Ein heftiger Ruck geht durch das Flugzeug. Marina stöhnt auf. Noch einmal bockt die Maschine, diesmal so stark, dass es mich fast umgeworfen hätte. [i]Nimm doch etwas Tempo raus, Mädchen! Auf turbulence penetration speed reduzieren! [/i]So wie es sich anfühlt, brettert die DC-8 weit über der idealen Geschwindigkeit für so unruhige Luft dahin. Ich weiß, das Limit liegt bei 280 Knoten, man kann bei geringem Gewicht, so wie jetzt, aber langsamer fliegen, um die Struktur zu schonen und die Schläge etwas zu dämpfen.
Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es Marina, am harten Fußboden liegend, gehen muss. Jede Erschütterung scheint eine neue Welle von Schmerzen durch ihren Körper zu jagen.
„Wir müssen sie auf eine Sitzreihe legen und festschnallen", schlage ich vor. Wenn tatsächlich Rippen gebrochen sind, könnten sie einen Lungenflügel punktieren, wenn sich Marina zu viel bewegt. Eine starke Turbulenz, bei der sie durch die Kabine geschleudert wird, könnte ihren Tod bedeuten.
„Glaubst du, wir können sie aufheben, ohne ihr noch mehr weh zu tun", zweifelt Breck.
„Wir müssen sie zu dritt hochheben. Einer am Kopf, einer an den Beinen, einer an der Körpermitte. Ganz vorsichtig", entgegne ich.
[i]Eine Krankentrage haben wir leider nicht an Bord. [/i]
„Breck, du nimmst sie an den Beinen, da ist sie am leichtesten. Peter, du greifst ihr unter die Achseln, ich nehme sie in der Mitte", kommandiert Finch.
[i]Sie scheint einen Hang dazu zu haben, gerne das Kommando zu übernehmen. [/i]
„Warte", entgegne ich, wir müssen zuerst die Sitzreihe herrichten. Die Sitzlehnen hochklappen und die Gurtschnallen so legen, dass wir sie nicht unter Marinas Körper einklemmen".
„Gut, dann mach du das. Breck und ich schauen uns inzwischen nach ein paar Decken um", sagt Finch.
„Wir werden auch etwas zum Abstützen der Beine brauchen", werfe ich ein. „Die beiden Sitze sind nicht breit genug".
Finch nickt mir zu. „Vielleicht können wir die Rucksäcke vom Füllhorn dafür verwenden. Einen Rucksackberg bauen".
[i]Klingt wie ein Plan. [/i]
„Ich gehe nach vorne und richte die Sitze her. Breck und Finch, ihr sucht Decken und Rucksäcke zusammen und kommt nach", sage ich bestimmt.
„Machen wir", entgegnet Finch.
Noch immer ist das Vibrieren der Schubumkehr zu spüren. Dem Triebwerksgeräusch und dem Sinkflugwinkel nach hat Clove die beiden Innenbord-Triebwerke nur auf idle reverse geschaltet, also zwar die Umlenkklappen geschlossen, aber die Schubleistung im Leerlauf oder knapp darüber belassen. Ich schätze, dass wir vielleicht noch fünf oder zehn Minuten haben, ehe die Maschine in den Landeanflug übergeht. Danach kommt es darauf an, auf welche Weise Clove landen soll. Ein Sichtanflug würde weniger lang dauern als ein Instrumentenanflug per Autopilot, vorausgesetzt, der Flugplatz verfügt über ein Instrumentenlandesystem, und der Autopilot steigt in den Turbulenzen nicht aus.
Während ich durch den Mittelgang nach vorne gehe, den Getränkewagen vor mich herschiebend, beschleicht mich kurz das ungute Gefühl, irgendetwas vergessen zu haben. Irgendeine Schwachstelle an unserem Plan, ins Cockpit zu gelangen. Etwas Naheliegendes und Logisches. Aber was? Ich versuche, meine Gedanken zu fokussieren, aber es gelingt mir nicht. Der Alkohol, die Sorge um Katniss, die verletzte Marina und die grausam zugerichteten Tribute vernebeln mein Denken. Nichts, aber auch gar nichts in meiner jahrelangen Ausbildung hat mich auf so eine Situation vorbereitet. Man könnte mich mitten in der Nacht aufwecken und mich nach den [i]memory actions[/i]für einen rapiden Druckabfall oder einen Startabbruch fragen, und ich könnte die einzelnen Schritte innerhalb von Sekunden aufsagen, aber wie ich mit dieser Situation hier umgehen soll, hat mir keiner beigebracht.
