Clove mustert Finch und Breck abwechselnd. Wahrscheinlich versucht sie, ihre Chancen abzuwägen, die sie im Falle eines Überraschungsangriffes hätte.
„Los jetzt! Die Hände hoch!", kommandiert Finch, und drückt den Lauf der Signalpistole gegen Cloves Hinterkopf. Demonstrativ laut klickt sie den Sicherungshebel weg.
„Ich warne dich! Hände hoch oder ich verbrenn dir den Hirn!"

Hinter Cloves sturer Miene beginnt es zu bröckeln. Zögernd streckt sie ihre beiden Hände nach oben. Finch beugt sich über sie und öffnet das Gurtschloss.
„Und jetzt, Hände auf den Rücken! Mit einem leisen Seufzen folgt Clove dem Befehl. Sie wirkt gebrochen, besiegt. Ich glaube, der Beinahe-Absturz wegen der Windscherung hat sie ziemlich mitgenommen, mehr, als sie augenscheinlich zu zeigen bereit ist. Vielleicht hat sie erkannt, dass sie das Kapital genauso wie uns alle an der Nase herum geführt hat. Dass die Spielmacher sie in diesem Unwetter hatten landen lassen wollen, kann nur eines bedeuten. Sie wollten, dass wir abstürzen.

„Peter, die Handschellen!" Ich nehme meine rechte Hand vom Steuer. Verdammt, wo hab ich die nur hingetan? Da, in der Hosentasche! Während ich das Flugzeug mit einer Hand einigermaßen ruhig zu halten versuche, fingere ich die Handschellen hervor.
„Hier sind sie!", reiche ich sie Finch.
„So, jetzt machst du uns keinen Ärger mehr!" Mit einem Klick rasten die Handschellen ein.
„Warum bringt ihr mich nicht einfach um? Seid ihr dafür zu feig, oder was?" äzt Clove.
„Nein. Wir wollen nur ein paar Dinge von dir wissen, zum Beispiel, wer dir beigebracht hat, eine DC-8 zu fliegen, und warum du so eine miese Show mit Katniss abgezogen hast!" entgegne ich scharf.

„Was für eine Show?" wirft Katniss von hinten ein. Ich deute mit meinem linken Daumen auf Clove.
„Dieses Miststück hier hat mir über die Bordsprechanlage weis machen wollen, dass du tot bist. Eine meisterhafte Theatervorstellung – absolut West End reif".
Clove fixiert mich mit ihrem eiskalten Blick.
„Glaubst du wirklich, ich hätte Zeit für igendwelche Theaterspiel gehabt? Vielleicht hast du dir das alles nur eingebildet, nachdem du die Bordbar leer gesoffen hast, weil du nicht mehr weiter wusstest", spottet Clove. Woher weiß sie das bloß mit dem Likör? Die Spielmacher müssen es ihr eingeflüstert haben, wahrscheinlich über den Kopfhörer, damit Katniss es nicht hört.

„Du hast dich angesoffen?" fragt Katniss entrüstet.
„Ich war verzweifelt. Ich meine, ich habe geglaubt, Clove hat dich umgebracht…ich habe dich aus den Lautsprechern schreien gehört". Vorsicht, pass jetzt auf, dass du nicht in irgendwelches kitschiges Gesülze abrutscht!
„Es war wirklich eine schlimme Vorstellung", wirft Finch rasch ein.
„Sehr überzeugend", ergänzt Breck.
„Ihr beide seid nicht gefragt!", äzt Clove.
„War es wirklich so schlimm?" fragt Katniss vorsichtig. Wahrscheinlich tut es ihr leid, dass sie mich vorhin so angefahren hat.
„Ja, es war schlimm. Ich hab mich einem Moment lang nicht mehr unter Kontrolle gehabt", gebe ich zu.

