Für einen Moment herrscht eine beinahe unwirkliche Ruhe im Cockpit. Draußen ist es Tag geworden, die tief stehende Morgensonne scheint durch das linke Seitenfenster und taucht alles in einen goldgelben, warmen Schein. Unter normalen Umständen wäre das jetzt einer jener Momente, die wir Piloten jedes Mal aufs Neue genießen. Wo wir die Last unregelmäßiger Arbeits- und Schlafenszeiten vergessen, und uns wieder daran erinnern, warum wir uns dazu entschieden haben, einen nicht unwesentlichen Teil unseres Lebens in der Luft zu verbringen.
Doch jetzt trüben zwei Dinge den Schein, zerstören die Illusion eines perfekten Sonnenaufgangs in 20.000 Fuß Höhe. Da wäre zum einen Clove, die noch immer regungslos am Boden liegt. Sie hat ihre Sauerstoffmaske im Kampf mit Katniss verloren, doch bei einer Kabinendruck-Höhe, die nun schon etwas unter 16.000 Fuß gesunken ist, würde sie auch ohne Maske bei Bewusstsein bleiben. Es ist unmöglich zu sagen, wie schwer sie verletzt ist. Ich meine mich vage erinnern zu können, dass eine Bewusstlosigkeit von mehr als 10 Minuten nach einem Schlag auf den Kopf auf ein ernstes Schädel-Hirn-Trauma hindeuten kann.
Und dann ist da noch Katniss, die im hinteren Bereich des Cockpits stehend an der Wand lehnt und Clove mit der Armbrust in Schach hält. Zum ersten Mal kann ich ihre Verletzungen deutlich sehen. Auf Katniss linkem Oberarm sticht mir eine knapp handflächengroße, rötlich-schwarze Brandwunde ins Auge. Das tut schon beim Anschauen weh! Knapp darunter ist eine weitere, leichtere Verbrennung zu sehen, etwa fingerdick und 3-4 cm lang. Die schlimmste Brandwunde, die ich je hatte, war vielleicht halb so groß. In etwa die Fläche einer 20 Cent Münze. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie schmerzhaft das für Katniss sein muss.
Dazu kommt der Schnitt quer über ihre Stirn. Mehrere dünne, schon leicht geronnene Blutfäden ziehen sich wie Rinnsale über ihr Katniss Gesicht. Die Wunde scheint nicht besonders tief zu sein, die Blutung ist schon fast zum Stillstand gekommen. Ich spüre förmlich Katniss Schmerzen, obwohl sie sie so gut wie möglich vor mir zu verstecken versucht. Irgendwie fühle ich mich dafür verantwortlich. Immerhin habe ich sie nach hinten geschickt. Klar, sie wollte es selber tun, aber ich hätte es ihr auch verbieten können. Verbieten müssen. Ich bin der Ältere, der Erfahrenere. Der Mann. Ich hätte sie beschützen müssen, und habe versagt.
Es war von Anfang an eine Schnapsidee gewesen, die uns im konkreten Fall genau gar nichts gebracht hat, außer einer Karriero-Tributin als einzige Überlebende. Die Tür hätte zu bleiben müssen, und falls sich einer daran vergriffen hätte, wäre die einzig mögliche Reaktion ein heftiges Negativ-G-Manöver gewesen, in der Hoffnung, den Angreifer so hart gegen die Decke zu schleudern, dass er außer Gefecht gesetzt wird. Aber wir wollten ja human sein. Besser wäre es gewesen, die Spiele als das aufzufassen, was sie eigentlich sind. Krieg.
„Was machen wir mit Clove?", unterbicht Katniss meine Gedanken. Ich blicke auf das noch immer am Boden liegende Mädchen. Ich rechne zwar nicht damit, dass sie plötzlich aufspringt, aber so kann sie nicht liegen bleiben. Wir können sie nicht ewig mit der Armbrust in Schach halten.
„Wir müssen sie fesseln", sage ich bestimmt.
„Wir könnten die Gurte nehmen", schlägt Katniss vor. Das müsste es fürs erste tun. Ich bücke mich und greife Clove unter die Achseln. Katniss hat die Armbrust weiter auf sie gerichtet. Es ist nicht so, dass ich vor Waffen allgemein Angst habe, aber es ist kein gutes Gefühl, wenn man im Schussfeld einer geladenen Waffe steht.
