Der Höhenmesser passiert 39.000 Fuß. In den vergangenen rund zehn Minuten habe ich versucht, Katniss so viel wie möglich beizubringen. Sie weiß jetzt, wo sie Höhe, Geschwindigkeit und Kurs ablesen kann, und wie sie die Maschine austrimmt. Jetzt nähern wir uns der geplanten optimalen Reiseflughöhe von 40.000 Fuß für unser aktuelles Gewicht, berechnet vom Flight Management Computer.

„Noch 1.000 Fuß", sage ich zu Katniss. Sie nickt mir kurz zu. Irgendwie war sie die letzten Minuten ein wenig kurz angebunden. Wahrscheinlich fordert sie das Steuern zu sehr, um noch große Reden zu schwingen. Trotzdem, es ist fast ein wenig so wie damals, als ich sie das erste Mal gesehen habe. Als wir durch den Wald zum alten Flugplatz von Distrikt 12 marschiert sind, um die Landebahn zu inspizieren.

Boggs war vorher mit zwei Soldaten in ihrem Haus verschwunden. Ich musste draußen warten, und wusste nur, dass sie anscheinend eine Art Führerin holen. Diese Führerin war Katniss. Sie hat mich damals angesehen, als sei ich ihr Feind.
Ich wusste nicht, was sie zu ihr gesagt hatten, aber so wie das Mädchen damals drein schaute, muss es wohl irgendetwas zwischen Kapitolbewohner und Kinderschänder gewesen sein. Die ersten Meilen des langen Marsches hatten im Wesentlichen nur aus Schweigen, unterbrochen von kurzen Kommandos, bestanden. Ich erinnere mich noch, als ich nach zwei oder drei Stunden marschieren dezent eine kurzen Pause vorgeschlagen habe, um eine Kleinigkeit zu essen. „Etwas essen will der feine Herr also. Während meine Mutter und meine Schwester zu Hause hungern, weil ich nicht auf die Jagd gehen kann, weil ich statt dessen mit dir und deiner Truppe hier durch den Wald laufen muss, da kommst du und willst nach ein paar läppischen Meilen etwas essen? Hast du Angst, dass dein Bauch nach innen schrumpfen könnte, oder was?"

Ja, so ist das damals gewesen. Katniss hätte mich am liebsten angespuckt, so voll Verachtung hatte sie mich angestarrt. Jetzt starrt sie zwar nicht mich an, dafür blickt sie stur geradeaus, und macht ein Gesicht, welches entweder „mir passt etwas nicht" zu sagen scheint, oder schlicht ein Resultat aus der Kombination ihrer Schmerzen mit der geistigen Anstrengung durch meine Fluginstruktion nach der Methode „Feuerwehrschlauch" ist. Apropos Schmerzen – wo bleibt eigentlich Finch so lange?

Ich drehe mich um. Keine Spur von von ihr. Clove wirft mir einen spöttischen Blick zu.
„Na, suchst du was? Oder brauchst du ein wenig Ansprache, nachdem deine kleine einsilbige Kohlengräberin ein wenig wortkarg geworden ist?"
„Halt doch einfach den Mund, du bist nicht gefragt!" entgegne ich scharf.
„Ich bin keine Kohlengräberin!" zischt Katniss. „Und vor allem bin ich nicht Peters Kohlengräberin!"
„Doch, das bist du! Das sieht doch jeder!", ruft Clove mit vor Zynismus triefender Stimme.
Katniss sieht mich verwundert an. „Peter, was meint sie damit? Ist da etwas, was du mir sagen willst?"
[Na toll, genau so habe ich mir das nicht vorgestellt. Wenn wir Clove doch bloß ein Stück Klebeband über ihr freches Maul geklebt hätten!
„Ja, genau, raus damit, Loverboy!" wirft Clove ein.

Ich suche nach Worten und finde keine. So wie ich auch früher keine gefunden habe. Oder mir gedacht habe, es wird einen besseren Zeitpunkt geben, um Katniss zu gestehen, was ich für sie empfinde. Am Abend vor der Ernte wäre ich fast so weit gewesen. Aber ich musste ja wieder meinen britischen Humor raushängen lassen, und zu viel von diesem grausigen Gebräu trinken, dass sie am Hob großkotzig als „Whiskey" bezeichnen, das in Wahrheit aber eher wie eine Mischung Dieselöl und Scheibenfrostschutzmittel schmeckt. Ein lustiger Abend, zumindest für Distrikt 12-Verhältnisse, aber eine vergebene Chance. Ich bin immer zu spät. Und jetzt hat man mir die Entscheidung abgenommen.

