Mit Gewalt aufbrechen! Schön und gut, aber wie sollen wir das bewerkstelligen? Wenn wir mit einer Axt auf die Tür losgehen, wird sich das Material vermutlich von selbst reparieren, bevor wir wirklich durch sind. Außerdem dauert es zu lange. Wir müssen die Tür mit einem Schlag aufbekommen, um Clove zu überrumpeln.
„Können wir die Tür vielleicht irgendwie aufsprengen?", scheint Breck meine Gedanken erraten zu haben. Aufsprengen? Könnte gehen, aber womit? Ich versuche mich an unseren „Bombenbastler" im Chemieunterricht zu erinnern. Ein Sprengstoff ist im Prinzip nichts anderes als eine sauerstoffhaltige Substanz, vermischt mit einem geeigneten Brennstoff. Natriumchlorat. Natürlich! Die Substanz in den Sauerstoffgeneratoren. Oder in einem bestimmten Unkrautvernichtungsmittel, dass es heute in der Form genau deswegen nicht mehr im Baumarkt gibt. Der Typ hatte das damals gemeint, man müsse das nur mit Zucker vermischen und man hätte einen Sprengstoff. Aber ohne das richtige Mischungsverhältnis zu kennen, und die Sprengwirkung abschätzen zu können, würden wir wahrscheinlich entweder das Flugzeug gleich mit in die Luft jagen, oder nur eine Verpuffung mit einem anschließenden Brand in der Kabine zustande bekommen. Von herumfliegenden Schrapnellen gar nicht zu reden.
„Zu gefährlich", entgegne ich. Wir brauchen etwas anderes.
„Wo ist denn die ganze Bordelektronik untergebracht?", fragt Finch.
Ich deute auf die Wand rechts hinter dem Cockpit. „Hinter diesen Paneelen. Wir können sie abnehmen".
Das Mädchen lässt kurz den Blick über die Wand schweifen.
„Vielleicht finden wir dort eine Möglichkeit, das Türschloss zu überbrücken", meint Finch.
„Einen Versuch ist es wert", sage ich, und beginne, die Abdeckpaneele zu entfernen. Immerhin haben die Douglas-Ingenieure mitgedacht und es der Wartungscrew nicht zu schwer gemacht. Ich hebe die erste Abdeckung weg.
Warme Luft strömt mir entgegen. Finch starrt sichtlich erstaunt auf die Ansammlung an Kabeln, Platinen und Boxen.
„Das ist ja Steinzeitelektronik ersten Ranges!", entfährt es dem Mädchen. Klar. Für jemanden aus dem 23. Jahrhundert muss das aussehen wie James Watts Dampfmaschine für mich. Finch studiert das „Electronic Compartment" interessiert, während ich die restlichen Abdeckungen entferne. Dicht aneinander gereiht befinden sich in mehreren Etagen unterschiedlich große Gehäuse, welche die Funkgeräte für Sprechfunk und Navigation, die Autopilot-Computer, den Air-Data-Computer, das Wetterradar, und einige weitere wichtige Elektronik beinhalten.
Obwohl ich das Electronic Compartment erst ein paar Mal gesehen habe, fällt mir sofort auf, dass der Freiraum im unteren rechten Bereich neben den ADF-Empfängern mit überhaupt nicht zum Rest passenden Gerätschaften belegt wurde. Sieht definitiv nach Technik des 23. Jahrhunderts aus! Ich beuge mich über Finch und studiere die Aufschriften. „Capitol Electronics" steht da in großen Lettern geschrieben. Das Kapitol hat offenbar einen Spleen, sich überall in großer Schrift zu verewigen, damit ja kein Zweifel daran aufkommt, wer das Heft in der Hand hat. Capitol Coal, Capitol Electric, Capitol Rail, Capitol Food – in jedem Firmennamen steckt das Kapitol drin.
Ich lese weiter. „Solid State DVR / 48 Channel" steht auf einem der Geräte, „Multichannel Video Transmitter" und „Antenna Controller" auf einem anderen. Das muss die Videoanlage samt Sender sein.
„Damit übertragen sie die Spiele", wirft Finch ein, als sie merkt, wie ich die Geräte studiere. Eine Idee keimt in meinem Kopf auf. Was wäre, wenn wir dem Kapitol einfach die Übertragung abdrehen? Dann könnten wir endlich frei reden, das Cockpit zurückerobern und nach Distrikt 13 fliegen. Wir könnten es wie ein Versehen aussehen lassen. Eine Flasche Wasser holen. Damit in der Nähe der Geräte herumspielen und uns etwas ungeschickt anstellen. Oder Finch könnte einen Schraubenzieher durch die Lüftungsschlitze fallen lassen, und einen Kurzschluss erzeugen.
