Der Druck in meinen Ohren nimmt zu. Ich nehme die Sauerstoffmaske kurz ab, halte mir die Nase zu und versuche, kräftig durch die Nase auszuatmen. Es knackt in den Ohren, und der Druck ist weg. Ein Blick auf den Kabinenhöhenmesser – 17 000 Fuß. Noch ist die Luft zu dünn, um ohne Sauerstoffmaske auszukommen, also setze ich sie wieder auf. Noch immer hallen Plutarchs Worte durch meinen Kopf. Deine Strafe kommt noch. Wie ein Damoklesschwert schwebt dieser Satz über mir, eine ständig drohende Gefahr, die ich nicht konkretisieren kann. Diese Ungewissheit ist fast genauso schlimm wie die Strafdrohung selbst. Wüsste ich, was die Spielmacher mit mir vorhaben, könnte ich Vorkehrungen treffen. So bleibt mir aber nichts anderes übrig, als abzuwarten, was geschehen wird.

Abwarten. Das ist es, was im Moment jeder im Cockpit zu tun scheint. Natürlich ist eine Sauerstoffmaske nicht besonders konversationsfördernd, doch ich vermute, dass sowieso niemanden recht zum Reden zu Mute ist. Nachdem sich der Adrenalinschub durch das Beinahe-Inferno an Bord verflüchtig hat, gewinnen quälende Gedanken an Raum, welche Überraschungen die Spielmacher noch in petto haben könnten. Wir haben sie unterschätzt. Mit dem Brand wollten sie mir zeigen, dass sie mich am Ende doch in der Hand haben. Die große Frage ist aber eine andere. Würden die Spielmacher riskieren, ohne Sieger dazustehen, nur um mich in meine Schranken zu weisen?

Der Kabinenhöhenmesser passiert 15 000 Fuß. Ich führe erneut einen Druckausgleich in meinen Ohren herbei, und bedeute den anderen im Cockpit, das Gleiche zu tun. Katniss sieht mich kurz fragend an, und dreht sich dann wieder um, um die Instrumente im Auge zu behalten. Tausend Dollar, um zu erfahren, was in ihrem Kopf vorgeht. Sie ist mal wieder in ihre schwer zu durchschauende Art gefallen, die ich schon von unserer ersten Zusammenkunft her kenne.

Die Erinnerung ist frisch, als wäre es gestern gewesen. Der lange Marsch zum Flugplatz in Distrikt 12. Mein Wunsch nach einer Essenspause. Katniss Wutausbruch. Das lange Schweigen und ihre eisigen Blicke danach. Ich habe damals ernsthaft gehofft, sie nach dieser einmaligen Episode nie mehr sehen zu müssen. Doch objektiv betrachtet hatte Katniss mit ihrer Zurechtweisung gar nicht so unrecht gehabt. Ich war damals wohl genährt, sie hingegen so dürr, dass sich ihre Wangenknochen deutlich unter der olivbraunen, schmutzigen Gesichtshaut abzeichneten. Ihre Arme schienen nur aus Haut, Knochen, Sehnen und Muskeln zu bestehen. Kein Gramm überflüssiges Fett. Es war taktlos von mir gewesen, wie ein Weichei eine Essenspause zu verlangen, wenn Katniss und ihre Familie ums Überleben kämpfen, und sie wegen mir und meinem Besichtigungstrupp nicht auf die Jagd gehen kann.

Stunden später hatte Boggs dann einen Stopp angeordnet. Ich stand dann schon kurz vor einer akuten Unterzuckerkrise. Katniss saß etwas abseits von mir am Boden, und kaute auf einem Stück trockenem Brot herum, das meine Mutter wahrscheinlich als ungenießbar entsorgt hätte. Mir tat Katniss irgendwie leid, obwohl sie vorhin recht barsch zu mir gewesen war. Ich beschloss, ihren Wutausbruch zu vergessen und bot ihr etwas von meinem frischen Wecken aus Distrikt 13 an. „Hier, du brauchst das dringender als ich", hatte ich gesagt. Wortlos hatte sie mein Angebot angenommen. Ich hatte ihr dann noch versprochen, mich dafür einzusetzen, dass sie als Lohn für ihre Familie Nahrung erhalten soll. Damit war das erste Eis gebrochen. Doch Katniss Vertrauen war nicht etwas, was man sich innerhalb von ein paar Minuten mit einem Wecken Brot und ein paar schönen Sätzen erkaufen konnte. Doch der Grundstein war gelegt.

