Kapitel 5 – An Bord der DC-8 – 6:35 Uhr Lokalzeit
Plötzlich wird es in der Kabine auf einen Schlag stockdunkel. Als Pilot schießen mir sofort Gedanken über mögliche technische Probleme durch den Kopf. Probleme mit den Generatoren? An welcher Verteilerschiene hängt eigentlich die Kabinenbeleuchtung? Haben die Techniker des Kapitols irgendeinen Unfug mit der Elektrik angestellt? Das gleichmäßige Dröhnen der Triebwerke beruhigt mich. Solange eine DC-8 Treibstoff hat und die Motoren laufen, ist nichts verloren. Die Fluglage der Maschine ist unverändert, demnach dürfte der Autopilot nach wie vor alles unter Kontrolle haben.
Trotzdem beunruhigt mich die Dunkelheit. Nur die beleuchteten „Bitte Anschnallen" und „Nicht Rauchen" Zeichen über den Sitzen werfen noch ein spärliches Licht in den Raum, gerade genug, um Konturen erkennen zu können. „Was ist jetzt los?" fragt Katniss. „Sieht so aus, als hätten sie das Licht abgedreht", antworte ich achselzuckend. Draußen ist es fast komplett finster. Nur durch die Fenster auf der linken Seite der Maschine ist am Horizont ein bläulicher Dämmerungsstreifen erkennbar. Es ist offenbar entweder früh am Morgen oder spät am Abend, schließe ich daraus. Da die Dämmerung links zu sehen ist, fliegen wir entweder auf Südkurs, wenn es vor Sonnenaufgang ist, oder auf Nordkurs, wenn es nach Sonnenuntergang ist.
Mit einem leisem Surren klappt ein dünner Flachbildschirm mit gut einem Meter Bilddiagonale von der Decke herab. Mich beschleicht das ungute Gefühl, dass die „Schonfrist" nun zu Ende ist, und es schon bald ernst werden wird. Mit fast ohrenbetäubender Lautstärke schallt Panems Nationalhymne durch die Kabine. Als Kind des 20. Jahrhunderts rufen die Klänge dieser faschistischen Komposition bei mir Bilder von wehenden Hakenkreuzfahnen, Fackelzügen und Paraden durch die Straßen wach. Ja, es könnte fast sein, dass in einer Welt, wo Deutschland den 2. Weltkrieg gewonnen hätte, heute eine ähnliche Hymne gespielt würde.
Jetzt, an Bord der DC-8, erfüllte die lautstarke Musik wohl nur einen Zweck: den letzten noch dösenden Tribut endgültig wach zu rütteln und zugleich den Zuschauern im Kapitol einen Moment des Hochgefühls, der Überlegenheit über die Menschen aus den Distrikten zu vermitteln.
Die Geschichte wiederholt sich. Einmal ist es die Religion, einmal die Nationalität, einmal die Rasse. Immer wenn eine Gruppe von Menschen denkt, sie sei allen anderen überlegen, führt dies über kurz oder lang zu immensem Leid. Selbst mehr als 200 Jahre in der Zukunft scheint es nicht anders zu sein, als im 20. Jahrhundert. Wir haben nichts dazu gelernt! All die schönen Gedanken über die ach so tolle Zukunft, wo alle Menschen friedlich zusammenleben, nichts als Schall und Rauch! Das Universum, wo es anders ist, muss wohl erst gefunden werden…
Die plötzliche Stille nach dem Ende der Hymne reißt mich aus meinen Gedanken. Auf dem Bildschirm erscheint das Wappen Panems, dann erscheint Caesar Flickerman, der bekannte Moderator der Hungerspiele, auf dem Bildschirm.
„Geschätzte Zuschauerinnen und Zuschauer, es ist mir eine Freude, Sie zur Eröffnung der 74. Hungerspiele begrüßen zu dürfen!", verkündet Flickermann mit strahlendem Lächeln, wie in einer Zahnpasta-Werbung.
„Wie Sie sehen, haben wir diesmal den Ablauf ein wenig verändert. Ja, auch das Kapitol muss manchmal ein wenig sparen, und darum haben wir diesmal beschlossen, das ganze Vorgeplänkel wegzulassen und gleich zur Sache zu kommen! Ja, Sie haben richtig gehört – keine Parade, keine Interviews, keine tollen Kleider und kein Trainingszentrum. Ich finde es selber schade drum, aber was soll ich machen? Unsere Nation hat nun mal zur Zeit wichtigere Dinge, für die wir unsere Ressourcen verwenden müssen. Aber eines ist gewiss – auch wenn wir diesmal keine Arena mit mehreren Quadratkilometern Fläche haben, es werden spannende Hungerspiele werden. Lassen Sie mich kurz die Tribute vorstellen – hier haben wir aus Distrikt 1 Glimmer und Marvel. Applaus!" ruft Flickerman.
