Ein lauter Alarmton dringt in meine Ohren. Der Autopilot-Disconnect-Alarm. Clove sitzt im Kapitänssitz auf der linken Seite, das Steuerhorn fest umklammert. Sie dreht sich kurz zu mir um. In ihren Augen steht Furcht. Der Copilotensitz ist leer.
„Peter!" ruft eine vertraute Stimme. Es ist Katniss. Sie lebt! Sie sitzt am Ingenieursplatz, und sieht mich an. „Mach schnell!"
Ich ziehe den Servierwagen zurück. Finch greift zu und zieht ihn zur Seite in die Nische der Bordküche.
„Breck, los jetz!" kommandiert sie. Der Junge stürmt nach vorne, mit dem Pfeil in Cloves Richtung zielend. Ich laufe hinterher. Clove macht keine Anstalten, irgendwelche Gegenwehr zu leisten.

Ein Blick aus dem Fenster sagt mir warum. Vor uns liegt die Landebahn des Flughafens von Distrikt 4. Aber anstatt gerade darauf zu zu fliegen, sind wir deutlich nach rechts versetzt und driften weiter ab. Die visuelle Gleitpfadanzeige neben der Bahn zeigt vier weiße Lichter – unser Anflug ist viel zu hoch. Dichte Regenschleier und tief hängend Wolkenfetzen verdecken immer wieder beinahe die Sicht. ONE THOUSAND – dröhnt eine blecherne Stimme durch das Cockpit. Der Radarhöhenmesser. Noch 1.000 Fuß bis zum Boden. Clove dreht das Handrad scharf nach links, um die DC-8 wieder auf Kurs zur Landebahn zu bringen, und drückt das Steuerhorn nach vorne. „Durchstarten!", rufe ich ihr zu, während ich in den Copilotensitz klettere.
„Hände weg vom Steuer!", zischt Breck, und tippt mit der Pfeilspitze gegen Cloves Hals.

„Lass mich in Ruhe, Milchbubi!" gibt Clove zurück. Sie versucht noch immer, die Maschine zu landen. Ich schließe rasch meinen Sicherheitsgurt, und überfliege die Instrumente. Der Radarhöhenmesser zeigt 800 Fuß, die Geschwindigkeit liegt bei 160 Knoten, Tendenz steigend. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Clove nach den Schubhebeln greift und sie beinahe bis in den Leerlauf zurückzieht. Die Fahrt steigt weiter an, und liegt jetzt bei 165 Knoten. Ein ungutes Gefühl beschleicht micht.
„Nicht zurückziehen! Schieb sie wieder vor!", rufe ich Clove zu, und greife selber nach den Gashebeln. In diesem Moment spüre ich, wie die Maschine unvermittelt durchsackt. Eine Fallböe. Die Nadel des Fahrtmessers beginnt abrupt zu fallen, von fast 170 Knoten auf unter 150.

„Windscherung!" rufe ich laut aus. „Set max thrust!" Ich schiebe die Gashebel nach vorne.
„Stell sie auf maximale Leistung ein", weise ich Clove an. „Ich übernehme das Steuer!" Die Triebwerke heulen auf, die Beschleunigung drückt mich in den Sitz, während ich das Steuerhorn zu mir heran ziehe. Ich werfe einen kurzen Blick auf die EPR-Anzeigen der Triebwerke. Sie nähern sich rasch dem erlaubten Wert von 1.82 für ein standardmäßiges Durchstartmanöver. FIVE HUNDRED tönt die Computerstimme des Radarhöhenmessers. SINK RATE, warnt der Computer vor einer unzulässig hohen Sinkrate in Bodennähe. Das Variometer zeigt eine Sinkgeschwindigkeit von fast 2 500 Fuß pro Minute an. Ich ziehe das Steuerhorn weiter zu mir heran.

Die Fahrt fällt weiter, nur mehr 130 Knoten. FOUR HUNDRED.
„Voller Schub", rufe ich Clove zu.
„Hab ich schon!"
Ich werfe einen Blick auf die Gashebel, die noch ein Stück weit vom vorderen Anschlag entfernt stehen.
„Hast du nicht!" sage ich, stoße Cloves Hand zur Seite und schiebe die Hebel mit einer schnellen Handbewegung bis zum Endanschlag nach vorne. Die Nadeln der vier EPR-Anzeigen schießen über den erlaubten Maximalwert hinaus, die Drehzahlen und Abgastemperaturen jagen auf die rote Linie zu. Ich fühle den plötzlichen Beschleunigungsschub. Trotzdem fällt die Anzeige des Fahrtmessers weiter, unter 120 Knoten.

„Du overboostest sie!", schreit Clove aufgeregt.
„Ignorier die Anzeigen!" TWO HUNDRED. Sinkrate 1 700 Fuß pro Minute. Fahrt 110 Knoten. Die Ruder werden weich. Die Flugzeugnase zeigt steil nach oben, doch die DC-8 will nicht steigen.
„Komm schon, streng dich an. Nur ein bißchen steigen!" flehe ich die Maschine an, als ob sie mich hören könnte, und als ob es etwas bringen würde. 105 Knoten. Die Steuersäule beginnt zu rütteln. Der Stickshaker. Ich lassen den Zug nach hinten etwas nach, bis der Stickshaker verstummt, und ziehe das Steuerhorn wieder etwas nach hinten, bis der Stickshaker erneut anschlägt.
„Du überziehst sie", ruft Clove, und greift selber nach dem Steuerhorn, um es nach vorne zu drücken.