Und es ist alles vergleichsweise gut gelaufen, bis zum meinem völlig verpatzten Liebesgeständnis. Aber noch ist nicht alles verloren. Immerhin haben wir in den letzten zehn Minuten nicht gestritten, und Katniss hat auch keine trotzigen Alleingänge mehr veranstaltet. Mein Blick schweift über ihren verbrannten Oberarm. Mittlerweile beginnt die Haut Blasen zu werfen. Das muss unglaublich wehtun, doch Katniss jammert nicht. Und sie ist zu stolz, um die Schmerztabletten zu schlucken, die Finch ihr gebracht hat. Total unvernünftig, aber irgendwie ist es diese trotzige Ader an ihr, die mir gefällt.

Wieder einmal dröhnt unvermittelt Plutarchs Stimme aus dem Cockpitlautsprecher und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Tributinnen und Tribute, ich habe eine gute Neuigkeit für euch. Soeben hat ein großzügiger Sponsor eine unerhört hohe Summe dafür bezahlt, dass eure tapfere Marina eine Chance bekommt. Begebt euch nach hinten zum vorderen Füllhorn. Dort werdet ihr etwas finden, was Marinas Lebens verlängern kann. Und beeilt euch, es steht nicht gut um sie!"

Das kam ja irgendwie wie gerufen. Eigentlich sollte ich mich freuen, dass wir Marina helfen können, aber da ist schon wieder dieses ungute Gefühl, wie bei der herausgesprungenen Sicherung. Als würden die Spielmacher ab sofort nicht anderes mehr tun, als mir laufend Fallen zu stellen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Breck seine Sauerstoffmaske vom Gesicht reißt.
„Worauf warten wir noch?" ruft er aufgeregt.
Ich kontrolliere den Kabinendruck-Höhenmesser. 12 500 Fuß. Das genügt, um ohne Maske zu atmen.
„Noch einen Augenblick", sage ich zu Breck, „ich muss nur noch schnell die Kabinendruckregelung auf Automatik umstellen, dann können wir los!"
Ich überprüfe die Einstellung des Zieldrucks – 7 000 Fuß, und stelle den Knopf für die Druckänderungsrate auf Maximal. Das ist zwar unangenehm für die Ohren, aber ich will uns alle nicht länger als nötig der dünnen Luft aussetzen. Ich greife nach dem Kabinendruck-Kontrollhebel, drehe den Griff und lasse ihn in der Führung einrasten. Wie von Geisterhand bewegt er sich ein Stück Richtung DECREASE, die Druckänderungsrate fällt auf etwas über 500 Fuß pro Minute, das Maximum für den automatischen Regler.

„Ihr könnt eure Masken jetzt abnehmen", sage ich. „Finch, Breck, ihr kommt mit mir. Katniss, du passt auf die Maschine auf!"

Katniss dreht sich um.
„Peter, glaubst du wirklich, dass es gut ist, wenn ihr wieder alle hinten seid?"
„Hast du Angst allein mit mir?" neckt Clove.
„Nein", entgegnet Katniss bestimmt, „ich will nur nicht die ganze Zeit allein hier sitzen und auf die Instrumente starren!"
Sie macht eine kurze Pause. Clove starrt sie erstaunt an.
„Natürlich nicht deswegen! Ich finde es nur ungeschickt, wenn ihr dauernd alle hinten seid, wo vielleicht schon die nächste Überraschung auf euch lauert!", setzt Katniss fort.
Guter Einwand. Ich würde auch lieber im Cockpit bleiben. Aber ich will wissen, was die Überraschung für Marina ist. Ich kann vielleicht etwas sehen, was Finch und Breck nicht sehen. Ein Medikament, welches in Wahrheit ein Gift ist. Ein Gerät, welches Marina tötet, anstatt ihr zu helfen. Vielleicht will ich auch einfach nur das Gefühl haben, Herr der Lage zu sein, selbst wenn ich es objektiv betrachtet nicht bin.