„Peter, raus damit!", fordert Katniss mit Nachdruck.
„Ich..ähm…nun ja, ich weiß ja nicht, ob du es bemerkt hast, aber ich habe mich in dich verliebt!" stammele ich. Tolle Vorstellung, Peter, echt toll.
Große, graugrüne Augen starren mich an. Eine gewisse Überraschung ist nicht zu verleugnen. Dann zieht Katniss ihre Mundwinkel nach unten.
„Aha. Du liebst mich also so sehr, dass es alle anderen wissen, nur ich nicht!", schreit sie mich an. „Hast du es nicht für nötig gehalten, mich zu fragen, was ich davon halte, bevor du den Verliebten spielst?"
„Ich spiele hier sicher nicht den Verliebten!", entgegne ich.

Das ist es. Ende der Beziehung, bevor sie angefangen hat. Wie bei einer Soap im Privatfernsehen.

„Och, du spielst nicht den Verliebten?" singt Clove wie eine drittklassige Moderatorin einer Verkuppelungsshow. „Natürlich spielst du den! Wie süß es doch war, als du dich gegen die Tür geworfen hast, um deine Katniss zu retten. Wie du dir die Hände in den Scherben zerschnitten hast, auf der Suche nach einem Drink, um deinen Kummer zu betäuben!"
Katniss wirft mir einen musternden Blick zu.
„Stimmt das?"
„Ja, zum Teufel noch mal! Ich hätte gedacht, du bist tot! Verstehst du das?"
„Ich weiß nicht, ob ich das verstehe!", entgegnet Katniss. „Du bist so verliebt in mich, dass du dir vor Verzweiflung die Hände zerschneidest, aber du schaffst es nicht, mir das zu sagen? Sag mir Peter, was soll ich davon halten?"

Ja, was soll Katniss wirklich von mir halten? Selbst wenn sie auch etwas für mich empfindet, nach der Vorstellung muss sie glauben, dass ich entweder ein totaler Idiot oder ein guter Schauspieler sein muss, der glaubt, mit einer vorgespielten Liebesgeschichte irgendwie punkten zu können.

„Das weiß ich nicht. Was hältst du denn davon?" sage ich niedergeschlagen.
„Das ist alles ein bißchen zu viel für mich", sagt Katniss mit ruhigerer Stimme. „Zuerst höre ich, dass du mich hier alleine gelassen hast, weil du einen Drink gebraucht hast, dann, dass du vor lauter Verzweiflung die Bordküche zerlegt hast, und zum Schluss willst du auch noch in mich verliebt sein? Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll!"
„Und du denkst, mir geht es anders?" entgegne ich. „Ich habe gesehen, wie du dich von Clove hast foltern lassen, wie du gesagt hast, sie kann mit dir machen, was sie will, wenn sie mich in Ruhe lässt. Und vor dem Start, als du darauf bestanden hast, dass ich dich notfalls zurücklasse. Das hast du doch nicht alles nur deswegen getan, weil du so selbstlos bist! Oder doch?"

Katniss grübelt.
„Darum geht es gar nicht! Das ist kein Bewerb, wo wir aufrechnen, wer wie viel für den anderen getan hat! Es geht mir nur darum, dass wir ehrlich zueinander sind. Dass wir einander vertrauen können. Peter, wie willst du mich lieben, wenn du mir nicht mal soweit traust, mir das zu sagen? Und zähl jetzt nicht dein erpresstes Geständnis von vorhin als ‚sagen'. Ich kann niemanden lieben, dem ich nicht trauen kann!"
Was meint sie damit schon wieder?
„Und dir ist nicht in den Sinn gekommen, dass ich vielleicht auf einen besseren Moment hätte warten wollen?" gebe ich zurück.
„Welchen besseren Moment hätte es denn deiner Meinung nach geben sollen? Wenn wir beide tot sind? Oder vielleicht doch lieber, bevor der Countdown zu Ende ist?" entgegnet Katniss scharfzüngig.
Der Punkt geht an sie.
„Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, du spielst mir etwas vor! Weil du Angst hast, dass die Spielmacher sonst für Action sorgen, wenn dir nichts Besseres einfällt, als mir Flugunterricht zu geben", schreit mich Katniss an. „Ist es das?"
„Ich spiele dir sicher nichts vor! Was ich gesagt habe, ist die Wahrheit. Ich weiß nicht, wie du darüber denkst, aber ich empfinde eben etwas für dich. Und ich hätte dir das auch gesagt, aber ich habe immer auf den richtigen Moment gewartet!" entgegne ich.
„Dann wäre es besser gewesen, wenn du nicht immer nur gewartet hättest".

