Plötzlich erwacht der Bildschirm vor uns wieder zum Leben. Ein Jingle schallt mit ohrenbetäubender Lautstärke durch die Kabine. Ich zucke unwillkürlich zusammen, mein Magen verkrampft sich. Es wird ernst. Caesar Flickerman erscheint auf dem Schirm, mit einem breiten Lächeln, als würde er irgendeine lustige Spielshow moderieren.
„Geschätzte Zuschauerinnen und Zuschauer, gleich ist es soweit. Wenn ich auf diesen roten Knopf hier drücke, startet der Countdown für den Beginn der 74. alljährlichen Hungerspiele!" verkündet Flickerman.
Bring es endlich hinter dich! Ich spüre, wie sich mein Herzschlag beschleunigt. Die Kombination aus Aufregung, Angst und Aufputschmitteln schlägt nun mit voller Wucht zu, und verhilft meiner Herzfrequenz zu neuen, ungewohnten Höhenflügen. Nicht dass ich noch einen Herzinfarkt bekomme, bevor es überhaupt losgeht! Je länger dieser Moderator herumplappert, desto schlimmer wird es. Wie wenn der Arzt vor einem minutenlang mit einer großen Spritze herumläuft, anstatt das blöde Ding einfach reinzustechen und es gut sein zu lassen. Diese Hinhaltetaktik macht mich wahnsinnig!
Noch immer leiert Flickermann geschwollene Floskeln herunter, um es ja besonders spannend zu machen. Wie bei diesen bescheuerten Tanzshows im Fernsehen, wo auch erst mal elendig lang gequasselt wird, bevor man endlich erfährt, wie die Jury das Tanzpaar bewertet hat. Ein Königreich für eine Fernbedienung! Aber so wie die Zuschauer, sind auch wir dazu verdonnert, Flickermans Sermon über uns ergehen zu lassen. Jetzt erklärt er noch einmal die Regeln, wohl für die minderbemittelten Zuschauer mit einer ultrakurzen Aufmerksamkeitsspanne, denen man alles zehn Mal erklären muss.
Weiß der Idiot nicht, dass er wertvolle Zeit vergeudet? Eine DC-8 verbraucht pro Stunde rund 12.000 Pfund Treibstoff, jede Minute, die er sinnlos verquasselt, kostet 200 Pfund Kerosin, im Wert von geschätzt rund einem Dollar pro Pfund hier in Panem. Wenn du schon nicht an meine Nerven denkst, denk wenigstens ans Geld!
Als hätte Caesar Flickerman meine Gedanken gelesen, kommt er plötzlich zum Punkt.
„Nun, nachdem wir die neuen Regeln – ich finde sie übrigens wirklich spannend – nachdem wir nun also die Regeln noch einmal geklärt haben, will ich Sie, werte Zuschauerinnen und Zuschauer, nicht länger aufhalten. Kraft meines Amtes erkläre ich hiermit den Countdown für die 74. Hungerspiele für eröffnet! Mögen die Spiele beginnen!", ruft Flickerman in sein Mikrofon, und lässt seine rechte Hand auf den roten Knopf an seinem Moderatorenpult niedersausen.
Auf dem Bildschirm erscheint eine große „60" in einem doppelten Kreis. Ein Zeiger beginnt gegen den Uhrzeigersinn mit einer Umdrehung pro Sekunde über die Kreisfläche zu laufen, wie bei einem alten Filmvorspann. Bei jeder Umdrehung ertönt eine Art Gong, die Zahlen laufen rückwärts. 59,58,57…der Countdown hat begonnen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, keine Möglichkeit, es sich noch einmal anders zu überlegen. Ich muss meinen Plan durchziehen, ich habe keine andere Wahl. Für Bedenken ist es jetzt zu spät. Ich richte meinen Blick auf Katniss. Wie gerne würde ich jetzt ihre Hand halten, in diesen letzten sicheren Sekunden, die uns noch bleiben.
Aber selbst diesem Wunsch hat das Kapitol mit seinen engen Fesseln eine unüberwindbare Barriere in den Weg gestellt. Wie damals bei Kate, nur dass es dort keine Fesseln waren, sondern ein paar Minuten fehlende Zeit. Das Bild einer zweimotorigen Cessna 310R drängt sich auf. Katniss Gesichtszüge scheinen zu jenen Kates zu verschwimmen. Wie ähnlich sich die beiden doch sehen! Klar, Kate war zwei Jahre älter, und gut 10 Zentimeter größer als Katniss, aber die Gesichtszüge…es ist fast, als würde ich ein jüngeres Spiegelbild von Kate sehen.