Dieser verdammte Beetee! Er hat mich mit seinem Gefasel klein gekriegt, und meine Situation ausgenutzt. Mir indirekt Hoffnungen gemacht, vielleicht eines Tages Kate wiedersehen zu können, in irgendeinem parallelen Universum, wo der Unfall mit Rorys Cessna nie stattgefunden hat. Mich mit dem Angebot geködert, DC-8s zu fliegen und als einer der ersten Personen, die durch ein streng geheimes Dimensionsportal reisen, in die Geschichte einzugehen. Beetee hatte bei seinem „Anwerbungsgespräch" damals dick aufgetragen und mir förmlich das Blaue vom Himmel versprochen, und ich hatte ihm brav aus der Hand gefressen.
Das Kleingedruckte hatte mich damals nicht interessiert. Selbst als ich allmählich gelernt hatte, welche Welt dieses Panem ist, habe ich mich immer noch sicher gefühlt. Europa ist, so sagte man zumindest, außer Reichweite der Streitkräfte Panems. Distrikt 13 würde das Kapitol wegen des Risikos der gegenseitigen nuklearen Vernichtung nicht angreifen. Distrikt 12 ist weit weg vom Kapitol, und der oberste Friedenswächter ein Sympathisant der Revolution. Ich könnte mich dort unbehelligt bewegen, ich müsse nur aufpassen, keinen „Blödsinn" zu machen.
Ich erinnere mich noch an die Besprechung vor meinem ersten „Ausflug" nach Distrikt 12. Ich habe nachgefragt, was unter „kein Blödsinn" zu verstehen ist.
„Rede nicht negativ über das Kapitol, halte dich vom Schwarzmarkt fern, spioniere nicht bei den Mienen herum und geh nicht im Wald jagen", hat Boggs damals zu mir gesagt. [i]Als ob ich jemals jagen gehen würde! [/i]Und ich habe es geglaubt. Wenn ich gewusst hätte, dass ich mit meiner falschen Identität auf der Liste potentieller Hungerspiel-Kandidaten stehe, wäre ich nie in das Hovercraft eingestiegen, um den Flugplatz in Distrikt 12 zu inspizieren.
Gale! Katniss Freund, der kurz vor meiner Ankunft in Panem spurlos verschwunden ist. Je mehr ich darüber nachdenke, desto merkwürdiger kommt mir die ganze Geschichte vor.
[i]Wie passend, dass er genau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Weg war, damit ich freie Bahn habe! Und wie zufällig, dass mich Katniss irgendwie mag, obwohl wir streng genommen außer einem tragischen Verlust in unserer Vergangenheit und einem Hang zu einer nüchternen Weltsicht nicht viel gemeinsam haben. Könnte es sein…[/i]
Da sehe ich sie plötzlich. Rue. Das kleine, dunkelhäutige Mädchen aus Distrikt 11. Sie liegt zwischen zwei Sitzreihen am Boden, einem Speer in ihrer Brust. Ich halte inne. Tränen steigen mir in die Augen. Ich hätte zwar nicht ernsthaft damit gerechnet, sie lebend zu finden, aber sie jetzt so liegen zu sehen, bricht mir fast das Herz. Die Kleine hatte nie auch nur den Hauch einer Chance. [i]Was ist das für eine kranke Welt, wo sie Kinder auf so ein Schlachtfeld schicken? [/i]Ich frage mich, ob sie Geschwister hat. Wie wird es jetzt wohl ihrer Familie gehen? Hätte ich ihr vor dem Startsignal etwas zurufen sollen, dass sie mir ins Cockpit nachläuft? Hätte es eine Möglichkeit gegeben, sie zu retten?
