Das imaginäre Schwert saust auf mich herab. Das ist sie also, meine Strafe. Ich soll eine Entscheidung treffen, bei der beide Optionen gleich untragbar sind. Ich will nicht, dass Katniss stirbt, aber genauso wenig kann ich von Breck verlangen, die Nachtriegel zu schlucken. Er ist doch erst zwölf, hat sein ganzes Leben noch vor sich! Es muss irgendeinen Ausweg geben. Eine dritte Option, bei der niemand stirbt, und auch keine Bombe hochgeht. Wie im Film, wo der Held an der entscheidenden Stelle den richtigen Einfall hat, oder einen besonderen Trick aus dem Hut zaubert.

Doch mir will keine rettende Idee kommen. Ein Flugzeug ist kein Auto, wo wir mal schnell rechts ranfahren und alle rausspringen könnten. Selbst wenn wir Fallschirme an Bord hätten, wir könnten nicht einfach auf Reiseflughöhe eine Tür öffnen und rausspringen. Wir wären durch den Sauerstoffmangel bewusstlos, bevor wir im freien Fall niedrigere Höhen erreicht hätten, und würden vermutlich den Zeitpunkt zum Ziehen der Reißleine verschlafen. Wenn wir nicht vorher erfroren wären. Die Außentemperatur liegt bei minus 54 Grad Celsius, mit dem Windchill im freien Fall würde sich die wohl eher wie minus hundert anfühlen. Dann müssten wir noch die Tür aufbekommen, hoffen, dass wir nicht ins Triebwerk gesaugt werden oder gegen die Tragfläche oder das Heck knallen, und dass die Spielmacher nicht vorher die Bombe zünden, wenn sie merken, was gespielt wird.

Der Höhenmesser nähert sich der 40.000 Fuß-Marke. Mit Gefühl bringe ich die DC-8 in den Horizontalflug, und nehme die Schubleistung zurück, um eine Geschwindigkeit von 0.78 Mach zu halten.

„Und jetzt, Peter", dröhnt wieder Plutarchs Stimme aus dem Lautsprecher, „drückst du endlich diese verdammten Sicherungen rein, bevor hier ein paar Leute nervös werden und einen großen roten Knopf drücken! Los jetzt!"

Seufzend füge ich mich Plutarchs Anweisungen. Widerstand ist zwecklos, wie bei den Borg, denke ich mir.
„Katniss, übernimm mal kurz", sage ich, und schnalle mich los. Ich versuche mir einzureden, dass die Schlacht noch nicht verloren ist, dass mir vielleicht in den verbleibenden 20 Minuten noch etwas anderes einfällt, als Katniss oder Brecks Todesurteil auszusprechen.
Zähneknirschend drücke ich die Autopilot- und Trimmungs-Sicherungen nacheinander wieder rein, und gebe damit den Spielmachern die Kontrolle über die Maschine zurück.
„Und jetzt den Autopilot einschalten, bitte!", befiehlt Plutarch. Resignierend betätige ich den Hauptschalter, und aktiviere den Modus „Höhe halten".

Toll, Peter, für ein paar Minuten hattest du sie ausgesperrt, und was hast du daraus gemacht? Nichts!

Als ich schon wieder in meinen Sitz klettern will, schweift mein Blick noch einmal über das Flugingenieurs-Schaltpult. Er bleibt am Elektrik-Panel hängen. Was, wenn ich den kompletten Strom abstellen würde, inklusive der Batterie? Ich müsste nur die vier Generatorschalter und den Batterie-Hauptschalter auf OFF legen. In zwei oder drei Sekunden wäre das leicht zu schaffen. Keine Kameras, keine Übertragung, und keine Bombe. Aber auch kein Trägheitsnavigationssystem, kein Bordcomputer und keine Instrumente mehr außer dem Standby-Höhenmesser und dem Standby-Fahrtmesser, sowie dem Magnetkompass. Unsere Chancen, den Flugplatz von Distrikt 13, oder überhaupt einen Flugplatz zu finden, wären dann fast gleich Null.

„Was soll das jetzt werden? Willst du Löcher in die Luft starren?" fragt Clove.
„Nein. Ich habe mir nur gedacht, ob ich nicht mal die Generatoren und die Batterie ausschalten sollte. Mal kurz die Kameras ausknipsen, damit ich ein paar nicht jugendfreie Schimpfwörter loswerden kann" entgegne ich.
„Du willst den kompletten Strom abdrehen? Bist du jetzt völlig übergeschnappt?" erwidert Clove.

