Kapitel 6 – Ungewisse Minuten (6:45 Lokalzeit / 13:45 UTC)
Wie lange eine Werbepause im nationalen Panem-Fernsehen wohl dauert? Länger als ein paar Minuten wird sie wohl kaum sein. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie viele Zuschauer im Kapitol gerade auf ihre Bildschirme starren, und auf nichts sehnsüchtiger warten als das Ende des Countdowns. Den Beginn des gegenseitigen Abschlachtens in einer knapp über 40 Meter langen Röhre. Was werden wohl die zwangsweise zum Zuschauen verdonnerten Leute in den Distrikten denken? Die Eltern oder Geschwister der Tribute? Ahnen sie bereits, wie grausam diese Spiele sein werden?
Ich kann mich vage erinnern, dass mir Beetee einmal von einer Arena erzählt hat, wo es nur Nagelkeulen als Waffen gegeben hatte. Keine schöne Vorstellung. Aber wenigstens hatten die Tribute damals Versteckmöglichkeiten gehabt, die selbst einem Schwachen für einige Zeit zumindest so etwas wie eine vage Hoffnung zu überleben geben konnten. Mittlerweile dürften die meisten an Bord erkannt haben, dass es diese Hoffnung diesmal nicht gibt. Die lauten Gespräche verstummen allmählich. Traurigkeit und Ohnmacht ist aus den verbleibenden Stimmen herauszuhören, bisweilen auch pure Verzweiflung. Einige Reihen hinter mir höre ich ein Mädchen leise schluchzen. Es könnte Rue sein, oder eine der anderen jüngeren Tributinnen.
Katniss starrt scheinbar teilnahmslos aus dem Kabinenfenster, als wären ihren Gedanken ganz woanders.
„Sieht aus wie Watte", merkt sie leise an, ohne ihren Blick vom Fenster abzuwenden. Ich beuge mich zur Seite, soweit es die Fesseln zulassen. Draußen ist es merkbar heller geworden. Es ist also früh am Morgen. Die Dämmerung ist links. Damit ist Osten links. Wir fliegen also in südliche Richtung.[/i] Das fahle Zwielicht reicht aus, um tief unter uns dünne, ausgedehnte Wolkenfelder erkennbar zu machen. Wie Wattebäusche schweben Altocumulus-Wolken scheinbar schwerelos in der Luft.
„Du hast recht", entgegne ich. Katniss sieht mich an.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Wolken von oben sehen würde".
„Da hast du jetzt geschätzten 99 Prozent der Bevölkerung Panems etwas voraus", sage ich mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.
„Aber wirklich bringen tut mir das jetzt auch nichts", gibt Katniss zurück. [i]Typisch, sie sagt wie immer klipp und klar, was Sache ist.[/i] Ihre Miene wird wieder ernster.
„Hast du Angst?", wechselt sie plötzlich das Thema.
„Wer hätte in dieser Situation keine Angst?" entgegne ich.
„Du wirkst so ruhig, so gelassen".
„Schaut aber nur so aus. Berufskrankheit, schätze ich".
[i]Kein Wunder, wenn sie von dir erwarten, dass du ruhig und überlegt handelst, wenn dir beim Start ein Triebwerk um die Ohren fliegt oder wenn die Feuerwarnung für den Frachtraum angeht. Von dem kleinen Unterschied abgesehen, dass dich 22 Personen killen wollen, ist das hier ja auch nicht viel anders.[/i]
„Jedenfalls färbt deine Ruhe auf mich ab", stellt Katniss fest.
„Halte dich einfach an den Plan. Du weißt schon, bleib dicht hinter mir. Dann wird dir nichts passieren", schärfe ich ihr noch einmal ein.
„Aber falls mir trotzdem etwas passiert…falls ich zurückbleibe, dann riskier bitte nichts für mich. Du weißt, ich bin dir noch etwas schuldig. Wenigstens einer von uns soll überleben, und ich möchte, dass du das bist".