Sie wollte doch niemanden etwas tun. Warum musste sie so jung sterben? So grausam, so sinnlos? Ich will mir gar nicht vorstellen, was die arme Rue nun alles nie wird erleben dürfen. Sie wird nie erfahren, wie sich Liebe anfühlt. Nie heiraten, und keine Kinder bekommen. Nie mehr die weiten Kornfelder und Obstplantagen in Distrikt 11 sehen. Rues lebloser Gesichtsausdruck hat etwas Endgültiges.
[i]Und ich habe mich schön im Cockpit versteckt und mich gefreut, dass mein Plan funktioniert. Jetzt schäme ich mich beinahe dafür. [/i]
Haymitchs Worte über die Bedeutung unserer Handlungen in diesen Hungerspielen sind jetzt für mich mehr als schöne Floskeln. [i]Dieser Wahnsinn muss aufhören! Es darf solche Spiele nie wieder geben. Hier und jetzt wird der Schlussstrich gezogen. [/i]
Eine Bewegung hinter mir schreckt mich auf. Es sind Finch und Breck, beide mit Rucksäcken und Decken in der Hand.
„Was stehst du hier so rum?", fährt Finch mich an. Ihre Taktlosigkeit lässt mich zusammenzucken.
„Stimmt etwas nicht?" fragt Breck mit sanfter Stimme.
„Nein, hier stimmt absolut etwas nicht!", entgegne ich scharf. „Hier liegt ein zwölfjähriges Mädchen, tot, mit einem Speer in der Brust, und du, Finch, fragst mich, warum ich da so blöd herumstehe! Das ist es, was nicht stimmt!"
Die beiden starren mich entgeistert an. Finch senkt ihren Blick.
„Das wusste ich nicht". [i]Was hast du sonst gedacht, dass ich Löcher in die Luft starren will? [/i]„Und jetzt reiß dich zusammen, wir haben nicht mehr viel Zeit", sagt Finch mit Nachdruck. Sie hat Recht. Es bringt nichts, wenn wir hier weiter herumstehen. So hart es klingt, für ergreifende Totenreden ist jetzt keine Zeit. Wenn wir nicht ins Cockpit gelangen, bevor Clove die Maschine in den Sand setzt, ist alles umsonst gewesen. Der Plan, das Kapitol und die Spielmacher bloßzustellen, wäre gescheitert. Und das darf nicht passieren. [i]Für Rue und alle Kinder Panems. [/i]
Schweigend wende ich meinen Blick von Rue ab und gehe weiter nach vorne, zur ersten Sitzreihe, wo Katniss und ich vor dem Beginn der Spiele gesessen sind. Ich klappe die Mittelarm- und die Seitenarmlehnen hoch, und sortiere die Gurte. Finch und Breck stapeln die Rucksäcke im Gang neben dem Sitz, um eine Auflage für Marinas Füße zu schaffen. Wieder einmal bockt die DC-8 heftig. Ich klammere mich am Sitz fest. Ein Blitz taucht die Kabine für einen Augenblick in grelles, weiß-bläuliches Licht. Breck zuckt zusammen.
„Wir müssen uns beeilen. Jetzt wird es gleich unruhig werden", sage ich nachdrücklich.
„Das heißt, es wird noch schlimmer?" fragt Breck ängstlich.
„Ich fürchte ja".
Ein weiterer Blitz flackert vor den Fenstern auf. Unwillkürlich zucke ich zusammen. Kein Pilot fliegt freiwillig durch ein schweres Gewitter, doch Clove scheint genau das vorzuhaben. Vielleicht wird sie von den Spielmachern auch dazu gezwungen. Vermutlich weiß sie nicht einmal, worauf sie sich hier einlässt. Noch immer ist das Vibrieren der Schubumkehr zu spüren. Mein Gefühl sagt mir, dass es nicht mehr lange anhalten wird. Minute um Minute rückt die Landung näher.
„Ich bin hier fertig", verkündet Finch. Ich mustere die improvisierte Fußauflage. Sieht brauchbar aus.