Den Zuschauern würde es sicher gefallen, wenn sich ein Schuss löst und mich erwischt. Peter Owen, der immer glaubte, alles im Griff zu haben, getötet oder verletzt von Katniss. Was würde sich dieser Flickerman sein Maul darüber zerreißen! In den letzten Minuten hatte er sicherlich genug zu kommentieren. Wenn es ohne Wechselstrom überhaupt eine Übertragung gegeben hatte. Ich bin mir sicher, dass die Kameras eine Notstromversorgung haben müssen. Vielleicht gab es keine Liveübertragung, aber dann wird das Material sicherlich nachträglich gesendet, sobald es aus dem Zwischenspeicher übertragen worden ist.
Vorsichtig hebe ich Cloves Oberkörper an. Sie ist relativ leicht, wiegt wahrscheinlich kaum über 100 Pfund. Wenn ich mich recht an die Vorstellung erinnere, ist sie 15 Jahre alt. Etwa gleich groß wie Katniss, aber etwas muskulöser. Ohne Bewusstsein hängt sie wie ein Mehlsack in meinen Armen. Du solltest echt mal mehr Sport machen!
„Soll ich dir helfen?", ruft Katniss mir zu.
„Nein, ich komm schon klar. Halt du sie lieber mit der Armbrust in Schach, man weiß ja nie!" Schnaufend hieve ich Clove in den Beobachtersitz, der zwischen dem Pilotensitz und dem Navigatorensitz auf der linken Seite des Cockpits angebracht ist und seitlich in Richtung Cockpitmitte gedreht ist.
Sofort schließe ich den Bauchgurt, damit mir Clove nicht aus dem Sitz fällt. Dann entriegle ich den Sessel, und drehe ihn um 90 Grad, sodass er nach vorne in Richtung Windschutzscheibe zeigt.
„Katniss, komm nach vorne, und halt sie in Schach", rufe ich, ohne mich umzudrehen. Da die Kabinendruck-Höhe nun unter 15.000 Fuß ist, verzichte ich auf die Sauerstoffmaske. Nicht ganz nach Vorschrift, aber für ein paar Minuten kein Problem. Ich packe Cloves Arme und verschränke sie hinter der Sitzlehne. Dann greife ich nach dem rechten Schultergurt und wickle ihn ein paar Mal um Cloves linken Arm. Das gleiche mache ich seitenverkehrt mit dem linken Schultergurt. Zum Schluss binde ich die Enden beider Gurte oberhalb von Cloves Handflächen mehrfach zusammen. Sicher, mit Gewalt könnte sie sich vielleicht befreien. Aber ein Überraschungsangriff ist ausgeschlossen.
Während ich darüber nachdenke, wie ich Clove etwas nachhaltiger fesseln könnte, kommt mir eine Idee. Wir hatten auf unseren Passagierflügen immer einen Satz Handschellen dabei, um im Notfall einen gewalttätigen Passagier fesseln zu können. Normalerweise müssten sie sich in einem Staufach in der vorderen Bordküche befinden.
„Ich muss mal kurz nach hinten", sage ich, „ein paar Handschellen für unsere neue Freundin hier holen".
Katniss sieht mich mit einem Blick an, der so viel wie „tu das nicht" sagt.
„Keine Angst, da hinten lebt keiner mehr. Und es sind nur ein paar Meter". Ich kontrolliere kurz den Kabinendruck-Höhenmesser. 14.000 Fuß.
Zeit, um auf die automatische Regelung umzuschalten. Auf dem Flugingenieurspult befindet sich gleich neben dem Kabinendruck-Höhenmesser eine runde Skala mit einem verstellbaren Zeiger. Er ist auf 7.000 Fuß eingestellt, einen Kabinendruck-Wert, der bis zu einer Flughöhe von 41.000 Fuß beibehalten werden kann.
