„Entwarnung!" rufe ich, als ich das Cockpit betrete.
„Habt ihr das Kabel durchgeschnitten?" fragt Katniss.
„Ja. Gerade noch geschafft. Die Bombe müsste jetzt entschärft sein".
Clove mustert mich argwöhnisch.
„Und ihr seid euch sicher?"
„So sicher, wie wir es eben sein können", entgegne ich achselzuckend.
„Und was jetzt?", fragt Clove.
„Jetzt werde ich erst mal das FMC programmieren, damit wir auf dem schnellsten Weg nach Distrikt 12 kommen". Ich werfe Katniss ein Lächeln zu. „Dann gabeln wir Prim und Katniss Mutter auf, und hauen nach Kanada ab".
„Und ihr glaubt wirklich, ihr kommt damit durch?" fragt Clove spöttisch.
„Mal sehen", entgegne ich, und wende mich in Richtung Flugingenieursplatz.

Die beiden blauen Kontrolllampen, welche anzeigen, dass die Reservetanks 1 und 4 leer sind, leuchten noch immer konstant. Die Anzeigen stehen praktisch auf Null. So wie es aussieht, kann den Reservetanks kein weiterer Treibstoff entnommen werden, also schließe ich die Füllventile der Haupttanks 1 und 4, und schalte die Treibstoffpumpen in den Reservetanks ab. Wir haben noch rund 28.000 Pfund Treibstoff an Bord. Nach Distrikt 12 kommen wir leicht, aber Distrikt 13 ist fraglich.

Ich setze mich in den Pilotensitz, und beginne, das FMC zu programmieren. Der Flugplatz von Distrikt 12 ist in der Datenbank hinterlegt, ich muss nichts weiter tun, als ursprünglichen Zielflughafen durch den von Distrikt 12 zu ersetzen. Ein Instrumentenanflugverfahren gibt es nicht, als Landebahn wähle ich erst mal die 09 aus. Ich aktiviere die Route und überprüfe Entfernung und Flugzeit. Noch 332 nautische Meilen, Restflugzeit 44 Minuten.

„Katniss, in einer Dreiviertelstunde sind wir in Distrikt 12", verkünde ich. [i]Gut, es werden ein paar Minuten mehr sein, weil ich ja im Anflug die Geschwindigkeit reduzieren muss, aber ich will positiv klingen. [/i]
„Können wir schneller fliegen?" fragt Katniss.
„Das würde uns höchstens ein oder zwei Minuten bringen. Ist den Treibstoff nicht wert."
Ihre Miene wird finsterer.
„Dir ist meine Schwester kein bißchen mehr Treibstoff wert? Du musst den Sprit doch nicht zahlen!", entgegnet Katniss sauer.
„Das nicht", erwidere ich, „aber wir haben nicht unbegrenzt Kerosin an Bord. Wir müssen auch noch nach Kanada kommen, und da können wir es uns jetzt nicht leisten, mehr als nötig davon zu verbrennen. Ich würde auch lieber aufs Gas drücken, aber dafür haben wir nicht genug Sprit. Tut mir leid."

Ich prüfe die berechnete Restmenge an Treibstoff in Distrikt 12. Der Computer sagt 22.000 Pfund, aber das wäre, wenn wir einen langsamen, treibstoffsparenden Anflug im Leerlauf machen. Wenn ich die Höhe lange halte und denn mit der Schubumkehr im Leerlauf oder sogar mit Umkehrleistung steil mit hoher Geschwindigkeit anfliege, werden wir etwas mehr Treibstoff verbrauchen. Also vielleicht noch 20.000 Pfund übrig haben. Dann müssen wir sicher am Boden rollen, die Leute bei laufenden Triebwerken einladen, und wieder starten. Dann haben wir vielleicht noch 19.000 Pfund an Bord. Damit kommen wir rechnerisch gerade noch nach Distrikt 13. Ich habe 17.000 Pfund als absolutes Minimum im Kopf, bei dem es gerade noch zu schaffen ist. Alles darunter wird zu knapp, wir hätten dann keinerlei Reserven mehr für Verzögerungen vor der Landung in Distrikt 13. Wir müssten aus dem Not-Treibstofflager in Distrikt 12 nachtanken. Ob wir dafür genug Zeit hätten, ist fraglich.

