~Erste Begegnung~
Anmerkung: Mir gehört fast nichts!
Früher glaubte ich immer fest daran, das das Schicksal als ein eigenes Wesen betrachtet werden kann, das mit ein paar Tricks gesteuert werden kann. Damit meinte ich nicht, das das Schicksal als eine Art Gottheit angesehen werden konnte, sondern viel mehr, das es ein so fester Bestandteil der Welt war, das es schon beinahe materialisiert in Erscheinung trat. Wie genau das aussehen sollte konnte ich allerdings nicht sagen, nur das es die Handlungen und die Erlebnisse aller Menschen steuert und bestimmt. Damals war ich so besessen von den Gedanken, das ich immer versuchte das Schicksal auszutricksen. So trug ich zum Beispiel nur ganz bestimmte Sachen, von denen ich ausging, das sie mir in den folgenden Situationen Glück bringen würden. Oder wenn das nicht klappte trug ich Shirts, die ich sonst nie an diesen Tagen getragen hätte, nur um das Schicksal in die Irre zu führen. Auch hatte ich einen ganz besonderen Trick. Wenn wir zum Beispiel an einem Tag eine Klassenarbeit schreiben sollten, schrieb ich auf meine Hand, das wir es nicht tun werden und glaubte furchtbar fest daran. Und das wirklich erstaunliche war, das es funktionierte. Jetzt stellte sich nur eine Frage: Wenn es das Schicksal als solches wirklich gab, was war dann der Sinn an der Situation, in der ich mich befand? Was hatte es sich dabei gedacht? Wie kam es denn auf diese Idee? Und vor allem, warum ließ es andere Leute leiden, nur um zu sehen, wie ich reagieren würde? Das war es nämlich woran ich glaubte. Und fast verfiel ich wieder in den Wahn, das Schicksal als eigenständige Person zu sehen.
In dieser Nacht hatte ich einen sehr sonderbaren Traum. Ich fand mich auf dem Boden einer riesigen Halle wieder, die vor Seltsamkeiten nur so strahlte. Der Raum war wirklich erstaunlich groß und war in einer Form erbaut, die ich so noch nie gesehen hatte. Er besaß unzählige Ecken und an jeder dieser Ecke stand eine Statur aus massiven Stein, die jeweils bis zur Decke reichten. Es waren Abbilder von Mädchen, die sich alle etwas ähnlich sahen, aber doch unterschieden. Jedes dieser Mädchen verbreitete eine ganz eigene Aura und man bekam das Gefühl in etwas eigenartig befremdliches hineingezogen zu werden. In der Mitte des dämmrigen Raumes befand sich ein großer Thron auf einem Sockel, die wie ein Stapel Papier aussah, nur aus Stein gemacht. Der Thron selbst war verziert mit den verschiedensten Symbolen. Unter anderem sah ich eine Musiknote, ein Zahnrad, etwas was aussah wie ein Zauberstab und ein Raumschiff. Voller Neugierde ging ich auf den Thron zu, um ihn besser anschauen zu können. Doch als ich ihm näher kam leuchtete eines der Symbole auf und alles um mich herum fing an zu beben. Die Pistole, die in einem gleißenden Licht erstrahlte, fraß sich regelrecht in meine Netzhaut. Ich wollte weg rennen, doch ich konnte nicht. Es war, als hielt mich eine unsichtbare Macht fest.
~Du stellst zu viele Fragen. Ausrichten kannst du nichts, nur genießen~
Wie ein eiskalter Schauer traf mich eine unheimliche Stimme, die von allen Wänden des Saales wiederhallte. Nervös drehte ich mich zu allen Seiten um, und sah doch nicht, von wem die Stimme gehörte. Ich wollte etwas sagen, doch die Worte blieben mir im Hals stecken. Ich konnte mich weder bewegen, noch etwas sagen. Die Situation war beänstigend, und doch hatte ich das Gefühl der Antwort meiner Fragen einen Schritt näher gekommen zu sein. Es war, als sprach das Schicksal selbst zu mir, was natürlich absolut nicht sein konnte. Und gerade, als mein innerer Wille die Hände ausstrecken wollte, um die Wahrheit zu ergreifen, wurde ich mit Macht zurück in die Realität gezogen.
