Der Höhenmesser passiert 47 000 Fuß. Eine Höhe, in die keine DC-8 jemals vorstoßen sollte. Es ist deutlich zu spüren, dass sich die Maschine ihren aerodynamischen und leistungsmäßigen Grenzen nähert. Der Fahrtmesser steht bei knapp über 200 Knoten, während sich die DC-8 in Wahrheit mit 440 Knoten durch die Luft bewegt – mehr als doppelt so schnell als angezeigt. Der Spielraum wird zunehmend enger. Schneller kann ich nicht fliegen, weil dann die Triebwerksleistung zur Überwindung des höheren Luftwiderstands draufgehen würde, und wir nicht mehr steigen könnten. Ich musste schon etwas über die maximale Dauerleistung hinausgehen, um überhaupt noch brauchbar weiter steigen, oder besser gesagt eher höher kriechen zu können. Viel langsamer geht auch nicht mehr. Die Tabelle für die Minimalgeschwindigkeit, bei der wir gerade noch genug Spielraum zum Strömungsabriss hätten, reicht nur bis 41 000 Fuß, und weist für unser aktuelles Gewicht rund 180 Knoten aus. Mit zunehmender Höhe nimmt der Wert für die Mindestgeschwindigkeit allerdings zu. Wahrscheinlich brauchen wir jetzt eher 190 Knoten, darunter können wir nur noch geradeaus fliegen und hoffen, dass uns keine Turbulenz in die Quere kommt.

Coffin Corner – Sargecke – wird dieser aerodynamische Grenzbereich genannt. Nicht ohne Grund, in der Anfangszeit der Jetfliegerei hatten einigen Piloten feststellen müssen, dass es nicht klug ist, in diesen Bereich vorzustoßen. Manche konnten nachher davon erzählen, andere nicht. Ich blicke gedankenverloren aus dem oberen Sichtfenster über der Frontscheibe. Der Himmel ist in ein dunkles, fast schwarzes Blau übergegangen. Die Stratosphäre. Das letzte Mal, wo ich diesen dunklen Himmel gesehen habe, war bei einem Flug mit der Concorde, als ich zehn war. Wobei ich da noch mal 10 000 Fuß höher war, und der Effekt noch beeindruckender war. Ich hatte damals sogar die Erdkrümmung erahnen können.

Eine Concorde – das wäre genau das, was wir jetzt brauchen würden. Mach 2 und 60 000 Fuß Dienstgipfelhöhe, da könnte sich das Kapitol mit seiner lächerlichen Drohne brausen gehen. Aber wir haben nur eine alte DC-8, die von Minute zu Minute immer deutlicher „bis hier her und nicht weiter" zu sagen beginnt. Seit wir über 45 000 Fuß gestiegen sind, ist die Drehzahl der vier Turbokompressoren in bedenkliche Höhen geklettert. Die Anzeigen stehen mittlerweile bei 48 000 Umdrehungen pro Minute, nur noch knapp unter dem Limit von 50 000. Der Kampf der Kompressoren, genug Luft in die Kabine zu pressen, um den Druck zu halten, erinnert an einen Bergsteiger am Mount Everest, der auf den letzten Metern zum Gipfel verzweifelt versucht, genug Luft in seine Lunge zu bekommen.

Natürlich gibt es eine Sicherheitsschaltung gegen Überdrehzahl der Turbokompressoren, aber dann würden wir den lebensnotwendigen Luftnachschub in die Kabine verlieren. In 47 000 Fuß Höhe reicht selbst der reine Sauerstoff aus den Masken nicht mehr aus, um uns länger bei Bewusstsein zu halten. Sollten wir einen rapiden Druckabfall erleiden, wären wir nach zehn bis fünfzehn Sekunden bewusstlos. Die einzige Chance wäre, sofort nach der Maske zu greifen und in den Sturzflug zu gehen.