Plötzlich ertönt das „Pling"-Signale einer eingehenden Nachricht.

DROHNE GESTARTET
ABFANGEN IN
25 BIS 30 MIN

EMPFEHLEN SOFORT
STEIGFLUG SO HOCH
WIE MOEGLICH
45 000 FT +

„So ein Mist!" fluche ich. „Jetzt schicken die uns irgendeine Drohne hinterher. Hab ich es doch geahnt!"
„Was bedeutet das?" fragt Katniss. „Wollen die uns abschießen?"
„Vermutlich ja. Fragt sich nur, womit."

Ich tippe eine Frage ins FMC?

BEWAFFNUNG?

Die Antwort folgt umgehend.

2 A/A IR-RAKETEN
. 3-5 NM
VON HINTEN MAX
1,5 – 2 NM

DROHNE FLIEGT MIT
MACH 0.9+ in FL 300
MUSS FUER ABSCHUSS
GLEICHE HOEHE
+/- 1.000 FT HABEN

Zwei infrarotgelenkte Luft/Luft Kurzstreckenraketen also. Wohl eine Art Kapitolversion einer AIM 9 Sidewinder. Die Drohne scheint eine Art schneller Unterschall-Jäger zu sein. Das Aufholen in 30 000 Fuß Höhe macht Sinn, dort sind 0.9 Mach schneller als in 40 000 Fuß, weil die Luft dort wärmer ist. Aber warum sollen wir dann noch höher steigen, und weiter langsam herumgondeln? Wir müssten eher sinken und Vollgas geben. Doch selbst dann könnten wir die Drohne nicht abhängen. Dafür ist die DC-8 im Geradeausflug zu langsam.

Mit sorgenvoller Miene blicke ich Richtung Katniss.
„Ich fürchte, wir haben ein Problem."
„Das kann man wohl sagen!" ruft Clove von hinten. „Ihr habt eine Drohne mit zwei Raketen am Arsch, in einem Flieger, mit dem ihr sie nicht abhängen könnt. Vielleicht solltet ihr jetzt mal nachfragen, was ihr tun könnt, damit die Spielmacher die Drohne zurückrufen!"

Pling!

Katniss will etwas erwidern, doch ich bedeute ihr, still zu sein.

SOFORT STEIGFLUG
EINZIGE CHANCE IST
GROSSE HOEHE DA
LEISTUNG DROHNE
DORT SCHWACH

MUSS FÜR STEIGEN
AUF FL 450+ A/B
BENUTZEN
TREIBSTOFF DANN
KNAPP

Jetzt verstehe ich, was es mit dem Steigflug auf sich hat. Diese Drohne ist zwar schnell, aber in großen Höhen nimmt die Schubleistung ihrer Triebwerke so stark ab, dass sie ohne Nachbrenner nicht oder nicht mit der nötigen Geschwindigkeit steigen kann. Offensichtlich glauben unsere Instruktoren, dass der Drohne dann der Sprit ausgeht, bevor sie uns erreicht, oder dass ihre Raketen uns verfehlen, weil der Höhenunterschied zu groß ist. Ich treffe eine Entscheidung – wir steigen, und zwar sofort.

Für das, was nun kommt, werde ich jede helfende Hand im Cockpit brauchen – auch Finch. Sie wird den Flugingenieursplatz übernehmen müssen. Zwar hätte Katniss damit schon ein wenig Erfahrung, aber sie ist außer mir die einzige Person an Bord, die das Flugzeug schon ein wenig gesteuert hat und damit einigermaßen klarkommt. Spätestens bei der Landung werde ich ihre Hilfe brauchen, weil ich mit meinem verletzten Bein das Seitenruder und die Radbremsen nicht vernünftig bedienen werde können. Deswegen muss sie neben mir am Copilotenplatz bleiben. Obwohl ich Finch noch immer nicht hundertprozentig traue, habe ich keine andere Wahl, als sie die Rolle des Flugingenieurs übernehmen zu lassen.