Habe ich vielleicht die ganze Zeit unbewusst Kate in Katniss gesehen, die Erinnerung an sie in Katniss hineinprojiziert? Ist das der Grund, warum sie mir mehr bedeutet, als sie eigentlich nach logischen Gesichtspunkten sollte? Wieder spüre ich die schmerzhaften Erinnerungen in mir aufsteigen. Das Bild der Cessna 310R wird deutlicher. Das Brummen ihrer beiden Continental-Kolbenmotoren übertönt das gleichmäßige Dröhnen der Turbofans der DC-8. Dann verstummt das Motorgeräusch plötzlich. Die Propeller bleiben stehen, der Bug neigt sich nach unten. Der dumpfe Knall des Aufschlags rast durch meine Knochen.
Nein, nicht jetzt! Warum muss ich einen Flashback bekommen, wenn ich ihn gar nicht brauchen kann?
Mit Schrecken stelle ich fest, dass der Countdown mittlerweile die 30 Sekunden-Marke passiert hat. Dreißig wertvolle Sekunden, verloren durch das ungewollte Schwelgen in einer Vergangenheit, die ich nicht ändern kann. Einer Vergangenheit, mit der ich eigentlich abgeschlossen zu haben glaubte. Aber anscheinend holt sie mich immer im ungünstigsten Moment doch wieder ein. Vor knapp einem Jahr hatte sie mich nur meinen Job gekostet. Jetzt könnte sie meine Leben kosten, wenn ich mich weiter von ihr beeinflussen lasse.
Ich versuche, die Erinnerung mit aller Kraft zu verdrängen. Du musst nach vorne schauen. Das Cockpit. Der einzige Ausweg auf diesem Alptraum!
Die schmerzhaften Bilder verblassen. Katniss ist wieder Katniss, keine „Kateniss". Die Countdown-Uhr drängt sich wieder ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit. Noch 20 Sekunden. Denk nach, hast du irgendetwas übersehen? Sicherung ziehen, cabin pressure control lever manual and locked, cabin compressors off, cabin pressure control lever to full decrease. So müsste es gehen. Aber es wird kalt werden. Ohne die Turbokompressoren keine Heizung, und durch den Druckverlust wird sich die Kabine stark abkühlen. Der Anblick unserer Trainingsuniformen – lange Baumwollhose und T-Shirt in schwarz mit roten und grauen Steifen, sowie der Distriktnummer am Ärmel, lässt mich ein wenig zweifeln, welche Probleme wir uns mit meinem Plan einhandeln könnten. Eventuell sollte ich einen Kompressor weiterlaufen lassen, um etwas warme Luft in die Kabine strömen zu lassen – aber dann würde die Dekompression länger dauern. Schwierige Entscheidung.
Noch 10 Sekunden. Hinter uns wird es unruhig. Die Tribute scharren in den Startlöchern. Letzte Anweisungen. Irgendjemand rüttelt, deutlich hörbar, mit Gewalt an den Fesseln. Die Metallbänder scheppern, aber es ist hoffnungslos. Niemand kann ein paar Millimeter Stahl mit Muskelkraft überwinden. Nicht einmal ein Karriero wie Cato.
Noch fünf Sekunden. Ich konzentriere mich auf das Schlagen des Gongs, zähle parallel zu Anzeige am Bildschirm im Kopf herunter. Noch drei Sekunden. Ich rutsche auf meinem Sitz noch ein Stück nach hinten, um mich besser von der Sitzlehne losstoßen zu können, wenn sich die Fesseln öffnen. Zwei Sekunden. Noch einmal tief ein und ausatmen. Eine Zeit scheint sich fast bis zum Stillstand zu verlangsamen. Diese letzte Sekunde dauert eine gefühlte Ewigkeit.
Der Zeiger wandert durch die Halbsekundenmarkierung. Noch keine Anzeichen auf ein Lösen der Metallschellen. In der Kabine ist es still geworden. Jeder wartet auf den letzten Gong, das Startsignal. Quälend langsam nähert sich der Zeiger der Nullmarkierung. Ich höre ein leises, mechanisches Geräusch. Gleichzeitig ertönt der letzte Gong. Ich spüre, wie meine Fesseln zuerst ein wenig, dann mit einem Ruck plötzlich zur Gänze nachgeben. Die Metallschellen klappen widerstandslos zur Seite. Mit aller Kraft stoße ich mich vom Sitz los, und sprinte nach vorne. Katniss ist dicht hinter mir. Getrieben vom Adrenalin und einem neuen Schub Todesangst, lege ich nach den ersten Metern noch einmal an Tempo zu.
