Wollt ihr mich denn wirklich hier haben? Wenn ja, warum? Ich habe mit euch doch überhaupt nichts am Hut!"
Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, wie Sherlock langsam nickte.
"Du hast Recht, aber so ist nun mal das Schicksal. Eine höhere Macht, wenn du so willst. Auch wenn es mir schwer fällt das zu sagen."
Seuftzend ließ ich mich nach hinten auf das Bett fallen und starrt die Decke an. Sherlock blieb sitzen und beobachtete mich dabei, wie ich nachdachte.
"Sherlock?"
"Ja?"
"Das Schicksal ist ein Arschloch."
Das erste mal seit meiner Ankunft hörte ich Sherlock aufrichtig lachen.
