Ich lächle vorsichtig zurück. Nicht dass noch jemand zu viel mitbekommt.
„Gut, dann haben wir also ein Bündnis", wiederhole ich. „Aber eines will ich wissen. Wie habt ihr beide das alles überlebt?"
Finch deutet mit ihrer Hand nach hinten.
„Wir haben uns in der hinteren Toilette verschanzt. Meinen Distriktpartner hat er leider vorher erwischt, aber auf den Weg habe ich Breck hier aufgegabelt", beginnt Finch. Ich sehe sie mit leicht zweifelndem Blick an.
„Warum hast du dem Jungen gleich getraut?" frage ich.
„Weil er unbewaffnet war und mich hilfesuchend angesehen hat. Was hätte ich tun sollen, ihn zurücklassen?" entgegnet Finch scharfzüngig.

Klingt zumindest einigermaßen plausibel. Oder gab es vielleicht gar eine Instruktion von Haymitch, das zu tun? Aber das kann ich natürlich nicht fragen.
„Und weiter?"
„Dann hat mich Finch in die Toilette gezerrt, und die Tür versperrt", ergreift der Junge mit dem Wuschelkopf das Wort. Wie heißt der noch mal? Brent? Becker? Bre….
„Die anderen Tribute waren viel zu sehr am Füllhorn beschäftigt, um das mitzubekommen", setzt Finch fort. „Wie auch immer, kurz darauf habe ich gespürt, dass der Luftdruck an Bord sinkt".

Jetzt bin ich baff. Eine Tributin, die weiß, wie sich das anfühlt. Obwohl in Panem niemand außer dem Militär und ein paar Superreichen aus dem Kapitol fliegt.

„Mein Vater arbeitet als Chefingenieur in der Firma, welche die Turboprop-Triebwerke für Hovercrafts herstellt", redet das Mädchen weiter. „Bei einem Testflug gab es einmal einen Druckabfall. Mein Vater hat mir davon erzählt". Distrikt 5 stellt Kraftwerksturbinen her. Gut möglich, dass sie auch Flugturbinen herstellen.
„Und was habt ihr dann gemacht?" frage ich.
„Ich habe die Abdeckklappe der Sauerstoffmaske weggerissen. Dann haben wir uns die Maske geteilt", antwortet Finch. „Mussten diese wilden Manöver wirklich sein?", fügt sie mit leicht vorwurfsvoll klingender Stimme hinzu.

„Wir hatten leider eine kleines Problem mit einem Karriero, der die Cockpittür einschlagen wollte", entgegne ich leicht untertreibend.
„Schon gut. Uns ist ja nichts passiert".
Ich deute nach hinten.
„Lebt da noch jemand?" Finch schüttelt den Kopf und lässt den Blick hängen. Der Junge bekommt einen leicht glasigen Blick. Seine Partnerin. Er hat sie sicher tot auf dem Boden liegend gesehen. Ich hätte daran denken müssen, dass die beiden vielleicht jemanden verloren haben, der ihnen ebenso viel bedeutet wie mir Katniss.

„Tut mir leid. Eure Partner…".
Der Junge sieht mich mit seinen glasigen Augen an.
„Schon ok. Ich wünschte nur, Marina hätte es geschafft. Sie war…sie wohnte nur zwei Häuser weiter. Wir waren oft zusammen auf dem Meer…wenn ich nicht gerade krank war. Sie hat sich immer um mich gekümmert…wie eine Schwester", bringt der Junge mit weinerlicher Stimme hervor. Tränen laufen über sein Gesicht.
„Das tut mir leid", entgegne ich, nicht wissend, was ich sonst sagen soll. Ich ahne, wie sich der arme Junge fühlen muss. Unwillkürlich muss ich an Katniss denken. Hoffentlich war das nur ein böser Psycho-Trick. Wenn sie doch tot ist, weiß ich nicht, was ich tue.

Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen. Bis jetzt waren die übrigen Tribute für mich nicht viel mehr als Störfaktoren gewesen, die meinen Plan gefährden könnten. Fast war es so, dass ich mir gewünscht hätte, dass nicht zu viele überleben würden, damit ich mich nicht mit ihnen herumschlagen muss. Aber jetzt, wo dieser Junge vor mir steht und mir von seiner toten Partnerin erzählt, die für ihn wie eine Schwester war, schwindet meine gefühlskalte Haltung.