„Peter, sieh dir den Himmel an!" ruft Katniss aufgeregt. „Warum ist der so dunkel, obwohl es heller Tag ist?"
„Weil wir so hoch fliegen. Über uns ist kaum noch Luft. Noch ein paar Meilen höher, und wir könnten Sterne bei Tageslicht sehen. Wie im Weltraum", antworte ich.
„Ich dachte nie, dass ich so etwas jemals sehen würde. Wenn da nicht diese Drohne hinter uns her wäre, könnte mir das glaube ich sogar gefallen", meint Katniss.
„Ein wenig Talent zum Fliegen scheinst du ja zu haben", merke ich lächelnd an. „Zumindest mehr als ich beim Jagen."
„Stimmt. Bei dem Lärm, den du im Wald machst, nehmen alle Tiere im Umkreis von einer Meile Reißaus", neckt Katniss.
„Was kann ich dafür? Ich bin nun mal kein Leisetreter!"
„Das kann man laut sagen! Aber es ist zum Schluss schon besser mit dir geworden."
„Echt?" frage ich zweifelnd.
„Ja. Jetzt verjagst du die Tiere nur noch im Umkreis einer halben Meile", lacht Katniss.

Es ist schön, sie für einen Moment lang so unbeschwert zu sehen. Das sind die Augenblicke, wo ich davon überzeugt bin, dass sie mich wirklich mag. Katniss hat es sogar geschafft, so etwas wie einen begrenzten Outdoorfan aus mir zu machen. Für jemanden, der sonst wenn immer möglich mit dem Auto gefahren ist, eine reife Leistung.

„Vielleicht wird es ja mit dem Bogenschießen auch noch mal was bei mir", werfe ich ein.
„Wenn du fleißig übst…aber zuerst müssen wir das hier überleben", meint Katniss.
„Keine Angst. Diese beiden Raketen werden wir schon los", muntere ich sie auf.
„Und da bist du dir sicher?" ruft Finch dazwischen. „Das sind echte Raketen, mit Infrarotsucher. Nur weil wir ihnen ein paar Leuchtkugeln zum Fraß vorwerfen, heißt das nicht, dass wir unverwundbar sind!"

Ich drehe mich zu ihr um.
„Unverwundbar nicht, aber die Wahrscheinlichkeit, heil davon zu kommen ist größer als 50 Prozent. Und welche Wahl haben wir schon?"
Finch mustert mich skeptisch.
„Theoretisch könnten wir Plutarchs Angebot…"
„Kommt nicht in Frage!", unterbreche ich sie. „Ich dachte, das hätten wir ausdiskutiert, oder?"

Ausdiskutiert. Sofern man einen Mehrheitsbeschluss von Katniss und mir unter Ignorierung von Clove und einer mit etwas Überredungskunst erzwungenen Zustimmung von Finch als „ausdiskutiert" bezeichnen kann, haben wir das getan. Aber mir ist klar, dass Finch nach wie vor ein Wackelkandidat ist. Das Dumme daran – ohne ihre Unterstützung geht es nicht.

„Nun ja, wenn du das so sagst", merkt sie zynisch an. „Nur mal rein hypothetisch. Können wir nicht wenigstens versuchen, die Drohne abzuhängen?"
Ich schüttle meinen Kopf.
„Hast du vergessen, was Plutarch gesagt hat? Die Drohne wird dann ihre Raketen anderweitig verwerten. Was glaubst du, was das Alternativziel ist?"
„Meine Schwester! Und zwei Dutzend Leute aus Distrikt 12!" schreit Katniss aufgeregt. „Willst du diese Leute etwa einfach opfern, nur damit wir davonkommen?"
„Man kann nicht immer alle retten", entgegnet Finch trocken. „Was bringt es, wenn wir es versuchen, und dabei draufgehen?"
„Dann haben wir es wenigstens versucht!" erwidert Katniss. „Könntest du dich noch in den Spiegel schauen, wenn du genau weist, dass du deine Schwester und deine Mutter hättest retten können, und du es nur aus Angst um dein Leben nicht getan hast?"

„Das weiß ich nicht", entgegnet Finch. „Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, mir genau dieses Denken abzugewöhnen. Falls ich mal in die Hungerspiele muss. Gut, dass ich keine Geschwister habe. Eine Sorge weniger", fügt sie kühl hinzu.
„Ich bin froh, dass ich Prim habe. Ich weiß ja nicht, wie das bei euch in Distrikt fünf ist, aber bei uns in Zwölf ist die Familie das einzige, was du hast. Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich so denke", entgegnet Katniss.
„Trotzdem, über Alternativen nachdenken wird ja noch erlaubt sein!" erwidert Finch trotzig.

Toll. Der nächste Streit. Ausgerechnet jetzt, wo es bald ernst wird.

