„Und wie immer, Ladies first!" ruft Effie Trinket in ihr Mikrofon. Es ist wie in den Videos, die sie mir in Distrikt 13 gezeigt haben, denke ich mir. Nur dass ich diesmal mittendrin bin, und ich mich nicht hinter der Sicherheit einer Mattscheibe verstecken kann.

Ich weiß, dass das Risiko für mich, gezogen zu werden, gering ist. In der Kugel sind rund 1.000 Namen, mein eigener ist maximal sechs Mal drin, entsprechend meinem Alter. Offiziell bin ich 17 Jahre alt und heiße Peter Owen, zumindest steht das in meiner Distrikt 12-Identitätskarte. Geboren in einem verfallenen Haus am Rand des Saums. Vater vor meiner Geburt gestorben. Mutter gestorben, als ich 16 war. Aufgrund der Entlegenheit des Wohnsitzes zu Hause unterrichtet. Null Tesserasteine.

In Wahrheit bin ich 23 Jahre alt, geboren in London, Vereinigtes Königreich Großbritannien, im Jahr 1985. In einem anderen Universum. Aufgewachsen in diversen Elite-Internaten, alles bezahlt von reichen Eltern, die ich seit meinem sechsten Lebensjahr nur einige wenige Male pro Jahr gesehen habe. Ab 16 habe ich neben der Schule Flugstunden genommen, und mich bis 18 zur Commercial Pilot License hochgearbeitet. Zuletzt war ich Copilot auf der DC-8 bei Federal Express. Seit einem halben Jahr bin in Panem, oder „Universum 5PX-3AA", wie Beetee es nannte. Wie er auf diesen unverständlichen Code gekommen war ist mir bis heute schleierhaft, es hat irgendetwas mit den interdimensionalen Koordinaten zu tun, aber was genau, liegt jenseits meines Verständnishorizonts.

Meine falsche Identität diente nur dem Zweck, mich bei meinen bisher vier Abstechern nach Distrikt 12, einer Art „Landurlaub", ausweisen zu können. Das Alter war bewusst auf 17 Jahre gelegt worden, um der allgemeinen Arbeitspflicht ab einem Alter von 18 Jahren in Distrikt 12 zu entgehen. Das Risiko, damit theoretisch für die Hungerspiele gezogen zu werden, schien nach der Zerstörung der letzten Arena gering. Auch jetzt ist es nicht der Rede wert, zumindest nicht gegen das von Katniss. Ihr Name ist 20 Mal in der Kugel, weil sie Jahr für Jahr drei Tesserasteine gelöst hat, um Nahrungsmittel für ihre Familie zu bekommen.

Auf dem Platz ist es still geworden. Ich sehe zu, wie Effie einen Zettel entfaltet. Wie sie den Blick hebt, und das Mikrofon an ihren Mund heranzieht. Ein leichtes Rückkoppelungspfeifen lässt mir die Nackenhaare aufstehen. Dann spricht Effie zwei Worte, die für mich alles zusammenstürzen lassen: „Katniss Everdeen!"

Mit einem Schlag fühle ich mich zurückversetzt ins „alte" Universum. An den 17. März des Jahres 2004, jenen Tag, als meine Freundin Kate starb, und ich nichts tun konnte, außer zuzusehen. Ich hätte eigentlich gedacht, dieses Kapitel meines Lebens endlich abgeschlossen zu haben. Doch die Klarheit, mit der ich Rorys Stimme im Gedächtnis höre, so wie damals aus dem Lautsprecher meines Flugfunk-Scanners, lässt mich daran zweifeln. Ich war gerade auf dem Weg zum Flugplatz, weil ich meine Freundin Kate abholen wollte, die mit ihrem Cousin Rory mit seiner zweimotorigen Cessna 310R aus Glasgow zurückkehrte.