„Schluss jetzt mit dem Gesülze! Diskutiert das später aus! Pass lieber auf, dass du die Maschine im Griff behälts, so betrunken wie du bist", sagt Clove bissig in meine Richtung.
„Keine Angst, ich fliege betrunken besser als du nüchtern. Denk nur an deinen verpatzten Anflug!", ätze ich zurück.
„Und jetzt, meine Liebe, räumst du diesen Sitz", kommandiert Finch. Provozierend langsam erhebt sich Clove.
„Ihr werdet schon sehen. Euer Peter hier wird euch ins Verderben fliegen! Ich habe euch gewarnt!"
Finch schlägt Clove mit dem Griff der Pistole in die Seite.
„Wir sind auf deine Meldungen nicht neugierig! Entweder du erzählst uns von A bis Z, woher du dich mit einer DC-8 auskennst und was hier genau gespielt wird, oder du hältst den Mund!", schreit Finch Clove ins Ohr. „Ist das klar?"

Wortlos dreht sich Clove um und lässt sich abführen.
„Hier, setzt dich da hin", weist Finch das Mädchen an, und deutet mit dem Lauf der Pistole auf den Navigatorensitz. An der ist eine Polizeibeamtin verloren gegangen.
„Schnallt sie ordentlich an. Ich will nicht, dass sie uns durchs Cockpit fliegt, falls wir noch einmal in Turbulenzen geraten. Das gilt auch für euch beide", sage ich bestimmt. Während ich hinter mir das Klicken von Gurtschnallen höre, versuche ich mit Blick aufs Wetterradar den schlimmsten Gewitterzellen auszuweichen. Trotzdem liegt die Maschine noch immer unruhig in der Luft, und wird immer wieder durchgeschüttelt.

Die DC-8 steigt rasch, der Höhenmesser passiert 6.000 Fuß.
„Katniss, sind die Turbokompressoren eingeschaltet?", rufe ich nach hinten.
„Zwei sind an, die anderen beiden sind aus", antwortet Katniss.
„Schalt die beiden anderen auch ein. Einen nach dem anderen".
„Ist erledigt."
„Hat dir Clove erklärt, wie man den Kabinendruck einstellt?"
„Ja".
„Dann stell den Regler auf 7.000 Fuß".
„Hab ich."

Eines muss ich Clove lassen, sie hat in meiner Abwesenheit eine brauchbare Flugingenieurin aus Katniss gemacht. Gemeinsam gehen wir die Checkliste für den Steigflug durch. Ich prüfe die Fahrwerksverriegelung, hebe die Groundspoiler-Vorwahl auf und stelle sicher, dass die Klappen auch wirklich eingefahren sind und das SLOT-Lämpchen aus ist. Dann ist Katniss an der Reihe. STANDBY RUDDER POWER off, Turbokompressoren ein, Kabinendruckregelung eingestellt, LOW PRESSURE PNEUMATIC SWITCHES auf LOW, Haupttankpumpen BOOST&FEED, Reservetankpumpen 1 und 4 ein, Füllventile der Haupttanks 1 und 4 offen, automatische Niveauregulierung ein.

Die Triebwerkszündung lasse ich sicherheitshalber eingeschaltet, solange wir in den Wolken fliegen. Ich werfe einen Blick auf das Navigationsdisplay. Wir fliegen aktuell Richtung Nordwest. Die eingezeichnete Kurslinie zum nächsten Wegpunkt zeigt nach Nordosten. Distanz zum Wegpunkt aktuell 824 nautische Meilen, also etwas weniger als zwei Flugstunden. Kurs 029 Grad. Ein Gefühl der Erleichterung macht sich breit. Der vorgeplante Flugweg bringt uns ein gutes Stück näher zu Distrikt 13. Ich lege die Maschine in eine Rechtskurve und nehme Kurs auf den Wegpunkt. Ein Problem weniger. Clove sitz gut festgeschnallt auf dem Navigatorensitz, Finch hält sie vom Beobachtersitz, der Richtung Cockpitmitte gedreht ist, mit der Signalpistole in Schach. Breck steht im Mittelgang und hält sich an der Lehne des leeren Pilotensitzes fest.