„Keine Angst", sage ich, „ich bin gleich wieder da. Ich schaue mir nur schnell an, was wir für Marina gesponsert bekommen haben, dann komme ich zurück".
Katniss nickt. „Aber beeile dich". Sie lächelt mir verschmitzt zu. „Und dann erklärst du mir noch ein wenig genauer, wie man dieses Ding hier fliegt. Mir wird nämlich langsam etwas langweilig!"
„Da hab ich genau das richtige für dich. Fliegen per Hand in großer Höhe. Da wird dir ganz sicher nicht langweilig, das garantiere ich dir!" entgegne ich, und bedeute Finch und Breck mit einer Handbewegung, dass sie mir folgen sollen. „Los, mitkommen!"

Auf den ersten Blick wirkt die Business-Kabine völlig unverändert. Ich mache mir keine Mühe, nach neuen Blutflecken, Leichen oder abgerissenen Körperteilen Ausschau zu halten. Ich gehe schnurstracks auf das Füllhorn zu, welches hier eher einem „Füllhaufen" gleicht. Doch halt, da, links neben dem Haufen, ist etwas, was vorhin noch nicht da war. Aus dem Boden ragt ein rund eineinhalb Meter hoher und knapp einen Meter breiter Metallkasten mit einem großen beleuchteten „Capitol" – Logo im unteren Bereich der Vorderseite. Weiter oben befindet sich ein großes Klappfach. Rechts daneben sind 12 weiße Drucktasten angebracht, die von eins bis zwölf durchnummeriert sind. Wie bei einem Getränkeautomaten! Die vierte von oben mit der Aufschrift D4 blinkt im Sekundentakt. Auf einem Display direkt oberhalb der Knöpfe steht „Press button to collect your sponsored gift".

„Sieht so aus, als wäre das unser Sponsorengeschenk", verkünde ich, und drücke den blinkenden Knopf. „HOLD BUTTON – BIOSCAN IN PROGRESS" erscheint auf dem Display. Ich spüre einen leichten Stich in meinem Finger. Ein Bluttest? Plötzlich ertönt ein trötender Alarmton. „WRONG ID – NOT AUTHORIZED TO COLLECT". Natürlich! Das Geschenk kann nur vom Tribut des jeweiligen Distrikts abgeholt werden.

„Was stimmt nicht?" fragt Breck.
„Mein Fehler. Ich darf dein Geschenk nicht nehmen. Du musst das selber tun", antworte ich.
„Drück einfach auf den blinkenden Knopf da".
Zögernd streckt Breck seinen Finger aus. Er zuckt kurz zusammen. Der Stich wahrscheinlich. Nach ein paar Sekunden ertönt ein lautes „Pling". „ID CORRECT – D4 MALE – AUTHORIZED TO COLLECT". Im Inneren des Kastens klickt es. „OPEN TRAY TO COLLECT YOUR GIFT".
Der Junge greift nach dem Griff des Klappfaches und öffnet es. Im Fach liegt ein handliches, weißes Gerät mit einer zentimeterdicken Kunststoffmanschette, wie ein klobiger Armreifen. Von dem Gerät geht ein zusammengerollter Plastikschlauch zu einem daneben liegenden Beutel mit einer roten Flüssigkeit. Blut. Die Aufschrift des Beutels bestätigt es. Blut der Blutgruppe 0 negativ, Inhalt ein halber Liter. Daneben liegen noch zwei weitere Beutel. Universell geeignet als Spende für Empfänger jeglicher Blutgruppe.

„Was ist das?" fragt Breck.
„Sieht aus wie ein Apparat für eine Bluttransfusion", entgegne ich.
„Wird der Marina helfen?"
„Gesund wird sie davon nicht", sagt Finch, „aber es wird sie einige Zeit am Leben halten."
Breck wirft Finch einen fragenden Blick zu. „Wie lange?"
„Schwer zu sagen. Eine Stunde, vielleicht zwei?" Das Mädchen schluckt. „Aber was bringt Marina das? Sie will doch eigentlich sterben. Sollten wir ihren Wunsch nicht respektieren?"
„Ich will nicht, dass sie stirbt!", schreit Breck aufgeregt, und zeigt mit dem Finger aus Finch. „Für dich ist sie nur lästig, und dir wäre es nur recht, wenn du sie los bist!"
„Sag doch nicht so etwas!" entgegnet das Mädchen. „Ich will ihr genauso helfen wie du. Aber wir können sie hier nicht heilen. Wir verlängern nur ihr Leiden."
Breck wirft Marina einen giftigen Blick zu. „Verkauft mich nicht für blöd. Ich bin zwölf, aber ich bin nicht dumm! Wenn du Marina nicht helfen willst, dann geh zurück zu Katniss, und lass und in Ruhe!"