„Du hältst uns wohl für dämlich!" schallt Plutarchs Stimme aus dem Lautsprecher. Glaubst du vielleicht, wir hätten für solche Spielereien keine Vorkehrungen getroffen? Kapier es endlich - du tust, was wir dir sagen, oder es macht 'Bumm'! Nicht mehr, und nicht weniger. Also Hände weg vom Strom, ganz besonders vom Batteriehauptschalter. Der bleibt ein, oder es knallt. Verstanden?"

Ich nicke.

„Und nur zur Information - die Uhr läuft. Du hast noch 17 Minuten. Es wäre vielleicht an der Zeit, dass du dich von Breck oder Katniss verabschiedest. Ich denke, es gibt da vielleicht noch ein paar ungeklärte Dinge, die im Raum stehen, findest du nicht?"

„Richtig!" pflichtet Clove bei. „Du musst dich schön langsam mal entscheiden. Sieh es einmal so – du kannst deine geliebte Katniss ja sogar retten. Lass einfach den Jungen sterben, der macht es doch sowieso nicht mehr lange. Soll irgendwie krank sein, habe ich gehört."

Ich werfe Clove einen abfälligen Blick zu.
„Glaubst du, das macht es leichter? Breck hat es genauso wenig verdient zu sterben, wie Katniss. Aber einer muss sterben, und ich soll derjenige sein, der bestimmt, wer es sein soll. Tut mir leid, so einfach ist das nicht…", seufze ich. Beim Gedanken an dem armen Jungen spüre ich Tränen in meine Augen steigen. Reiß dich zusammen, Peter! Aber Katniss kann ich noch weniger sterben lassen. Für jemanden wie Clove wäre die Entscheidung einfach. Derjenige, der ihr wichtiger ist, bleibt am Leben. Der andere stirbt.

„Peter", beginnt Katniss, „das Wichtigste ist, dass du und möglichst viele andere am Leben bleiben. Wenn Breck oder ich dafür sterben müssen, dann ist das für mich in Ordnung. Egal, wie du dich entscheidest."
„Für mich ist es nicht egal!" erwidere ich. „Ich will das nicht tun…es muss einen Ausweg geben! Es muss einfach einen geben!"
„Und wenn nicht? Du hast doch den Spielmacher gehört! Entweder du entscheidest, wer von uns die Beeren schluckt, oder wir sterben alle!" Katniss sieht mich fragend an. „Willst du das?"
Ich schüttle meinen Kopf.
„Nein. Aber es muss…"
„Gar nichts muss!" unterbricht mich Katniss. „Du hast keine Wahl. Du musst dich entscheiden. Einer, oder wir alle. Mir wäre es lieber, wenn nur einer stirbt!"

Logisch betrachtet hat Katniss Recht. Einer von sechs ist besser als alle sechs. Aber es würde bedeuten, sich den Regeln der Spielmacher zu unterwerfen. Zur Spielfigur zu werden.

„Was ist jetzt?" fragt Clove herausfordernd. „Du warst doch zu Beginn auch nicht so zimperlich, als du den Kabinendruck abgesenkt hast. Weißt du eigentlich, wie sehr du mir damit geholfen hast?"
Sie macht eine kurze rhetorische Pause.
„Ich sage es dir – das war das Beste, was mir passieren konnte. Außer natürlich die Sache mit Cato, aber daran war dieses Biest aus vier ja nicht ganz unbeteiligt. Ich hab mir eine Sauerstoffflasche geschnappt und alle, einen nach dem anderen abgestochen. Natürlich, es war etwas langweilig, weil keiner mehr geschrien hat, außer dieser kleine schwarze Göre aus elf. Klein und zäh, das war sie. Die einzige, die noch ein wenig bei Bewusstsein war. Leider nicht lange. Ich hätte ihr liebend gern die Haut bei lebendigem Leib abgezogen", sagt Clove mit vor Zynismus triefender Stimme.

Ich spüre blanken Hass in mir aufsteigen. Für einen Moment kann ich mich noch beherrschen, dann brennen bei mir sämtliche Sicherungen durch. Mit der flachen Hand schlage ich Clove ins Gesicht.

„So redest du nicht über Rue!" fahre ich sie an. „Du bist krank! Weißt du das?"
Clove verzieht kaum ihre Miene.
„Och, jetzt schlägt der brave Bub also zu, weil ich seine kleine schwarze Freundin gequält habe! Wie rührend!"
„Willst du noch eine Ohrfeige?" fordere ich Clove heraus.
„Das nennst du eine Ohrfeige? Ein leichter Klaps war das! Was glaubst du, wie wir trainieren? Mit Schaumstoffpolstern? Darüber kann ich nur lachen!" spottet sie.
„Soll ich den Feuerlöscher holen? Wäre dir der hart genug?"
Clove mustert mich mit herablassendem Blick.
„Der ist dir doch zu schwer, du Weichei! Damit tust du dir höchstens selber weh!"