Anstelle der üblichen Standardfunksprüche hörte ich eine Diskussion zwischen Rory und Mike, dem Cheffluglehrer des lokalen Fliegerclubs.
„Hör zu, kurz vor dem Abfangen machst du den Hauptschalter aus und stellst die Tankwahlhebel auf aus. Dann setzt du sie ganz normal auf das Hauptfahrwerk auf, und hältst die Nase oben. Wenn du Zeit hast, zieh die Gemischhebel auf aus, wenn nicht, ist es auch nicht tragisch. Die Propeller werden so oder so den Boden berühren und Schrott sein", tönte Mikes Stimme aus dem Lautsprecher.

Also war wohl das Bugfahrwerk der 310R nicht ausgefahren – eine bekannte Schwachstelle dieses Flugzeugtyps. Wenn Rory genau das tat, was Mike im riet, sollte die Landung kein allzu großes Drama sein. Klar, die Maschine würde Schaden nehmen, aber dafür gab es ja die Versicherung. Doch Rory hatte andere Pläne.
„Ok, aber ich werde trotzdem im Endanflug beide Motoren abstellen und die Propeller auf Segelstellung fahren und schauen, ob ich sie mit dem Starter horizontal stellen kann". Verdammt, warum musste der Idiot jetzt den Helden spielen? Er hatte doch gerade mal rund 200 Flugstunden auf der Cessna 310R, und da wollte er jetzt freiwillig ohne Antrieb landen, nur um der Versicherung die Kosten für zwei neue Propeller und zwei Triebwerksinspektionen zu sparen?

Ich konnte nur zuhören. Als ich auf den Parkplatz bog, war Rorys Maschine schon im Endanflug. Ich wunderte mich noch, warum er einen normalen Anflug machte, wo er doch die Motoren abstellen wollte. Er hätte deutlich höher als normal anfliegen müssen, wenn er die Landebahn antriebslos erreichen wollte. Als ich schon dachte, er hätte es sich anders überlegt, blieben beide Propeller plötzlich stehen. "Du Idiot, du bist zu tief!", schrie ich quer über den Parkplatz. Nicht dass mich irgendjemand hören konnte. Ich hätte ein Funkgerät gebraucht, aber das nächste war im Tower, wo ich niemals rechtzeitig hinkommen konnte.

So nahm das Unglück seinen Lauf. Die Maschine verlor rasch an Fahrt und Höhe, es war klar, dass sie die Landebahn nicht mehr erreichen konnte. Immer steiler stellte Rory das Flugzeug an, in dem verzweifelten Versuch, den Tragflächen das letzte Quäntchen Auftrieb zu entlocken, um die Maschine zur rettenden Betonpiste zu tragen. Aber es war vergeblich. In schätzungsweise hundert Fuß Höhe über dem Boden unterschritt die Cessna 310R die Mindestfluggeschwindigkeit, unter der die Strömung an den Tragflächen abreißt. Ich musste tatenlos zusehen, wie die Maschine nach vorn abkippte und auf den Boden zu raste. Mit einem dumpfen Knall war das Leben von Kate und Rory innerhalb einer Sekunde zu Ende, als die Maschine im Acker aufschlug und in einem Feuerball verschwand.

Für mich stürzte damals eine Welt zusammen. Ich hatte niemanden, der mich trösten konnte, oder mit dem ich wenigsten hätte reden können. Meine Eltern waren wieder irgendwo dienstlich in der Weltgeschichte unterwegs, abgesehen davon war ihre einzige Sorge ein möglichst rascher Fortschritt in meinem Wirtschaftsstudium, welches ich nur zum Schein halber absolvierte. Ich hatte schon längst für mich beschlossen, Linienpilot zu werden, und versorgte meine Eltern mit gefälschten Prüfungszeugnissen, damit sie mir nicht die finanziellen Zuwendungen strichen. Der Pilotenberuf stand für sie auf dem gleichen Niveau wie ein Busfahrer, und wäre „eine Schande für die Familie".

