Ich sehe abwechselnd Finch und Katniss an.
„Was habt ihr euch dabei gedacht?" schreie ich sie empört an.
„Wir wollten ihr doch nur ein paar Informationen aus der Nase ziehen!" verteidigt sich Finch.
„Das nennst du ‚Informationen aus der Nase ziehen?' Jemanden mit einem Gasbrenner foltern? Interessante Definition", entgegne ich zynisch.
„Aber irgendetwas mussten wir tun. Wir können nicht ewig warten und darauf hoffen, dass von selber alles gut wird", wirft Katniss ein.
„Und das erste was euch einfällt, ist Clove zu foltern. Was war an meiner Anweisung, auf den Autopiloten aufzupassen, nicht klar genug?" gebe ich ich zurück.
„Reg dich nicht so auf, Katniss hatte die Instrumente immer im Blick", beschwichtigt Finch.
„Das habe ich gesehen. Was glaubt ihr, was passiert wäre, wenn die Maschine plötzlich in den Sturzflug gegangen wäre?" entgegne ich.

Schweigende Gesichter.
„Ich sage es euch. Ihr würdet beide an der Decke kleben, und bevor ihr auch nur irgendein Steuerhorn in den Griff bekommt, wären wir in einem Überschall-Sturzflug aus dem es kein Zurück mehr gibt. Aber natürlich habt ihr daran nicht gedacht, als euch die Idee gekommen ist, ein wenig Jack Bauer zu spielen!"
„Jack wer?" fragt Finch.
„Vergiss es einfach", winke ich ab. Dann wende ich mich an Katniss. „Los, setzt dich wieder in deinen Sitz und pass auf die Maschine auf!"
Sie gehorcht wortlos. Ihre Miene ist schwer zu deuten.

„Und nun zu dir Finch! Ich schätze, die Folter war deine Idee, oder?"
Sie nickt. „Ich hätte gedacht, es wäre gut, wenn wir etwas mehr wissen. Freiwillig wollte uns Clove nichts sagen, also.."
„Also habt ihr euch gedacht, ihr helft mal mit dem Brenner ein wenig nach!" unterbreche ich Finch.
Ich weiß nicht worüber ich mich mehr ärgere. Dass die beiden die Sicherheit der Maschine gefährdet haben, oder dass sie sich gerade als Möchtegern-Karrieros betätigt haben.
„Es war das Naheliegendste. Clove hat immerhin bei Katniss das Gleiche getan, da ist es nur fair, dass sie mal gesehen hat, wie sich das anfühlt!" entgegnet Finch.
„Jetzt verstehe ich, warum Katniss da mitgemacht hat", stelle ich fest und wende mich an Katniss. „Ist es das? Wolltest du dich dafür rächen, was Clove dir angetan hat?"
"Wir wollten doch nur wissen, was gespielt wird", sagt Katniss abwehrend.
„Wirklich? Sei ehrlich zu mir! Da war kein kleines bißchen Rache dabei?"
„Na gut", gibt Katniss zu. „Ein klein wenig schon. Aber die Idee hatte Finch, nicht ich!"

Also ist es wirklich so, wie ich es mir gedacht habe. Finch wollte Informationen aus Clove herausziehen, oder besser „herausbrennen", und Katniss hatte zumindest nichts dagegen einzuwenden. Verständlich, aber in unserer Situation, wo wir doch das Bild vermitteln wollen, die Guten zu sein, nicht besonders geschickt.
„Ich werde euch jetzt einmal etwas erklären", beginne ich. „Ich will genauso wie ihr wissen, was hinter Cloves Flugkünsten steht. Je mehr wir wissen, desto größer sind unsere Chancen. Das bedeutet aber nicht, dass wir jedes Mittel einsetzen können, um uns dieses Wissen zu beschaffen. Sonst sind wir keinen Deut besser als die Karrieros!"
„Keine Angst, das seid ihr so oder so nicht!", ruft Clove. „Wer hatte denn die Idee, alle Tribute durch einen Druckabfall auszuschalten? Ich wohl nicht!"
„Was hätten wir den tun sollen? Uns abschlachten lassen?" entgegnet Katniss.
„Peter und Katniss haben versucht, es so human wie möglich zu machen. Sie wollten niemanden töten", merkt Finch an.
„Sag das mal Cato. Er könnte noch leben, wenn ihr nicht diese wilden Manöver veranstaltet hättet. Er wurde mit dem Kopf gegen die Decke geschleudert, und dann hat ihn dieses Biest aus Distrikt 4 erledigt. Wenigstens macht es die Schlampe auch nicht mehr lang, wie ich gehört habe, und krepiert gerade elendig. Geschieht ihr recht!" äzt Clove mit hasserfüllter Stimme.

