~Felizitas Geschichte~
Anmerkung: Wie immer gehört mir fast nichts!
Wie hätte ich ahnen können, das ich mir schon sehr bald nicht nur Gedanken über mein eigenes Leben machen musste. Der Schultag schien anzufangen wie immer. Ich fuhr mit dem Bus, der dieses mal deutlich voller mit Schülern war, und schlich auf dem Schulweg herum, um der Zickengruppe aus dem Weg zu gehen. Dieses mal gelang es mir recht gut und so schnell wie möglich machte ich mich auf den Weg zum Klassenzimmer. Als ich die Tür erreichte, blieb ich jedoch wie erstarrt stehen. Mein Herz schien ein mal ausgesetzt zu haben, als ich am Lehrertisch niemand geringeren als Mark Owen sah, der angespannt mit dem Lehrer redete. Ich kannte den Mann, der in dieser Welt der Vater meiner Freundin Feli war und den ich in meiner alten Welt im Radio hörte. Dann war es also wahr, auch er war hier in diesem seltsamen Käfig der Fantasie gefangen. Ich fühlte mich wie benebelt, als ich in den Raum trat und meinen Blick nicht abwenden konnte. Ob er wohl wegen Felis fehlen in der Schule war?
Er war ein etwas kurz geratener, sehniger Mann mit leichter Sturmfrisur und einem Gesicht, das von den Falten des Alters und des Stresses nicht verschont geblieben war. Er wirkte vollkommen ernst, fast schon bedrückt und als sein Blick mich traf, wusste ich, das etwas schlimmes geschehen war.
Die neidischen Blicke der anderen hefteten sich an mich, als Mark auf mich zukam. Ich stand wie ein Häufchen Elend an meinem Platz und schluckte schwer. Gern hätte ich die Aufmerksamkeit mit den anderen geteilt.
"Du bist Eliza, nicht war? Felis Freundin."
Ich nickte und bemerkte dabei, wie Mark den Satz ausgesprochen hatte. So, als wenn ich Felis einzige Freundin war.
"Kannst du bitte kurz mit mir auf den Gang kommen? Das ist mit dem Lehrer abgeklärt."
Spätestens jetzt wusste ich, das etwas furchtbares passiert sein musste. Als ich zusammen mit dem Musiker den Raum verließ, brummte mir der Schädel und alles schien sich zu drehen. Ich war einzig und allein darauf konzentriert mich nicht zu übergeben, als wir endlich draußen standen. Marks Blick war unangenehm und beruhigend zugleich, obwohl ich nicht einmal wusste, was passiert war.
"Du bist Felis einzige Freundin, deshalb dachte ich, das es besser sein wird dir davon zu berichten. Feli ist im Krankenhaus. Sie hat versucht sich umzubringen."
Der Boden tat sich auf und verschluckte mich mit Haut und Haar. Regungslos stand ich da, unfähig etwas zu sagen. Wieder kam die Frage auf: Warum? Warum geschahen nur all diese furchtbaren Dinge? Wer hat versucht, mir auch noch meine einzige Freundin weg zu nehmen?
Nur ganz langsam drangen Marks Worte in mein Hirn und ließen mich reagieren. Meine Gefühle nahmen Überhand, ließen mich nicht selbstständig zu Wort kommen. Mehrmals schnappte ich nach Luft und dachte trotzdem ersticken zu müssen. Es war, als hätte Mark gesagt, das Feli bereits tot war. Und da war auch wieder die Ungerechtigkeit. Was ging in dem Mädchen vor, das sie dazu bereit war sich selbst das Leben zu nehmen? Ich verstand nichts mehr. Das hatte ich mir bestimmt nicht ausgedacht.
"Was...wie..warum?"
Mark legte seine Hände auf meine Schultern, ohne das ich es wirklich spürte. Schon fast dumm starrte ich in sein Gesicht, ohne es wirklich wahr zu nehmen. Alles was ich sah waren seine Augen, die aussahen wie die seiner Tochter.
"Du kannst sie später besuchen gehen, ich kann dich auch fahren wenn du willst. Ich gebe dir meine Nummer. Tut mir leid, das ich dir das jetzt gesagt habe. Das hätte ich vielleicht nicht tun sollen."
Ich hätte ihn an liebsten angeschrien. Er hatte verdammt noch mal recht. Hätte es nicht gereicht mich erst später darüber zu unterrichten? Nein, so war mein Tag gelaufen. So konnte ich mich auf keinen Fall mehr konzentrieren, egal auf was.
Wenig später ließ ich mich entschuldigen. Der Lehrer, Mr. Hopkins, verstand es und sah mich mitleidig an. Es war nicht einmal Mittag, als ich Mark anrief um mit ihm ins Krankenhaus zu fahren. Er schien nicht einmal überrascht gewesen zu sein, das ich mich so kurz darauf schon meldete.