Dann wendet sie sich an Katniss.
„Was findest du nur an diesem Idioten? Er ist schwach, feige, und taugt zu gar nichts. Ich wette, er würde sich ohne dich im Wald verlaufen und verhungern, wenn du ihm nicht gnädiger weise etwas von deinem mageren Eichhörnchen überlässt!"
„Hör auf, so über Peter zu reden" entgegnet Katniss. „Du kennst ihn nicht. Er kann diese Maschine fliegen, viel besser als du es je könntest, und wenn er feige wäre, dann wäre er nie zu mir nach Distrikt 12 gekommen. Er hat es nur nicht nötig, dauernd damit anzugeben, wie du es tust!"

„Wie süß!" ruft Clove mit erhöhter Stimme, und rollt mit den Augen. „Wie du ihn auch noch verteidigst! Jetzt kenne ich mich aus."
Sie wirft Katniss einen vielsagenden Blick zu.
„Nur schade, dass aus der tollen Lovestory nichts werden wird. Peter spielt dir etwas vor, tut so, als ob er der sanfte Typ mit dem großen moralischen Kompass wäre, aber ich Wahrheit ist er nicht viel anders als ein Karriero. Nicht so stark und nicht so mutig, aber mindestens genauso kühl und berechnend. Du wirst es schon noch sehen!"

Ich will etwas erwidern, aber dann wird mir klar, dass Clove vielleicht gar nicht so unrecht hat. Meine Aktion mit dem Druckabfall war ein kühl kalkulierter Akt, natürlich aus der Angst heraus zu sterben und damit in gewisser Weise Notwehr. Zumindest versuche ich, mir das einzureden. Aber es war eine Handlung, die einem Karriero gut zu Gesicht stehen würde.

„Peter ist kein Karriero!" erwidert Katniss. „Sonst wärst du schon lange tot!"
„Och, dann ist er jetzt der barmherzige Samariter, der die arme Clove am Leben lässt? Wohl kaum! Ihm fehlt nur der Mumm, mich zu töten, sonst würde er es tun!" spottet Clove.

„Was ist denn hier los?" platzt Finch plötzlich ins Cockpit. „Habt ihr die Durchsage nicht gehört?"
„Natürlich haben wir die gehört!" entgegne ich.
„Das glaube ich nicht", erwidert Finch, „sonst würden Breck und ich wohl nicht schon seit fünf Minuten beim vorderen Füllhorn warten!"
Ich setzte einen Blick wie ein Fragezeichen auf.
„Was?"
„Die Spielmacher – sie haben durchgesagt, dass wir beim Füllhorn warten sollen und du uns dort etwas Wichtiges sagen wirst." Finch tritt einen Schritt an mich heran, und fixiert mich mit ihren tiefblauen Augen.
„Also los, raus damit!"

Sie weiß es nicht!
„Finch", beginne ich, nach Worten ringend, „der oberste Spielmacher zwingt mich zu einem Spiel, das ich wirklich nicht spielen will." Ich schlucke. „Ich muss entweder Breck oder Katniss Nachtriegel schlucken lassen, sonst wird die Maschine gesprengt!"
Das Mädchen wirft mir einen überraschten Blick zu.
„Aber das ist ja…total unfair! Warum wollen die, dass du das tust?"
„Weil sie mich strafen wollen. Weil ich versucht habe, mich ihren Regeln zu widersetzten. Und dafür soll jetzt jemand sterben, der mir am Herzen liegt".
„Was willst du jetzt tun?" fragt Finch.

Ich schüttle meinen Kopf.
„Das weiß ich nicht. Ich will nicht, dass Katniss stirbt, aber ich kann auch nicht verlangen, dass Breck an ihrer Stelle stirbt."
„Du wirst dich aber für irgendjemanden entscheiden müssen!", entgegnet Finch. „Sonst sterben wir alle!"
„Das ist mir schon klar", erwidere ich. „Aber das macht es nicht leichter."

Finch beginnt zu grübeln. Irgendwie werde ich aus ihrer kühlen, distanzierten Art nicht so recht schlau. Für sie scheint das Ganze fast wie ein Strategiespiel zu sein, wo es nur darum geht, eine logisch richtige Entscheidung nach der anderen zu treffen. Sicher, sie hat mir geholfen, doch es war logisch gewesen, das zu tun. Auch sich um die schwer verletzte Marina zu kümmern, war zweckmäßig gewesen, um Breck ruhig zu halten. Finch hat rückblickend rein gar nichts getan, was nicht zumindest in irgendeiner Form auch konkret für sie von Nutzen war. Und sie muss Nerven wie Drahtseile haben, weil sie das ganze Grauen in der Kabine scheinbar unbeeindruckt lässt. Entweder das, oder sie lässt nur deswegen keine Emotionen zu, weil sie Angst hat, sonst verrückt zu werden. So, wie ich es nach Kates Tod auch getan habe. Wenn ich mich nicht in meine Pilotenausbildung hätte vergraben können, wäre ich wahrscheinlich auch übergeschnappt.

