Die Zeit scheint sich fast bis zum Stillstand zu verlangsamen. Eine unnatürliche Ruhe steigt in mir auf. Jedes weitere Ankämpfen gegen das Unvermeidliche erscheint mir sinnlos. Als ob ich überhaupt etwas tun könnte, so wie ich von den negativen Fliehkräften gegen die Decke gepresst werde! Noch ein paar Sekunden, dann ist der Sturzflug so steil, dass es kein Zurück mehr gibt. Zuerst wird der Overspeed-Alarm im Cockpit losgehen, wenn die DC-8 die maximal erlaubte Machzahl von 0.88 überschreitet. An den Tragflächen bilden sich Überschall-Schockwellen. Der Druckpunkt wandert nach hinten, die Maschine wird kopflastig. Über 0.95 Mach fliegen alle Versprechen des Herstellers aus dem Fenster. Die Höhenruderwirkung geht durch Schockwellenbildung an der Höhenflosse verloren.
Dann werden wird die Schallmauer durchbrechen. Katniss kann am Steuerhorn ziehen so viel sie will, aus dem „Mach Tuck" kann sie so nicht entkommen. Sie wird nicht einmal begreifen, was da geschieht. Ihre einzige Chance wäre, die Höhenflossentrimmung zu benutzen, aber das weiß sie nicht. Noch ein paar Sekunden, dann ist es so weit. Unser Todesurteil ist besiegelt.
Plötzlich spüre ich ein Nachlassen der negativen Schwerkraft. Ich schwebe wieder. Katniss, zieh hoch! Mehr ziehen! Ich versuche, meine Beine nach vorne zu kriegen, um halbwegs aufrecht zu landen. Der Boden kommt mir entgegen. Es geht sich nicht aus! Ich bekomme meine Beine nicht sortiert, setze mit dem rechten Fuß irgendwie völlig verdreht auf. Ein stechender Schmerz zuckt durch meinen Knöchel. Ich kippe seitlich nach vorne weg und lande unsanft auf der linken Seite. Ein Stich fährt durch meine lädierte linke Schulter. Für einen Moment besteht meine Welt nur noch aus Schmerz. Und einer unerträglichen Schwere, als hätte sich ein Elefant auf meinen Rücken gesetzt.
Natürlich! Der Abfangbogen! Katniss zieht die Maschine tatsächlich aus dem Sturzflug! Die DC-8 liegt überraschend ruhig in der Luft, kein Anzeichen von high speed buffet. Vielleicht sind wir noch unter dem Limit, oder nur minimal drüber. Die Schwerkraft lässt nach. Ohne Blick nach draußen kann ich nicht sagen, ob die Maschine wieder im Horizontalflug ist oder noch immer sinkt. Mein Fliegerinstinkt sagt mir, dass wir noch nicht außer Gefahr sind. Ich kann spüren, wie die DC-8 leicht nach oben und unten pendelt. Katniss, nicht übersteuern! Nicht schon wieder eine Oszillation! Es fühlt sich an, als würde Katniss mit der Steuerung kämpfen.
Ich muss ins Cockpit! Ich beiße die Zähne zusammen und versuche mich aufzurichten. Meine Schulter sendet einen neuerlichen Stich durch meine linke Körperseite. Egal was Katniss denkt, ich werde mir gleich eine Handvoll Tabletten einwerfen! Wenn ich es denn überhaupt ins Cockpit schaffe. Vorsichtig verlagere ich mein Gewicht auf mein linkes, intaktes Bein, und erhebe mich, mein rechtes Bein nachschleifend. Ein Versuch, es zu belasten, wird sofort mit einem stechenden Schmerz quittiert. Mist! Vermutlich ist der Knöchel verstaucht, oder gebrochen.
Ein Blick aus dem Fenster beruhigt mich. Die Maschine fliegt annähernd horizontal, und sinkt wenn dann nur noch langsam. Humpelnd lege ich die fehlenden Meter ins Cockpit zurück.