Daran brauche ich nichts zu ändern. Das Einzige, was ich mache, ist den Kontrollknopf für Steig- oder Sinkrate der Kabine auf MAX zu stellen, damit es nicht ewig dauert, bis der Druck 7.000 Fuß erreicht. Dann greife ich nach dem Kabinendruck-Kontrollhebel, drehe den Griff um 90 Grad und lasse den Hebel in die Führung fallen. Wie von Geisterhand bewegt er sich ein Stück nach unten.
„Katniss, wenn du willst, kannst du die Maske jetzt abnehmen", sage ich.
„Na endlich", entgegnet Katniss, und zieht mit ihrer linken Hand die Sauerstoffmaske von ihrem Gesicht.
Sie zuckt kurz zusammen. Wahrscheinlich die Verbrennungen. Es tut mir förmlich weh, Katniss so zu sehen. Und es beeindruckt mich, wie gut sie das wegzustecken scheint. „Wie schlimm ist es?" frage ich vorsichtig.
„Es ging mir schon mal besser", entgegnet Katniss knapp.
„Soll ich in der Bordapotheke nachschauen, ob ich ein paar Schmerztabletten auftreiben kann?" Katniss zögert.
„Es gibt an Bord Schmerzmittel? Ich meine, richtige Schmerzmittel, nicht so etwas wie diesen Schlafsirup, den wir in Distrikt 12 haben?", fragt sie erstaunt.
„Na ja, wenn sie die Bordapotheke nicht entfernt haben, müsste da schon etwas drin sein. Kein Morfix, aber wenn ich mich recht erinnere eine Schachtel Naproxen, oder wenn wir Glück haben ein Fläschchen mit Tramal-Tropfen. Die wirken ganz gut", entgegne ich.
„Und ich schlafe davon nicht ein?"
Autofahren solltest du damit nicht.
„Du wirst vielleicht ein wenig müde, aber es ist nicht so schlimm wie bei diesem Schlafsirup. Beim Tramal meine ich, von den Naproxen solltest du nicht viel merken. Notfalls koche ich uns in der Bordküche einen starken Kaffee", sage ich lächelnd.
„Na gut, dann hol das Zeug. Aber pass auf!"
Die Tür zur Kabine ist seit Cloves Angriff immer noch offen. Ich zögere. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass noch jemand dort hinten am Leben ist, aber ich habe ein ungutes Gefühl, ohne Waffe nach hinten zu gehen. Die Signalpistole am Boden sticht mir ins Auge. Sie sieht einer richtigen Schusswaffe sehr ähnlich. Im Notfall könnte ich damit jemanden ernsthaft verletzen oder töten, aber ich muss genau zielen. Wenn das Geschoss abprallt, und in der Kabine herumschwirrt, hätte ich ein ernstes Problem. Aber im Notfall wäre es einen Versuch wert. Ich hebe die Pistole auf. Es ist die übliche Heckler&Koch P2A1, Kaliber 26,5 mm. Sie muss nach jedem Schuss nachgeladen werden. Wo zum Teufel bekomme ich jetzt eine neue Patrone her?
Cloves Weste! Vielleicht hat sie Ersatzmunition mitgenommen. Vorsichtig beuge ich mich über das bewusstlose Mädchen.
„Was machst du da"? fragt Katniss.
„Munition suchen", entgegne ich. „Man weiß ja nie". Tatsächlich, in einer von Cloves Westentaschen befinden sich drei Signalpatronen. Ich stecke zwei davon in meine Hosentasche, und lade die dritte in die Pistole.
„Ich bin gleich wieder da. Pass du auf Clove auf", sage ich zu Katniss, und trete durch die Tür. Natürlich habe ich nicht damit gerechnet, dort eine saubere und aufgeräumte Kabine vorzufinden, doch auf das, was ich jetzt sehe, bin ich nicht gefasst gewesen.
Ich versuche, das Blut und die Leichen in der Business-Class so gut es geht zu ignorieren, doch die Eindrücke sind zu stark. Ein abgehackter Arm liegt unter eine Sitzreihe. Der männliche Tribut, dem er gehörte, starrt mich mit schreckensgeweiteten Augen an. Seine Haut ist fahl und grau. Die Blutlache am Boden hat schon einzutrocknen begonnen. Ich muss unwillkürlich würgen, und spüre, wie meine Beine weich werden. Reiß dich zusammen! Ich zwinge mich, den Blick abzuwenden, und dränge mich in die enge Bordküche auf der linken Seite des Ganges. Ich stütze mich mit den Händen auf der Arbeitsfläche auf und hole ein paar Mal tief Luft. In meinem Kopf dreht sich alles, und ich bin mir nicht sicher, ob das von Cloves Schlag oder von dem Grauen, das ich gerade gesehen habe, kommt.
