Ich löse meine Anschnallgurte und schiebe den Sitz nach hinten.

„Breck, du kannst jetzt nach hinten zu Marina gehen", sage ich zu dem Jungen neben mir auf dem Pilotensitz.
„Finch, du schaust dich um, ob hier irgendwo eine Armbrust herumliegt. Die nimmst du dann statt der Signalpistole!"

Das Klicken von Gurtschlössern schallt durch das Cockpit, das auf einmal wie ein wildgewordener Bienenschwarm wirkt. Ich warte, bis Breck aus dem Weg ist, und wechsle dann schnell den Sitz.

„Los, setz dich hier hin", bedeute ich Katniss und zeige auf den leeren Copilotensitz. Breck ist inzwischen nach hinten verschwunden. Als Katniss in den Sitz klettert, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sie ihr Gesicht vor Schmerz verzerrt. Ihre Verbrennungen.

„Ist es sehr schlimm?" frage ich.
„Zum Lachen ist es nicht gerade", meint Katniss.
„Willst du eine Schmerztablette nehmen? Wir haben hinten ein paar gefunden. Gutes Zeug aus Europa". Jetzt klinge ich schon wie ein Pharmavertreter.
„Wenn es was nützt…", zuckt Katniss mit den Achseln.

Ich drehe mich zu Finch um, die gerade mit Cloves Armbrust hantiert.
„Los, geh nach hinten und hol die Schachtel Naproxen aus der Bordapotheke. Und schau, ob du in der Bordküche etwas zu trinken findest. Und gib mir einstweilen die Armbrust, für alle Fälle!"
„Hier. Aber pass auf, sie ist noch geladen", warnt mich Finch und reicht mir die Armbrust.
„Weiß ich." Ich deute nach hinten. „Ich komme hier klar. Hol du die Tabletten, schau kurz nach Marina und komm dann zurück".
„Mach ich", antwortet Finch.

Damit sind Katniss und ich nun allein im Cockpit, abgesehen von Clove, die mit Handschellen gefesselt am Navigatorensitz das Geschehen stillschweigend über sich ergehen lässt. Ich lege die Armbrust auf die Ablage links neben meinem Sitz. Katniss ist gerade damit beschäftigt, sich am Copilotensitz anzuschnallen. Mittlerweile hat sie den Dreh raus, wie die in der Luftfahrt üblichen Zentralschlösser funktionieren.

„Glaubst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?" fragt Katniss etwas unsicher.„Dass ich das Steuern probiere?"
„Keine Angst, es ist ganz harmlos. Ich bin ja da", versuche ich sie zu beruhigen.

Ich deute auf den Sitzverstellhebel.
„Katniss, zieh diesen Hebel nach oben und rücke den Sitz so weit nach vorne, dass du das Steuerhorn bequem greifen kannst und mit den Füßen die Pedale erreichst", weise ich sie an. Wortlos greift Katniss nach dem Hebel und schiebt den Sitz ein Stück nach vorne, streckt probeweise Arme und Beine nach den Steuerorganen aus und rückt noch ein Stück nach vorne.

„Ich glaube, so müsste es gehen", meint sie.

„Gut. Als erste möchte ich, dass du beide Hände aufs Steuerhorn legst, genauso wie ich es tue", beginne ich. „Spürst du, wie es sich leicht hin und her bewegt?" Katniss nickt mir zu. „Das ist der Autopilot. Wie du siehst, reichen kleine Korrekturen, um die Fluglage zu halten. Jetzt schau auf den Bildschirm direkt vor dir. Das ist der künstliche Horizont. Er zeigt dir die Fluglage an", setze ich fort.

„Meinst du dieses Ding, was oben blau und unten gelb ist?" fragt Katniss.

„Genau das. Die blaue Fläche ist der Himmel, also oben, die gelbe der Boden. In der Mitte siehst du ein angedeutetes Flugzeugsymbol mit zwei waagrechten Strichen als Tragflächen und einem kleinen schwarzen Rechteck in der Mitte als Rumpf. Was meinst du, wie liegt das Flugzeug gerade in der Luft?"

Katniss überlegt kurz, versucht, die Anzeige zu interpretieren.

„Ich würde sagen, wir fliegen geradeaus, und ein wenig nach oben".
„Sehr gut. Genauso ist es. Siehst du das rosafarbene Kreuz in der Mitte?"
„Ja. Was ist das?"