Aber es gibt ein großes Problem bei der Sache. Damit es wie ein Versehen aussieht, können wir vorher nicht darüber reden. Und es würde verdächtig wirken, wenn ich jetzt sofort in die Bordküche um eine Flasche Wasser laufen würde, und dann damit wie zufällig genau über der richtigen Box hantieren würde. Und wer weiß, vielleicht sind die Geräte ja gegen eindringendes Wasser geschützt, oder es dauert länger, bis sie ausfallen. Wenn die Spielmacher dahinter kommen, dass wir sie sabotiert haben, wird es eine Racheaktion geben. So verlockend es ist, es ist zu riskant.
Mein Blick fällt auf ein kleines Display an der Vorderseite des Geräts, welches wohl der Sender sein muss. Ich deute darauf.
„Kannst du das einschalten?"
Finch nickt. „Kein Problem".
Sie drückt einen Knopf. Sofort erwacht die Anzeige zum Leben. Auf dem rund drei mal drei Zoll großen Bild sind wir zu sehen, wie wir alle drei über das Electronic Compartment gebeugt sind. Die Kamera müsste sich der Perspektive nach zu urteilen hinter uns an der Decke befinden. Ich drehe mich um und lasse meinen Blick schweifen. Tatsächlich, da befindet sich eine kleine Kamera in einer halbkreisförmigen Kuppel, wie eine Überwachungskamera im Supermarkt.
Plötzlich wechselt das Bild. Jetzt ist der Gang schräg von vorne zu sehen. Finch und ich sind von der Rückwand des Cockpits verdeckt, nur Breck ist im Sichtfeld. Das Bild wechselt zurück auf die ursprüngliche Perspektive.
„Wir sehen jetzt den Hauptfeed, also den Videodatenstrom, der gerade auf Sendung ist", erklärt Finch.
„Kannst du die Anzeige auf eine andere Kamera umschalten? Das Cockpit zu Beispiel?", frage ich.
„Das müsste gehen. Warte!", entgegnet das Mädchen, und tippt an den Tasten herum.
Am Bildschirm erscheint ein Menü mit mehreren Auswahloptionen. Finch wählt „VIEW SOURCE" aus. Eine Art Kanalliste erscheint, wie bei einem Satellitenreceiver. Die einzelnen Kameras sind beschriftet.
„Zeig mir die Cockpitkamera!", weise ich Finch an. Sie wählt den entsprechenden Kanal aus. SAFE MODE – ENTER PIN TO UNLOCK erscheint auf dem Display. Wäre auch zu einfach gewesen.
„Mist, ich brauche dafür einen Zugangscode", flucht sie.
„Na gut, lassen wir das", sage ich und wende meinen Blick von dem nutzlosen Display ab, „konzentrieren wir uns lieber auf die Tür!"
Finch sieht mich mit hängendem Blick an.
„Ich glaube nicht, dass wir die von hier aus aufbekommen. Ich kenne mich zwar mit dieser Uralt-Technik nicht wirklich aus, aber da ist nichts, was wie eine Türsteuerung aussieht."
Natürlich nicht. Darauf hätte ich eigentlich gleich kommen müssen. Warum sollte jemand eine Elektronik für ein simples Türschloss meterweit entfernt anbringen, an einer Stelle, wo ein potentieller Terrorist nur ein paar Paneele abnehmen muss, um dran zu kommen? Verdammter Alkohol!
„Wenn wir da rein wollen", meint Breck und deutet auf die Cockpittür, „dann müssen wir sie mit Gewalt aufbrechen!"
Also doch mit dem Natriumchlorat und Zucker aus der Bordküche herumspielen?
Nein. Es muss einen anderen Weg geben.
„Warum schaut ihr beide euch nicht hinten nach ein paar Waffen um, mit denen wir die Tür aufbekommen könnten? Ein paar große Schwerter vielleicht, oder eine Axt?" schlägt Finch vor.
„Aber diese Nanobots? Würden die nicht die Tür einfach wieder reparieren?"
„Nicht, wenn wir die Tür schneller klein hacken, als sie die Löcher schließen können".
Ich stelle mir bildlich vor, wie wir zu dritt auf die Cockpittür einhacken. Zwei Schritte vor, einer zurück. Als würde man eine Garageneinfahrt im Schneesturm freizuschaufeln versuchen. Es könnte klappen, aber es würde dauern. Genug Zeit für Clove, um sich in aller Ruhe auf den Angriff vorbereiten zu können. Oder Katniss zu töten. Oder beides.