Ich tat das Einzige, was mich ablenken konnte. Fliegen. Es mag paradox erscheinen, dass ich gerade das tun wollte, wobei meine Freundin ums Leben gekommen war. Aber sonst hatte ich nichts auf der Welt. Ich entwickelte einen nie gekannten Ehrgeiz, büffelte Theorie und arbeitete als Fluglehrer, um Stunden zu sammeln. Ein Jahr später saß ich als Copilot im Cockpit einer DC-8 Frachtmaschine bei Federal Express. Die Erinnerung an Kates Tod hatte ich in eine abgelegene Ecke meines Gehirns verdrängt, in einer Art Giftschrank, dessen Tür ich so gut es ging verschlossen hielt. Dazu gehörte, dass ich niemandem davon erzählte. Nicht meinen Kollegen bei Federal Express. Nicht meinen Eltern, denen ich noch immer das Märchen vom braven Studenten vorspielte, der nun den Rest seines Studiums in den USA absolvierte. Die meiste Zeit über blieb die schmerzhafte Erinnerung dort, wo sie hingehörte. Im Giftschrank. Der jahrelange Prozess der Verdrängung hatte allerdings dazu geführt, dass eine kalte, rationale Denkweise mein Leben weitgehend übernommen hatte.

Ich war unfähig, ernsthafte Freundschaften zu schließen. Zuerst ging ich ihnen bewusst aus dem Weg, später hatte ich mir irgendwie eingeredet, so etwas nicht zu brauchen. Kollegen meinten im Scherz, ich wäre mit der DC-8 verheiratet. So falsch lagen sie damit vermutlich gar nicht. Ich hatte mein Denken voll auf mein nächstes Ziel fixiert – Kapitän auf der DC-8 zu werden, bevor die Maschinen aufgrund ihres Alters ausgemustert werden. Doch es kam völlig anders.

Es war der 20. März 2008, als ich in den Nachrichten einen Bericht über die Notlandung einer Cessna 310R am Flughafen DuPaige in West-Chicago sah. Wie bei Rorys Maschine vor vier Jahren, lies sich das Bugfahrwerk nicht ausfahren. Der Pilot hatte jedoch die Motoren bis zum Aufsetzen laufen gelassen, niemand war zu Schaden gekommen. Mit einem Schlag war die Erinnerung an jenen schicksalshaften Märztag vor vier Jahren wieder wach. Wenn Rory genauso gehandelt hätte, wäre Kate heute noch am Leben. Wenn ich doch bloß früher am Flugplatz gewesen wäre! Vielleicht hätte ich Rory seinen dummen Stunt ausreden können. Zwei, vielleicht drei Minuten hätte ich gebraucht, dann wäre heute alles anders. Der Gedanke, zu wissen, was richtig gewesen wäre, und dennoch nichts tun zu können war unerträglich.

An Schlaf war nun nicht zu denken. Dummerweise musste ich am kommenden Tag aber fliegen. Da ich erst kürzlich wegen eines gebrochenen Arms einen Monat im Krankenstand war, wollte ich mir nicht unbedingt frei nehmen. In der Firma ging das Gerücht um, man würde demnächst Piloten entlassen – wer zu viele „schwarze Punkte" hatte – dazu zählten auch Krankenstandstage - stünde auf der „Abschussliste". Ich versuchte, mich mit seichter Lektüre in den Schlaf zu lesen. Normalerweise klappte das ganz gut, doch die Gedanken an Kate wollten nicht weichen. Gegen Mitternacht griff ich dann zu den Schlaftabletten, die ich für solche Notfälle im Nachtkästchen hatte. Zwar waren diese, zumindest in der erforderlichen Dosierung, eigentlich genauso tabu wie Alkohol, doch wesentlich schwerer nachzuweisen. Dachte ich zumindest. Zwei oder drei Tassen starker Kaffee und ein paar tiefe Atemzüge aus der Sauerstoffmaske im Cockpit vor dem Flug würden die Müdigkeit wohl schon vertreiben.