„Meint sie Marina?" fragt Katniss.
„Ja, genau die meine ich! Dieses Miststück!" entgegnet Clove.
„Das größere Miststück bist immer noch du!", schreit Katniss zurück. „Und außerdem, wenn jemand an Catos Tod schuld ist, dann er selber. Ihr meldet euch doch immer freiwillig zu den Spielen, weil es für euch eine große Ehre ist, wenn ihr gegen die Schwachen aus den armen Distrikten gewinnt!"
„Was weißt du schon, wie das bei uns ist?" entgegnet Clove verachtungsvoll. „Schon mal daran gedacht, dass wir auch nicht wirklich eine andere Wahl haben? Was es heißt, als Feigling dazustehen? Du hast ja in deinem Bergwerksdistrikt nichts zu verlieren, aber wir schon!"

„Wie meinst du das?" frage ich schnell.
„Sagen wir es mal so – wenn du das Spiel nicht mitmachst, dann darfst du den Rest deines Lebens im Steinbruch Steine schleppen und bekommst als Lohn gerade genug, dass du nicht verhungerst. Du bist das Letzte vom Letzten, und deine Familie auch", antwortet Clove.
„Das bedeutet, ihr werdet entehrt, wenn ihr nicht für die Spiele trainiert und euch nicht freiwillig meldet?" hake ich nach.
„So ist es. Ihr glaubt immer, wir melden uns, weil es uns Spaß macht. In Wahrheit melden wir uns, weil wir für uns und unsere Familien ein besseres Leben haben wollen". Clove wendet ihren Blick Richtung Katniss. „ Wir sind froh, dass wir diese Chance haben, und nicht unser ganzes Leben im Bergwerk schuften und dabei verhungern müssen."

So funktioniert das also mit den Karrieros. Das Kapitol verspricht ihren Distrikten gewisse Vergünstigungen, und erhält im Gegenzug deren Loyalität. Jetzt ist mir klar, warum sich dort Jahr für Jahr genug Freiwillige finden. Welche Wahl haben sie, wenn ihnen sonst die Entehrung ihrer Familie droht. Ich würde nicht in Cloves Haut stecken wollen, wenn sie sich weigert, bei dem Spiel mitzumachen, und ihre Familie deswegen für den Rest ihres Lebens in einer Barracke hausen und bis zum Umfallen schuften muss. Jetzt weiß ich, wie ich Clove anfassen muss.

„Dir ist aber schon klar, dass euch das Kapitol trotzdem verarscht?" wende ich mich an Clove.
„Spinnst du?" fährt mir Finch ins Wort. „Dafür können dich die Spielmacher töten!"
„Die Chance haben sie verpasst", entgegne ich und fixiere Clove, „aber du wärst ihnen voll auf dem Leim gegangen, wenn ich nicht rechtzeitig das Steuer übernommen hätte!"
Clove funkelt mich böse an. „Ja, ja, Peter der große Retter! Du hattest nur Glück!"
„Mag sein. Aber im Gegensatz zu dir wusste ich auch, dass ich noch ein oder zweitausend Pfund Schub pro Triebwerk in Reserve hatte, und die haben den Unterschied gemacht".
„Aber du bist über alle Limits gegangen. Die Triebwerke hätten uns um die Ohren fliegen müssen!" entgegnet Clove.
„Haben sie dir diesen Unsinn vorher erzählt? Dass es ein Triebwerk sofort zerlegt, wenn du ein wenig über die rote Linie gehst?" gebe ich zurück.
Clove schweigt.
„Und wahrscheinlich haben sie dir auch gesagt, dass die Landung in diesem Unwetter, ich korrigiere, harmlosen Regenwetter völlig problemlos möglich ist und selbstverständlich keine bösen Überraschungen in Form einer ausgewachsenen Windscherung im Endanflug auf dich warten, richtig?"