Ohne Vorwarnung sackt die Maschine plötzlich durch und rollt ruckartig nach rechts. Ich verliere den Bodenkontakt, schwebe einen Moment lang durch die Luft. Sekundenbruchteile später setzt die Schwerkraft wieder ein, und ich lande unsanft auf dem Boden. Breck hat es auch erwischt, nur Finch hatte sich irgendwie an eine Querstrebe im Electronic Compartment festhalten können. Offenbar haben wir die ersten Ausläufer der Unwetterfront erreicht, und eine Fallböe erwischt. Fast zur Bestätigung erfasst eine weitere Turbulenz die DC-8. Diesmal ein Aufwind. Die Nase hebt sich, ich spüre, wie die Maschine in der turbulenten Luft zu rütteln beginnt.
Aber ich merke auch noch etwas anderes. Ruckartige Steuerbewegungen, wie sie Anfänger gerne machen. Das kann nur bedeuten, dass Clove die Maschine per Hand fliegt, wahrscheinlich, weil ihr die erste Turbulenz den Autopiloten rausgehauen hat. Ich rappele mich hoch und sehe aus dem Türfenster. Nichts als grauer Nebel. Mir schwant Übles. Wie viel Flugtraining kann Clove haben? Ihr ein paar Handgriffe im Cockpit erklären ist eine Sache, ihr in ein paar Tagen oder maximal Wochen die Feinheiten des Instrumentenflugs in turbulenten Wetter beizubringen eine völlig andere.
Ich kann förmlich spüren, wie sie mit dem Steuerhorn kämpft, zu große Ausschläge macht, um die Fluglage zu korrigieren, dabei über das Ziel hinausschießt und in Panik mit noch größeren Ausschlägen in die andere Richtung zu korrigieren versucht. Jetzt beginnt die Maschine seitlich zu schlingern. Ich habe Mühe, mich auf den Beinen zu halten.
„Lass das Seitenruder in Ruhe!", schreie ich, in der Hoffnung, das Clove mich hören kann. „Nur die Querruder benutzen! Kleine Ausschläge, mit Gefühl! Und bring die Nase runter!"
Wieder wird die Maschine durchgerüttelt, rollt scharf nach links und sackt leicht durch. Clove korrigiert hektisch.
„Mit Gefühl, verdammt noch mal!" schreie ich so laut ich kann. Ich weiß nicht, ob sie mich gehört hat, aber die Fluglage der DC-8 beginnt sich zu stabilisieren. Die Steuerbewegungen fühlen sich immer noch ein wenig eckig an, aber eindeutig ruhiger.
Vielleicht hat sie wieder auf Autopilot geschaltet? Finch starrt mich mit bleichem Gesicht an.
„Was war das denn gerade eben?"
„Eine mittelschwere Turbulenz. Und ein leicht nervöser Pilot", entgegne ich. Ich werde diesen typisch britischen Hang zur Untertreibung einfach nicht los.
„Das nennst du eine mittelschwere Turbulenz?" gibt Finch zurück.
„Dann will ich eine starke nicht erleben!", fügt Breck hinzu.
„Werden wir aber, wenn wir weiter in diese Unwetterfront hinein fliegen", entgegne ich. „Und wenn wir nicht bald die Kontrolle übernehmen, bringt uns Clove mit ihrer Fliegerei spätestens bei der Landung um", füge ich hinzu.
Die Landung. Bei allen Gedanken über die möglichen Konsequenzen, die uns am Boden erwarten, hatte ich bis jetzt gar nicht daran gedacht, dass wir dazu erst einmal die Landung überleben müssen. So wie Clove die Turbulenzen gemeistert hat, würde ich nicht erwarten, dass sie eine überlebbare Landung unter diesen Wetterbedingungen hinbekommt. Selbst für einen erfahrenen Piloten wäre es schwierig, in einem Unwetter zu landen. Normalerweise würde man auf Wetterbesserung warten, oder notfalls einen Ausweichflughafen anfliegen. Unser Problem ist momentan gar nicht das, was uns nach der Landung erwartet. Es ist die Landung selbst. Sie zu verhindern, ist das einzige Ziel, das wir momentan haben dürfen.
Als die Maschine erneut von einer Turbulenz durchgerüttelt wird, höre ich ein Scheppern aus Richtung der Bordküche. Scheppern. Klirren. Wahrscheinlich die Scherben der zerbrochenen Flaschen. Ich habe das Gefühl, einer Lösung für unser Problem nahe zu sein. Eine Szene aus einem Film zieht an meinem geistigen Auge vorbei. Ein Flugzeug. Turbulenzen. Ein Getränkewagen, der führerlos den Gang entlangrast.