„Wie wäre es, wenn wir das Los entscheiden lassen?" schlägt Finch plötzlich vor.
Katniss nickt ihr zu.
„Einverstanden."
„Aber dann könnte die Wahl auch auf dich fallen!", entgegne ich.
„Das ist mir klar", erwidert Katniss, „aber es wäre die fairste Lösung. Ich weiß, du willst mich nicht sterben lassen, und wirst wahrscheinlich Breck wählen, wenn es nicht anders geht, aber ich will dem Jungen die gleiche Chance geben wie mir."
Katniss schluckt.
„Er ist doch erst zwölf…".
„Sie hat Recht", pflichtet Finch ihr bei. „So hätte jeder eine 50 zu 50 Chance, lebend aus der Sache raus zu kommen. Und Peter müsste nicht sein Gewissen mit der Entscheidung belasten, wer leben soll und wer sterben muss."

Typisch Finch. Eiskalt und logisch. Vielleicht ist die Idee gar nicht so schlecht. Ich könnte ja das Ergebnis immer noch überstimmen. Wenn mir wirklich kein Ausweg einfällt.

„Also gut. Wenn wir das Los entscheiden lassen – wie machen wir das im Detail? Eine Münze werfen?" frage ich in die Runde.
„Ich hätte da eher an eine Mehrfach-Ziehung gedacht, wo jeder aus einem Topf drei oder vier Lose mit ‚Ja' oder ‚Nein' zieht. Wer am Ende mehr ‚Ja' hat, nimmt die Beeren. Das wäre mathematisch fairer als ein Münzwurf", meint Finch.
„Wie viele Lose brauchen wir?" frage ich.
„Ich hätte gesagt, so an die zwanzig. Dann haben wir eine vernünftige statistische Verteilung. Wir brauchen nur etwas Papier und einen Kugelschreiber", erklärt Finch.

Ich beuge mich über den Pilotensitz und fische ein Klemmbrett aus der Ablage links neben dem Sitz. Hinter der Checkliste sind einige unbeschriebene A4-Blätter eingespannt. Außerdem ist in einer Lasche ein Kugelschreiber daran befestigt. Normalerweise werden damit Funksprüche mitgeschrieben. Ich öffne den Klemmbügel und nehme das Papier heraus.
„Die müssten reichen", sage ich, und reiche Finch die Papierblätter.
„Gut, dann gehe ich nach hinten, hole die Schere aus dem Verbandskasten und beginne mit dem Basteln. Und Breck schicke ich einstweilen zu dir? Einverstanden?"
Ich nicke Finch zu.
„Ok. Hier, nimmt den Kugelschreiber mit. Du markierst die Hälfte der Lose, der Rest bleibt weiß", weise ich sie an.

Während Finch nach hinten verschwindet, nehme ich in meinem Pilotensitz Platz, in der Hoffnung, auf meinem vertrauten Platz den rettenden Geistesblitz zu bekommen. Aber er kommt nicht.

Statt dessen kommt Breck mit leicht verwirrtem Blick ins Cockpit.
„Wie geht es Marina?" frage ich schnell. Ich muss ihm die schlechte Nachricht schonend beibringen, und kann nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.
„Etwas besser", antwortet der Junge. „Wir mussten zwar eine neue Konserve anschließen, weil bei der erster beim Sturzflug der Schlauch abgerissen ist, aber Marina hat das Blut geholfen".
„Freut mich, das zu hören. Ist sie jetzt wach?"
„Sie war kurz munter. Dann ist sie wieder eingeschlafen."
„Habt ihr ihr das Morfix gegeben?" frage ich.
„Ja. Ein wenig. Sie hat jetzt weniger Schmerzen. Aber sie ist müde und schläft", anwortet Breck. Er wirkt ruhig und gefasst. Vielleicht glaubt er, dass Marina wirklich eine Chance hat.

Ich schiebe meinen Sitz nach hinten und greife nach der Hand des Jungen.
„Breck, ich weiß nicht, wie ich dir das beibringen soll, aber ich habe eine schlechte Nachricht für dich", beginne ich.
„Was ist es? Geht es um Marina?" fragt Breck alarmiert.
„Nein. Es geht um dich. Um dich und um Katniss. Die Spielmacher…sie verlangen, dass einer von euch Nachtriegel schluckt. Du weißt, was Nachtriegel sind?"
Breck nickt erschrocken.
„Aber die sind doch tödlich!"
„Es tut mir leid. Einer von euch muss die Beeren schlucken, sonst sprengen die Spielmacher die Maschine", sage ich zähneknirschend.
„Ich will nicht sterben!" ruft Breck panisch. „Nicht so! Nicht jetzt, wo es Marina besser geht. Sie braucht mich doch!"

Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen.
„Ich will auch nicht, dass du stirbst. Niemand soll sterben. Aber es geht nicht anders. Wenn wir in 20…nein, jetzt wohl eher in 10 Minuten nicht entschieden haben, wer stirbt, dann geht die Bombe hoch!"
Ich sehe Breck in die Augen und streichle sanft seinen Unterarm.
„Das ist nicht fair!" stammelt der Junge. „Warum können wir nicht wenigstens gegeneinander kämpfen, und schauen, wer gewinnt?"
„Die Spielmacher wollen es eben so haben", entgegne ich. „Aber ich habe mir gedacht, damit es nicht ganz so unfair ist, losen wir es aus. Was meinst du dazu?"
Breck beginnt zu weinen.
„Peter, bitte, ich will nicht sterben. Lass das nicht zu. Mach irgendetwas! Rede mit ihnen! Bitte!" fleht er mich an.
„Das habe ich schon versucht. Es ist zwecklos. Die Spielmacher wollen einen von euch beiden sterben sehen", antworte ich mit feuchten Augen.
„Aber dir fällt doch sonst immer etwas ein! Du hast doch bis jetzt immer eine Lösung gefunden", erwidert Breck.
Ich schüttle traurig meinen Kopf.
„Diesmal nicht, mein Junge. Diesmal nicht."

„Noch zehn Minuten!" dröhnt es plötzlich aus dem Lautsprecher.

„Peter, bitte!"
„Breck, es tut mir so leid…".
„Na, dann soll eben Katniss die Beeren nehmen", wirft Clove unvermittelt ein. „Das wäre doch so herrlich tragisch. Zwei Liebende, und einer muss sterben. Wie in einem dieser alten schnulzigen Filme!"
Wie ich dieses Biest hasse!
„Das hast du nicht zu entscheiden" fahre ich Clove an.
„War ja nur eine Idee!"
„Die ich nicht brauche", gebe ich scharf zurück.
„Immerhin hast du die Entscheidung gut abgewälzt. Lässt das Los entscheiden, damit du es nicht tun musst. Wieder mal typisch, du bist einfach zu feige, um mal eine Entscheidung mit Tragweite zu treffen!" äzt Clove.

Ihre funkelnden blauen Augen sind starr auf mich fixiert. Es fühlt sich an, als würden sich zwei Eiszapfen in meine Brust bohren.

„Na, sind dir die Worte ausgegangen? Du bist doch sonst so groß im Reden!" Sie wendet ihren Blick Richtung Katniss.
„Ehrlich, ich weiß echt nicht, was du an dem Versager findest! Obwohl, wenn ich mir dich so recht anschaue, an dir ist ja auch nicht viel dran. Du solltest dir mal ein paar Pflegeprodukte für die Haut kaufen, und ein Friseur würde dir auch nicht schaden. Dann könntest du dir vielleicht mal einen richtigen Jungen anlachen!" spottet Clove.
„Und dir würde ein Heftpflaster über den Mund nicht schaden!" zischt Katniss böse zurück.
„Bist du jetzt beleidigt? Ich mein ja nur, schau dich mal in den Spiegel! Wann hast du dir das letzte Mal die Haare gewaschen? Und schau dir mal deine Arme an! So viele Haare, wie ein kleines Äffchen! Hast du jemals schon einen Rasierer aus der Nähe gesehen?"
Clove nimmt mich ins Visier.
„Peter, warum hast du ihr nicht mal einen gekauft? Das wäre doch auch in deinem Interesse!"

Ich hole tief Luft.
„Glaubst du wirklich, mich stören ein paar Haare? Willst du wissen was mich wirklich stört? Deine doofen Meldungen stören mich! Du kannst nichts als provozieren!"
Ich erhebe mich aus meinem Sitz und gehe auf Clove zu, bis ich knapp vor ihrem Gesicht stehe.
„Noch mal zum Mitschreiben! Wenn du nichts Produktives zu melden hast, hältst du ab sofort den Mund. Sonst hole ich wirklich das Leukoplast! Verstanden?"
Clove sieht mich herausfordernd an.
„Ich wiederhole mich nicht gerne. Hast du das verstanden!"
Sie zeigt keine Reaktion. Schön langsam reißt mir der Geduldsfaden.
„Ich will wissen, ob du das kapiert hast!" schreie ich ihr ins Gesicht. „Hast du das kapiert?" Ich packe Clove an den Schultern. „Sag es! Hast du das verstanden? Verdammt noch mal, antworte!" schreie ich.