Ein trötender Alarmton lenkt meine Aufmerksamkeit wieder auf die wirklich wichtigen Dinge. Der Höhenalarm. Im Eifer des Gefechts hat Katniss den Blick auf den Höhenmesser vergessen und ist über die geplante Höhe von 40.000 Fuß gestiegen. Außerdem hängt die Maschine ein wenig nach rechts. Peter, du musst dich auf das konzentrieren, was jetzt wichtig ist. Es bringt dir nichts, wenn du zwar deine Beziehungsprobleme löst, aber dafür die Maschine in den Spiralsturz geht.

„Ich übernehme!" rufe ich Katniss bestimmt zu, und greife nach dem Steuerhorn. In großer Höhe ist sorgfältiges Fliegen gefragt, und der Grat zwischen zulässigen und unzulässigen Fluglagen ist schmal. Es ist ein wenig wie mit dem Auto auf einer glatten Straße zu fahren. So lange man die Kontrolle behält kein Problem, doch wenn man sie verliert, ist es schwer, sie wieder zurück zu erlangen. Mit Gefühl bringe ich die DC-8 wieder auf Kurs und die richtige Höhe.

Plötzlich höre ich Schritte hinter mir. Es ist Finch.
„Peter, komm besser mal schnell nach hinten. Marina geht es gar nicht gut!"
Die Stimme des rothaarigen Mädchens klingt aufgeregt.
„Was ist passiert?" frage ich.
Finch tritt näher an mich heran, und senkt ihren Blick.
„Marina hat starke Schmerzen. Es sieht wirklich nicht gut für sie aus."
„Und was soll ich dagegen tun? Ich bin kein Arzt!" entgegne ich, während ich die Triebwerksleistung für den Reiseflug einstelle. Zum Glück sind die Werte im FMC eingespeichert. Da ich jeden Tropfen Treibstoff brauchen kann, und ich auch keine besondere Eile habe, nach Distrikt 10 zu gelangen, beschließe ich, eine Leistungseinstellung für „long range cruise" zu verwenden, entsprechend einer Machzahl von 0.78 statt der Standardgeschwindigkeit von 0.80 Mach.
Dann schalte ich den Autopiloten ein, und drehe mich zu Finch um.

Ich mustere ihren Blick. Aus der Nähe betrachtet spricht eine gewisse Niedergeschlagenheit aus ihrem sonst gefühlsstarren Pokerface. Ihre blaugrauen Augen blicken erschöpft Richtung Boden. Dafür, dass sie bisher die ganze Situation kaum beeindruckt zu haben scheint, sieht es so aus, als ob ihr Marinas Zustand wirklich nahe gehen würde.

„Peter, da ist noch etwas. Aber das will Marina dir selber sagen", sagt Finch.
„Und was soll das sein?"
„Ich weiß es nicht. Sie hat gemeint, sie will das nur dir und Breck sagen."
Ich versuche, mir einen Reim darauf zu machen, doch Finch hat wieder ein Gesicht aufgesetzt wie ein japanischer Tourist, bei dem man unmöglich sagen kann, ob ihm der Big Ben jetzt gefällt oder nicht.
„Also gut. Ich gehe kurz nach hinten und rede mit Marina", sage ich. „Katniss, du passt auf, dass der Autopilot keinen Unfug macht. Wenn die Maschine steigt, sinkt oder eine Kurve fliegt, schalt ihn aus und rufe nach mir. Finch, du passt auf Clove auf. Und nichts anfassen, ist das klar?"

Katniss Miene spricht Bände. Sie hält nicht viel von der Idee. Finch nickt mir zu, und holt eine Schachtel Tabletten hervor.
„Katniss, ich hab dir ein paar Schmerztabletten mitgebracht!"
„Schmier dir deine bescheuerten Tabletten in die Haare!" schreit Katniss, und schlägt Finch die Schachtel aus der Hand. Na bravo, der Zickenterror hat uns noch gefehlt.
„Na, dann musst du deine Schmerzen eben weiter aushalten!", äzt Finch. Jetzt fängt sie schon an wie Clove!
„Glaub mir, meine Schmerzen sind im Moment die geringste Sorge! Wir haben ganz andere Probleme. Wir haben nur noch eineinhalb Stunden bis zum Flugplatz, wissen nicht, wie wir dort weitermachen, und alles, worüber ihr beide euch Sorgen macht sind meine Verbrennungen und irgendwelche Geheimnisse von Marina, die uns wahrscheinlich genauso wenig weiterhelfen wie diese Tabletten hier", entgegnet Katniss.