„Das ist es!" rufe ich. „Ich weiß, wie wir die Tür vielleicht aufbekommen!" Finch und Breck starren mich entgeistert an.
„Habt ihr beide zufällig einen Getränkewagen da hinten gesehen? So einen Kasten mit Rädern?"
„Nicht dass ich wüsste", entgegnet Breck. „Wir haben aber auch nicht danach gesucht".
„Hier vorne ist jedenfalls keiner", sage ich, „wenn einer an Bord ist, dann muss er in der hinteren Bordküche sein". Mir graut vor dem Gedanken, nach hinten zu gehen, vor dem Anblick, der mich dort erwartet, aber wir haben keine andere Wahl.
„Also gut, Peter und Breck, ihr beide geht nach hinten und sucht diesen Wagen. Ich schaue, ob ich beim vorderen Füllhorn etwas Brauchbares finden kann. Wir werden schließlich auch etwas brauchen, um Clove außer Gefecht zu setzen", ergreift Finch das Kommando.
„Es gibt da einen Compoundbogen", merke ich an. „Kann einer von euch damit umgehen?"
Breck bekommt große Augen. „Ein wenig. Marina…", bricht der Junge mitten im Satz ab, „sie…sie hat mir gezeigt, wie man damit Fische jagen kann". Tränen fließen über seine Wangen. Ich greife nach seiner Hand und berühre sie sanft.
„Schon gut. Traust du dir zu, Clove damit außer Gefecht zu setzen?"
Breck holt tief Luft. „Dieses Biest hat Marina auf dem Gewissen…", sagt der Junge entschlossen.
„Dann hast du jetzt eine wichtige Aufgabe. Aber denk daran, wir töten Clove nur, wenn es nicht anders geht. Und pass auf, dass du nach Möglichkeit nichts das Instrumentenbrett triffst, oder die Frontscheibe", sage ich ruhig und bestimmt. „Und falls Katniss…, du weißt schon, dann hast du freie Hand", füge ich kühl hinzu.
Das wäre der kritische Punkt. Die Grenze, an der ich glaube, jeglichen Skrupel zu verlieren. Wenn Clove Katniss getötet hat, wird sie dafür büßen. Allein der Gedanken lässt wieder die Wut in mir aufsteigen. Ich versuche mir einzureden, dass Katniss Tod wirklich nur vorgetäuscht war, wie Finch behauptet, aber solange ich nicht sicher weiß, was wirklich Sache ist, glaubt ein Teil von mir immer noch daran, dass sie tot ist. Es ist ein wenig wie mit Schrödingers Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist, bis zum dem Moment, wo jemand die Kiste öffnet und nachsieht.
Beide Resultate sind nicht nur möglich, sie wurden bereits realisiert. In zwei unterschiedlichen Universen. Eine elegante Lösung für ein ansonsten absurdes Problem, hatte Beetee einmal gesagt. Selbst wenn das Konzept mit sich ständig ins Unendliche verzweigenden Universen verrückt und schwer zu begreifen ist, es ist immerhin sinnvoller als zu behaupten, jemand könnte zur gleichen Zeit tot und lebendig sein, solange keiner nachschaut.
Genau dieses Nachschauen macht mir irgendwie Angst. Wenn wir die Cockpittür öffnen, werde ich mit der Wahrheit konfrontiert werden. Wenn Katniss tot ist, weiß ich nicht, wie ich reagieren werde. Werde ich wieder durchdrehen? Clove mit bloßen Händen erwürgen? Das Cockpit kurz und klein hauen? Ich weiß es nicht, und will es eigentlich auch gar nicht wissen.
Wieder bockt und stampft die Maschine. Beinahe hätte es mich erneut aus dem Gleichgewicht gebracht. Eine innere Stimme sagt mir, dass die Zeit drängt. Vielleicht noch zehn, maximal fünfzehn Minuten bis zum Endanflug auf die Landebahn in Distrikt 4.
„Los, Breck, gehen wir!" Zögernd folgt mir der Junge. Wahrscheinlich hat er vor dem Grauen in der hinteren Kabine genauso viel Angst wie ich. Mit dem Unterschied, dass er dort seine tote Partnerin sehen wird, während ich die Tribute wenigstens nicht persönlich kenne. Die kurze Business-Kabine haben wir schnell hinter uns. Ich versuche, den toten Tribut mit dem abgehackten Arm möglichst aus meinem Blickfeld zu verdrängen. Das Blut am Boden und den Wänden der Kabine zu ignorieren.