„Setzt dich doch in den Sitz da", lade ich ihn ein. Zögernd klettert der Junge in den Führersitz.
„Jetzt schnall dich an". Mein Blick wechselt zu den Instrumenten. Ich bin um ein paar Grad vom Kurs abgekommen, und korrigiere rasch. Ich würde mein unpräzises Fliegen gerne auf das Wetter schieben, doch mir ist klar, dass es der Alkohol sein muss. Während ich sonst kleine Abweichungen praktisch instinktiv korrigiere, muss ich mich jetzt richtig konzentrieren, um die Fluglage zu halten. Meine Reaktionen sind langsam, ich bin immer ein wenig hinter dem Flugzeug. Nicht gut.

„Willst du nicht mal die Enteisung einschalten?", wirf Clove von hinten ein. Ich prüfe das Außenthermometer. Die Ram Air Temperature (Staulufttemperatur) liegt nur noch bei +3°C. Verdammt, wie konnte ich das vergessen? Ich reduziere die Schubleistung leicht und greife nach oben zum Überkopfpanel, um die Triebwerksenteisung und die Enteisung für den Lufteinlass der Turbokompressoren einzuschalten. Da wir momentan nicht durch Niederschlag fliegen, kann ich die Tragflächenenteisung ausgeschaltet lassen.

Breck starrt inzwischen fasziniert auf das Instrumentenbrett vor ihm.
„Woher weißt du denn, wo oben und unten ist, wenn du nicht nach draußen sehen kannst?" fragt der Junge neugierig.
Ich deute auf den oberen Farbbildschirm direkt vor mir.
„Das ist ein künstlicher Horizont. Die braune Fläche unten stellt den Boden dar, die blaue den Himmel. So weiß ich immer genau, wie die Maschine in der Luft liegt", erkläre ich. Breck schweigt ein paar Sekunden. Seine Miene verdüstert sich.
„Wann kann ich zu Marina zurück?" Ich werfe einen Blick aufs Wetterradar. Wir müssten in Kürze aus dem Ärgsten raus sein.
„Noch ein paar Minuten. Bis wir aus den Wolken sind".

Das düstere Grau vor der Windschutzscheibe wird allmählich heller. Die Turbulenzen haben deutlich nachgelassen, nur noch ab und zu bockt die Maschine leicht. Ich nehme die Flugzeugnase ein Stück runter und beschleunige auf 300 Knoten. Dann schalte ich den Autopiloten ein. Zum ersten Mal seit dem haarigen Durchstartmanöver kann ich nun richtig durchatmen. Hier im Cockpit kann ich das Grauen in der Kabine einen Moment lang vergessen. Plötzlich erwacht der Cockpitlautsprecher zum Leben.

„Hier spricht Plutarch Heavensbee, der oberste Spielmacher. Wie ich sehe, hattet ihr ein wenig unruhige Luft im Landeanflug. Ich bitte euch, dies zu entschuldigen. Unser Meteorologe hat das Wetter wohl ein wenig unterschätzt".

Das glaubst du doch selber nicht!

„Wie auch immer, nachdem nun aus der planmäßigen Landung nichts geworden ist, hier unsere neuen Anweisungen. Peter, du wirst den gegenwärtigen Kurs noch für rund 15 Minuten beibehalten und auf 25.000 Fuß steigen. Anschließend wirst du eine zwanzig mal zwanzig Meilen große Warteschleife abfliegen, bis das Wetter am Flughafen von Distrikt 4 besser wird. Das wird laut Radar noch rund 30 bis 40 Minuten dauern. Danach wirst du in Distrikt 4 landen. Die Spiele gehen dann am Boden in eine zweite Runde".