Ohne zu zögern stoße ich den Trennvorhang zwischen der Touristenklasse und der Business-Class zur Seite. Zum ersten Mal habe ich mein Ziel direkt in Sicht. Die Cockpittü Blick verengt sich zu einem engen Tunnel. Nur am Rande bekommen ich mit, dass die Business-Class fast komplett leer ist. Statt Sitzen scheint es nur so etwas wie ein zweites Füllhorn zu geben.
„Weiter!" rufe ich Katniss blind zu. Nicht, dass sie noch einen Bogen sieht, und deswegen wertvolle Sekunden vergeudet! Nur noch wenige Meter. Ich schwebe förmlich dahin, als hätten meine Füße gar keinen Kontakt zum Boden vordere Wand der Business-Kabine rast an mir vorbei. Weiter durch den Gang zwischen der Bordküche und den vorderen Toiletten. Die Tür ist jetzt zum Greifen nah. Im letzten Moment bremse ich aus meinem halsbrecherischen Sprint ab und strecke die Hand nach dem Türknauf. Bitte sei offen. Der Knauf gibt nach. Schnell ziehe ich die nach außen öffnende Tür zu mir heran. Im engen Gang ist nicht genug Platz, um Katniss vorbei zu lassen, also renne ich als erster ins Cockpit.
„Los, weiter!" rufe ich ihr zu und deute in Richtung des Flugingenieur-Instrumentenpults auf der rechten Seite des Cockpits. Dann zwänge ich mich an Katniss vorbei und eile zur Tür. Ein dunkelhaariges Mädchen kommt mit hohem Tempo auf mich zu gerannt. Clove! In ihrer rechten Hand hält sie ein kurzes Messer. Ich greife nach dem Türknauf. Ziehe die Tür zu mir heran. Clove ist nur noch wenige Schritte von mir entfernt. Sie hebt das Messer zum Angriff, im gleichen Moment, als ich die Tür vor ihrer Nase ins Schloss ziehe. Deutlich hörbar bohrt sich das Messer in die Tü zitternden Fingern verriegle ich die Tür. Ich höre, wie Clove am Knauf herumrüttelt, und immer wieder mit dem Messer auf die Cockpittür einhackt. Da musst du schon schwerere Geschütze auffahren, Mädchen! Mit einem Schwert oder einer Crash-Axt wäre die Tür mit Gewalt klein zu kriegen, aber mit einem besseren Küchenmesser wäre das kaum zu bewerkstelligen.
Plötzlich gibt Clove ihren Angriff auf. Vielleicht hat sie erkannt, dass sie nichts ausrichten kann, oder ein anderer Tribut ist ihr auf den Fersen. In der Kabine hat die große Schlacht begonnen. Klirrende Schwerter und dumpfe Aufprallgeräusche vermischen sich mit markerschütternden Schmerzensschreien. Ich will mir gar nicht vorstellen, welche Szenen sich nur wenige Meter hinter der Tür abspielen. Beinahe fühle ich mich wie ein Feigling, der sich hier in der relativen Sicherheit des Cockpits versteckt und nur darauf wartet, dass sich die Tribute alle gegenseitig abschlachten.
„Und was jetzt?" bricht Katniss das Schweigen. Halt dich an den Plan!
„Jetzt werden wir die Tribute da hinten schlafen schicken", antworte ich, und wende mich der Sicherungs-Schalttafel an der Cockpit-Rückwand rechts neben dem Flugingenieursplatz zu. Was ich suche, ist eine Sicherung mit der Aufschrift PASSENGER OXYGEN MASK EJECTION. Ich habe eine grobe Vorstellung, wo sie sein müsste, weil ich mir eine ähnliche Prozedur schon mal für den Fall eines terroristischen Überfalls an Bord überlegt hatte. Es muss irgendein Gleichstromkreis sein, einer mit hoher Priorität. DC BUS 1. Ich überfliege die Beschriftungen. STANDBY RUDDER POWER, NO SMOKING, DC VOLTMETER, ENG 2&3 HYDRAULIC PUMP BYPASS…und da ist sie! Eine 5 Ampere Sicherung mit der Beschriftung PASSENGER OXYGEN MASK EJECTION. Ich greife nach dem kleinen, runden Knopf und ziehe ihn heraus.