Er saß am Lenkrad wie ein Geist, als ich in sein großes Auto einstieg. Ihm ging es schlecht, sehr schlecht. Schlimmer, als ich es wahrscheinlich je hätte spüren können. Erst war die Fahrt still, dann fing Mark an zu fragen, was wir denn immer so gemacht hatten, wenn wir draußen unterwegs waren. Er sprach liebevoll von seiner Tochter, vorsichtig, so als hatte er Angst sie mit einem falschen Wort zu verlieren. Ich versuchte seine Fragen so gut wie möglich zu beantworten, auch wenn ich selbst nicht sehr viel wusste. Mark wirkte verloren und zerstreut. Ein Zustand, den ich nachvollziehen konnte. Und doch konnte ich es nicht lassen, die Frage nach dem Warum zustellen.
"Ich kann verstehen, wenn Sie mir das nicht sagen können oder wollen, aber warum hat Feli überhaupt versucht sich...etwas anzutun?"
Die Frage hing schwer in der Luft und fast schon rechnete ich damit, sie nicht beantwortet zu bekommen, als Mark schwer ausatmete und zu reden begann.
"Schuldgefühle. Sie gibt sich die Schuld daran, ihre Mutter nicht aufgehalten zu haben, als diese betrunken auf die Straße lief. Dabei hab ich ihr doch so oft gesagt, das sie daran nichts ändern konnte, verdammt!"
Mark schlug auf das Lenkrad ein. Plötzlich fühlte ich mich, als wenn ich in einen sehr intimen Moment hineingestolpert war. Mark biss die Zähne zusammen und versuchte so gut wie möglich den Blick auf die Straße halten zu können. Doch er war noch nicht fertig mit reden.
"Woher hätte ich denn wissen sollen, das ich eine Tochter habe? Ich hätte sie doch schon viel eher aus diesem Elend geholt, das hätte alles nicht passieren dürfen. Warum hat sie mir nicht gesagt, das ihr alles zu viel geworden war?", sprach er verzweifelt, ohne auf eine Antwort seiner Beifahrerin zu warten. Ich sagte nichts, blickte sogar aus dem Fenster. Mark durchlebte einen sehr furchtbaren, intimen Moment, bei dem ich einfach fehl am Platz war. Fast schon bereute ich es ihn angerufen zu haben. Elend auf Elend vertrug sich einfach nicht.
Während der ganzen Autofahrt redete Mark weiter. So erfuhr ich einiges über Felizita. Sie wuchs bei ihrer Mutter auf, die starke Alkoholikerin war. Ihr Leben war alles andere als normal oder einfach, und als ihre Mutter dann eines Tages vor ihren Augen von Autos überfahren wurde, übergab man sie dem Jugendamt, das dann ihren Vater, Mark, ausfindig machte und zu ihm brachte. Das alles passierte nicht mal in einem Jahr. Kein Wunder also, das in Feli ein Wirbelsturm aus Gefühlen stürmen musste. Keiner hätte das so einfach ausgehalten.
Irgendwie hätte ich mir gewünscht nichts von ihre Geschichte erfahren zu haben. So sah ich sie nämlich immer mit anderen Augen. Augen des Mitleids, die sie nicht brauchte. Als wir endlich im Krankenhaus angekommen waren hatte sich Mark fast wieder vollständig beruhigt, dafür war ich nun total aufgewühlt. Feli lag an mehreren Maschinen angeschlossen in einem weißen, sterielen Bett. Ihr Gesichtsausdruck war friedlich, doch auf ihrer Stirn befand sich ein großer Verband. Das schlimmste waren die vielen inneren Verletzungen, die Feli erlitten hatte. Sie wollte sich auf die Bahngleise legen, zuckte aber im letzten Moment doch noch zurück und wurde so nicht ganz von dem Zug getroffen. Laut der Ärztin wurde sie wohl weg geschleudert und sei gegen eine Wand geknallt. Es war ein wahres Wunder, das sie noch lebte. Ihr Leben hing am seidenen Faden. Während der ganzen Erzählung drückte Mark mich seitlich an ihn. Ich ließ es geschehen, auch wenn er praktisch fremd für mich war. Doch das hatte sich jetzt auf tragische Art und Weise geändert. Schock und Machtlosigkeit hatten ihn in die Arme der einzigen Person getrieben, die sich etwas daraus machte das Krankenbett seiner Tochter zu besuchen.
Das Zeitgefühl hatte mich verlassen und so wusste ich nicht einmal wie spät es war, als wir das Krankenhaus wieder verließen. Mark bestand darauf mich zu fahren, was mich erleichterte. Denn allein hätte ich bestimmt nicht mehr zurück gewusst. Er setzte mich auf meine Bitte hin eine Straße vor der Baker Street ab. Ich brauchte den Weg, um beim laufen einen relativ klaren Kopf bekommen zu können. Doch natürlich klappte das dieses mal nicht. Kurz drehte ich mich um, um Mark wegfahren zu sehen und um mich zu versichern, das das alles wirklich geschehen war.
Als ich daheim ankam liefen die Nachrichten im Fernsehen und John saß davor in seinem Sessel, während Sherlock wieder mal in der Küche stand mit einer dicken Schutzbrille auf der Nase um irgendwelche Experimente zu machen. Wahrscheinlich langweilte er sich schon wieder, doch das war mir herzlich egal. Ohne einem Wort des Grußes trat ich in den Flur und steuerte den Weg zu meinem Zimmer an, als Johns Stimme mich zurück hielt.