„Finch, setz dich auf den Flugingenieurssessel!" rufe ich über die Schulter nach hinten.
„Was hast du vor?", fragt das Fuchsgesicht.
„Steigen. So hoch wie möglich. Ist unsere einzige Chance."
„Aber wir sind doch schon bei 40 000!" erwidert Clove. „Mehr als 42 000 geht nicht!"
„Das ist nur die service ceiling, die zugelassene maximale Flughöhe. Wir sind leicht, da schaffen wir locker ein paar tausend Fuß mehr!" entgegne ich.
„Ist das sicher? Ich meine, solche Limits sind doch nicht ohne Grund", wirft Katniss ein.
„Sicherer, als hier auf die Drohne zu warten", entgegne ich.

Mit Blick auf den Schubrechner stelle ich die Markierungen der vier EPR-Anzeigen auf den zulässigen Steigflugwert von 1.96 ein, passend zur aktuellen ram air Temperatur von -42°C. Das Außenthermometer steigt einen statischen Temperaturwert von minus 68°C an – 11 Grad kälter als die Standardtemperatur in dieser Höhe. Die kalte Luft wird uns beim Steigen in Form höherer Schubleistung hilfreich sein. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Finch am Flugingenieurssessel Platz genommen hat.

„Gut. Als erstes möchte ich, dass du eine Anzeige mit der Aufschrift CAB ALT mit einem einzelnen Zeiger im mittleren Teil des Instrumentenbretts suchst", weise ich sie an. „Sie müsste leicht links im oberen Teil sein, und auf sieben stehen".
„Hab sie", antwortet Finch.
„Rechts unten neben der Skala findest du einen Drehknopf mit der Beschriftung ALT. Drehe ihn im Uhrzeigersinn, bis der Zeiger am Anschlag bei 10 steht, also 10 000 Fuß."
Aufmerksam beobachte ich das rothaarige Mädchen beim Verstellen des Kabinendruck-Sollwerts. Ich will die Turbokompressoren möglichst wenig belasten, deswegen lasse ich Finch einen niedrigeren Druckwert als eigentlich nötig einstellen.
„Der Zeiger steht auf zehn!", ruft sie mir zu.
„Siehst du die Anzeige mit der Aufschrift CLIMB ein Stück rechts davon? Gleich neben den Kabinendruckhöhenmesser?" frage ich Finch.
„Moment…ja, die steht auf ungefähr fünfhundert Fuß pro Minute!"
„Sehr gut. Der Kabinendruck wird jetzt für den Steigflug angepasst. Behalt die Anzeigen im Auge, und wenn sie irgendetwas Merkwürdiges tun, schrei sofort."
Finch nickt mir zu.
„Mach ich."

Zeit, den Steigflug einzuleiten. Langsam schiebe ich die vier Gashebel nach vorne, bis die EPR-Anzeigen auf 1.96 stehen. Die DC-8 beschleunigt, und ich drehe das Autopilot-Kontrollrad für Steigen und Sinken in Richtung Steigen, bis die Geschwindigkeit der Maschine konstant bei 0.78 Mach bleibt. Dann schalte ich um auf MACH HOLD.

Katniss starrt gedankenverloren aus dem Seitenfenster. Sie scheint über irgendetwas zu grübeln.
„Was ist los?" frage ich aufmunternd.
„Nichts. Ich habe nur daran gedacht, wer uns eigentlich diese ganzen Nachrichten schickt. Peter, denkst du, dass es wirklich Gale ist?"
„Keine Ahnung", entgegne ich. „Ich kann nur raten, dass es irgendwelche Leute sind, die dem Kapitol eines auswischen wollen, indem sie uns mitsamt der fliegenden Arena abhauen lassen. Also Rebellen."
„Das würde zu Gale passen", meint Katniss. Ihr Blick senkt sich. „Aber er ist ja seit über einem halben Jahr verschwunden."

Das würde passen. Gale könnte verschwunden sein, um sich auf die Seite der Rebellen zu schlagen. Wenn ich mich recht erinnere, hat er ja früher mit Katniss übers Abhauen gesprochen. Aber warum hat er sie nicht mitgenommen?