[i]Was könnte Katniss mir schuldig sei? Wahrscheinlich meint sie die Sache mit Prims Lungenentzündung im Herbst, wo ich für sie aus Distrikt 13 ein Antibiotikum mitgehen hatte lassen. Die Aktion hatte mir zwei Tage Arrest eingebracht, wegen nicht autorisierter Verwendung rationierter Arzneimittel. Wenn sie mich nicht dringend für die nächsten Flüge gebraucht hätten, hätte die Bestrafung auch schlimmer ausfallen können.[/i]
„Denk nicht mal dran. Du bleibst nicht zurück!" entgegne ich mit gehobener Stimme.
„Aber wenn es doch passiert, wenn ich sterben sollte, dann verspricht mir bitte, dass du dich um Prim kümmerst. Schau, dass sie genug zu essen hat, damit sie keine Tesserasteine lösen muss. Bitte versprich mir das", fleht mich Katniss an.
„Schon gut", sage ich. „Wenn wir das hier überstehen, werdet ihr alle genug zu essen haben".
Katniss wendet ihren Blick wieder Richtung Fenster. Die Szenerie wirkt richtig friedlich. Nur endlose Weite bis zum Horizont. Die Unendlichkeit zum Greifen nahe, und doch unerreichbar fern.
Hinter der Doppelglasscheibe des Fensters liegt ein tödliches Nichts. Die Außentemperatur beträgt weniger als minus 50 Grad Celsius, und die Luft ist mit rund einem Viertel des Normaldruck auf Meereshöhe so dünn, dass ein Mensch ohne technische Hilfsmittel wie Druckkabinen oder Sauerstoffmasken innerhalb weniger Minuten sterben würde. Jeder, der diesem Nichts ausgesetzt wäre, würde innerhalb von 30 Sekunden durch den Sauerstoffmangel die Fähigkeit zum rationalen Denken und Handeln verlieren. Kurz darauf würde man in eine tiefe Bewusstlosigkeit fallen. Nach drei bis fünf Minuten wäre das Gehirn unheilbar geschädigt, wenig später wäre man tot.
Genau dieses tödliche Nichts wird meine Waffe sein. Eine Sicherung, vier Schalter und ein Hebel – mehr braucht es nicht, um den Überdruck in der Kabine, der uns bis jetzt ein normales Atmen ermöglicht hat, auf das Niveau des Außendrucks abzusenken. Die Tribute würden reihenweise umkippen, ohne zu wissen, warum. Die Sauerstoffmasken, die sonst bei einem Druckverlust automatisch ausgeworfen werden, bleiben drin, weil der Stromkreis durch Ziehen der entsprechenden Sicherung unterbrochen ist. Nur Katniss und ich würden im Cockpit Sauerstoff haben, und bei Bewusstsein bleiben. Sobald alle Tribute bewusstlos sind, würde ich die DC-8 in einen steilen Sinkflug bringen, auf rund 20.000 Fuß Höhe.
Dort ist die Luft dicht genug, um für kurze Zeit das Überleben ohne Hilfsmittel zu ermöglichen, gleichzeitig würde die Sauerstoffsättigung im Blut aber noch nicht so hoch werden, dass die Tribute in der Kabine zu rationalen Handlungen fähig wären. Wahrscheinlich würden sie in einem schlafähnlichen Dämmerzustand bleiben. Ich erinnere mich an einen Artikel in einer Fliegerzeitschrift, wo ein Arzt eine Höhe von 20.000 Fuß für junge, gesunde Erwachsene für die Dauer von 1-2 Stunden für vertretbar hielt. Katniss und ich hätten dann Zeit, um die Karrieros kampfunfähig zu machen, und die übrigen Tribute nach und nach aufzuwecken und zu versuchen, sie als Verbündete ins Team zu holen.
[i]Aber was tun wir mit den Verweigerern? Wenn wir sie sicher fesseln können, ist alles gut, aber was, wenn nicht? Kann ich jemanden einfach so töten? Will ich das überhaupt können?[/i]
Ich verdränge die unangenehmen Gedanken. So weit sind wir noch nicht. [i]Schritt für Schritt. Das Mantra jedes Piloten. [/i] Es bringt nichts, sich mit Dingen zu belasten, die noch gar nicht spruchreif sind, oder die man sowieso nicht ändern kann. Ich muss mich auf das konzentrieren, was unmittelbar vor mir liegt. [i]Das Cockpit. Unsere Flucht dorthin. Die Dekompression. [/i] Alles andere wird sich ergeben.