Unter normalen Umständen wäre ich damit sicher durchgekommen. Der Kaffee in der Crew-Lounge wirkte, und vertrieb die Schläfrigkeit. Doch die Wirkung war zeitlich begrenzt. Und dann gab es auch noch über eine Stunde Verzögerung, weil der Kompressorwagen, den man zum Starten der Triebwerke einer DC-8 brauchte, eingegangen war, und kurzfristig kein Ersatz gefunden werden konnte. Ich saß zusammen mit dem Kapitän im Cockpit, und wartete darauf, dass der Flugingenieur mit einem funktionierenden Wagen kam. Die warme Morgensonne schien mir ins Gesicht und blendete mich. Ich schloss kurz die Augen. Die Wirkung des Kaffees hatte schon stark nachgelassen, und ich schlief ein. Angeblich hatte mich der Kapitän drei Mal anschreien und an meiner Schulter rütteln müssen, um mich wieder aufzuwecken.

Danach hatte er entschieden, mich in diesem Zustand nicht fliegen zu lassen, und einen Ersatzmann angefordert. Ich musste mich daraufhin einer ärztlichen Untersuchung beim Company-Arzt unterziehen, bei der Reste des Schlafmittels in meinem Blut festgestellt wurden. Mit sofortiger Wirkung wurde ich bis auf weiteres vom Flugdienst suspendiert. Zwei Wochen später hielt ich meine Kündigung in den Händen. Da war ich also, als 23-jähriger DC-8 Copilot, suspendiert und entlassen wegen Medikamentenmissbrauchs. In Zeiten der beginnenden Wirtschaftskrise kein guter Vermerk im Lebenslauf. Die Flucht in das „Panem-Universum", wie ich es nannte, schien der einzige Weg für mich zu sein, weiter meiner geliebten Fliegerei nachgehen zu können.

Beetee hatte mit versprochen, dass ich jederzeit zurückkehren konnte, und dass ich außer Panem noch viele weitere Welten sehen würde. Insgeheim dachte ich mir, dass es vielleicht möglich wäre, ein Universum zu finden, wo Kate noch am Leben war. Theoretisch musste es ein solches geben, denn bei einer unendlichen Anzahl von parallelen Welten muss mindestens eine existieren, wo der Unfall mit Rorys Cessna nie passiert war. Vielleicht konnte Beetee später ein solches Universum für mich finden. In der Zwischenzeit flog ich DC-8 Maschinen, nun als Kapitän, zwischen Europa und Distrikt 13 hin und her. Ich war wieder in meinem Element.

Und dann war da noch Katniss. Als ich sie das erste Mal getroffen hatte, bei meinem ersten Ausflug nach Distrikt 12, um den dortigen Flugplatz auf seinen Eignung als Notlandemöglichkeit für eine DC-8 zu prüfen, hatte ich nicht gedacht, dass ich mehr Zeit als unbedingt nötig mit ihr verbringen wollte. Sie war damals recht abweisend, ja fast feindselig gewesen, und hatte Boggs und mich erst nach einiger Überredung durch das Loch im Zaun zum Flugplatz geführt. Doch auf dem Rückweg war das Eis ein wenig gebrochen. Katniss hatte mir von ihren illegalen Jagdausflügen und ihrem Jagdpartner Gale erzählt, der seit dem Frühling spurlos verschwunden war. Ich hatte ihr dann, als erstem Menschen seit vier Jahren, von Kate erzählt.

Katniss und ich waren uns gar nicht so unähnlich. Sie hatte vor einigen Jahren ihren Vater bei einem Bergwerksunglück verloren. Ihre Mutter war danach in einen apathischen Zustand verfallen, unfähig, für die Familie zu sorgen. Katniss hatte in ihren jungen Jahren die volle Verantwortung für das Überleben ihrer Familie übernehmen müssen. Für Freundschaften blieb da nicht viel Zeit. Die überlebensnotwendige Jagd war für sie zugleich die einzige Ablenkung von ihrem tristen Alltag, so wie mich das Fliegen von Kates Tod abgelenkt hatte.