„Was meinst du? Passt der Stil der Nachrichten zu ihm?" frage ich Katniss.
„Schwer zu sagen. Diese Nachrichten sind so…unpersönlich, so trocken. Bis auf das Kätzchen manchmal am Ende", entgegnet sie.
„Wir könnten ihm eine Frage stellen. Nach irgendeinem Detail, das nur er kennen kann", schlage ich vor.
„Du glaubst wirklich, dass er irgendwo bei den Rebellen sitzt und uns Nachrichten schickt?" erwidert Katniss hoffnungsvoll.
„Es könnte zumindest so sein", entgegne ich. „Natürlich können wir auch so nicht hundertprozentig beweisen, dass er es wirklich ist, aber es wäre ein Anhaltspunkt", füge ich hinzu.
„Wenn du meinst – dann frag ihn doch, was ich trug, als ich ihn zum ersten Mal beim Jagen im Wald getroffen habe", meint Katniss.

Ich beginne zu tippen.

FRAGE FUER GALE

WAS TRUG KATNISS
BEI ERSTEM TREFFEN
IM WALD

Stille. Kein Antwortsignal. Vielleicht sitzt Gale nicht direkt an der Tastatur, sondern ist nur in irgendeiner Form bei der Operation dabei. Als Vertrauensbonus, sozusagen.

„Wieso kommt keine Antwort?" fragt Katniss verunsichert.
„Vielleicht müssen sie ihn erst herholen", sage ich achselzuckend.

Pling! Na endlich.

DU HATTEST EINE
VIEL ZU GROSSE
LEDERJACKE
UND EINE ROTE
WOLLMUETZE

ICH HABE DEINEN
NAMEN FALSCH
VERSTANDEN
KAETZCHEN

Katniss lässt den Text auf sich wirken.
„Das stimmt!" sagt sie aufgeregt. „Ich hatte damals die Lederjacke meines Vaters an, die war mir viel zu groß, und diese Wollmütze, weil es kalt war. Ich habe ihm nicht so recht getraut, und meinen Namen ganz leise gesagt. Er hat sich dann verhört und geglaubt, ich heiße Kätzchen und nicht Katniss!"
Sie setzt einen skeptischen Blick auf.
„Aber es könnte auch eine Fälschung sein, oder?"
„Wäre möglich", entgegne ich.

„Toll, toll, toll!" spottet Clove. „Da haben wir also eine richtige Familienzusammenkunft. Oder besser gesagt eine Familienzusammenkunft, die vielleicht doch keine ist. Soll ich euch vorsorglich eine Flasche Champagner holen? Oder vielleicht besser eine Uhr? Damit ihr eure verbleibenden 20 Minuten Lebenszeit runterzählen könnt?"
Wutentbrannt drehe ich mich um. Diese Zwischenrufe nerven.
„Vergiss nicht. Du sitzt im selben Boot wie wir. Wenn du etwas über diese Drohne weißt, dann raus damit! Und spar dir deine spöttischen Bemerkungen, die bringen uns hier nicht weiter!"
„Ich meine ja nur", entgegnet Clove. „Aber ihr verlauft euch dauernd in irgendwelchen sinnlosen Diskussionen, anstatt die wirklich wichtigen Probleme anzupacken. Was nützt es euch, ob der Nachrichtenschreiber Gale oder sonstwie heißt? Überlegt euch besser, was ihr wegen der Drohne macht. Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass ihr der einfach davonsteigen könnt, oder?"

So sehr ich ihre Zwischenrufe hasse, diesmal hat Clove irgendwie Recht. Wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren. Dass wir der Drohne nur durch einen Steigflug entkommen können, wäre zwar schön, aber ich habe die Vermutung, dass es das wahrscheinlich nicht spielen wird.

„Leute, wir müssen uns wirklich etwas überlegen", wirft Finch ein. „Haben wir gegen Raketen überhaupt eine Chance?"
Gute Frage. Ich kann mich vage an einen Zwischenfall mit einer DC-8 im Iran erinnern, der eine Rakete die Tragfläche samt Tank durchlöchert hat. Die hat es überlebt. Außerdem eine 707 der Korean Air, der ein russischer Jagdlieger die linke äußere Tragfläche abgeschossen und ein Triebwerk ruiniert hatte. Infrarotgelenkte Raketen suchen nach Hitzequellen, würden also die Schubdüse mit ihrem heißen Abgasstrahl anvisieren. Die Drohne hat nur zwei Raketen. Eine DC-8 kann auch mit nur zwei Triebwerken noch in der Luft bleiben. Aber wir können uns nicht einmal den Verlust eines einzigen Triebwerks erlauben, wenn wir Prim und die anderen Leute aus Distrikt 12 ausfliegen wollen. Wir dürfen keinen einzigen Treffer kassieren.