„Das bringt doch nichts!" unterbricht mich Katniss. „Was willst du tun, sie schlagen? Sieh sie dir doch an! Sie will uns nur provozieren! Das hast du doch nicht nötig!"
Zögernd lasse ich Clove los.
„Denk daran", sage ich ruhig, „keine blöden Meldungen mehr, oder es gibt das Leukoplast!"
Dann humple ich wieder nach vorne, und bleibe im Mittelgang stehen.

„Noch sieben Minuten", verkündet Plutarch.

Plötzlich spüre ich Katniss Hand auf meinem rechten Arm. Sie fühlt sich rauh, aber doch irgendwie gut an. So richtig nach Katniss eben.
„Peter, hör zu. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Kannst du mir etwas versprechen?" fragt sie mit sanfter Stimme.
„Natürlich".
„Falls ich sterben muss, versprich mir eines. Bleib am Leben, und kümmere dich um Prim, und um meine Mutter. Versprich mir das!"
„Ich verspreche es dir, Katniss!"
„Prim und meine Mutter. Schau, dass sie zu Essen haben. Und Medizin. Und Brennholz zum Heizen im Winter. Lass Prim keine Tesserasteine lösen. Und versuch, sie so gut es geht zu beschützen. Mehr will ich nicht!"

Ich spüre Tränen über meine Wangen fließen. Jetzt, wo ich mich mit Katniss wieder etwas versöhnt habe, muss ich mich vielleicht für immer von ihr verabschieden. Das ist nicht fair! Ich musste das doch schon mal durchmachen. Warum noch einmal? Was habe ich verbrochen, dass mich das Schicksal so quält?

„Nicht weinen, Peter", versucht mich Katniss zu trösten. „Und wegen vorhin…du weißt schon…als…als wir gestritten haben, was ich da gesagt habe, das….das habe ich nicht so gemeint. So ist das nicht!"
Meint sie etwas denStreit, wo ich mein peinliches Liebesgeständnis über die Lippen gebracht habe?
Katniss umschlingt mit beiden Armen meinen Hals und zieht mich zu ihr heran. Sie zögert. Ist sich unsicher, ob sie das, was sie begonnen hat, wirklich will. Sie neigt ihren Kopf leicht zur Seite. Jetzt oder nie. Ich lasse es darauf ankommen. Sanft berühren meine Lippen die ihren. Noch immer zögert sie. Dann erwidert sie meinen Kuss. Unsere Zungen berühren sich. Ich wünschte, wir könnten in diesem Moment die Zeit anhalten. Plötzlich zuckt Katniss zurück.

„Peter, es…es tut mir leid".
„Ist schon gut", erwidere ich, und richte mich wieder auf. Diese fünf Sekunden waren die schönsten, die ich in den letzten Jahren erleben durfte.

„Och wie süß!" ruft Clove in einem spöttischen Tonfall. „Das ist ja ganz großes Kino hier! Echt, dass sich die beiden Liebenden noch küssen, bevor das Mädchen sterben muss, das ist doch Drama pur!"
Danke, dass du mir diesen Moment ruiniert hast, Clove! Danke!
„Kannst du nicht einmal deine Kommentare für dich behalten?" fahre ich sie an.
Sie setzt ein gekünsteltes Grinsen auf und lässt provokant ihre Zähne blitzen.
„Nein, kann ich nicht!"

„Noch fünf Minuten!", dröhnt es aus dem Lautsprecher. Toll, Plutarch. Jetzt musst du auch noch den letzten Funken Romantik zerstören. Will noch jemand? Ich höre Schritte. Finch.

„Peter, die Lose sind fertig!" verkündet sie in einem Tonfall, als würde sie mit dem Wochenendeinkauf nach Hause kommen. Breck erstarrt buchstäblich zur Salzsäule.
„Und das geht nicht ein wenig taktvoller?" erwidere ich mit tadelndem Blick.
„Ich hab doch nur gesagt, dass die Lose fertig sind. Soll ich das etwas für mich behalten?" entgegnet Finch.
„Schon gut. Vergiss es", winke ich ab.

„Achtung, Achtung!" ertönt Plutarchs Stimme. „Wir nähern uns dem Ende des Countdowns. Alle Tribute ausgenommen Marina und Clove haben sich augenblicklich beim vorderen Füllhorn einzufinden. Ich wiederhole, alles Tribute ausgenommen Marina und Clove, haben sich sofort zum vorderen Füllhorn zu begeben!"