„Peter, mach schnell, ich kann sie nicht mehr lange halten!" schreit mir Katniss entgegen. Ihre Stimme wirkt angestrengt. Dann sehe ich sie. Mit beiden Händen hält Katniss das Steuerhorn umklammert, während sie sich mit ihren Beinen am Instrumentenbrett abstützt. Ihre Fingerknöchel und Armmuskeln treten deutlich hervor. Sie scheint mit aller Kraft am Steuerhorn zu ziehen, doch trotzdem verliert die Maschine weiter leicht an Höhe.
„Was ist passiert?" frage ich.
„Keine Ahnung, auf einmal ist das Steuerhorn nach vorne geschnalzt!" entgegnet Katniss.
"Unfähig bist du! Wegen dir gehen wir jetzt alle drauf!" schreit Clove.
Eine Autopilot-Fehlfunktion? Ich überprüfe die Stellung des Autopilot-Hauptschalters. Er steht auf YAW DAMPER, es ist also lediglich der Gierdämpfer aktiv, der Autopilot selbst ist aus. Vermutlich ausgefallen. Aber das erklärt nicht, warum die Steuersäule plötzlich nach vorne schlägt. Außer…
Mein Blick fällt auf die Anzeige der SERVO TRIM METERS, welchs die Kommandos an die Autopilot-Servos anzeigen. Die Nadel für das Höhenruderservo steht am unteren Anschlag – maximaler Ruderausschlag nach unten. Katniss muss das Steuerhorn jetzt gegen die Kraft des Servos halten, damit die DC-8 nicht wieder in den Sturzflug übergeht. Wenigstens scheint die Kraftbegrenzung des Servos zu funktionieren, sonst hätte sie keine Chance, die Maschine zu halten. Aber ihren angestrengten Gesichtszügen nach zu urteilen, wird sie auch so die DC-8 nicht mehr lange unter Kontrolle halten können.
Denk nach! Der Autopilot ist aus. Die Servos sollten gar keinen Strom mehr bekommen. Aber sie bekommen offensichtlich welchen. Ich muss den Strom unterbrechen…die Sicherungen!
„Katniss, gleich wird es besser!"
Ich eile nach hinten zur Sicherungs-Schalttafel. Wo sind die blöden Autopilot-Sicherungen noch mal? Sie müssten am RADIO BUS sein – da, RADIO BUS 4, AUTOPILOT BUS AC und DC BUS 2.
„Achtung, Katniss! Gleich wird der Zug am Steuerhorn weniger. Mach dich darauf gefasst, nachlassen zu müssen!", rufe ich, während ich gleichzeitig nach dem beiden Sicherungen für die Pitch- und Rollachse des Autopiloten greife.
„Okay!" gibt Katniss knapp zurück.
„Auf drei! Eins, zwei, drei!"
Ich ziehe die beiden Sicherungen. Ein Ruck geht durch die Maschine, die Nase wandert schlagartig ein Stück nach oben. Beinahe hätte ich das Gleichgewicht verloren.
„Jetzt ist es besser!", ruft Katniss. „Aber ich muss immer noch ordentlich ziehen…Moment, es wird wieder schlimmer!"
Die DC-8 beginnt durchzusacken. Katniss kontert mit dem Steuerhorn, doch es reicht nicht. Die Nase geht weiter nach unten.
„Mist, was ist das jetzt?" fluche ich. Das kann unmöglich wahr sein! Haben die Spielmacher am Ende die Sicherungen überbrückt?
Ich humple nach vorne. Katniss zieht mit aller Kraft am Steuerhorn.
"Na, Kohlengräberin, geht dir die Kraft aus?" äzt Clove.
Ein Warnsummer ertönt. Ich erkenne ihn sofort. Es ist die Stabilizer in Motion Warnung, die ertönt, wenn die Höhenflosse um mehr als ein halbes Grad ohne Unterbrechung verstellt wird.
Ein Blick auf die Mittelkonsole bestätigt meinen Verdacht. Der hydraulische Trimmhebel links neben den Gashebeln, der ein wenig wie ein Koffergriff aussieht, steht am vorderen Anschlag. Runaway Trim. Ich hechte nach vorne und ziehe den Hebel mit aller Kraft nach hinten.
