Ich ziehe die vier Schubhebel gleichmäßig und gefühlvoll zurück. Mit der sinkenden Schubkraft beginnt die Geschwindigkeit der DC-8 zu fallen, es fühlt sich an, als würde man bei einem Auto bei voller Fahrt plötzlich vom Gas gehen. Ich warte ein paar Sekunden, bis die Drehzahl der Triebwerke annähernd auf den Leerlaufwert abgefallen ist, dann greife ich nach den vorne an den Gashebeln angebrachten Schubumkehr-Hebeln der Triebwerke 2 und 3, und ziehe sie nach oben und hinten bis zu einer deutlich spürbaren Rastposition, dem „Reverse Thrust Detent".
Jetzt geschehen mehrere Dinge gleichzeitig. An beiden Seiten der Triebwerksverkleidung öffnen sich jalousieartige Abdeckungen. Umlenk-Kaskaden klappen in den kalten Fan-Luftstrom und lenken ihn schräg nach vorne um. Zugleich fährt im Bereich der Schubdüse am hinteren Ende des Triebwerks die Verkleidung ein Stück nach hinten, und gibt Strömungsgitter frei. Dahinter schließen sich zwei Absperrklappen, und zwingen den Abgasstrom schräg nach vorne durch die Strömungsgitter. Ein leichter Bremsruck geht durch die Maschine, ich spüre, wie die DC-8 durch die erzeugten Luftverwirbelungen zu vibrieren beginnt. Auf dem abgeschrägten Instrumentenbrett vor den Gashebeln zeigen aufleuchtende Kontrolllampen die Umschaltung an.
Die Sperre in den Umkehrschub-Hebeln löst sich, und ich ziehe sie weiter nach hinten bis zum Anschlag. Die Triebwerke laufen hoch, die Vibrationen und die Bremswirkung nehmen zu. Vorsichtig drücke ich das Steuerhorn nach vorne, um in den Sinkflug überzugehen. Wieder fühle ich mich leicht, beinahe schwerelos. Vorsicht, du muss es jetzt nicht übertreiben!
Die Flugzeugnase zeigt jetzt 15 Grad unter den Horizont. Der Höhenmessernadel rotiert gegen den Uhrzeigersinn. Es geht rasch abwärts. Die Fahrt nimmt zu. Mit dem linken Daumen drücke ich die beiden Trimmschalter am Steuerhorn nach vorne. Dadurch wird die Höhenflosse am Heck der DC-8 verstellt, um die Maschine kopflastiger zu trimmen, damit ich nicht ständig das Steuerhorn nach vorne gedrückt halten muss. Bei der DC-8 gibt es keine Hydraulikunterstützung für das Höhenruder.
Stattdessen werden zwei rein mit Muskelkraft betätigtes Hilfsruder benutzt, die „servo tabs", um eine aerodynamische Kraft auf das Höhenruder auszuüben, und es so in die gewünschte Position zu bewegen. Ursprünglich wäre die Steuerung durch die so realisierte Kraftverstärkung reicht leichtgängig gewesen – nach Ansicht der Douglas-Ingenieure zu leichtgängig für die damaligen Piloten, die von den DC-6 und DC-7 Propellermaschinen her anderes gewohnt waren. Man hatte Angst, sie würden die Maschine „übersteuern". Daher hatte Douglas beschlossen, stärkere Gegendruck-Federn einzubauen, mit dem Resultat, dass man als Pilot entweder stets sauber trimmen muss, oder ein kostenloses Workout am Arbeitsplatz erhält.
Ich blicke auf den Höhenmesser. Er passiert gerade 30.000 Fuß. Das Variometer steht am Anschlag, ich schätze, dass wir mit mehr als 10.000 Fuß pro Minute sinken. Die Fahrtmesser-Nadel nähert sich der roten Markierung bei etwas über 350 Knoten. Ich verringere den Sinkwinkel ein wenig.
„Meine Ohren!" tönt Katniss Stimme aus dem Lautsprecher.
„Halt dir die Nase zu, und versuch dann kräftig über die Nase auszuatmen, wie wenn du dich schneuzen würdest", sage ich ohne meinem Blick von den Instrumenten abzuwenden, „das sollte helfen!"
„Ok, ist besser", gibt Katniss knapp zurück. Wir passieren gerade 27.000 Fuß. Ich plane, die Maschine bei 20.000 Fuß in den Horizontalflug übergehen zu lassen. „Gleich haben wir es überstanden".
Für Katniss ist das sicherlich ein wahrer Höllenritt. Dafür, dass sie noch nie geflogen ist, hat sie sich immerhin recht tapfer gehalten. 23.000 Fuß. Ich beginne sanft mit dem Abfangen, ziehe das Steuerhorn zurück und betätige gleichzeitig in Intervallen die Trimmung. Der Sinkflug wird flacher, die Nase der DC-8 wandert nach oben in Richtung Horizont. Die Geschwindigkeit beginnt, langsam zu fallen. 335 Knoten. Der Höhenmesser passiert 21.000 Fuß. Fast da. Die Variometernadel klettert von ihrem unteren Anschlag nach oben, die Sinkgeschwindigkeit nimmt rasch ab. Ich greife nach den beiden Schubumkehrhebeln und schiebe sie langsam nach vorne in Richtung Leerlauf.