Die Geräusche in der Kabine werden lauter. Offenbar verlagern sich die Kämpfe zunehmend nach vorne, Richtung Business Class. Gerne würde ich Katniss erklären, was ich genau vorhabe. Aber dafür ist keine Zeit. Ich deute auf den Flugingenieurssessel.
„Setzt dich auf den Sitz da", weise ich Katniss knapp an. Sie gehorcht wortlos. Ich helfe ihr beim Anschnallen und reiche ihr eine Sauerstoffmaske.
„Die musst du jetzt aufsetzen. Einfach normal weiteratmen". Katniss beäugt die Maske skeptisch.
„Was genau hast du vor?" fragt sie.
„Ich werde den Druck in der Kabine absenken. Ohne Maske würdest du bewusstlos werden, so wie die da hinten", erkläre ich.
„Ok, überzeugt", entgegnet Katniss, und setzt die Sauerstoffmaske auf.
Ich greife zum Regulator für die Sauerstoffzufuhr und schalte ihn von NORMAL auf 100% OXYGEN. Dadurch bekommt Katniss über die Maske unabhängig von der Höhe reinen Sauerstoff zugeführt – eine Vorsichtsmaßnahme, um eine in allen Fällen ausreichende Versorgung sicherzustellen.
„Bekommst du Luft?", frage ich Katniss. Sie nickt und murmelt etwas. Ihre Antwort ist kaum zu verstehen. Das Masken-Intercom-Mikrofon! Ich greife zur Audio-Schalttafel in der Mittelkonsole und lege einen Schalter um, um die interne Kommunikation auf den Cockpitlautsprecher zu schalten. Dann zeige ich Katniss den Sprechknopf am Anschlusskabel der Maske.
„Du musst hier drauf drücken, wenn du etwas sagen willst". Zögernd betätigt Katniss den Knopf. Es klickt im Lautsprecher, dann hallt ihre Stimme etwas verzerrt, aber in verständlicher Lautstärke durch das Cockpit.
„Richtig so?"
Ich nicke. Dann wende ich mich einer Reihe von Kontrollhebeln links neben dem Instrumentenbrett des Flugingenieurs zu. Ich greife nach dem großen, mittleren Hebel mit der Beschriftung CABIN PRESS, ziehe ihn nach oben aus dem Führungsschlitz, drehe den Griff um neunzig Grad und lasse den Hebel in die nächst liegende Raststufe einrasten. Damit ist das Kabinendruck-Regelventil in der momentanen Stellung blockiert.
Ein lautes Scheppern aus Richtung der Cockpittür lässt mich aufhorchen. Das war definitiv kein Messer. Wieder schlägt etwas mich Wucht gegen die Tür. Die Verkleidung splittert. Eine Crash-Axt! Meine Reaktion ist rein instinktiv. Mit einer schnellen Handbewegung löse ich die Blockierung des Kabinendruck-Kontrollhebels, und ziehe ihn nach unten in Richtung DECREASE, bis zum Anschlag. Sofort schnellt das Kabinenvariometer, das Instrument, welches anzeigt, ob die Kabinen-Druckhöhe steigt oder fällt, nach oben. Mit der rechten Hand greife ich nach den vier Turbokompressor-Schaltern und lege sie nach unten auf OFF.
Das Kabinenvariometer steht am Anschlag bei 6 000 Fuß pro Minute, das starke Druckgefühl in meinem Ohren sagt mir, dass der Kabinendruck deutlich schneller fällt, als das Instrument anzeigen kann. Katniss deutet auf ihre Ohren. „Du musst schlucken, dann geht der Druck weg", rufe ich ihr zu. Erneut kracht etwas mit Wucht gegen die Tür. Die Verkleidung reißt ein. Noch ein paar Hiebe, und die Tür ist überwunden. Katniss greift nach ihrem Gurtschloss.
„Nein, bleibe sitzen!", weise ich sie an, während ich mich vom Flugingenieurspult abwende und Richtung Pilotensitz eile.
„Aber die Tür! Wir müssen uns doch wehren!", entgegnet Katniss.
„Bin schon dran. Halt dich gut fest!", rufe ich nach hinten. Rasch klettere ich in den Sitz. Ein lauter Warnton schallt durch das Cockpit. Der Kabinendruckalarm. Egal. Wieder kracht es laut hinter mir. Ich schließe meine Gurte. Greife nach der Sauerstoffmaske. Regler auf 100 Prozent. Der nächste Schlag gegen die Tür.