Vielleicht liegt es auch am Alkohol. Ich merke, wie mir leicht schwindelig wird. Alle Geräusche dringen leicht gedämpft an ein mein Ohr, meine Zunge fühlt sich schwer an. Idiot! Warum musstest du dich so gehen lassen? Ich frage mich ernsthaft, wie ich in diesem Zustand ein Flugzeug fliegen soll. Aber dazu müssen wir erst die Tür aufbekommen. Ich muss mich zusammenreißen. Zeit zu trauern haben wir später noch. Wenn wir jetzt unser Ziel aus den Augen verlieren, waren alle Tode, auch Marinas, völlig umsonst. Ich reibe meine Augen, wische die Tränen weg.

„Was ist mit deinen Händen passiert", fragt Finch. Die Schnitte.
„Die Flaschen – ich habe in den Scherben gewühlt, einen Drink gesucht". Das Mädchen mustert meine Handflächen.
„Gibt es hier irgendwo einen Verbandskasten?"
Ich deute auf den Schrank neben der Bordküche.
„Da drinnen ist einer", sage ich. Während Finch den Kasten holt, sehe ich mir meine Hände selber genauer an. Die Schnitte sind nicht besonders tief, und tun auch nicht wirklich weh. Vielleicht bin ich auch nur zu abgelenkt oder zu betrunken, um etwas zu spüren. Ich wische meine Hände an der Hose ab. Das geronnene Blut lässt sich schwerer entfernen, als ich dachte.

Finch kommt mit dem Verbandskasten zurück und legt ihn auf die in Mitleidenschaft gezogene Arbeitsfläche der Bordküche.
„Zeig mal her!", ruft sie in meine Richtung. Zögernd strecke ich meine Arme aus.
„Du solltest sie dir erst mal waschen", sagt Finch. Das WC ist gleich schräg gegenüber der Bordküche. Dort gibt es ein Waschbecken. Etwas unbeholfen fummele ich an den Entriegelungsmechanismus der Toilettentür herum. Ich bin wirklich betrunken! Endlich bekomme ich die Tür auf. Ein Schild mit der Aufschrift „Not drinking water" über dem Wasserhahn springt mir ins Auge. Egal. Ich will es ja nicht trinken. Vorsichtig halte ich erst mal nur einen Finger in den Strahl. Nicht dass die Spielmacher am Ende Salzsäure oder so etwas in der Art in den Wassertank gefüllt haben.

Ich ziehe den Finger zurück und lasse das Wasser auf eine der Schnitte tropfen. Es brennt nicht. Also keine Säure. Wäre irgendwie auch zu offensichtlich gewesen. Noch immer etwas zögernd halte ich meine Hände unter das fließende Wasser. Langsam löst sich das geronnene Blut. Jetzt sieht es gleich gar nicht mehr so schlimm aus. Zufrieden drehe ich das Wasser ab und trockne mir die Hände mit einem Papierhandtuch ab. Mein Blick fällt auf das Staufach für die Sauerstoffmaske an der Decke. Finch und der Junge hatten Glück gehabt, dass diese DC-8 nicht mehr das originale Sauerstoffsystem mit einer zentralen Druckflasche hatte, sondern individuelle chemische Sauerstoffgeneratoren.

Durch das Ziehen der Sicherung war zwar der automatische Auswurf der Masken deaktiviert, aber die Zündung des mit Natriumchlorat gefüllten Generators kann nach wie vor durch Heranziehen der Maske ausgelöst werden. Cleveres Mädchen, diese Finch. Oder auch einfach nur Glück. Ich öffne die Tür. Finch wartet schon mit einer Flasche Wunddesinfektionsmittel in der Bordküche. Da hat wohl jemand viel Dr. House geschaut.
„Na, sieht doch gleich viel besser aus. Jetzt werden wir das schnell desinfizieren und verbinden. Damit du dann das Steuerhorn ordentlich im Griff hast", sagt Finch.

