Die Nachtriegel-Beeren landen auf dem Teppichboden. Ich wage es kaum zu atmen. Alles in mir krampft sich zusammen. Der Drang, in Deckung zu gehen und sich in Erwartung des großen Knalls die Ohren zuzuhalten ist fast unwiderstehlich. Als ob das irgendetwas bringen würde, wenn es um mich die ganze Maschine in tausend Einzelteile zerreißt! Katniss starrt mich entgeistert an. Dann schlägt sie mir mit der flachen Hand auf die Wange. Ein brennender Schmerz macht sich breit.
„Spinnst du? Willst du uns alle umbringen?" faucht sie mich an.
„Ich…ich konnte das nicht mitansehen. Du hättest die Beeren geschluckt, wenn ich nichts getan hätte", stammele ich.
„Ist dir klar, dass sie uns dafür alle in die Luft hätten sprengen könnten? Ich will genauso wenig sterben wie du, aber es ist immer noch besser, wenn nur ich sterbe, als alle anderen!" entgegnet Katniss, und beginnt, sich nach den Beeren zu bücken.

Schnell stoße ich sie mit dem Fuß zur Seite.
„Nichts da! Wenn ich mich recht erinnere haben wir nach der zwanzig-Minuten-Frist noch fünf Minuten, bis jemand Beeren nehmen muss!"
Finch zuckt mit den Schultern.
„Die Durchsage habe ich nicht gehört."
„Stimmt", gibt Katniss zähneknirschend zu. „Aber was bringt uns das? Dass ich fünf Minuten länger zu leben habe?"
„Zum Beispiel", sage ich.

„Peter, du willst es offenbar nicht wahrhaben, dass du verloren hast und nichts tun kannst!" schallt es aus dem Lautsprecher. „Du glaubst wohl, das ist alles nur ein Spiel, wo der gewinnt, der die cleversten Schachzüge setzt. Vergiss das schnell wieder. Hier gibt es nur einen, der bestimmt, was geschieht, der über Leben und Tod in letzter Konsequenz entscheiden kann, und das sind wir, die Spielmacher. Natürlich nur innerhalb der Regeln. Aber du willst das nicht kapieren. Darum bekommst du jetzt eine kleine Sonderlektion von uns. Ich bin echt schon gespannt, wie du das, was jetzt gleich passieren wird, dem armen Jungen beibringen wirst. Was jetzt geschieht, ist einzig und allein deine Schuld!"

Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Habe ich gerade alles noch schlimmer gemacht? Breck starrt mich mit schreckensgeweiteten Augen an.
„Peter, was meint er damit?" In der Stimme des Jungen liegt Furcht.
Ich schüttle den Kopf.
„Das weiß ich nicht".
Peter, denk nach! Was könnten die Spielmacher Breck antun? Ihn aus heiterem Himmel töten? Wenn ja, wie wollen sie das bewerkstelligen?
Mein Blick schweift durch die Business-Class-Kabine. Nichts Verdächtiges zu sehen. Plötzlich flackert die Kabinenbeleuchtung. Ein Elektrikproblem? Was soll das mit Breck zu tun haben? Was sollte ein Elektrikproblem Breck antun können?

„Peter, die Lichter!" sagt Finch alarmiert und deutet nach oben auf die erneut flackernden Lampen. Wenn die Bordspannung abfällt, könnte der Autopilot aussteigen, wenn der Spannungsabfall die entsprechende Verteilerschiene betrifft. Es ist, als hätte jemand einen starken Stromverbraucher eingeschaltet, der das Netz überlastet. Aber was könnte das sein? Bevor ich auch nur die Gelegenheit habe, meine Gedanken zu ordnen, tönt ein markerschütternder Schrei durch die Kabine.

Marina!
Ohne zu zögern sprintet Breck nach hinten. Ich packe Katniss am Arm und zerre sie mit. Ich kann sie unmöglich alleine mit den Beeren hier zurücklassen. Sie würde sie sicher nehmen, sobald ich außer Sichtweite wäre. Mit meinem verletzten Bein kann ich mit Breck nicht mithalten. Er ist schon fast beim Trennvorhang zur Touristenklassen. Ein neuerlicher Schrei schallt durch die Kabine. Was immer gerade geschehen ist, Marina muss fürchterliche Schmerzen haben. Mein Magen krampft sich zusammen. Breck stößt den Trennvorhang zur Seite und hält erschrocken inne.