Katniss ruft etwas. Mit beiden Händen greife ich nach dem Steuerhorn. Mein linker Daumen tastet blind nach dem Autopilot-Ausschaltknopf. Ein weiterer Alarmton schrillt durch das Cockpit, das rote Autopilot-Disconnect Warnlicht blinkt. Ich drücke den Knopf ein zweites Mal, um den Alarm abzuschalten. Dann ziehe ich das Steuerhorn kräftig zu mir heran. Sofort schießt die Nase der DC-8 steil nach oben, während ich von den zunehmenden Fliehkräften in den Sitz gedrückt werde. Die DC-8 hat kein G-Meter, dem Gefühl nach ist es aber sicher die doppelte Erdbeschleunigung, nicht weit entfernt vom zulässigen Maximum von 2.5 G. Katniss Schrei geht im Tröten des Kabinendruckalarms unter.
Die Horizontlinie verschwindet nach unten aus meinem Sichtfeld, nur noch der blau-schwarze Dämmerungshimmel ist zu sehen. Ich konzentriere mich auf die Darstellung des künstlichen Horizonts auf dem Kathodenstrahlmonitor direkt vor mir auf dem Instrumentenbrett. Ich sehe, dass die Nase der DC-8 mittlerweile 20 Grad über dem Horizont steht, und weiter nach oben steigt. Ich werfe einen Blick auf den Höhenmesser. Vor meinem Hochzieh-Manöver hatte er 37 000 Fuß angezeigt. Jetzt klettert der Zeiger gerade über die 37 500 Fuß-Markierung. Das Variometer ist am Anschlag. Gleichzeitig fällt die Geschwindigkeit rasch ab.
Die Schubleistung der vier Pratt&Whitney Turbofans reicht nicht aus, um in einem derart steilen Steigflug die Fahrt zu halten. Von anfänglich gut 260 Knoten angezeigter Geschwindigkeit sind nur noch 240 Knoten übrig, Tendenz rasch fallend. Ich meine, ein dumpfes Aufprallgeräusch hinter mir zu hören. Wahrscheinlich hat der Angreifer die Balance verloren. Die Flugzeugnase zeigt jetzt 30 Grad nach oben, Fahrt 230 Knoten. Ich lasse den Zug am Steuerhorn etwas nach. Das letzte, was ich jetzt brauche, ist ein Strömungsabriss. 38 000 Fuß. Die Nadel des Höhenmessers rotiert so rasch im Uhrzeigersinn, dass ich ihr kaum folgen kann. Ich schätze die Steigrate auf rund 500 Fuß pro Sekunde, gut zweieinhalb mal schneller, als einer von Katniss Pfeilen.
Ein Blick auf den Fahrtmesser mahnt mich zur Vorsicht. Nur noch 210 Knoten. Ich nehme die rechte Hand vom Steuerhorn und greife nach den vier Gashebeln in der Mittelkonsole zwischen Piloten- und Copilotensitz, schiebe sie ein Stück nach vorne. Gleichzeitig verringere ich den Zug am Steuerhorn. Die Fliehkraft lässt nach, ist nur noch unwesentlich höher als ein G. In diesem Zustand darf ich die Fahrt noch ein wenig weiter abfallen lassen. Die Maschine muss relativ leicht sein. Ich schätze, dass die Überziehgeschwindigkeit bei rund 140 Knoten liegen wird, plus oder minus ein paar Knoten.
Die Nase zeigt fast 40 Grad nach oben. 200 Knoten. Ich verringere den Zug am Steuerhorn weiter. Die Nase beginnt zu fallen, ich spüre, wie ich leicht werde. Um mein Manöver nicht zu berechenbar zu machen, drehe ich das Handrad nach rechts, lasse die Maschine zur Seite abkippen. Nur nicht zu viel eindrehen, sonst schmiert sie dir ab. 40 000 Fuß, 190 Knoten. Das reicht. Ich drücke das Steuerhorn nach vorne. Mein Magen hebt sich. Ich bin schwerelos, nur der Gurt hält mich fest an meinen Sitz geschnallt. Neben mir schwebt eine Checkliste durch die Luft – wie an Bord eines Raumschiffes. Zero-G.