„Peter, tu etwas! Ich kann sie nicht mehr halten!" schreit mir Katniss verzweifelt ins Ohr.
Ich beobachte die Trimmanzeige. Keine Reaktion. Sie läuft zwar nicht mehr nach vorne, aber sie will auch nicht nach hinten gehen. In einem Anflug von Verzweiflung drücke ich auch die beiden Hebel für die elektrische Trimmung nach unten. Keine Reaktion. Das kann es doch nicht sein! Zwei Hydraulikmotoren und ein Elektromotor arbeiten gleichzeitig. Die müssen die blöde Höhenflosse doch zurückstellen können!
„Peter!" ruft Katniss noch einmal.
Ich lasse die elektrische Trimmung los und den hydraulischen Hebel in die Mittelstellung zurück gleiten, und ziehe ihn noch einmal mit Schwung nach hinten. Keine Wirkung. Ich spüre, wir die Flugzeugnase ein Stück absinkt. Das Variometer zeigt an, dass wir mit 1.500 Fuß pro Minute sinken, Tendenz steigend. Höhe 35.400 Fuß, Geschwindigkeit 0.85 Mach und steigend. Mit einer derartig vertrimmten Höhenflosse haben wir keine Chance, wenn der mach tuck einsetzt.
Vage erinnere ich mich an einen Unfallbericht aus den 1960ern, als es ein paar Unfälle mit unkontrollierbaren Sturzflügen von DC-8 Maschinen gegeben hatte. Es hatte etwas mit der Trimmung zu tun. Etwas mit den Kraftverhältnissen am Höhenleitwerk. Ich versuche mir, die Situation am Leitwerk bildlich vorzustellen. Die Höhenflosse ist nach unten getrimmt. Katniss hält mit dem Höhenruder dagegen. Das Höhenruder drückt das Heck nach unten. Die Kraft greift an der Hinterkante der Höhenflosse an. Um die Höhenflosse nach oben zu trimmen, muss die Hinterkante nach oben bewegt werden.
Das ist es! Das ist unser Problem! Der Druck durch das ausgeschlagene Höhenruder blockiert den Trimmmotor!
„Katniss, du musst jetzt den Zug auf das Steuerhorn nachlassen!" rufe ich.
„Aber dann kippt mir die Maschine nach unten weg!" entgegnet Katniss panisch.
„Vertrau mir. Sie wird kurz wegkippen und sich gleich wieder fangen! Lass den Zug jetzt langsam nach, bis ich Stopp sage!"
Katniss gehorcht. Die Nase senkt sich, ich fühle, wie die DC-8 durchsackt.
„Noch ein bisschen mehr nachlassen!", weise ich Katniss an.
Auf einmal beginnt die Trimmanzeige nach hinten zu laufen.
„Stopp, das reicht!"
Langsam kommt die Nase wieder nach oben.
„Jetzt ein bisschen mehr ziehen! Vorsichtig!"
„Ich hab sie", entgegnet Katniss.
„Zieh weiter hoch, bis die Nase etwas über dem Horizont ist!"
Das Variometer passiert die Nullmarkierung. Der Höhenmesser stoppt bei 34.500 Fuß. Geschwindigkeit noch unter der roten Markierung.
„Ich muss fast nicht mehr ziehen!", ruft Katniss erleichtert.
Ich lasse den Trimmhebel in die Mittelstellung gleiten.
„Passt es so?" frage ich.
„Noch ein kleines bisschen nach oben trimmen, dann geht es."
Ich ziehe den Trimmhebel noch einmal kurz nach hinten.
„So müsste es gehen".
Doch noch immer ist nicht alles in Ordnung. Der hydraulische Trimmhebel will noch immer von selbst an den vorderen Anschlag fahren, ich muss ihn in der Mittelstellung festhalten.
„Diese blöde Trimmung will dauernd nach vorne!", fluche ich, und wende mich an Katniss. „Drück mal kurz die beiden Trimmschalter am Steuerhorn nach unten!"