Meine Finger fühlen sich kalt und steif an, ich spüre, wie meine Hände beim Versuch, das erste Staufach zu öffnen, zittern. Verdammt, falsches Fach! Prompt habe ich das „Bar-Fach" mit einer Reihe kleiner Likör- und Schnapsfläschchen erwischt. Idiot! Die Notfallsachen sind doch im Stauschrank! Mir ist noch immer schwindelig, ich muss mich an der Wand anhalten, weil ich Angst habe, sonst umzukippen. Am Griff des Schrankes klebt getrocknetes Blut. Irgendjemand war da dran. Ich scheue mich davor, den blutigen Griff mit bloßen Händen zu berühren, und bedecke meine Finger mit dem Stoff meines Shirts. Ich öffne die Schranktür. In einem Ablagefach im oberen Bereich ist ein kleiner Tresor mit einem elektronischen Codeschloss angebracht, wie in einem Hotel.
Auf den Tasten sind Blutspuren zu erkennen. Es muss Clove gewesen sein! Denn in diesem Schrank wird auch die Signalpistole aufbewahrt, die für den Fall einer Notwasserung auf See gedacht ist, um Schiffe oder Suchflugzeuge auf sich aufmerksam zu machen. Woher hat sie bloß den Code? Auch ohne die Blutspuren weiß ich, welche Tasten ich drücken muss. Diesmal überwinde ich meinen Ekel, und verzichte darauf, meine Finger mit Stoff meines Shirts zu bedecken. Die Tastatur wäre dafür sowieso zu hoch angebracht. 7-7-0-0 – der gleiche Code, wie wir ihn auch bei einem Notfall am Transponder einstellen würden. Leicht zu merken, aber einem nicht luftfahrtkundigen Passagier unbekannt. Jemand, der mit Transpondercodes vertraut ist, würde nie darauf kommen, dass ein solcher für den Notfalltresor benutzt wird.
Mit einem leisen Surren öffnet sich die Verriegelung. Die Handschellen sind da, genauso wie eine angebrochene Schachtel Leuchtpatronen. Gut, dass Clove nur heiß auf die Pistole war, und die Handschellen da gelassen hat! Ich schließe den Tresor wieder, und greife nach dem großen Erste Hilfe Kasten direkt darunter. Im Gegensatz zu den Vorschriften der FAA, die hier gerade mal eine bessere Autoapotheke vorschreiben, haben wir den Verbandskasten für unsere Distrikt 13-Europa-Flüge etwas erweitert. Die Schachtel mit den Naproxen-Tabletten ist da. Aber kein Tramal. Ist vielleicht sowieso besser, nicht mit Opioiden herumzuexperimentieren, wenn kein Arzt dabei ist. Dafür ist eine Tube Brandsalbe vorhanden. Wie war das noch mal? Soll man die jetzt verwenden oder nicht?
Als absurdes Detail springt mir das Ablaufdatum ins Auge. MAY 2009, steht da auf der Tube eingestanzt. Klar, das Medikament wurde durch das Portal importiert. Aus meinem Heimatuniversum, wo die Zeit eine Spur langsamer abläuft. Hatte zumindest Beetee so erklärt. Irgendwie habe ich das nie so recht verstanden. Warum sollte die Zeit global gesehen in einem Universum langsamer oder schneller laufen als in einem anderen? Relativistische Effekte sind klar, in der Nähe großer Massen oder wenn man mit annähernd Lichtgeschwindigkeit fliegt, läuft die Zeit langsamer. Aber das sind lokale Effekte. Beetee konnte mir das nie richtig erklären, wich immer ein wenig aus. War da vielleicht etwas mehr dran, als er mir sagen wollte?