Mit einer Schräglage von 45 Grad nach rechts nähert sich die DC-8 dem Scheitelpunkt der improvisierten Parabel. Ich drücke noch etwas nach. An Bord wirken jetzt leicht negative G-Kräfte, die schwebende Checkliste knallt gegen die Decke. Der Fahrtmesser zeigt nur noch 180 Knoten an, das Fahrtgeräusch wird leiser und leiser. Dafür dringt das Dröhnen der Triebwerke umso deutlicher in meine Ohren, genauso wie der blöckende Kabinendruckalarm. Der Horizont wandert wieder in mein Sichtfeld. Gleich geht es nach unten. Der Höhenmesser passiert 41 000 Fuß. Fahrt 165 Knoten. Runter mit dir, verdammt noch mal. Komm schon!
Aufgrund der niedrigen Geschwindigkeit wird die Ruderwirkung schwammig. Ich drücke das Steuerhorn mit beiden Händen kräftig nach vorne. Los, mach schon! Die Horizontlinie wandert quer über die Windschutzscheibe. Der Höhenmesser stoppt bei 41 200 Fuß. Der Nase der DC-8 neigt sich unter den Horizont, der Höhenmesser beginnt rasch zu fallen. Der Fahrtmesser klettert nach oben. Die Flugzeugnase senkt sich steil nach unten. Ich greife nach den Gashebeln und ziehe sie bis fast auf Leerlauf zurück. Das Dröhnen der Turbofans schwindet. Der Blick auf den noch in der Dunkelheit liegenden Boden füllt die Windschutzscheibe aus. Ich verringere den Druck nach vorne, stoppe bei 30 Grad Neigung nach unten. Höhe 40 000 Fuß, Fahrt 190 Knoten. Das Geräusch der Luftströmung nimmt zu.
200 Knoten. Zeit zum Abfangen. Vorsichtig ziehe ich das Steuerhorn zu mir heran. Die Schwerkraft setzt sanft ein. Ich steigere die Zugkraft und rolle die DC-8 aus der Rechtskurve wieder in den Geradeausflug Die G-Kräfte nehmen zu. Nicht zu viel ziehen, sonst provozierst du einen Highspeed-Stall! 38 000 Fuß, Fahrt 230 Knoten. Die Flugzeugnase ist noch 15 Grad unter dem Horizont. Alles unter Kontrolle. Der Horizont ist wieder in Sicht. 37 000 Fuß, 250 Knoten. Ich schiebe die Gashebel ein Stück nach vorne. In dieser Höhe reagieren die vier Pratt&Whitneys langsam, es dauert ein paar Sekunden, ehe sie wieder auf Touren kommen. In der Mitte des Instrumentenbretts befinden sich die Triebwerksinstrumente. Ich werfe einen Blick auf die oberste Anzeigenreihe – die vier EPR-Anzeigen, welche die Triebwerksleistung anzeigen.
Ich warte, bis sich die Zeiger bei einem Wert von etwa 1.3 stabilisiert haben. Engines spooled up and stabilized. Ich schiebe die Gashebel weiter nach vorne. Das Dröhnen der Motoren schallt durch die Kabine, ich spüre, wie die DC-8 beschleunigt. Der Höhemesser stoppt bei 36 300 Fuß. Fahrt 265 Knoten, Tendenz noch immer steigend. Ich nehme die Schubhebel etwas zurück. Zeit, diesen blöden Alarm abzustellen!
„Katniss, such einen Knopf mit der Aufschrift ALT HORN CUTOFF! Er müsste im linken Teil des Instrumentenbretts vor dir sein, auf halber Höhe, gleich links neben einem Instrument mit zwei Zeigern und der Aufschrift CABIN ALT!", spreche ich in mein Maskenmikrofon. Ich muss schlucken, um den Druck in meinen Ohren zu verringern. Ich habe keine Ahnung, wie weit der Druck bereits abgefallen ist. Wenigstens macht sich niemand mehr an der Tür zu schaffen. Mein Manöver dürfte jegliche Angreifer nach hinten befördert haben. Bei 40 Grad deck angle hält sich niemand auf den Beinen, da macht man eine elegante Abfahrt nach hinten, wie im Titanic-Film, als sich das Schiffsdeck am Ende senkrecht aufrichtet.
Katniss, mach schon!
„Ich glaube, ich hab ihn!", tönt ihre Stimme aus dem Lautsprecher.
„Bist du sicher –ALT HORN CUTOFF?".
„Ja, das ist er!" antwortet Katniss.
„Drück ihn!"
Der Alarm verstummt.
„Sehr gut. Und jetzt sieh auf die Anzeige gleich daneben. Die mit den zwei Zeigern. Wo steht der der äußere?"