Etwas in mir sträubt sich, Plutarchs Befehl zu befolgen. Kein Pilot verlässt während des Fluges ohne Not das Cockpit. Das Flugzeug komplett führerlos zu lassen, und dem Autopiloten blind zu vertrauen, ist in etwa das Gleiche, als von einem Autofahrer zu verlangen, während der Fahrt die Hände vom Lenkrad zu nehmen, den Beifahrer ohne Führerschein das Steuer von der Seite übernehmen zu lassen, und gleichzeitig die Augen zu schließen.

„Aber es muss doch einer im Cockpit bleiben!" werfe ich ein.
„Keine Widerrede, Peter! Du gehst mit den anderen nach hinten, oder es knallt!" befiehlt Plutarch. „Los jetzt!"
Ich habe keine Wahl.
„Ihr habt ihn gehört. Alle nach hinten!", kommandiere ich, während ich meine Angst vor dem Ergebnis der Auslosung so gut wie möglich zu verbergen versuche. Ich darf nicht zu schwach wirken, sonst nutzen die Spielmacher das aus. Ich habe schon genug Schwäche gezeigt, als ich meine Tränen nicht zurückhalten konnte.

Wenn ich etwas mehr von Katniss rauer Art hätte! Das wäre jetzt von Vorteil. So bleibt mir nur das Theaterspielen, was ich jetzt anscheinend auch nicht mehr so beherrsche wie früher. Wobei es natürlich etwas anderes ist, wenn es nur darum geht, eine Geschichte von einem nicht existenten Studium vorzuspielen.

„Noch drei Minuten und dreißig Sekunden!"

Der Automat beginnt bereits aus dem Boden zu fahren. Noch sind die zwölf Drucktasten dunkel.
Finch stellt den Erste-Hilfe-Koffer auf den Boden. Sie hat eine Kofferhälfte komplett leer geräumt, und sie mit den Losen gefüllt.
„Also dann, ich habe mir Folgendes überlegt", beginnt Finch. „Wir haben hier zwanzig Lose, davon zehn blanke, und zehn mit einem X. Jeder zieht vier Lose. Wer am Ende die meisten X hat, muss die Beeren nehmen."
Das Mädchen mit Fuchsgesicht blickt in die Runde.
„Alles verstanden?"
Zaghaftes Nicken.
„Gut." Finch wendet sich an Katniss und Breck. „Wer von euch beiden beginnt?"

„Noch drei Minuten!"

Ohne zu zögern tritt Katniss nach vorne.
„Ich beginne!"
Sie kniet sich auf den Boden und zieht ein Los aus dem Koffer.
„Noch nicht öffnen!" ruft Finch. „Wir zählen die X am Ende! Jetzt du, Breck!"
Der Junge zögert.
„Ich will das nicht!", protestiert er.
Finch packt ihn am Arm.
„Du hast keine Wahl! Oder willst du, dass wir alle sterben?"
„Geht das vielleicht etwas weniger grob?" weise ich Finch zurecht. „Der Junge hat Angst, siehst du das nicht?"
„Glaubst du, ich habe keine Angst? Glaubst, mir macht das Spaß? Nein! Aber wir haben keine Wahl!", entgegnet Finch.

Katniss tritt an Breck heran und legt ihre Hand auf seine Schulter.
„Ich weiß, du hast Angst. Ich habe auch Angst. Aber wir beiden müssen da jetzt durch", redet sich auf ihn ein. „Komm, ich geht mit dir zum Koffer. Was meinst du?"
Zögernd folgt ihr Breck.
Es ist wieder mal einer jener seltenen Momente, wo Katniss ihre weiche Seite zeigt. Sonst macht sie das nur bei ihrer Schwester Prim, und manchmal bei mir, wenn sie einen guten Tag hat. Vielleicht erinnert sie Breck an Prim? Sie sind ja immerhin gleich alt.
Der Junge zieht sein erstes Los.
Bevor Finch etwas sagen kann, zieht Katniss ihr zweites Los.
„Und jetzt wieder du", sagt sie zu Breck.

„Noch zwei Minuten!" verkündet Plutarch. Wahrscheinlich sitzt jetzt die ganze Nation wie festgenagelt vor dem Fernseher. Macht doch eine Werbepause! Bitte!

Abwechselnd ziehen Breck und Katniss ihre restlichen Lose. Der Moment der Wahrheit ist gekommen. Mein Magen krampft sich zusammen. Ich brauche einen Ausweg, jetzt sofort. Aber mir fällt keiner ein. Ich hole ein paar Mal tief Luft, und füge mich dem Unvermeidlichen.

„Und jetzt, Katniss, Breck, öffnet eure Lose", sage ich niedergeschlagen. Für einen Moment ist außer dem Dröhnen der Triebwerke und dem Rascheln von Papier nichts zu hören. Kalter Schweiß dringt aus meinen Poren. Mein Herz pocht. Dann ist es so weit.