Keine Reaktion.
„Hast du die Schalter gedrückt?"
„Ja, zum Teufel noch mal!" entgegnet Katniss. Ihre Stimme klingt nervös.
Ich glaube zu wissen, wo das Problem liegt. Offensichtlich haben die Spielmacher den elektrischen Aktuator für die hydraulische Trimmung, der mit den Schaltern am Steuerhorn bedient wird, irgendwie überbrückt, und benutzen ihn nun, um die hydraulische Trimmung nach unten auszuschlagen. Der Aktuator lässt sich zwar händisch durch Festhalten des Hebels übersteuern, aber so können wir nicht ewig weitermachen.
„Katniss, lass die Trimmschalter los! Dann nimm deine linke Hand vom Steuer und greif nach diesem Hebel hier!", weise ich sie an, und deute auf den Trimmhebel.
„Halt ihn gut fest! Er will von selbst nach vorne wandern. Du muss ihn in der Mittelstellung halten."
Vorsichtig übergebe ich ihr den Hebel.
„Sehr gut. Ich ziehe jetzt schnell ein paar Sicherungen, dann sollte der Spuk vorbei sein", sage ich mit ruhiger Stimme.
Ich weiß genau, wo ich suchen muss. Am RADIO BUS 1 befinden sich zwei Sicherungen mit der Beschriftung WHEEL LONGITUDINAL TRIM. Ich ziehe sie heraus.
„Es hat aufgehört!" ruft Katniss erleichtert. „Der Hebel bleibt von selbst in der Mitte!"
„Siehst du, was habe ich gesagt!"
Ich humple wieder nach vorne und hieve mich in den Pilotensitz. Ein stechender Schmerz zuckt durch meinen rechten Knöchel, als ich mit dem Fuß aus Unachtsamkeit gegen die Mittelkonsole stoße.
Katniss wirft mir einen sorgenvollen Blick zu.
„Hast du dir dein Bein verletzt?"
Ich nicke.
„Bin etwas unsanft am Boden gelandet, als du die Maschine hochgezogen hast."
„Tut mir leid", sagt Katniss mit sanfter Stimme.
„Nichts für ungut", entgegne ich. „Wenn du nicht so scharf hochgezogen hättest, wären wir alle jetzt nur noch ein Häufchen Staub und Asche in der Wüste".
Ich greife nach dem Steuerhorn.
„Hast du etwas dagegen, wenn ich übernehme?" frage ich Katniss.
„Nur zu."
„Ich hab sie", antworte ich, und prüfe die Instrumente. Wir sind leicht vom Kurs abgekommen, und wir fliegen in 34.300 Fuß. Die Geschwindigkeit ist auf 0.80 Mach gefallen. Ich beschließe, wieder auf 40.000 Fuß zu steigen, und schiebe die Gashebel auf Steigleistung vor. Flight Director auf MACH HOLD, NAV Modus ausgewählt. Ich ziehe die DC-8 in den Steigflug. Ein paar Minuten, dann sind wir wieder auf der richtigen Höhe.
Marina! Was wird wohl mit ihr passiert sein, als die Maschine in den Sturzflug gegangen ist? Ich kann nur hoffen, dass das Bluttransfusionsgerät noch funktioniert, und dass niemand verletzt wurde. Nachschauen ist nicht möglich. Ich kann Katniss nicht schon wieder allein im Cockpit lassen, jetzt, wo wir keinen Autopilot mehr haben. Nicht bevor ich sicher bin, dass sie die Maschine in diesen Höhen sicher kontrollieren kann, und nicht bevor ich sichergehen kann, dass nicht noch irgendwo eine böse Überraschung lauert.
„Was ist mit deinem Arm passiert?" fragt Katniss plötzlich.
„Was soll damit sein?" entgegne ich, und werfe selber einen Blick darauf. Die Haut ist leicht gerötet, und brennt etwas. Von meinen Armhaaren sind nur noch ein paar verkohlte, zusammengerollte Knäuel über. Die Stichflamme.