Wieder muss ich schlucken. Im Eifer des Gefechts ist mir gar nicht aufgefallen, dass es im Cockpit kalt geworden ist. Jetzt kriecht mir die Kälte förmlich in die Knochen. Ein Gas, dessen Druck verringert wird, kühlt sich ab. Einfache Physik, hätte mein Lehrer im Physikunterricht gesagt.
„Katniss, was zeigt die Anzeige?" hake ich nach.
„Mhh, der Zeiger steht kurz vor 25", schallt es aus dem Cockpitlautsprecher.
25 000 Fuß. Die Luft in der Kabine ist jetzt so dünn, dass jeder, der noch herumläuft, sofort in Atemnot geraten würde. Wer sitzt, hätte in dieser Höhe noch drei bis fünf Minuten, ehe das rationale Bewusstsein erlöschen würde. Aber der Druck fällt rasch weiter. Seit dem Beginn der Dekompression ist höchstens eine Minute vergangen. Ich überlege kurz, ob ich prophylaktisch noch eine Parabel fliegen soll, ohne mir wirklich bewusst zu sein, was ich vielleicht schon mit meiner ersten in der Kabine angerichtet haben könnte.
Ich weiß, dass solche Manöver zum Simulieren von Schwerelosigkeit mit entsprechend umgerüsteten Maschinen geflogen werden. Aber dort gibt es keine scharfen Kanten oder harte Gegenstände in der Kabine, wo man sich verletzen könnte. Außerdem wird da sicher sanfter abgefangen, als ich es getan habe. Mein Manöver war zwar effektiv, aber auch brutal. Fliehkräfte unterscheiden nicht zwischen Karrieros und harmlosen Kindern. Ich könnte jemanden getötet haben! Hoffentlich finde ich nie heraus, ob ich das getan habe.
„Der Zeiger ist jetzt bei 30", ruft Katniss. 30 000 Fuß. Höher als der Mount Everest. Wir sind jenseits der physiologischen Grenze, wo selbst ein optimal akklimatisierter Höhenbergsteiger keine Chance mehr hätte. Der Sauerstoffdruck in den Lungenbläschen ist zu niedrig, um noch effektiv Sauerstoff ins Blut übergehen zu lassen. Die Kälte wird immer schlimmer. Zugleich wird es hinter uns leise. Die Schreie verstummen. Keine Kampfgeräusche mehr. Wahrscheinlich sind die ersten Tribute gerade dabei, das Bewusstsein zu verlieren.
Zum ersten Mal, seit ich den Pilotensitz eingenommen habe, wage ich einen Blick nach hinten. Die Cockpittür ist noch verschlossen, hat aber unter dem Angriff stark gelitten. An mehreren Stellen ist das Material durchschlagen, die entstandenen schlitzförmigen Löcher deuten darauf hin, dass hier wirklich jemand mit einer Axt auf die Tür losgegangen ist. Noch zwei oder drei Hiebe mehr, und der Angreifer hätte nach innen durchgreifen, und die Verriegelung aufheben können.
„35. Der Zeiger bewegt sich langsamer", sagt Katniss etwas ruhiger. 35.000 Fuß. Der Druck ist beinahe auf den Außenwert abgefallen. Er ist jetzt so niedrig, dass praktisch kein Sauerstofftransport ins Blut mehr erfolgen kann. Kein Mensch überlebt das länger als drei bis fünf Minuten ohne bleibende Hirnschäden. Ich sehe auf die Uhr. In exakt einer Minute werde ich den Sinkflug einleiten, raus aus der Todeszone. Hinter uns ist es komplett still geworden. Richtig friedlich. Was, wenn ich einfach noch ein paar Minuten länger auf dieser Höhe bleiben würde? Dann hätten Katniss und ich diese Hungerspiele gewonnen, ohne jemanden direkt, mit unseren eigenen Händen umbringen zu müssen. Alle Tribute wären einfach eingeschlafen, um nie wieder aufzuwachen. Dem einen oder anderen hätten wir damit vielleicht sogar einen Gefallen getan. Vielleicht haben die Karrieros sowieso schon die meisten anderen Tribute getötet oder so schwer verletzt, dass sie kaum Überlebenschancen haben. Ich schrecke mich vor mir selbst, dass ich solche Gedankengänge überhaupt in Erwägung ziehe. Aber wahrscheinlich tut das jeder in einer solchen Situation, wo es um Leben und Tod geht. Gute Vorsätze und edle Gedanke finden ein abruptes Ende, wenn die eigene Haut bedroht ist.
