Kapitel 3 – Schnellzug ins Kapitol – Irgendwo

Allmählich komme ich wieder zu mir. Es ist unmöglich zu sagen, wie lange ich bewusstlos war. Da es rund um mich finster ist, müssen es wohl schon ein paar Stunden gewesen sein. Die einzige Lichtquelle ist der Mondschein, der durch das Fenster fällt.

So, wie es aussieht, bin ich in dem berühmten Luxuszug, der die Tribute ins Kapitol bringt. Spitzengeschwindigkeit 200 Meilen pro Stunde, vibrationsfrei auf einem Magnetfeld über den Schienen schwebend. Die Geschwindigkeit lässt sich nur an den vereinzelt am Fenster vorbeiflitzenden Bäumen erkennen. Das geräumige Schlafabteil ist wie ein kleines Hotelzimmer eingerichtet, mit Doppelbett, Wandschrank, einem großen Spiegel und einem Tisch mit zwei antik wirkenden Plüschsesseln.

Ich muss Katniss suchen, schießt mir durch den Kopf. Wahrscheinlich liegt sie in einem ähnlichen Abteil. Plötzlich höre ich Schritte am Gang. Sie stoppen vor meiner Tür. Schnell ziehe ich die Decke bis zum Kinn und drehe mich zur Seite, versuche mich schlafend zu stellen. Ein leises Klicken, dann höre ich, wie die Tür geöffnet und sofort wieder geschlossen wird. Irgendjemand schleicht sich an mein Bett heran und beugt sich über mich. Der Geruch von Alkohol steigt mir in die Nase.

„Pssst!" bedeutet mir der Unbekannte, leise zu sein. „Ich bin Haymitch, dein Mentor. Hör mir genau zu, wir haben nicht viel Zeit." Ich drehe meinen Kopf in seine Richtung. In der Dunkelheit kann ich ihn nur schemenhaft erkennen. Wirre, helle Haare, bärtiges Gesicht. Er müsste es sein, zumindest sieht er auf den Fotos, die ich gesehen habe, so aus. Seiner Alkoholfahne nach zu urteilen, dürfte er einiges intus haben. Wer weiß, wenn ich an seiner Stelle wäre, und Jahr für Jahr Mentor für todgeweihte Tribute sein müsste, wäre ich vielleicht auch nicht anders.

Mit Flüsterstimme wendet sich Haymitch an mich.
„Was ich dir jetzt sage, bleibt bei dir. Du erzählst niemandem davon. Verstanden?"
Ich nicke.
„Gut, als erstes musst du wissen, dass die Arena ein Flugzeug ist, genauer gesagt, die DC-8, die im Herbst in Distrikt 12 verschwunden ist. Wir haben für dich und Katniss Sitze in der vordersten Reihe des Startblocks arrangiert, fußfrei. Ihr werdet an Armen und Beinen gefesselt sein, die Fesseln lösen sich automatisch, wenn der Countdown abgelaufen ist. Wenn das passiert, lauft ihr so schnell ihr könnt Richtung Cockpit. Die Tür wird unversperrt sein. Sobald ihr drin seid, verriegelt ihr die Tür. Es ist soweit wir wissen die übliche verstärkte Tür, angriffshemmend, aber nicht unüberwindbar. Ich kann nicht sagen, ob es an Bord Waffen geben wird, mit denen man die Tür rasch überwinden kann, aber rechnet besser damit. Tu, was du tun musst, damit niemand ins Cockpit eindringt. Benutze das Flugzeug als Waffe, wenn es sein muss. Ihr werdet die Kontrolle haben, aber passt auf, dass euch das Kapitol später nicht drein pfuscht. Verstanden?"
„Ich denke schon", antworte ich leise.

Zum ersten Mal seit der Ernte hege ich so etwas wie echte Hoffnung. Die DC-8 ist mein Revier. Ein Heimspiel. Ich habe allen anderen Tributen etwas voraus.
„Wenn ihr also die Kontrolle übernommen habt, hängt viel davon ab, wo ihr seid und wie viel Sprit ihr habt. Starten wird die Maschine wahrscheinlich vom Flugplatz des Kapitols. Wenn es irgendwie möglich ist, solltet ihr versuchen, Richtung Nordosten nach Distrikt 10 oder 12 zu fliegen. Das bringt euch in die Nähe zu Distrikt 13, aber nicht zu nahe, damit das Kapitol nicht gleich Verdacht schöpft. Sollte es nötig sein, kommt ihr von dort rasch zu diesem alten Militärflugplatz nordöstlich des Ontariosees", setzt Haymitch fort.