Mist! Ich schlage mit der Faust auf die Armlehne.
„Das ist Unsinn!", rufe ich laut, während ich mir Plutarchs grinsendes Gesicht vorstelle. „Nach dem, was passiert ist, werde ich garantiert nicht auf diesem bescheuerten Flughafen landen. Ich nehme an, der nächste Wegpunkt ist auch ein Flughafen. Den nehme ich, und keinen anderen!", sage ich laut und bestimmt. Es klickt im Lautsprecher.
„Der andere Wegpunkt ist in der Tat ein Flughafen. Aber ich warne dich. Es ist ein langer Flug. Den Zuschauern könnte langweilig werden. Dann wäre ich gezwungen, für Abwechslung zu sorgen, wenn du weißt, was ich meine", dröhnt Plutarch Stimme mit einem zynischen Unterton aus dem Cockpitlautsprecher.

Das ist also die Wahl – entweder Warteschleifen fliegen und innerhalb der nächsten Stunde in Distrikt 4 landen, oder zum anderen Flugplatz fliegen und in zwei Stunden vorspielen, dort zu landen, in Wahrheit aber nach Distrikt 13 abdrehen und hoffen, dass wir genug Sprit haben, und dass niemand ein frisiertes Hovercraft hervorholt, und uns damit vom Himmel pustet.

Mir ist klar, dass ich diese Entscheidung nicht alleine treffen kann.
„Was meint ihr? Landen wir in Distrikt 4, oder nehmen wir den anderen Flugplatz?" frage ich in die Runde.
„Was bringt es uns, wenn wir weiterfliegen?", fragt Katniss.
„Eine Stunde mehr Zeit, um uns zu überlegen, was wir tun".
„Dann fliegen wir weiter", stellt Katniss fest.
„Breck, was ist mit dir?"
Der Junge nickt mir zu. „Weiterfliegen".
Ich drehe mich zu Finch um.
„Ich bin auch für weiterfliegen. Einen Stunde mehr ist eine Stunde mehr. Wir werden uns schon etwas einfallen lassen, um die Zuschauer zu unterhalten".

Clove bricht in spöttisches Gelächter aus.
„Glaubt ihr ernsthaft, dass euch die Spielmacher in Ruhe lassen werden, wenn ihr nur genug Witze reißt oder einen Totentanz hinten in der Kabine veranstaltet? Nein, sie werden euch nicht durchkommen lassen. Ihr werdet alle sterben!"
„Wenigstens sterben wir nicht als Marionetten des Kapitols!", entgegne ich scharf. Beinahe hätte ich gesagt, und du stirbst mit uns.
„Wenn es euch damit besser geht, bitte", sagt Clove zynisch.
„Ja, es geht uns besser so. Weil wir dann eine Stunde mehr Zeit haben, um zu überlegen, was wir mit dir tun", fährt Finch Clove an.
„Was wollt ihr mit mir schon groß tun? Mich foltern, damit ich euch ein paar tolle Geschichten erzähle? Wohl kaum!" spottet Clove.

„Aufhören!", ruft Katniss dazwischen. „Das bringt uns doch alles nicht weiter!" Wo sie recht hat, hat sie recht.
„Stimmt", pflichte ich ihr bei. „Was wir mit Clove tun, steht auf Punkt 40 der Liste. Wir sind leider erst bei Punkt 3 – und der lautet, wie sorgen wir dafür, dass Marina überlebt!"
Breck nickt mir anerkennend zu.
„Wer ist Marina?" fragt Katniss.
„Marina ist die Partnerin von Breck hier, Tributin aus Distrikt 4. Wir haben sie schwer verletzt in der Kabine gefunden. Finch hat sie verarztet", erkläre ich.
„Ich bin aus Distrikt 5. Breck und ich haben mit Peter ein Bündnis geschlossen", fügt Finch hinzu.