Die Bremswirkung und die Vibrationen nehmen ab, es wird leiser im Cockpit. Der Fahrtmesser fällt unter 320 Knoten. Höhe knapp über 20.000 Fuß, Sinkrate 1.000 Fuß pro Minute. Ich bringe die DC-8 in den Horizontalflug, und nehme schiebe die Schubumkehrhebel das letzte Stück bis zur Leerlauf-Rastposition nach vorne. Ich muss warten, bis die Fahrt unter 300 Knoten gefallen ist, um wieder auf Vorwärtsschub umschalten zu können. Ansonsten könnten sich die Umlenkklappen oder die Verkleidungen verklemmen. 295 Knoten. Ich drücke die beiden Hebel nach vorne und unten, über die Raste. Die Kontrolllampen erlöschen, die Vibrationen verschwinden.
Der Abgasstrahl wird jetzt wieder nach hinten durch die Schubdüse ausgestoßen. Der Höhenmesser zeigt genau 20.000 Fuß. Mit Gefühl schiebe ich die Gashebel nach vorne, und halte die Fahrt bei 280 Knoten. Jetzt habe ich zum ersten Mal Zeit, um die Lage im Cockpit richtig zu sondieren. Auf dem Navigationsbildschirm des Rockwell-Collins EFIS-86 unterhalb des künstlichen Horizonts ist die im Computer programmierte Flugroute zu sehen. Sie führt in südöstliche Richtung. Da ich vorhin eine Rechtskurve geflogen bin, sind wird um gut 40 Grad von diesem Kurs abgekommen.
Versuch, nach Nordosten zu fliegen, Richtung Distrikt 10 oder 12, hatte Haymitch gesagt.
Mit dem Steuerhorn in meinen Händen ist es zu verlockend, genau das zu tun. Im Nordosten liegt auch Distrikt 13, gerade einmal etwa 45 Flugminuten von Distrikt 12 entfernt. Ein Katzensprung bis zum sicheren Hafen. Eine innere Stimme mahnt mich zur Vorsicht. Wenn ich jetzt nach Nordosten abdrehe, werden die Spielmacher eins und eins zusammenzählen und durchschauen, was ich vorhabe. Wenn sie es nicht ohnehin schon haben! Ein Blick auf die Treibstoffanzeige sagt mir, dass wir Zeit haben. Knapp 60.000 Pfund Kerosin befinden sich noch in den Tanks, genug für rund fünf Flugstunden. Ich beschließe, die Maschine wieder auf den vorgeplanten Kurs zu bringen.
„Wie geht es jetzt weiter?" fragt Katniss. Gute Frage.
„Zuerst bringe ich die Maschine wieder auf Kurs. Dann werden wir mal nachsehen, wie es da hinten in der Kabine aussieht", antworte ich.
„Sind die Tribute noch betäubt?"
„Ja, normalerweise schon. Wir fliegen immer noch hoch genug, nur nicht mehr so hoch, dass es sofort tödlich wäre".
„Du meinst, wenn wir nicht gesunken wären, wären da hinten alle gestorben?", entgegnet Katniss aufgebracht. Was machst du dir Sorgen um die Tribute da hinten. Die wollten uns töten, schon vergessen?
„Nach ein paar Minuten. Aber wir sind ja rasch gesunken", versuche ich sie zu beschwichtigen.
„Aber du hast vorher gesagt, dass wir sie schlafen schicken, nicht, dass wir sie möglicherweise umbringen!" gibt Katniss sauer zurück.
„Genau das haben wir auch getan. Wenn ich sie hätte umbringen wollen, wären wir einfach eine Viertelstunde lang auf 36.000 Fuß geblieben", entgegne ich.
„Trotzdem hast du mir das verheimlicht!" Daher weht der Wind also.
„Wie soll ich dir trauen können, wenn du mir nicht mal sagst, was du vorhast!", hallt Katniss Stimme verzerrt aus dem Cockpitlautsprecher.
„Hör zu, du weißt doch selbst, dass wir nicht viel Zeit hatten. Ich habe das Ganze doch nur ein wenig vereinfacht!", versuche ich mich zu rechtfertigen. Wofür überhaupt? Dass ich dir gerade das Leben gerettet habe?
„Das nennst du vereinfachen? Nur weil ich eine arme, dumme Bergmannsrtochter bin, musst du mich nicht wie ein kleines Kind behandeln!", schreit Katniss wütend.
„Die dumme Bergmannsrtochter hast jetzt aber du gesagt, nicht ich!", sage ich schnippisch. Irgendwann reicht es schließlich.
„Aber du hast es dir gedacht!", wirft Katniss angriffslustig zurück.