Ausweichmanöver? Könnte funktionieren, wenn die Raketen eine schlechte Zielverfolgung haben. Noch besser wäre es, wenn wir sie mit einem falschen Ziel in die Irre führen könnten. Mein Blick fällt auf zwei kleine Kippschalter am Überkopfpanel. FLARE 1 und 2. Natürlich!

„Leuchtkugeln!" rufe ich aufgeregt. „Wir könnten die Raketen mit Leuchtkugeln in die Irre führen!"
„Eine Rakete mit Leuchtkugeln in die Irre führen? Wie soll das gehen?" fragt Katniss.
„Ganz einfach", entgegne ich. „Die Raketen, die diese Drohne dabei hat, steuern Hitzequellen an. Die Triebwerke zum Beispiel. Wenn wir der Rakete ein besserer, heißeres Ziel anbieten als unsere Triebwerke, dann würde sie das ansteuern, und uns in Ruhe lassen!"
„Oder überhaupt gleich hochgehen, weil sie einen Täuschungsschutz eingebaut hat", fügt Finch hinzu. „Zumindest habe ich das mal so gelesen."
„Und woher wollt ihr die Leuchtkugeln nehmen?" fragt Clove mit spöttischem Tonfall. „Ihr habt doch nicht vor, in über 40 000 Fuß Höhe das Cockpitfenster zu öffnen und mit der Signalpistole raus zu schießen?"

So wie Joe Patroni in Airport 80 – Die Concorde?

„Natürlich nicht!" entgegne ich. „Diese Maschine hat zwei Flares an Fallschirmen mit langer Brenndauer an Bord, die wir vom Cockpit aus per Schalter abfeuern können. Ist zur Beleuchtung für Notwasserungen bei Nacht gedacht."
„Wir könnten unsere Freunde am Boden fragen, ob das geht", schlägt Katniss vor.

Gute Idee.

FALLS NOETIG
RAKETENABWEHR
MIT BORDEIGENEN
FLARES MOEGLICH?

Zwei Raketen. Zwei Flares. Könnte es sein, dass hier wieder jemand genau für diesen Fall vorausgeplant hat?

Pling!

ABWEHR MIT
FLARES IN
KOMBINATION
MIT AUSWEICHEN
MOEGLICH

WAHRSCHEINLICHKEIT
FUER ERFOLG
50 BIS 75 PROZENT

Immerhin. 50 bis 75 Prozent Treffervermeidung sind besser als ein Stein auf den Kopf.

Pling!

HINWEIS:
BESSERE OPTION
IST STURZFLUG
MIT HOHER
GESCHWINDIGKEIT
KURZ BEVOR
DROHNE IN
REICHWEITE

EMPFEHLEN
0.96 bis 0.98 MACH
DROHNE ÜBER
0.93 bis 0.95
MACH
UNKONTROLLIERBAR

„Wie es aussieht, haben wir zwei Optionen", erkläre ich. „Nummer eins, wir versuchen es mit Flares und Ausweichen, dann haben wir laut unseren Freunden hier einen Chance von 50 bis 75 Prozent, heil aus der Sache raus zu kommen. Nummer zwei, wir gehen kurz bevor die Drohne in Reichweite ist mit Vollgas in den Sturzflug. Sie wird uns dann zu folgen versuchen, und dabei wenn die Leute hier recht haben außer Kontrolle geraten."
„Mir ist die zweite Variante sympathischer", meint Katniss.
„Sie hat aber einen Haken", entgegne ich. „Wir müssen dazu schneller fliegen, als wir eigentlich dürfen. Genau genommen fast mit Schallgeschwindigkeit."
„Das ist verrückt!" ruft Clove. „MMO ist Mach 0.88! Ihr bekommt die Maschine nie mehr aus dem Sturzflug raus!"