„Du glaubst also wirklich, dass du die Tür aufbekommst?" entgegne ich.
„Ich denke schon. Ist ja nur ein simples elektronisches Schloss", meint sie, während sie das rötlich-braune Desinfektionsmittel mit einem Tupfer auf meinen Handflächen verteilt. Es brennt ein wenig, aber nicht schlimm. Plötzlich spüre ich eine leichte Veränderung der Fluglage. Das Dröhnen der Triebwerke wird leiser. Es fühlt sich an, als wären wir vom Steigflug in den Horizontalflug übergegangen. Jemand muss die Einstellung des Autopiloten geändert haben! Das bedeutet, dass entweder irgendjemand im Cockpit es getan hat, oder das Kapitol per Fernsteuerung. Wenn jemand im Cockpit die Einstellungen geändert hat, muss es Clove gewesen sein!

Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Das würde bedeuten, dass Clove sich befreit hat. Nach dem, was sie mit den Feuerhebeln veranstaltet hat, muss ich annehmen, dass sie auch mit dem Rest der Bedienelemente ausreichend vertraut ist, um das Flugzeug zumindest mit Hilfe des Autopiloten zu steuern. Wahrscheinlich hat sie vom Kapitol eine Art Crash-Kurs erhalten, das würde alles erklären. Aber eine freie Clove bedeutet auch, dass Katniss wirklich in Gefahr ist. Wenn sie überhaupt noch lebt. Katniss Schreie kommen aus den Tiefen meiner Erinnerung wieder hervor. Cloves ätzende Bemerkungen. War das alles wirklich nur ein böses Spiel, wie Finch es angedeutet hat?

„Hab ich dir weh getan?", fragt das fuchsgesichtige Mädchen vorsichtig. Sie muss meine Tränen bemerkt haben.
„Nein, es ist nur…wegen Katniss", entgegne ich mit leicht zittriger Stimme.
„Schon gut, die Vorführung war ja wirklich heftig". Sie glaubt also wirklich, dass alles getürkt war. „Bist du dir sicher, dass das nur vorgetäuscht war?" Finch hält kurz mit dem Verbinden meiner Hände inne und legt beide Hände auf meine Schultern.

„Denk mal logisch. Warum sollte Katniss jedesmal genau gleich schreien? Warum sagt sie nichts? Warum ruft sie nicht um Hilfe? Sie hätte ja nichts mehr zu verlieren!"
Ich lasse die Worte auf mich wirken.
„Ich kann es dir sagen. Weil das Kapitol es bis heute nicht fertig bringt, glaubhafte synthetische Stimmen zu erzeugen. Zumindest nicht glaubhaft genug, dass es jemand, der die sprechende Person kennt, nicht merkt. Wenn es echt klingen soll, können sie nur Aufzeichnungen neu arrangieren, aber dazu braucht man Zeit, um genug Material zu sammeln", erklärt Finch.

„Und außerdem, wie viel Zeit verging denn zwischen dem Aussperren und Katniss erstem Schrei?" wirft der Junge ein.
„Vielleicht eine halbe Minute", antworte ich.
„In welchem Zustand war Clove, als du das Cockpit verlassen hast?" fragt Finch.
„Bewusstlos. Und mit dem Sicherheitsgurt gefesselt".
„Glaubst du wirklich, dass Clove in 30 Sekunden auf einmal voll bei Bewusstsein ist, sich befreien kann, Katniss überwältigt, dann ein Mikrofon in die Hand nimmt und ihre Show abzieht?" Finch hält kurz inne, um ihre Worte wirken zu lassen. „Nein. Ich denke, die haben dir irgendeine Aufzeichnung vorgespielt, die sie mit Clove vor den Spielen gemacht haben. Einmal eine Version für einen männlichen Tribut, einmal eine Version für einen weiblichen", setzt das Mädchen fort.