„Da siehst du, was dein Peter für einer ist. Anstatt auf schnellstem Weg ins Cockpit zurück zu kommen, um dich zu retten, betrinkt er sich, turtelt mit dem Rotschopf hier herum, lässt sich von der herzzerreißenden Lebensgeschichte eines Zwölfjährigen einlullen und hat dann nichts Besseres zu tun, als dem Miststück aus Vier zu helfen", äzt Clove.
„Marina ist kein Miststück!" entgegnet Breck. „Du bist eines – du hättest Marina fast getötet!"
Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass der Junge den Tränen nahe ist.
„Was hätte ich denn tun sollen? Mich von ihr abstechen lassen?" gibt Clove zurück.
„Schluss damit!", ruft Katniss laut. „Clove, hör auf so über Peter zu reden. Er ist rechtzeitig gekommen, nur das zählt. Er wird seine Gründe gehabt haben, das zu tun, was er getan hat".

Clove wirf Katniss einen spöttischen Blick zu.
„Oh, bist du jetzt so verliebt in deinen Peter, dass du ihn auch noch in Schutz nimmst?"
Katniss funkelt böse zurück. „Woher willst du wissen, dass ich in Peter verliebt bin? Selbst wenn, geht dich das nichts an!"

Schön langsam geht mir die Streiterei auf die Nerven. Das letzte, was ich brauche, ist eine allgemeine Diskussion über das Verhältnis zwischen mir und Katniss. Ich weiß ja selber noch nicht genau, was ich daraus machen soll.

„Ruhe jetzt! Alle beide!" ruft Finch dazwischen. „Für so etwas haben wir keine Zeit!"
Sie hebt mahnend den Zeigefinger.
„Clove, entweder du sagts etwas Sinnvolles, oder du hältst den Mund. Sonst kleb ich ihn dir eigenhändig mit Klebeband zu".
Danke. Clove sieht Finch mit einem Blick an, der beinahe töten könnte, verhält sich aber ruhig. Die Vorstellung, den Rest des Fluges mit einem Stück Klebeband über dem Mund verbringen zu müssen, scheint sie zur Vernunft gebracht haben.

Plötzlich weicht das helle grau vor der Windschutzscheibe einem strahlend blauen Himmel. Warmes Sonnenlicht fällt durch das rechte Cockpitfenster, während unter uns ein gleißend heller Wolkenteppich zurückbleibt, aus dem links von uns sich einzelne Wolkentürme etliche tausend Fuß über uns erstrecken. Breck starrt mit offenen Augen auf die Szenerie, die selbst erfahrene Flieger immer wieder zum Staunen bringt. Ich greife zum Überkopfpanel und schalte die Enteisung und Triebwerkszündung aus.

„Das ist wunderschön", sagt Breck mehr zu sich selbst. Auch Katniss starrt nach vorne aus dem Fenster.
„Peter, wie oft hast du so etwas schon gesehen?"
Ich drehe mich um.
„Bestimmt schon tausend Mal. Es ist aber jedes Mal aufs Neue faszinierend", entgegne ich.
„Bist du deswegen Pilot geworden?"
„Unter anderem. Weiß du noch, was ich dir über den engl…über den Nebel zu Hause erzählt habe?"
„Ja. Wie du das erste Mal mit einem Flugzeug durch den Nebel gestiegen bist. Jetzt kann ich mir vorstellen, was du dir dabei gedacht hast".

Plötzlich klickt es im Lautsprecher.
„Aha, da haben wir es also. Unser Kandidat aus Distrikt 12 weiß offenbar mehr über sein Zuhause als seine Partnerin. Vielleicht liegt das auch daran, dass er gar nicht aus Distrikt 12 ist. Vielleicht kann es ja sein, dass es vom anderen Ende der Welt kommt, und sich nur als Bewohner von Distrikt 12 ausgegeben hat, um dort ein Mädchen besuchen zu können. Er ist auch keine 17, sondern in Wahrheit 23 Jahre alt", dröhnt Plutarchs Stimme süffisant durchs Cockpit. Breck starrt mich wortlos an.