„Blödsinn!" entgegne ich. „Das Höhenruder wird nicht besonders hilfreich bei dieser Geschwindigkeit sein, wahrscheinlich shock stalled, aber wir können die Maschine mit der Höhenflossentrimmung kontrollieren. Wenn es sein muss, auch über Mach 1."
„Du willst doch nicht behaupten, dass diese alte Kiste Überschall fliegen kann?" fragt Finch skeptisch.
„Doch. Genau das haben sie mit einer DC-8 vor….etlichen Jahren gemacht. Mach 1.01 und noch ein bisschen was."
„Aber die Schockwellen? Hält das die Maschinen wirklich aus?"
„Wird sie wohl müssen."
„Welche Schockwellen?" fragt Katniss.
„Überschall-Schockwellen. Sie entstehen, wenn sich ein Objekt schneller als der Schall bewegt", erkläre ich.

Katniss sieht mich mit fragendem Blick an. Sie scheint mich nicht wirklich verstanden zu haben.
„Weißt du, was Schallgeschwindigkeit bedeutet?" frage ich sie.
„Ich denke schon. Wenn es blitzt, kann man die Sekunden zählen, bis der Donner zu hören ist. Daraus kann man abschätzen, wie weit ein Gewitter noch weg ist. Sekunden durch fünf, glaube ich, das ergibt die Entfernung in Meilen."
„Richtig. Du musst wissen, der Schall ist nichts anderes als eine Schwankung des Luftdrucks, die sich mit einer gewissen Geschwindigkeit ausbreitet. Wenn wir jetzt mit unserem Flugzeug daherkommen, erzeugen wir eine Störung in der umgebenden Luft, die sich mit Schallgeschwindigkeit ausbreitet. Solange wir langsamer als der Schall fliegen, ist das kein Problem. Die Luft weicht uns praktisch aus und folgt schön den Konturen unserer Maschine. Wenn wir uns der Schallgeschwindigkeit nähern, kann die Luft nicht mehr ausweichen, und wird vor dem Flugzeug hergeschoben. Das ist dann ein wenig wie eine unsichtbare Mauer. Das Problem ist jetzt, dass unser Flugzeug nicht wirklich dafür gebaut ist, diese Mauer zu überwinden. Aber es ist möglich."

„Peter, das ist doch verrückt! Du bringst uns alle um! Überschall mit dieser Schrottmühle? Dass ich nicht lache!" schreit Clove.
„Sag ja nicht Schrottmühle zu meiner DC-8!" weise ich sie zurecht. „Diese Kiste hier wird dir das Leben retten, weil sie noch von echten Ingenieuren gebaut wurde, mit großen Reserven. Wie ein Panzer mit Flügeln. Sie ist nicht schön, sie ist ein Spritfresser, aber sie lässt einen nie im Stich. Das ist keine computerberechnete Fehlkonstruktion, die es sofort zerlegt, wenn man einmal ein klein wenig schneller fliegt als erlaubt!"

Ein Knacken im Cockpitlautsprecher lässt mich zusammenzucken.
„Achtung, Achtung!", ertönt Plutarchs Stimme verrauscht und verzerrt. Das kann doch nicht sein! Wir haben die Spielmacher doch ausgesperrt!
„Aber…das ist doch der Spielmacher!" ruft Katniss erschrocken.

„Achtung, hier spricht Plutarch Heavensbee, auf VHF-Frequenz 124.25 Megahertz. Peter, wenn du das hörst – ich habe hier ein Angebot für dich. Antworte oder klicke zwei Mal mit der Sprechtaste, wenn du mich hörst!"

„Das kann ja ein Angebot werden", sagt Katniss zynisch.
„Soll ich ihm antworten?" frage ich in die Runde.
„Ich denke, es wird nicht schaden, wenn wir wissen, was er vorhat", meint Finch.
„Katniss, ist das für dich in Ordnung?"
„Von mir aus."

Ich greife nach dem Handmikrofon und drücke die Sprechtaste.
„Ich höre."
„Gut. Mein Angebot lautet wie folgt", beginnt Plutarch. „Ihr dreht sofort in Richtung der ursprünglichen Zielkoordinaten ab, und vergesst diesen Unsinn, den ihr da anscheinend in Distrikt 12 vorhabt. Ihr landet am vorgesehenen Flugplatz, und im Gegenzug küren wir in einem Akt unermesslicher Großzügigkeit seitens unseres ehrwürdigen Präsidenten Snow alle überlebenden Tribute zu Siegern."
Plutarch legt eine kurze Pause ein, um seine Worte wirken zu lassen. Woher er wohl weiß, dass wir nach Distrikt 12 wollen? Er muss aufgrund unseres Kurses geraten haben!
„Natürlich gibt es dieses Angebot nicht umsonst", setzt der Spielmacher fort.
Klar, das musste so kommen.
„Euer Überleben hat einen Preis. Ich sage nur die süße Primrose Everdeen, und die reizende Miss Undersee und ungefähr zwei Dutzend Personen aus Distrikt 12, die gerade auf einem verlassenen Flugplatz auf ihre Rettung warten. Ein kleines Opfer muss schließlich sein!"