Jetzt, nach drei weiteren Besuchen, verbindet Katniss und mich so etwas wie eine zarte Freundschaft, die immerhin tiefer ist als alles, was ich in den Jahren zuvor zugelassen hatte. Wie viel sie mir wirklich bedeutet, wird mir jetzt, als Effie ihren Namen ruft, klar. Es ist der gleiche Schmerz, die gleiche Ohnmacht wie vor vier Jahren, als sich die Cessna 310R mit Kate an Bord in den Boden bohrte. So wie damals, kann ich nichts tun, um ihr zu helfen, sie vor ihrem Schicksal zu bewahren. Ich kann nicht zu ihr auf die Bühne laufen und sie wegzerren. Vermutlich würden mich die Friedenswächter erwischen, bevor ich überhaupt in die Nähe komme.

Wenn sie bloß schon einmal durch das Dimensionsportal gegangen wäre! Dann gäbe es zumindest theoretisch eine Möglichkeit, sie herauszuholen. Alles, was man tun müsste, wäre das Portal in der alten Welt auf ihre Koordinaten auszurichten, die Transportparameter ihres ersten Portaldurchganges aus dem Speicher aufzurufen, die Zielerfassung auf ihre DNA zu programmieren und einen „Rückkehr-Transport ohne Senderportal" durchzuführen. Beetee hatte das früher ein paar Mal gemacht, als es in meinem Heimatuniversum noch kein Portal gab. Er ging durch das Panem-Portal, und wurde zu einem vereinbarten Termin wieder zurückgeholt. Aber da Katniss noch nie durch ein Portal gegangen ist, gibt es für ihren Körper keine gespeicherten Transportparameter, und kein DNA-Profil. Schon alleine der Scan, um ihre genaue Position festzustellen, wäre damit unmöglich. „Wenn man nicht weiß, was man sucht, kann man es nicht finden", hatte Beetee einmal gesagt.

Das einzig Sinnvolle, was mir einfällt, ist mit Hilfe von Distrikt 13 irgendeine Rettungsaktion zu starten. Vielleicht lässt sich der Zug, mit dem Katniss zum Kapitol transportiert wird, unterwegs anhalten. Oder wir holen sie aus der Arena heraus. Vielleicht kann Beetee seinen Computervirus, mit dem er die Infrastruktur des Kapitols lahmlegen will, auf die Computer der Spielmacher loslassen, und so die Kontrolle übernehmen.

Doch auch dieser Plan wird durchkreuzt. Effie liest den Namen des männlichen Tributen vor. „Peter Owen!" Das ist es. Der finale Schlag. Mein Todesurteil, und zugleich auch das von Katniss. Ich weiß, dass ich in den Hungerspielen keine Chance habe, und niemandem eine Hilfe sein kann. Ich kann nicht mit Waffen umgehen. Pfeil und Bogen hatte ich das letzte Mal zu Beginn meiner Pilotenausbildung im Fliegerclub in der Hand, als wir einen alten Bogen in der Abstellkammer gefunden und uns an einem nebligen Nachmittag damit die Zeit vertrieben hatten. Ein Kollege hatte damals angesichts meiner bescheidenen Zielgenauigkeit gemeint, ich sollte es besser mit einer Schrotflinte versuchen, wenn ich etwas treffen will. Genauso hatte ich nie irgendwelchen Kampfsport betrieben, und auch sonst war Sport für mich eher etwas, was man fallweise im Fernsehen ansah, wenn sonst nichts Vernünftiges lief.

Wie ferngesteuert betrete ich die Bühne. Effie fragt mich irgendetwas. Ich höre es nicht wirklich. Für einem Moment spiele ich mit dem Gedanken, einfach loszurennen. Vielleicht würden mich die Friedenswächter dann erschießen. Es wäre der einfachste und schnellste Weg, aus der Sache herauszukommen. Warum das Ende unnötig hinauszögern?

