Mit besorgter Miene starrte Präsident Snow aus dem Fenster seines Präsidentenbüros. Die Morgensonne schaffte es kaum, den grauen Nebel, der über der Stadt lag, zu durchdringen. Die oberen Stockwerke der höchsten Gebäude waren zur Gänze in den tief hängenden Wolken verschwunden.

Irgendwie passte der Nebel zu Snows Stimmung an diesem Morgen. So wie er die Stadt im Nebel verschwinden sah, sah er auch seine Macht allmählich verschwinden. Zum ersten Mal seit 74 Jahren hatte es heuer im Sommer keine Hungerspiele gegeben. Die fast fertige Arena war nur noch ein Haufen Schutt und Asche, zerstört durch einen unfassbaren Sabotageakt einer kleinen Gruppe von Rebellen. Seit damals rumorte es im Land – hier ein Aufstand, dort ein Streik – immer wieder kleinere Unruhen und Kundgebungen, zunächst nur isoliert, dann aber zunehmend organisiert. Snow hatte natürlich entsprechend reagiert, und die Friedenswächter hart durchgreifen lassen. Das auflodernde Feuer der Rebellion war dann zwar rasch eingedämmt worden, ganz erloschen war es aber nie. Es schien vielmehr auf kleiner Flamme dahin zu schmoren, wie ein Schwelbrand in einem Raum, der nur darauf wartet, dass jemand die Tür öffnet und dem Feuer so den dringend nötigen Sauerstoff bietet, um dann auf einem Schlag explosionsartig, als „Flashover", aufzulodern. Genau vor diesem Tag, an dem das passierte, hatte Snow Angst. Kleinere Aufstände waren zu kontrollieren, man konnte die Rädelsführer verhaften, die Aufständischen notfalls mit der überlegenen Waffengewalt des Kapitols niederschlagen. Doch ein Panem-weiter Flächenbrand wäre, das wusste Snow, nicht aufzuhalten.

Schon gar nicht, wenn die Aufständischen Hilfe von außen bekamen, aus Distrikt 13 oder gar dem tot geglaubten Europa, das neuerdings mit Distrikt 13 in irgendeiner Art von Handelsbeziehung zu stehen schien. Laut Geheimdienstberichten gab es regelmäßig Flugverkehr zwischen Distrikt 13 und Europa, mit einem altertümlich wirkenden Flugzeugtyp, der an die erste Generation der Düsenverkehrsflugzeuge der späten 1950er-Jahre erinnerte. Es gab Vermutungen, dass die Maschinen aus Europa stammten, und irgendwie zweihundert Jahre irgendwo unter idealen Lagerbedingungen, wie in einem Museum, konserviert und nun reaktiviert worden waren. Entweder das, oder jemand hatte die Maschinen nachgebaut.

Kürzlich war dem Kapitol ein unerwarteter Coup gelungen. Eines dieser Flugzeuge vom Typ Douglas DC-8-61 hatte wegen eines Unwetters über dem Flughafen von Distrikt 13 nach Distrikt 12 ausweichen müssen. Dort hatte bereits ein Trupp Friedenswächter auf der einzigen verfügbaren Landebahn des Distrikts gewartet und die Maschine samt Besatzung in Beschlag genommen. Jetzt stand sie in einem Hangar des Kapitols, um von Technikern genauestens unter die Lupe genommen zu werden.

Snow hatte die Maschine vorige Woche persönlich in Augenschein genommen. Er war fasziniert von den eleganten Linien dieses Relikts aus dem „goldenen Zeitalter" des Luftverkehrs, von dem Hauch von Luxus, Fernweh und Abenteuer, welches dieses Düsenflugzeug der ersten Generation versprühte. Snow hatte in seiner Faszination für die Vergangenheit alte Bücher und Reisemagazine aus dem 20. Jahrhundert studiert. Wie es wohl gewesen sein musste, damals, in den 1960ern, als Flugreisen allmählich massentauglich wurden, und der normale Bürger an praktisch jeden Punkt der Erde hatte reisen können?

Heute wäre das unvorstellbar. Nicht einmal er, Snow, als Präsident, konnte das. So praktisch die Hovercrafts und Hoverplanes, die auf jeder größeren freien Fläche starten und landen konnten, in einem Land mit kaum vorhandener Flughafen-Infrastruktur auch waren, sie waren, was Geschwindigkeit und Reichweite betraf, weit von den Leistungen früherer Flugzeuggenerationen entfernt. Keines der Luftfahrzeuge des Kapitols könnte nonstop nach Europa fliegen, geschweige denn mit der DC-8 mithalten.

Ein lauter Summton aus einem kleinen Lautsprecher an der Wand des luxuriös ausgestatteten Raumes ließ Snow in seinem ledergepolsterten Drehstuhl aus seinen Gedanken aufschrecken. Er blickte auf seinen Tischkalender, wo er sämtliche Termine des Tages fein säuberlich eingetragen hatte. Ein Anachronismus im Jahr 2273, wo Snow sich genauso gut jeden Termin auf seinem persönlichen Holo hätte anschauen können – aber das war nicht sein Stil. Er sah sich selbst als Nachfolger der großen Präsidenten der ehemaligen Vereinigten Staaten von Amerika, aus dessen Ruinen Panem hervorgegangen war. Insgeheim verglich er sich mit George Washington oder Abraham Lincoln, und gab sich betont altmodisch, in einem Versuch, diese großen Persönlichkeiten aus längst vergangenen Zeiten zu imitieren.

Snows Blick strich über die Kalenderspalte mit der Aufschrift „24. November". Nur ein einzelner Eintrag für Punkt 9 Uhr vormittags – Besprechung mit Plutarch Heavensbee wegen Ersatz-Hungerspielen. Mit einem leisen Seufzen betätigte der Präsident einen Knopf mit der Aufschrift „Türkamera". Sofort wurde auf dem Flatscreen an der Wand ein Videobild eingeblendet, auf dem Plutarch einwandfrei zu erkennen war. „Identifikation positiv – Plutarch Heavensbee – Oberster Spielmacher" wurde als Meldung am unteren Bildschirmrand anzeigt. Der Präsident griff nach einem an der Unterseite seines Schreibtisches versteckten Knopf. Mit einem hörbaren Klicken entriegelte sich die gepanzerte Tür seines Büros.
„Herein!" rief Snow.