„Los, holen wir Marina!", kommandiere ich, und gehe voran. Breck und Finch folgen. Auf dem Weg nach hinten versuche ich, das blutige Chaos so gut es geht auszublenden, und konzentriere meine Gedanken auf Katniss. Wie es ihr jetzt wohl geht, sofern sie noch lebt? Allein im Cockpit mit Clove, in einer Umgebung, die ihr mindestens genauso fremd vorkommen muss wie mir die Wälder von Distrikt 12. Würde sie versuchen, Clove zu überwältigen?
Sie ist nicht der Typ Mensch, der sich einfach ohne zu kämpfen seinem Schicksal fügt. Katniss würde eine Gelegenheit abwarten und zuschlagen, wenn sie kann. Tu es nicht, flehe ich sie in Gedanken an. Gegen Clove hätte sie keine reelle Chance, außer auf Distanz mit ihrem Bogen. In der Enge des Cockpits wäre sie hoffnungslos unterlegen.
Plötzlich spüre ich eine Veränderung der Fluglage der Maschine. Es fühlt sich an, als wäre die DC-8 in den Horizontalflug übergegangen. Ich werfe einen kurzen Blick auf die Triebwerke, während ich weiter nach hinten gehe. Die Schubumkehr ist noch immer ausgefahren, aber bin mir sicher, dass sie es nicht mehr lange sein wird. Ich kann fühlen, wie die Maschine langsamer wird. Gerade als wir Marina erreichen, hören die monotonen Vibrationen plötzlich auf. Nur noch das leise Brummen der im Leerlauf laufenden Triebwerke ist zu hören.
„Wir müssen uns beeilen!", rufe ich Finch und Breck zu.
Wie besprochen nehmen wir unsere Plätze ein. Vorsichtig greife ich Marina unter die Achseln. Sie stöhnt leise auf.
„Pass doch auf!", entfährt es Breck.
„Tut mir leid".
Marina nickt mir müde zu, als wollte sie mir sagen, dass wir weitermachen sollen.
„Wir müssen dich nach vorne tragen. Das wird ein wenig weh tun, aber hier kannst du nicht liegen bleiben", sagt Finch. „Peter, Breck, seid ihr soweit?"
Ich nicke. Breck greift mach Marinas Beinen.
„Auf drei!", kommandiert Finch. „Eins, zwei, drei!" Ein lautes Stöhnen dringt aus Marinas Mund, und sie verzieht vor Schmerz ihr Gesicht.
[i]Hoffentlich bringen wir sie jetzt nicht endgültig um[/i]. Vorsichtig setzen wir uns in Bewegung. Die Maschine rüttelt und bockt in den Ausläufern des Gewitters, Blitze tauchen die Kabine immer wieder in ein grelles Licht. Jeder Ruck sendet eine neue Welle von Schmerzen durch Marinas geschundenen Körper. Und wir können absolut nichts dagegen tun. Quälend langsam nähern wir uns der hergerichteten Sitzreihe. [i]Noch fünf Reihen. [/i] Ich spüre, wie die DC-8 unvermittelt langsamer wird. Diesmal ist es jedoch nicht die Schubumkehr. Es können nur die Landeklappen sein, die Clove gerade auf die erste Stufe ausgefahren haben muss.
[i]Noch drei Reihen. [/i]
„Was war das?" fragt Finch.
„Fühlt sich an wie die Landeklappen", entgegne ich schnaufend. Jetzt haben wir nur noch wenige Minuten. Noch eine Reihe.
„Pass auf die Rucksäcke auf", warnt mich Finch. Beinahe wäre ich darüber gestolpert. [i]Ich hätte diese blöden Likörfläschchen wirklich nicht trinken sollen! [/i] Endlich sind wir am Ziel. Vorsichtig legen wir Marina auf die Sitze. Auf ihrer Stirn stehen Schweißperlen, sie wirkt erschöpft und ist kaum noch bei Bewusstsein.
„Du hast es überstanden", rede ich ihr beruhigend zu, und streiche mit meiner Hand sanft über ihr Gesicht.
Ein starker Ruck mahnt mich, das Mädchen so schnell wie möglich mit den Gurten zu sichern. Ich nehme den Gurt des Gangsitzes, führe eine Hälfte schräg unter Marinas Becken nach vorne quer über ihren Bauch, und verbinde sie mit der zweiten Hälfte. Das gleiche mache ich mit dem Gurt des Fenstersitzes mit Marinas Oberkörper. Wie nützlich diese improvisierte Gurtsicherung ist, will ich lieber nicht testen müssen, aber es ist sicher besser als nichts. Finch hat Marinas Beine in einer Mulde des Rucksackbergs abgelegt. Ein lautes Rumpeln lässt mich aufschrecken. Das Fahrwerk.