Können wir nicht einmal fünf Minuten ohne Streit auskommen?
„Schluss damit, alle beide!" rufe ich dazwischen. „Wir gehen jetzt mit dem Apparat zu Marina, schauen, dass wir ihn in Gang bringen, und dann sehen wir weiter. Verstanden?"
Ich wende mich an Breck. „Nimm du den Apparat raus, nicht dass noch jemandem die Klappe auf die Finger schnalzt, weil er nicht berechtigt ist!"
Vorsichtig hebt der Junge das Gerät heraus und reicht es mir. Dann nimmt er die Blutbeutel zur Hand. Sein Blick schweift noch einmal durch das Fach und bleibt an irgendetwas hängen.
„Was ist das?", fragt Breck, und deutet auf ein kleines Glasfläschchen.
Finch will ihre Hand danach ausstrecken, zuckt aber zurück, als ich ihr einen missbilligenden Blick zuwerfe.
„Breck, gib Finch die Blutbeutel, und nimm das Fläschchen heraus!", kommandierte ich.

Finch funkelt mich finster an.
„Jetzt bist du aber ganz schön paranoid!"
„Besser paranoid als Hand ab", gebe ich trocken zurück.
Ein lautes Scheppern lässt mich zusammenzucken.
„Breck!" rufe ich.
„Alles in Ordnung! Das Fach ist zugeschnappt, nachdem ich die Flasche rausgenommen habe".
Jetzt ist Finch sichtlich erschrocken.
„Siehst du", sage ich zynisch, „jetzt weißt du, warum ich paranoid bin!"

Mit einem lauten Surren beginnt der Metallkasten im Boden zu versinken. Ein Gedanke schießt durch meinen Kopf. Wenn der Kasten im Frachtraum untergebracht ist, dann müssten sich dort eigentlich auch die Sponsorgeschenke verbergen. Schließlich können sie die Spielmacher diesmal nicht nachträglich in die Arena bringen. Sie müssen von Anfang an vorhanden sein. Ob wir da irgendwie drankommen könnten? Der Boden ist aus Aluminium, welches wir mit der Crash-Axt aufbrechen könnten. Dann müsste nur noch jemand runter gehen, und voila, hätten wir alle Sponsorgeschenke zur freien Verfügung. Aber so wie ich die Spielmacher mittlerweile einschätze, lauert dort unten sicher irgendeine Falle.

„Das ist Morfix!" ruft Breck auf einmal aufgeregt. „Die haben uns wirklich Morfix gegeben!
„Zeig her!", sagt Finch.
Sie studiert das Etikett.
„Das ist sogar Morfix B, das feine Zeug, wo man nicht sofort abhängig und zum Zombie wird", verkündet Finch.

Das Morfix ist ein weiteres Kapitel, wie das Kapitol seine Distrikte unterdrückt. Es gibt davon zwei Formulierungen, Morfix A und Morfix B. Beide sind sehr wirksame synthetische Schmerzmittel. In den Distrikten ist, wenn überhaupt, und wenn dann nur am Schwarzmarkt, nur das billigere vom Typ A erhältlich, welches schnell süchtig macht, Depressionen und Wahnvorstellungen hervorruft und bei intensivem Gebrauch innerhalb kurzer Zeit schwere Organschäden hervorruft. Böse Zungen behaupten, es wurde absichtlich so hergestellt, dass es möglichst viele Nebenwirkungen hat. Morfix B ist eine verbesserte, teurere Variante für das Kapitol. Es wirkt mindestens genauso gut, macht aber kaum süchtig und ist vergleichsweise gut verträglich.