Was hat sie auf einmal bloß? Sie kann zwar manchmal etwas rauh und direkt sein, aber so hat sie sich mir gegenüber schon lange nicht mehr verhalten. Wüsste ich es nicht besser, würde ich vermuten, dass sie ein paar Gläser über den Durst getrunken hat, und jetzt ihre Gefühle nicht mehr im Griff hat. Wie im Rausch! Mich beschleicht ein schlimmer Verdacht – Sauerstoffmangel kann ähnliche Stimmungsschwankungen wie Alkohol verursachen.
Ich erinnere mich an das Notfalltraining in einer Unterdruckkammer, das ich während der Pilotenausbildung absolvieren musste. Dabei wurde in einer simulierten Höhe von 25.000 Fuß die persönliche Reaktion auf Sauerstoffmangel getestet. Ein Kollege, der sonst stets ruhig und besonnen ans Werk ging, hatte damals plötzlich zu randalieren begonnen und ein Klemmbrett mit Testaufgaben quer durch die Kammer geschleudert.
„Katniss, fühlst du dich irgendwie merkwürdig?" frage ich zurückhaltend.
„Ob ich mich merkwürdig fühle? Natürlich fühle ich mich markwürdig, wäre ja kein Wunder, nach dem was du da veranstaltet hast. Rauf, runter, rauf, dieses Gerüttel! Wem soll da nicht anders werden?", zetert Katniss.
Da stimmt definitiv etwas nicht! Ich greife nach dem Hauptschalter des Sperry SP-30 Autopiloten in der Mittelkonsole hinter den Gashebeln und schiebe ihn nach vorne, auf ON. ALTITUDE HOLD, Kurskontrolle auf AUX NAV. Sanft dreht die Maschine in Richtung des programmierten Kurses, eführt vom doppelt vorhandenen Ringlaser-Kreisel Trägheitsnavigationssystem. Ich überprüfe noch einmal die Schubeinstellung und löse meinen Gurt.
In 20.000 Fuß Höhe kann ich es riskieren, meine Sauerstoffmaske kurzzeitig abzunehmen. Ich rücke den Sitz nach hinten und stehe auf.
„Was machst du?" fragt Katniss etwa irritiert.
„Ich will mir nur mal schnell deine Sauerstoffmaske ansehen", entgegne ich.
Ich muss nicht lange nach dem Problem suchen. Der Sauerstoffschlauch hat sich aus irgendeinem Grund teilweise von der Maske gelöst. Nur das Mikrofonkabel hält ihn noch lose verbunden. Dadurch strömt ein Teil des lebenswichtigen Gases an der Maske vorbei. Ich versuche, den Schlauch wieder korrekt in den Anschluss zu stecken, doch Katniss zickt weiter herum. Sie hat offenbar vergessen, dass sie den Sprechknopf drücken muss, daher kann ich nicht verstehen, was sie sagt.
Endlich rastet der Schlauch am Maskenanschluss ein.
„So, jetzt wirst du hoffentlich gleich wieder normal!" sage ich mit zynischem Unterton. Dann greife ich nach der Sauerstoffmaske, die über dem Navigatorensitz auf der linken Seite des Cockpits hängt, und nehme ein paar tiefe Atemzüge.
„Irgendwie fühle ich mich jetzt viel besser", sagt Katniss plötzlich mit ruhiger Stimme.
„Weil du jetzt wieder genug Sauerstoff bekommst", entgegne ich.
Katniss sieht mich mit entschuldigendem Blick an.
„Tut mir leid, ich habe das vorhin nicht so gemeint. Ich weiß selber nicht, was in mich gefahren ist".
„Schon gut. Das war der Sauerstoffmangel. Ich wollte dich wirklich nicht anlügen", sage ich.
Für einen Moment sehen wir uns beide schweigend an.
„Wie geht es jetzt weiter?", fragt Katniss leise. Das ist es, was ich an ihr schätze. Sie hat einen Blick für das Wesentliche, das muss man ihr lassen.
„Nun, irgendwann werden wir nachsehen müssen, wie es da hinten aussieht. Vor allem, wie es um die Karrieros steht", antworte ich.
„Und was tun wir, wenn sie noch leben? Wir werden sie wohl kaum am Leben lassen können", entgegnet Katniss.
„Glaubst du, das bringst du fertig? Einen bewusstlosen Karriero hinterrücks umzubringen?"
„Wir werden es fertig bringen müssen. Wenn wir hier lebend rauskommen wollen, können wir es uns nicht leisten, so zu denken. Entweder sie oder wir", sagt Katniss entschlossen.
Wieder einmal hat sie recht. Es wäre die einzig logische Vorgehensweise. Die Karrieros so zu fesseln, dass sie keine Gefahr darstellen, dürfte unmöglich sein. Sie sicher kampfunfähig zu machen, würde bedeuten, ihnen potentiell lebensgefährliche Verletzungen zufügen zu müssen. So grausam es auch klingt, es wird keine andere Lösung geben.