„Nun ja", sage ich lächelnd, „nachdem das Kapitol diesmal zu geizig war, um uns das übliche Rundum-Beautypaket zu spendieren, habe ich mir gedacht, ich probier mal eine neue, schnelle, effiziente Methode zur Haarentfernung aus. Ist offenbar noch etwas ausbaufähig!"
Katniss starrt mich mit offenem Mund an. Dann bricht sie in prustendes Gelächter aus.
„Und deine Augenbrauen! Hast du da auch eine neue Methode testen müssen? Oder ist es dir da hinten etwas zu warm geworden?" neckt Katniss.
„Eher letzteres", entgegne ich.
„Sieht trotzdem irgendwie komisch aus!", lacht meine Copilotin zurück.
„Du brauchst gar nicht so laut zu lachen!" necke ich Katniss. „Schau dich doch mal selber an. Oder würdest du deinen Versuch der Haarentfernung am Arm als gelungen betrachten? Meiner Mutter könnte ich dich so jedenfalls nicht vorstellen. Die würde sofort Rettung, Feuerwehr und Polizei rufen!"
Katniss schlägt ihre Arme über dem Kopf zusammen, genauso, wie ich es ihr gezeigt habe, wenn ich meine Mutter nachgemacht habe.
„Oh mein Gott! Wie das Mädchen denn aus? Um Gottes Willen! Jemand muss den Notruf wählen! Das ist ja grauenhaft! Peter, was denkst du dir dabei? Wir sind kein Krankenhaus! Du kannst doch keine Verletzten einfach so in dieses Haus bringen! Was sollen die Nachbarn denken?" äfft Katniss meine Mutter in einem gekünstelten britischen Akzent nach.
Jetzt muss ich lauthals lachen. Ja, genau so hätte meine Mutter reagiert.
„Weißt du, Katniss, es ist gut, dass wir uns das Vorstellen noch ein wenig sparen können. Obwohl ich das wirklich gerne sehen würde!" entgegne ich.
„Ich auch", meint Katniss lächelnd.
„Applaus, Applaus", ruft Clove plötzlich mit vor Zynismus triefender Stimme von hinten. „Das ist ja ganz großes Theater hier. Ich wusste gar nicht, dass sie in Distrikt 12 Laientheater spielen!"
„Wie oft noch?" zischt Katniss zurück, „du bist nicht gefragt! Wenn du etwas Sinnvolles zu Melden hast, dann tu es, und wenn nicht, halt einfach den Mund! Verstanden?"
Clove funkelt böse zurück.
„Von dir, Kohlengräberin, lasse ich mir sicher nicht den Mund verbieten!"
„Du solltest dich einmal ordentlich informieren, bevor du Leute als irgendetwas bezeichnest, was sie gar nicht sind", entgegne ich rasch. „Wenn du das tun würdest, dann wüsstest du, dass in Distrikt 12 erstens keiner unter 18 in den Minen arbeitet, und zweitens alle Arbeitskräfte unter Tage ausschließlich Männer sind. Katniss ist 16, und ich denke, wir können uns einig sein, dass ihr Geschlecht eindeutig weiblich ist. Also Schluss mit der Kohlengräberin – sonst klebe ich dir den Mund eigenhändig mit Leukoplast zu".
Ich lege eine kurze rhetorische Pause ein, um Clove Zeit zu geben, über meine Worte nachzudenken.
„Hast du das verstanden?"
Clove will zu einer Erwiderung ansetzen, hält dann aber inne.
„Peter", höre ich Katniss Stimme neben mir, „fliegen wir nicht ein wenig schnell für den Steigflug? Wir sollen doch mit 0.80 Mach steigen, oder nicht?"
Ich kontrolliere die Fahrtmesseranzeige. Wir sind bei Mach 0.82.
„Danke. Wir sind in der Tat zu schnell."