„Richtig", pflichte ich Finch bei, „da scheint jemand unsere Marina wirklich zu mögen." Ich deute nach hinten. „Dann mal los!"
Wir lassen das Füllhorn und Business-Kabine hinter uns. Der Metallkasten ist mittlerweile komplett im Boden verschwunden. Als ich Marina auf ihrer zum Krankenbett umfunktionierten Sitzreihe liegen sehen, glaube ich für einen Moment, dass sie bereits tot ist. Aus ihrem Gesicht ist jegliche Farbe verschwunden, die Augen sind geschlossen. Sie sieht aus, als hätte sie in Vampir leer gesaugt. Ich beuge mich über sie und sehe, dass sich ihre Brust rhythmisch hebt und senkt. Sie lebt also noch.
Breck klopft ihr auf den Arm.
„Marina! Hörst du mich? Wir haben Medizin für dich!"
Keine Reaktion.
„Marina! Hörst du mich? Ich bin es, Breck!"
Müde öffnet das Mädchen ihre Augen. Ihre Mundwinkel verziehen sich zu einem leichten Lächeln.
„Du hast mich nicht verlassen!", ruft Breck erfreut, und streichelt sanft über Marinas Arm.
Ich richte inzwischen das Transfusionsgerät her. Auf der Oberseite ist neben einem Display ein unübersehbarer Einschaltknopf angebracht. Ich drücke ihn. Eine kurze Tonfolge ertönt, auf dem Display erscheint ein „Capitol Medical Supplies" Logo, mit dem Schriftzug „Auto-Transfusor C2000" direkt darunter.

Dann ertönt eine angenehme, weibliche Computerstimme. „Bitte drücken sie den schwarzen Knopf an der rechten Geräteseite, um die Manschette zu öffnen". Das ist ja wie bei diesen Laien-Defibrillatoren, die einem auch Schritt für Schritt sagen, was zu tun ist!
„Das Gerät spricht ja!", bemerkt Breck erstaunt.
„Ist wohl einen Luxusausführung direkt aus dem Kapitol", sage ich, und drücke den schwarzen Knopf. Mit einem leisen Surren öffnet sich die dicke Plastikmanschette.

„Warnung – die Benutzung dieses Geräts ohne medizinische Ausbildung erfolgt auf eigene Gefahr. Capitol Medical Supplies übernimmt keinerlei Haftung für Folgeschäden durch Fehlbedienung oder unsachgemäßen Gebrauch. Wenden Sie sich an Ihren Rechtsberater, um sich über mögliche zivil- und strafrechtliche Folgen eines Gebrauchs dieses Geräts ohne fachliche Ausbildung zu informieren" verkündet die Computerstimme.

Na toll, das ist ja schon fast wie bei einem Microsoft-Lizenzvertrag.

„Wenn Sie diese Erläuterung verstanden haben, oder über eine medizinische Ausbildung verfügen, drücken sie den grünen Knopf neben dem Display des Geräts. Für eine Wiederholung drücken den gelben Knopf. Wenn Sie den Vorgang abbrechen wollen, drücken Sie den roten Knopf. Warnung: Unterlassene Hilfeleistung ist strafbar und kann mit Geld- oder Freiheitsstrafe geahndet werden. Wenden Sie sich an ihren Rechtsberater, falls sie Fragen bezüglich der Rechtsfolgen unterlassener Hilfeleistung haben".

Schön langsam geht mir die Tussi mit ihrem Rechtsberater auf die Nerven! Ich drücke den grünen Knopf.

„Vielen Dank. Bitte setzen sie das Gerät am Unterarm des Empfängers wie am Display gezeigt an. Achten sie darauf, dass die rechte Seite des Geräts Richtung Hand zeigt, und das Display auf der Oberseite des Unterarms liegt. Die rechte Kante der Manschette sollte genau mit dem Handgelenk fluchten. Wenn Sie das Gerät positioniert haben, drücken sie die schwarze Taste, um die Manschette zu schließen. Achtung: Achten sie darauf, ihre Finger nicht in den Schließbereich der Manschette zu halten!"

Vorsichtig setze ich das Gerät an Marinas rechtem Unterarm an, vergewissere mich, dass ich es richtig ausgerichtet habe, und drücke dann den schwarzen Knopf. Die Manschette schließt sich wie eine Fessel fest um Marinas Handgelenk.

Auf dem Display erscheint die Meldung „CHECKING FOR PULSE", kurz darauf „PULSE IDENTIFIED – PRESS GREEN BUTTON TO SCAN FOR VEIN". Die Computerstimme meldet sich: „Puls erkannt. Bitte drücken sie den grünen Knopf, um nach einer geeigneten Vene zu scannen. Achtung: Die automatische Suche kann nicht in jedem Fall zu einem positiven Ergebnis führen. Wenden Sie sich an ihren Arzt, falls dieses Problem auftritt".