Auf dem Bildschirm werden Fotos der beiden Tribute aus Distrikt 1 eingeblendet. Diese Glimmer ist genau das, was man sich landläufig unter dem Begriff „blondes Gift" vorstellt. Groß, volles, rundes Gesicht, kalte, blaue Augen und ein Blick, der so viel wie „treib keine dummen Spiele mit mir, sonst bereust du es" sagt. Marvel sieht auf den ersten Blick harmloser aus. Mit seinen kurzen, dunkelblonden Haaren und dem leicht länglichen Gesicht wirkt er auf mich eher wie ein Durchschnittstyp. Sportlich, mittelmäßig intelligent, groß gewachsen, aber mit einer dunklen Note, die sich erst bei genauerem Hinschauen offenbart. Wie einer dieser Highschool-Amokläufer, der jahrelang unauffällig ist und dann plötzlich durchdreht. Dem Textinsert am Bildschirm nach sind beide 17 Jahre alt. Typisch für Distrikt 1, wo es eine Ehre ist, sich nach jahrelangem Training freiwillig für die Hungerspiele zu melden.
Weiter geht es mit den Tributen aus Distrikt 2. Diese Clove hat den sprichwörtlichen bösen Blick. Finstere Augen starren aus ihrem zum Kinn hin nach unten spitz zulaufenden Gesicht. Sie ist zwar erst 15 Jahre alt und laut den Angaben am Schirm nur knapp über 160 Zentimeter groß, aber auf jeden Fall eine fiese und erbarmungslose Gegnerin. Der männliche Tribut heißt Cato und ist der typische Muskelprotz. Mit seinen kurzen, hellen Haaren, seinem kantigen Gesicht und seinen kräftigen Oberarmen sieht er aus wie ein Football-Quarterback. Er wäre in meiner Heimat wohl ein Mädchenschwarm. Cato sieht deutlich stärker als Marvel aus, und macht auf mich den Eindruck, als würde er jegliche Probleme vorzugweise durch die Anwendung körperlicher Gewalt zu lösen versuchen. Wenn Catos Auto nicht anspringen würde, würde er wohl zuerst das Armaturenbrett mit seinen Fäusten zertrümmern, und erst anschließende den Pannendienst rufen.
Definitiv ist Cato aber jemand, vor dem ich mich in Acht nehmen muss. Er könnte die Cockpittür von allen bisher gezeigten Tributen sicherlich am schnellsten zertrümmern, und würde wahrscheinlich auch mit ungeeignetem Werkzeug irgendwann durch rohe Gewalt ans Ziel kommen. Im Gegensatz zu ihm sind die beiden Tribute aus Distrikt 3 kaum eine ernst zu nehmende Bedrohung. Das Mädchen namens Amber sieht zwar auf den ersten Blick Clove recht ähnlich, aber ihr fehlt der hinterhältige Blick. Ihre Haare sind eine Spur heller, eher ins rötlich-bräunliche gehend, und ihre Gesichtszüge wirken kindlicher. Kein Wunder, sie ist ja auch erst 13 Jahre alt. Ihr männlicher Kollege heißt Noah und ist ein Jahr älter, aber fast einen Kopf kleiner als Amber. Er sieht aus wie der typische, brave, unauffällige Streber, mit seinem rundlichen Gesicht und den völlig unspektakulären, mittellangen dunkelbraunen Haaren, welche seine Ohren unverdeckt lassen und am Hinterkopf in Kragenhöhe enden.
Irgendwie erinnert er mich daran, wie ich in der Grundschule ausgesehen habe. Er könnte fast mein jüngeres Selbst sein. Hier wird er zu denen gehören, die als erstes sterben werden. Überleben kann er höchstens durch irgendeine List oder pures Glück. Er passt voll und ganz ins übliche Bild der Tribute aus Distrikt 3, die allesamt eher klein und unscheinbar aussehen. Technikfreaks, die sich eher mit Schaltkreisen als mit Waffen auskennen. Kein Wunder, dass Distrikt 3 in der Regel keine Karrieros hervorbringt.