Marina liegt noch immer auf der umfunktionierten Sitzreihe, und windet sich wie ein Aal in ihren Gurten. Ihr Gesicht ist gerötet und schmerzverzerrt.
„Marina! Was ist mit dir?" schreit Breck, und stürzt auf sie zu.
Ich folge ihm. Ein eigenartiges Hitzegefühl macht sich in mir breit, als hätte ich eine große Menge kochend heißen Tee getrunken. Mit jedem Schritt wird es schlimmer. Plötzlich sprühen Funken von der Metallschnalle des Sicherheitsgurtes, mit dem Marina fixiert ist. Das Gurtband fängt Feuer. Was geschieht da?

Die Hitze, die aus dem Inneren meines Körpers zu kommen scheint, wird unerträglich. Meine Organe scheinen förmlich zu verglühen, während die Umgebungsluft nach wie vor normale Temperatur aufweist. Hitze von innen. Funken von Metallteilen. Das Gefühl, lebendig gekocht zu werden. Ein schrecklicher Verdacht befällt mich. Mikrowellen!

„Breck, weg hier!" rufe ich, und packe den Jungen am Kragen.
„Alle zurück nach vorne, schnell!"
„Lass mich!" faucht Breck mich an.
Ich zerre ihn zurück.
„Finch, hilf mir mal!"

Rauchschwaden beginnen von Marinas Körper aufzusteigen, ihre gerötete Haut wirft Blasen, aus ihrem Mund quillt mit jedem Schrei weißlicher Dampf. Entsetzt wende ich meinen Blick ab. Ihre Schreie gehen mir durch Mark und Bein. Warum müssen sie die Spielmacher so grausam töten? Warum muss sie für mein Verhalten büßen?

Das Hitzegefühl in meinem Körper schwindet.
„Finch, halt Breck fest! Katniss, komm mit nach vorne!" kommandiere ich knapp.
Irgendwie muss ich diese Höllenmaschine doch abstellen können!
Plutarchs Worte hallen durch meinen Kopf. Hände weg von der Elektrik, vor allem vom Batteriehauptschalter...du tust das, was wir dir sagen...nicht mehr und nicht weniger.

Diese Mikrowellen-Höllenmaschine muss unglaublich viel Strom verbrauchen, sonst hätte das Licht vorher nicht unter der Last geflackert. Sie kann nur am Wechselstrom hängen. Den Batteriehauptschalter hat Plutarch mir verboten. Die Generatorschalter jedoch nicht.

„Katniss, setz dich auf den Copilotensitz! Der Autopilot könnte ausfallen!"
Sie gehorcht wortlos, und legt ihre Hände auf das Steuerhorn.
„Peter, was soll das werden! Hände weg von der Elektrik!" ruft Clove.
Ich ignoriere sie, und klappe schnell die rote Sicherungskappe des AC BUS ISOLATION Schalters am Flugingenieurs-Schaltpult nach oben, und lege den darunter befindlichen Schalter nach oben. Die Lastanzeigen der vier Generatoren fallen sprunghaft ab, gleichzeitig leuchten alle vier orangefarbenen GENERATOR UNPARALLELED Warnlampen auf. Das bedeutet, dass der AC TIE BUS, eine Ausgleichschiene zur gleichmäßigen Verteilung der gesamten elektrischen Last auf alle vier Generatoren nun isoliert und spannungslos ist.

Da die Lastanzeigen gleichzeitig deutlich gefallen sind, kann das nur bedeuten, dass die Höllenmaschine nun vom Netz genommen ist. Offenbar haben sie die Spielmacher direkt an den TIE BUS gehängt, und nicht an einen der Generatorstromkreise.

Aber ob ich die Mikrowellenkanone rechtzeitig abgeschaltet habe, um Marina einen grausamen Tod zu ersparen, wage ich zu bezweifeln. Fast wünsche ich, sie wäre tot, damit sie die schlimmen Schmerzen nicht länger ertragen muss. Sie hat bestimmt schwere innere Verbrennungen. Und ich bin daran schuld, weil ich mich nicht an die Regeln gehalten habe. Ich habe Katniss gerettet, aber Marina getötet. Das Bild des schreienden Mädchens, das lebendig gekocht wird, wird mich wohl auf ewig verfolgen.

Ein leises „Pling" reißt mich aus meiner Starre.
„Peter, was war das?" fragt Katniss.
Ich beuge mich über die Mittelkonsole. Auf beiden FMCs leuchtet das MSG-Licht. Am Display wird NEW TELEX MSG angezeigt. Es sieht so aus, als hätten wir gerade eine Nachricht über ACARS erhalten. Schnell rufe ich das Nachrichtenmenü auf.