„Schluss damit!" rufe ich barsch dazwischen. „Jegliche Alternative, bei der Prim und die übrigen Leute zur Zielscheibe werden, kommt nicht in Frage. Wir haben Abwehrmaßnahmen, die haben gar nichts. Ende der Diskussion!"
Finch verschränkt demonstrativ ihre Arme und wendet sich wortlos ab.
Plötzlich spüre ich Katniss Hand an meinem rechten Unterarm. Die Berührung ist sanft und fühlt sich gut an.
„Danke, Peter, dass du meine Familie nicht im Stich lässt. Das vergesse ich dir nie."
„Schon gut", entgegne ich. „Wie könnte ich deine liebenswerte kleine Schwester auch im Stich lassen?"
Katniss wirft mir ein Lächeln zu.
„Irgendwie gehörst du ja schön langsam zur Familie. Seit du Prim diese Medikamente gebracht hast…vorher habe ich dir nicht so recht über den Weg getraut, aber seit dem schon."

Das aus Katniss Mund zu hören, ist die schönste Bestätigung für meine eigenen Gefühle. Irgendetwas scheint ihr an mir zu liegen. Zumindest glaubt sie nicht mehr, ich würde sie an die Friedenswächter verpfeifen oder so etwas in der Art.

Sie sieht mich abwartend an, als wüsste sie nicht so recht, was sie als nächstes sagen soll. Katniss ist in sozialen Dingen einfach unsicher.

„Wenn ich ehrlich bin, ich hab am Anfang auch nicht allzu viel von dir gehalten. Als du mich zusammengeschissen hast, weil ich etwas essen wollte, zum Beispiel", erwidere ich.
Katniss bricht in lautes Gelächter aus.
„Ja. Das war gut. Vor allem dein Blick. Du hast dreingeschaut, als hätte ich dir gesagt, dass du eine Woche lang nichts essen darfst!"
„So habe ich mich auch gefühlt!", entgegne ich augenzwinkernd.
„Und ich war wirklich sauer auf dich", fügt Katniss hinzu. „Mittlerweile finde ich deine Blutzucker-Panik ja ganz lustig."
„Das ist keine Panik! Das ist bei mir echt. Apropos Blutzucker. Willst du mir nicht noch schnell aus der Bordküche eine Dose Cola holen?"
„Echt jetzt?" fragt Katniss erstaunt.
„Sehe ich aus, als ob ich scherzen würde? Natürlich meine ich das ernst. Es geht nichts über ein ungesundes, koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk vor dem großen Moment. Fast nichts, außer einem guten heißen Tee, aber den haben wir hier ja nicht."

Katniss löst ihre Gurte und klettert aus dem Sitz.
„Ich muss sowieso aufs Klo. Auf dem Rückweg nehme ich uns eine Dose mit."
Sie wendet sich an Finch.
„Willst du auch etwas trinken?"
„Von mir aus", entgegnet sie knapp.
„Pass auf, dass du dich nicht verläufst!" ruft Clove Katniss zu. „Das Klo ist dort, wo ich raus gekommen bin, wenn du dich noch erinnerst. Notfalls machst du es halt so wie zu Hause im Wald. Zuschauen tut dir da hinten ja keiner"
„Pass du lieber auf, dass du dir nicht in die Hose machst!" zischt Katniss zurück. „Ist noch ein Stück bis Distrikt 12, und ich glaube nicht, dass wir dir eine Klopause genehmigen!"
Ohne eine Antwort abzuwarten, wendet sie sich ab und verschwindet nach hinten.

Der leere Platz neben mir wirkt auf einmal völlig befremdlich. Wie sehr ich mich an Katniss als Copilotin gewöhnt habe! Instinktiv greife ich nach der Sauerstoffmaske und setze sie auf. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, die vorgeschrieben ist, wenn einer der beiden Piloten über 35 000 Fuß Höhe das Cockpit verlässt. Streng genommen müsste einer von uns über 41 000 Fuß ständig die Maske tragen, doch im Interesse der besseren Kommunikation habe ich auf die Anwendung dieser Regel verzichtet.