„Und was willst du mit den anderen Tributen machen, falls noch jemand lebt?" frage ich.
„Ich weiß nicht. Vielleicht können wir sie ja aufwecken und darauf warten, dass sie sich gegenseitig töten. So viele werden es ja nicht mehr sein", sagt Katniss kühl. Gut, das ist nahe genug an meinem Waffenstillstands-Plan. Es tut mir fast weh, Katniss schon wieder anlügen zu müssen, aber ich habe keine Wahl.
„Wir könnten ihnen auch einen Waffenstillstand, oder ein Bündnis vorschlagen. Die Spielmacher werden das nicht ewig tolerieren, und eine Entscheidung fordern. Dann können wir die Tribute da hinten kämpfen lassen. Kommt aufs Gleiche raus, aber wir kommen dabei besser weg, weil die Spielmacher dann die Bösen sind", schlage ich vor. Wie in alten Zeiten – nur dass ich diese Schauspielerei hier wirklich nicht gerne tue.
„Du hast recht. Das klingt nach einem Plan. Aber wie schützen wir uns? Die Tür da sieht ja nicht mehr sehr vertrauenserweckend aus?" entgegnet Katniss.
„Ich schätze, wir werden schon etwas finden, womit wir die Tür verstärken können. Zur Not gibt es da hinten sicher auch einen Bogen für dich".
„Und wann schauen wir nach hinten?", fragt Katniss.
Sie hat wirklich einen Blick fürs Wesentliche!
„In ein paar Minuten. Vorher will ich noch ein paar Vorkehrungen treffen", sage ich.
„Willst du noch einmal Flugingenieurin spielen?", frage ich Katniss mit aufmunternder Stimme.
„Von mir aus".
Ich hänge die Sauerstoffmaske des Navigators wieder zurück, und gehe die zwei Schritte durch den schmalen Mittelgang hinüber zum Flugingenieursplatz. Ich greife nach der Copiloten-Maske, die in Griffweite von der rechten Seitenwand des Cockpits hängt. Dann deute ich auf den Kabinendruck-Kontrollhebel, der sich zusammen mit einer Reihe weiterer Hebel auf einem Extrapult, das ein wenig an eine alte Registrierkassa erinnert, links neben dem riesigen Schaltpult des Flugingenieurs befindet.
„Katniss, leg deine linke Hand auf diesen Hebel hier", weise ich sie an.
„Jetzt zieh ihn leicht heraus, und versuch ihn dann nach oben zu bewegen. Aber nur ein kleines Stück. Und pass auf, er wird von selbst nach oben gehen wollen".
Katniss rüttelt an dem Hebel herum, der sich nicht bewegen will. Sie sieht mich fragend an.
„Er klemmt!"
„Nein, du muss ihn etwas mehr herausziehen", sage ich. Katniss versucht es noch einmal. Diesmal klappt es, der Hebel bewegt sich.
Ich deute auf das Kabinendruck-Variometer.
„Jetzt sieh auf diese Anzeige hier. Sie kann sich nach oben oder unten bewegen. Ich will, dass du den Hebel jetzt ganz langsam nach oben schiebst, bis diese Anzeige hier nach unten ausschlägt, auf minus 500 Fuß pro Minute", weise ich Katniss ruhig an.
Vorsichtig bewegt sie den Hebel. Die Variometernadel wandert nach unten.
„Und jetzt stopp".
„Richtig so?"
„Ja. Jetzt lass den Hebel einrasten, und lass ihn los". Vorsichtig nimmt Katniss die Hand vom Kontrollhebel.
„Gut. Und jetzt probieren wir es in die andere Richtung. Zieh den Hebel nach unten, bis die Anzeige auf plus 500 Fuß pro Minute steht", sage ich.
Katniss führt meine Anweisung tadellos aus. Sie scheint Gefühl zu haben, wahrscheinlich durch ihre jahrelange Erfahrung im Bogenschießen.
„Sehr gut", lobe ich sie.
„Und jetzt zieh den Hebel wieder ganz nach unten", weise ich sie an.
Der Sinn der Übung war, sie mit der manuellen Druckregelung vertraut zu machen. Bevor irgendjemand von uns beiden die Kabine betritt, möchte ich als Sicherheitsmaßnahme die Voraussetzungen für einen erneuten Druckabfall schaffen. Dazu will ich wieder auf rund 30.000 Fuß steigen, und den Kabinendruck auf den Niveau von 20.000 Fuß halten. Sollte es dann irgendein Problem mit einem doch nicht bewusstlosen Tribut geben, wäre dies durch einen schnelle Druckreduktion rasch zu lösen.
Da ich mich ums Steuern der Maschine kümmern muss, muss Katniss während des Steigflugs den Druck in der Kabine konstant halten. Dies geht nur manuell, da die automatische Regelung keine Einstellung über 9.000 Fuß Kabinendruck-Höhe zulässt. Zuerst schalte ich die restlichen drei Turbokompressoren ein, einen nach dem anderen.