Aber warum? Ich habe mich zwar ein paar Sekunden zu Clove umgedreht, und war die letzte halbe Minute nicht voll konzentriert, aber normalerweise hätte ich eine derartige Abweichung durch den nötigen Kraftaufwand am Steuerhorn spüren müssen. Doch obwohl ich die DC-8 für einen Steigflug mit 0.80 Mach getrimmt habe, kann ich mit Mach 0.82, Tendenz steigend, fliegen, ohne dafür das Steuer nennenswert nach vorne drücken zu müssen.
Ich kontrolliere die Trimmanzeige. Sie steht gefühlsmäßig etwas weit Richtung hecklastig, obwohl die Maschine mit den entfernten Sitzen in der vorderen Kabine von Haus aus hecklastig sein müsste. Die Trimmung müsste weiter vorne stehen.
Der Pitch Trim Compensator! Bei hohen Fluggeschwindigkeiten drückt in der DC-8 ein Elektromotor über eine Spindel, die durch eine Feder mit der Steuersäule des Kopiloten verbunden ist, diese nach hinten, um der zunehmenden Kopflastigkeit der Maschine bei hohen Machzahlen und hohen Fluggeschwindigkeiten zu begegnen, und die Geschwindigkeitsstabilität sicherzustellen. Die Funktion des Pitch Trim Compensators wird über eine ausfahrende Stange am Steuerhorn des Kopiloten angezeigt. Bei 0.82 Mach müsste sie zu sehen sein. Doch Fehlanzeige!
„Katniss, ist dir vor dem Sturzflug irgendetwas aufgefallen?" frage ich.
„Nicht Besonderes. Nur dieser komische Stab da ist eingefahren. Der ein wenig so wie ein Wurm aussieht, dieses schwarz-gelbe Ding", entgegnet Katniss. „Ich hab mir gedacht, das hat nichts zu bedeuten, weil der sich vorher auch schon mal bewegt hat."
Das ist es! Jetzt weiß ich, wie die Spielmacher das mit dem Sturzflug angestellt haben.
„Gut beobachtet", lobe ich Katniss.
„Wofür ist dieser Stab gut?" fragt sie.
„Einfach gesagt, ist das nur eine Anzeige dafür, dass ein kleiner Motor das Steuerhorn nach hinten drückt, damit die Maschine bei hoher Geschwindigkeit nicht von selbst in den Sturzflug geht. Deswegen musstest du so kräftig ziehen, um aus dem Sturzflug raus zu kommen", erkläre ich.
„Und dieser Motor hat nicht richtig funktioniert?"
„Genau das war das Problem. Du musstest deswegen über 30 Pfund Zugkraft zusätzlich selber aufbringen, die dir sonst der Motor abgenommen hätte."
„Darum ging das so schwer!" stellt Katniss fest.
Sie beginnt zu grübeln.
„Was ist eigentlich mit den Leuten da hinten? Mit Breck und Finch, mit Marina? Haben sie sich beim Sturzflug verletzt?"
„Das kläre ich gleich", antworte ich, und greife nach dem Mikrofon für das Durchsagesystem.
„Achtung, Achtung, hier spricht spricht Peter. Finch oder Breck, wenn es möglich ist, soll bitte einer von euch beiden so schnell wie möglich zu mir ins Cockpit kommen!"
Ich lege das Mikro wieder zurück. Links vorne neben den Gashebeln befindet sich der Schalter für den Pitch Trim Compensator. Er steht auf NORM, das System sollte also eingeschaltet sein. Ich stelle den Schalter kurz auf OVERRIDE, dann zurück auf NORM. Langsam kommt die Stange zum Vorschein, und ich muss das Steuerhorn nach vorne drücken, um den korrekten Steigwinkel beizubehalten. Ich stelle die Trimmung nach, bis die Maschine wieder von selbst die richtige Geschwindigkeit hält.
„Hat sich wohl aufgehängt, nachdem unsere Freunde am Boden damit rumgespielt haben", sage ich zu Katniss. „Siehst du, jetzt kommt der Wurm wieder raus!""