„Warum sollte das Kapitol das tun?", entgegne ich mit skeptischen Blick.
„Weil das Kapitol immer für alle Eventualitäten vorbereitet sein will. Vielleicht haben die Spielmacher geahnt, was du da abziehen wirst", gibt Finch zurück. „Wahrscheinlich sollten die Karrieros ins Cockpit, und dann das Gleiche tun, was du getan hast", fügt der Junge hinzu. Wie heißt der jetzt noch mal?
„Brent…".
„Breck", verbessert mich der Junge.
„Breck, das könnte Sinn machen", antworte ich. „Diese Clove hat das Cockpit gestürmt, und das erste was sie getan hat, nachdem sie mich K.O. geschlagen hat, war die Triebwerke mit den Feuerhebeln abzustellen. Sie muss eine Art Einführung erhalten haben, sonst hätte sie die Hebel unmöglich erkennen können, oder gewusst, was sie damit bezweckt".

„Darum war es also eine Zeitlang so leise, und das Licht ging nicht", merkt Finch an, während sie meinen Verband fertig macht. Sie ist wirklich clever. Ich habe den Eindruck, dass sie der Tod ihres Distriktpartners nicht sonderlich mitzunehmen scheint. Vielleicht kannte sie ihn kaum. Oder sie überspielt es geschickt. Ich will sie schon fast danach fragen, lasse es dann aber doch bleiben. Wenn es für sie wichtig ist, wird sie es von selbst ansprechen.
„So, das hätten wir", verkündet Finch. „Und jetzt schauen wir uns diese Tür an".

Zu dritt marschieren wir Richtung Cockpit. Ein leichter Ruck geht durch das Flugzeug. Ich muss mich an der Wand abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Was war das?" fragt Breck alarmiert.
„Nur eine leichte Turbulenz", entgegne ich. Durch das Fenster der vorderen Tür sehe ich, dass wir durch dünne Cirruswolken fliegen. Hoffentlich denkt Clove daran, die Triebwerksenteisung einzuschalten. Oder der Techniker an der Fernsteuerung. Erneut geht ein Ruck durch das Flugzeug. Wieso steigst du nicht über die Wolken? Sind ja nur ein paar hundert Fuß!

Plötzlich ändert sich das Triebwerksgeräusch deutlich. Das Dröhnen schwindet. Ich spüre, wie die DC-8 langsamer wird, und sich der Bug leicht senkt. Wir sind im Sinkflug. Aber warum? Finch und Breck haben es auch bemerkt, und sehen mich fragend an.
„Sieht so aus, als ob wir sinken würden", sage ich. Das Mädchen wendet sich dem Türschloss zu.
„Wir werden einen Schraubenzieher brauchen, damit ich die Deckplatte abbekomme. Breck, geh du mit Peter nach hinten, und sieh nach, ob du ein Werkzeugset finden kannst. Oder ein Taschenmesser", weist Finch mich und den Jungen an.

Bei dem Gedanken, nach hinten in die Kabine zu gehen, krampft sich mein Magen zusammen. Noch mehr tote Tribute, die ich eigentlich gar nicht sehen will. Aber da muss ich jetzt durch. Zuerst nehmen wir uns das vordere Füllhorn in der Business Class vor. Es sind noch ein paar Schwerter vorhanden, und ein Bogen samt Köcher. Katniss würde der sicher gefallen. Es ist ein moderner Compoundbogen, mit allem möglichen Schnickschnack. Ein Kollege bei Fedex hatte eine solchen Bogen gehabt, und immer behauptet, seine Pfeile wären schnell genug, um mit einer voll beladenen DC-8 bei Takeoff-Speed mithalten zu können. Testen hat er das aber meines Wissens nie können. Obwohl es sicher gut ausgesehen hätte, wenn ein zum rechten Moment abgeschossener Pfeil genau parallel zur Maschine fliegen würde. Ich hatte irgendwann einmal gemeint, er soll die Mythbusters anheuern, damit die das ausprobieren.