Oder ganz einfach ausgedrückt, ich bin aufgewacht. Schweißnass saß ich im Bett und bemerkte voller Panik, das die Sonne schon sehr hoch am Himmel stand. Ich muss am Abend davor so fertig gewesen sein, das ich nicht mal die Vorhänge zugezogen hatte. Der Wecker auf dem Nachtschränkchen zeigte 11.30. Und das unter der Woche. Ich hatte so verschlafen, das es schon nicht mehr heilig war. Total panisch sprang ich aus dem Bett und suchte Sachen zusammen, die noch getragen werden konnten. Währenddessen versuchte ich mich krampfhaft Ausreden für die Schule und für John und Sherlock auszudenken, wenn sie denn daheim waren. Die hätten mich ruhig wecken können! Mit schiefen Rock und falsch zugeknöpften Hemd stürmte ich aus meinem Zimmer, nur um gegen etwas violettes zu knallen. Das violette war ein Hemd und in diese Hemd steckte Sherlock, der mit den Händen in den Seiten mitten im Flur stand und dazu auch noch grinste.
"Wo willst du denn hin?", fragte er, als wenn das nicht offensichtlich gewesen wäre.
"In die Schule! Tut mir leid ich weiß auch nicht..", begann ich nervös, während ich versuchte mich an Sherlock vorbei zu drängen. Doch der Detektiv hielt mich zurück.
"Nicht so schnell. Wir haben dich aus Absicht ausschlafen lassen. In diesem Zustand gehst du nirgendwo hin Eliza."
Diese Worte lösten eine unglaubliche Erleichterung in mir aus. Tief holte ich Luft und stieß sie wieder aus, noch völlig durcheinander. Erst der schreckliche Tag gestern, dann der Traum und dann der Schock so heftig verschlafen zu lassen. Das alles sackte mir betonschwer in die Glieder.
"Ich...ich brauch einen Kaffee", stieß ich mit leicht zitternder Stimme aus und ließ prompt meine Tasche auf den Boden knallen. Sherlock schenkter dieser Handlung eine hoch gezognene Augenbraue und machte sich tatsächlich daran Kaffee zu machen. Sah ich wirklich so mies aus, das mir solche eine Behandlung zu teil wurde? Um ehrlich zu sein fühlte ich mich auch wirklich nicht besonders, sodass ich mich kraftlos auf Johns Sessel fallen ließ, noch komplett mit Schulkleidung. Die Kaffeemaschine ratterte und wenig später trat Sherlock in den Wohnbereich, mit einer dampfenden Tasse in der Hand und der Tageszeitung in der anderen. Wortlos hielt er mir den Kaffee entgegen und setzte sich danach auf seinen eigenen Sessel, die Zeitung aufschlagend.
"Was für ein Unfall gestern, was?", fragte Sherlock, als wenn mir das alles entgangen war. Guter Anfang, solche ein Gespräch zu beginnen.
"Das war kein Unfall. Feli wollte sich wirklich das Leben nehmen", entgegnete ich düster und ließ den Kopf hängen.
"Wusstest du denn von ihrem Dilemma?"
"Natürlich nicht, wie sollte ich denn? Weiß du wie schwer es für mich gestern war, als ihr Vater mit mir sprechen wollte? Ich wusste absolut nicht was ich sagen sollte", sprach ich von unten durch meine Haarstähnen schielend. Es war erleichternd das aussprechen zu können, was mir auf dem Herzen lag.
"Hmm, verständlich", antwortete Sherlock schlicht und knisterte mit der Zeitung.
"Darf ich dich was fragen?", schoss es schneller aus mir heraus, als ich denken konnte. Der Detektiv schaute genervt über den Rand der Zeitung.
"Du machst es doch eh, selbst wenn ich nein sage."
Die Angelegenheit erschien mir zu wichtig, als das ich in die Versuchung kam mit ihm zu diskutieren. Nach kurzem Zögern erzählte ich Sherlock von dem Traum letzter Nacht, da ich das Gefühl hatte, das er etwas zu bedeuten hatte. Der Detektiv hörte mir in seiner typischen Denkerpose zu ohne mich zu unterbrechen.
"Es kam mir einfach so komisch vor", beendete ich die Erzählung, unsicher, ob ich einfach nur Blödsinn daher geredet hatte, oder ob es tatsächlich wichtig war. Sherlock hatte auf jeden Fall noch nicht gelacht, was ich als gutes Zeichen deutete. Er sah sogar recht ernst aus.
"Gut, das du mir davon erzählt hast Eliza. Der Traum scheint bedeutungsvoll zu sein."
"Meinst du?" Mein Herz schlug bei diesen Worten schneller.
"Ja. Ich würde dir raten ein Auge drauf zu haben. Wie dem auch sei, du musst dich anziehen, wir sind spät dran."
Ohne weiteren Erklärungen sprang Sherlock aus den Sessel, die Zeitung weg schmeißend. Er hatte bereits seinen Mantel an, als ich noch immer fragend auf meinem Platz saß.