"Eliza? Alles in Ordnung?"
Diese Frage schon wieder. Niedergeschlagenheit wandelte sich in Wut, als ich mich umdrehte und zurück in das Wohnzimmer lief.
"Alles in Ordnung? Alles in Ordnung? Soll ich vielleicht ein Berichtsheft führen, das du dann immer unterzeichnen darfst? Hör auf damit mir immer diese scheiß selbe Frage zu stellen!"
Ich wusste selbst nicht wo das herkam, doch Fakt war, das selbst Sherlock die Brille von der Nase fiel. Na super, jetzt hatte ich zwei Augenpaare, die mich anstarrten.
"Wie redest du denn mit mir?", war das erste, was John zum besten gab. Standartfragen, immer diese Standartfragen!
"Mit dem Mund!"
"Eliza." Dieses mal war es Sherlock, der die Stimme erhob. Verständnislos starrte ich ihn an. Gerade er müsste meine Gereiztheit doch verstehen können!
"Erst kommst du viel zu spät und jetzt führst du so ein Theater auf. Mir reicht es jetzt, wie oft soll ich dir noch sagen, das du bei Problemen zu mir kommen sollst!"
Mich traf es wie ein Schlag, als ich realisierte, das diese Worte die selben waren, die Mark im Auto ausgesprochen hatte. Plötzlich traten mir Tränen in die Augen, die ich nicht zurück halten konnte. Der Fernseher lief noch immer im Hintergrund und es war ein Bericht zu hören über ein Mädchen, das nur knapp einem Zugunglück entkam. Das Mädchen, das sich entschloss zu sterben und dann doch noch einen Rückzieher machte, hieß es. Diese Reporter wurden immer schneller. Mit großen Schritten lief ich auf John drauf zu, erreichte ihn mit wenigen Schritten und packte seine Schultern.
"Du willst wissen wo ich war? Dann schau da hin!" Ich zeigte mit einem Zeigefinger auf den Fernseher. John kam meiner Aufforderung nach, viel zu baff um etwas anderes machen zu können. Dann schaute er mich wieder fragend an.
"Und was hat das mit dir zu tun?"
Ich musste ein paar mal schlucken um meine Stimme zu festigen.
"Dieses Mädchen war Feli. Ich war bei ihr im Krankenhaus."
Sofort änderte sich die Stimmung. John war wie ausgewechselt und drückte mich an ihn, aber nicht wie Mark, sondern in einer voller Umarmung. So viel wie in letzter Zeit wurde ich noch nie gedrückt.
"Tut mir leid", sagte er leise. "Wie hast du es denn erfahren?"
"Mr. Owen, also Felis Vater, war in der Schule um mit den Lehrern zu reden und hat es mir dann erzählt. Er hat mich auch zum Krankenhaus und zurück gefahren."
Ich spürte, wie John tief ein und aus atmete.
"Ich glaube, ich muss mal ein Wort mit Mr. Owen reden. Es war nicht in Ordnung dich so gewaltsam und so schnell da rein zu ziehen."
Er war also der selben Meinung wie ich, trotzdem versuchte ich Mark ein wenig zu verteidigen, schließlich tat er mir leid.
"Er ist verwirrt und ich kann das verstehen, das wäre ich auch. Außerdem hatte ich das Gefühl, das es ihm sehr wichtig war es mir zu erzählen."
"Das kann ja sein, aber gleich in der Schule mit der Tür ins Haus zu fallen ist auch nicht der beste Weg. Wie ging es dir danach Eliza?"
Ich seufzte leicht. Dieses mal sah ich über die Monotonie dieser Frage hinweg.
"Nicht viel anders als jetzt. Diese ganze Welt ist doch nicht echt."
Sherlock, der sich bis jetzt raus gehalten hatte, blickte jetzt auf und schaute mich mit einem dringlichen Blick an. Ich wusste auch warum, doch ich empfand diese Aussage nicht sehr schlimm, da sie einfach durch meine Niedergeschlagenheit herführen konnte.
"Tja, manchmal denke ich das auch", seufzte John und grinste einseitig. Er ließ mich los und fragte mich über Felis Zustand. Ruhig erzählte ich ihm von dem Krankenhausbesuch, ließ aber Marks Redeschwall aus. John hörte mir aufmerksam zu und auch Sherlock ließ von seinem Experiment ab und trat von hinten an mich heran.
Während der ganzen Zeit fühlte ich mich richtig taub. Alles was um mich herum geschah nahm ich nicht richtig oder gar nicht wahr. Sorge und Angst um ein Mädchen, das ich nur aus verfälschten Erinnerungen kannte, beherrschten mich und ließen mich recht zeitig am Abend in einen unruhigen Schlaf fallen.
Anmerkung Teil 2: Normalerweise funktioniert das wahre Leben nicht so wie hier beschrieben, doch das ist ja auch nicht die Realität :) Außerdem wird es eventuell noch Kurzgeschichten zu Feli und ihrem Vater geben, einiges ist schon vorhanden :D