UEBERTRAGUNG AUSGEFALLEN
BESTAETIGE KAMERAS AUS

J/N

Ich blicke nach oben zur Kamera, welche uns von vorne filmt. Das rote Licht ist aus. Das muss nichts bedeuten, es könnte sein, dass wir nur nicht im Bild sind. Ich frage mich, warum die Spielmacher per ACARS nachfragen, ob die Kameras noch laufen. Geschieht euch recht, dass ihr das Bild verloren habt! Wenigstens wird Marinas Leiden jetzt nicht mehr live in alle Haushalte Panems übertragen.

Das Verlangen, einfach FUCK YOU einzutippen, ist groß, aber es wäre nicht klug, die Spielmacher noch mehr zu reizen. Außerdem klingt die Meldung irgendwie nicht „spielmachermäßig". Die würden doch nie zugeben, dass ihre Kameras aus sind, sondern viel eher einfach bluffen. Aber wer sollte sonst mit uns Kontakt aufnehmen? Ich tippe eine kurze Antwort, so wie ich es im normalen Flugbetrieb tun würde, wenn ich eine ACARS-Nachricht erhalten würde, deren Ursprung unklar ist.

IDENT

„Was ist los?" fragt Katniss.
„Sieht so aus, als ob ihnen die Kameras ausgefallen sind", antworte ich.
„Geschieht ihnen recht!"

Ein Pling ertönt. Aha, die Antwort.

IDENT CODE
KATE 022702

Mir fällt die Kinnlade runter. Das ist der Code, welcher eindeutig das Oberkommando von Distrikt 13 als Absender identifiziert. Er setzt sich zusammen aus dem Vornamen meiner ehemaligen Freundin, und dem Tag, an dem wir uns zum ersten Mal sahen. Keiner außer Präsidentin Coin und Beetee kennt den vollen Code. Dass das Kapitol ihn ebenfalls kennt, ist äußerst unwahrscheinlich. Also spiele ich das Spiel mit, und antworte mit meinem Identifizierungscode.

5PX-3AA

Die Bezeichnung, die Beetee für dieses Universum benutzt. Prompt folgt die Antwort.

ID OK – 041808

AC TIE BUS PWRD ?

Damit ist es klar. Die Gegenseite hat das Datum des ersten Treffens zwischen mir und Beetee genannt, genau, wie es für diese Identifizierung vorgesehen war. Ich scheine tatsächlich mit jemandem aus Distrikt 13 Kontakt zu haben, der wissen will, ob der AC TIE BUS abgeschaltet ist. Oder es ist eine elaborierte Falle des Kapitols, um mir einen Verbindung zu den Rebellen nachweisen zu können. Doch eine innere Stimme sagt mir, dass ich hier nicht mit dem Kapitol spreche. Ich beschließe, das Spiel vorsichtig weiter zu spielen.

NEGATIV / AC TIE OFF tippe ich.

Die Antwort kommt nur wenige Sekunden später.

NACHTRIEGEL SPIEL
SOFORT STOPPEN

SPIELMACHER
KEINE KONTROLLE

ERWARTE WEITERE
ANWEISUNGEN

„Wir haben sie ausgesperrt!" verkünde ich freudig. Freu dich nicht zu früh, Peter mahnt mich eine innere Stimme.
„Peter, die Kameras sind aus!" höre ich plötzlich Finchs Stimme hinter mir. „Alle Kameras sind aus, und die Sendeeinheit auch!"
Kann es sein, dass die Spielmacher wirklich so blöd waren, und alle Geräte direkt an den AC TIE BUS angeschlossen haben? Natürlich, es wäre die bequemste und einfachste Lösung, um sicherzustellen, dass die immer Strom haben, solange wenigstens ein Generator läuft.

Ich drehe mich um. Finch ist alleine gekommen.
„Wo ist Breck?" frage ich.
„Bei Marina".
„Was ist mit ihr?"
Finch schüttelt ihren Kopf.
„Hat es nicht geschafft. Ist besser für sie, glaub mir".

Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Marina ist tot, vermutlich grässlich zugerichtet, und Breck ist allein bei ihr. Das Spiel ist noch nicht offiziell abgeblasen. Die Nachtriegel liegen irgendwo am Boden herum. Nein, bitte nicht! Nicht auch das noch!
„Finch, lauf schnell zu Breck! Sag ihm, das Spiel ist abgeblasen!" rufe ich. Sie setzt sich sofort in Bewegung, und ich humple hinterher. Verdammter Knöchel! Als ich am Automaten vorbeikomme, werfe ich einen kurzen Blick auf den Boden. Ein paar zerquetsche Beeren liegen noch dort, doch die meisten sind weg.
„Breck, aufhören!" rufe ich nach hinten. „Die Beeren nicht schlucken!"
Ich humple weiter. Finch ist schon in der Touristenklasse. Breck kniet neben Marina am Boden, den Oberkörper dicht über ihren leblosen Körper gebeugt. Der Geruch von verbrannten Stoff und Fleisch ist unerträglich. Bei Marinas Anblick muss ich unwillkürlich würgen. Finch hat Recht, es ist besser für sie, dass sie tot ist.

Dann sehe ich es. Auf Brecks rechter Hand sind Spuren einer dunklen Flüssigkeit zu erkennen. Am Boden liegt eine einzelne Nachtriegel-Beere.

„Breck!" schreie ich entsetzt, und stürze auf ihn zu. Ich packe den Jungen am Arm und rüttle ihn.
„Breck! Hast du die Beeren geschluckt?"
Der Junge bewegt schwach seinen Kopf.
„Marina...gleich bin ich bei dir...", flüstert er heiser. Aus seinen Mundwinkel fließt ein dünnes, bläuliches Rinnsaal. Beerensaft.
„Nein! Das darf doch nicht wahr sein!" fluche ich laut. „Verdammt noch mal, Finch, warum hast du ihn alleine gelassen?" Eine unbändige Wut staut sich in mir auf. Da haben wir endlich die Kontrolle über die Arena, haben das Spiel beendet, ohne dass jemand hätte sterben müssen, und jetzt das.

„Breck, warum hast du das getan?" frage ich verzweifelt. Der Junge ist kaum noch bei Bewusstsein. Wie lange mag es her sein, dass er die Beeren genommen hat. Dreißig Sekunden? Eine Minute?
„Ich dachte...Katniss...soll leben...Marina...nicht alleine lassen..."
Brecks Kopf kippt zur Seite.
„Das hättest du nicht tun sollen", sage ich sanft, und schließe seine halboffenen Augenlider.

Der arme Junge. Jetzt, wo er eine Chance zu leben gehabt hätte, ist er gestorben. Weil er keinen Sinn mehr im Leben sah. Und weil er nicht wollte, dass wir alle sterben. Er wollte uns retten, und es war vollkommen sinnlos gewesen. Wenn ich eine Minute früher bei ihm gewesen wäre! Eine Minute, die ihn hätte retten können. Aber vielleicht...

Mit Tränen in den Augen lege ich den leblosen Körper des Jungen auf den Boden. Ich taste nach seiner Halsschlagader. Kein Puls. Brecks Herz schlägt nicht mehr. Ich weigere mich, das zu akzeptieren.
Ich rüttle Brecks Körper, als könnte ich ihn so aufwecken.
„Du darfst nicht sterben! Ich erlaube es dir nicht! Hörst du?" flehe ich den Jungen an.

Vielleicht ist die Nachtriegel-Dosis nicht tödlich. Vielleicht hat sein Herz nur kurz ausgesetzt, und kann wieder in Gang gesetzt werden.

Mein letzter Erste Hilfe Kurs ist eine Weile her, doch das grundlegende Verfahren der Herz-Lungen-Wiederbelebung kenn ich noch. Ich lege beide Hände übereinander auf Brecks Brustbein und beginne, es mit gestreckten Armen rhythmisch niederzudrücken. 100 Mal pro Minute sollte die richtige Frequenz sein, wenn ich mich recht erinnere. 30 Kompressionen, dann zwei Mal beatmen, dann wieder 30 Kompressionen, wieder zwei Mal beatmen, so lange, bis der Kreislauf wieder anspringt oder der Notarzt übernimmt.

„Breck, bitte, komm schon!" rufe ich verzweifelt, während ich das Brustbein des Jungen niederdrücke.
Ich beginne im Kopf zu zählen. Eins, zwei, drei, vier, fünf,...
„Was soll das werden?" frag Finch entgeistert.
„Ich versuche, ihn wiederzubeleben!"
Das Mädchen schüttelt den Kopf.
„Peter, er hat Nachtriegel geschluckt. Mehrere. Bei seinem Gewicht wären vermutlich zwei Beeren tödlich, vielleicht sogar eine. Er hat eine ganze Handvoll davon geschluckt!"
„Wir müssen es wenigstens versuchen!", entgegne ich. „Das sind wir ihm schuldig!"
Verdammt, du hast mich total beim Zählen draus gebracht! Egal, noch zehn oder fünfzehn Mal, dann beatmen.
28,29,30.