Egal. Darüber können wir später theoretisieren, wenn wir wieder sicher in Distrikt 13 gelandet sind. Ein plötzlicher Knall lässt mich zusammenzucken. Es klang, als hätte jemand eine Tür zugeschlagen. Nein, das wird doch nicht…Verdammt! Die Cockpittür ist zu. Ich stürze nach vorne, versuche, den Türknauf zu drehen. Er lässt sich nicht bewegen. Mist! Verriegelt!
„Katniss, was ist da los? Mach die Tür auf!" rufe ich so laut ich kann.
„Ich weiß nicht! Sie ist auf einmal zugefallen!" Die Spielmacher! Sie haben mich ausgesperrt!
„Versuch den Entriegelungsknopf! Gegen den Uhrzeigersinn drehen!" Ich höre, wie Katniss an der Tür herumfummelt.
„Er klemmt!" Was jetzt?
„Probier es mit der elektronischen Entriegelung!" schreie ich. „Ein kleiner Drehschalter in der Mittelkonsole, ganz hinten in der Mitte. Beschriftet mit COCKPIT DOOR. Er hat drei Positionen, AUTO, UNLOCK und DENY."
Durch die Spalten in der Tür, welche der Axtangriff hinterlassen hat, sehe ich, wie Katniss nach vorne stürmt. Aber ich sehe noch etwas. Die Spalten scheinen kleiner zu werden. Das bildest du dir ein!
„Ich hab ihn!" ruft Katniss.
„Dreh ihn in Richtung UNLOCK!" Keine Reaktion. Die Tür bleibt verriegelt.
„Noch einmal!", schreie ich. Die Spalten werden wirklich kleiner! Es ist, als ob sich die Tür im Eiltempo selbst reparieren würde. So etwas habe ich noch nie gesehen. Irgendwelche Nanobots vielleicht?
„Es klappt nicht!" schreit Katniss verzweifelt, und läuft wieder in Richtung Tür. Die Spalten sind jetzt fast verschlossen, ich kann sie kaum noch sehen. „Peter, mach etwas!"
Ich fühle mich komplett machtlos. Der Schlitz verschließt sich. Verzweifelt rüttle ich an der Tür, obwohl mir klar ist, dass das nichts bringt. Voller Wut trete ich dagegen, werfe mich mit der Schulter mit meinem vollen Gewicht gegen die stabile Tür.
Es bringt nichts. Was immer die Spielmacher angestellt haben, sie haben mich ausgesperrt. Ich höre ein schnappendes Geräusch aus dem unteren Türbereich. Die Lüftungsgitter. Sie wurden gerade verschlossen.
„Katniss!", rufe ich erneut. Keine Antwort.
„Katniss, hörst du mich?" Wieder nichts als Stille. Es ist, als wären sämtliche Geräusche aus dem Cockpit ausgeblendet. Plötzlich tönt ein ohrenbetäubender Schrei aus den Kabinenlautsprechern. Unverkennbar Katniss!
„Was passiert hier?" schreie ich verzweifelt. „Katniss, was machen sie mit dir?"
Ich werfe mich gegen die Tür. Ein stechender Schmerz fährt durch meine Schulter. Ich versuche ihn zu verdrängen, die Sorge um Katniss vertreibt alle anderen Gedanken.
„Na, hörst du sie schreien?" tönt Cloves Stimme verzerrt aus dem Lautsprecher. „Muss schon ein tolles Gefühl sein, vor der verschlossenen Tür zu stehen und nichts tun zu können! So nah dran und doch so weit weg!", sagt Clove mit zynischem Unterton.
„Lass Katniss in Ruhe!", schreie ich.
„Das hättest du wohl gerne. Aber jetzt werde ich dir zeigen, wie es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren!"
Das darf doch nicht wahr sein! Wie ein Irrer rüttle ich an der Tür, dann trete ich ein paar Schritte zurück und werfe mich mit Anlauf dagegen. Der Schmerz raubt mir fast den Atem, aber die Tür hält. Wieder hallt Katniss Schrei durch die Kabine.