Cloves setzt eine nachdenkliche Miene auf. Da habe ich wohl genau den wunden Punkt getroffen.
„Du bist für die Spielmacher nichts weiter als eine Spielfigur, die sie wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, wenn es sein muss, Loyalität hin oder her", hake ich nach.
Finch stößt mich am Arm.
„Peter, hör auf damit! Du redest dich um Kopf und Kragen!" fährt sie dazwischen.
Katniss dreht sich um. „Nur weil er sagt, dass wir alle Spielfiguren sind? Das weiß doch sowieso jeder, dass wir das sind. Ganz gleich ob Karriero oder nicht!"
„Stimmt", pflichte ich ihr bei.
„Bitte, wenn ihr beide unbedingt den Zorn der Spielmacher auf euch ziehen wollt, dann macht eben so weiter", sagt Finch achselzuckend. „Aber lasst mich da raus!"

So eine ist das Mädchen mit dem Fuchsgesicht also. Eine kleine Opportunistin, die sich wie eine Schlange geschickt zwischen uns durchschlängelt und immer zu der Meinung hält, die ihr die größte Überlebenschance bietet. Daher das ungute Gefühl, etwas an Finch übersehen zu haben. Sie hilft uns, aber nur, weil das momentan ihre größte, ja einzige Chance ist. Gut zu wissen, falls es ernst werden sollte.

Ein lautes Klicken hinter mir lässt mich aufschrecken. Ich drehe mich um. Nichts zu sehen.
„Was war das denn?" fragt Finch.
Es hatte wie eine herausspringende Sicherung geklungen, also gehe ich nach hinten, um die Sicherungs-Schalttafeln zu checken.
„Wahrscheinlich ist eine Sicherung rausgesprungen", antworte ich, während ich meinen Blick über hunderte von Sicherungen streifen lasse.
„Katniss, zeigen die Instrumente irgendetwas Ungewöhnliches?" rufe ich, ohne mich umzudrehen.
„Was meinst du mit ungewöhnlich?"
„Irgendwelche roten Warnflaggen, ausgefallene Bildschirme oder brennende Warnlampen", antworte ich.
„Nein, nichts zu sehen!"

Ich überfliege weiter die Sicherungen. Da, im oberen linken Bereich auf CABIN BUS 1 – LAV C WATER HEATER – die elektrische Wasserheizung für eine der beiden hinteren Bordtoiletten, abgesichert mit 10 Ampere. Der Sicherungsknopf ist herausgesprungen, der Stromkreis damit unterbrochen.
„Ich hab sie. Ist nur die Heizung fürs Warmwasser in der hinteren Toilette", sage ich zu Finch, die mir über die Schulter schaut.
„Was machst du jetzt?"
„Ich lasse die Sicherung erst mal lieber abgeschaltet. Ich weiß ja nicht, warum sie überhaupt abgeschaltet hat. Wir haben ja noch die vorderen Toiletten, und bevor wir einen Kurzschluss riskieren, lasse ich den Strom für die Heizung lieber aus", antworte ich.