Ich beuge mich über Brecks Kopf, greife ihn mit beiden Händen und strecke ihn nach hinten. Dann setze ich meine Lippen auf seinen Mund.

„Stopp!" ruft Finch. „Spinnst du, in seinem Speichel könnte Nachtriegelgift sein! Willst du dich umbringen?"
Ich zucke zurück.
„Aber ich muss doch..."
„Peter, kapier es. Breck ist tot. Du kannst daran nichts mehr ändern!"
„Ich muss es wenigstens versuchen! Komm schon Breck! Bitte!" flehe ich, und drücke weiter auf den Brustkorb des leblosen Jungen ein.
„Finch, sieh nach, ob im Erste-Hilfe-Koffer ein Beatmungstuch oder eine Maske ist!"
Das Mädchen schüttelt den Kopf.
„Peter, das bringt nichts!"
Wut steigt in mir auf.
„Tu verdammt noch mal, was ich sage!"
Wortlos verschwindet Finch nach vorne.

Ich fühle mich vollkommen hilflos. Mir ist klar, dass Brecks Chance, die Beeren zu überleben, gleich null ist. Aber sie ist nicht absolut null. Die Gesetze der Wahrscheinlichkeit besagen, dass es eine verschwindend geringe Chance geben muss. Vielleicht eins zu einer Million, oder noch geringer. Aber wenn es nur die geringste Aussicht auf ein Wunder gibt, muss ich es versuchen.

Finch kommt mit dem Koffer zurück.
„Tut mir leid, da ist kein Beatmungstuch drin. Auch keine Maske".
„Verdammt! Welcher Idiot stellt einen Erste-Hilfe-Kasten ohne Beatmungstuch zusammen? Wo sind wir hier, im Mittelalter?"
„Peter, hör auf, es hat keinen Sinn!" redet Finch auf mich ein. Ich ignoriere sie, und setze meine Wiederbelebungsversuche fort. Peter, lass dir etwas einfallen! Du musst Breck beatmen, sonst bringt das alles nichts!

„Einen Schlauch! Einen Schlauch von einer Cockpit-Sauerstoffmaske!" rufe ich Finch zu. „Schneid ein Stück Schlauch ab und bring es mir! Rasch!"
„Peter, es ist zu spät", erwidert Finch, und kniet sich neben mich.
„Kein Arzt der Welt könnte ihn mehr retten. Seine Zellatmung ist blockiert, und es gibt keine Möglichkeit, das rückgängig zu machen", sagt sie niedergeschlagen.
Bis jetzt war sie scheinbar von allem völlig unbeeindruckt gewesen, doch ihr Tonfall lässt erkennen, dass ihr Brecks Tod doch ein wenig nahe geht.

„Woher willst du das so genau wissen?" entgegne ich.
„Meine Mutter ist Ärztin. Sie hatten einmal ein Mädchen, das eine einzelne Beere geschluckt hat. Direkt im Krankenhaus, aus Liebeskummer, weil ihr Freund gestorben ist. Sie haben alles versucht. Medikamente, Blutwäsche, starke Unterkühlung, um die Zellen zu konservieren. Hat alles nichts gebracht. Und das war eine Beere".
Finch beugt sich noch näher zu mir heran.
„Peter, es hat keinen Sinn. Glaub mir!"

Mein Verstand gibt ihr Recht. Doch ich kann Breck einfach nicht gehen lassen. Gleichzeitig suche ich nach einem Schuldigen. Nach jemandem, den ich für alles verantwortlich machen kann. Die Spielmacher sind außer Reichweite. Deshalb bekommt Finch meinen gesamten Zorn zu spüren.

„Jetzt halt endlich den Mund und hol den verdammten Schlauch!" fahre ich sie an.
Doch statt meiner Anweisung zu folgen, greift sie nach meinen Oberarmen und zieht mich sanft von Breck weg.
„Peter, hör auf damit! Das ist Leichenschändung, was du da betreibst!"
Ich schnelle herum, und stoße Finch weg.
„Was fällt dir ein?" schnaube ich, und werfe ihr einen giftigen Blick zu. „Du hättest es verhindern können! Aber nein, du musstest ja nach der Elektronik schauen!" schreie ich sie an.
Dann lege ich meine Hände wieder auf Brecks Brustkorb.
„Peter, bitte! Hör auf damit! Es tut mir leid, hörst du? Es tut mir leid!" stammelt Finch. „Ich habe nicht geglaubt, dass er das wirklich macht!"