„Das ist der Flight Director. Der sagt dir, wohin du das Flugzeug steuern sollst. Wenn die beiden Kreuzbalken in der Mitte sind, bist du auf Kurs. Wenn der senkrechte Balken außerhalb der Mitte steht, muss du eine Kurve auf den Balken zu fliegen. Wenn der waagrechte Balken oberhalb der Mitte steht, musst du das Flugzeug hochziehen, wenn er unterhalb steht, nachdrücken", erkläre ich.

„Nicht so viel auf einmal!", wehrt Katniss ab. „Wie mache ich das, dieses Hochziehen und Kurven fliegen?"

„Ganz einfach", antworte ich. Eine Kurve fliegst du, indem du das Handrad des Steuerhorns ein Stück in die gewünschte Richtung drehst, und zwar so lange, bis du ungefähr 20 oder maximal 30 Grad Schräglage hast. Dann bringst du das Handrad in Mittelstellung. Folge einfach dem Balken. Du musst das Handrad zum Ausleiten in die Gegenrichtung drehen. Ok?"

„Mal sehen", grübelt Katniss.

„Um den Bug zu heben, ziehst du das Steuerhorn zu dir heran. Zum Senken drückst du es nach vorn. Die Pedale brauchst du im Moment nicht, also lass die Füße erst mal weg", erkläre ich.

„Soll ich es mal versuchen?"
„Wenn du soweit bist?"
„Gut, was haben wir schon zu verlieren!", sagt Katniss achselzuckend.

„Also dann – auf der rechten Seite des Handrads findest du einen kleinen Knopf mit der Aufschrift „Autopilot Release". Den drückst du", weise ich sie an. Zögernd sucht Katniss nach dem Knopf. Ein Alarm schrillt durch das Cockpit.

„Nicht schrecken, das ist nur der Autopilot-Alarm. Drück den Knopf noch einmal, dann ist er aus!"

Der Alarmton verstummt. „Jetzt fliegst du die Maschine", sage ich aufmunternd. „Halt sie einfach gerade, mach nur ganz kleine Korrekturen. Konzentriere dich auf die rosafarbenen Balken".

In den ersten Sekunden fliegt die Maschine ruhig und unbeeindruckt weiter. Dann sackt die rechte Tragfläche in einer leichten Turbulenz ein wenig ab.
„Katniss, du musst nach links steuern!", rufe ich. Mit einem kräftigen Ruck dreht sie das Handrad nach links. Die DC-8 rollt durch die Neutrallage in eine Linkskurve.

„Oha, nicht so wild!", rufe ich Katniss zu, und halte meine Hände bereit, um notfalls das Steuer zu übernehmen.
„Tut mir leid, ich wusste nicht, dass die gleich so heftig reagiert", murmelt Katniss abwehrend.
„Macht nichts. Dreh das Handrad jetzt ein wenig nach rechts, bis die Tragflächen wieder waagrecht sind".

Wieder betätigt Katniss das Handrad, diesmal aber mit mehr Gefühl. Sie schießt leicht über die Neutrallage hinaus, korrigiert aber rasch.

„War das so besser?"
„Auf jeden Fall".
„Geht ganz schön streng, diese Steuerung", merkt Katniss an.

Mädchen, die haben dieses Flugzeug für Typen wie den Marlboro-Man und John Wayne gebaut. Damals hat keiner daran gedacht, dass jemals eine Sechzehnjährige eine Düsenmaschine fliegen könnte.

„Das ist so gewollt", erkläre ich. „Damit übermütige Mädchen wie du nicht zur wild an der Steuerung herumreißen".
Katniss sieht mich mit einem verschmitzten Lächeln an und gibt mir einen leichten Klaps auf den rechten Arm.
„Ich werd dir gleich was mit übermütig geben!" Ihr Blick wandert über meinen Arm zu den verbundenen Händen.
„Was ist dir denn da passiert?"
„Das willst du gar nicht so genau wissen", entgegne ich, „sagen wir einfach, es war eine leichte Überreaktion auf ein gewisses gar nicht lustiges Hörspiel. Da haben dann ein paar Flaschen und ein Teil der Bordküche dran glauben müssen".
„Das nennst du eine leichte Überreaktion? Ihr Br..du hast es wirklich mit deinem Hang zur Untertreibung. Liegt das bei euch in der Familie?" gibt Katniss zurück.
„Eigentlich nicht. Meine Familie, also zumindest meine Mutter, macht aus jeder Mücke einen Elefanten". Ich deute auf Katniss Verbrennung.
„Wenn sie dich so sehen würde, würde sie auf der Stelle den Notruf anrufen, dabei vor lauter hysterischem Schreien nicht einmal die Adresse verständlich raus bringen, und nebenher die ganze Nachbarschaft samt der lokalen Presse binnen fünf Minuten an der Türschwelle versammelt haben".