Bessere Chance scheint da schon das Mädchen aus Distrikt 4 zu haben. Marina ist 17 Jahre alt, und wirkt recht kräftig. Sie hat einen südländischen Einschlag, typisch für ihren Distrikt, der sich im tiefen Süden Panems im Bereich des früheren Golfs von Mexiko erstreckt. Ihr Partner Breck, der „Wuschelkopf", wie Caesar ihn nennt, ist gerade mal 12 Jahre alt. Normalerweise gehören die Tribute aus Distrikt 4 zu den Karrieros, wie jene aus 1 und 2. Ich kann kaum glauben, dass ein Zwölfjähriger sich freiwillig für die Hungerspiele melden würde. Selbst wenn er noch so geschickt ist, ist er doch den älteren Tributen hoffnungslos überlegen.
Vielleicht ist kein Freiwilliger. Oder er ist unheilbar krank, und glaubt, in den Spielen einen schnellen Ausweg aus seinem Leiden zu finden. Wobei es für letzteres deutlich angenehmere Methoden gäbe. Zum Beispiel das, was ich in Kürze tun werde, um die Tribute in der Kabine außer Gefecht zu setzen. Nur dass ich es nicht bis zum Ende durchziehen werde, sondern hoffentlich rechtzeitig zurückrudern kann, ehe es zu spät ist.
Caesar Flickermans Stimme holt mich wieder aus meinen abschweifenden Gedanken. „Und hier – die Tribute aus Distrikt 5. Da hätten wir Finch – seltsamer Name für ein Mädchen, meine ich – und Jason – Mann, schaut der finster drein!" Da muss ich Flickerman Recht geben. Der männliche Tribut aus Distrikt 5 schaut beinahe so finster drein wie Clove. Sonst sieht er Noah aus Distrikt 3 ein wenig ähnlich, nur deutlich erwachsener und mit dunklerer Hautfarbe. Das Mädchen, diese Finch, erinnert mich irgendwie an einen Fuchs. Nicht nur, dass ihr Gesicht so aussieht, nein, sie wirkt auch genauso listig wie das Tier. Für ihre 15 Jahre ist sie recht groß, und ihre rötlich-goldenen Haare schreien förmlich „Achtung". Sie mag zwar körperlich nicht die Stärkste sein, könnte das aber durch Hinterlistigkeit kompensieren.
Die beiden Tribute aus Distrikt 6 sind beide schwer einzuschätzen. Das Mädchen namens Tamora mit ihren beiden blonden Zöpfen ist eine Art jüngere Glimmer mit hagerem Gesicht, außerdem ist sie recht klein. Der Junge, ein gewisser Jason, ist älter, und sieht recht erwachsen aus, mit einem kantigen Gesicht und voluminösen, etwas ungeordneten Haaren. Dem Bildtext nach ist er 16 Jahre alt, das Mädchen 14. Gefährlicher sieht die Tributin aus Distrikt 7 aus. Die sechzehnjährige Regina ist zwar klein, sieht aber recht kräftig aus. Könnte vom Typ her eine Art Johanna Mason sein, nur mit blonden Haaren. Aufgrund ihrer Herkunft kann sich sicherlich gut mit einer Axt umgehen, so wie Johanna.
Der männliche Tribut namens Kristof ist auch 16 Jahre alt, und hat einen fernöstlichen Einschlag. Möglicherweise ein Abkömmling japanischer, chinesischer oder koreanischer Einwanderer. Auch er wird sich vermutlich nicht ungeschickt mit einer Axt anstellen. Beide zusammen könnten durchaus eine Bedrohung darstellen, wenn sie es bis zur Cockpittür schaffen und eine Crash-Axt finden.
Nicht ganz harmlos sieht auch Fuller, der männliche Tribut aus Distrik 8 aus. Er ist sehr groß, und hat ebenfalls einen leichten asiatischen Einschlag. Seine Partnerin Savannah ist zwar erst 13 Jahre alt, aber nur einen halben Kopf kleiner. Mit ihren rotblonden Haaren und einem finster wirkenden Blick sieht sie für mich nach einer definitiv zu respektierenden Gegnerin aus, die nicht unterschätzt werden darf.
Der Junge aus Distrikt 9 dagegen sieht noch fast wie ein Grundschüler aus. Rye ist gerade mal 12 Jahre alt, und klein gewachsen, ähnlich wie Noah aus Distrikt 3. Das Mädchen mit dem ungewöhnlichen Namen Demetria ist deutlich größer und erinnert mich mit ihren rötlichen Haaren ein wenig an Finch, nur ihr Gesicht ist etwas rundlicher. Schwierig zu sagen, wie ihre Chancen aussehen. Distrikt 9 ist die Korngrube Panems, seine Bewohner sind harte Feldarbeit gewohnt. Zumindest das Mädchen mit ihren 14 Jahren könnte kräftiger sein, als es aussieht.