Zwar sehen die offiziellen Regeln vor, dass man eine herausgesprungene Sicherung nach drei Minuten Wartezeit noch einmal einzuschalten versuchen darf, doch spätestens seit Swissair 111 haben wir Piloten genug Angst vor Kabelbränden, um irgendwelchen Experimenten sehr zurückhaltend gegenüberzustehen. Ein Stück defekte Kabelisolierung könnte reichen, um einen Funkenüberschlag mit einem mehrere tausend Grad heißen Lichtbogen zu erzeugen. Ein Risiko, dass ich nur wegen warmem Wasser in der Toilette nicht eingehen werde.

Plötzlich erwacht der Cockpitlautsprecher zum Leben. Völlig übersteuert dröhnt eine Mundharmonika-Melodie durch den Raum.
„Was soll das denn?" ruft Katniss aufgebracht und starrt mich an.
„Ich war es nicht", antworte ich achselzuckend. Vielleicht haben die Spielmacher jetzt ihre Liebe für einfache Instrumentalmusik entdeckt, oder sie sind übergeschnappt.
Ich versuche, mich auf die Melodie zu konzentrieren. Sie wirkt irgendwie bedrohlich und merkwürdig vertraut. Als hätte ich sie schon einmal irgendwo gehört. Nicht hier in Panem, sondern zu Hause. Es ist keine Konzertmusik, und auch nichts aus dem Radio.

„Kannst du das abstellen?", fragt Finch. „Das nervt!"
Ich greife zum Lautstärkeregler des Cockpitlautsprechers. Keine Wirkung.
„Tut mir leid, der Regler reagiert nicht".

Verdammter fernöstlicher Elektronikschrott! Irgendwo haben wir momentan die Gremlins drin!

„Ich habe irgendwie ein ungutes Gefühl", merkt Finch an. „Diese Melodie…die klingt irgendwie so…ich weiß nicht…".

Wie das Lied vom Tod! Jetzt fällt es mir wieder ein, woher ich die Melodie kenne. Sie stammt aus dem Italo-Western „Spiel mir das Lied vom Tod", aus der Duell-Szene am Schluss. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken.

„Leute, ich fürchte, hier stimmt irgendetwas nicht", sage ich und lasse meinen Blick über das Instrumentenbrett des Flugingenieurs streifen. Wenn wir irgendeinen Fehler in der Elektrik haben, wird er sich am ehesten hier zeigen. Doch es sieht alles normal aus, Spannung stimmt, Frequenz ist in Ordnung, keine Überlast, keine Warnlampen.
Trotzdem kann ich beinahe spüren, dass wir in großer Gefahr sind.

„Peter, mir gefällt das überhaupt nicht!", fängt Katniss an. In ihrer Stimme ist ein Hauch von Angst zu hören. „Diese Melodie…sie klingt, als ob gleich irgendetwas Furchtbares passieren wird."
Plötzlich höre ich Geräusche hinter mir. Finch greift nach der Armbrust, die sie zwischenzeitlich am Schreibpult des Flugingenieurs abgelegt hat, und richtet sie Richtung Tür. Die Schritte kommen näher. Dann ertönt Brecks Stimme, sich vor Aufregung überschlagend.

„Peter, hinten ist ganz viel Rauch! Ich glaube, es brennt!"
Ich zucke innerlich zusammen. Wenn wir ein Feuer an Bord haben, müssen wir es so rasch wie möglich löschen, bevor es außer Kontrolle gerät.
„Finch, Breck, ihr kommt mit mir nach hinten. Katniss, du passt auf die Maschien auf!", rufe ich und greife nach dem CO2-Feuerlöscher neben dem Flugingenieursplatz.
Clove bricht in zynisches Gelächter aus. „Jetzt werdet ihr für eure Respektlosigkeit brennen!"
Katniss funkelt sie böse an. „Wenn wir brennen, brennst du mit uns, du Idiotin!"
„Ein kleiner Preis, wenn ihr Verräter dafür mit drauf geht!" entgegnet Clove.