Ich spüre, wie sie meinen Steuerbewegungen einen Widerstand entgegen setzt.
„Lass das! Wir müssen sie genau am Stickshaker halten!". Das ist die einzige Möglichkeit, aus dieser Windscherung herauszukommen. Mit vollem Schub mit dem Maximalauftriebswinkel kurz vor dem Strömungsabriss zu fliegen. Doch das scheinen sie Clove nicht beigebracht zu haben. Sie drückt mit zunehmender Kraft ihr Steuerhorn nach vorne.
„Wir sind zu langsam! Du Idiot bringst uns um!" flucht Clove.

ONE HUNDRED. Der Boden scheint zum Greifen nah. Die Fahrt schwankt wild zwischen 100 und 110 Knoten. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass die Abgastemperatur-Warnleuchten aller vier Triebwerke brennen. Die Drehzahl des Hochdruckrotors ist am roten Strich, oder knapp darüber, ich kann es nicht genau erkennen. Die vier Pratt&Whitneys sind gerade dabei, gegrillt zu werden, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich brauche jedes Pfund Schub, dass die vier Triebwerke mobilisieren können, selbst wenn die nachher reif für die Tonne sind. Ich überlege, ob ich noch irgendetwas tun kann, um die Flugleistung der Maschine zu verbessern. Das Fahrwerk einziehen? Nein, wenn wir auf Boden aufschlagen, werden wir es als Stoßdämpfer brauchen. Die Landeklappen von 35 auf 50 Grad ausfahren? Nein, in einer Windscherung nicht die Konfiguration ändern. Außerdem würden sie nur ein wenig mehr Auftrieb bei erheblich mehr Luftwiderstand bringen. Kein gutes Geschäft.

FIFTY. Noch 50 Fuß. Die Sinkrate ist auf etwas unter 1.000 Fuß pro Minute zurück gegangen. Wir können es schaffen. Ich ziehe noch ein wenig kräftiger. Der Stickshaker schlägt an. Clove steuert dagegen.
„Hände weg, verdammt noch mal!" schreie ich sie an. THIRTY. Die Sinkrate ist weiter zurückgegangen, und liegt jetzt bei etwas über 500 Fuß pro Minute. Das Fahrwerk würde das aushalten, sofern wir die Landebahn treffen. Doch die liegt irgendwo weit links von uns. Was vor uns liegt, kann ich aufgrund des hohen Anstellwinkels kaum erkennen. Vor dem Seitenfenster fliegen zwischen dichten Regenschleiern Taxiways und Grasflächen vorbei.

TWENTY. Die Sinkrate ist weiter zurückgegangen, die Fahrt auf etwas über 110 Knoten angestiegen. Wir sind jetzt im Bodeneffekt. Das könnte unsere Rettung sein. Ich ziehe das Steuer ein Stück zu mir heran. Die DC-8 hält jetzt die Höhe. Ich gebe mir Mühe, die Tragflächen horizontal zu halten. Wenn eine Flächenspitze den Boden berührt, währe es aus. Plötzlich klettert der Fahrtmesser nach oben. 120 Knoten. Die Maschine beginnt zu steigen. 50 Fuß, dann 100.
„Fahrwerk hoch", weise ich Clove an. Das Mädchen reagiert nicht. „Fahrwerk hoch, verdammt noch mal!" Zögernd streckt Clove ihre rechte Hand aus und klappt den Fahrwerkshebel, der rechts neben den Triebwerksinstrumenten aus dem Instrumentenbrett ragt, nach oben.

200 Fuß, Fahrt 140 Knoten. Ich drücke das Steuerhorn leicht nach vorne, und beginne, die Gashebel auf den erlaubten Schubwert zurückzuziehen.
„Klappen 15 Grad!" Clove greift nach dem Hebel an der rechten Seite der Mittelkonsole, zieht ihn aus der Führung nach oben und schiebt ihn nach vorne.
„Stell die Leistung auf 1.82 EPR ein", weise ich sie an. Schweigend folgt sie meinem Befehl. Welche Rolle der auf sie gerichtete Pfeil dabei spielt, oder ob es der Schock der Erkenntnis, gerader knapp am Tod vorbeigeschrammt zu sein ist, darüber kann ich nur spekulieren. Ich überprüfe die Triebwerksanzeigen. Der EPR-Wert stimmt, Drehzahl und Abgastemperatur sind wieder innerhalb der zulässigen Grenzen.

Als der Radarhöhenmesser durch 1.000 Fuß klettert, tauchen wir in die düsteren Wolken ein. Ich lasse die DC-8 weiter beschleunigen, und fahre die Klappen zuerst auf 10 Grad, anschließend bei 200 Knoten ganz ein. Nachdem in den vergangenen Sekunden keiner im Cockpit auch nur zu atmen gewagt hat, kehrt jetzt das wohlige Gefühl der Entspannung ein.
„Was war das denn gerade eben?" bricht Katniss das Schweigen.
„Eine Windscherung", entgegne ich. „Ich erkläre es dir später".
„Und du", wendet sich Breck an Clove, „verschwindest jetzt aus diesem Sitz!"
Clove sieht den Jungen mit einem spöttischen Lächeln an.

„Und was wenn nicht?"
„Dann jage ich dir einen Pfeil ins Genick!"
„Das traust du dich nicht!"
Breck zielt auf Cloves Hals. „Fordere es nicht heraus!"
Finch richtet die Signalpistole auf das Mädchen. „Mach keinen Unfug. Du hast verloren!"