Ich drücke den Knopf. Im Inneren des Geräts surrt es. Plötzlich erscheint auf dem Display ein Schwarzweißbild, welches mehrere Blutgefäße zeigt. Ein Cursor wandert über den Bildschirm und bleibt auf einer dicken Ader in der Mitte hängen. „VEIN FOUD – CONDITION MARGINAL" erscheint in orange.

„Vene gefunden, Zustand grenzwertig", meldet die Computerstimme. „Bestätigen Sie durch zweimaliges Drücken der grünen Taste, dass sie den Inhalt dieser Meldung verstanden haben und den Vorgang trotzdem fortsetzen möchten. Capitol Medical Supplies kann in diesem Fall für den Erfolg der Transfusion nicht garantieren, und übernimmt keine Haftung für Folgeschäden".

Bla, bla, bla. Als ob diese dämlichen Haftungsfragen irgendeine Relevanz hätten! Ich bestätige die Meldung. „Bitte schließen Sie eine geeignete Blutkonserve an den Anschluss auf der linken Geräteseite an. Achtung: Die Transfusion einer ungeeigneten Blutkonserve kann zu schweren Gesundheitsschäden und zum Tod führen. Dieses Gerät führt keine Überprüfung der Blutgruppenkompatibilität durch. Vergewissern Sie sich durch geeignete Testmethoden, ob Spender- und Empfängerblut kompatibel sind. Bestätigen Sie anschließend mit der grünen Taste."

Der Schlauch ist schon angeschlossen. Ich bestätige.

„Bitte öffnen Sie den Absperrhahn der Blutkonserve und üben sie Druck auf die Blutkonserve aus, um den Zulaufschlauch zu füllen. Trockenlauf der Pumpe kann zu Schäden führen, die nicht von der Herstellergarantie gedeckt sind".

Von den ständigen Haftungsbelehrungen genervt öffne ich den Absperrhahn und weise Finch an, den Blutbeutel in die Höhe zu halten, damit das Blut durch die Schwerkraft leichter angesaugt werden kann. Ich kenne das vom Krankenhaus, wo sie die Infusionen auch immer über dem Körper aufhängen, damit die Flüssigkeit durch die Schwerkraft fließen kann. Die Pumpe in dem Gerät ist wahrscheinlich eine Zusatzvorkehrung, damit es auch ohne Schwerkraftförderung geht.
„Finch, drück den Beutel etwas zusammen!"
Der Zulaufschlauch füllt sich mit Blut.
Auf dem Display erscheint die Meldung „BLOOD AT PUMP INTAKE – PRESS GREEN BUTTON TO CHECK PUMP OPERATION".

„Blut am Zulauf erkannt. Für Funktionstest und Entlüftung grünen Knopf drücken".

Ein leises Gurgeln ertönt, dann reduziert sich das Pumpengeräusch zu einem leisen Summen.
„Funktionstest positiv abgeschlossen. Zum Einleiten des Venenzugangs drücken Sie die grüne Taste zwei Mal hintereinander. Falls sie den Vorgang abbrechen wollen, drücken Sie die rote Taste. Achtung: Die Transfusion einer ungeeigneten Blutkonserve kann zu schweren Gesundheitsschäden und zum Tod führen. Dieses Gerät führt keine Überprüfung der Blutgruppenkompatibilität durch. Vergewissern Sie sich durch geeignete Testmethoden, ob Spender- und Empfängerblut kompatibel sind. Capitol Medical Supplies.."

Ich drücke genervt die grüne Taste. Die Stimme verstummt. Ich drücke die Taste noch einmal.
„Venenzugang wird eingeleitet – bitte warten!" tönt die Stimme aus dem Gerät. Wieder surrt etwas immer Inneren. Irgendwo muss in dieser Manschette eine Infusionskanüle versteckt sein. Auf dem Bildschirm ist zu erkennen, wie sich ein dunkles, längliches Objekt der ausgewählten Vene nähert und dann in sie eindringt.
„Venenzugang hergestellt – prüfe – Venenzugang ist funktionsfähig. Zum Einleiten der Transfusion drücken Sie die grüne Taste zwei Mal."