Ich drehe mich kurz um und sehe nach hinten. Keine Spur von Breck und Finch. Die Maschine steigt inzwischen durch 37.000 Fuß. Der Flight Management Computer zeigt mir, dass wir nur noch 55 Minuten bis zum Flugplatz haben. Die Treibstoffanzeige weist 34.500 Pfund aus. Wir haben unsere Prognose für den übrig bleibenden Treibstoff am Zielort um ein paar hundert Pfund verbessert, doch der neuerliche Steigflug wird uns wieder wertvollen Treibstoff kosten. Ich sollte mal die Tankinhalte prüfen, schießt mir durch den Kopf.
„Übernimm mal kurz!" sage ich.
„Okay". Katniss greift nach dem Steuerhorn. „Ich hab sie."
„Folge einfach den Balken auf dem künstlichen Horizont. Kleine Korrekturen. Wie ich es dir erklärt habe", weise ich sie an, und erhebe mich vorsichtig aus meinem Sitz. Irgendwie ist mir momentan ein wenig schwindelig. Ein flaues Gefühl breitet sich in meinem Magen aus, und mein Schädel pocht. Aus Unachtsamkeit versuche ich wieder einmal mein rechtes Bein zu belasten. Autsch! Ich verziehe vor Schmerz mein Gesicht.
„Ist mit dir wirklich alles in Ordnung?" fragt Katniss besorgt.
„Nur mein Bein", entgegne ich.
Dann wende ich mich den Treibstoffanzeigen zu. Die Haupttanks 2 und 3 enthalten noch 8.500 Pfund, die Haupttanks 1 und 4 sind bei 7.000 Pfund. Die Reservetanks 1 und 4 stehen bei 1.500 Pfund.
Plötzlich überkommt mich ein Anflug von Übelkeit. So schnell es geht humpele ich Richtung Toilette. Mit meinen verbundenen Händen fingere ich etwas ungeschickt am Türmechanismus herum, bis ich die blöde Tür endlich aufbekomme. Ich beginne zu würgen. Dann gibt es kein Halten mehr. Ein Schwall von Erbrochenem ergießt sich auf den Boden der Toilette. Der Anblick lässt mich gleich noch einmal würgen. Ein unangenehmes Brenne breitet sich in meinem Hals aus. Mit zitternden Fingern ziehe ich ein Papierhandtuch aus dem Spender und wische mir den Mund ab.
Ich zwinge mich, einen Blick in den Spiegel zu werfen. Mein Gesicht wirkt blass und ist mit Ruß verschmiert. Das Shirt hat auch schon mal bessere Zeiten gesehen, bevor Breck es als Hitzeschutz verwendet hat. Du siehst nicht gut aus, Peter, sage ich in Gedanken zu mir selbst. Ich muss etwas trinken. Den grausigen Geschmack loswerden. Ich humpele Richtung Bordküche. Katniss scheint die Maschine einigermaßen im Griff zu haben. Es ruckt zwar ab und zu ein wenig, aber schön langsam bekommt sie den Dreh raus. Ich öffne den Getränke-Vorratsschrank und hole eine Dose Limonade hervor. Capitol Coke. Eine Art Coca Cola, genau das, was ich jetzt brauche. Ich nehme ein paar Schlucke, hole noch eine zweite Dose aus dem Schrank und mache mich auf den Weg ins Cockpit.
Mein Schädel pocht noch immer. Wahrscheinlich eine Nachwirkung von Cloves Schlag. Mein Blick bleibt auf einer kleinen Schachtel hinter dem Copilotensitz hängen. Die Schmerztabletten. Ich stelle die Coladosen auf die Arbeitsfläche des Flugingenieurs und hebe die Schachtel auf. Naprobene 500 mg. Ich drücke zwei Tabletten aus dem Blister.
„Was machst du da?" fragt Katniss.
„Ich werf mir nur mal schnell ein paar Tabletten ein. Denk was du willst, ich bin nicht so tapfer wie du."
Ich lege die erste Naprobene auf meine Zunge und spüle sie mit einem ordentlichen Schluck Cola runter. Dann die zweite.