Sie haben es die ganze Zeit gewusst! Jetzt wird mir klar, warum ich trotz der verschwindend geringen Chance zusammen mit Katniss gezogen worden bin. Das Kapitol wollte es so, weil es mir einen Denkzettel verpassen wollte. Und ich habe Katniss womöglich auch noch mit rein geritten!

„Nun, mein lieber Peter, nachdem du uns alle offenbar für dumm verkaufen wolltest, werden wir uns für dich leider eine Strafe einfallen lassen müssen. Dir ist doch hoffentlich klar, dass du damit nicht durchkommen wirst, oder?" beendet Plutarch seinen Monolog.

Es fühlt sich an, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Was habe ich mir gedacht! Als ob das Kapitol es eine Sekunde lang glauben würde, dass ich aus Distrikt 12 bin! Gut, ich habe damit gerechnet, dass man vermuten wird, dass ich woanders herkomme, aber dass sie mein Alter ebenfalls kennen schockiert mich. Womöglich wissen sie auch, dass ich aus Europa komme, und für Distrikt 13 arbeite. Der Einsatz wurde soeben massiv erhöht. Jetzt kann ich es mir unter keinen Umständen leisten, irgendwo anders außer in Distrikt 13 zu landen. Wenn ich in Panem lande, und die Fortsetzung der Hungerspiele am Boden überlebe, werden sie mich so lange ausquetschen, bis sie alles wissen. Das darf nicht passieren.

Und ich muss für den Fall vorsorgen, dass mir etwas zustoßen könnte. Dann wäre Clove die Einzige an Bord, die die DC-8 einigermaßen fliegen könnte. Daran muss ich etwas ändern.

„Katniss, übergib jetzt bitte Finch deinen Platz. Du kommst zu mir nach vorne".
„Was hast du vor?" fragt Katniss.
„Ich will dir einen kleinen Crashkurs verpassen, wie man eine DC-8 fliegt".

Anmerkungen:

1) Ram Air Temperature (RAT) ist die Temperaturanzeige, die man erhält, wenn man die Temperatur mit einer Fühler im Luftstrom misst. Die Luft trifft mit mehreren hundert Knoten Strömungsgeschwindigkeit auf den Fühler, und wird dabei praktisch zum Stillstand abgebremst. Dabei wird die Luft komprimiert, wodurch sie sich erhitzt. Daher wird eine höhere Temperatur angezeigt. Es kann dann vorkommen, dass z.B. die ruhende Luft bereits Minusgrade hätte, das Thermometer aber trotzdem noch Plusgrade anzeigt. Da hinsichtlich Vereisung am Flugzeug die RAT relevant ist, wird dieser Wert in den Vorschriften bzgl. Enteisung benutzt.

2) Anders als bei einem Verbrennungsmotor im Auto läuft die Verbrennung des Treibstoffes in einem Jettriebwerk kontinuierlich, wie bei einem Öl- oder Gasbrenner bei der Heizung zu Hause. Die Zündkerzen dienen nur dazu, die Verbrennung in Gang zu setzen, und können dann abgeschaltet werden. Beim Flug durch Niederschlag, Turbulenzen oder bei Vereisungsgefahr wird die Zündung als Vorsichtsmaßnahe eingeschaltet, um das Risiko eines Flammabrisses (Flameout) zu minimieren.

3) Das Tanksystem der DC-8 ist relativ komplex. Es gibt vier Haupttanks, vier zugehörige Reservetanks (Alternate Tanks), und zwei Hilfstanks im Rumpfbereich (Forward auxiliary und Center wing auxiliary). Für die Treibstoffmenge, die ich in dieser Geschichte an Bord habe, sind nur die vier Haupttanks sowie die äußeren Alternate Tanks (1 und 4) gefüllt.