Arschloch! Was ist das für ein Angebot?
„Vergiss es!", schreie ich wutentbrannt ins Mikrofon.

„Du willst also sagen, dass du unser großzügiges Angebot nicht annimmst? Dann wirst du hoffentlich deinen geschätzten Mittributen erklären können, warum euch in Kürze ein unbemanntes Flugzeug vom Himmel holen wird. Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, dass wir so einen Fall von Meuterei, wie ihr ihn veranstaltet habt, nicht vorhergesehen haben, oder?" antwortet Plutarch süffisant. „Aber ich kann dir vielleicht ein klein wenig entgegenkommen. Wenn ihr euch ohne Gegenwehr abschießen lasst, dann werde ich ein gutes Wort für Prim und Katniss Mutter einlegen, dass die Truppen sie verschonen sollen. Was meinst du?"

„Ich mach dir jetzt mal ein Gegenangebot, du Arschloch!" entgegne ich.
Finch zupft mich am Ärmel. „Reiz ihn doch nicht so!"
Ich lasse mich nicht beirren.
„Wir drehen nicht um, und wir lassen uns auch nicht abschießen. Niemand stirbt in Distrikt 12. Keine weiteren Tode mehr. Verstanden?"
Alle starren mich schweigend an.
Dann ertönt wieder Plutarchs Stimme.
„Starke Worte, Peter. Aber wir werden sehen, wie stark du wirklich bist, wenn wir deine Maschine vom Himmel pusten. Und falls du jetzt an irgendwelche cleveren Pläne denkst, wie du dich davonstehlen kannst, dann denk nur an eines. Unsere Abfangdrohne wird auf jeden Fall unbewaffnet zurückfliegen. Es gibt da ein schönes Alternativziel in Distrikt 12."

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Anmerkungen:

1) MMO bedeutet „maximum mach operating", die höchste zulässige Machzahl im Normalbetrieb. Die Zulassungsvorschriften verlangen, dass ein Flugzeug bis zu einer 0.07 Mach höheren Geschwindigkeit gestestet werden muss. Für die DC-8 bedeutet das, dass sie 0.95 Mach in Testflügen getestet wurde und kontrollierbar bleibt. Tatsächlich flog eine DC-8-43 (älteres Modell als die hier verwendete DC-8-61) im Jahr 1961 schneller als der Schall (Mach 1.012), und war damit das erste Passgierflugzeug, das Üerschall erreichte, lange vor der Concorde und der TU-144. Allerdings ging das nur im Stuzrflug und mit gleichzeitig vollem Triebwerksschub.

2) shock stall beduetet, dass eine Steuerfläche durch Schockwellen, die sich vor ihr bilden, unwirksam wird. Die Bell X-1 (erstes Überschall-Testflugzeug) hatte damit zu kämpfen. Die Lösung war, die ganze Heckflosse und nicht nur das Höhenruder zu bewegen, um die Maschine im schallnahen und im Überschallbereich zu kontrollieren. Diese Lösung wurde einige Zeit geheim gehalten.

3) Ein Nachbrenner ist eine Vorrichtung zur Einspritzung von Kraftstoff in den heißen Abgasstrahl in der Schubdüse, um ihn aufzuheizen und ihm so mehr Energie mitzugeben. Allerdings ist das Verfahren sehr ineffizient, für ca. 20-30% mehr Schub verbraucht man ca. doppelt so viel Treibstoff. Normalerweise wird ein Nachbrenner nur bei Überschall-Militärflugzeugen eingesetzt, es gab aber auch Unterschall-Jäger wie z.B. die Mig-17, die einen Nachbrenner hatten. Außerdem die Concorde und die TU-144.