"Wohin denn? Ich dachte, ich soll heute nicht in die Schule?"
"Sollst du auch nicht." Mein Mantel kam mir entgegen geflogen. "Du wirst dich jetzt schön ablenken."
Eigentlich war es von Grund an eine blöde Idee mit Sherlock irgendwo hin zu gehen, ohne das er das Ziel der Reise verriet. Weil ich aber zu diesem Zeitpunk von nichts eine Ahnung hatte, fand ich mich eine Stunde später in einer alten Lagerhalle wieder, die dunkel, muffig und total verrostet war. Um mich herum standen überall Polizisten, die sich unterhielten, etwas aufschrieben oder Fotos machten. Weiter weg stand Inspektor Lestrade und daneben hockte Sherlock, tief über eine Frauenleiche gebeugt. Ich wusste weder was ich tun noch sagen sollte, also schaute ich mich selbst ein wenig um. Ich bekam nur die Anweisung nicht zu nah an die Leiche zu gehen. Lestrade gefiel es so schon nicht das ich mit dabei war, also mussten wir diese Bedingung akzeptieren, damit Sherlock nicht von dem Fall abgezogen wurde. Und dieses Theater wollte ich nun wirklich nicht.
Hätte ich Angst haben müssen? Wahrscheinlich schon, aber das war nicht der Fall. ich fühlte mich einfach nur tatsächlich abgelenkt und betrachtete die Hacken, die von der Decke hingen. Die Polizei ging erst davon aus, das der Täter mit diesen Hacken sein Opfer gequält haben musste, da der Körper der Frau überall kleine Einstiche aufwies. Aber ich war anderer Meinung. Das Blut an den Hacken war schon so alt, das es von dem Eisen abblätterte wie Farbe. Klar, das die Polizei trotzdem als erstes zu dem Entschluss kamen, da es das nahe liegendste war. Aber ich war mir sicher, das spätere Untersuchungen des Tatortes andere Ergebnisse hervor bringen würden.
Warum brachte mich Sherlock zu so einem Ort? Wollte er mich wirklich nur ablenken, oder testen. Bei ihm konnte ich mir da nicht sicher sein. Vielleicht machte ich mir auch einfach nur zu viele Gedanken.
"Und, was denkst du?"
Ich erschrak, als die Stimme Sherlocks mich aus meinen Gedanken riss. Schnell drehte ich mich zu ihn um, mit einem großen Fragezeichen über den Kopf.
"Über was?"
Sherlock grinste leicht und ungewöhlich.
"Über diesen Fall. Ich habe gesehen wie du dich hier umgeschaut hast. Und?"
Warum fragte er mich das? Wollte er mich am Ende wirklich testen?
"Ja, na ja, also ich habe bloß daran gedacht, das die Frau vielleicht mit etwas anderes gestochen wurde als mit den Hacken hier." Ich deutete auf ein Exemplar neben mir.
Sherlock schien zufrieden zu sein. "Und warum?"
"Weil das Blut frischer sein müsste?" Ich war augenblicklich ziemlich aufgeregt und gespannt auf Sherlocks Antwort. Der Detektiv nahm den Hacken in seine behandschuhte Hand und nickte.
"Ganz genau, das stimmt", verkündete er, was mich stolz machte. "Fast."
Und schon war der Stolz weg.
"Genau das ist der Grund, warum ich dich heute hier hin mit genommen habe Eliza. Du siehst die Dinge zwar, hälst sie aber für etwas anderes, weil du nicht daran gewöhnt bist, weil du denkst es müsste anders sein. An den Hacken ist kein altes Blut, es ist Farbe. Wir befinden uns in einer alten Lagerhalle und nicht in einer Metzgerei."
So war das also. Natürlich konnte es nicht so sein, das der große Sherlock Holmes etwas tat, ohne einen größeren Sinn darin zu erkennen. Oder besser gesagt, jemanden vorzuführen. Das ließ mich etwas enttäuscht zurück. Er wollte mich doch ablenken, hatte er gesagt..
"Ist ja ganz toll. Du hast mich also nur mit hier her genommen um mir eine Lektion zu erteilen? Du hast doch gar keine Ahnung wie es in mir drin aussieht! Das letzte was ich jetzt brauche sind scheinheilige Ratschläge!"
Wie immer war mein Mund schneller als mein Kopf und ich war drauf und dran eine Szene zu machen. Einige der Polizisten drehten sich zu uns um, doch Sherlock blieb ganz ruhig.
"Wenn das deine Meinung ist, dann solltest du dich in Zukunft an jemand anderen wenden, wenn du Probleme hast. Ich frag ich nur an wen das sein soll."