„Oh je, jetzt habe ich eine Arterie erwischt!" äzt Clove. Nein, bitte nicht! Ein Teil von mir weigert sich, das was gerade geschieht, zu akzeptieren. Das muss ein Traum sein. Wahrscheinlich hat es dich vorhin umgehauen, und jetzt bist du auf einem Horrortrip!
„Gleich ist es vorbei! Schade, dass du sie nicht sehen kannst! Sie ist schon ganz bleich, und kippt mir gleich weg", tönt Cloves Stimme durch die Kabine.
„Hör auf damit. Hilf ihr, binde die Arterie ab!" flehe ich Clove an. Keine Reaktion.
„Bitte, sie kann doch nichts dafür! Die Dekompression war meine Idee. Wenn jemand deinen Cato getötet hat, dann war ich das!"
Es knackt im Lautsprecher.
„Du kommst auch gleich dran. Deine Katniss hier war wirklich tapfer. Willst du wissen, was ihre letzten Worte waren? Sie hat deinen Namen gerufen, immer und immer wieder. Ich glaube, sie hat dich gemocht! Wirklich schade!"
Nein, das darf nicht sein! Katniss kann nicht tot sein! Das kann unmöglich wahr sein! Nach und nach wird mir die volle Tragweite von Cloves Worten bewusst. Ich habe Katniss verloren, wie ich damals Kate verloren habe. Wieder konnte ich nur hilflos zuschauen. Und ich Idiot habe Katniss nicht einmal gesagt, wie viel sie mir bedeutet hat. Weil ich Angst hatte, ich könnte sie verschrecken. Oder weil ich mir selber zu unsicher war. Jetzt, wo ich mir sicher wäre, ist es zu spät. Ich falle auf meine Knie, und trommle mit den Fäusten gegen die Cockpittür. Als würde das noch irgendetwas bringen. Katniss ist verblutet, selbst wenn ich jetzt sofort zu ihr könnte, wäre das nicht rückgängig zu machen.
Nicht hier in der Luft. In einer Klinik oder einem Rettungswagen gäbe es im 23. Jahrhundert vielleicht noch eine Chance. Man könnte ihre Blutgefäße mit einer eiskalten Salzlösung durchspülen, ihren Körper bis auf 10 Grad herunterkühlen. Tiefe Hypothermie. Das würde ihre Zellen lange genug konservieren, um die Arterie zu flicken und ihr wieder warmes Blut einzuflößen. Aber die Prozedur müsste innerhalb weniger Minuten eingeleitet werden, sonst würde sie schwere Hirnschäden davontragen. Selbst wenn ich einen Flugplatz direkt unter mir hätte, würde es zu lange dauern. Was ich auch tue, Katniss ist tot, und niemand kann daran etwas ändern.
Zu meiner Verzweiflung mischt sich Wut. Blinde Wut. Gegen Clove, gegen die Spielmacher, gegen die Idioten in Distrikt 13, die es nicht auf die Reihe brachten, Katniss und ihre Familie vor der Ernte aus Disktrikt 12 zu evakuieren. Kein verfügbares Hovercraft, hatte mir Präsidentin Coin höchstpersönlich ausrichten lassen. So ein Blödsinn! Als hätten sie Katniss und mich gar nicht abholen wollen! Sie werden alle büßen! Vor meinem geistigen Auge stelle ich mir vor, wie ich Clove den Schädel einschlage, anschließend Plutarch Heavensbee und Caesar Flickerman vom Dach des Trainingszentrums stoße, und an Schluss Coin mit einer Pistole in ihrem Büro erschieße. Dann tritt Katniss Bild an die Stelle meiner Rachegelüste. Sie lächelt mich an und singt eine einfache Melodie, ein Lied aus ihrem Distrikt.
Wie schön sie eigentlich war, wenn sie freundlich schaute. Kein Model, aber diese natürliche Schönheit, die manche Menschen haben. Ihre grau-grünen Augen. Ihr leicht südländischer Teint. Die dunkelbraunen Haare, die sie immer zu einem Zopf zusammengebunden hatte, den sie seitlich nach vorne über ihre Schulter trug. So lebendig in der Erinnerung, und doch für immer verloren. Der Gedanke der Endgültigkeit von Katniss Tod macht mich fertig. Ich springe auf und laufe nach hinten. Ich muss von hier weg, sonst drehe ich durch. Mein Blick fällt auf die offene Lade der Bordküche, die mit den Likörfläschchen. Ohne zu zögern reiße ich sie mit aller Gewalt heraus, und schleudere sie samt Inhalt gegen die Wand. Die Fläschchen zersplittern. Dabei hätte ich einen Drink jetzt gut gebrauchen können! Verzweifelt suche ich zwischen den Scherben nach einem intakten Fläschchen.