„Ich habe zwei!", verkündet Katniss trocken.
Brecks Blick senkt sich. Der Junge starrt seine Lose an, dann trifft mich sein hilfesuchender Blick.
„Nein! Ich will nicht! Ich will nicht sterben!", fleht er mich an. Ich werfe einen Blick auf seine Lose. Drei X.
„Es tut mir so leid!"
„Bitte nicht! Warum ich? Warum muss ich sterben?"
Mir fehlen die Worte. Was soll ich dem armen Jungen noch sagen. Dass es mir leid tut, zum hundertsten Mal? Davon wird die Sache auch nicht besser.

„Achtung, Achtung!" dröhnt es aus dem Lautsprecher. Der Countdown wird bei einer Minute unterbrochen. Ein genaues Studium der Durchführungsverordnungen für die Hungerspiele in der derzeit gültigen Fassung hat in der Zwischenzeit ergeben, dass ein Losentscheid in derartigen Fällen nicht möglich ist. Nur der vom obersten Spielmacher beauftragte Tribut darf die Entscheidung treffen, sofern nicht einer der Todeskandidaten sich freiwillig bereit erklärt, sich selbst auf die von der Spielleitung vorgegebene Weise zu töten. Also Peter, was tust du? Der Countdown läuft wieder, noch 60 Sekunden!"

Darf das noch wahr sein? Jetzt beginnt dieses Arschloch Plutarch auch noch in den Vorschriften zu kramen, nur um mich fertig zu machen.

„Das ist doch alles Unsinn!" schreie ich mit drohend erhobenen Händen in Richtung einer Kamera. „Ihr dreht euch doch die Vorschriften zurecht, wie es auch passt! Was soll an einer Losentscheidung schlecht sein? Ich habe sie doch angeordnet!"
„Nein, hast du nicht. Du hast sie bestenfalls abgenickt. Und keine Widerrede! Du hast noch 45 Sekunden. Entscheide jetzt, wer die Beeren nimmt!" entgegnet Plutarch aus dem Lautsprecher.

Breck sieht mich mit flehendem Blick an.
„Peter, bitte! Lass mich wenigstens Marina vorher noch einmal sehen? Wenigstens das!"
Dicke Tränen rollen über die Wangen des armen Jungen.
„Peter, bitte! Einen letzten Gefallen!"

„Noch dreißig Sekunden!"
Panisch wandert Breck Blick durch den Raum. Finch weicht ihm aus, und starrt scheinbar teilnahmslos Richtung Automat. Die Drucktasten für Distrikt vier und zwölf beginnen zu blinken.
Brecks hilfesuchender Blick bleibt auf Katniss hängen. Sie erwidert ihn. Dann macht sie einen Schritt auf den Automaten zu.
„Ich mache es! Ich nehme die Beeren!"
Nein! Nicht du, Katniss! Tu mir das nicht an!
„Peter, es tut mir leid. Ich kann das nicht mit ansehen. Besser ich, als der kleine Junge", sagt sie entschlossen.
„Tu das nicht", flehe ich sie an.
Doch Katniss reagiert nicht. Zielstrebig geht sie auf den Automaten zu.

„Noch fünfzehn Sekunden!"

Ich kann das nicht zulassen! So schnell es geht, humple ich zum Automat. Mein verletzter Knöchel rebelliert, aber die Angst um Katniss verdrängt den Schmerz.

„Noch zehn Sekunden!"

Katniss berührt die blinkende Taste mit ihrem rechten Mittelfinger.
„Nein!" rufe ich.
Sie scheint mich nicht zu hören.

Das Fach des Automaten klappt auf. Katniss greift hinein, und nimmt eine Handvoll dunkler, schwarz-blauer Beeren hinaus. Nachtriegel.
„Peter, danke für alles!" ruft sie mir zu. „Kümmere dich im Prim!"
Dann führt sie die tödlichen Beeren zu ihrem Mund.
In diesem Moment brennen bei mir sämtliche Sicherungen durch. Mein Blickfeld verengt sich auf Katniss Hand und die Beeren. Ich muss sie aufhalten, koste es, was es wolle! Die Angst vor der Bombe, um Finch, Breck und Marina, sogar die Angst vor dem eigenen Tod sind in diesem Moment völlig verschwunden. Ich habe nur ein Ziel vor den Augen. Katniss zu retten, um jeden Preis!

Ich treffe eine Entscheidung. Wenn ich Glück habe, leben wir alle noch ein paar Minuten länger. Wenn nicht, sind wir in ein paar Sekunden alle tot! Meine Hand gehorcht nicht mehr meinem Verstand. Instinktiv schiebe ich sie zwischen Katniss Hand und ihren Mund. Dann schlage ich ihr die Nachtriegel aus der Hand.