Mit meinem rechten Daumen justiere ich das Stellrad des Autopiloten für die Steiggeschwindigkeit nach. Der MACH HOLD Modus war in dieser Höhe zu instabil geworden, und hatte zu zunehmenden Schwankungen der Fluglage geführt. Deswegen muss ich nun die Steigrate manuell kontrollieren, um die korrekte Fahrt zu halten. Der Höhenmesser zeigt 48 400 Fuß an. Die DC-8 steigt kaum noch. Ich schiebe die Gashebel ein kleines Stück nach vorne, die EPR-Anzeigen klettern von 2.00 auf 2.03. Jenseits der zulässigen Dauerleistung, und schon beinahe Startleistung. Doch ich weiß, dass diese Vorgaben sehr konservativ sind, um eine lange Lebensdauer der Triebwerke zu garantieren und die Wartungskosten niedrig zu halten. So lange Drehzahl und Abgastemperatur innerhalb der Maximallimits bleiben, würden die Triebwerke auch bei voller Leistung länger ohne akute Schäden laufen, als wir noch Sprit haben.

Ich studiere noch einmal den Stapel an Nachrichten, der während der vergangenen rund 20 Minuten eingetrudelt ist. Die Berechnungen ergeben, dass die Drohne in etwa zehn bis fünfzehn Minuten in Reichweite sein wird, etwas später als erwartet. Vermutlich will das Kapitol etwas Sprit für den Steigflug sparen, oder es spannender machen. Bis dahin werden wir fast 50 000 Fuß Höhe erreicht haben. Sobald die Drohne in Reichweite ist, kommt es auf das Zusammenspiel von Katniss, Finch und mir an. Die Rebellen werden uns ein Signal schicken, wenn wir mit dem Ausweichmanöver beginnen sollen. Wie dieses genau ausschauen soll, darüber haben sie sich bis jetzt ausgeschwiegen. Katniss wird das erste Flare auslösen, Finch die Systeme überwachen und darauf achten, ob wir irgendwelche Schäden davon getragen haben.

Ich kontrolliere die verbleibende Reststrecke am FMC. Noch 150 NM, 20 Minuten bei aktueller Geschwindigkeit. Die Treibstoffreserven sind bedenklich geschrumpft, und werden weiter schrumpfen, weil wir gerade dabei sind, über den optimalen Punkt für den Beginn des Sinkflugs hinaus zu fliegen. Jede Minute, die wir noch länger steigen, kostet uns wertvollen Sprit.

Pling! Eine neue Nachricht.

ANKUNFT TRUPPEN
VERZOEGERT SICH

FALLS NOETIG
NACHTANKEN
MOEGLICH

SOLLEN WIR
TANKEN VORBEREITEN?

Da hat jemand meine Gedanken erraten. Mit ein paar tausend Pfund mehr in den Tanks würde ich mich beim Weiterflug nach Distrikt 13 sicherer fühlen, und könnte es mir leisten, beim Abwehren der Drohnenangriffe hemmungslos Kerosin zu verbraten.

Ich tippe eine Antwort.

TREIBSTOFF KNAPP
NACHTANKEN
VORBEREITEN

MENGE CA 10 000 LBS

„Was machst du da?" fragt Finch unvermittelt.
„Ich bestelle nur den Tankwagen in Distrikt 12. Unser Treibstoff wird etwas knapp, da will ich lieber nachtanken", entgegne ich.
„Aber die Truppen? Haben wir dafür Zeit?"
Ich deute auf das Display des FMC.
„Die da meinen, die Truppen brauchen etwas länger als gedacht. Sollte sich also ausgehen."
„Und wenn nicht?" fragt Finch skeptisch.
„Es muss sich ausgehen", erwidere ich. „Ohne genug Treibstoff kommen wir nicht nach Kanada."

Pling!

AUSWEICHMANOEVER:
EMPFEHLEN
MOD SPLIT-S
120-150° BANK
NOSE DOWN 30°
DANN BANK 0°

BEI MACH 0.95
NOSE DOWN 25°
TAKEOFF THRUST
GANZES MANOEVER

Ich zucke zusammen. Was die da empfehlen, ist ein radikales Manöver, aber zugleich das einzige, was wir in dieser Höhe fliegen können. Sie stellen sich das anscheinend so vor, dass ich die Maschine auf den Rücken drehe und seitlich nach unten wegkippen lasse, bis die Nase 30 Grad nach unten zeigt, mit voller Triebwerksleistung. Dann sofort gerade rollen und beschleunigen, und bei 0.95 MACH den Sturzflug reduzieren, damit wir nicht zu schnell werden. Wenn ich mich recht erinnere hat einmal eine KC-135 der Air Force ein ähnliches Manöver genutzt, um eine Mig abzuhängen. Flog über Mach 1, und hatte danach verbogene Flügelspitzen.