Ich werfe Katniss einen letzten Blick zu, dann drehe ich mich um und eile an Breck vorbei nach hinten.
„Los, mir nach!"
Mir ist klar, dass wir mit einem Feuerlöscher nicht weit kommen werden, also mache ich kurz bei der vorderen Bordküche Halt. Ich reiche Finch den CO2-Löscher.
„Hier, den nimmst jetzt du!"

Dann öffne ich den Schrank neben der Küche und hole einen großen Halonlöscher hervor. Damit ausgerüstet eilen wir weiter nach hinten. Als ich den Trennvorhang zwischen Business- und Touristenklasse zur Seite schlage, steigt mir beißender Rauchgeruch in die Nase. Der hintere Teil der Kabine ist in einen diffusen Nebel aus Rauch getaucht, wie in einem stark verrauchten Lokal, nur schlimmer. Meter für Meter wird der Rauch dichter, und beginnt in den Augen und in der Lunge zu brennen.

Ich kann erkennen, dass die Rauchquelle im Bereich der hinteren Toiletten liegen muss. Natürlich! Die Wasserheizung! Es muss einen Kurzschluss gegeben haben.
Der Qualm riecht ätzend nach verschmortem Plastik, und kratzt im Hals. Ich beginne zu husten, und habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Meine Augen tränen, ich kann kaum etwas erkennen. Alles ist in einen grauen Nebel getaucht.
Noch immer trennen uns mehrere Meter vom vermuteten Brandherd. Doch diese fehlenden Meter scheinen ohne ein Atemschutzgerät nahezu unpassierbar. Ich fürchte ohnmächtig zu werden, wenn ich auch nur einen Schritt weiter gehe. Das war es also. Ende der Hungerspiele, für uns alle. Wenn wir nur irgendeine Möglichkeit hätten, den Rauch abziehen zu lassen. Eine vage Idee geistert durch meinen Kopf. Wir müssen irgendwie den Luftaustausch in der Kabine erhöhen, um den Rauch abzusaugen. Und ich weiß auch wie. Ich stelle den Feuerlöscher auf den Boden.

„Ihr beide geht ein Stück nach vorne. Ich bin gleich wieder da", rufe ich und laufe Richtung Cockpit. Der dünner werdende Rauch ist eine regelrechte Erlösung. Noch immer hustend und mit brennenden Augen erreiche ich die klare Luft in der Business-Kabine. Schnell weiter ins Cockpit.
„Na, zu warm da hinten?" spottet Clove. Ich ignoriere ihre Stimme, und lege am Kontrollpult des Flugingenieurs den Schalter für die RECIRCULATION FANS auf aus. Dann greife ich nach dem Kabinendruck-Kontrollhebel, ziehe ihn aus der Führung und drehe den Griff, um auf manuelle Regelung umzuschalten, und ziehe den Hebel nach unten in Richtung DECREASE bis zum Anschlag. Sofort spüre ich Druck in meinen Ohren.

„Katniss, setz die Sauerstoffmaske auf!" rufe ich, und eile sofort wieder nach hinten. Wenn alles so klappt wie ich hoffe, müsste der Rauch durch das voll geöffnete Druckregelventil nach hinten abgesaugt werden. Zwar fällt dabei unweigerlich der Kabinendruck, aber da die Turbokompressoren weiter Luft in die Kabine pumpen, wird der Druckverlust ziemlich verlangsamt werden.
Als ich weiter nach hinten vorstoße, scheint der Qualm tatsächlich dünner geworden zu sein. Wenn jetzt der erhöhte Luftstrom nicht das Feuer zu sehr anfacht, könnten wir eine Chance haben.

„Was hast du gemacht?" fragt Finch. „Der Rauch zieht ab!"
„Das Outflow-Ventil aufgemacht! Los jetzt, mir nach!"