Tränen verschleiern meinen Blick. Ich spüre kaum, wie ich mir die Finger an den scharfen Splittern zerschneide. Endlich, eine nicht zerbrochene Flasche. Ich sehe nicht einmal auf das Etikett, es ist mir vollkommen egal, was drin ist. Ich öffne den Verschluss und stoße den Inhalt in einem Zug runter. Der Alkohol brennt in meiner Kehle, eine wohlige Wärme strahlt durch den ganzen Körper. Ich greife nach dem nächsten Fläschchen, und leere es in einem Zug. Noch eines. Und noch eines. Verdammt, das reicht nicht! Ich durchstöbere den Scherbenhaufen weiter. Einmal geht es noch. Blut tropft von meinen Händen auf den Boden. Da, eine intakte Flasche. Wie ein Süchtiger kippe ich den hochprozentigen Inhalt hinunter.
Ich brauche noch mehr! Wieder greife ich mit bloßen Händen zwischen die Scherben, füge mir weitere Schnitte zu. Aber ich kann keine neue Flasche mehr finden. Wut steigt in mir auf. Warum musstest du Idiot auch die Flaschen zertrümmern? Ich sehe die herausgerissene Lade am Boden liegen, und hebe sie auf. Erneut bekommt die Bordküchen-Einrichtung meinen Zorn zu spüren. Wieder und wieder dresche ich mit der Lade auf die Arbeitsfläche ein.
„Keine Bewegung!" schreit plötzlich jemand hinter mir. Das kann jetzt aber wirklich nicht sein! Mit der Lade in der Hand drehe ich mich um. Vor mir stehen ein rothaariges Mädchen mit einem gespannten Bogen in der Hand und ein Junge mit Wuschelkopf. Das Fuchsgesicht und der Zwölfjährige aus Distrikt 4.
„Verschwindet!" schreie ich wutentbrannt, und schleudere die Lade in Richtung der beiden Tribute. Das Mädchen duckt sich zur Seite, und lässt reflexartig den Pfeil los.
Er schlägt ein paar Meter neben mir in die Wandverkleidung ein. Ich ziehe die Pistole aus meinem Hosenbund, und richte sie auf die beiden Tribute. „So, und jetzt nehmt ihr die Hände hoch! Und den Bogen wegwerfen!" Zögernd folgt das fuchsgesichtige Mädchen meiner Anweisung. Der Junge hält ein Messer in der Hand.
„Das gilt auch für dich. Weg mit dem Messer, und die Hände hoch!" Das Fuchsgesicht sieht mir kühl in die Augen.
„Du wirst doch nicht ernsthaft daran denken, eine Pistole in einer Druckkabine abzufeuern?"
Ich starre entschlossen zurück.
„Und ob. Glaubst du, es macht mir irgendetwas aus, wenn es diese Kiste hier in der Luft zerreißt?" Nicht dass das passieren würde. Das sind reine Hollywood-Fantasien.
„Katniss ist tot, Clove hat sie umgebracht. Was habe ich noch zu verlieren?", schreie ich die beiden Tribute an.
„Jetzt komm mal wieder runter!", sagt das fuchsgesichtige Mädchen resolut. „Woher willst du so genau wissen, dass Katniss tot ist?"
Macht die Witze?
„Ich habe es gehört. Ihr müsst es doch auch mitbekommen haben!", entgegne ich.
„Aber du hast es nicht gesehen!" gibt das fuchsgesichtige Mädchen spitz zurück.
„Ist dir eigentlich aufgefallen, dass der Schrei jedes Mal exakt gleich war?", wirft der Junge mit dem Wuschelkopf ein.
„Und hast du irgendetwas direkt aus dem Cockpit gehört? Ich meine direkt durch die Tür, nicht nur aus dem Lautsprecher?" fragt das Fuchsgesicht.