„Katniss, die Anzeige wird sich jetzt gleich nach oben bewegen. Wenn das passiert, schiebst du den Hebel langsam nach oben, bis die Anzeige wieder bei null steht", sage ich. „Ok", antwortet Katniss knapp.
„Dann hältst du sie dort. Wenn sie nach oben geht, bewegst den Hebel nach oben, wenn sie nach unten geht, musst du den Hebel auch nach unten schieben, bis die Anzeige wieder auf null steht", erkläre ich mit ruhiger Stimme. „Hast du das verstanden?"
„Ich glaube schon. Anzeige nach oben, Hebel nach oben, und umgekehrt", antwortet Katniss.
„Ja, genauso ist es richtig!"
Ich begebe mich wieder zum Pilotensitz, und schiebe ihn nach vorne. Ich setze meine Sauerstoffmaske auf, und schließe sicherheitshalber den Bauchgurt. Links neben den Triebwerksinstrumenten befindet sich ein kleines Instrument mit zwei Zeigern und drei Skalen. Es handelt sich um den Schubrechner, der je nach Außentemperatur und Druck die jeweils korrekte Schubleistung für Start und Steigflug anzeigt. Für die aktuelle absolute Lufttemperatur (TAT) von -14°C lese ich einen EPR-Wert von 1.89 als zulässige Steigleistung ab. Am oberen Rand des Instruments befindet sich ein Sichtfenster mit einem Drehknopf zum Einstellen der EPR-Indexmarkierung auf den Triebwerksinstrumenten.
Ich stelle die Markierung auf 1.89. Dann schalte ich den Autopilot von „Höhe halten" auf „Fahrt halten" (IAS HOLD), und schiebe die Gashebel langsam nach vorne, bis die vier EPR-Anzeigen exakt 1.89 anzeigen. Ich spüre, wie die DC-8 beschleunigt. Der Autopilot zieht die Maschine in den Steigflug, um die Fahrt bei 280 Knoten zu halten. Alles ruhig und gleichmäßig.
„Katniss, hast du alles im Griff?" frage ich.
„Ja. Die Anzeige ist bei null".
Die Maschine gewinnt schnell an Höhe – kein Wunder mit nur 24 Personen an Bord. Normalerweise steigt eine DC-8 eher bedächtig, doch jetzt geht es im Tempo eines Engels mit Heimweh nach oben. Der Autopilot scheint alles unter Kontrolle zu haben, daher kann ich mich wieder Katniss und unserem Plan zuwenden. Ich greife in ein Staufach links neben meinem Sitz und hole eine kleine Sauerstoffflasche zum Umhängen hervor. Die werden wir brauchen, wenn wir uns in der Kabine umsehen wollen. Ich schiebe den Sitz zurück und begebe mich zum Flugingenieursplatz, wo Katniss konzentriert auf das Instrumentenbrett vor ihr starrt. Ich überfliege die Anzeigen. Kabinendruck ist bei knapp über 20.000 Fuß, das Variometer schwankt leicht um die Null-Lage.
Da jetzt alle vier Kompressoren warme Luft liefern, ist die klirrende Kälte verschwunden.
„Sehr gut machst du das", lobe ich Katniss, bevor ich nach der Copiloten-Sauerstoffmaske greife.
„Wer den Platz da hat, ist ein armer Hund", entgegnet Katniss sarkastisch, „wenn er die ganze Zeit da mit diesem blöden Hebel herumspielen muss!"
„Zum Glück muss er das normalerweise nicht. Dafür gibt es eine automatische Regelung. Nur kann die das, was wir gerade tun nicht. Sie lässt sich nicht über 9.000 Fuß einstellen. Wir wollen den Druck aber bei 20.000 Fuß halten, und das geht leider nur händisch", erkläre ich.
„Dann hat er ja Glück. Aber verwirrend ist das ganze hier trotzdem".
Ich weiß nicht, wie viel Katniss davon versteht, aber ich habe mir vorgenommen, sie nicht wie ein dummes Kind zu behandeln. Sie hat ein Recht darauf, eingeweiht zu werden. Ich werde sie später noch für ein paar Handgriffe mehr im Cockpit brauchen, da schadet es sicher nicht, wenn sie sich frühzeitig damit vertraut macht. Ich beuge mich kurz über den Copilotensitz und kontrolliere den Höhenmesser. 24.000 Fuß. Noch ein paar Minuten, und wir sind soweit.
„Katniss, wir sollten jetzt durchbesprechen, wie wir das mit dem Nachschauen in der Kabine am besten angehen", beginne ich, und deute auf die tragbare Sauerstoffflasche.
„Wir werden uns jeder eine diese Flaschen umhängen. Damit können wir uns frei bewegen, und haben genug Luft für eine gute Dreiviertelstunde. In der vorderen Kabine gibt es so etwas wie ein zweites Füllhorn, wo wir sicher ein paar Waffen finden. Zur Not können wir die Feuerlöscher aus dem Cockpit mitnehmen", erkläre ich.