„Also gut", presst Finch heraus, „lassen wir das Gerede. Bei Marina geht es um Folgendes. Sie will sterben, und sie will, dass wir ihr dabei helfen!"
Mir fällt die Kinnlade runter. Ich hätte mit vielem gerechnet, aber damit nicht.
„Und ich soll jetzt entscheiden, ob wir das tun?" frage ich.
„Nun ja, du bist so etwas wie unser Anführer. Und es geht ja auch um Breck. Er hofft noch immer auf ein Wunder, aber das wird es nicht geben", antwortet Finch.
„Bist du dir da sicher?"
Finch legt ihre Hand auf meine rechte Schulter. „Peter, hör zu, Marina hat viel Blut verloren, sie hat innere Blutungen, und es sieht so aus, als ob das Messer ihren Magen oder Darm perforiert hat. Außerdem dürfte sie Rückenverletzungen haben, sie kann ihre Beine nicht bewegen. Selbst wenn sie noch ein oder zwei Stunden durchhält, ich fürchte, sie wird danach bestenfalls für den Rest ihres Lebens im Rollstuhl dahinvegetieren."

„Wenn das so ist, wäre der ein schneller Tod hier und jetzt vielleicht wirklich die beste Lösung", ergreift Katniss das Wort.
„Halt! Nicht so schnell!" entgegne ich. „Zuerst will ich mir Marina selber anschauen und mit ihr reden, bevor wir hier auch nur an aktive Sterbehilfe denken!"
„Von mir aus", meint Katniss. „Aber mach schnell, ja?"
Ich öffne meine Gurte und schiebe den Sitz zurück.
„Ich werde mich beeilen. Und wenn die Maschine irgendetwas Verdächtiges macht, oder wenn irgendein Warnlämpchen aufleuchtet, schreit ihr mir sofort!"

Ich überfliege noch einmal das Instrumentenbrett und mache mich auf den Weg nach hinten. Das ist es wieder, das ungute Gefühl, etwas übersehen zu haben. Aber was? Ich lasse das Chaos in der Business-Kabine links liegen, nehme das Grauen kaum noch wahr. Wie schnell man doch abstumpft, wenn es sein muss. Instinktiv schaue ich durch die Kabinenfenster nach draußen. Nichts als tief blauer Himmel, der nach oben hin in das schwarz-blau der Stratosphäre übergeht. Ich gehe weiter, und schiebe den Trennvorhang zur Touristenklasse zur Seite.

Breck kniet neben Marina am Boden und hält ihre Hand.
„Peter, was machst du da?" fragt der Junge, und starrt mich mit glasigen braunen Augen an.
„Ich wollte mal nach Marina sehen. Finch sagt, es geht ihr nicht gut".
Breck senkt seinen Blick. „Sie hat starke Schmerzen."
Ich knie mich neben dem Jungen hin und lasse meinen Blick über Marinas Körper streifen. Finch hat die Stichwunde im Oberbauch provisorisch mit Wundauflagen abgedeckt, doch mir ist klar, dass das nur Kosmetik ist. Auf Marinas Stirn stehen Schweißperlen, und ihr Gesicht ist fahl und blass, die dunkelbraunen Augen kraftlos.
Finch hat keineswegs übertrieben. Marina liegt im Sterben, und wir können nichts für sie tun.
Plötzlich dreht das Mädchen ihre Kopf in meine Richtung.
„Peter", haucht Marina leise, „kannst du mir einen letzten Wunsch erfüllen?"
Ich nicke und streiche ihr über die Wange.
„Ich…ich kann nicht mehr. Mein Bauch…meine Brust…es tut so weh. Hilf mir zu sterben!" stammelt Marina, zwischen den Worten vor Schmerz nach Luft schnappend.
„Sag doch nicht so was, Marina! Du musst durchhalten! Peter, sag ihr, dass sie durchhalten muss, dass es nicht mehr lange dauert!" fleht Breck mich an.
„Breck, hör zu. Es hat keinen Zweck…ich schaffe es so oder so nicht. Besser ich sterbe jetzt…in Frieden…als durch die Hand der Spielmacher, oder durch Clove", entgegnet Marina. Dann verzerrt sie ihr Gesicht.