Großes Pech hat Barney aus Distrikt 10. Er ist 18 Jahre alt, und wurde somit in seinem letzten Jahr gezogen. Wie unfair das Leben doch manchmal ist. Fast außer Gefahr, und im letzten Moment doch nicht entkommen! Seine Partnerin Susan ist 16 Jahre alt, mit einem kleinen, rundlichen Gesicht und rötlich-braunen Haaren. Wieder ein schwer einzuschätzender Fall. Ganz klar gefährlich sieht Tresh, der männliche Tribut aus Distrikt 11 aus. Er ist etwa so groß wie Cato, und annähernd genauso muskulös. Seine dunkle Hautfarbe und sein kantiges Gesicht unterstreichen den Eindruck, dass er ein ernstzunehmender Konkurrent für die Karrieros sein könnte.
Ganz anders das Mädchen. Der Anblick der gerade mal 12 Jahre alten, klein und hilflos wirkenden Rue treibt mir Tränen in die Augen. Das könnte fast Prim sein! So wie Katniss Schwester, die in diesem Jahr zum ersten Mal Gefahr lief, für die Hungerspiele gezogen zu werden, scheint Rue den übrigen Tributen hoffnungslos unterlegen zu sein. In einer anderen Arena, im Freien, mit Versteckmöglichkeiten, könnte sie vielleicht eine Zeitlang überleben, wenn sie flink ist. Aber hier, eingepfercht in einer Flugzeugkabine, wo es außer dem Cockpit kein halbwegs sicheres Versteckt gibt, dürften ihren Überlebenschancen gegen Null gehen. Für einen Moment geistert ein irrationaler Gedanke durch meinen Kopf: Kann ich Rue vielleicht dazu bringen, mit uns ins Cockpit zu laufen?
Ein Blick nach hinten sagt mir, dass dies unmöglich ist. Rue sitzt im mittleren Bereich der Sitzreihen, und würde niemals an den anderen Tributen vorbei nach vorne gelangen. Trotzdem, sollte sie wie durch ein Wunder dicht hinter uns sein, würde ich die Cockpittür einen Moment länger offen lassen, und sie als Verbündete mit ins Boot holen. So viel Menschlichkeit muss sein, auch im Kampf auf Leben und Tod. Ich muss daran denken, was Katniss wohl getan hätte, wenn Prim gezogen worden wäre? Hätte sie sich vielleicht freiwillig gemeldet, um den Platz ihrer Schwester einzunehmen? Gut möglich. Ziemlich sicher gibt es eine Variante in der Vielzahl paralleler Universen, wo genau das passiert. Oder geschehen ist. Oder noch passieren wird. Alles, was im Geiste erdacht werden kann, auch wenn es noch so absurd und unwahrscheinlich erscheint, wenn es nicht gegen die grundlegenden Naturgesetze verstößt, geschieht irgendwo da draußen. Beetee pflegte das zumindest immer zu sagen.
Als ich mein eigenes Bild auf dem Monitor sehe, und als siebzehnjähriger Peter Owen vorgestellt werde, erscheint mir die ganze Situation irgendwie unwirklich. Kann das wirklich gerade geschehen? Immerhin wirkt mein angebliches Alter sogar halbwegs glaubwürdig. Ich sehe zwar recht erwachsen aus, aber mit meine 175 cm bin ich größenmäßig nur im oberen Mittelfeld. Meinen Oberarmen sieht man an, dass mir etwas mehr Kraftsport gut tun würde. Bevor ich nach Panem gekommen war, hatte ich auch gut 10 Kilogramm zu viel auf den Rippen, die sie mir in Distrikt 13 im Laufe der vergangenen Monate durch strenge Rationierung meiner Nahrung weitgehend vom Leib getrieben hatten.
Dadurch wirkt mein Gesicht jetzt etwas hagerer als ich es von früher gewohnt bin. Irgendwie sehe ich dem männlichen Tribut aus Distrikt 6 ein wenig ähnlich, nur mit einer höheren Stirn und hellerer Hautfarbe. Die Frisur ist dafür fast identisch, bis auf den Umstand, dass ich meine Haare aus der Stirn nach hinten gekämmt habe. Normalerweise. Jetzt fallen sie mir teilweise ins Gesicht. Offenbar haben sie diesmal auch bei den Stylisten gespart. Der angeblichen Sparwut des Kapitols ist sichtlich auch die sonst übliche „Generalüberholung" der Tribute vor den Spielen zum Opfer gefallen. Normalerweise werden kleinere Makel wie Narben, Hautunreinheiten oder unpassende Körperbehaarung von den Stylisten entfernt.