„Was heißt wir? Du wirst überhaupt nirgends hingehen!" unterbricht mich Katniss.
„Ich lass dich sicher nicht alleine nach hinten gehen", entgegne ich.
„Doch. Einer muss hier im Cockpit die Stellung halten, falls etwas schief geht. Ich kenne mich hier nicht aus. Du dich schon. Darum bleibst du da, und ich gehe. Keine Widerrede!" sagt Katniss entschlossen.
„Nein!", antworte ich mit lauter Stimme. „Wenn dir etwas zustößt, könnte ich mir das nie verzeihen!"
Katniss blickt mir direkt in die Augen.
„Mir wird nichts zustoßen. Die Tribute sind bewusstlos. Die Spielmacher werden sicher nicht einen der beiden letzten wachen Tribute außer Gefecht setzen – sie wollen ja sehen, was wir mit denen da hinten machen", antwortet Katniss.
Guter Punkt. Ich muss selber einsehen, dass es zu riskant wäre, wenn wir beide nach hinten gehen. Nicht wegen den Tributen, sondern wegen den Spielmachern. Sie könnten versuchen, uns aus dem Cockpit auszusperren, oder uns durch wilde Flugmanöver ernsthaft verletzen.
Solange ich im Cockpit bin, glaube ich, kann ich den Spielmachern etwas entgegensetzen. Damit sie die Maschine kontrollieren können, brauchen sie Strom, den ich ihnen mit wenigen Handgriffen abstellen kann.
„Du hast ja recht", sage ich. „Aber du passt auf dich auf, ja?"
Katniss berührt sanft meine Hand.
„Keine Angst. Ich schaue nur kurz nach und komme sofort wieder zurück".
Momentan bin ich etwas irritiert. Noch nie hat mich Katniss wirklich berührt, außer wenn wir uns begrüßt oder verabschiedet haben. Aber einfach so noch nie. Empfindet sie vielleicht auch mehr für mich, als sie zugibt? Vergiss es, für so etwas ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt!
Ich zwinge mich förmlich, den Blick wieder dem Instrumentenbrett zuzuwenden. Der Höhenmesser zeigt 27.500 Fuß. Die beiden Steuerhörner bewegen sich sanft im Gleichtakt, kontrolliert vom Sperry SP-30 Autopiloten, der noch aus den 1960ern stammt. Das modernste in diesem Cockpit ist das aus den 1980er stammende Rockwell-Collins EFIS-86 mit seinen vier Farbbildschirmen – jeweils zwei für den Kapitän und zwei für den Copiloten, welche den künstlichen Horizont und das Navigationsdisplay anzeigen, sowie die beiden Flight Management Computer, die mit einem Ringlaser-Trägheitsnavigationssystem gekoppelt sind. Zu Hause wäre das vor zwanzig oder dreißig Jahren eine gut ausgestattete Maschine gewesen. Hier ist es ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, das paradoxerweise jedes moderne Hoverplane abhängen würde. Zumindest jene, die es offiziell gibt.
Was haben sich die Spielmacher bloß gedacht? Sie können diese Arena nie im Leben abfangen, falls sie irgendwohin fliegt, wo sie nichts verloren hat. Sie können sie höchstens in die Luft sprengen, oder per Fernsteuerung abstürzen lassen. Das wird allerdings stets die letzte Option sein. Bis dahin müssten wir Spielraum haben – vielleicht sogar genug, um dem Kapitol ein Schnippchen zu schlagen. Wer weiß, vielleicht hat Distrikt 13 seine Finger mehr in diesen Spielen drin, als es aussieht.
29.000 Fuß. Ich beuge mich über die Mittelkonsole, und stelle den Vertikalmodus-Drehschalter des Autopiloten von IAS HOLD auf VERT SPEED. Damit wird die aktuelle Steigrate gehalten. Gleich daneben befindet sich ein versenktes, drehbares Rad, mit dem ich die Steigrate regulieren kann. 29.500 Fuß. Ich beginne, das Rad langsam nach vorne zu drehen. Die DC-8 reagiert, die Nase senkt sich langsam.
„Katniss, du musst jetzt den Hebel etwas nach unten schieben", sage ich, ohne mich umzudrehen. Noch dreihundert Fuß. Ich nehme die Gashebel ein Stück zurück. Zweihundert Fuß. Hundert Fuß. Noch etwas Gas weg. Die Höhenmessernadel klettert im Zeitlupentempo. 30.000 Fuß. Ich drehe das Rad noch ein Stück nach vorne, bis es in der Position ALT HOLD einrastet. Die Fahrt ist auf 290 Knoten gestiegen. Ich justiere die Gashebel, bis die Geschwindigkeit konstant bleibt.