Ich hebe den Löscher, den ich vorhin abgestellt habe, auf, und laufe nach hinten. Die Rauchdichte verringert sich beinahe von Sekunde zu Sekunde. Zwar brennt der beißende Rauch immer noch in Augen und Lunge, aber bei Weitem nicht so schlimm wie vorher. Ich öffne den Ausrüstungsschrank der hinteren Bordküche.
„Finch, gib Breck deinen Löscher und nimm dir den aus dem Schrank!"
Das Mädchen gehorcht wortlos. Ich klappe den Sicherungshebel von meinem Löscher und ziehe den Sicherungsstift aus Brecks CO2-Feuerlöscher.
Der Rauch ist jetzt beinahe verschwunden.
„Meine Ohren tun weh", klagt Breck.
„Du musst schlucken!", antworte ich. „Los, weiter!"

Jetzt kann ich klar erkennen, woher der Rauch kommt. Es ist die rechte hintere Toilette, aus deren Türritzen der Qualm strömt und nach hinten Richtung Heck zieht.

Vorsichtig lege ich meine Hand auf die Türoberfläche, und ziehe sie sofort zurück. Diese Tür ist heiß! Ich erinnere mich vage irgendwo gelesen zu haben, dass man eine heiße Tür nicht öffnen soll, weil es dann eine Stichflamme geben kann, aber wir haben keine andere Wahl. Wenn wir die Tür nur einen Spalt weit öffnen, und sofort mit dem Löscher durch den Spalt ins Innere des Raumes sprühen, könnte es vielleicht gehen.

Aber es kommt auf das Timing an. Einer von uns muss den Entriegelungshebel drehen und die Tür vorsichtig aufdrücken, ein anderer mit dem Löscher in den Spalt zielen. Falls der erste Löscher nicht reicht, wäre es sinnvoll, wenn gleich jemand mit einem zweiten bereit steht. Da ich Finch eher zutraue, mit dem Feuerlöscher umgehen zu können, bleibt nur Breck für den Türöffnungs-Part übrig. Ich hasse es, den Jungen dieser Gefahr auszusetzen, aber ich habe keine Alternative.

„Breck, hör mir gut zu", beginne ich, „du musst für mich die Tür öffnen. Stell dich flach an die Wand, sodass du den Drehhebel hier gerade mit der Hand erreichen kannst. Wenn ich es dir sage, drehst du ihn gegen den Uhrzeigersinn bis zum Anschlag. Du wirst spüren, dass die Tür nach innen nachgibt. Drück ein wenig nach und lass den Hebel dann los und zieh die Hand weg, wenn ich es dir sage. Dann gehst du in Deckung".

Der Junge nickt mir zu. „Mach ich".
Ich nehme meine Position ein.
„Finch, halte dich direkt hinter mir bereit. Ist den Löscher entsichert?"
„Ja."
Ich richte die Düse meines Halonlöschers auf den Türspalt und nicke Breck zu.
„Los, jetzt!"

Vorsichtig streckt er seine Hand nach dem Drehhebel aus und zuckt zurück.
Ich Idiot! Natürlich ist das Metall brennheiß!
Ich stelle meinen Löscher ab und ziehe mein Shirt aus.
„Hier, nimm das, damit du dich nicht verbrennst!", rufe ich ihm zu.

Der Rauch beginnt wieder dichter zu werden. Wahrscheinlich facht der Luftzug das Feuer an. Jetzt oder nie:
„Breck, auf ein Neues! Drei, zwei, eins, jetzt!"

Mit dem zusammengeknüllten T-Shirt als Schutz dreht Breck den Entriegelungshebel. Die Tür springt einen Spalt weit auf. Dicker, dunkler Qualm quillt aus der Öffnung. Plötzlich flackert mir intensiver, orangefarbener Feuerschein ins Gesicht. Ich drücke den Auslösehebel meines Feuerlöschers.

„In Deckung!"