Ich lege den Bogen zur Seite. Wenn wir hier lebend rauskommen, soll Katniss ihn als Andenken bekommen. Oder ich behalte ihn für mich selbst. Vielleicht wird es ja mit dem Bogenschießen noch etwas. Ich durchsuche den Haufen weiter. Ein rotes Schweizer Taschenmesser springt mir ins Auge. Unglaublich, dass es die hier noch gibt! Als wollten die Spielmacher einen dezenten Hinweis auf Europa einbauen. Ich begutachte das Messer näher. Es ist die Luxusausführung, inklusive einem Kreuz- und einem Schlitzschraubenzieher.
„Das hier müsste es tun!", rufe ich Breck zu, der den zweiten Füllhorn-Haufen auf der anderen Seite des Ganges durchsucht.
„Ich habe hier eine Rolle Kabel gefunden", entgegnet Breck erfreut. Warum kommt mir das jetzt irgendwie zu einfach vor?

Wir gehen mit unseren Funden wieder nach vorne. Ich reiche Finch das Messer.
„Sehr gut. Damit kann ich etwas anfangen". Sie klappt den Schraubenzieher hervor und setzt ihn an die erste der vier Befestigungsschrauben des Türschloss-Beschlags an.
„Verdammt, wer hat die so fest angezogen?" flucht sie, während sie aller Gewalt versucht, den Schrauben herauszudrehen. Endlich gibt er nach.
„Na also, geht doch". Ich werfe einen Blick durch das Türfenster. Der Himmel ist jetzt komplett mit hohen Cirrus-Wolken bedeckt. Die Maschine rüttelt leicht. Es sieht so aus, als ob wir in ein Schlechtwettergebiet einfliegen würden. Ich drücke mein Gesicht gegen das Fenster und versuche, so weit wie möglich nach vorne zu spähen.

Was ich sehe, beunruhigt mich. Einige dutzend Meilen vor uns türmen sich die Wolken hoch auf, bis über unsere aktuelle Flughöhe. Eine Gewitterfront! Im Winter zwar selten, aber an der Golfküste, auf die wir vermutlich zufliegen, nicht unmöglich. Mir schwant Übles. Die Wolkentürme scheinen nicht so hoch zu sein, dass wir nicht darüber hinweg steigen könnten. Kein Vergleich zu den Superzellen im Frühsommer im mittleren Westen, die bis über 50 000 Fuß hinaufschießen können. Die hier reichen vielleicht bis 30 000 Fuß, wenn überhaupt. Dass wir noch immer sinken, kann nur eines bedeuten. Wir werden bald landen!

Finch dreht gerade den zweiten Schrauben heraus.
„Kannst du dich ein wenig beeilen?"
„Willst du es selber machen?" wirft sie zynisch zurück.
„Ich mein ja nur. Das Wetter wird schlecht, und ich fürchte, wir landen bald", entgegne ich. Dann wende ich mich an Breck.
„Gibt es bei euch in Distrikt 4 irgendeinen Flugplatz?"
„Ja, den alten Bush-Airport!" antwortet Breck wie aus der Pistole geschossen. „Mein Mentor Finnick hat mir davon erzählt. Früher lag der Flugplatz ein Stück im Landesinneren, hat er mir erzählt, seit dem das Meer gestiegen ist, ist er fast direkt an der Küste. Ich habe ihn selber vom Boot aus öfter gesehen, als wir in die Bucht dort gefahren sind. Es gab da eine Linie von Markierungsbojen, die wir nie überfahren durften. War angeblich Sperrgebiet".

„Weiß du, wie lang die Landebahn in etwa ist?" frage ich.
„Schwer zu sagen. Aber sicher eine Meile lang, eher mehr". Eine Meile sind etwas mehr als 5 000 Fuß. Zu kurz für eine DC-8. Eineinhalb Meilen würden aber reichen. „Wie heißt der Flugplatz noch mal?" hake ich nach.
„Finnick hat gesagt, dass er früher irgendwas mit Bush geheißen hat. Soll ein ehemaliger Präsident gewesen sein", antwortet Breck. Natürlich! Der George Bush Intercontinental Airport in der Nähe von Houston! Ich bin dort zu Fedex-Zeiten ein paar Mal gewesen. Selbst wenn der Flugplatz nicht exakt identisch sein sollte, muss es ein Großflughafen sein. Und wenn er Sperrgebiet ist, könnte das bedeuten, dass das Kapitol ihn noch aktiv nutzt.