Ein Lächeln huscht über Katniss Gesicht, während sie sich die Szene vorzustellen versucht. Dann bricht sie in prustendes Gelächter aus.

„Das muss bei euch zu Hause ja wie in einem Irrenhaus gewesen sein!"
„Ja, so könnte man das bezeichnen", entgegne ich.

Ich werfe einen Blick auf den künstlichen Horizont. Die Maschine ist in einer leichten Linkskurve, und die Nase ist ein Stück zu tief.

„Katniss, pass auf die Fluglage auf", ermahne ich sie. Für einen Moment scheint sie zu überlegen, wie sie korrigieren soll. Dann dreht Katniss das Steuer sanft nach rechts, auf den Balken des Flight Directors zu.
„Genau so ist es gut. Und jetzt zieh das Steuerhorn ein klein wenig zu dir heran!"
Ich überfliege die restlichen Instrumente. Der Kurs ist gut, die Geschwindigkeit liegt bei 305 Knoten, leicht über dem Zielwert von 300. Die Triebwerksleistung…sie ist etwas zu niedrig. Ich schiebe die Schubhebel ein Stück nach vorne.

Da die Triebwerke der DC-8 unterhalb des Schwerpunkts liegen, führt eine Schuberhöhung zu einem Moment in Richtung „Nase hoch". Katniss weiß das natürlich nicht, weshalb sie die plötzliche Lastigkeitsänderung völlig überraschend trifft. Die Flugzeugnase klettert über den Sollwert nach oben, der Flight Director-Balken zeigt an, dass Katniss nachdrücken muss. Mit etwas Verzögerung drückt sie das Steuerhorn nach vorne. Ich spüre, wie die Schwerkraft nachlässt.

Erschrocken lässt Katniss das Steuerhorn in die Mittellage zurückschnellen. Die Nase geht wieder nach oben, und Katniss korrigiert abermals, wieder eine Spur zu heftig. Ich beschließe, ihr noch eine Chance zu geben, ehe ich eingreife, um die sich aufschaukelnde Oszillation der Flugbahn zu beenden.

„Sie will dauernd nach oben", beschwert sich Katniss, und stößt das Steuerhorn frustriert nach vorne.
„Nicht so heftig!" rufe ich.
„Sie bringt uns noch alle um!", zetert Clove von hinten.

Als sich eine neuerliche Oszillation ankündigt, greife ich nach dem Steuerhorn.
„Ich hab sie!", rufe ich Katniss zu, und stabilisiere die Maschine mit kleinen Ausschlägen, bis die Flugzeugnase wieder den richtigen Anstellwinkel einnimmt. Dann betätige ich kurz den Trimmschalter am Steuerhorn, um die DC-8 neu auszutrimmen.

„Alles wieder unter Kontrolle", sage ich. „Jetzt bist du wieder dran!"
Zögernd greift Katniss nach dem Steuerhorn.
„Glaubst du immer noch, dass es eine gute Idee ist, wenn ich fliege?"

Habe ich eine Alternative? Mir ist klar, dass ich Katniss in der verfügbaren Zeit kaum mehr beibringen kann als die Maschine einigermaßen auf Kurs und in der Luft zu halten. Aber bevor wir die nächsten zwei Stunden nur herumsitzen und abwarten, will ich es wenigstens versuchen.

„Was bleibt uns anderes übrig? Falls sie mir etwas antun, ist außer Clove niemand mehr da, um das Flugzeug zu fliegen. Ich will, dass du wenigstens soweit Bescheid weißt, dass du Clove auf die Finger schauen kannst, damit sie keinen Unfug macht", entgegne ich.

„Warum sollten sie gerade dir etwas antun?"
„Hast du den Typen vorhin nicht gehört?"
„Schon", entgegnet Katniss, „aber was sagt dir, dass er damit meint, dass er dich körperlich verletzen will?" Ihre Stimme senkt sich zu einem Flüstern.
„Viel eher werden sie einem von uns etwas antun, um dich fertig zu machen."

Erinnerungen an das grausige Schauspiel um Katniss angeblichen Tod werden auf einen Schlag wach. Sie hat recht. Es würde den Spielmachern nicht viel bringen, mich zu verletzen oder zu töten. Das wäre plump und langweilig. Wenn sie mich wirklich bestrafen wollen, würden sie Katniss töten. Oder wenn es nicht so dramatisch sein soll Breck oder Finch. Einfach um mir zu zeigen, dass sie mich am Ende doch in der Hand haben.