So wie Katniss Unterarme vorhin, als das Licht noch brannte, ausgesehen hatten, ist diesmal nichts dergleichen unternommen worden. Ihre Hände waren, so wie immer, übersät mit kleinen Kratzern und ein paar alten Narben, die sie sich im Laufe der Jahre bei der Jagd im Wald zugezogen hatte. Ein Anblick, der mich an Kate erinnert, deren Hände bedingt durch ihre Arbeit als Flugzeugmechanikerin und Hobby-Autoschrauberin auch alles andere als makellos waren. Mich hatte das nie gestört, aber meine Eltern hätten vermutlich durchgedreht, wenn sie Kate jemals aus der Nähe gesehen hätten. Nicht standesgemäß, was sollen bloß die Leute denken! Ich muss unfreiwillig schmunzeln. Meine Mutter konnte sich über solche Dinge stundenlang echauffieren.
Irgendwie hätte sie gut ins Kapitol gepasst. Immerzu über die neueste Mode zu diskutieren und stets auf ein perfektes Äußeres achten, nicht daran denkend, dass es auch echte, substanzielle Probleme gibt, die sich nicht mit ein wenig Makeup oder einer ausgefeilten Diät aus der Welt schaffen lassen. Ja, sie wäre eine gute Kapitolbewohnerin gewesen, mit dem einzigen Unterschied, dass sie sich nie die Hungerspiele im Fernsehen hätte anschauen können. Die BBC-Nachrichten waren das Äußerste an echter Gewalt und echtem Leid, das sie im TV verkraften konnte, ohne dass ihr schlecht wurde.
Wieder dringt Caesar Flickermans Stimme in mein Ohr.
„Nun, da wir alle Tribute vorgestellt haben, wollen wir sogleich zum wirklich spannenden Teil kommen. Bevor wir loslegen, will ich für unsere neuen Zuschauer noch einmal schnell die Regeln erläutern. Wie immer, wird es einen sechzig Sekunden langen Countdown geben. Der einzige Unterschied zu den früheren Spielen ist diesmal, dass die Tribute an ihre Sitze gefesselt sind. Niemand kann vorzeitig starten, selbst wenn er oder sie das will. Nicht dass das jemand wollen würde, wer will sich schon selber in die Luft sprengen! Gut, das geht diesmal nicht, weil wir uns dachten, Sprengstoff und Flugzeuge vertragen sich nicht, darum haben wir die Mienen weggelassen. Schließlich wollen wir ja spannende Spiele sehen, die nicht nach einer Sekunde vorbei sind, weil jemand von seiner Plattform fällt. Also haben wir diesmal die Fesseln, die sich am Ende des Countdowns exakt gleichzeitig öffnen. Ab dann gelten die gleichen Regeln wie bisher – wer als letzter noch lebt, gewinnt diese nunmehr 74. Hungerspiele! Ach ja, es gibt da doch noch eine neue Regel. Wenn am Ende beide Tribute eines Distrikts noch am Leben sein sollten, können beide zu Siegern gekürt werden – sofern sie es wollen! Und jetzt, noch eine kleine Werbepause, dann geht es los!" unterbricht Flickerman seine Moderation.
Auf dem Bildschirm erscheint wieder das Wappen Panems. Unmittelbar darauf wird die Kabinenbeleuchtung mit voller Intensität eingeschaltet. Nach einigen Minuten Dunkelheit blendet das grelle Licht beinahe schmerzhaft. Ich kneife meine Augen zusammen. Jetzt ist deutliches Gemurmel aus dem hinteren Teil der Kabine zu hören. Vielleicht werden gerade Bündnisse geschlossen. Oder die Tribute sprechen untereinander ab, wie sie mit der neuen Regel umgehen werden. Für mich macht sie keinen großen Unterschied. Ich hätte nie auch nur daran gedacht, Katniss umzubringen, falls es nur einen Sieger geben dürfte, und es mir nicht gelingen sollte, mit der DC-8 in neutrales Territorium zu fliehen, bevor das Kapitol eine Entscheidung erzwingt. Notfalls würde ich das Kapitol erpressen, uns beide gewinnen zu lassen. Dafür würde ich schon eine Möglichkeit finden. Alles zur gegebenen Zeit. Jetzt gibt es nur ein wichtiges Ziel. Vor allen anderen das Cockpit zu erreichen, dessen Tür hoffentlich offen ist, wie Haymitch es versprochen hat. Sonst werden die Hungerspiele für Katniss und mich zu Ende sein, bevor sie richtig angefangen haben.