In der Nähe der Trennwand zur Touristenklasse liegt ein Mädchen in einer Blutlache am Boden. Ihr Gesicht ist Richtung Boden gerichtet. Sieh nicht hin! Aber wie bei einem Unfall auf der Autobahn spüre ich diese unersättliche Neugier, doch sehen zu wollen, was hier genau passiert ist. Also sehe ich hin. Ob es der Alkohol ist oder einfach nur die Gewöhnung an die Situation, mir kommt es irgendwie weniger schlimm vor als der erste Blick, den ich in die Kabine geworfen hatte. Doch dann spüre ich, wie mir der kalte Schweiß ausbricht. Ich zwinge mich, bewusst wegzuschauen. Ich starre zur Seite aus den Kabinenfenstern, hinter denen nichts als ein grauer, diffuser Nebel zu sehen ist. Ich bleibe kurz stehen, und beuge mich näher ans Fenster, um die Tragflächen zu inspizieren. Minimaler Eisansatz, nichts Dramatisches. Die Enteisung dürfte funktionieren.
Der Gedanke gibt mir Hoffnung. Um eine DC-8 ordnungsgemäß zu fliegen, muss jemand am Ingenieursplatz sitzen, ganz besonders unter den jetzigen Bedingungen, um die Enteisung und die Zufuhr warmer Zapfluft aus den Verdichtern der Triebwerke zu regulieren. Clove kann ihren Platz nicht verlassen, weil auf den Autopiloten bei starker Turbulenz kein Verlass ist. Also muss jemand am Ingenieurspult sitzen, und das kann nur Katniss sein.
„Was ist los?", fragt Breck, der direkt hinter mir steht. „Stimmt etwas nicht?"
Ich drehe mich um. „Ich habe nur kontrolliert, ob wir Eisbildung an den Tragflächen haben. Das wäre nämlich nicht gut", entgegne ich.
„Und, wie sieht es aus?" hakt Breck neugierig nach.
„Alles in Ordnung. Nur ein klein wenig Eis, aber das ist normal. Die Enteisung funktioniert, wie sie soll", sage ich, und deute nach hinten. „Los, gehen wir weiter!"
Vorsichtig schiebe ich den Trennvorhang zwischen Business- und Economy-Class zur Seite. Auf das, was sich hinter dem dunklen, blickdichten Stoff verbirgt, war ich nicht gefasst. Es ist eine Szene wie aus einem Horrorfilm, der definitiv keine Jugendfreigabe erhalten hätte. Überall liegen Leichen herum, teilweise übel zugerichtet, und dann das Blut. Überall Blut, auf den Sitzen, an den Wänden, selbst an der Decke. Es sieht aus wie in einem Schlachthof. Dazu noch der Geruch nach geronnenem Blut, nach Tod. Meine Beine werden weich. In meinen Ohren höre ich das Blut rauschen. Alle anderen Geräusche schwinden, sind nur noch wie durch Watte zu hören. Die Farbe beginnt aus meinem Sichtfeld zu schwinden, wie bei einem beginnenden Blackout, wenn man in einer Kunstflugmaschine zu viele Gs zieht.
Ich stütze mich mit beiden Händen an der linken Seitenwand der Kabine ab, und starre teilnahmslos aus dem Fenster. Dieses grau-weiße Nichts hat etwas Beruhigendes an sich. Wie ein endloses Meer aus weicher Watte, in dem ich mich zurückziehen könnte, und nichts mehr von all dem Grauen hier sehen müsste. Beiläufig mustere ich die beiden Pratt&Whitney-Triebwerke in ihren Gondeln an der linken Tragfläche. Deutlich ist der große Fan am Einlass zu erkennen, dessen Schaufeln sich so schnell drehen, dass er wie eine halbtransparente Scheibe erscheint.
Kein Eis im Einlass. Hoffentlich lässt Clove genug Leistung stehen, damit die Zapfluft-Temperatur hoch genug ist. Wie war noch mal der Mindestdrehzahlwert?
Ich atme ein paar Mal tief durch. Mein Kopf wird wieder etwas klarer, soweit man das nach fünf Fläschchen Likör behaupten kann. Ich beschließe, einen erneuten Vorstoßversuch nach hinten zu wagen. Ich drehe mich nach Breck um, aber er ist nicht mehr in meiner Nähe.
„Breck?" rufe ich in die Kabine. Keine Antwort. „Breck, wo bist du?"
Eine zittrige Stimme tönt aus Richtung einer der hinteren Startsitzreihen. „Peter, kommt schnell!"