Ich versuche mich zu erinnern. Katniss Schreie und Cloves Stimme hallen durch meinen Kopf, lassen eine neue Welle der Verzweiflung durch mein Bewusstsein rauschen. Neue Tränen quellen aus meinen Augen. Warum müsst ihr mich so quälen? Aber der Einwand des rothaarigen Mädchens ist berechtigt. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwelche Geräusche direkt aus dem Cockpit zu hören.
„Kommt dir das nicht merkwürdig vor? Du stehst genau vor der Tür, und kannst nichts hören, außer dem, was aus dem Lautsprecher kommt?", hakt das Fuchsgesicht nach. Finch heißt sie, wenn ich mich recht erinnere. Aus Distrikt 5.
„Denk doch mal nach. Du hast alles nur aus dem Lautsprecher gehört. Reicht dir das wirklich als Beweis, oder willst du nicht doch lieber selber nachschauen?", fragt der Wuschelkopf.
„Ich könnte die Tür vielleicht öffnen", fügt Finch hinzu.
„Ihr wollt mir helfen?" frage ich ungläubig.
„Wenn du die Pistole runternimmst, können wird darüber reden", sagt das rothaarige Mädchen.
Ich zögere. Das könnte eine Falle sein. Aber wenn Katniss tot ist, wäre mir das fast egal. Man hat mir das Schlimmste schon angetan, es gibt wenig, was die beiden da noch hinzufügen könnten. Und falls Katniss noch leben sollte, falls es nur ein mieses Psychospiel war, brauche ich die beiden.
„Ihr wollt mir also ein Bündnis vorschlagen?". Ich senke die Pistole ein Stück.
„Wenn du es so nennen willst, ja", sagt Finch. Langsam richte ich die Waffe auf den Boden. Das Mädchen tritt an mich heran.
„Keine Angst, ich tue dir nichts". Finch umrundet mich, starrt auf mein rechtes Ohr und beugt sich dicht heran. Dann flüstert sie ein einzelnes Wort, so leise, dass kein Mikrofon es aufnehmen kann. „Haymitch".
Anmerkungen:
1) Handschellen aus Plastik werden tatsächlich an Bord von Verkehrsflugzeugen mitgeführt, um Passagiere notfalls fesseln zu können. Ob diese aber so wie von mir beschrieben in einem Safe aufbewahrt werden, kann ich mangels Infoquellen nicht sagen, und es wäre auch aus Sicherheitsgründen nicht ratsam, das öffentlich bekannt zu machen.
2) Der Code für einen Bordsafe ist natürlich nicht 7-7-0-0. Allerdings wird er tatsächlich als Notfallcode für den Radar-Transponder benutzt, damit ein Fluglotse sofort sehen kann, dass ein Flugzeug in Not ist. Weitere Notfallcodes sind 7500 (Entführung) und 7600 (Funkausfall).
3) Das Türschloss-System habe ich, wieder aus Sicherheitsgründen, nach eigenen Vorstellungen beschrieben. Den Knopf für die elektronische Entriegelung gibt es aber wirklich.
4) Das medizinische Verfahren mit der kalten Salzlösung gibt es heute schon, allerdings bis dato nur im Tierversuch. Nennt sich „Emergency Preservation and Resuscitation" (EPR). Es soll die Überlebenschancen nach einem Herzstillstand durch Verbluten massiv verbessern, und ist im Tierversuch dabei recht erfolgreich. Allerdings muss es (im Tierversuch) nach spätestens 5-8 Minuten eingeleitet werden. Unter anderem das Militär ist eine treibende Kraft dahinter, weil so viele verwundete Soldaten gerettet werden könnten.
5) Die Mythbusters haben gestestet, was passiert, wenn man mit einer Pistole ein Loch in eine Druckkabine schießt. Es wird kein Riesenloch ins Flugzeug gerissen, wie das in manchen Filmen gezeigt wird. Es würde nicht einmal einen schlagartigen Druckabfall geben, weil das Loch so klein ist, dass es durch teilweises Schließen des Druckregelventils (outflow valve) ausgeglichen werden kann.