Diese DC-8-61 hat zwar eine rudimentäre automatische Schubregelung, die aber nur bei niedrigen Geschwindigkeiten im Landeanflug benutzt werden darf. Selbst da funktioniert sie nicht besonders zuverlässig, und wird daher kaum verwendet. Mit drei Mann im Cockpit ist die fehlende Automatisierung kein Thema, jetzt, wo ich praktisch eine One-Man-Show veranstalten muss, schon. Selbst wenn die Tribute in der Kabine keinen Ärger machen sollten, allein das Fliegen der Maschine wird eine Herausforderung werden.
Ich wende mich wieder Katniss zu. Sie hat die Druckregelung gut im Griff.
„Du kannst den Hebel jetzt einrasten lassen", sage ich. Ich prüfe kurz die Instrumente. Alles in Ordnung.
„Gut, dann werde ich jetzt wohl nachschauen gehen", meint Katniss, und greift nach ihrem Gurtschloss. Sie fummelt etwas unbeholfen daran herum.
„Du musst es drehen, dann geht es auf", rufe ich ihr zu, während ich den Regler der tragbaren Sauerstoffflasche aufdrehe und den Durchfluss auf zwei Liter pro Minute einstelle.
„Du kannst deine Maske jetzt abnehmen", weise ich Katniss an. Sie zögert ein wenig.
„Keine Angst, du fällst sicher nicht gleich in Ohmacht".
Zögerlich streift sie die klobige Sauerstoffmaske über ihren Kopf nach hinten weg und gibt sie mir. Ich hänge sie in ihre Halterung. Dann reiche ich ihr die Sauerstoffflasche. Sie wiegt gerade mal fünf Pfund und hat einen Gurt zum Umhängen. Ich helfe Katniss, die Maskenbänder stramm zu ziehen, damit die Sauerstoffmaske dicht sitzt.
„In Ordnung so?", vergewissere ich mich.
Katniss nickt. „Ja".
Irgendwie habe ich überhaupt kein gutes Gefühl bei der Sache.
„Willst du wirklich alleine nach hinten gehen?"
Katniss sieht mich entschlossen an. Ihr Blick sagt so etwas wie „keine Widerrede".
„Na gut. Wenn ich es dir schon nicht ausreden kann, dann nimm wenigstens den Feuerlöscher hier mit", sage ich und deute auf den CO2-Löscher in der Nische neben dem Flugingenieursplatz.
„Was soll ich damit?" fragt Katniss.
„Falls dich jemand angreift, sprüh ihm damit direkt ins Gesicht. Wenn das nicht reicht, zieh ihm den Löscher über den Schädel".
Werde ich schön langsam zum Karriero?
Ich nehme den Feuerlöscher aus der Halterung, und ziehe den Sicherungsstift heraus.
„Du musst nur mit der Düse direkt in Richtung Angreifer zielen und dann diesen Hebel hier fest niederdrücken", erkläre ich.
„Und das funktioniert?"
Ich zucke mit meinen Schultern.
„Steht zumindest in unserem Notfall-Trainingshandbuch. Das Sprühen, meine ich. Das Über-den-Schädel ziehen nicht", sage ich augenzwinkernd, und reiche Katniss den Löscher.
„Pass auf, dass du nicht versehentlich den Hebel drückst. Die Sicherung ist schon weg".
Katniss greift nach ihrer Sauerstoffmaske und hebt sie ein Stück weit ab.
„Peter, falls mir da hinten irgendwas zustoßen sollte, egal wie laut ich schreie, bleib hier im Cockpit. Es reicht, wenn ich getötet werde, du musst nicht auch noch draufgehen".
Sie hält kurz inne und schluckt.
„Jetzt, wo Gale weg ist, habe ich außer dir und meiner Familie niemanden mehr, der mir etwas bedeutet. Ich könnte nicht damit leben, wenn du meinetwegen stirbst".
In diesem Moment schrillt ein Alarm durchs Cockpit. Ausgerechnet jetzt! So ein mieses Timing. Ich drehe mich ruckartig um, und sehe das rote Warnlicht des Autopiloten hell erleuchtet brennen.
„Was war das?", fragt Katniss erschrocken.
„Der Autopilot ist ausgefallen!", entgegne ich, während ich in meinen Sitz klettere und nach dem Steuerhorn greife.
In den wenigen führerlosen Sekunden ist die Fluglage der Maschine annähernd konstant geblieben. Mit kleinen Steuerbewegungen stabilisiere ich das Flugzeug und schalte den Autopiloten wieder ein. Der Schalter rastet ein. Im Kopf zähle ich die Sekunden. Eins, zwei, drei…und wieder steigt der Autopilot aus. Ich versuche es noch einmal. Kaum habe ich den Finger von Schalter genommen, fliegt er auch schon wieder raus. Na toll, ausgerechnet jetzt muss das blöde Ding den Geist aufgeben! Jetzt, wo ich eigentlich auf Katniss aufpassen sollte, bin ich praktisch an meinen Pilotensitz gefesselt.
„Gibt es ein Problem?" fragt Katniss. Und ob es das gibt.
„Der Autopilot – die automatische Steuerung – funktioniert nicht mehr. Ich muss von Hand fliegen", antworte ich. Unter diesen Umständen habe ich ein noch unguteres Gefühl, Katniss in die Kabine gehen zu lassen.