Auf einmal ist meine Benommenheit wie weggeblasen. Was immer der Junge entdeckt hat, es muss etwas Besonderes sein. Habe ich da einen Hauch von Freude, von Erleichterung in seiner Stimme gehört? Mit großen Schritteneile ich nach hinten, die toten Tribute so gut wie möglich ignorierend. Ich sehe Breck hinter der letzten Sitzreihe am Boden über jemanden knien. Es ist ein Mädchen. Groß gewachsen, südländische Hautfarbe, dunkelbraune Haare. Marina. Die tote Partnerin von Breck.
„Marina! Sie ist am Leben!" ruft mir Breck aufgeregt zu. Ich glaube, meinen Ohren nicht zu trauen. Wie kann Marina leben, wo der Junge doch felsenfest davon überzeugt war, sie sei tot? Ich höre Marina leise stöhnen. Ihre Augen sind halb geöffnet, ihr Gesicht wirkt blass und ausgezehrt. Würde sie sich nicht bewegen, könnte man sie wirklich glatt für tot halten. Ihr Shirt ist mit Blut durchtränkt. Im oberen Bauchbereich ist eine Schnitt- oder Stichwunde zu erkennen. Nicht gut. Bauchverletzungen sind immer heikel. Ihrer blassen Gesichtsfarbe nach zu urteilen, dürfte sie viel Blut verloren haben.
Ich knie mich neben Marina und dem Jungen auf den Boden, und greife nach dem Handgelenk des verletzten Mädchens. Ich versuche, den Puls zu tasten. Mein letzter Erste Hilfe Kurs ist eine Weile her, und ich habe Schwierigkeiten, die richtige Stelle zu finden. Endlich. Ich spüre ihren Puls. Er ist schwach, aber regelmäßig. Aber das muss nicht viel heißen. Ich merke, dass sich Marina beim Atmen schwer zu tun scheint.
„Es tut so weh", stammelt das Mädchen leise. Ihre Stimme ist völlig kraftlos.
„Marina, bleibt bei mir!" fleht Breck sie an. „Ich hätte gedacht, du bist tot! Verlass mich nicht noch einmal, ja?"
Ich kann förmlich spüren, wie Marina darum kämpft, bei Bewusstsein zu bleiben.
„Breck, mein Kleiner! Wie…wie hast du es geschafft…wer ist da noch bei dir?" fragt Marina leise. Ihrer Stimme ist es anzumerken, dass sie starke Schmerzen haben haben muss.
„Das ist Peter", sagt Breck. „Er ist mein Verbündeter. Ich helfe ihm, wieder ins Cockpit zu kommen!"
Marina neigt ihren Kopf etwas zur Seite, in meine Richtung. „Cockpit?"
„Ja. Der Ort, wo sich die Steuerung des Flugzeugs befindet", erkläre ich.
„Peter ist Pilot. Er kann diese Maschine fliegen", fügt Breck hinzu.
„Clove hat mich ausgesperrt. Jetzt holen wir den Getränkewagen, um die Tür aufzubrechen", setze ich fort. Marina zuckt zusammen, als sie den Namen Clove hört.
„Dieses Miststück…dieses Miststück ist noch am Leben?" erhebt Marina ihre Stimme, und verzieht ihr Gesicht. Offenbar hat ihr das laute Sprechen starke Schmerzen bereitet.
„Bleib ruhig, streng dich nicht so an!", mahnt Breck seine Partnerin. Dann wendet er sich an mich. „Wir müssen ihr irgendwie helfen! Hol den Verbandskasten, und Finch!" Ich zögere. So gern ich Marina helfen würde, ich habe meine Zweifel, ob wir mit der Bordapotheke hier viel ausrichten können.
Ihre Verletzungen scheinen größtenteils im Körperinneren zu liegen. Sie hat ziemlich sicher innere Blutungen. Möglicherweise sind Organe im Bauchraum verletzt. Wenn das der Fall ist, würde nur eine Operation ihr helfen können. Außerdem scheint es irgendwie ihre Lunge erwischt zu haben. Vielleicht sind es nur ein paar gebrochene Rippen von einem Fußtritt, oder ein Lungenflügel ist verletzt. Aber dann hätte sie vermutlich die Dekompression nicht überlebt. 20 000 Fuß Druckhöhe sind schon mit einer voll funktionsfähigen Lunge kritisch. Mit einem kollabierten Lungenflügel hätte sie sicher zu wenig Sauerstoff bekommen, und wäre entweder irreversibel hirngeschädigt oder tot.