Ich bestätige den Vorgang. Die Pumpe läuft an. Auf dem Display erscheint eine Meldung „TRANSFUSION RUNNING – RATE 10 ml/min".
„Transfusion läuft. Dies ist ein automatisches Notfallprogramm für starken Blutverlust. Die Transfusionsgeschwindigkeit wird auf bis zu 50 Milliliter pro Minute gesteigert werden. Ein manuelles Einstellen ist nicht möglich. Ihr Arzt kann die Transfusionsgeschwindigkeit per Fernzugang einstellen, sofern die Funktion in Ihrem Gerät freigeschaltet wurde und der Arzt über eine gültige Lizenz verfügt. Vielen Dank, dass Sie Capitol Medical Supplies zur Verbesserung ihrer Gesundheit gewählt haben!"

„Funktioniert es?" fragt Breck.
Ich kontrolliere das Display. Es zeigt 18 ml/min an, Tendenz steigend.
„Sieht gut aus", antworte ich.
„Was machen wir mit dem Morfix?"
„Am besten, wir warten, bis Marina wieder richtig zu ihr kommt. Es sind Tropfen zum Schlucken, dafür muss sie wach sein", wirft Finch ein.
Marina bewegt leicht ihren Kopf.
„Streng dich nicht an", sagt Breck zu ihr. „Du bekommst gerade frisches Blut. Und wir haben Morfix für dich."
Marina nickt müde.
Ihre Kraft reicht nicht, um etwas zu sagen. Es wird eine Weile dauern, bis die Bluttransfusion einen Effekt zeigen wird. Genau genommen ist es nichts weiter, als ein verzweifelter Versuch, Marina noch etwas mehr Zeit zu verschaffen. Nachdem sie bis jetzt durchgehalten hat, kann der Blutverlust nicht mehr allzu massiv sein. Vielleicht ist die Blutung mittlerweile sogar zum Stillstand gekommen, oder zumindest so geringfügig, dass es reicht, wenn wir laufend per Transfusion neues Blut nachfüllen. Das ist zwar genaugenommen in etwa so sinnvoll, wie bei einem Ölleck einfach frisches Öl nachzufüllen, anstatt das Leck zu reparieren, aber mangels Arzt können wir hier nichts anderes tun.

Die Transfusionsgeschwindigkeit ist bei 30 ml/min angekommen. Zumindest scheint es Marina nicht schlechter zu gehen. Das Gerät funktioniert ordnungsgemäß, kein Hinweis auf eine Falle. Ich werde hier nicht mehr unbedingt gebraucht.

„Kommt ihr einstweilen ohne mich klar?" frage ich in die Runde.
„Geh nur", sagt Finch und wirft mir ein Lächeln zu. „Gib Katniss ein paar Fluglektionen, aber passt auf, dass sie nicht übermütig wird!"

Ich mache mich auf den Weg nach vorne. Für einen Moment habe ich den Eindruck, dass die Maschine leicht durchsackt. Wahrscheinlich eine leichte Turbulenz. Nichts Weltbewegendes. Ich gehe weiter. Mein Blick bleibt kurz am vorderen Füllhorn in der Business-Kabine hängen. Was, wenn wir wirklich Zugang zu den Sponsorgeschenken erhalten könnten?

Dann, plötzlich, ohne jede Vorwarnung, fühle ich mich leicht, völlig losgelöst vom Boden. Was ist das schon wieder? Mein Gehirn braucht eine Sekunde, um die Situation zu erfassen. Ich spüre, wie ich schwerelos durch die Luft schwebe, meine Füße haben keinen Kontakt zum Boden mehr. Wie ein Ballon steige ich Richtung Decke. Ich tue mir schwer, meine Sinneseindrücke als real zu bewerten. Das kann unmöglich sein. Ich kann nicht schwerelos durch die Kabine schweben!

Ein dumpfer Schlag auf den Rücken und mein Gesäß vertreibt jeden Zweifel. Ich bin soeben gegen die Decke geprallt. Negative Schwerkraft. Vor der Fensterreihe sehe ich den Horizont beängstigend steil nach vorne kippen. Wir gehen in den Sturzflug, und ich kann nichts dagegen tun.

„Katniss!"

Mein Schrei verhallt ohne Antwort.