„Mir ist kalt", bricht Katniss das Schweigen. Sie hat Recht. Das ist momentan unser größtes Problem.
„Keine Angst. Es wird gleich wärmer. Dazu musst du aber einen Turbokompressor einschalten. Wenn du bei der Anzeige mit den beiden Zeigern beginnst, siehst du direkt darunter zwei runde Instrumente mit jeweils zwei halbkreisförmigen Skalen", spreche ich ruhig in mein Maskenmikrofon. „Hast du sie?"
„Ja. Die Anzeigen stehen auf null", antwortet Katniss. Noch 40 Sekunden.
„Gut. Direkt darunter befinden sich vier Kontrollleuchten, jeweils zwei zusammen gruppiert, und eine Reihe darunter vier Schalter in gleichen Abständen", erkläre ich.
„Ok, hab sie", sagt Katniss.
„Unter den Schaltern müsste CABIN COMPRESSOR stehen".
„Ja, CABIN COMPRESSOR".
„Jetzt leg den ganz linken nach oben", weise ich sie an.
„Ok, ist oben".
Direkt unter mir höre ich das charakteristische Aufheulen einer hochlaufenden Turbine. Einer der vier Turbokompressoren, die unter dem Cockpit in der Flugzeugnase hinter den Lufteinlässen angebracht sind, beginnt sich mit mehreren zehntausend Umdrehungen pro Minute zu drehen. Im Prinzip ist das nichts anderes als ein großer, von Druckluft aus den Triebwerken angetriebener Turbolader. Ein Verdichterrad komprimiert die angesaugte dünne Außenluft, wodurch sie sich erwärmt, und pumpt sie in die Kabine. Weil das Kabinendruckregelventil noch immer geöffnet ist, kann sich kein Überdruck in der Kabine aufbauen.
Ich spüre warme Luft aus den Lüftungsdüsen kommen.
„Sehr gut. Jetzt wird es gleich wärmer", sage ich.
„Ja, ich kann es schon spüren", entgegnet Katniss. Ich sehe auf die Uhr. Noch zehn Sekunden.
„Katniss, wir werden jetzt gleich steil sinken. Dazu werde ich zwei unserer vier Triebwerke auf Schubumkehr schalten. Das wird einen Ruck geben und ordentlich rütteln, aber das ist normal", warne ich meine angehende „Hilfs-Flugingenieurin" vor. Noch ein Blick auf die Uhr. Die Zeit ist um.
„Achtung, es geht los!", rufe ich.
Anmerkungen des Autors:
1) Die DC-8 kann tatsächlich im Flug die Schubumkehr benutzen. Bei der DC-8-61 ist dies auf den beiden rumpfnahen Triebwerken 2 (links innen) und 3 (rechts innen) jederzeit zwischen 190 und 390 Knoten bis zur maximalen Dauerleistung der Triebwerke möglich. Die beiden anderen Triebwerke 1 und 4 können nur bei ausgefahrenem Fahrwerk auf Schubumkehr geschaltet werden, und das auch nur im Leerlauf (mechanische Sperre im Hebel, man kann auch mit Gewalt kein Gas geben). Dann gilt allerdings ein Geschwindigkeitslimit von 230 Knoten. Wird eher selten gemacht.
2) Ich verwende durchgängig die üblichen anglo-amerkanischen Maßeinheiten der Luftfahrt. 1 Knoten sind 1,852 km/h, überschlägig kann man Knoten*2 – 10% rechnen. 100 Knoten wären demnach rund 180 km/h. 1 Fuß sind 30,48 Zentimeter. 35 000 Fuß sind knapp 10 700 Meter, 37 000 Fuß sind 11 300 Meter, 40 000 Fuß sind 12 200 Meter.
3) „Angezeigte Geschwindigkeit" bedeutet die am Fahrtmesser abgelesene Geschwindigkeit. Diese ist in großen Höhen wegen der geringeren Luftdichte erheblich geringer als die wahre Eigengeschwindigkeit. 260 Knoten in 37 000 Fuß Höhe entsprechen bei Standardbedingungen 432 Knoten wahrer Eigengeschwindigkeit, oder rund 800 km/h. Dies wäre bei der DC-8 eine treibstoffsparende Reisegeschwindigkeit.
4) Parabelflüge wie von mir beschrieben werden tatsächlich mit umgebauten Verkehrsflugzeugen zum Simulieren von Schwerelosigkeit gemacht. Prinzipiell geht das mit jedem Flugzeug, ich habe das selber im Segelflugzeug schon gemacht.