„Wir landen gleich!", rufe ich aufgeregt.
Jetzt wird mir klar, dass wir bei dem Versuch, Marina zu versorgen, ganz darauf vergessen haben, unseren Plan für die Stürmung des Cockpits zu besprechen. Nicht einmal Finch, die sonst stets das Wesentliche im Auge zu behalten scheint, hat daran gedacht. Nun ist für ausgefeilte Strategien keine Zeit mehr. Es wird „hit or miss" werden.
„Leute, es ist soweit. Wir müssen jetzt ins Cockpit", übernehme ich das Kommando. Doch Breck scheint mich völlig überhört zu haben. Er kniet vor Marina am Boden und hält ihre Hand.
„Breck, wir brauchen dich jetzt", versuche ich es noch einmal.
Zögernd dreht der Junge seinen Kopf in meine Richtung.
„Aber Marina...".
„Hör zu, ich weiß, dass du lieber bei ihr bleiben willst", sage ich, „aber wenn wir Clove nicht vom Steuer weg bekommen, sind wir in ein paar Minuten alle tot."
Breck zögert.
„Geh mit ihnen. Ich komm alleine klar", haucht Marina leise. Erneut spüre ich, wie die DC-8 an Fahrt verliert. Die Landeklappen fahren in die nächste Stellung, die Triebwerke heulen leicht auf, als Clove den Schub erhöht, um den Luftwiderstand der Klappen auszugleichen.
„Breck, du hilfst Marina jetzt am meisten, wenn du mit uns kommst", sage ich nachdrücklich.
Langsam wendet sich der Junge von seiner Partnerin ab. Ich löse die Radbremsen des Getränkewagens und schiebe ihn nach vorne. Er ist unbeladen und fühlt sich recht leicht an. Zu leicht.
„Wir müssen den Wagen mit irgendetwas beschweren, damit er genug Masse hat, um die Tür aus den Angeln zu schlagen", stelle ich fest.
„Wir könnten ein paar von den Waffenkisten vom vorderen Füllhorn nehmen", schlägt Finch vor. Noch einmal spüre ich, wie die DC-8 verzögert. Jetzt müssten die Klappen in Landestellung, oder kurz davor sein. Das Triebwerksgeräusch lässt nach, ich fühle, wie die Maschine in den Sinkflug übergeht.
„Sieht aus, als wären wir auf dem Gleitweg", bemerke ich. [i]Ob der Flughafen von Distrikt 4 wohl ein ILS hat? [/i]Anscheinend steuert noch immer der Autopilot die DC-8, vermutlich nach den Funksignalen eines Localizer- und Gleitpfadsenders. Wenn die Turbulenzen nicht zu stark werden, kann der Autopilot die Maschine bis 500 Fuß über dem Boden an die Landebahn heranführen. Spätestens an diesem Punkt muss Clove das Steuer übernehmen.
Sekunde und Sekunde schwindet die knappe Zeit, und verfluche mich selbst dafür, nicht mehr zur Eile gedrängt zu haben. Finch kommt mit zwei Kisten auf mich zu. Ich hieve die erste in den leeren Wagen. Die zweite ist zu breit.
„Verdammt, die passt nicht!" fluche ich. „Hol etwas anderes! Rasch!" Ein greller Blitz flackert vor den Fenstern auf, dicht gefolgt von einem zweiten. Die Maschine rüttelt und bockt. Das prasselndes Geräusch auf die Außenhaut treffender Graupel dröhnt durch die Kabine. Wir sind jetzt mitten im Unwetter.
„Breck, hol den Bogen!", kommandiere ich, während ich mich selbst nach schweren Gegenständen umsehe. Ich hebe ein Schwert auf und werfe es in den Wagen. Es ist schwer, wiegt sicher an die 30 Pfund.