Ich nicke Katniss wortlos zu. Besser, wir diskutieren das nicht vor den Mikrofonen der Spielmacher aus. Eine kurze Kontrolle der Instrumente – Höhe 24.300 Fuß, Geschwindigkeit 300 Knoten, Außentemperatur -35°C, RAT –11°C, Machzahl 0,707, Kurs 029, Triebwerksleistung eingestellt auf Steigflug, 1.86 EPR. Ich beuge mich nach rechts und drücke einen kleinen Knopf mit der Aufschrift „Max. EGT Recall". Die Zeiger der vier Abgastemperaturanzeigen schnellen auf den gespeicherten Höchstwert.

Ich lese die Werte ab. Triebwerk eins 595°C, Triebwerk zwei 605°C, Triebwerk drei 590°C und Triebwerk vier 600°C. Autsch! Das Limit wäre bei 555°C, wobei zwischen 555°C und 600°C für fünf Minuten zulässig wären. Mein Overboost-Manöver hat uns zwar den Arsch gerettet, aber dafür die Turbinen gegrillt. Ein Triebwerk, welches über 600°C erreicht hat, müsste ich laut Handbuch aus Sicherheitsgründen abstellen. Aber das kann ich mir momentan nicht leisten. Mit nur drei Triebwerken müssten wir in niedrigerer Höhe und langsamer fliegen, und dabei mehr Treibstoff verbrauchen. Ich beschließe, Nummer zwei trotz der Grenzwertüberschreitung erst einmal weiterlaufen zu lassen.

Diese Pratt&Whitneys wurden noch nach guten alten Ingenieursmaßstäben gebaut, mit ausreichend konstruktiven Reserven. Trotzdem, falls wir es zurück nach Distrikt 13 schaffen, wird mir Beetee dafür die Ohren lang ziehen.

„Was schaust du da?", fragt Katniss plötzlich.
„Nur die Abgastemperatur der Triebwerke. Ich musste beim Durchstarten die maximal mögliche Leistung nutzen, da wurde es den Turbinen etwas zu heiß."
„Ist es das, was Clove mit diesem over…irgendwas gemeint hat?"
„Overboost. Ja, das ist es. Mehr Schub als vom Hersteller erlaubt, und damit verbunden eine zu hohe Abgastemperatur", erkläre ich.
„Das heißt, du hast die Triebwerke irgendwie zu sehr belastet, oder?"
„Genau. Aber die sind robust und sollten das eine Mal wegstecken."

Katniss wendet sich wieder den Instrumenten zu. Mittlerweile hat sie den Dreh einigermaßen raus, was sie tun muss, um die Flight Director-Balken zu zentrieren. Als ich noch bei Fedex arbeitete, hatte ich öfter Bekannte in den Flugsimulator eingeladen. Mit vorheriger Einweisung konnte jeder die DC-8 einigermaßen passabel in der Luft halten, und unter Idealbedingungen sogar landen, sofern ich sie regelrecht „herunterbetete". Leider kann ich jetzt mit Katniss keine Landeanflüge üben – wir müssen Strecke machen.

Ich kontrolliere die Treibstoffanzeige. 44.000 Pfund. Der Flight Management Computer sagt, dass wir am nächsten Wegpunkt noch 23.000 Pfund Treibstoff haben werden. Was ich jetzt bräuchte, wäre eine Karte, um abschätzen zu können, wie weit es von dort nach Distrikt 13 ist. Dem Gefühl nach müsste der Flugplatz, den wir gerade ansteuern, irgendwo im Bereich der großen Seen sein. In Distrikt 10. Von dort können wir mit 23.000 Pfund Treibstoff Pi mal Daumen den Flugplatz von Distrikt 13 sogar mit Reserven erreichen.

Ein zufriedenes Lächeln huscht über mein Gesicht. Wenn wir die Spielmacher jetzt irgendwie hinhalten können, bis zum Flugplatz fliegen, und dann plötzlich nach Osten abdrehen und mit Höchstgeschwindigkeit nach Distrikt 13 fliegen, könnten wir es tatsächlich schaffen. Eine Aufholjagd von hinten wäre unmöglich, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das Kapitol östlich von Distrikt 10 keine Hovercrafts oder andere Luftfahrzeuge stationiert hat.

Trotzdem wäre eine Karte nett.

„Katniss, sieh mal nach, ob du in der Ablage neben dir so etwas wie eine Karte finden kannst. Ich übernehme so lange die Maschine!"
Sie nickt mir zu und beginnt, die Ablage zu durchsuchen.
„So etwas hier?", fragt Katniss und reicht mir eine gefaltete Karte. Es ist eine Übersichtskarte Panems, mit allen aktiven Flugplätzen. Ein Geschenk der Spielmacher offenbar, denn offiziell hatten wir nicht einmal ein Distrikt 13 eine solche Karte. Wir kannten nur den Flugplatz in Distrikt 12 und eine alte Militärbasis im Niemandsland nördlich von Distrikt 12.