Das Bild eines Airbus A-300 der DHL mit brennender linker Tragfläche hält mich zurück. Wenn die Piloten dieser Maschine, die nach einem Raketentreffer über Baghdad im Jahr 2003 alle drei Hydrauliksysteme und ein Stück der linken Tragfläche verloren hatte, so gedacht hätten wie ich jetzt, wären sie damals wohl gestorben. Ohne Hydraulik waren sämtliche Steuerflächen des Airbus bewegungsunfähig, die Maschine war mittels Steuerhorn und Ruderpedalen nicht mehr kontrollierbar. Eine Landung schien ausgeschlossen. Hätten die Piloten nichts getan und einfach die Hände in den Schoß gelegt, wäre die Maschine in einer immer steiler werdenden Linkskurve nach ein paar Minuten in den Boden gerast. Doch die Piloten hatten versucht, die Maschine durch Verändern der Schubleistung der beiden Triebwerke zu steuern. Auf diese Weise gelang ihnen eine glatte Landung mit einem praktisch unsteuerbaren Flugzeug – zum ersten Mal in der Geschichte der Luftfahrt.

Ich muss diese Sache genauso angehen. Es zumindest versuchen. Mir eine Strategie zurecht legen. Vielleicht kann ich mich mit Katniss irgendwo in der Arena verstecken, und warten, bis nur mehr weniger Tribute übrig sind. Dann könnten wir eine Falle bauen. Oder Katniss könnte einen nach dem anderen mit ihren Pfeilen erledigen. Wenn es welche gibt. Je länger wir am Leben bleiben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass uns am Ende doch jemand rausholt. Und dann ist da noch das Training. Gut zwei Wochen Zeit, in denen sie in Distrikt 13 etwas versuchen können. Vielleicht Operation „Blackout" vorziehen, und dem Kapitol mit einem Computervirus die Kraftwerke lahm legen. Ohne Strom keine Hungerspiele. Stattdessen das totale Chaos in einer Gesellschaft, in der ohne Elektrizität gar nichts läuft. Kein Mensch würde Hungerspiele veranstalten, die niemand sehen kann, weil die Fernseher ohne Saft dunkel bleiben.

„Und möge das Glück stets mit euch sein!", beendet Effie die Zeremonie. Was für eine Heuchelei! Als ob man einem Todkranken mit einer sich vor Fröhlichkeit überschlagenden Stimme viele glückliche und gesunde Lebensjahre wünscht! Zwei Friedenswächter kommen auf mich zu und packen mich an den Armen. Zwei weitere zerren Katniss mit sich mit. Ich versuche, Blickkontakt zu ihr zu bekommen. Noch mehr Friedenswächter versperren mir die Sicht. Ich spüre einen Stich in meinem rechten Arm. Ein eigenartiges Schwindelgefühl überkommt mich. Meine Augenlider werden schwer. Meine Arme und Beine fühlen sich kraftlos an. Für einen Moment taucht Katniss zwischen den Körpern der Friedenswächter auf. Mit fragendem Blick sieht sie mir in die Augen. Als wollte sie von mir wissen, wie es weiter geht. Die Farbe verschwindet aus meinem Blickfeld. Katniss fragende Miene ist das letzte, was ich sehe, bevor ich in eine tiefe, schwarze Dunkelheit falle.

Anmerkungen des Autors:

Nach dem Motto "Die Realität schreibt manchmal die besten Geschichten" habe ich in diesem Kapitel Referenzen zu echten, in Pilotenkreisen gut bekannten Vorfällen, eingebaut.

1) Der beschriebene Unfall mit der Cessna 310R ist an einen realen Vorfall angelehnt. Es gibt Fälle, wo das, was Rory versucht hat, funktioniert hat, aber mindestens genauso viele Fälle, wo es ähnlich tragisch ausgegangen ist. In diversen Publikationen zum Thema „Landung ohne Fahrwerk" wird geraten, im Zweifelsfall keine Experimente a la „Motoren abstellen und Propeller so stellen, dass die den Boden nicht berühren" zu wagen.

2) Die Notlandung der zweiten Maschine gleichen Typs im Jahr 2008 ist real, bis hin zu Ort und Datum. Es gibt dazu auf Youtube ein Video.

3) Der Zwischenfall mit dem Airbus A-300 der DHL ist wirklich passiert. Es gibt darüber eine Dokumentation aus der Reihe "Air Crash Investigation", die mit etwas Suche auch auf Youtube gefunden werden kann.