„Hier, die müsste passen!", reicht Finch mir eine Kiste. Dem Aufdruck nach sind Messer und Kurzschwerter darin, und das Gewicht ist ordentlich. Ich werfe einen kurzen Blick in Richtung Breck. Er hat den Compoundbogen in der Hand und legt gerade einen Pfeil ein. Plötzlich erfasst ein heftiger Aufwind die DC-8. Ich verliere das Gleichgewicht, und lande unsanft auf dem Boden.
Ein stechender Schmerz zuckt durch meine linke Schulter, die ich mir beim Versuch, die Cockpittür aufzubrechen, beleidigt habe. Die Maschine beginnt zu schlingern. Der Getränkewagen kippt laut scheppernd zur Seite. Für einen Moment verdrängt meine schmerzende Schulter alle anderen Sinneseindrücke. Plötzlich klickt es laut in den Bordlautsprechern, ehe ein neues Geräusch die Kabine erfüllt und alles andere übertönt. Katniss Stimme hallt verzerrt, aber unverkennbar aus den Lautsprechern. Sie singt den „Valley Song", ein altes Volkslied aus Distrikt 12.
[i]Down in the valley, the valley so low
Hang your head over, hear the wind blow
Hear the wind blow, dear, hear the wind blow;
Hang your head over, hear the wind blow. [/i]
Auf einen Schlag ist mein Schmerz verschwunden. Ich erinnere mich, wie sie das Lied bei meinem letzten Besuch gesungen hat. Es war einer der wenigen Augenblicke gewesen, wo ich Katniss mit einem echten Lächeln im Gesicht gesehen hatte. Wir hatten damals Prims Genesung von der Lungenentzündung gefeiert. Es war das erste Mal gewesen, dass Katniss mir ohne Widerwillen etwas von ihrem erlegten Wild zu essen angeboten hatte. Vorher hatte ich mich immer ein wenig als Fremdkörper im Haus gefühlt, und meist nur meine mitgebrachten Rationen aus Distrikt 13 verspeist, aber an diesem Abend wollte Katniss ihr karges Mahl mit mir teilen.
Jetzt ihre Stimme aus dem Lautsprecher zu hören, hat etwas Gespenstisches. Sie klingt irgendwie jünger, kindlicher, aber es ist eindeutig Katniss wunderschöne Singstimme. Ich rappele mich auf. Finch ist bereits damit beschäftigt, den Getränkewagen wieder auf die Räder zu stellen.
[i]Roses love sunshine, violets love dew,
Angels in Heaven know I love you,
Know I love you, dear, know I love you,
Angels in Heaven know I love you. [/i]
Ich eile zu Finch und helfe ihr mit dem Wagen. Die Stimme aus den Lautsprechern hat beinahe etwas Hypnotisierendes. Das Unwetter, die drohende Landung, der Plan, das Cockpit zu stürmen – all das erscheint plötzlich unwichtig und fern. Ich fühle mich geborgen in den Worten des alten Liedes, in den Schlaf gesungen von Katniss bezaubernder Stimme. Es ist, als könnte ich mich einfach hinlegen und die Augen schließen, im beruhigenden Wissen, dass ich in Katniss Armen aufwachen werde. Keine Hungerspiele mehr, keine Clove, keine sterbende Marina. Alles was ich tun muss, ist die Augen zu schließen.
[i]If you don't love me, love whom you please,
Throw your arms 'round me, give my heart ease,
Give my heart ease, dear, give my heart ease,
Throw your arms 'round me, give my heart ease. [/i]
Ein harter Schlag auf den Rücken holt mich zurück in die Realität.
„Was ist los mit dir?", brüllt mir Finch ins Ohr. „Hör nicht hin! Das ist ein Trick!"
Hass steigt in mir auf. [i]Warum muss mir das Fuchsgesicht diesen Moment ruinieren? [/i]
„Lass mich in Ruhe!", entgegne ich, und trete mit dem Fuß voller Wut gegen den Servierwagen. Finch gibt mir noch einen Schlag.
„Reiß dich gefälligst zusammen! Wir landen gleich, und du stehst hier rum und lässt dich von den Spielmachern einlullen!" Finch packt mich an den Armen.