„Sollen wir das Nachschauen besser sein lassen?", werfe ich ein. Vielleicht ist der ausgefallene Autopilot ja ein Wink mit dem Zaunpfahl, es bleiben zu lassen. Oder es ist eine Aktion der Spielmacher, um es spannender zu machen.
„Glaubst du, du bekommst diesen Autopiloten wieder hin?", fragt Katniss.
Bin ich Mac Gyver?
„Keine Ahnung. Und selbst wenn, wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass er einwandfrei arbeitet. Ich muss hier in diesem Sitz bleiben", antworte ich.
„Können wir das Nachsehen hinausschieben?" fragt Katniss.
Das ist keine Frage des Könnens, sondern des Wollens. Eine moralische Frage. Wenn ich meinen Plan, die überlebenden Nicht-Karrieros zu retten, durchziehen will, bleibt nicht mehr viel Zeit. Es gibt keine Studien, keine belastbaren Daten, wie lange man einen Jugendlichen der dünnen Luft von 20.000 Fuß aussetzen kann, ohne irreparable Schäden hervorzurufen. So ein Experiment würde nie genehmigt werden. Ich will nicht derjenige sein, der es als erster durchführt.
„Allzu lange können wir nicht mehr warten. Sonst haben wir die Leute da hinten selbst auf dem Gewissen. Und zwar alle", antworte ich.
„Dann haben wir keine andere Wahl. Ich gehe nachschauen", entgegnet Katniss.
Ein flaues Gefühl jagt durch meine Magengrube. So wie damals auf der Fahrt zum Flugplatz, als Rory und Kate im Anflug waren. Ein Gefühl der Ohnmacht, des Kontrollverlustes. Für einen Piloten ist das etwas ganz Schlimmes. Aber es gibt keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Wir beide müssen da jetzt durch. Katniss hat das klar erkannt. Sie will genauso wie ich überleben, und ist bereit, dafür fast alles zu tun. Aber es gibt eine Grenze, eine rote Linie, die wir beide nicht überschreiten wollen. Wir wollen überleben, aber nicht um den Preis, zu kaltblütigen Mördern werden zu müssen. Oder doch?
Ich drehe meinen Kopf soweit es geht nach hinten. Katniss steht noch immer mitten im Cockpit, mit dem Feuerlöscher in der Hand.
„Ok, wenn du soweit bist, dann geh zur Tür", sage ich ruhig.
„Wie geht die auf?"
„Schau zuerst durch das Guckloch, und sag mir, was du siehst!"
Der Türspion ist ein Zugeständnis an 9/11. Vorher gab es ein großes Sichtfenster aus Plexiglas, durch das man gut nach hinten sehen konnte. Der Spion deckt nur den näheren Türbereich ab.
„Sieht gut aus", sagt Katniss.
„Gut, dann dreh den Knopf unter dem Knauf gegen den Uhrzeigersinn". Ein Klicken hallt durch das Cockpit. Die Tür ist entriegelt.
„Und jetzt vorsichtig öffnen". Katniss dreht den Türknauf. Langsam drückt sie die Tür auf, und späht in die Kabine.
Plötzlich hält sie inne und würgt.
„Was ist?" rufe ich erschrocken.
„Nichts. Es ist nur der Tribut da hinten…der sieht übel aus, jemand hat ihm den Arm abgehackt", sagt Katniss mit zittriger Stimme. „Ich brauche nur einen Moment, dann geht es schon".
Sie tritt ein Stück weiter in Richtung Kabine. Ich wende meinen Blick kurz ab und scanne die Instrumente. Durch mein „blindes" Steuern ist die Maschine leicht nach links vom Kurs abgekommen. Instinktiv korrigiere ich. Plötzlich höre ich von hinten ein lautes Rascheln und Schlagen. Klingt wie eine Toilettentür. Eine Sekunde später dringt ein markerschütternder Schrei von hinten in meine Ohren.
„Katniss!" Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie jemand ins Cockpit stürmt, und Katniss brutal in die Ecke neben dem Flugingenieurs-Instrumentenbrett schleudert.
Clove! Sie kommt direkt auf mich zu. Für Verteidigungsmanöver ist es zu spät. Das war es also. Das letzte, was ich sehe, ist Cloves Gesicht, das teilweise von einer Sauerstoffmaske verdeckt wird. Ich habe sie unterschätzt. Ich spüre einen harten Schlag gegen meinen Kopf. Ein heftiger Schmerz jagt durch meinen Schädel, vor meinen Augen verschwindet das Instrumentenbrett in einer Masse tanzender Sterne. In meinen Ohren höre ich nichts als ein dumpfes Rauschen.
Ein Gefühl totaler Niederlage und Ohnmacht überwältigt mich. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Katniss, wie sie reglos in der Ecke liegt. Ich konnte sie nicht beschützen, so wie ich auch Kate nicht beschützen konnte. Wir haben verloren.