Ich bin nicht unbedingt ein Freund aktiver Sterbehilfe, aber dieses Mädchen so leiden zu sehen, stimmt mich doch nachdenklich. Aber ich bringe es nicht fertig, Breck zu sagen, dass es das Beste wäre, seine Freundin zu töten. Ich bin ja nicht einmal selbst davon überzeugt, ob es wirklich das Beste wäre. Wenn sich nachher herausstellen würde, dass es Marina hätte schaffen können, würde ihr Blut für immer auf meinen Händen kleben. Ich weiß nicht, ob ich damit klar kommen würde.

„Marina, denk doch an Breck! Er braucht dich doch! Kannst du nicht noch ein wenig durchhalten?" sage ich.
Das Mädchen schüttelt den Kopf.
„Genau darum geht es ja! Ich bin euch nur eine Last. Und so lange Breck an meiner Seite ist, ist er in Gefahr. Ich will nicht, dass er mit drauf geht, wenn mich die Spielmacher töten!"
„Aber das kannst du doch gar nicht wissen!", entgegne ich. „Wieso sollten die Spielmacher gerade dich töten?"
„Weil es die Leute rühren würde. Weil Breck und ich so etwas wie ein tragisches Geschwisterpaar sind. Ich will nicht, dass das Kapitol bestimmt, wann meine Zeit um ist. Verstehst du das?"
„Marina, bitte, hör auf so etwas zu sagen!", fleht Breck mit Tränen in den Augen. „Bleib bei mir! Was soll ich ohne dich machen?"
„Du kommst schon klar", versucht Marina den Jungen mit dem Wuschelkopf zu beruhigen. „Du musst überleben, dass ist das einzige, was zählt!"
„Aber das ist nicht fair!" entgegnet Breck. „Ich bin derjenige, der sterben sollte. Ich habe doch sowieso nur noch ein oder zwei Jahre zu leben. Du hast dein ganzes Leben noch vor dir!"

Marina schüttelt ihren Kopf.
„Nein, mein Junge. Nicht mehr. Meine Tage sind gezählt. Aber du kannst immer noch alt werden, wenn du deine Therapie machst. Bitte Breck, tu es für mich. Leb dein Leben, und vergiss mich nicht. Das ist alles, was ich mir wünsche!"
„Aber du kannst doch wenigsten versuchen, auch zu überleben!" bettelt der Junge.
„Sieh mich doch an", entgegnet Marina. „Ich kann kaum klar denken vor Schmerzen, ich bekomme schwer Luft, und ich spüre meine Beine nicht. Wenn ich das hier überstehen sollte, dann nur als Krüppel. Nein, so will ich nicht enden!"
„Ich würde mich um dich kümmern!" versichert Breck.
„Nein. Du hast etwas Besseres verdient. Ich will kein Klotz an deinem Bein sein."
Marina sieht mich an.
„Peter, bitte, du musst mich töten. Du oder jemand anderer. Aber bitte, tötet mich!" fleht mich das Mädchen an.
„Nein, das darfst du nicht!" schreit mich Breck hysterisch an, und stößt mich zur Seite. „Niemand tötet meine Marina!"
Ich rappele mich auf.
„Das hat auch keiner vor. Solange ich das Sagen habe, wird niemand getötet. Ich werde schauen, ob ich etwas gegen die Schmerzen auftreiben kann, oder etwas, was Marina schlafen lässt", sage ich.
„Einverstanden", meint Breck.
„Peter", ruft Marina kraftlos, „versprich mir, wenn ihr nichts findet, dann erlöst ihr mich, ja? Und bring Breck in Sicherheit! Er soll nicht alleine hier bei mir sein!"
„Ich gehe nicht weg!", protestiert der Junge.
„Du musst aber!" entgegnet Marina.
„Ich bleibe, solange du atmest!"