„Das ist nicht Katniss, was du hörst! Das ist eine Manipulation!"
Der rationale Teil meines Verstandes will Finch glauben, aber ich tue mir schwer, meine Gefühle einfach als Illusion abzutun.
„Peter, jetzt sind wir so weit gekommen! Gib jetzt nicht auf!", fleht mich Breck an. Ich versuche, die Stimme aus den Lautsprechern zu ignorieren. [i]Es gibt keinen einfachen Ausweg. Wenn du Katniss wiedersehen willst, musst du ins Cockpit. [/i]Langsam schwindet die warme Illusion aus meinem Bewusstsein. Ich greife nach dem Getränkewagen. Jetzt fühlt er sich schwer genug an, um als Rammbock zu taugen.
„Peter, du bist der Kräftigste von uns. Du nimmst Anlauf und rammst mit dem Wagen die Tür", übernimmt Finch wieder einmal das Kommando. „Breck, du nimmst mit deinem Bogen an der rechten Seite des Ganges direkt an der Rückwand des Cockpits deine Position ein. Von dort aus solltest du Clove ins Visier nehmen können", setzt Finch fort.
„Und was machst du?", frage ich.
„Ich werde mir deine Signalpistole schnappen und Clove damit in Schach halten. Ich werde direkt hinter dir sein, und dir helfen, den Wagen rasch aus dem Weg zu bekommen", antwortet das Mädchen. [i]Wirklich clever. An das Problem, dass der Getränkewagen den engen Mittelgang blockieren wird, habe ich gar nicht gedacht. [/i]
„Also dann, packen wir es an!" sage ich. Breck ist bereits auf dem Weg nach vorne, und nimmt seine Position ein. Er beginnt, den Bogen zu spannen. Anscheinend hat er ein recht großes Zuggewicht, ich sehe, wie Breck Schwierigkeiten hat, die Sehne bis zum Anschlag zu spannen. Ich will schon zu ihm laufen und ihm helfen, aber da hat er es schon geschafft. [i]Gut, dass ein Compoundbogen zum Halten der Spannung weniger Kraft als zum Aufziehen erfordert. [/i]
„Wo ist die Pistole?" fragt Finch. Ich versuche, mich zu erinnern, wo ich sie hingelegt habe.
„Sie müsste in der Bordküche sein. Kann sein, dass sie auf den Boden gefallen ist". Finch läuft nach vorne. Währenddessen dringt weiter Katniss Stimme aus den Kabinenlautsprechern.
[i]Build me a castle, forty feet high;
So I can see her as she rides by,
As she rides by, dear, as she rides by,
So I can see her as she rides by. [/i]
„Ich hab sie!" ruft Finch mir zu. Jetzt wird es ernst. Breck ist in Position. Finch wartet in der Nische der Bordküche. Der Wagen ist ausgerichtet, die Radbremsen sind gelöst. Finch erhebt ihren Daumen, und nickt mir zu. Das Startsignal. Mit Schwung setze ich mich in Bewegung, nehme Fahrt auf. Die Fensterreihen der leeren Business-Kabine rasen an mir vorbei.
[i]Write me a letter, send it by mail,
Send it in care of Birmingham Jail,
Birmingham Jail, love, Birmingham Jail,
Send it in care of Birmingham Jail . [/i]
Ich konzentriere mich darauf, genau zwischen die Seitenwände des engen Ganges vor dem Cockpit zu zielen. Nur noch wenige Meter. Ich lege noch etwas Tempo zu, stecke meine ganze Kraft in die Beschleunigung des Servierwagens. Ein greller Blitz erhellt die Kabine, gefolgt von einem scharfen Knall. Das Licht flackert. Die Maschine bockt. Ich fürchte, das Gleichgewicht zu verlieren, doch jetzt kann mich nichts mehr aufhalten. Krachend donnert der Getränkewagen in voller Fahrt gegen die Tür. Ich wiege rund 150 Pfund. Der Wagen ist geschätzt an die 100 Pfund schwer. Die Scharniere der Cockpittür versagen unter dieser Last. Die Tür wird wie ein Stück Pappe vom Wagen ins Innere des Cockpits gedrückt, und zerbricht in drei Teile.