„Wir dürfen auf keinen Fall dort landen", sage ich.
„Warum nicht?" entgegnet Breck.
„Weil sie uns dann dazu zwingen werden, uns gegenseitig zu töten. Wenn es nicht Clove vorher erledigt".
Finch dreht sich zu uns um.
„Wir sind zu dritt. Da sollten wir mit Clove doch fertig werden!"
„Mag schon sein", entgegne ich, „aber das Kapitol wird uns nicht alle als Sieger durchgehen lassen!" Ganz sicher nicht. Breck starrt mich nachdenklich an.
„Ich werde dich sicher nicht töten! Ich habe ohne Therapie sowieso nur noch ein oder zwei Jahre zu leben". Jetzt wird mir klar, warum er in den Spielen ist.
„Hast du dich deswegen gemeldet? Weil du Marina helfen wolltest, und weil du sowieso nicht viel zu verlieren hattest?"

„Auch". Breck senkt den Blick. „Es gab diesmal keine Freiwilligen. Marina wurde gezogen. Ich habe mich wegen ihr gemeldet. Und weil es die einzige Möglichkeit ist, die Therapie zu bezahlen, die ich brauche. Die gibt es nur im Kapitol, und dort komme ich nur als Sieger hin".
Ich habe mit meiner Vermutung also recht gehabt. Nur dass der Junge sich nicht gemeldet hat, um aus dem Leben zu scheiden, sondern, um geheilt zu werden.
„Was ist das für einen Krankheit?" frage ich.
„Eine seltene Form von erblicher Leukämie.. Momentan helfen die Medikamente noch. Aber auf Dauer hilft nur eine Knochenmarktransplantation mit speziell gezüchteten Stammzellen, und selbst dann gibt es keine Garantie", antwortet der Junge ruhig.

Wahrscheinlich hat er sich damit abgefunden, bald sterben zu müssen. Und das, obwohl das Kapitol die Mittel hätte, ihm zu helfen. Wahrscheinlich hat es schon einige Tricks gebraucht, um überhaupt an die Medikamente zu kommen. In Distrikt 12 hätte man ihn einfach sterben lassen müssen, weil es dort außer ein paar Naturheilmitteln und Schlafsirup nicht viel gibt. Ein plötzliches Durchsacken der der Maschine reißt mich aus meinen Gedanken. Beinahe hätte ich das Gleichgewicht verloren.

„Verdammt!" flucht Finch plötzlich. „Dieser Deckel geht nicht ab!"
Ich stürme zu ihr hin, beuge mich über sie, um selbst einen Blick darauf zu werfen.
„Diese Schrauben, das sind nur Attrappen!" Tatsächlich. Das Gewinde endet einfach im Material. Die Schrauben waren nur zur Zierde da.
„Das müssen die Spielmacher geändert haben!" entgegne ich. „Normalerweise geht der Deckel runter".
Finch sieht mich fragend an.
„Was machen wir jetzt?"
Ich blicke in die Runde.
„Wir werden die Tür wohl mit Gewalt aufbrechen müssen!"

Anmerkungen:

1) Eine vollbeladene DC-8-61 (325.000 Pfund) hat eine Abhebegeschwindigkeit (der Moment, wo die Nase angehoben wird) von 160 Knoten. Das entspricht 270 Fuß pro Sekunde. Ein guter Compoundbogen schafft um die 300 Fuß pro Sekunde Pfeilgeschwindigkeit. Der Kollege hat also recht, der Pfeil würde mithalten können.

2) Die Gewitterwolken im mittleren Westen reichen im Sommer wirklich so hoch. Das sind die Unwetter, welche auch die Tornados hervorbringen. Ein Überfliegen ist unmöglich. Im Winter (bei Frontgewittern, die es manchmal gibt) erreichen Gewitterwolken nicht diese Höhen.

3) Der George Bush Intercontinental Airport in Houston/Texas liegt in der Nähe eines Flusses, der in den Golf von Mexiko mündet. Bei einem ansteigenden Meeresspiegel scheint es plausibel, dass sich die Flussmündung ins Landesinnere verschiebt, sodass der Flugplatz direkt am Meer liegt.