Zögernd erhebe ich mich.
„Wo gehst du hin?" fragt Breck.
„Medikamente suchen", antworte ich.
„Beeile dich, ja?" stöhnt Marina und schluckt. „Ich hätte noch einen Wunsch…Breck hat mir gesagt, wir fliegen über unseren Distrikt. Kann ich noch einmal das Meer sehen?"
Ich schüttle meinen Kopf. Tränen steigen mir in die Augen. Da liegt dieses arme Mädchen im Sterben, und ich kann ihr nicht mal ihren letzten Wunsch erfüllen.
„Tut mir wirklich leid. Das Meer ist zu weit weg, und wir können nicht mehr umdrehen. Aber wir waren über Distrikt 4, ganz tief. Vielleicht haben uns die Leute dort sogar fliegen gesehen", sage ich.
„Wo sind wir jetzt?" fragt Breck.
„Irgendwo nördlich von Distrikt 4. Über den Kornfeldern von Distrikt 11 vermutlich."
„Kannst du vielleicht einen Spiegel holen? Dann könnte ich Marina wenigstens die Felder zeigen, und den Himmel", fragt Breck.
„Ich werde schauen, ob ich einen Spiegel auftreiben kann", verspreche ich.

Dann mache ich mich auf den Weg nach vorne. Die Maschine liegt ruhig in der Luft, und wären da nicht die toten Tribute in der Business-Kabine, könnte man meinen, an Bord eines normalen Linienfluges zu sein. Ein lauter Schrei durchbricht das monotone Brummen der vier Pratt&Whitney Turbofans. Nein! Kein neues Problem mit der Maschine, nicht jetzt! Ich eile nach vorne. Noch ein Schrei. Ich kann nicht sagen, wer es ist, der gerade schreit, aber es ist kein Hilferuf. Nein. Es ist ein Schmerzensschrei. Ich stürme ins Cockpit. Für einen Moment tue ich mir schwer, das, was ich sehe, als real zu akzeptieren.

Finch steht, mit Cloves Lötbrenner in der Hand, direkt vor Clove und hält die Spitze der bläulichen Flamme an Cloves Arm. Das Mädchen schreit vor Schmerz auf.
„Und jetzt sag uns, wer dir Fliegen gelernt hat!" schreit Finch sie an, und richtet die Flamme erneut auf Cloves Haut. „Los, raus damit!"
Ich stehe völlig perplex im Rahmen der Cockpittür und versuche die surreale Szene, die aus einem drittklassigen Agentenfilm stammen könnte, zu begreifen. Katniss steht neben Finch und sieht zu.
Clove starrt ihre Peinigerin gehässig an.
„Das kann ich euch nicht sagen!"
Finch hält die Flamme an den Arm des Mädchens. Clove schreit auf.
„Pass auf. Ich brenne dir die ganze Haut vom Körper, wenn du nichts sagst. Also, wer hat dich ausgebildet, und was sind deine Befehle?"
Clove spuckt Finch ins Gesicht. „Das bringst du nicht fertig. Du bist nur ein verängstigtes kleines Mädchen, das sich hinter einem Lötbrenner versteckt. Du kannst mir ein paar Brandblasen zufügen, aber dann wirst du dich weinend irgendwo verkriechen, weil dich dein Gewissen quält!"

Katniss tritt einen Schritt an Clove heran.
„Erzähl du nichts von Gewissen! Wer hat den die ganze Tribute da hinten umgebracht?" schreit Katniss sie an.
Der Geruch verbrannter Haut und Haare überzeugt mich letztlich, dass das, was ich sehe, tatsächlich passiert. Wut steigt in mir auf. Ich stürze nach vorne und reiße Finch den Brenner aus der Hand.
„Schluss jetzt!" fahre ich sie an, und drehe das Gasventil zu. „Seid ihr beide eigentlich komplett verrückt geworden?"

Anmerkungen:

1) Die Machzahl ist das Verhältnis zwischen der Schallgeschwindigkeit und der aktuellen wahren Geschwindigkeit gegenüber der Luft. 0.80 Mach bedeutet, dass man mit 80% der Schallgeschwindigkeit fliegt. In großen Höhen ist die Machzahl das Limit für die höchstmögliche Fluggeschwindigkeit, im Falle der DC-8 0.88 Mach.

2) In großen Höhen ist der Spielraum zwischen der niedrigstmöglichen und höchstmöglichen Fluggeschwindigkeit gering. Unkontrollierte Fluglagen mit starker Geschwindigkeitszunahme oder starker Geschwindigkeitsabnahme können rasch zu Problemen führen. Fliegt man zu langsam, reißt die Strömung ab, wird die maximal erlaubte Machzahl überschritten, entstehen an den Tragflächen Überschall-Schockwellen, die zum Verlust der Steuerkontrolle („mach tuck") und/oder strukturellen Schäden führen können.

3) „Long Range Cruise" ist eine sparsame Geschwindigkeit, mit der sich ein geringerer Treibstoffverbrauch und damit eine größere Reichweite erzielen lässt.