Aus der Löschdüse schießt komprimiertes Halon-Löschgas. Gleichzeitig schlägt mir einen Stichflamme aus dem Türspalt entgegen. Löschmittel und Flammen treffen in der Luft aufeinander. Für einen Moment scheint der Gaswolke des Feuerlöschers die Hitze abzuschirmen, doch dann schlägt sie mir unbarmherzig ins Gesicht, wie ein Wüstenwind, nur um ein Vielfaches heißer.
Ich zwinge mich, den Ausweichreflex zu unterdrücken, und beiße die Zähne zusammen, als die Hitze meine Armhaare und Augenbrauen versengt. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wahrheit wohl nur eine oder zwei Sekunden gedauert hat, schwinden Hitze und Flammen.
Der grelle Feuerschein verringert sich zu einem dumpfen, rötlich-orangefarbenen Leuchten, welches von dunklem Qualm mehr und mehr verdeckt wird.
Noch immer auf den Spalt zielend, rücke ich ein Stück vor.

„Breck, die Tür weiter öffnen!", rufe ich.
Der Löscher ist fast leer. Ich lasse den Auslösehebel kurz los.
„Finch, halt dich bereit!"
Breck stößt die Tür weiter auf. Ich ziele mit der Löschdüse in den Toilettenraum. Die Flammen scheinen sich auf den Bereich des Mistkübels und den Fußboden davor zu konzentrieren. Mit einem gezielten Löschstoß ersticke ich die Flammen am Boden. Dann versiegt der Löschstrahl.

„Finch, den anderen Löscher, schnell!", rufe ich, ohne mich umzudrehen, und lasse meinen leeren Feuerlöscher zu Boden fallen.
„Hier", ruft Finch und reicht mir den neuen Löscher.
Sofort nehme ich den Mistkübel ins Visier. Mit der Spitze der Löschdüse stoße ich den Deckel auf, und schieße sofort eine ordentliche Ladung Löschmittel hinein.
„Peter, die Decke!" warnt mich Fich.
Tatsächlich, dort oben kriechen Flammen über die Wandpaneele. Der Halonlöscher macht kurzen Prozess mit ihnen. Brand aus, soweit ich es erkennen kann.

Doch die Oberflächen in dem völlig verkohlten Raum sind immer noch heiß, und die Gefahr einer Rückzündung ist dadurch gegeben. Gerade als ich Finch anweisen will, den Wasserlöscher aus der hinteren Bordküche zu holen, spüre ich plötzlich einen kühlen Sprühnebel auf meiner Hand. Eine Art Sprinkler an der Decke ist angesprungen, und benetzt die verkohlte Einrichtung mit Wasser. Schwaden erhitzten Dampfes steigen auf.

Komisch! Normalerweise gibt es nur für die Mistkübel eine automatische Löschanlage, nicht aber für den Raum selbst!

Auch aus dem Müllcontainer quillt plötzlich Dampf. Damit ist es klar – der Brand war nichts weiter als eine Aktion der Spielmacher, um uns zu zeigen, wer der Boss ist. Und um den Zuschauern eine gute Show zu bieten. Sie hätten ihn jederzeit selber mit der Löschanlage ersticken können.

Ein Räuspern dringt aus den Kabinenlautsprechern.
„So, nachdem ihr nun gesehen habt, was passiert, wenn ihr euch nicht an die Spielregeln haltet, werdet ihr in Zukunft genau das tun, was wir euch sagen", schallt Plutarch Heavensbees Stimme durch die Kabine. „Im Speziellen meine ich damit, dass niemand abfällig über das Kapitol redet, oder Clove unpassende Fragen stellt. Ihr werdet sie weder foltern, noch psychischen Druck auf sie ausüben. Ihr werdet sie bis auf weiteres in Ruhe lassen. Habt ihr das verstanden?"

Daher weht der Wind also. Dem Kapitol hat es nicht gepasst, dass wir Clove beinahe so weit hatten, dass sie uns vielleicht etwas Wichtiges verraten hätte. Darum das Feuer als Strafe und als klare Ansage, wer hier das Heft wirklich in der Hand hat. Ich bin mir sicher, dass wir im Moment nicht auf Sendung sind. Wahrscheinlich werden sie einen unbedenkliche Aufnahme aus dem Cockpit zeigen, oder eine Außenaufnahme.