Ich war viel zu aufgebracht, um darauf eine Antwort zu geben. Wahrscheinlich war es auch, das mich mein Unterbewusstsein davor beschützte, etwas zu sagen, was ich bereuen würde. So wendete ich mich einfach von Sherlock ab, mit den Händen in den Manteltaschen zu Fäusten geballt. Ich konnte nur erahnen, was der Detektiv hinter meinen Rücken machte, aber es war mir auch egal. Es war frisch, die Umgebung war seltsam und meine Laune im Keller. Ich wollte einfach nur nach hause und mich von diesen komischen Stunden erholen. Wäre ich doch nur rechtzeitig aufgestanden und in die Schule gegangen. Eine hohlköpfige Zickenbande war leichter zu verkraften als der Geruch von Blut und dem Gefühl, verarscht worden zu sein.
Als ich mich wieder umdrehte war Sherlock im Gespräch mit Lestrade vertieft. Der Detektiv beschwerte sich darüber, das der Fall langweilig und gewöhnlich war und das er von Anfang an wusste, das die Polizei an der falschen Stelle ermittelte. Mein Blick wanderte müde zwischen den Männern hin und her, während sich leichte Kopfschmerzen bemerkbar machten. Die Männer redeten und redeten, oder besser gesagt diskutierten sich fast dumm und dämlich. Wie lang sollte ich denn noch warten? Der Ort war so unangenehm! Mir wurde es endgültig zu bunt. Egal was Sherlock oder Lestrade oder sonst wer gesagt hatte, ich musste da weg. Selbstsicher drehte ich mich erneut um und bahnte mir einen Weg durch die letzten Polizisten, die sich noch in der Halle befanden, nach draußen an die frische Luft. So wie mich die Sonnenstrahlen des Tages begrüßten, hatte ich nicht nur Kopfschmerzen, mir wurde richtig schwindelig. Schweiß brach auf meiner Stirn aus, als ich mich an einen nahe stehenden Dienstwagen lehnte und die Augen zukniff. Irgendwas war nicht richtig. Die Luft schien zu kochen und überall waren Augen die mich beobachteten. Plötzlich fühlte ich mich wie ein Darsteller auf einer Bühne. Schatten huschten von einer Ecke zu anderen, die Lagerhalle verschwamm direkt vor meinen Augen, bis sie komplett verschwunden war. Alles drehte sich und gefror gleichzeitig.
~Tu bitte nicht so, als würdest du es nicht genießen...~
Da war sie wieder, diese Stimme aus dem Traum, die mir eine Gänsehaut verpasste. Panisch drehte ich mich um meine eigene Axe, blickte hin und her und sah jedoch nichts.
"Wer bist du?! Zeige dich!"
Natürlich bekam ich darauf keine Antwort. Was ging bloß vor sich? Bildete ich mir das alles nur ein? Verlor ich den Verstand? Die Augen zukneifend versuchte ich das üble Gefühl eines immer drehenden Karussels aus zu schalten, was nur mäßig gelang. Nicht nur Panik, sondern auch die pure Angst stiegen in mir auf. Ich wollte nach Hilfe rufen, doch keine Laute drangen aus meiner Kehle. Wie eine Gefangene in einem unsichtbaren Gefängnis wand ich mich hin und her, unter dem ständigen Blick eines Beobachters. Dem Besitzer dieser Stimme.
Hatte das vielleicht mit meinem Erscheinen in dieser Welt zu tun? Gab es da tatsächlich jemanden, der zu mir sprach? Wenn ja, wer? Oder was?
"Eliza? Eliza, sprich mit mir!"
Als wenn jemand mit den Fingern geschnipst hätte, hörte das Schauspiel vor meinen Augen auf. Ich fand mich im festen Griff Sherlocks wieder, dessen besorgtes Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt war.
Um eine feste Stimme bemühend, schluckte ich mehrmals kräftig. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich endlich ein Wort heraus brachte. Sherlock blieb während dieser Zeit ruhig , hielt mich aber an den Armen fest. So als hätte er Angst gehabt, ich könnt umfallen oder erneut versuchen weg zu laufen. Weder nach dem einem, noch nach dem anderen war mir zu mute.
"Alles ok...Ich war nur in Gedanken."
"Das hab ich gesehen", antwortete Sherlock spitz. "Du hast ausgesehen, als stündest du dem Bösen persönlich gegenüber. Komm jetzt, es ist besser wenn ich dich nach hause bringe."
Da hatte ich zur Abwechslung mal nichts dagegen. Die ganze Fahrt zur Baker Street über blickte ich still aus dem Fenster, noch immer das Gefühl im Nacken spürend, das ich beobachtet wurde.