Wir stecken in einem schwierigen Dilemma. Wenn wir jetzt Zeit und Energie verwenden, um Marina zu helfen, könnte es sein, dass wir nicht mehr rechtzeitig ins Cockpit gelangen. Dann wäre alles vergebens. Andererseits kann ich Breck unmöglich sagen, dass seine Partnerin ein hoffnungsloser Fall ist. Das will ich selber nicht glauben, selbst wenn die Chancen schlecht stehen. Ich würde es nicht fertigbringen, ihm zu sagen, dass wir Marina einfach zu Sterben hier liegen lassen müssen. Er verdient es, dass seine Freudin weiterlebt, und wenn auch nur so lange, dass er sich richtig von ihr verabschieden kann. Vielleicht schafft sie es ja, lange genug durchzuhalten, bis wir in Distrikt 13 sind. Sie scheint ein starkes Mädchen zu sein. Gut ernährt und kräftig. Abgehärtet durch die tägliche Arbeit auf dem Meer. Vielleicht gehört sie ja zu der geringen Zahl von Menschen, die alle Statistiken schlagen.
„Also gut. Ich hole Finch und die Bordapotheke. Aber wir müssen uns beeilen!", rufe ich Breck zu, während ich mich auf den Weg nach vorne mache. Marina lebend zu finden, scheint mich trotz ihres Zustandes ein wenig aufgemuntert zu haben. Sechs überlebende Tribute inklusive mir, wenn ich die alle bis zum Ende durch bringe, wäre das kein schlechtes Ergebnis. Das Kapitol würde toben. Die Distrikte hingegen würden Hoffnung schöpfen, und erkennen, dass auch die Spielmacher und Präsident Snow nur mit Wasser kochen. Noch nie hatte mehr als ein Tribut die Hungerspiele überlebt. Wäre es nach den Spielmachern gegangen, wäre jetzt sicher auch nur noch ein Tribut, oder meinetwegen ein Pärchen nach den neuen Regeln übrig.
Dafür bin ich jetzt wahrscheinlich Staatsfeind Nummer eins. Das Kapitol darf mich nicht in die Finger bekommen. Man würde mich einsperren und so lange foltern, bis ich nicht mehr weiß, wer ich bin. Das Gleiche würden sie vermutlich mit Katniss tun. Wenigstens habe ich hier keine Familie, an der sich das Kapitol rächen könnte. Aber Katniss hat Prim und ihre Mutter. Was, wenn bereits ein Trupp Friedenswächter unterwegs ist, um die beiden zu holen? Als Druckmittel, um uns zu erpressen. Ich verdränge den Gedanken sofort wieder. Ich bin mir nur über eine Sache im Klaren. Bevor ich mich vom Kapitol verhaften lasse, fliege ich diese Maschine in den Boden. Kurz und schmerzlos. Aber so weit sind wir noch nicht.
Ich eile in die Business-Kabine. Finch spielt mit dem Compoundbogen herum. Sie hat einen Pfeil eingelegt, und versucht gerade den Bogen zu spannen.
„Finch! Leg den Bogen weg und hol schnell den Verbandskasten! Das Mädchen dreht sich zu mir um, und nimmt den Pfeil aus der Sehne.
„Was ist denn passiert?"
„Marina ist noch Leben. Sie ist schwer verletzt!" entgegne ich. Finch legt den Bogen zur Seite, und läuft Richtung Bordküche. Der Verbandskasten liegt offen am Boden, der Inhalt teilweise auf dem Fußboden verstreut.
„Habt ihr den Wagen gefunden?" fragt Finch, während sie das Verbandsmaterial einsammelt und in den Koffer wirft.
„So weit sind wir nicht gekommen", antworte ich. Ein leichter Ruck geht durch die Maschine. Dann beginnt alles zu vibrieren, und es fühlt sich an, als hätte jemand einen Bremsanker ausgeworfen.
„Was war das?" ruft Finch aufgeregt.
„Die Schubumkehr!" entgegne ich. „Los, wir haben nicht mehr viel Zeit!"
Finch sieht mich zweifelnd an. „Die Schubumkehr? Im Flug?" Woher weiß sie, was das ist? Klar, ihr Vater ist Triebwerksingenieur!
„Ja. Bei der DC-8 darf man die Schubumkehr im Flug zum Bremsen benutzen. Habe ich beim steilen Sinkflug nach dem Druckabfall auch getan", erkläre ich.
„Das wusste ich nicht", antwortet Finch mit erstauntem Gesichtsausdruck. „Bei einem Hovercraft geht das nicht. Die haben nicht einmal einen umkehrbaren Propeller".
Wozu auch? Ein Hovercraft ist nichts anderes als eine Osprey auf Steroiden. Es kann nur senkrecht oder in einer Art langsamen Schwebeflug mit schräg nach oben gerichteten Propellern landen. Würde man mit den Schwenkpropellern in Horizontalstellung landen, wären sie danach auf die Hälfte der Blattlänge zusammengestutzt. Da einen Propeller mit negativem Blattwinkel-Verstellbereich einzubauen, wäre völlig sinnlos und nur eine Einladung für Probleme.