„Genau so etwas habe ich gesucht", antworte ich. „Du übernimmst die Maschine."

Ich drücke ein paar Tasten am FMC, lasse mir die Kennung des Flugplatzes anzeigen. KFWA steht dort. Ich falte die Karte vor mir auf und überfliege den Bereich der großen Seen. Tatsächlich, KFWA. Genau zwischen Lake Michigan und Lake Erie, nur ein Stück südlich der beiden Seen. Im nordöstlichen Eck des früheren U.S. Bundestaates Indiana. Und damit innerhalb der mit 23.000 Pfund Treibstoff machbaren Reichweite. Ich falte die Karte zusammen.

„Katniss, ich weiß jetzt, wo wir hinfliegen. Nach Distrikt 10", merke ich an.
„Und was bringt uns das?" entgegnet Katniss.
„Wir wissen, woran wir sind. Das ist am Nordrand Panems. Was immer geschieht, dort wird die Sache enden, auf die eine oder andere Weise", sage ich.

Zu gerne würde ich Katniss in meinen Plan einweihen. Aber solange das Kapitol zuhört, kann ich das nicht tun. Ich muss mir alles im Stillen überlegen, und dann zum passenden Zeitpunkt die Flucht nach vorne antreten. Katniss wissender Blick sagt mir, dass sie anscheinend verstanden hat, wie ich es gemeint habe. Dass wir uns nicht ergeben werden, und uns nicht vom Kapitol fangen lassen. Ich glaube zu wissen, dass Katniss lieber sterben würde, als sich einsperren und foltern zu lassen. Ich weiß, wie sehr sie das Kapitol verabscheut, für alles, was es den Distrikten antut. Welche Angst sie um ihre Schwester hatte, dass sie in die Hungerspiele muss.

Wenn ihr Tod das Ende der Hungerspiele mit sich bringen würde, wenn er die Rebellen mobilisieren und zur Niederlage des Kapitols führen würde, wäre sie die Erste, die diesen Preis zu zahlen bereit wäre. Breck wahrscheinlich ebenso. Nicht unbedingt weil er das Kapitol hasst, aber weil er nicht allzu viel zu verlieren hat. Gewinnen kann er nicht, und ohne Sieg keine Therapie. Ohne Therapie ist er in ein oder zwei Jahren tot.

Marina? Ihre Chancen stehen so oder so schlecht. Mal sehen, was Finch zu ihrem Zustand sagt. Und Finch? Schwer einzuschätzen. Irgendetwas an diesem Mädchen ist merkwürdig, ich weiß nur noch nicht, was genau. Ihre kühle und unemotionale Art wirkt ein wenig aufgesetzt, sie rennt manchmal ein wenig wie ferngesteuert durch die Gegend und weiß trotzdem immer genau, was zu tun ist. Es kann ein Schock sein, ausgelöst durch das Grauen auf dem Schlachtfeld in der Kabine, oder auch etwas anderes. Eine Persönlichkeitsstörung vielleicht? Ich bin kein Psychiater, und ich bin betrunken. Vielleicht interpretiere ich nur mehr hinein, als da eigentlich ist.

Egal. Ich kann nur hoffen, dass Finch hinter meinem Plan steht. Wir werden alles tun, um lebend nach Distrikt 13 zu kommen. Und wenn nicht, werden wir mit einem großen Knall untergehen, als freie Menschen, aus eigenem Willen, und das Kapitol wird daran nichts ändern können. Wir werden uns nicht dazu zwingen lassen, uns gegenseitig zu töten, oder uns vom Kapitol verhaften lassen. Besser ein Ende mit Schrecken, als Schrecken ohne Ende.

Anmerkungen:

1) Dass auch Laien einen Jet fliegen können, wurde und wird mit diversen kommerziell angebotenen Simulatorflügen bewiesen. Es gibt auch ein Youtube-Video, wo eine Frau eine echte Boeing 757 auf einem Überstellungsflug steuert, siehe watch?v=z40Tszh7ewM

2) Der Flughafen mit der Kennung KFWA heißt in real life Fort Wayne, und liegt an der beschriebenen Stelle. Der Flughafen von Distrikt 13 hat ebenfalls ein reales Vorbild und liegt nördlich von New York.

3) Die Treibstoffberechnung wurde mit Jeppesen Flight Map und mithilfe eines DC-8 Manuals gemacht. Es ist eine überschlägige Berechnung.