Im der Theorie klingt sein Plan gut. Die einzigen Luftabwehrraketen in ganz Panem, die eine hoch fliegende DC-8 abschießen können, sind rund um das Kapitol und um eine Hovercraft-Basis in Distrikt 2 stationiert. Der Rest Panems ist nicht einmal vom Radar lückenlos abgedeckt. Satelliten gibt es offiziell keine, weil diese genauso wie Überschallflugzeuge, ballistische Raketen mit mehr als 300 Meilen Reichweite und Flugzeuge mit über 40.000 Fuß Dienstgipfelhöhe durch den gemeinsamem Waffensperrvertrag zwischen dem Kapitol und Distrikt 13 verboten sind.

„Das hört sich ja alles ganz gut an", werfe ich ein, „aber ich kann mir nicht vorstellen, dass uns das Kapitol stundenlang herumfliegen lassen wird, wohin wir wollen".
„Dann müsst ihr euch eben etwas einfallen lassen. Spielt ihnen etwas vor, trickst sie aus. Das kannst du doch ganz gut, denk nur an dein Studium und deine Eltern", entgegnet Haymitch mit einem leichten Lächeln im Gesicht. Woher er das wohl schon wieder weiß? Wahrscheinlich weil Beetee es ihm erzählt hat.
„Und denke daran, es geht hier nicht nur um euer Überleben, es geht auch darum, welches Signal der Ausgang dieser Hungerspiele an die Bevölkerung Panems sendet. Es reicht nicht, einfach nur zu gewinnen. Ihr müsst so gewinnen, dass ihr euch nachher selbst noch in den Spiegel schauen könnt. Sonst seid ihr nicht besser als die Karrieros, die das Kapitol diesmal gerne als Sieger sehen will", fügt Haymitch hinzu.

Darum geht es also. Das sind nicht nur einfach irgendwelche Hungerspiele, nein, das Kapitol will offenbar seine treuen Karrierodistrikte belohnen und allen anderen zeigen, wie sinnlos ihre Rebellionsversuche sind. Wenn es Katniss und mir gelingen sollte, nicht nur die Spiele zu überleben, sondern uns auch dem Willen des Kapitols zu widersetzen, könnte das die Rebellion anfachen. Bei all dem dürfen wir uns nicht auf das Niveau der Karrieros herablassen, und die übrigen Tribute einfach töten. Wir müssen eine Lösung finden, wo möglichst viele überleben, und dann in neutrales Terrain flüchten, bevor uns das Kapitol mit irgendeiner List vom Himmel holt.

Ich glaube zu wissen, wie ich das bewerkstelligen kann. Es ist riskant und steht in keinem Handbuch, aber ich habe die Prozedur im Kopf. Mit einigen wenigen Handgriffen kann ich vom Cockpit aus jeden in der Kabine innerhalb von einer oder zwei Minuten außer Gefecht setzen. Ohne mit dabei in irgendeiner Weise die Hände schmutzig zu machen. Aber es wird eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod werden, allein das richtige Timing entscheidet, ob ich zum Retter oder zum kaltblütigen Mörder werde.

Haymitch beugt sich noch ein Stück näher über mich.
„Noch Fragen?" Ja, genug. Aber eine ist besonders wichtig.
„Weiß Katniss Bescheid?" frage ich.
„Nur über das Nötigste, also dass sie mit dir ins Cockpit flüchten soll. Ich weiß nicht, was du ihr bis jetzt über deine Arbeit erzählt hast, aber halte dich in der Arena so bedeckt wie möglich. Wenn dann, erzähle irgendeine Story, dass du Pilot in Europa bist", antwortet Haymitch. „Und jetzt schicke ich dich besser wieder schlafen, bevor noch jemand etwas merkt. Das nächste, was du siehts, wird die Arena sein!"

Haymitch zieht etwas aus seiner Jackentasche. Eine Impfpistole.
„Aber das Trainingszentrum und die Interviews…", entgegne ich mit fragendem Blick.
„Finden nicht statt!" Ich spüre einen Stich in meinem linken Oberarm.
„Gute Nacht, und möge das Glück mit dir sein", flüstert mir Haymitch ins Ohr. Wieder einmal überkommt mich eine bleierne Müdigkeit. Ich bekomme kaum noch mit, wie die Tür meines Abteils ins Schloss fällt.