Aus dem Augenwinkel sehe ich eine Bewegung. Katniss bahnt sich ihren Weg ins Cockpit, mit drei Dosen „Capitol Cola" in ihren Händen.
„Hier, ich hab euch was mitgebracht".
Sie reicht zuerst Finch, dann mir eine Dose. Ich nehme die Sauerstoffmaske ab und greife nach der Cola.
„Irgendwelche Neuigkeiten?"
„Ja. Die Truppen brauchen etwas länger, und ich habe uns einen Tankwagen organisiert. Damit wir genug Sprit haben, um sicher nach Kanada zu kommen."
„Du bist also wirklich überzeugt, dass wir das schaffen?" fragt Katniss.
„Natürlich. Wir haben Flares, ein robustes Flugzeug und einen Piloten, der verrückt genug ist, es in 50 000 Fuß auf den Rücken zu drehen und in einen Überschallsturz abkippen zu lassen. Was soll da schon schiefgehen?"
„Deinen Humor möchte ich haben!", entgegnet Katniss sarkastisch.
„Der ist uns Briten wohl angeboren. Leider versteht ihn im Ausland keiner."

Clove räuspert sich.
„Habe ich das richtig verstanden? Du willst diese Schrottkiste auf den Rücken drehen und dann das Steuer durchziehen?"
„Ja. Ein abgewandeltes Split-S mit 120 bis 150 Grad Schräglage, also einer Rückenflugkurve. Dann gerade rollen und ab durch die Schallmauer!"
„Das ist Selbstmord! Dir fliegt die Kiste auseinander! Wenn dir nicht vorher die Strömung abreißt und wir ins Trudeln geraten!" schreit mich Clove aufgebracht an.
„Nein. Selbstmord wäre es, zu zaghaft auszuweichen. Wir müssen etwas tun, womit keiner rechnet. Und damit rechnet sicher keiner!" entgegne ich.
„Weil es totaler Wahnsinn ist!" erwidert Clove. „Lass wenigstens mich in den Copilotensitz. Ich habe im Kapitol ein Flugtraining erhalten. Deine Kohlengräberin kann doch nur blöd rumsitzen und zuschauen!"

Wut steigt in mir auf. Ich hasse es, wenn Clove Katniss bei jeder Gelegenheit runtermacht.
„Das Problem ist – dir traue ich nicht. Meiner ‚Kohlengräberin', wenn du sie so nennen musst, schon. Also, vergiss es!"
Ich spüre einen sanften Klaps auf meinem rechten Arm.
„Fang du nicht auch mit der Kohlengräberin an!" neckt mich Katniss.
„Das hat weh getan!" entgegne ich mit leichter Übertreibung.
„Dagegen können wir etwas tun", erwidert Katniss neckisch, und beugt sich über mich.

Noch ehe ich mich versehen kann, schlingt sie ihre Arme sanft um meinen Hals und legt ihre Lippen auf die meinen. Ich bin so perplex, dass ich ihren Kuss zuerst gar nicht richtig erwidern kann. Manchmal ist Katniss echt für eine Überraschung gut. Diesmal scheint es ihr auch gar nicht peinlich zu sein. Sie tut es, weil sie es wirklich will. Wenn wir nicht hier wären, sondern in den Wäldern von Distrikt 12…

Nach einer gefühlten Ewigkeit lösen sich unsere Lippen sanft voneinander. Es ist kein abrupter Rückzug wie beim letzten Mal.
„Bravo!" ruft Clove von hinten. „Das sah ja wie ein richtiger Kuss aus! Nur werdet ihr nicht allzu viel davon haben!"
„Du bist nicht gefragt!", erwidern Katniss und ich im Chor. Einen Augenblick lang starren wir uns fragend an. Sag jetzt bloß keinen Unfug, Peter. Ruiniere diesen Moment nicht!

Pling! Danke. Eleganter Ausweg, aber mal wieder unpassend!

ETA DROHNE
12 MIN

ERWARTEN ZUEDUNG
A/B IN KUERZE

„Danke, dass ihr mich daran erinnert", sage ich sarkastisch in Richtung Display. „Ich hätte fast darauf vergessen!"

Ich schlucke und drehe mich um. Zeit, ernst zu werden.
„Leute, wir haben noch zwölf Minuten. Ich will, dass sich jeder auf seinen Platz setzt und sich gut anschnallt. Wir werden jetzt das Ausweichmanöver durchbesprechen."