„Gut, nachdem ich dich jetzt geschlagen habe, kannst du mir auch etwas von dem Zeug geben. Mein Arm nervt mich schön langsam nämlich", sagt Katniss mit einem frechen Lächeln auf den Lippen.
„Hast du mich mal wieder ausgetrickst", entgegne ich, und drücke zwei weitere Tabletten aus dem Blister.
„Weißt du, wie man die schluckt?" frage ich Katniss.
„Ich bin zwar das, was deine Mutter als Hinterwäldlerin bezeichnen würde, aber das bekomme ich schon noch hin. Her damit!"
Ich reiche Katniss die Pillen und eine Coladose. Ich beuge mich über den Sitz, und übernehme kurz das Steuer. Die DC-8 ist bei 39.000 Fuß angelangt.
„Danke", sagt Katniss, und reicht mir ihre Getränkedose. „Ich übernehme wieder, bis du auf deinem Platz bist."
Ich trinke meine Dose aus und stopfe sie in die Rückentasche des Sitzes, damit sie nicht im Cockpit herumkullert.
„Stopp, Stopp, Stopp", schallt plötzlich Plutarch Heavensbees Stimme aus dem Cockpitlautsprecher.
„Mein lieber Peter, du kannst gleich stehen bleiben. Du wirst nämlich jetzt augenblicklich die Sicherungen, die du vorhin so schön raus gezogen hast, wieder rein drücken. Von jetzt an spielst du nach unseren Regeln!"
„Und was, wenn nicht?" entgegne ich.
„Dann werdet ihr alle dafür bezahlen, und damit meine ich wirklich alle. An Bord dieser Maschine befindet sich eine Sprengladung, strategisch gut platziert, die wir ohne zu zögern zünden werden, wenn du weiter glaubst, dass für dich keine Regeln gelten. Du wirst augenblicklich die Sicherungen für den Autopilot und die Trimmung wieder rein drücken. Tu es!" dröhnt Plutarchs Stimme aus dem Lautsprecher.
„Und wer garantiert mir, dass ihr nicht wieder irgendeinen Unsinn mit der Steuerung veranstaltet?"
„Wir. Das heißt, eigentlich ich". Ein gekünstelter Anflug von Lächeln tönt aus dem Lautsprecher. „Wir haben ein kleines Spiel mit euch vor. Dafür brauchen wir die ungeteilte Aufmerksamkeit von euch allen. Ihr erfahrt gleich, was es ist. Vorher noch ein kleiner Hinweis – wir sind in ein paar Sekunden wieder auf Sendung. Überlegt euch also gut, was ihr sagt. Sonst…bumm!"
Ich schlucke. Jetzt hat mich der Bastard kalt erwischt. Ade, schöner Plan. Mit Distrikt 13 wird es jetzt erst mal nichts.
„Also dann – hier ist euer neues Spiel. Es heißt ‚Schluck die Nachtriegel'. Ich nehme an, ihr alle wisst, was Nachtriegel sind?" fragt Plutarch.
Katniss und ich nicken.
Nachtriegel sind genmanipulierte schwarz-blaue Beeren, so giftig, dass es heißt, man ist tot, bevor sie im Magen angekommen sind. In dieser Volksweisheit steckt zwar ein wenig Übertreibung, doch viel mehr als eine Minute hat man nicht, ehe das Gift die Zellatmung blockiert und man tot umfällt.
„Gut. Nachdem ihr Bescheid wisst, was Nachtriegel sind, hier die Spielregeln. Die Teilnehmer des Spiels sind Katniss und Breck. Peter, du bekommst 20 Minuten Zeit, um zu entscheiden, wer von den beiden die Beeren schlucken soll. Dann wird der Geschenkausgabeautomat aus dem Boden kommen. Nur Katniss oder Breck können das Fach öffnen. Dann habt ihr noch mal fünf Minuten Zeit, im Angesicht der Beeren. Vielleicht will ja jemand dem armen Peter die Entscheidung abnehmen."
Katniss und ich starren uns beide mit offenen Mündern an.
„Und jetzt, die Sicherungen bitte!"