„Los, weiter jetzt!" mahne ich Finch zur Eile. Die Augen starr nach hinten gerichtet, eile ich mit ihr ans Ende der Kabine, wo Breck noch immer neben Marina kniet.
„Ich kümmere mich um sie. Such du den Wagen!", ruft mir Finch zu. Sie kniet sich neben Breck zu Marina, und öffnet den Verbandskasten. Ihr Gesichtsausdruck sagt alles. Hoffnungslos. Das beständige Vibrieren der Schubumkehr erinnert mich daran, dass die Zeit knapp wird. Ich wende meinen Blick von Finch und Marina ab und gehe zur hinteren Bordküche. Tatsächlich, ein Getränkewagen. Er ist fein säuberlich in dem dafür vorgesehenen Einschub in der Küchengarnitur gesichert. Ich löse die Radbremsen und ziehe ihn heraus.
Es ist das erste Mal, dass ich einen Getränkewagen in einem Flugzeug durch die Kabine schiebe. Hat irgendwie Ähnlichkeit damit, einen Einkaufswagen durch enge Supermarktgänge zu schieben. Wenigstens brauche ich nicht darauf zu achten, nirgends anzustoßen und keine Schrammen in die Einrichtung zu machen. So wie die Kabine aussieht, ist sowieso eine Generalüberholung fällig. Ich bugsiere den Wagen aus der Küchennische in den Mittelgang.
„Ich hab ihn!" rufe ich Finch und Breck zu.
„Einen Moment!", entgegnet Finch, die gerade mit einer Wundauflage hantiert. Ich stelle den Wagen im Gang ab und fixiere die Radbremsen.
„Wie sieht es aus?" frage ich sie.
„Schwer zu sagen. Äußerlich blutet es kaum. Wie es innen aussieht kann ich nicht sagen. Ich werde die Wunde jetzt abdecken, damit nicht noch mehr Keime und Dreck reinkommen, als ohnehin schon drin sind. Dann können wir nur abwarten und hoffen", erklärt Finch.
Anmerkungen:
1) Natriumchlorat war tatsächlich in einem bekannten Unkrautvernichtungsmittel in ausreichender Konzentration enthalten, um daraus in Kombination mit Zucker einen Sprengstoff herstellen zu können. Dies wurde auch getan, weshalb das Mittel heute zumindest im Baumarkt nicht mehr zu bekommen ist. Das richtige Mischungsverhältnis und den einen oder anderen Hinweis, was man noch braucht, um statt einer Stichflamme eine Sprengwirkung zu erzielen, habe ich aus verständlichen Gründen weggelassen.
2) Wie genau man die Paneele von Electronic Compartment abbekommt, habe ich geraten. Es muss aber möglich sein, weil im Handbuch eine Ansicht abgebildet ist, wie es hinter der Abdeckung aussieht.
3) Zur Enteisung der Tragflächen und um Eisbildung in den Triebwerkseinlässen zu verhindern, wird heiße Luft benutzt, welche aus den Verdichterstufen der Triebwerke entnommen wird. Um genug Luft entnehmen zu können, ist ein gewisser Luftdurchsatz durch den Verdichter nötig – daher müssen die Triebwerke auf einer gewissen Drehzahl gehalten werden, und dürfen nicht bis ganz auf Leerlauf zurückgenommen werden.
4) Eis an den Tragflächen beeinträchtigt die Luftströmung und damit die Auftriebserzeugung. Im Extremfall kann starker Eisansatz dazu führen, dass ein Flugzeug flugunfähig wird.
5) Eis im Triebwerkseinlass kann die Verdichterschaufeln beschädigen, und damit zum Triebwerksausfall führen. Außerdem kann die Druckmesssonde für die EPR-Anzeige (eine Art Leistungsanzeige) blockiert werden, wodurch falsche EPR-Werte angezeigt werden. Dies geschah bei einer 737 der Air Florida – die Anzeige zeigte den korrekten Wert von 2.04 an, in Wahrheit lieferten die Triebwerke aber nur den Schub, der einem EPR-Wert von 1.7 entsprach. Zudem waren die Tragflächen nicht ordnungsgemäß enteist. Die Maschine konnte sich nach dem Abheben nicht in der Luft halten und stürzte in den zugefrorenen Potomac-Fluss. Mehr Gas hätte eventuell geholfen, aber die Piloten trauten sich die Schubhebel nicht weiter vorzuschieben, weil sie glaubten, sie würden die Triebwerke sonst „overboosten".