„Ich wiederhole mich ungern, aber sind meine Anweisungen verstanden worden?" fragt der oberste Spielmacher sichtlich genervt. Ich nicke.
„Gut. Dann hätten wir das geklärt. Keine Fragen, keine Folter, kein Garnichts. Nur warten auf weitere Anweisungen. Die erste Anweisung ist einfach. Peter, erhöhe sofort wieder den Kabinendruck, bevor ihr alle umkippt. Ihr seid bei 19.000 Fuß Kabinenhöhe und steigend!"

Ich zögere keine Sekunde und öffne das Überkopf-Staufach über der letzten Sitzreihe. Dort befindet sich normalerweise eine tragbare Sauerstoffflasche. Doch das Fach ist leer. Mist. Dann muss es so gehen. In 19.000 Fuß bleiben mir rund 15 bis 20 Minuten nutzbares Bewusstsein. Dieser Wert gilt aber nur im Sitzen. Da ich Rauchgas eingeatmet habe, und mein Puls auf gefühlte 200 Schläge pro Minute gestiegen ist, kann ich wohl froh sein, wenn mir die Hälfte oder gar nur ein Drittel dieser Zeit bleibt. Mit schnellen Schritten eile ich Richtung Cockpit. Nach wenigen Metern schnappe ich nach Luft, und spüre, wie mir etwas schwindlig wird. Alle Farben scheinen irgendwie fahl und gedämpft. Allmählich weicht die Angst vor einem Ohmachtsanfall einer unglaublich starken Euphorie. Das Verlangen nach Sauerstoff schwindet, obwohl mir immer mehr die Luft weg bleibt. Sauerstoffmasken sind etwas für uncoole Verlierer! Ich schaffe es auch so!

Ich lasse die vordere Bordküche hinter mir. Das helle Licht, welches durch die offene Cockpittür strahlt, zieht mich wie ein Leitstrahl eines Funkfeuers an. Ich fühle mich, als könnte ich Bäume ausreißen, doch zugleich sagt mir meine Ausbildung, das genau das Gegenteil der Fall ist. Ohne auf die Trümmer der Cockpittür am Boden zu achten, stürme ich in Richtung Flugingenieursplatz. Für einen Moment habe ich Schwierigkeiten, mich zurecht zu finden. Wo ist noch mal die Sauerstoffmaske? Hinter mir höre ich Breck und Finch ins Cockpit stürmen. Da ist sie, die verdammte Maske! Warum habe ich die nicht gleich gefunden?

Ich greife nach der Sauerstoffmaske und nehme sofort einen tiefen Atemzug. Kühler Sauerstoff strömt in meine Lunge. Ich atme tief durch. Zuerst fühle ich mich paradoxerweise schlechter als ohne Sauerstoff, doch dann kehrt rasch die Farbe in mein Gesichtsfeld zurück, und mit ihr klart auch mein Verstand wieder auf. Unglaublich, was der Sauerstoffmangel mit dem Gehirn macht!

Sofort greife ich nach dem Kabinendruck-Kontrollhebel und schiebe ihn nach oben Richtung INCREASE. Der Kabinendruck-Höhenmesser stoppt bei knapp über 20.000 Fuß, die Variometernadel schwingt nach unten. Aus dem Augenwinkel sehe ich Finch, die sich die Piloten-Sauerstoffmaske geschnappt hat und sie abwechselnd Breck reicht. Auch Clove hat ihre Maske auf. Finch muss sie ihr aufgesetzt haben.

Der Cockpitlautsprecher erwacht zum Leben.

„Sehr gut. Ihr habt Aufgabe eins erledigt. Jetzt habt ihr ein paar Minuten Pause. Danach gehen wir zu Aufgabe zwei über. Und Peter, denk nicht, dass du deine Strafe mit ein paar verbrannten Haaren abgesessen hast!"