Langsam dämmert mir, dass es tatsächlich sinnlos ist, was ich da gerade tue. Breck hat ein ganze Handvoll Nachtriegel geschluckt. Das kann niemand überleben. Peter, es ist zwecklos. Ein paar Mal drücke ich noch das Brustbein des Jungen nieder, dann gebe ich auf. Sekundenlang starre ich in Brecks lebloses Gesicht. Es wirkt fahl und grau. Das ist nicht mehr der Breck, der die letzte Stunde an meiner Seite war. Es ist nur noch eine leere Hülle, aus der jegliches Leben gewichen ist. Ein weiteres Opfer eines grausamen Systems. Ich atme tief durch.

„Du bist nicht umsonst gestorben", flüstere ich dem Jungen zu. „Es wird nie wieder Hungerspiele geben, dafür sorge ich".
Dann stehe ich auf und beginne, nach vorne zu humpeln, Richtung Cockpit. Was ich jetzt brauche, ist Abstand. So sehr mich Brecks Tod getroffen hat, ich habe keine Zeit zu trauern. Nicht in diesem Moment. Erst wenn die Maschine sicher auf dem Boden von Distrikt 13 steht, werde ich dafür Gelegenheit haben.

Als ich das Cockpit betrete, deutet Katniss aufgeregt auf das FMC.
„Peter, wir haben eine neue Nachricht! Irgendetwas wegen dem Treibstoff!" ruft sie aufgeregt. Ich eile nach vorne.
„Na, hast du Post? Von deinen Rebellenfreunden?" stachelt Clove. Woher weiß sie das schon wieder? Ich schenke ihr kein Gehör. Soll sie doch an ihren blöden Meldungen ersticken!

TREIBSTOFFINHALT
AUX TANK 1+4
PRUEFEN

FUELLSTAND LAUT
BERECHNUNG
NIEDRIG

Wie ferngesteuert kontrolliere die Anzeigen am Flugingenieurs-Instrumentenbrett. Meine Gedanken sind ganz woanders, bei Breck. Hätte ich irgendetwas anderes tun können? Warum habe ich das nicht vorhersehen können? Ich versuche mich mit aller Gewalt auf die Treibstoffanzeigen zu konzentrieren. AUX TANK 1 ist auf 400 Pfund, AUX TANK 4 auf 500. Bis jetzt wurden die Haupttanks 1 und 4 mit Treibstoff aus den AUX TANKS auf rund 7.000 Pfund Füllstand gehalten. In wenigen Minuten werden die AUX TANKS komplett leer sein, und ich muss den Treibstofftransfer stoppen. Damit ich mich nicht nur auf die Anzeigen verlassen muss, schalte ich ein automatisches Überwachungssystem für die Treibstoffventile ein. Dann werden Kontrolllampen aufleuchten, wenn kein Treibstoff mehr aus den Hilfstanks in die Haupttanks fließt. Noch sind sie aus.

Ich überfliege die restlichen Treibstoffanzeigen. Haupttanks 1 und 4 bei 7.000 Pfund, Haupttanks 2 und 3 bei 7.500 Pfund. Macht zusammen mit den Hilfstanks noch knappe 30.000 Pfund. Pi mal Daumen sollte das für fast drei Stunden reichen, zumindest so lange wir nicht schneller als 0.78 Mach fliegen.

Pling!
„Da ist schon wieder eine neue Nachricht!" ruft Katniss.

ACHTUNG
BOMBEN-TIMER
AKTIV

RESTZEIT 9 MIN

INSTRUKTIONEN
FOLGEN FUER
ENTSCHAERFUNG

HALLO KAETZCHEN
GALE HAWTHORNE

An dieser Stelle Danke für die Reviews. Für alle, die sich gewünscht haben, dass keiner stirbt: Das sind nun mal leider die Hungerspiele. Für Marina kann ich nichts tun. Bei Breck, nun ja, sagen wir, so ein Pulscheck auf die Schnelle von einem medizinischen Laien, da könnte man einen ganz langsamen und schwachen Puls übersehen. Ich kann nur so viel sagen, was letztlich wirklich mit ihm geschieht, und warum, erfahrt ihr einige Kapitel später. Es gibt da noch einen Funken Hoffnung. Also bleibt dran. Es gibt jetzt wieder laufende Updates in rascher Folge.